Nein, unterbrach hier der Meister den lesenden Professor, mein Freund,
Ihr macht mich in der Tat ungeduldig, Ihr oder ein anderer Schalk hat
sich den Spaß gemacht, im Geist eines Katers, der nun gerade mein guter
Murr sein soll, Verse zu machen, und nun foppt Ihr mich den ganzen
Morgen damit herum. Der Spaß ist übrigens nicht übel, und wird
vorzüglich dem Kreisler sehr wohl gefallen, der wohl nicht unterlassen
dürfte, damit eine kleine Parforcejagd anzustellen, in der Ihr am Ende
selbst ein gehetztes Wild sein könntet. Aber nun laßt Eure sinnreiche
Einkleidung fahren und sagt mir ganz ehrlich und trocken, was es mit
Eurem seltsamen Spaß eigentlich für eine Bewandnis hat.
Der Professor schlug das Manuskript zusammen, sah dem Meister ernst ins
Auge, und sprach dann: diese Blätter brachte mir vor einigen Tagen mein
Pudel Ponto, der, wie Euch bekannt sein wird, mit Eurem Kater Murr in
freundschaftlichen Verhältnissen lebt. Zwar trug er das Manuskript
zwischen den Zähnen, wie er nun einmal alles zu tragen gewohnt ist,
indessen legte er es mir doch ganz unversehrt in den Schoß, und gab mir
dabei deutlich zu verstehen, daß er es von keinem andern habe, als von
seinem Freunde Murr. Als ich nun einen Blick hineinwarf, fiel mir gleich
die ganz besondere, eigentümliche Handschrift auf, als ich aber einiges
gelesen, stieg in mir, selbst weiß ich nicht auf welche unbegreifliche
Art, der seltsame Gedanke auf, Murr könne das alles selbst gemacht
haben. So sehr mir die Vernunft, ja eine gewisse Lebenserfahrung, der
wir alle nicht entgehen können, und die am Ende nun wieder weiter nichts
ist, als die Vernunft, so sehr mir also eben diese Vernunft sagt: daß
jener Gedanke unsinnig, da Kater weder zu schreiben noch Verse zu machen
im Stande, so konnte ich ihn doch durchaus nicht los werden. Ich
beschloß Euern Kater zu beobachten, und stieg, da ich von meinem Ponto
wußte, daß Murr viel auf Eurem Boden hausiere, auf meinen Boden, nahm
einige Dachziegel herab, so daß ich mir die freie Aussicht in Eure
Dachluken verschaffte. Was gewahrte ich! -- Hört es und erstaunt! -- In
dem einsamsten Winkel des Bodens sitzt Euer Kater! -- sitzt aufgerichtet
vor einem kleinen Tisch, auf dem Schreibzeug und Papier befindlich,
sitzt und reibt sich bald mit der Pfote Stirn und Nacken, fährt sich
über's Gesicht, tunkt bald die Feder ein, schreibt, hört wieder auf,
schreibt von neuem, überliest das Geschriebene, knurrt (ich konnte es
hören) knurrt und spinnt vor lauter Wohlbehagen. -- Um ihn her liegen
verschiedene Bücher, die, nach ihrem Einband, aus Eurer Bibliothek
entnommen. --
Das wäre ja der Teufel, rief der Meister, nun so will ich denn gleich
nachsehen, ob mir Bücher fehlen.
Damit stand er auf, und trat an den Bücherschrank. Sowie er mich
erblickte, prallte er drei Schritte zurück, und blickte mich an voll
Erstaunen. Aber der Professor rief: seht Ihr wohl, Meister? Ihr denkt,
der Kleine sitzt harmlos in der Kammer, in die Ihr ihn eingesperrt, und
er hat sich hinein geschlichen in den Bücherschrank, um zu studieren,
oder noch wahrscheinlicher, um uns zu belauschen. Nun hat er alles
gehört was wir gesprochen, und kann seine Maßregeln darnach nehmen.
»Kater, begann der Meister, indem er fortwährend den Blick voll
Erstaunen auf mir ruhen ließ, »Kater, wenn ich wüßte daß du, deine
ehrliche, natürliche Natur ganz und gar verleugnend, dich wirklich
darauf verlegtest, solche vertrakte Verse zu machen, wie sie der
Professor vorgelesen, wenn ich glauben könnte, daß du wirklich den
Wissenschaften nachstelltest, statt den Mäusen, ich glaube, ich könnte
dir die Ohren wund zwicken, oder gar --«
Mich überfiel eine schreckliche Angst, ich kniff die Augen zu, und tat,
als schliefe ich fest.
Aber nein, nein, fuhr der Meister fort, schaut nur einmal her,
Professor, wie mein ehrlicher Kater so sorglos schläft, und sagt selbst,
ob er in seinem gutmütigen Antlitz etwas trägt, das auf solche geheime
wunderbare Schelmereien, wie Ihr sie ihm Schuld gebt, gedeutet werden
könnte -- Murr! -- Murr! --
So rief der Meister mich an, und ich unterließ nicht wie gewöhnlich mit
meinem Krr -- Krr -- zu antworten, die Augen aufzuschlagen, mich zu
erheben und einen hohen, sehr anmutigen Katzenbuckel zu machen.
Der Professor warf mir, voller Zorn, mein Manuskript an den Kopf, ich
tat aber, (die mir angeborne Schlauheit gab es mir ein,) als wollte er
mit mir spielen, und zerrte springend und tänzelnd die Papiere hin und
her, so daß die Stücke umherflogen.
