Hätt' ich schon damals etwas gewußt von meinem großen Ahnherrn, dem
gestiefelten Kater, der Ämter und Würden erlangte, dem Busenfreunde
König Gottliebs, ich würde dem Freunde Ponto sehr leicht bewiesen haben,
daß jede Pudelassemblee sich geehrt fühlen müsse durch die Gegenwart
eines Abkömmlings aus der illustersten Familie; so mußte ich, aus der
Obskurität noch nicht hervorgetreten, es aber leiden, daß beide,
Skaramuz und Ponto, sich über mich erhaben dünkten. -- Wir schritten
weiter fort. Dicht vor uns wandelte ein junger Mann, der trat mit einem
lauten Ausruf der Freude so schnell zurück, daß er mich, sprang ich
nicht schnell zur Seite, schwer verletzt haben würde. Ebenso laut schrie
ein anderer junger Mann, der, die Straße herab, jenem entgegenkam. Und
nun stürzten sich beide in die Arme, wie Freunde, die sich lange nicht
gesehen, und wandelten dann eine Strecke vor uns her, Hand in Hand, bis
sie still standen und, ebenso zärtlich voneinander Abschied nehmend,
sich trennten. Der, der vor uns hergeschritten, sah dem Freunde lange
nach und schlüpfte dann schnell in ein Haus hinein. Ponto stand still,
ich desgleichen. Da wurde im zweiten Stock des Hauses, in das der junge
Mann getreten, ein Fenster geöffnet, ein bildhübsches Mädchen schaute
heraus; hinter ihr stand der junge Mann, und beide lachten sehr, dem
Freunde nachschauend, von dem sich der junge Mann soeben getrennt. Ponto
sah herauf, und murmelte etwas zwischen den Zähnen, welches ich nicht
verstand.
Warum weilst du hier, lieber Ponto, wollen wir nicht weitergehen? So
fragte ich, Ponto ließ sich aber nicht stören, bis er nach einigen
Augenblicken heftig den Kopf schüttelte, und dann schweigend den Weg
fortsetzte.
Laß uns, sprach er, als wir auf einen mit Bäumen umgebenen, mit Statuen
verzierten, anmutigen Platz gelangten, hier ein wenig verweilen, guter
Murr. Mir kommen jene beiden jungen Männer, die sich so herzlich auf der
Straße umarmten, nicht aus dem Sinn. Es sind Freunde, wie Damon und
Pylades.
Damon und Pythias, verbesserte ich, Pylades war der Freund des Orestes,
den er jedesmal getreulich im Schlafrock zu Bette brachte, und mit
Kamillentee bediente, wenn die Furien und Dämonen dem armen Mann zu hart
zugesetzt. Man merkt, guter Ponto, daß du in der Geschichte nicht
sonderlich bewandert.
Gleichviel, fuhr der Pudel fort, aber die Geschichte von den beiden
Freunden weiß ich sehr genau, und will sie dir erzählen mit allen
Umständen, so wie ich sie zwanzigmal von meinem Herrn erzählen hörte.
Vielleicht wirst du neben Damon und Pythias, Orestes und Pylades, als
drittes Paar, Walter und Formosus nennen. Formosus ist nämlich derselbe
junge Mann, der dich beinahe zu Boden getreten, in der Freude, seinen
geliebten Walter wiederzusehen. -- Dort in dem schönen Hause mit den
hellen Spiegelfenstern wohnt der alte steinreiche Präsident, bei dem
sich Formosus durch seinen leuchtenden Verstand, durch seine Gewandheit,
durch sein glänzendes Wissen, so einzuschmeicheln wußte, daß er dem
Alten bald war, wie der eigene Sohn. Es begab sich, daß Formosus
plötzlich all' seine Heiterkeit verlor, daß er blaß aussah und
kränklich, daß er in einer Viertelstunde zehnmal aus tiefer Brust
aufseufzte, als wolle er sein Leben aushauchen, daß er, ganz in sich
gekehrt, ganz in sich verloren, für nichts in der Welt mehr seine Sinne
aufschließen zu können schien. -- Lange Zeit hindurch drang der Alte
vergebens in den Jüngling, daß er ihm die Ursache seines geheimen
Kummers entdecken möge; endlich kam es heraus, daß er bis zum Tode
verliebt war in des Präsidenten einzige Tochter. Anfangs erschrak der
Alte, der mit seinem Töchterlein ganz andere Dinge im Sinne haben
mochte, als sie an den rang- und amtlosen Formosus zu verheiraten, als
er aber den armen Jüngling immer mehr und mehr hinwelken sah, ermannte
er sich und fragte Ulriken, wie ihr der junge Formosus gefalle, und ob
er ihr schon etwas von seiner Liebe gesagt? -- Ulrike schlug die Augen
nieder, und meinte, erklärt habe sich der junge Formosus zwar gar nicht
gegen sie, aus lauter Zurückhaltung und Bescheidenheit, aber gemerkt
habe sie wohl längst, daß er sie liebe, denn so was sei wohl zu
bemerken. Übrigens gefalle ihr der junge Formosus recht wohl, und wenn
sonst dem nichts im Wege stände, und wenn der Herzenspapa nichts dagegen
habe, und -- kurz, Ulrike sagte alles, was Mädchen bei derlei
Gelegenheit zu sagen pflegen, die nicht mehr in der ersten vollsten
Blüte stehen, und fleißig denken: Wer wird der sein, der dich heimführt?
-- Darauf sprach der Präsident zum Formosus: Richte dein Haupt auf, mein
Junge! -- Sei froh und glücklich, du sollst sie haben, meine Ulrike! und
so wurde Ulrike die Braut des jungen Herrn Formosus. Alle Welt gönnte
dem hübschen bescheidenen Jüngling sein Glück, nur einer geriet darüber
in Gram und Verzweiflung, und das war Walter, mit dem Formosus ein Herz
und eine Seele aufgewachsen. Walter hatte Ulriken einigemal gesehen,
auch wohl gesprochen, und sich in sie verliebt, vielleicht noch viel
ärger, als Formosus! -- Doch ich rede immer von Liebe und verliebt sein,
und weiß nicht, ob du, mein Kater, schon jemals in Liebe gewesen bist
und also dies Gefühl kennst? Was mich betrifft, lieber Ponto, erwiderte
ich, glaube ich nicht, daß ich schon geliebt habe oder liebe, da ich mir
bewußt bin, noch nicht in den Zustand geraten zu sein, wie ihn mehrere
Dichter beschreiben. Den Dichtern ist nicht allemal ganz zu trauen, nach
dem was ich aber sonst darüber weiß und gelesen habe, muß die Liebe
eigentlich nichts anders sein, als ein psychischer Krankheitszustand,
der sich bei dem menschlichen Geschlecht als partieller Wahnsinn darin
offenbart, daß man irgendeinen Gegenstand für etwas ganz anders hält,
als was er eigentlich ist, z. B. ein kleines dickes Ding von Mädchen,
welche Strümpfe stopft, für eine Göttin. Doch fahre nur fort, geliebter
Pudel, in deiner Erzählung von den beiden Freunden Formosus und Walter.
--
Walter, so sprach Ponto weiter, stürzte dem Formosus an den Hals und
sprach unter vielen Tränen: Du raubst mir das Glück meines Lebens, aber
daß Du es bist, daß Du glücklich wirst, das ist mein Trost, lebe wohl,
mein Geliebter, lebe wohl auf ewig! -- Darauf lief Walter in den Busch,
wo er am dicksten war, und wollte sich totschießen. Es unterblieb aber,
weil er in der Verzweiflung vergessen hatte, das Pistol zu laden, er
begnügte sich daher mit einigen Ausbrüchen des Wahnsinnes, die jeden Tag
wiederkehrten. Eines Tages trat Formosus, den er in vielen Wochen nicht
gesehen, ganz unvermutet zu ihm herein, als er eben vor Ulrikens
Pastellgemälde, das unter Glas und Rahmen an der Wand hing, auf den
Knien lag und gräßlich lamentierte. -- Nein, rief Formosus, indem er den
Walter an seine Brust drückte, ich konnte Deinen Schmerz, Deine
Verzweiflung nicht ertragen, Dir opfere ich gern mein Glück. -- Ich habe
Ulriken entsagt, ich habe den alten Vater dahin gebracht, daß er Dich
zum Eidam annimmt. -- Ulrike liebt Dich, vielleicht ohne es selbst zu
wissen. -- Bewirb Dich um sie, ich scheide. -- Lebe wohl! -- Er wollte
fort, Walter hielt ihn fest. Es war diesem, als läge er im Traum, er
glaubte an alles nicht früher, als bis Formosus ein eigenhändiges
Billett des alten Präsidenten hervorzog, worin es ungefähr hieß: Edler
Jüngling! Du hast gesiegt, ungern lasse ich Dich, aber ich ehre Deine
Freundschaft, die dem Heroismus gleicht, von welchem man in den alten
Skribenten lieset. Mag Herr Walter, der ein Mann ist von löblichen
Eigenschaften und ein schönes einträgliches Amt hat, sich um meine
Tochter Ulrike bewerben; will sie ihn ehelichen, so habe ich meinerseits
nichts dagegen. -- Formosus verreiste wirklich, Walter bewarb sich um
Ulriken, Ulrike wurde wirklich Walters Frau. -- Der alte Präsident
schrieb nun nochmals an Formosus, überhäufte ihn mit Lobsprüchen und
fragte, ob es ihm vielleicht Vergnügen machen würde, nicht etwa als
Entschädigung, denn er wisse wohl, daß es in solchem Fall keine gebe,
sondern nur als ein geringes Zeichen seiner innigen Zuneigung
dreitausend Taler anzunehmen. Formosus antwortete, der Alte kenne die
Geringfügigkeit seiner Bedürfnisse, Geld mache, könne ihn nicht
glücklich machen, und nur die Zeit ihn trösten über einen Verlust, an
dem niemand schuld sei als das Schicksal, welches in der Brust des
teuren Freundes die Liebe zu Ulriken entzündet, und nur dem Schicksal
sei er gewichen, von irgendeiner edlen Tat daher gar nicht die Rede.
Übrigens nehme er das Geschenk unter der Bedingung, daß der Alte es
einer armen Witwe, die da und da mit einer tugendhaften Tochter in
trostlosem Elende lebe, zuwende. Die Witwe wurde ausfindig gemacht und
erhielt die dem Formosus zugedachten dreitausend Reichstaler. Bald
darauf schrieb Walter dem Formosus: Ich kann nicht mehr leben ohne Dich,
kehre zurück in meine Arme! -- Formosus tat es und erfuhr, als er
gekommen, daß Walter seinen schönen einträglichen Posten aufgegeben,
unter der Bedingung, daß Formosus, der sich längst einen ähnlichen
gewünscht, ihn erhalte. Formosus erhielt den Posten wirklich und geriet,
rechnete man die getäuschte Hoffnung rücksichts der Heirat mit Ulriken
ab, in die behaglichste Lage. Stadt und Land erstaunte über den
Wettstreit des Edelmuts beider Freunde, ihre Tat wurde als Nachklang aus
einer längst vergangenen schöneren Zeit vernommen, als Beispiel
aufgestellt eines Heroismus, dessen nur hohe Geister fähig.
In der Tat, begann ich, als Ponto schwieg, nach allem, was ich gelesen,
müssen Walter und Formosus edle kräftige Menschen sein, die in treuer
Aufopferung für einander nichts von deiner gerühmten Weltklugheit
wissen.
Hm, erwiderte Ponto hämisch lächelnd, es kommt darauf an! -- Ein paar
Umstände, von denen die Stadt keine Notiz genommen, und die ich zum Teil
von meinem Herrn erfahren, teils selbst belauscht habe, sind noch
nachzuholen. -- Mit der Liebe des Herrn Formosus zu der reichen
Präsidententochter muß es doch nicht so arg gewesen sein, wie der Alte
glaubte, denn im höchsten Stadium dieser tötenden Leidenschaft unterließ
der junge Mann nicht, nachdem er den Tag über verzweifelt, jeden Abend
eine hübsche niedliche Putzmacherin zu besuchen. Als Ulrike nun aber
seine Braut worden, fand er bald, daß das engelsmilde Fräulein das eigne
Talent besaß, sich bei schicklicher Gelegenheit plötzlich in einen
kleinen Satan zu verwandeln. Außerdem kam ihm aus sicherer Quelle die
verdrießliche Nachricht zu, daß Fräulein Ulrike in der Residenz, was
Liebe und Liebesglück betrifft, ganz besondere Erfahrungen gemacht, und
nun ergriff ihn plötzlich ein unwiderstehlicher Edelmut, vermöge dessen
er die reiche Braut dem Freunde abtrat. Walter hatte sich in seltsamer
Verwirrung in Ulriken, die er an öffentlichen Orten im höchsten Glanz
aller Toilettenkünste gesehen, wirklich verliebt, und Ulriken ihrerseits
war es ziemlich einerlei, wer von beiden sich ihr als Gemahl anheftete,
Formosus oder Walter. Dieser hatte auch wirklich ein schönes
einträgliches Amt, bei dessen Verwaltung aber solche krause Streiche
gemacht, daß er der Entsetzung binnen weniger Zeit entgegensehen mußte.
Er zog es vor, früher zugunsten seines Freundes den Abschied zu nehmen
und so durch einen Akt, der alle Kennzeichen der edelsten Gesinnung
trug, seine Ehre zu retten. Die dreitausend Taler wurden in guten
Papieren einer alten, sehr anständigen Frau eingehändigt, die zuweilen
die Mutter, zuweilen die Muhme, zuweilen die Aufwärterin jener hübschen
Putzmacherin vorstellte. Bei diesem Geschäft erschien sie in doppelter
Gestalt. Erst bei dem Empfang des Geldes als Mutter, dann, als sie das
Geld überbrachte und einen guten Tragelohn empfing, als Aufwärterin des
Mädchens, die du kennst, lieber Murr, da sie eben erst mit dem Herrn
Formosus zum Fenster hinausschaute. -- Übrigens wissen beide, Formosus
und Walter längst, auf welche Weise sie sich in edelmütiger Gesinnung
überboten, sie haben sich, um wechselseitigen Lobeserhebungen
auszuweichen, lange vermieden, und deshalb waren ihre heutigen
Begrüßungen, als der Zufall sie auf der Straße zusammenführte, so
herzlich. --
In dem Augenblick entstand ein fürchterlicher Lärm. Die Menschen liefen
durcheinander, schrien Feuer! -- Feuer! Reiter sprengten durch die
Straßen -- Wagen rasselten. -- Aus den Fenstern eines Hauses, unfern von
uns, strömten Rauchwolken und Flammen. -- Ponto sprang schnell vorwärts,
ich aber in der Angst kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus
gelehnt, und befand mich bald auf dem Dache in voller Sicherheit.
Plötzlich kam mir --
=(Mak. Bl.)= -- ganz unvermutet über den Hals, sprach Fürst Irenäus, ohne
Anfrage des Hofmarschalls, ohne Vorwort des diensttuenden Kammerherrn,
beinahe -- ich sag' Euch das unter uns, Meister Abraham, bringt es nicht
etwa unter die Leute -- beinahe unangemeldet -- keine Liverei in den
Vorzimmern. Die Esel spielten Brausebart im Vestibule. Spielen ist ein
großes Laster. Schon in die Türe getreten erwischte ihn der Tafeldecker,
der zum Glück gerade durchging, beim Rockschoß und fragte, wer der Herr
sei, und wie er ihn dem Fürsten servieren solle. Aber er hat mir wohl
gefallen, es ist ein ganz artiger Mensch. Sagtet Ihr nicht, daß er sonst
nichts weniger gewesen wäre, als ein purer simpler Musikant? -- sogar
von einigem Stande? --
Meister Abraham versicherte, daß Kreisler allerdings sonst in ganz
anderen Verhältnissen gelebt, die es ihm sogar vergönnt an der
fürstlichen Tafel zu speisen, und daß nur der verwüstende Sturm der Zeit
ihn aus diesen Verhältnissen vertrieben. Übrigens wünsche er aber, daß
der Schleier den er über die Vergangenheit geworfen, unverrückt liegen
bleiben möge.
Also, nahm der Fürst das Wort, von Adel, vielleicht Baron -- Graf
-- vielleicht gar -- Nun man muß nicht zu weit gehen in träumerischer
Hoffnung! -- Ich habe ein Faible für dergleichen Mysterien! Es war eine
schöne Zeit nach der französischen Revolution als Marquis Siegellack
fabrizierten und Comtes Nachtmützen strickten von Filet, und nichts sein
wollten als simple Monsieurs, und man sich erlustigte auf dem großen
Maskenball. -- Ja, was den Herrn von Kreisler betrifft! -- Die Benzon
versteht sich auf so etwas, sie rühmte ihn, sie empfahl mir ihn, sie hat
recht. An der Manier den Hut unter dem Arm zu halten, erkannte ich
gleich den Mann von Bildung von feinem geläuterten Ton.
Der Fürst setzte noch einiges Lob über Kreisler's äußere Erscheinung
hinzu, so daß Meister Abraham überzeugt war, sein Plan müsse gelingen.
Er hatte nämlich im Sinn, den Herzensfreund dem eingebildeten Hofstaat
einzuschieben als Kapellmeister, und ihn so in Sieghartsweiler
festzuhalten. Als er nun aber auf's neue davon sprach, erwiderte der
Fürst ganz entschieden, daß daraus ganz und gar nichts werden könne.
Sagt selbst, fuhr er dann fort, Meister Abraham, ob es möglich sein
würde den angenehmen Mann in meinen engeren Familienkreis zu ziehen,
wenn ich ihn zum Kapellmeister, und so zu meinem Offizianten mache?