Nun, sprach der Meister, ist es ausgemacht, daß Ihr ganz unrecht habt,
Professor, und daß Euch Ponto etwas vorlog. Seht nur hin, wie Murr die
Gedichte bearbeitet, welcher Dichter würde sein Manuskript handhaben auf
diese Weise?
Ich habe Euch gewarnt, Meister, tut nun was Ihr wollt, erwiderte der
Professor, und verließ das Zimmer.
Nun glaubte ich, der Sturm sei vorüber; wie sehr war ich im Irrtum!
-- Meister Abraham hatte sich, mir zum großen Verdruß, gegen meine
wissenschaftliche Bildung erklärt, und demunerachtet er es so getan, als
glaube er den Worten des Professors gar nicht, so wurde ich doch bald
gewahr, daß er mir auf allen Gängen nachspürte, mir den Gebrauch seiner
Bibliothek dadurch abschnitt, daß er den Schrank sorgfältig verschloß,
und es durchaus nicht mehr leiden wollte, daß ich mich, wie sonst, auf
seinen Schreibtisch unter die Papiere legte.
So kam Leid und Kümmernis über meine keimende Jugend! Was kann einem
Genie mehr Schmerz verursachen, als sich verkannt, ja verspottet zu
sehen, was kann einen großen Geist mehr erbittern, als da auf
Hindernisse zu stoßen, wo er nur allen möglichen Vorschub erwartete!
-- Doch, je stärker der Druck, desto gewaltiger die Kraft der Entlastung,
je straffer der Bogen gespannt, desto schärfer der Schuß! -- War mir die
Lektüre versperrt, so arbeitete desto freier mein eigner Geist, und
schuf aus sich selbst.
Unmutig wie ich war, brachte ich in dieser Periode manche Nächte, manche
Tage, in den Kellern des Hauses zu, wo mehrere Mäusefallen aufgestellt
waren, und sich überdem viele Kater verschiedenen Alters und Standes
versammelten.
Einem tapfern philosophischen Kopf entgehen überall nicht die
geheimsten Beziehungen des Lebens im Leben, und er erkennt, wie sich
eben aus denselben das Leben gestaltet in Gesinnung und Tat. So gingen
mir auch in den Kellern die Verhältnisse der Mäusefallen und der Katzen
in ihrer Wechselwirkung auf. Es wurde mir, als einem Kater von edlem
echten Sinn, warm um's Herz, wenn ich gewahren mußte, wie jene tote
Maschinen, in ihrem pünktlichen Treiben, eine große Schlaffheit in den
Katerjünglingen hervorbrachten. Ich ergriff die Feder und schrieb das
unsterbliche Werk, dessen ich schon vorhin gedachte, nämlich: »Über
Mäusefallen, und deren Einfluß auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit.«
In diesem Büchlein hielt ich den verweichlichten Katerjünglingen einen
Spiegel vor die Augen, in dem sie sich selbst erblicken mußten, aller
eignen Kraft entsagend, indolent, träge, ruhig es ertragend, daß die
schnöden Mäuse nach dem Speck liefen! -- Ich rüttelte sie aus dem
Schlafe mit donnernden Worten. -- Nächst dem Nutzen, den das Werklein
schaffen mußte, hatte das Schreiben desselben auch noch den Vorteil für
mich, daß ich selbst indessen keine Mäuse fangen durfte, und auch
nachher, da ich so kräftig gesprochen, es wohl keinem einfallen konnte,
von mir zu verlangen, daß ich selbst ein Beispiel des von mir
ausgesprochenen Heroismus im Handeln geben solle.
Damit könnte ich nun meine erste Lebensperiode schließen, und zu meinen
eigentlichen Jünglingsmonaten, die an das männliche Alter streifen,
übergehen; unmöglich kann ich aber den günstigen Lesern die beiden
letzten Strophen der herrlichen Glosse vorenthalten, die mein Meister
nicht hören wollte. Hier sind sie:
Wohl, ich weiß es, widerstehen
Mag man nicht dem süßen Kosen,
Wenn aus Büschen duft'ger Rosen
Süße Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug' dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht' an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.
Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken;
Doch wie lange kann's beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb' erwachten,
Strahlten auf bei Hesper's Scheine,
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden den ich meine,
Klettr' ich über Mau'r und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.
=(Mak.-Bl.)= -- -- gerade den Abend in solch' heitrer, gemütlicher
Stimmung, wie man sie an ihm nicht verspürt hatte seit gar geraumer
Zeit. Und diese Stimmung war es, die das Unerhörte geschehen ließ. Denn
ohne wild aufzufahren, und davon zu rennen, wie er sonst in gleichem
Fall wohl zu tun pflegte, hörte er ruhig und sogar mit gutmütigem
Lächeln den langen und noch langweiligern ersten Akt eines entsetzlichen
Trauerspiels an, den ein junger hoffnungsvoller Lieutenant mit roten
Wangen und wohlgekräuseltem Haupthaar verfaßt hatte und mit aller
Prätension des glücklichsten Dichters vortrug. Ja als besagter
Lieutenant, da er geendet, ihn heftig fragte, was er von der Dichtung
halte, begnügte er sich, mit dem mildesten Ausdruck des inneren
Ergötzens im ganzen Gesicht, dem jungen Kriegs- und Vershelden zu
versichern, daß der Aushängeakt, das gierigen ästhetischen Leckermäulern
dargebotene Koststück, in der Tat herrliche Gedanken enthalte, für deren
originelle Genialität schon der Umstand spräche, daß auch anerkannt
große Dichter wie z. B. Calderon, Shakespeare und der moderne Schiller
darauf gefallen. Der Lieutenant umarmte ihn sehr, und verriet mit
geheimnisvoller Miene, daß er gedenke, noch denselben Abend eine ganze
Gesellschaft der auserlesensten Fräuleins, unter denen sogar eine Gräfin
befindlich, die spanisch lese, und in Öl male, mit dem vortrefflichsten
aller ersten Akte zu beglücken. Auf die Versicherung, daß er daran
ungemein wohl tun werde, lief er voller Enthusiasmus von dannen.