-- Ich könnte ihm eine Hofcharge verleihen, und ihn zum _Maître de
Plaisirs_ oder _des Spectacles_ machen, aber der Mann versteht die Musik
aus dem Grunde, und ist auch, wie Ihr sagt, im Theaterwesen wohl
erfahren. Nun weiche ich aber nicht ab von dem Grundsatz meines höchst
seligen in Gott ruhenden Herrn Vaters, der immer behauptete, besagter
Maitre müsse um des Himmels willen sich auf die Sachen, deren Maitre er
repräsentiere, nicht verstehen, da er sich sonst gar zu sehr darum
bekümmere, und sich viel zu sehr für die Menschen, die dabei
beschäftigt, als da sind Schauspieler, Musikanten u. s. w.,
interessiere. -- Also dafür behalte Herr von Kreisler die Maske des
fremden Kapellmeisters, und schreite damit hinein in die inneren
Gemächer des fürstlichen Hauses nach dem Beispiel eines hinlänglich
vornehmen Mannes, der vor einiger Zeit in der freilich verwerflichen
Maske eines schnöden Histrionen die auserlesensten Zirkel mit den
anmutigsten Faxen amüsierte.
Und da Ihr gewissermaßen, rief der Fürst dem Meister Abraham, der sich
fortbegeben wollte, zu, den _Chargé d'affaires_ des Herrn von Kreisler zu
machen scheinet, so will ich es Euch nicht verhehlen, daß nur zwei Dinge
mir nicht recht an ihm gefallen wollen, die vielleicht mehr Gewohnheiten
sind, als wirkliche Dinge. -- Ihr versteht schon, wie ich das meine.
-- Fürs erste starrt er mir, wenn ich mit ihm spreche, geradezu ins
Antlitz. Ich habe doch konsiderable Augen, kann fürchterlich daraus
blitzen, wie weiland Friedrich der Große, kein Kammerjunker, kein Page
wagt es aufzuschauen, wenn ich den entsetzlichen Blick auf ihn schießend
frage, ob das _mauvais sujet_ schon wieder Schulden gemacht, oder den
Marzipan aufgefressen, aber der Herr von Kreisler, den mag ich
anblitzen, wie ich will, er macht sich gar nichts daraus, sondern
lächelt mich an auf eine Weise, daß -- ich selbst die Augen
niederschlagen muß. Dann hat der Mann eine solche besondere Art zu
sprechen, zu antworten, das Gespräch fortzuführen, daß man zuweilen
ordentlich glaubt, das, was man selbst gesagt, sei eben nicht sonderlich
gewesen, man wäre gewissermaßen ein _Be--_. Beim St. Januar, Meister, das
ist ganz unausstehlich, und Ihr müßt dafür sorgen, daß Herr von Kreisler
sich diese Dinge oder Gewohnheiten abgewöhne.
Meister Abraham versprach zu tun, was Fürst Irenäus von ihm verlangte,
und wollte aufs neue davon, da erwähnte der Fürst noch des besonderen
Widerwillens, den Prinzessin Hedwige gegen den Kreisler geäußert, und
meinte, daß das Kind seit einiger Zeit von seltsamen Träumen und
Einbildungen geplagt werde, weshalb der Leibarzt die Molkenkur zum
nächsten Frühjahr angeraten. Hedwiga sei nämlich jetzt auf den
sonderbaren Gedanken geraten, daß Kreisler dem Tollhause entsprungen,
und allerlei Unheil anrichten werde bei nächster Gelegenheit.
Sagt, sprach der Fürst, sagt Meister Abraham, ob der vernünftige Mann
wohl nur die mindeste Spur der Geisteszerrüttung an sich trägt? Abraham
erwiderte, daß Kreisler zwar ebensowenig verrückt sei, als er selbst,
jedoch sich zuweilen etwas seltsam gebärde, und in einen Zustand gerate,
der beinahe dem des Prinzen Hamlet zu vergleichen, dadurch aber nur um
so interessanter werde. -- Soviel wie ich weiß, nahm der Fürst das Wort,
war der junge Hamlet ein vortrefflicher Prinz aus einem alten
angesehenen Regentenhause, der sich nur zu Zeiten mit der sonderbaren
Idee herumtrug, daß sämtliche Hofleute sich auf das Flötenblasen
verstehen sollten. Hohen Personen steht es wohl an, auf Seltsames zu
verfallen, es vermehrt den Respekt. Was bei dem Mann ohne Rang und Stand
eine Absurdität zu nennen, ist bei ihnen bloß die angenehme Kapriole
eines ungemeinen Geistes, welche Staunen erregen muß, und Bewunderung.
-- Herr von Kreisler sollte fein im geraden Wege bleiben, will er aber
durchaus den Prinzen Hamlet imitieren, so ist das ein schönes Streben
nach dem Höhern, vielleicht veranlaßt durch seine überwiegende Neigung
zu den musikalischen Studien. Man mag es ihm verzeihen, wenn er
bisweilen sich wunderlich betragen will. --
Es schien, als wenn Meister Abraham heute nun einmal nicht aus dem
Zimmer des Fürsten kommen sollte; denn wiederum rief der Fürst ihn
zurück, als er schon die Türe geöffnet, und verlangte zu wissen, woher
der seltsame Widerwille der Prinzessin Hedwiga gegen den Kreisler wohl
rühren möge. Meister Abraham erzählte die Art, wie Kreisler der
Prinzessin und Julien zum erstenmal im Park zu Sieghartshof erschienen
und meinte, daß die aufgeregte Stimmung, in der der Kapellmeister damals
gewesen, auf eine Dame von zarten Nerven wohl habe feindlich wirken
müssen.
Der Fürst gab mit einiger Heftigkeit zu erkennen, wie er hoffe, daß Herr
von Kreisler nicht wirklich zu Fuße nach Sieghartshof gekommen, sondern
daß der Wagen hier oder dort im breiten Fahrwege des Parks gehalten, da
nur gemeine Abenteurer zu Fuße zu reisen pflegten.
Meister Abraham meinte, daß man zwar das Beispiel eines tapfern
Offiziers vor Augen habe, der von Leipzig nach Syrakus gelaufen, ohne
sich ein einziges Mal die Stiefel versohlen zu lassen, was aber den
Kreisler betreffe, so sei er überzeugt, daß ein Wagen wirklich im Park
gehalten. -- Der Fürst war zufrieden. --
Während sich dies im Gemach des Fürsten begab, saß Johannes bei der
Rätin Benzon vor dem schönsten Flügel, den jemals die kunstreiche
Nannette Streicher gebaut, und begleitete Julien das große
leidenschaftliche Rezitativ der Klytämnestra aus Glucks Iphigenia in
Aulis. --
Gegenwärtiger Biograph ist leider genötigt, seinen Helden, soll das
Porträt richtig sein, als einen extravaganten Menschen darzustellen,
der, vorzüglich was die musikalische Begeisterung betrifft, oft dem
ruhigen Beobachter beinahe wie ein Wahnsinniger erscheint. Er hat ihm
schon die ausschweifende Redensart nachschreiben müssen, daß, »als Julia
sang, aller sehnsüchtige Schmerz der Liebe, alles Entzücken süßer
Träume, die Hoffnung, das Verlangen, durch den Wald wogte und niederfiel
wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche, in die Brust
horchender Nachtigallen.« Kreislers Urteil über Julias Gesang scheint
hiernach eben nicht von sonderlichem Wert. Versichern kann aber
bemeldeter Biograph bei dieser Gelegenheit dem günstigen Leser, daß
Julias Gesang, den er, dem Himmel sei's geklagt, niemals selbst hörte,
etwas Geheimnisvolles, etwas ganz Wunderbares, in sich getragen haben
muß. Ungemein solide Leute, die sich erst seit kurzer Zeit den Zopf
wegschneiden lassen, die, nachdem sie einen tüchtigen Rechtsfall, eine
malitiös merkwürdige Krankheit, oder einen jungen Ankömmling von
Straßburger Pastete, gehörig erprobt, der Umgang mit Gluck, Mozart,
Beethoven, Spontini im Theater nicht im mindesten aus der schicklichen
Seelenruhe brachte, ja solche Leute haben oft versichert, daß, sänge das
Fräulein Julia Benzon, ihnen ganz absonderlich zu Mute würde, sie
könnten gar nicht sagen, wie. Eine gewisse Beklommenheit, die ihnen denn
doch ein unbeschreibliches Wohlbehagen errege, bemächtige sich ihrer
ganz und gar, und oft kämen sie auf den Punkt, Narrenstreiche zu machen,
und sich zu gebärden, wie junge Phantasten und Versmacher. Anzuführen
ist auch ferner, daß einmal, als Julia bei Hofe sang, Fürst Irenäus
vernehmlich ächzte, und als der Gesang geendet, geradezu losschritt auf
Julien, ihre Hand an den Mund drückte und dabei sehr weinerlich sprach:
bestes Fräulein! -- Der Hofmarschall wagte zu behaupten, Fürst Irenäus
habe der kleinen Julia wirklich die Hand geküßt, und dabei wären ihm ein
paar Tränen aus den Augen getröpfelt. Auf Anlaß der Oberhofmeisterin,
wurde aber diese Behauptung, als ungeziemend, und dem Wohl des Hofes
zuwider, unterdrückt.
Julia, einer vollen metallreichen, glockenreinen Stimme mächtig, sang
mit dem Gefühl, mit der Begeisterung, die aus dem im Innersten bewegten
Gemüt hervorströmt, und darin mochte wohl der wunderbare,
unwiderstehliche Zauber liegen, den sie auch heute übte. Der Atem jedes
Zuhörers stockte, als sie sang; jeder fühlte seine Brust beengt von
süßem, namenlosem Weh, erst ein paar Augenblicke, nachher als sie
geendet, brach das Entzücken los im stürmischen ungemessensten Beifall.
Nur Kreisler saß da, stumm und starr, zurückgelehnt in den Sessel: dann
stand er leise und langsam auf, Julia wandte sich zu ihm mit einem
Blick, der deutlich fragte: war es denn auch wohl so recht? -- Errötend
schlug sie aber die Augen nieder, als Kreisler, die Hand aufs Herz
legend, mit zitternder Stimme lispelte: Julia! und dann mit gebücktem
Haupte mehr schlich als ging hinter den Kreis, den die Damen
geschlossen.
Mit Mühe hatte die Rätin Benzon Prinzessin Hedwiga dahin vermocht, in
der Abendgesellschaft zu erscheinen, wo sie den Kapellmeister Kreisler
antreffen mußte. Sie gab nur nach, als die Rätin ihr sehr ernsthaft
vorstellte, wie kindisch es sein würde, einen Mann zu meiden, bloß weil
er nicht zu den, auf eine Art und Weise, wie Scheidemünze ausgeprägten,
zu rechnen, sondern sich in freilich hin und wieder bizarrer
Eigentümlichkeit darstelle. Zudem habe Kreisler auch Eingang gefunden
bei dem Fürsten, und unmöglich würd' es daher sein, den seltsamen
Eigensinn durchzuführen.
Prinzessin Hedwiga wußte sich den ganzen Abend über so geschickt zu
drehen und zu wenden, daß Kreisler, dem es, harmlos und gefügig, wie er
war, wirklich galt, die Prinzessin zu versöhnen, alles Mühens
unerachtet, sich nicht ihr nähern konnte. Den geschicktesten Manövres
wußte sie zu begegnen mit schlauer Taktik. -- Desto mehr mußte der
Benzon, die das alles bemerkt, es auffallen, als die Prinzessin jetzt
plötzlich den Kreis der Damen durchbrach, und geradezu losschritt auf
den Kapellmeister. So tief in sich versunken stand Kreisler da, daß erst
die Anrede der Prinzessin, ob er allein denn keine Zeichen, keine Worte
habe, für den Beifall, den Julia errungen, ihn aus dem Traume weckte.
»Gnädigste,« erwiderte Kreisler mit einem Ton, der die innere Bewegung
verriet, »nach der bewährten Meinung berühmter Schriftsteller haben die
Seligen statt des Worts nur Gedanken und Blick. -- Ich war, glaub' ich,
im Himmel!«
»So ist, erwiderte die Prinzessin lächelnd, unsere Julia ein Engel des
Lichts, da sie vermochte, Ihnen das Paradies zu erschließen. -- Jetzt
bitte ich sie aber, auf einige Augenblicke den Himmel zu verlassen, und
einem armen Erdenkinde, wie ich es nun einmal bin, Gehör zu geben.« --
Die Prinzessin hielt inne, als erwarte sie, daß Kreisler etwas sage. Da
dieser sie aber schweigend anschaute, mit leuchtendem Blick, schlug sie
die Augen nieder, und wandte sich rasch um, so daß der leicht
umgeworfene Shawl von den Schultern hinabwallte. Kreisler faßte ihn im
Fallen. Die Prinzessin blieb stehen. Lassen Sie uns, sprach sie dann mit
unsicherm, schwankendem Ton, als ringe sie mit irgendeinem Entschluß,
als würd' es ihr schwer, es herauszusagen, was sie im Innern beschlossen
-- lassen Sie uns von poetischen Dingen ganz prosaisch reden. Ich weiß,
Sie geben Julien Unterricht im Gesange, und ich muß gestehen, daß sie
seit der Zeit in Stimme und Vortrag unendlich gewann. Das gibt mir die
Hoffnung, daß Sie imstande wären, selbst ein mittelmäßiges Talent, wie
das meinige, zu heben. -- Ich meine daß --
Die Prinzessin stockte hocherrötend, die Benzon trat hinzu, und
versicherte, daß die Prinzessin sich selbst großes Unrecht tue, wenn sie
ihr musikalisches Talent mittelmäßig nenne, da sie das Pianoforte
vorzüglich spiele, und recht ausdrucksvoll singe. Kreisler, dem die
Prinzessin, in ihrer Verlegenheit, auf einmal über alle Maßen
liebenswürdig erschien, ergoß sich in einen Strom freundlicher
Redensarten, und schloß damit, daß ihm nichts Glücklicheres begegnen
könne, als wenn die Prinzessin es vergönne, ihr beizustehen im Studium
der Musik mit Rat und Tat.
Die Prinzessin hörte den Kapellmeister an mit sichtlichem Wohlgefallen,
und als er geendet, und der Benzon Blick ihr die seltsame Scheu vor dem
artigen Mann vorwarf, da sprach sie halbleise: ja, ja, Benzon, Sie haben
recht, ich bin wohl oft ein kindisches Kind! -- In demselben Augenblick
faßte sie, ohne hinzublicken, nach dem Shawl, den Kreisler noch immer in
den Händen hielt, und den er ihr nun hinreichte. Selbst wußte er nicht,
wie es sich begab, daß er dabei der Prinzessin Hand berührte. Aber ein
heftiger Pulsschlag dröhnte ihm durch alle Nerven, und es war, als
wollten ihm die Sinne vergehen. --
Wie ein Lichtstrahl, der durch finstere Wolken bricht, vernahm Kreisler
Juliens Stimme. »Ich soll, sprach sie, noch mehr singen, lieber
Kreisler! man läßt mir keine Ruhe. -- Wohl möchte ich das schöne Duett
versuchen, das Sie mir letzthin gebracht. Sie dürfen das, nahm die
Benzon das Wort, meiner Julie nicht abschlagen, lieber Kapellmeister
-- fort an den Flügel!«
Kreisler keines Wortes mächtig saß am Flügel, schlug die ersten Akkorde
des Duetts an, wie von einem seltsamen Rausch betört und befangen. Julia
begann: _Ah che mi manca l'anima in si fatal momento._ -- -- Es ist
nötig zu sagen, daß die Worte dieses Duetts nach gewöhnlicher italischer
Weise ganz einfach die Trennung eines liebenden Paars aussprachen, daß
auf _momento_ natürlicherweise _sento_ und _tormento_ gereimt war, und
daß es wie in hundert andern Duetten ähnlicher Art, auch nicht an dem
_Abbi pietade o cielo_ und an der _pena di morir_ fehlte. Kreisler hatte
indessen diese Worte in der höchsten Aufregung des Gemüts, mit einer
Inbrunst komponiert, die beim Vortrage jeden, dem der Himmel nur
passable Ohren gegeben, unwiderstehlich hinreißen mußte. Das Duett war
den leidenschaftlichsten dieser Art an die Seite zu stellen, und da
Kreisler nur nach dem höchsten Ausdruck des Moments, und nicht darnach
strebte, was eben ganz ruhig und bequem von der Sängerin aufzufassen, in
der Intonation ziemlich schwer geraten. So kam es, daß Julia schüchtern,
mit beinahe ungewisser Stimme, begann, und daß Kreisler eben nicht viel
besser eintrat. Bald erhoben sich aber beide Stimmen auf den Wellen des
Gesanges wie schimmernde Schwäne, und wollten bald mit rauschendem
Flügelschlag emporsteigen zu dem goldnen, strahlenden Gewölk, bald in
süßer Liebesumarmung sterbend untergehen in dem brausenden Strom der
Akkorde, bis tief aufatmende Seufzer den nahen Tod verkündeten und das
letzte _Addio_ in dem Schrei des wilden Schmerzes, wie ein blutiger
Springquell herausstürzte aus der zerrissenen Brust.
Niemand befand sich in dem Kreise, den das Duett nicht tief ergriffen,
vielen standen die hellen Tränen in den Augen, selbst die Benzon
gestand, daß sie selbst im Theater bei irgendeiner gut dargestellten
Abschiedsszene Ähnliches noch nicht empfunden. Man überhäufte Julien und
den Kapellmeister mit Lobsprüchen, man sprach von der wahren
Begeisterung, die beide beseelt, und stellte die Komposition vielleicht
noch höher, als sie es verdiente.