Ich begreife Dich, sprach jetzt der kleine Geheimrat, heute gar nicht,
lieber Johannes, mit Deiner unbeschreiblichen Sanftmut! -- Wie war es
Dir möglich, das durchaus abgeschmackte Zeug so ruhig, so aufmerksam
anzuhören! -- Angst und bange wurde mir, als der Lieutenant uns, die wir
unbewacht keine Gefahr ahnten, überfiel, und uns rettungslos eingarnte
in die tausendfältigen Schlingen seiner endlosen Verse! -- Ich dachte,
jeden Augenblick würdest Du dazwischen fahren, wie Du es sonst wohl tust
bei geringerem Anlaß; aber Du bleibst ruhig, ja, Dein Blick spricht
Wohlgefallen aus, und am Ende, nachdem ich für meine Person ganz schwach
und elend worden, fertigst Du den Unglückseligen ab mit einer Ironie,
die er nicht einmal zu fassen im Stande, und sagst ihm wenigstens nicht
zur Warnung für künftige Fälle, daß das Ding viel zu lang sei, und
merklich amputiert werden müsse.
Ach, erwiderte Kreisler, was hätte ich denn ausgerichtet mit diesem
kläglichen Rat! -- Kann denn ein prägnanter Dichter wie unser lieber
Lieutenant, wohl mit Nutzen irgendeine Amputation an seinen Versen
vornehmen, wachsen sie ihm nicht nach, unter der Hand? -- Und weißt Du
denn nicht, daß überhaupt die Verse unserer jungen Dichter die
Reproduktionskraft der Eidechsen besitzen, denen die Schwänze munter
wiederum hervor schießen, hat man sie auch an der Wurzel weggeschnitten!
-- Wenn Du aber meinst, daß ich des Lieutenants Leserei ruhig angehört,
so bist Du in großem Irrtum! -- Der Sturm war vorüber, alle Gräser und
Blumen im kleinen Garten erhoben ihre gebeugten Häupter, und schlürften
begierig den Himmelsnektar ein, der aus den Wolkenschleiern in einzelnen
Tropfen hinabfiel. Ich stellte mich unter den großen blühenden
Apfelbaum, und horchte auf die verhallende Stimme des Donners in den
fernen Bergen, die wie eine Weissagung von unaussprechlichen Dingen in
meiner Seele wider klang, und schaute auf zu dem Blau des Himmels, das
wie mit leuchtenden Augen dort und dort durch die fliehenden Wolken
blickte! -- Aber dazwischen rief der Onkel: ich solle fein ins Zimmer und
mir den neuen geblümten Schlafrock nicht verderben durch ungeziemliche
Nässe, und mir nicht den Schnupfen holen im feuchten Grase. Und dann war
es wieder nicht der Onkel, welcher sprach, sondern irgendein Filou von
Papagei oder Starmatz hinterm Busch oder im Busch, oder Gott weiß wo
sonst, machte sich den unnützen Spaß, mich damit zu necken, daß er mir
allerlei köstliche Gedanken aus dem Shakespeare zurief nach seiner
Manier. Und das war nun wieder der Lieutenant und sein Trauerspiel!
-- Geheimer Rat, gib Dir die Mühe zu merken, daß es eine Erinnerung an
meine Knabenzeit war, die mich Dir und dem Lieutenant entführte! Ich
stand wirklich, ein Junge von höchstens zwölf Jahren, in des Onkels
kleinem Garten, und hatte den schönsten Zitz als Schlafrock an, den
jemals eine Kattundruckerseele ersonnen, und vergebens hast Du, o
Geheimerat! heute Dein Königsräucherpulver verschwendet, denn ich habe
nichts verspürt, als das Aroma meines blühenden Apfelbaums, nicht einmal
das Haaröl des Versifikanten, der sein Haupt salbt, ohne es jemals
schützen zu können gegen Wind und Wetter durch eine Krone, vielmehr
nichts aufstülpen darf, als Filz und Leder, durch das Reglement
ausgeprägt zu einem Tschako! -- Genug Bester! Du warst von uns dreien
das einzige Opferlamm, das sich dem infernalischen Trauerspielmesser des
dichterischen Helden darbot. Denn, während ich mich, alle Extremitäten
sorglich einziehend, in das kleine Schlafröckchen eingeputzt hatte, und
mit zwölfjähriger, zwölfflötiger Leichtigkeit hinein gesprungen war in
mehrbesagten Garten, verbrauchte Meister Abraham, wie Du siehst, drei
bis vier Bogen des schönsten Notenpapiers, um allerlei ergötzliche
Phantasmata zuzuschneiden. Auch er ist also dem Lieutenant entwischt! --
Kreisler hatte recht; Meister Abraham verstand sich darauf,
Kartonblätter so zuzuschneiden, daß, fand man auch aus dem Gewirre
durchschnittner Flecke nicht das mindeste deutlich heraus, doch, hielt
man ein Licht hinter das Blatt, in dem auf die Wand geworfenen Schatten,
sich die seltsamsten Gestalten in allerlei Gruppen bildeten. Hatte nun
Meister Abraham schon an und für sich selbst einen natürlichen Abscheu
gegen alles Vorlesen, war ihm noch besonders des Lieutenants Verselei im
Grunde des Herzens zuwider, so konnt' es nicht fehlen, daß er, kaum
hatte der Lieutenant begonnen, begierig nach dem steifen Notenpapier
griff, das zufällig auf dem Tische des Geheimerats lag, eine kleine
Schere aus der Tasche langte, und eine Beschäftigung begann, die ihn dem
Attentat des Lieutenants gänzlich entzog.
Höre Kreisler, begann nun der Geheimerat, -- also eine Erinnerung an
Deine Knabenzeit war es, die in Deine Seele kam, und dieser Erinnerung
mag ich es wohl zuschreiben, daß Du heute so mild bist, so gemütlich,
-- höre, mein innigstgeliebter Freund! es wurmt mich wie alle, die Dich
ehren und lieben, daß ich von Deinem frühern Leben so ganz und gar
nichts weiß, daß Du der leisesten Frage darüber so unfreundlich
ausweichst, ja, daß Du absichtlich Schleier über die Vergangenheit
wirfst, die doch zuweilen zu durchsichtig sind, um nicht durch allerlei
in seltsamer Verzerrung durchschimmernde Bilder die Neugierde zu reizen.
Sei offen gegen die, denen Du doch schon Dein Vertrauen schenktest. --
Kreisler blickte den Geheimerat an mit großen Augen voll Verwunderung,
wie einer, der aus dem tiefen Schlafe erwachend, eine fremde unbekannte
Gestalt vor sich erblickt, und fing dann sehr ernsthaft an:
»Am Tage Johannis Chrysostomi, das heißt am vier und zwanzigsten Januar
des Jahres Ein tausend siebenhundert und etzliche dazu, um die
Mittagsstunde, wurde einer geboren, der hatte ein Gesicht und Hände und
Füße. Der Vater aß eben Erbsensuppe, und goß sich vor Freuden einen
ganzen Löffel voll über den Bart, worüber die Wöchnerin, unerachtet sie
es nicht gesehen, dermaßen lachte, daß von der Erschütterung dem
Lautenisten, der dem Säugling seinen neuesten Murki vorspielte, alle
Saiten sprangen, und er bei der atlasnen Nachthaube seiner Großmutter
schwur, was Musik betreffe, würde der kleine Hans Haase ein elender
Stümper bleiben ewiglich und immerdar. Darauf wischte sich aber der
Vater das Kinn rein und sprach pathetisch: Johannes soll er zwar heißen,
jedoch kein Hase sein. Der Lautenist --«
Ich bitte Dich, Kreisler, unterbrach der kleine Geheimrat den
Kapellmeister, verfalle nicht in die verdammte Sorte von Humor, die mir,
ich mags wohl sagen, den Atem versetzt! Verlange ich denn, daß Du mir
eine pragmatische Selbstbiographie geben, will ich denn mehr, als daß Du
mir vergönnen sollst, einige Blicke in Dein früheres Leben zu tun, ehe
ich Dich kannte? -- In der Tat magst du mir eine Neugierde nicht
verargen, die keine andere Quelle hat, als die innigste Zuneigung recht
aus dem tiefsten Herzen. Und nebenher mußt Du es Dir, da Du nun einmal
seltsam genug auftrittst, gefallen lassen, daß jeder glaubt, nur das
bunteste Leben, eine Reihe der fabelhaftesten Ereignisse könne die
psychische Form so auskneten und bilden, wie es bei Dir geschehen. -- »O
des groben Irrtums, sprach Kreisler, indem er tief seufzte, meine
Jugendzeit gleicht einer dürren Heide ohne Blüten und Blumen, Geist und
Gemüt erschlaffend im trostlosen Einerlei! --«
Nein nein, rief der Geheimerat, dem ist nicht so, denn ich weiß
wenigstens, daß in der Heide ein hübscher kleiner Garten steht, mit
einem blühenden Apfelbaum, der mein feinstes Königspulver überduftet.
Nun! ich meine, Johannes, Du rückst hervor mit der Erinnerung aus Deiner
frühern Jugendzeit, die heute, wie Du erst sagtest, Deine ganze Seele
befängt.
Ich dächte, sprach Meister Abraham, indem er dem eben fertig gewordenen
Kapuziner die Tonsur einschnitt, ich dächte auch, Kreisler, daß Ihr in
Eurer heutigen passablen Stimmung nichts Besseres tun könntet, als Euer
Herz oder Euer Gemüt, oder wie Ihr sonst gerade Euer inneres
Schatzkästlein nennen möget, aufschließen, und dies, jenes daraus
hervorlangen. Das heißt, da Ihr nun einmal verraten, daß Ihr
wider den Willen des besorgten Oheims im Regen hinausliefet und
abergläubischerweise auf die Weissagungen des sterbenden Donners
horchtet, so möget Ihr immer noch mehr erzählen, wie sich damals alles
begab. Aber lügt nicht, Johannes, denn Ihr wißt, daß Ihr, was wenigstens
die Zeit betrifft, als Ihr die ersten Hosen truget, und dann der erste
Haarzopf Euch eingeflochten wurde, unter meiner Kontrolle stehet.