Der Prinzessin Hedwiga hatte man während des Gesanges die innere
Bewegung wohl angemerkt, unerachtet sie bemüht war, ruhig zu scheinen,
ja durchaus jede Teilnahme zu verbergen. Neben ihr saß ein junges Ding
von Hofdame mit roten Wangen, zum Weinen und Lachen gleich aufgelegt,
der raunte sie allerlei in die Ohren, ohne daß es ihr gelang, irgend
andere Antwort zu erhalten, als einzelne Wörter, in der Angst der
höfischen Konvenienz ausgestoßen. Auch der Benzon, die an der andern
Seite saß, flüsterte sie gleichgültige Dinge zu, als höre sie gar nicht
auf das Duett, die, nach ihrer strengen Manier, bat aber die Gnädigste,
die Unterhaltung aufzusparen bis nach geendetem Duett. Jetzt aber sprach
die Prinzessin, im ganzen Gesicht glühend, mit blitzenden Augen, so
laut, daß sie die Lobsprüche der ganzen Gesellschaft übertönte. »Es wird
mir nun wohl erlaubt sein, auch meine Meinung zu sagen. Ich gebe zu, daß
das Duett als Komposition seinen Wert haben mag, daß meine Julie
vortrefflich gesungen hat, aber ist es recht, ist es billig, daß man im
gemütlichen Zirkel, wo freundliche Unterhaltung oben anstehen soll, wo
wechselseitige Anregungen Rede, Gesang, forttreiben sollen, wie einen
zwischen Blumenbeeten sanft murmelnden Bach, daß man da extravagante
Sachen auftischt, die das Innere zerschneiden, deren gewaltsamen
zerstörenden Eindruck man nicht verwinden kann? Ich habe mich bemüht,
mein Ohr, meine Brust zu verschließen dem wilden Schmerz des Orkus, den
Kreisler mit unser leicht verletzliches Inneres verhöhnender Kunst in
Tönen aufgefaßt hat, aber niemand war so gütig, sich meiner anzunehmen.
Gern will ich meine Schwäche Ihrer Ironie preisgeben, Kapellmeister,
gern will ich gestehen, daß der üble Eindruck Ihres Duetts mich ganz
krank gemacht hat. -- Gibt es denn keinen Cimarosa, keinen Paesiello,
deren Kompositionen recht für die Gesellschaft geschrieben sind?
O Gott, rief Kreisler, indem sein Gesicht in dem mannigfaltigsten
Muskelspiel vibrierte, wie es allemal zu geschehen pflegte, wenn der
Humor aufstieg in dem Innern, o Gott, gnädigste Prinzessin! -- wie ganz
bin ich ärmster Kapellmeister Ihrer gütigen gnädigen Meinung! -- Ist es
nicht gegen alle Sitte und Kleiderordnung, die Brust mit all' der
Wehmut, mit all' dem Schmerz, mit all' dem Entzücken, das darin
verschlossen, anders in die Gesellschaft zu tragen, als dick verhüllt
mit dem Fichu vortrefflicher Artigkeit und Konvenienz? Taugen denn alle
Löschanstalten, die der gute Ton überall bereitet, taugen sie wohl was,
sind sie wohl hinlänglich, um das Naphthafeuer zu dämpfen, das hie und
da hervorlodern will? Spült man noch so viel Tee, noch so viel
Zuckerwasser, noch so viel honettes Gespräch, ja noch so viel angenehmes
Dudeldumdei hinunter, doch gelingt es diesem, jenem freveligen
Mordbrenner, eine Congrevische Rakete ins Innere zu werfen, und die
Flamme leuchtet empor, leuchtet und brennt sogar, welches dem puren
Mondschein niemals geschieht! -- Ja! gnädigste Prinzessin! -- ja, ich!
-- aller Kapellmeister hienieden unseligster, ich habe schändlich
gefrevelt mit dem entsetzlichen Duett, das wie ein höllisches Feuerwerk
mit allerlei Leuchtkugeln, Schwanzraketen, Schwärmern und
Kanonenschlägen durch die ganze Gesellschaft gefahren ist, und leider
merk' ichs, fast überall gezündet hat! -- Ha! -- Feuer -- Feuer
-- Mordio! -- es brennt -- Spritzenhaus auf -- Wasser -- Wasser -- Hilfe
-- rettet!
Kreisler stürzte zu auf den Notenkasten, zog ihn hervor unter dem
Flügel, öffnete ihn -- warf die Noten umher -- riß eine Partitur heraus,
es war Paesiellos _Molinara,_ setzte sich an das Instrument, begann das
Ritornell der bekannten hübschen Ariette: _La Rachelina, Molinarina,_ mit
der die Müllerin auftritt. --
Aber lieber Kreisler! sprach Julia ganz schüchtern und erschrocken.
Doch Kreisler warf sich vor Julien nieder auf beide Knie, und flehte:
»Teuerste, holdseligste Julia! erbarmen Sie sich der hochverehrten
Gesellschaft, gießen Sie Trost in die hoffnungslosen Gemüter, singen Sie
die Rachelina! -- Tun Sie es nicht, so bleibt mir nichts übrig, als mich
hier vor Ihren sichtlichen Augen hinabzustürzen in die Verzweiflung, an
deren Rand ich mich bereits befinde, und Sie halten den verlornen Maitre
de la Chapelle vergebens am Rockschoß, denn indem Sie gutmütig rufen:
Bleibe bei uns o Johannes! so ist er schon hinabgefahren zum Acheron,
und wagt im dämonischen Shawltanz die allerzierlichsten Sprünge: darum
singen Sie Werte!«
Julia tat, wiewohl, so schien es, mit einigem Widerwillen, warum
Kreisler sie gebeten.
Sowie die Ariette geendet, begann Kreisler sofort das bekannte komische
Duett des Notars mit der Müllerin. --
Julia's Gesang, in Stimme und Methode, neigte sich ganz zum Ernsten,
Pathetischen, demungeachtet stand ihr eine Laune zu Gebote, wenn sie
komische Sachen vortrug, die die reizendste Liebenswürdigkeit selbst
war. Kreisler hatte sich den seltsamen aber unwiderstehlich hinreißenden
Vortrag der italienischen Buffi zu eigen gemacht, das ging heute aber
beinahe bis zur Übertreibung, denn indem Kreisler's Stimme nicht
dieselbe schien, da sie dem höchsten dramatischen Ausdruck in tausend
Nuancen sich fügte, so schnitt er dabei auch solche absonderliche
Gesichter, die einen Cato zum Lachen gebracht hätten.
Es konnte nicht fehlen, daß alle laut aufjauchzten, losbrachen in
schallendem Gelächter.
Kreisler küßte Julien entzückt die Hand, die sie ihm ganz unmutig
schnell wegzog. »Ach, sprach Julie, Kapellmeister, ich kann mich nun
einmal in Ihre seltsame Launen -- abenteuerliche möcht ich sie nennen,
ich kann mich nun einmal gar nicht darin finden! -- Dieser Todessprung
von einem Extrem zum andern zerschneidet mir die Brust! -- Ich bitte
Sie, lieber Kreisler, verlangen Sie nicht mehr, daß ich mit tief
bewegtem Gemüt, wenn noch die Töne der tiefsten Wehmut widerklingen in
meinem Innern, daß ich dann Komisches singe, sei es auch noch so artig
und hübsch! Ich weiß es -- ich vermag es, ich setze es durch, aber es
macht mich ganz matt und krank. -- Verlangen Sie es nicht mehr! -- nicht
wahr, Sie versprechen mir das, lieber Kreisler?«
Der Kapellmeister wollte antworten, in dem Augenblick umarmte aber die
Prinzessin Julien stärker, ausgelassener lachend, als es irgendeine
Oberhofmeisterin für schicklich halten, oder verantworten kann.
»Komm an meine Brust, rief sie, Du aller Müllerinnen holdeste,
stimmreichste, launigste! -- Du mystifizierst alle Barone, Amtsverweser,
Notare in der ganzen Welt, und wohl noch gar --« Das übrige, was sie
noch sagen wollte, ging unter in der dröhnenden Lache, die sie von neuem
aufschlug.