Kreisler wollte etwas erwidern, aber Meister Abraham wandte sich
schnell zum kleinen Geheimenrat und sprach: »Sie glauben gar nicht,
Vortrefflichster, wie unser Johannes sich dem bösen Geist des Lügens
ganz und gar hingibt, wenn er, wie es jedoch gar selten geschieht, von
seiner frühesten Jugendzeit erzählt. Gerade wenn die Kinder noch sagen:
Pä pä und Mä mä und mit den Fingern ins Licht fahren, gerade zu der Zeit
will er schon alles beachtet, und tiefe Blicke getan haben ins
menschliche Herz.
Ihr tut mir unrecht, sprach Kreisler, mild lächelnd, mit sanfter Stimme,
Ihr tut mir großes Unrecht, Meister! Sollt' es mir denn möglich sein,
Euch was weismachen zu wollen von frühreifem Geistesvermögen, wie es
wohl eitle Gecken tun? -- Und ich frage Dich, Geheimerrat, ob es Dir
auch nicht widerfährt, daß oft Momente lichtvoll vor Deine Seele treten
aus einer Zeit, die manche erstaunlich kluge Leute ein bloßes Vegetieren
nennen und nichts statuieren wollen, als bloßen Instinkt, dessen höhere
Vortrefflichkeit wir den Tieren einräumen müssen! -- Ich meine, daß es
damit eine eigene Bewandnis hat! -- Ewig unerforschlich bleibt uns das
erste Erwachen zum klaren Bewußtsein! -- Wäre es möglich, daß dies mit
einem Ruck geschehen könnte, ich glaube, der Schreck darüber müßte uns
töten. -- Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im Erwachen
aus tiefem Traum, bewußtlosen Schlaf empfunden, wenn er sich selbst
fühlend, sich auf sich selbst besinnen mußte! -- Doch, um mich nicht zu
weit zu verlieren, ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener
Entwicklungszeit läßt wohl ein Samenkorn zurück, das eben mit dem
Emporsprossen des geistigen Vermögens fortgedeiht, und so lebt aller
Schmerz, alle Lust jener Stunden der Morgendämmerung in uns fort, und es
sind wirklich die süßen wehmutsvollen Stimmen der Lieben, die wir, als
sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum zu hören glaubten, und die
noch in uns forthallen! -- Ich weiß aber, worauf der Meister anspielt.
Auf nichts anders, als auf die Geschichte von der verstorbenen Tante,
die er mir wegstreiten will, und die ich, um ihn erklecklich zu ärgern,
nun gerade Dir, Geheimerat erzählen werde, wenn Du mir versprichst, mir
was weniges empfindelnde Kinderei zu Gute zu halten. -- Was ich Dir von
der Erbssuppe und dem Lautenisten -- O, unterbrach der Geheimerat den
Kapellmeister, still still, nun merk' ich wohl, Du willst mich foppen,
und das ist denn doch wider alle Sitte und Ordnung.
Keinesweges, fuhr Kreisler fort, mein Herz! Aber von dem Lautenisten
muß ich anfangen; denn er bildet den natürlichsten Übergang zur Laute,
deren Himmelstöne das Kind in süße Träume wiegten. Die jüngere Schwester
meiner Mutter war Virtuosin auf diesem, zur Zeit in die musikalische
Polterkammer verwiesenen Instrument. Gesetzte Männer, die schreiben und
rechnen können und wohl noch mehr als das, haben in meiner Gegenwart
Tränen vergossen, wenn sie bloß dachten an das Lautenspiel der seligen
Mamsell Sophie, mir ist es deshalb gar nicht zu verdenken, wenn ich ein
durstig Kind, meiner selbst nicht mächtig, noch ohne in Wort und Rede
aufgekeimtes Bewußtsein, alle Wehmut des wunderbaren Tonzaubers, den die
Lautenistin aus ihrem Innersten strömen ließ, in begierigen Zügen
einschlürfte. -- Jener Lautenist an der Wiege war aber der Lehrer der
Verstorbenen, klein von Person, mit hinlänglich krummen Beinen, hieß
Monsieur Turtel, und trug eine sehr saubere weiße Perücke mit einem
breiten Haarbeutel, sowie einen roten Mantel. -- Ich sage das nur, um zu
beweisen, wie deutlich mir die Gestalten aus jener Zeit aufgehen, und
daß weder Meister Abraham, noch sonst jemand, daran zweifeln darf, wenn
ich behaupte, daß ich, ein Kind von noch nicht drei Jahren, mich finde
auf dem Schoß eines Mädchens, deren mild blickende Augen mir recht in
die Seele leuchteten, daß ich noch die süße Stimme höre, die zu mir
sprach, zu mir sang, daß ich es noch recht gut weiß, wie ich der
anmutigen Person all' meine Liebe, all' meine Zärtlichkeit zuwandte.