Und dann sich rasch zum Kapellmeister wendend: »Sie haben mich ganz mit
sich ausgesöhnt, lieber Kreisler! -- O jetzt verstehe ich Ihren
springenden Humor. -- Er ist köstlich, in der Tat köstlich! -- Nur in
dem Zwiespalt der verschiedensten Empfindungen, der feindlichsten
Gefühle -- geht das höhere Leben auf! -- Haben Sie Dank, herzlichen Dank
-- da! -- ich erlaube Ihnen, mir die Hand zu küssen!«
Kreisler faßte die ihm dargebotene Hand, und wiederum, wiewohl nicht so
heftig als zuvor, durchdröhnte ihn der Pulsschlag, so daß er einen
Moment zu zögern genötigt war, ehe er die zarten enthandschuhten Finger
an den Mund drückte, sich mit solchem Anstand verbeugend, als sei er
noch Legationsrat. Selbst wußte er nun nicht, wie es kam, daß ihm diese
physische Empfindung bei dem Berühren der fürstlichen Hand ungemein
lächerlich bedünken wollte. Am Ende, sprach er zu sich selbst, als die
Prinzessin ihn verlassen, am Ende ist die Gnädigste eine Art von Leydner
Flasche, und walkt honette Leute durch mit elektrischen Schlägen nach
fürstlichem Belieben! --
Die Prinzessin hüpfte, tänzelte im Saal umher, lachte, trällerte
dazwischen _la Rachelina molinarina,_ und herzte und küßte bald diese,
bald jene Dame, versicherte, nie in ihrem Leben sei sie froher gewesen,
und das habe sie dem wackern Kapellmeister zu verdanken. Der ernsten
Benzon war das alles im höchsten Grade zuwider, sie konnte es nicht
lassen, die Prinzessin endlich bei Seite zu ziehen, und ihr ins Ohr zu
flüstern: »Hedwiga, ich bitte Sie, welch ein Betragen!«
Ich dächte, liebe Benzon, erwiderte die Prinzessin mit funkelnden Augen:
wir ließen heute das Hofmeistern und gingen alle zu Bette! -- Ja! -- zu
Bette -- zu Bette! Und damit rief sie nach ihrem Wagen.
Schweifte die Prinzessin aus in krampfhafter Lustigkeit, so war Julia
indessen still und trübe geworden. Den Kopf auf die Hand gestützt, saß
sie am Flügel, und ihr sichtliches Verbleichen, das umflorte Auge,
bewies, daß ihr Unmut bis zum physischen Weh sich gesteigert.
Auch Kreislern war das Brillantfeuer des Humors verlöscht. Jedem
Gespräch ausweichend, tappte er mit leisen Schritten nach der Türe. Die
Benzon trat ihm in den Weg. Ich weiß nicht, sprach sie, welche
sonderbare Verstimmung heute mir -- --
=(M. f. f.)= alles so bekannt, so heimisch vor, ein süßes Aroma, selbst
wußt' ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in bläulichen
Wolken über die Dächer daher, und wie aus weiter -- weiter Ferne, im
Säuseln des Abendwindes, lispelten holde Stimmen: Murr mein Geliebter!
wo weiltest du so lange. --
Was ist's, das die beengte Brust,
Mit Wonneschauer so durchbebt,
Den Geist zum Himmel hoch erhebt,
Ist's Ahnung hoher Götterlust?
Ja -- springe auf, du armes Herz,
Ermut'ge dich zu kühnen Taten,
Verwandelt ist in Lust und Scherz,
Der trostlos bittre Todesschmerz,
Die Hoffnung lebt -- ich rieche Braten!
So sang ich, und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlärms nicht
achtend, in die angenehmsten Träume! Doch auch hier auf dem Dache
sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken
Weltlebens, in das ich hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir's
versah, stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetüme empor,
die die Menschen Schornsteinfeger nennen. Kaum mich gewahrend, rief der
schwarze Schlingel: Husch Katz! und warf den Besen nach mir. Dem Wurfe
ausweichend, sprang ich über das nächste Dach hinweg, und hinunter in
die Dachrinne. Doch wer schildert mein frohes Erstaunen, ja meinen
freudigen Schreck, als ich wahrnahm, daß ich mich auf dem Hause meines
wackern Herrn befand. Behende kletterte ich von Dachluke zu Dachluke,
doch alle waren verschlossen. Ich erhob meine Stimme, jedoch umsonst,
niemand hörte mich. Indessen wirbelten die Rauchwolken von dem
brennenden Hause hoch auf, Wasserstrahlen zischten dazwischen, tausend
Stimmen schrien durcheinander, das Feuer schien bedrohlicher zu werden.
Da öffnete sich die Dachluke, und Meister Abraham schaute heraus in
seinem gelben Schlafrock. »Murr, mein guter Kater Murr, da bist du ja!
-- Komm hinein, komm hinein, kleiner Graupelz!« So rief der Meister
freudig, als er mich erblickte. Ich unterließ nicht, ihm durch alle
Zeichen, die mir zu Gebote standen, auch =meine= Freude zu erkennen zu
geben: es war ein schöner herrlicher Moment des Wiedersehens, den wir
feierten. Der Meister streichelte mich, als ich zu ihm hinein in den
Dachboden gesprungen, so, daß ich vor Wohlbehagen in jenes sanfte, süße
Knurren ausbrach, das die Menschen in höhnender Verspottung mit dem
Worte »spinnen« bezeichnen. Ha ha, sprach der Meister lachend, ha ha,
mein Junge, dir ist wohl, da du vielleicht von weiter Wanderung
zurückgekehrt bist in die Heimat, du erkennst nicht die Gefahr in der
wir schweben. -- Beinahe möchte ich wie du, ein glücklicher harmloser
Kater sein, der sich den Teufel was schert um Feuer und Spritzenmeister,
und dem kein Mobiliar verbrennen kann, da das einzige Mobile, dessen
sein unsterblicher Geist mächtig, er selbst ist.«
Damit nahm mich der Meister auf den Arm und stieg herab in sein Zimmer.
Kaum waren wir hineingetreten, als Professor Lothario uns nachstürzte,
dem noch zwei Männer folgten.
Ich bitte Euch, rief der Professor, um des Himmels Willen, Meister! Ihr
seid in der dringendsten Gefahr, das Feuer schlägt schon über Euer Dach.
-- Erlaubt, daß wir Eure Sachen wegtragen. --
Der Meister erklärte sehr trocken, daß in solcher Gefahr der jähe Eifer
der Freunde viel verderblicher sich gestalte, als die Gefahr selbst, da
das, was vor dem Feuer geborgen, gewöhnlich zum Teufel ginge, wiewohl
auf schönere Art. Er selbst habe in früherer Zeit einem Freunde, der von
Feuer bedroht, in dem wohlwollendsten Enthusiasmus, beträchtliches
chinesisches Porzellan durch's Fenster geworfen, damit es nur ja nicht
verbrenne. Wollten sie aber fein ruhig, drei Nachtmützen, ein paar graue
Röcke, und andere Kleidungsstücke, worunter eine seidne Hose vorzüglich
zu beachten, nebst einiger Wäsche in einen Koffer, Bücher und
Manuskripte in ein paar Körbe packen, seine Maschinen aber nicht mit
einem Finger anrühren, so werde es ihm lieb sein. Stehe dann das Dach in
Flammen, so wolle er samt dem Mobiliar sich von dannen machen.
»Erst aber, (so schloß er) erlaubt, daß ich meinen Hausgenossen und
Stubenkameraden, der soeben von weiten Reisen müde, ermattet,
zurückgekommen, mit Speis und Trank erquicke, nachher möget Ihr
wirtschaften!« --
Alle lachten sehr, da sie gewahrten, daß der Meister niemanden anders
gemeint, als mich.
Es schmeckte mir herrlich, und die schöne Hoffnung, die ich auf dem Dach
in sehnsuchtsvollen süßen Tönen ausgesprochen, wurde ganz erfüllt.
Als ich mich erquickt, setzte mich der Meister in einen Korb; neben mir,
es war dazu Platz, stellte er eine kleine Schüssel mit Milch hin, und
deckte den Korb sorgfältig zu.
Wart's ruhig ab, sprach der Meister, mein Kater! in dunkler Behausung,
was aus uns noch werden wird, nippe zum Zeitvertreib von deinem
Lieblingstrank, denn springst oder trottierst du hier im Zimmer umher,
so treten sie dir den Schwanz, die Beine entzwei im Tumult des Rettens.
Kommt es zur Flucht, so trage ich dich selbst mit mir fort, damit du
dich nicht wieder verläufst, wie es schon geschehen. Sie glauben nicht,
verehrteste Herren und Helfer in der Not, was der kleine graue Mann im
Korbe, was das für ein herrlicher, grundgescheuter Kater ist.