Dies war aber eben Tante Sophie, die in seltsamer Verkürzung »Füßchen«
gerufen wurde. Eines Tages lamentierte ich sehr, weil ich Tante Füßchen
nicht gesehen hatte. Die Wärterin brachte mich in ein Zimmer, wo Tante
Füßchen im Bette lag, aber ein alter Mann, der neben ihr gesessen,
sprang schnell auf, und führte, heftig scheltend, die Wärterin, die mich
auf dem Arm hatte, heraus. Bald darauf kleidete man mich an, hüllte mich
ein in dicke Tücher, brachte mich ganz und gar in ein anderes Haus zu
andern Personen, die sämtlich Onkel und Tanten von mir sein wollten, und
versicherten, daß Tante Füßchen sehr krank sei, und ich, wäre ich bei
ihr geblieben, ebenso krank geworden sein würde. Nach einigen Wochen
brachte man mich zurück nach meinem vorigen Aufenthalt. Ich weinte, ich
schrie, ich wollte zu Tante Füßchen. Sowie ich in jenes Zimmer gekommen,
trippelte ich hin an das Bette, in dem Tante Füßchen gelegen, und zog
die Gardinen auseinander. Das Bette war leer, und eine Person, die nun
wieder eine Tante von mir war, sprach, indem ihr die Tränen aus den
Augen stürzten: Du findest sie nicht mehr, Johannes, sie ist gestorben,
und liegt unter der Erde. --
Ich weiß wohl, daß ich den Sinn dieser Worte nicht verstehen konnte,
aber noch jetzt, jenes Augenblicks gedenkend, erbebe ich in dem
namenlosen Gefühl, das mich damals erfaßte. Der Tod selbst preßte mich
hinein in seinen Eispanzer, seine Schauer drangen in mein Innerstes und
vor ihnen erstarrte alle Lust der ersten Knabenjahre. -- Was ich begann,
weiß ich nicht mehr, wüßte es vielleicht niemals, aber erzählt hat man
mir oft genug, daß ich langsam die Gardinen fahren ließ, ganz ernst und
still einige Augenblicke stehen blieb, dann aber, wie tief in mich
gekehrt und darüber nachsinnend, was man mir eben gesagt, mich auf ein
kleines Rohrstühlchen setzte, das mir eben nahe stand. Man fügte hinzu,
daß diese stille Trauer des sonst zu den lebhaftesten Ausbrüchen
geneigten Kindes etwas unbeschreiblich Rührendes gehabt, und daß man
selbst einen nachteiligen psychischen Einfluß gefürchtet, da ich mehrere
Wochen in demselben Zustande geblieben, nicht weinend, nicht lachend, zu
keinem Spiel aufgelegt, kein freundlich Wort erwidernd, nichts um mich
her beachtend. --
In diesem Augenblick nahm Meister Abraham ein in Kreuz- und Querzügen
wunderlich durchschnittenes Blatt zur Hand, hielt es vor die brennenden
Kerzen, und auf der Wand reflektierte sich ein ganzes Chor von Nonnen,
die auf seltsamen Instrumenten spielten.
Hoho! rief Kreisler, indem er die ganz artig geordnete Gruppe der
Schwestern erblickte, hoho Meister, ich weiß wohl, woran Ihr mich
erinnern wollt! -- Und noch jetzt behaupte ich keck, daß Ihr unrecht
tatet mich auszuschelten, mich einen störrigen, unverständigen Burschen
zu nennen, der durch die dissonierende Stimme seiner Torheit einen
ganzen singenden und spielenden Konvent aus Ton und Takt bringen könne.
Hatte ich nicht zu der Zeit, als Ihr mich, zwanzig oder dreißig Meilen
weit von meiner Vaterstadt, in das Klarissen-Kloster führtet, um die
erste wahrhaft katholische Kirchenmusik zu hören; hatte ich, sag' ich,
damals nicht den gerechtesten Anspruch auf die brillanteste
Lümmelhaftigkeit, da ich gerade mitten in den Lümmeljahren stand? War es
nicht desto schöner, daß dem unerachtet der längst verwundene Schmerz
des dreijährigen Knaben erwachte mit neuer Kraft, und einen Wahn gebar,
der meine Brust mit allem tötenden Entzücken der herzzerschneidendsten
Wehmut erfüllte? -- Mußte ich nicht behaupten, und alles Einredens
unerachtet dabei bleiben, daß niemand anders das wunderliche Instrument,
die Trompette marine geheißen, spiele, als Tante Füßchen, unerachtet sie
längst verstorben? -- Warum hieltet Ihr mich ab, einzudringen in den
Chor, wo ich sie wiedergefunden hatte in ihrem grünen Kleide mit
ros'farbnen Schleifen! --
Nun starrte Kreisler hin nach der Wand, und sprach mit bewegter,
zitternder Stimme: Wahrhaftig! -- Tante Füßchen ragt hervor unter den
Nonnen! -- Sie ist auf eine Fußbank getreten um das schwierige
Instrument besser handhaben zu können. Doch der Geheimerat trat vor ihn
hin, so daß er ihm den Anblick des Schattenbildes entzog, faßte ihn bei
beiden Schultern und begann: In der Tat, Johannes! es wäre gescheuter,
Du überließest Dich nicht Deinen seltsamen Träumereien und sprächest
nicht von Instrumenten die gar nicht existieren, denn in meinem Leben
habe ich nichts gehört von einer Trompette marine! --
O, rief Meister Abraham lachend, indem er, das Blatt unter den Tisch
werfend, den ganzen Nonnenkonvent samt der chimärischen Tante Füßchen
mit ihrer Trompette marine schnell verschwinden ließ, o mein würdigster
Geheimerat, der Herr Kapellmeister ist auch jetzt wie immer, ein
vernünftiger, ruhiger Mann, und kein Phantast oder Haselant, wofür ihn
gern viele ausgeben möchten. Ist es nicht möglich, daß die Lautenistin,
nachdem sie Todes verblichen, sich mit Effekt auf das wunderbare
Instrument verlegte, welches sie vielleicht noch jetzt hin und wider in
Nonnenklöstern wahrnehmen und darüber in Erstaunen geraten können?
-- Wie! -- Die Trompette marine soll nicht existieren? -- Schlagen Sie
doch nur diesen Artikel gefälligst in Kochs musikalischem Lexikon nach,
das Sie ja selbst besitzen.