Naturhistorische Galls behaupten, daß sonst, mit den vortrefflichsten
Organen, als da sind, Mordlust, Diebssinn, Schelmerei u. s. w.,
ausgerüsteten Katern von leidlicher Edukation, doch der Ortsinn gänzlich
mangele, daß sie, einmal sich verlaufen, die Heimat nie wiederfänden,
aber mein guter Murr macht davon eine glänzende Ausnahme. Seit ein paar
Tagen vermißte ich ihn, und betrauerte recht herzlich seinen Verlust,
heut, soeben ist er zurückgekehrt, und hat, wie ich mit Recht vermuten
darf, noch dazu die Dächer benutzt, als angenehme Kunststraße. Die gute
Seele hat nicht allein Klugheit bewiesen und Verstand, sondern auch die
treueste Anhänglichkeit an seinen Herrn, weshalb ich ihn nun noch viel
mehr liebe als vorher. -- Mich erfreute des Meisters Lob ganz ungemein,
mit innerm Wohlbehagen fühlte ich meine Überlegenheit über mein ganzes
Geschlecht, über ein ganzes Heer verirrter Kater ohne Ortsinn und
wunderte mich, daß ich selbst das ganz Ungemeine meines Verstandes nicht
hinlänglich eingesehen. Zwar dacht' ich daran, daß eigentlich der junge
Ponto mich auf den rechten Weg, und der Wurf des Schornsteinfegers mich
auf das rechte Dach gebracht, indessen glaubte ich doch nicht im
mindesten an meiner Sagazität, und an der Wahrheit des Lobes, das mir
der Meister erteilte, zweifeln zu dürfen. Wie gesagt, ich fühlte meine
innere Kraft, und dies Gefühl bürgte mir für jene Wahrheit. Daß
unverdientes Lob viel mehr erfreue, und den Gelobten viel mehr aufblähe
als verdientes, wie ich einmal las, oder jemanden behaupten hörte, das
gilt wohl nur von den Menschen, gescheute Kater sind frei von solcher
Torheit, und ich glaube bestimmt, daß ich vielleicht ohne Ponto und
Schornsteinfeger den Rückweg nach Hause gefunden hätte, und daß beide
sogar nur den richtigen Ideengang im Innern verwirrten. Das bißchen
Weltklugheit, womit der junge Ponto so prahlte, wäre mir auch wohl
zugekommen auf andere Weise, wenngleich die mancherlei Begebenheiten,
die ich mit dem liebenswürdigen Pudel, mit dem _aimable roué,_ erlebte,
mir guten Stoff gaben zu den freundschaftlichen Briefen, in welche ich
meine Reisebeschreibung einkleidete. In allen Morgen- und
Abendzeitungen, in allen eleganten und freimütigen Blättern könnten
diese Briefe mit Effekt abgedruckt stehen, da mit Geist und Verstand
darin die glänzendsten Seiten meines Ich's hervorgehoben sind, was doch
jedem Leser am interessantesten sein muß. Aber ich weiß es schon, die
Herren Redakteurs und Verleger fragen: wer ist dieser Murr? und erfahren
sie dann, daß ich ein Kater bin, wiewohl der vortrefflichste auf Erden,
so sprechen sie verächtlich: ein Kater und will schreiben! -- Und hätt'
ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe -- von beiden habe ich viel
Gutes vernommen, sie sollen für Menschen nicht übel geschrieben haben,
sind aber Todes verblichen, welches für jeden Schriftsteller und
Dichter, der leben will, eine durchaus riskante Sache ist -- und, sag'
ich noch einmal, hätt' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe, doch
erhielte ich das Manuskript zurück, bloß weil man mir vielleicht meiner
Krallen halber keine amüsante Schreibart zutraut. So was chagriniert!
-- O Vorurteil, himmelschreiendes Vorurteil, wie befängst du doch die
Menschen, und vorzüglich diejenigen, die da heißen Verleger!
Der Professor, und die, die mit ihm gekommen, machten nun einen
grimmigen Spektakel um mich her, der meines Bedünkens, wenigstens bei
dem Verpacken der Nachtmützen und der grauen Röcke, nicht nötig gewesen
wäre.
Auf einmal rief draußen eine hohle Stimme: das Haus brennt! »Hoho,
sprach der Meister Abraham, da muß ich auch dabei sein, bleibt nur
ruhig, Ihr Herren! wenn die Gefahr da ist, bin ich wieder hier und wir
packen an!« --
Und damit verließ er eilig das Zimmer.
Mir wurde in meinem Korbe wirklich bange. Das wilde Getöse -- der
Rauch, der nun in das Zimmer zu dringen begann, alles mehrte meine
Angst! -- Allerlei schwarze Gedanken stiegen in mir auf! -- Wie wenn der
Meister mich vergäße, wenn ich schmachvoll umkommen müßte in den
Flammen! -- Ich fühlte, die furchtbare Angst mochte es verschulden, ein
besonderes häßliches Kneifen im Leibe. -- Ha! dacht' ich, wenn im Herzen
falsch, wenn neidisch ob meiner Wissenschaft, mich los zu werden,
enthoben jeder Sorg' zu sein, nun mich der Meister noch in diesen Korb
gespunden. -- Wie wenn selbst dieser unschuldsweiße Trank -- wie, wär'
es Gift, das er mit schlauer Kunst hier zubereitet, mir den Tod zu
geben? -- Herrlicher Murr, selbst in der Todesangst denkst du in Jamben,
läss'st nicht aus der Acht, was du im Shakespeare, Schlegel einst
gelesen! -- Meister Abraham steckte den Kopf zur Türe hinein, und
sprach: die Gefahr ist vorüber, Ihr Herren! Setzt Euch nur ruhig hin an
jenen Tisch, und trinkt die paar Flaschen Wein aus, die Ihr in dem
Wandschrank gefunden, ich meinesteils begebe mich noch ein wenig auf's
Dach, und will erklecklich spritzen. -- Doch halt, erst muß ich
nachsehen, was mein guter Kater macht.
Der Meister trat vollends hinein, nahm den Deckel von dem Korbe, in dem
ich saß, sprach mir zu mit freundlichen Worten, erkundigte sich nach
meinem Wohlbefinden, fragte, ob ich vielleicht noch einen gebratenen
Vogel verspeisen wolle, welches alles ich mit mehrmaligem süßen Miau
erwiderte, und mich recht bequem ausstreckte, welches mein Meister mit
Recht für das beredte Zeichen nahm, daß ich satt sei, noch im Korbe zu
bleiben wünsche, und stülpte den Deckel wieder auf.
Wie wurde ich nun von der guten, freundlichen Gesinnung überzeugt, die
Meister Abraham für mich hegte. Ich hätte mich meines schnöden
Mißtrauens schämen müssen, wenn es überhaupt für einen Mann von
Verstande schicklich wäre, sich zu schämen. Am Ende, dacht' ich, war
auch die fürchterliche Angst, das ganze, Unheil ahnende Mißtrauen weiter
nichts, als poetische Schwärmerei, wie sie jungen, genialen Enthusiasten
eigen, die dergleichen oft förmlich brauchen, als berauschendes Opium.
Das beruhigte mich ganz und gar.
Kaum hatte der Meister die Stube verlassen, als der Professor, ich
konnt' es durch eine kleine Fitze des Korbes bemerken, sich mit
mißtrauischen Blicken nach dem Korbe umschaute, und dann den andern
zuwinkte, als habe er ihnen irgend Wichtiges zu entdecken. Dann sprach
er mit so leiser Stimme, daß ich kein Wörtlein verstanden, hätte der
Himmel nicht in meine spitzen Ohren mir unglaublich scharfes Gehör
gelegt. Wißt ihr wohl, wozu ich eben jetzt Lust hätte? -- Wißt ihr wohl,
daß ich hingehen zu jenem Korbe, ihn öffnen, und dem verfluchten Kater,
der drinnen sitzt, und der uns jetzt vielleicht alle mit seinem
übermütigen Selbstgenugsein verhöhnt, dies spitze Messer in die Kehle
stoßen möchte?
Was fällt Euch ein, Lothario, rief ein anderer, den hübschen Kater, den
Liebling unseres wackeren Meisters wolltet Ihr umbringen? -- Und warum
sprecht Ihr denn so leise?
Der Professor ebenso mit gedämpfter Stimme wie vorher weiter sprechend,
erklärte, daß ich alles verstehe, daß ich lesen und schreiben könne, daß
mir Meister Abraham auf eine, freilich geheimnisvolle, unerklärliche
Weise, die Wissenschaften beigebracht, so daß ich schon jetzt, wie ihm
der Pudel Ponto verraten, schriftstellere und dichte, und daß das alles
dem schelmischen Meister zu nichts anderem dienen werde, als zur
Verspottung der vortrefflichsten Gelehrten und Dichter.
O, sprach Lothario mit unterdrückter Wut, ich seh' es kommen, daß
Meister Abraham, der ohnedem das Vertrauen des Großherzogs in vollem
Maße besitzt, daß er mit dem unglückseligen Kater alles durchsetzt, was
er nur will. Die Bestie wird _Magister legens_ werden, die Doktorwürde
erhalten, zuletzt als Professor der Ästhetik Kollegia lesen über den
Äschylos -- Corneille -- Shakespeare! -- ich komme von Sinnen! -- der
Kater wird in meinen Eingeweiden wühlen, und hat ganz infame Krallen! --
Alle gerieten bei diesen Reden Lotharios, des Professors der Ästhetik,
in das tiefste Erstaunen. Einer meinte, es sei ganz unmöglich, daß ein
Kater lesen und schreiben lernen könne, da diese Elemente aller
Wissenschaft nächst der Geschicklichkeit, der nur der Mensch fähig, eine
gewisse Überlegung, man möchte sagen, Verstand, erforderten, der sogar
nicht allemal bei dem Menschen, dem Meisterstück der Schöpfung,
anzutreffen, viel weniger bei gemeinem Vieh!