Der Geheimerat tat es auf der Stelle, und las laut:
»Dieses alte ganz einfache Bogeninstrument besteht aus drei dünnen,
sieben Schuh langen Brettern, die unten, wo das Instrument auf dem
Fußboden aufstehet, sechs bis sieben Zoll, oben aber kaum zwei Zoll
breit und in der Form eines Triangels zusammengeleimt sind, so daß das
Korpus, welches oben eine Art von Wirbelkasten hat, von unten bis oben
verjüngt zuläuft. Eins von diesen drei Brettern macht den Sangboden aus,
der mit einigen Schallöchern versehen, und mit einer einzigen, etwas
starken Darmsaite bezogen ist. Bei dem Spielen stellt man das Instrument
schief vor sich hin, und stemmt den obern Teil desselben gegen die
Brust. Mit dem Daumen der linken Hand berührt der Spieler die Saite da,
wo die zu greifenden Töne liegen, ganz gelinde und ungefähr ebenso wie
bei dem Flautino oder Flageolett auf der Geige, während mit der rechten
Hand die Saite mit dem Bogen angestrichen wird. Der eigentümliche Ton
dieses Instruments, der dem Tone einer gedämpften Trompete gleicht, wird
durch den besondern Steg hervorgebracht, auf welchem die Saite unten auf
dem Resonanzboden ruhet. Dieser Steg hat beinahe die Gestalt eines
kleinen Schuhes, der vorn ganz niedrig und dünne, hinten hingegen höher
und stärker ist. Auf dem hintern Teile desselben liegt die Saite auf,
und verursacht, wenn sie angestrichen wird, durch ihre Schwingungen, daß
sich der vordere und leichte Teil des Steges auf dem Sangboden auf und
nieder bewegt, wodurch der schnarrende, und der gedämpften Trompete
ähnliche Ton, hervorgebracht wird!« --
Baut mir ein solches Instrument, rief der Geheimerat mit glänzenden
Augen, Meister Abraham, ich werfe meine Nagelgeige in den Winkel,
berühre nicht mehr den Euphon, sondern setze Hof und Stadt in Erstaunen,
auf der Trompette marine die wunderbarsten Lieder spielend! --
Ich tue das, erwiderte Meister Abraham, und möge, bester Geheimerat, der
Geist von Tante Füßchen im grüntaftnen Kleide über Sie kommen, und Sie
eben als Geist begeistern! --
Der Geheimerat umarmte entzückt den Meister, aber Kreisler trat
zwischen beide, indem er beinahe ärgerlich sprach. Ei, seid Ihr nicht
ärgere Haselanten, als ich jemals einer gewesen bin, und dabei
unbarmherzig gegen den, den Ihr zu lieben vorgebt! -- Begnügt Euch doch
damit, daß Ihr mit jener Beschreibung eines Instruments, dessen Ton mein
Innerstes durchbebte, mir Eiswasser über die heiße Stirn gegossen, und
schweigt von der Lautenistin! -- Nun, Du wolltest ja Geheimerat, ich
sollte von meiner Jugend sprechen, und schnitt der Meister dazu
Schattenbilder, die zu Momenten aus jener Zeit paßten, so konntest Du
mit der schönen, mit Kupferstichen verzierten, Ausgabe meiner
biographischen Skizzen zufrieden sein. Als Du aber den Artikel aus dem
Koch lasest, fiel mir sein lexikalischer Kollege Gerber ein, und ich
erblickte mich, einen Leichnam, ausgestreckt auf der Tafel liegend,
bereit zur biographischen Sektion. -- Der Prospekt könnte sagen: es ist
gar nicht zu verwundern, daß in dem Innern dieses jungen Mannes durch
tausend Adern und Äderchen lauter musikalisches Blut läuft, denn das war
der Fall bei vielen seiner Blutsverwandten, deren Blutsverwandter er
eben deshalb ist. -- Ich will nämlich sagen, daß die mehrsten von meinen
Tanten und Onkels, deren es, wie der Meister weiß, und Du eben erst
erfahren hast, eine nicht geringe Anzahl gab, Musik trieben, und noch
dazu meistenteils Instrumente spielten, die schon damals sehr selten
waren, jetzt aber zum Teil verschwunden sind, so, daß ich nur noch im
Traum die ganz wunderbar klingenden Konzerte vernehme, die ich ungefähr
bis zu meinem zehnten, eilften Jahr hörte. -- Mag es sein, daß deshalb
mein musikalisches Talent schon im ersten Aufkeimen die Richtung
genommen hat, die in meiner Art zu instrumentieren sich kund tun soll,
und die man als zu phantastisch verwirft. -- Kannst Du Dich, Geheimerat,
der Tränen enthalten, wenn Du recht schön auf dem uralten Instrument,
auf der Viola d'Amore, spielen hörst, so danke dem Schöpfer für Deine
robuste Konstitution; ich für mein Teil flennte beträchtlich, als der
Ritter Eßer sich darauf hören ließ, früher aber noch mehr, wenn ein
großer ansehnlicher Mann, dem die geistliche Kleidung ungemein gut
stand, und der nun wieder mein Onkel war, mir darauf vorspielte. So war
denn auch eines andern Verwandten Spiel auf der Viola di Gamba gar
angenehm und verlockend, wiewohl derjenige Onkel, der mich erzog, oder
vielmehr nicht erzog, und der das Spinett mit barbarischer Virtuosität
zu hantieren wußte, ihm mit Recht Mangel an Takt vorwarf. Der Arme
geriet auch bei der ganzen Familie in nicht geringe Verachtung, als man
erfahren, daß er in aller Fröhlichkeit nach der Musik einer Sarabande
eine Menuett à la Pompadour getanzt. Ich könnte Euch überhaupt viel
erzählen von den musikalischen Belustigungen meiner Familie, die oft
einzig in ihrer Art sein mochten, aber es würde manches Groteske mit
unter laufen, worüber Ihr lachen müßtet; und meine werten Verwandten
Eurem Gelächter preiszugeben, das verbietet mir der Respectus
Parentelis.