Bester, nahm ein anderer, wie mir's in meinem Korbe schien, sehr
ernsthafter Mann, das Wort, was nennen Sie gemeines Vieh? -- Es gibt gar
kein gemeines Vieh. Oft in stille Selbstbetrachtung versunken, empfinde
ich den tiefsten Respekt vor Eseln und andern nützlichen Tieren. Ich
begreife nicht, warum einer angenehmen Hausbestie von glücklichen,
natürlichen Anlagen nicht sollte das Lesen und Schreiben beigebracht
werden, ja warum sich ein solches Tierlein nicht sollte erheben können
zum Gelehrten und Dichter? -- Ist denn das so etwas Beispielloses? -- An
Tausend und Eine Nacht, als der besten, historischen Quelle voll
pragmatischer Authentizität, mag ich gar nicht denken, sondern Sie, mein
allerliebster! nur an den gestiefelten Kater erinnern, einen Kater, der
voll Edelmut, durchdringendem Verstand war, und tiefer Wissenschaft.
Vor Freude über dieses Lob eines Katers, der, wie mir eine deutliche
Stimme im Innern sagte, mein würdiger Ahnherr sein mußte, konnt' ich
mich nicht enthalten, zwei-, dreimal ziemlich stark zu niesen. -- Der
Redner hielt inne, und alle schauten sich ganz verschüchtert um nach
meinem Korbe.
_Contentement mon cher,_ rief endlich der ernsthafte Mann, der eben
gesprochen, und fuhr dann weiter fort: Irre ich nicht, so erwähnten Sie,
teurer Ästhetiker, vorhin eines Pudels Ponto, der Ihnen des Katers
dichterisches und wissenschaftliches Treiben verraten. Dies bringt mich
denn auf Cervantes höchst vorzüglichen Berganza, von dessen neuesten
Schicksalen in einem gewissen neuen höchst abenteuerlichen Buche
Nachricht gegeben wird. Auch dieser Hund gibt ein entscheidendes
Beispiel über das Naturell und über die Bildungsfähigkeit der Tiere.
Aber, nahm der andere das Wort, mein teurer, liebster Freund, welche
Beispiele führen Sie denn da an? Von dem Hunde Berganza spricht ja
Cervantes, der bekanntlich ein Romanschreiber war, und die Geschichte
vom gestiefelten Kater ist ja ein Kindermärchen, welches Herr Tieck
freilich mit solcher Lebendigkeit uns vor Augen gebracht hat, daß man
beinahe die Torheit begehen könnte, wirklich daran zu glauben. Also zwei
Dichter allegieren Sie, als wären es ernste Naturhistoriker und
Psychologen, nun sind aber Dichter nichts weniger als das, sondern
ausgemachte Phantasten, die lauter eingebildetes Zeug ausbrüten und
vorbringen. Sagen Sie, wie mag denn aber ein verständiger Mann, wie Sie
sich auf Dichter berufen, um das zu bewahrheiten, was wider Sinn und
Verstand läuft? Lothario ist Professor der Ästhetik, und es ist billig,
daß er als solcher bisweilen etwas weniges über die Schnur haue, aber
Sie --
Halt, sprach der Ernste, mein Liebster, ereifern Sie sich nicht.
Bedenken Sie fein, daß wenn vom Wunderbaren, Unglaublichen die Rede, man
füglich Dichter allegieren darf, denn simple Historiker verstehen den
Teufel was davon. Ja, wenn das Wunderbare in Schick und Form gebracht,
und als reine Wissenschaft vorgetragen werden soll, wird der Beweis
irgendeines Erfahrungssatzes am besten aus berühmten Dichtern entnommen,
auf deren Wort man bauen darf. Ich führe Ihnen, und damit werden Sie,
selbst ein gelehrter Arzt, zufrieden sein -- ja! sage ich, ich führe
Ihnen das Beispiel eines berühmten Arztes an, der in seiner
wissenschaftlichen Darstellung des animalischen Magnetismus um unsern
Rapport mit dem Weltgeiste, um das Dasein eines wunderbaren
Ahnungsvermögens unleugbar ins Licht zu stellen, sich auf Schiller und
dessen Wallenstein bezieht, welcher sagt: »Es gibt im Menschenleben
Augenblicke und dergleichen Stimmen gibts -- es ist kein Zweifel« -- und
wie es denn weiter heißt. Sie können das Weitere selbst nachlesen, in
der Tragödie. -- Ho ho! erwiderte der Doktor, Sie springen ab -- Sie
geraten in den Magnetismus, und sind imstande, zuletzt zu behaupten,
daß, nächst allen Wundern, die dem Magnetiseur zu Gebote stehen, er auch
den Schulmeister für empfängliche Kater abgeben könnte. --
Nun, sprach der Ernste, wer weiß, wie der Magnetismus auf Tiere wirkt.
Kater, die schon das elektrische Fluidum in sich tragen, wie Sie sich
gleich überzeugen können --
Plötzlich an Mina denkend, die über dergleichen Versuche, die mit ihr
angestellt worden, so bitter klagte, erschrak ich so heftig, daß ich ein
lautes Miau ausstieß!
Bei dem Orkus und all' seinem Entsetzen, rief der Professor erschrocken,
der höllische Kater hört uns, versteht uns -- Herz gefaßt! -- mit diesen
Händen erwürg' ich ihn. --
Ihr seid nicht klug, sprach der Ernste, Ihr seid wahrhaftig nicht klug,
Professor. Nimmermehr leide ich, daß Ihr dem Kater, den ich schon jetzt
herzlich lieb gewonnen, ohne das Glück seiner nähern Bekanntschaft zu
genießen, daß Ihr ihm nur das geringste Leid zufügt. Am Ende muß ich
glauben, daß Ihr eifersüchtig seid auf ihn, weil er Verse macht?
Professor der Ästhetik kann ja der kleine graue Mann niemals werden,
darüber beruhigen Sie sich nur ganz. Steht es denn nicht deutlich in den
uralten akademischen Statuten, daß, überhand genommenen Mißbrauchs
halber, keine Esel mehr zur Professur gelangen sollen, und ist diese
Verordnung nicht auch auf Tiere auszudehnen von jeder Art und Gattung,
mithin auch auf Kater?
Mag es sein, sprach der Professor unmutig, daß der Kater niemals weder
_Magister legens_, noch Professor der Ästhetik, werden wird, als
Schriftsteller tritt er doch auf über kurz oder lang, findet der Neuheit
wegen Verleger und Leser, schnappt uns gute Honorare weg --
Ich finde, erwiderte der Ernste, durchaus keine Ursache, warum dem guten
Kater, dem aimablen Liebling unsers Meisters, es verwehrt sein solle,
eine Bahn zu betreten, auf der sich so viele ohne Rücksicht auf Kraft
und Haltung umhertummeln. Die einzige Maßregel, die dabei zu beobachten,
wäre, daß man ihn nötigte, sich die spitzen Krallen verschneiden zu
lassen, und das wäre vielleicht das einzige, was wir jetzt gleich tun
könnten, um sicher zu sein, daß er uns nie verwunde, wenn er ein Autor
worden.
Alle standen auf. Der Ästhetiker griff nach der Schere. Man kann sich
meine Lage denken, ich beschloß, mit Löwenmut anzukämpfen gegen die
Verunglimpfung, die man mir zugedacht; den ersten, der sich mir nahen
würde, zu zeichnen auf ewige Zeiten, ich rüstete mich zum Sprunge, sowie
der Korb geöffnet werden würde.
In dem Augenblick trat Meister Abraham hinein, und vorüber war meine
Angst, die sich schon steigern wollte zur Verzweiflung. Er öffnete den
Korb, und noch ganz außer mir, sprang ich mit einem Satz hinaus, und
schoß dem Meister wild vorbei, unter den Ofen.
Was ist dem Tiere widerfahren, rief der Meister, die andern mißtrauisch
anblickend, welche da standen ganz verlegen und, vom bösen Gewissen
geplagt, gar nicht zu antworten vermochten.
So bedrohlich auch meine Lage im Gefängnis war, doch empfand ich inniges
Wohlbehagen darüber, was der Professor von meiner mutmaßlichen Laufbahn
sagte, sowie sein deutlich ausgesprochener Neid mich höchlich erfreute.
Ich fühlte schon das Doktorhütlein auf meiner Stirne, ich sah mich schon
auf dem Katheder! -- Sollten meine Vorlesungen denn nicht am häufigsten
besucht werden von der wißbegierigen Jugend? -- Sollte wohl ein einziger
Jüngling, von milden Sitten, es übel deuten können, wenn der Professor
bäte, keine Hunde ins Kollegium zu bringen? -- Nicht alle Pudel hegen
solch freundlichen Sinn, wie mein Ponto, und dem Jägervolk mit langen
hängenden Ohren ist nun vollends gar nicht zu trauen, da sie überall mit
den gebildetsten Leuten meines Geschlechts unnütze Händel anfangen und
sie mit Gewalt nötigen, zu den unartigsten Äußerungen des Zorns, als da
ist Prusten -- Kratzen -- Beißen usw. usw.