Johannes, begann der Geheimerat, Du wirst es mir in Deiner Gemütlichkeit
nicht verargen, wenn ich eine Saite in Deinem Innern anschlage, deren
Berührung Dich vielleicht schmerzt. -- Immer sprichst Du von Onkeln, von
Tanten, nicht gedenkst Du Deines Vaters, Deiner Mutter! --
O mein Freund, erwiderte Kreisler mit dem Ausdruck der tiefsten
Bewegung, eben heute gedachte ich, -- doch nein, nichts mehr von
Erinnerungen, von Träumen, nichts von dem Augenblick, der heute alles
nur gefühlte, nicht verstandene Weh meiner frühen Knabenzeit weckte,
aber eine Ruhe kam dann in mein Gemüt, die der ahnungsvollen Stille des
Waldes gleicht, wenn der Gewittersturm vorüber! Ja Meister, Ihr habt
recht, ich stand unter dem Apfelbaum, und horchte auf die weissagende
Stimme des hinsterbenden Donners! -- Du kannst Dir deutlicher die dumpfe
Betäubung denken, in der ich wohl ein paar Jahre fortleben mochte, als
ich Tante Füßchen verloren, wenn ich Dir sage, daß der Tod meiner
Mutter, der in diese Zeit fällt, keinen sonderlichen Eindruck auf mich
machte. Weshalb aber mein Vater mich ganz dem Bruder meiner Mutter
überließ, oder überlassen mußte, darf ich Dir nicht sagen, da Du
Ähnliches in manchem verbrauchten Familienroman, oder in irgendeiner
Ifflandschen Hauskreuzkomödie nachlesen kannst. Es genügt, Dir zu sagen,
daß, wenn ich meine Knaben-, ja einen guten Teil meiner Jünglingsjahre,
im trostlosen Einerlei verlebte, dies wohl eben dem Umstande
zuzuschreiben, daß ich elternlos war. Der schlechte Vater ist noch immer
viel besser, als jeder gute Erzieher, mein' ich, und mir schauert die
Haut, wenn Eltern in lieblosem Unverstande ihre Kinder von sich lassen
und verweisen in diese, jene Erziehungsanstalt, wo die Armen ohne
Rücksicht auf ihre Individualität, die ja niemanden anders als eben den
Eltern recht klar aufgehen kann, nach bestimmter Norm zugeschnitten und
appretiert werden. -- Was nun eben die Erziehung betrifft, so darf sich
kein Mensch auf Erden darüber verwundern, daß ich ungezogen bin, denn
der Oheim zog oder erzog mich ganz und gar nicht, sondern überließ mich
der Willkür der Lehrer, die ins Haus kamen, da ich keine Schule
besuchen, und auch durch irgendeine Bekanntschaft mit einem Knaben
meines Alters die Einsamkeit des Hauses, das der unverheiratete Oheim
mit einem alten trübsinnigen Bedienten allein bewohnte, nicht stören
durfte. -- Ich besinne mich nur auf drei verschiedene Fälle, in denen
der beinahe bis zum Stumpfsinn gleichgültige, ruhige Oheim einen kurzen
Akt der Erziehung vornahm, indem er mir eine Ohrfeige zuteilte, so, daß
ich wirklich während meiner Knabenzeit drei Ohrfeigen empfangen. Ich
könnte Dir, mein Geheimerat, da ich eben zum Schwatzen so aufgelegt, die
Geschichte von den drei Ohrfeigen als ein romantisches Kleeblatt
auftischen, doch hebe ich nur die mittelste heraus, da ich weiß, daß Du
auf nichts so erpicht bist, als auf meine musikalischen Studien, und es
Dir nicht gleichgültig sein kann, zu erfahren, wie ich zum erstenmal
komponierte. -- Der Oheim hatte eine ziemlich starke Bibliothek, in der
ich nach Gefallen stöbern und lesen durfte was ich wollte; mir fielen
Rousseau's Bekenntnisse in der deutschen Übersetzung in die Hände. Ich
verschlang das Buch, das eben nicht für einen zwölfjährigen Knaben
geschrieben, und das den Samen manches Unheils in mein Inneres hätte
streuen können. Aber nur ein einziger Moment aus allen, zum Teil sehr
verfänglichen, Begebenheiten erfüllte mein Gemüt so ganz und gar, daß
ich alles übrige darüber vergaß. Gleich elektrischen Schlägen traf mich
nämlich die Erzählung, wie der Knabe Rousseau von dem mächtigen Geist
seiner innern Musik getrieben, sonst aber ohne alle Kenntnis der
Harmonik, des Kontrapunkts, aller praktischen Hilfsmittel, sich
entschließt, eine Oper zu komponieren, wie er die Vorhänge des Zimmers
herabläßt, wie er sich aufs Bette wirft, um sich ganz der Inspiration
seiner Einbildungskraft hinzugeben, wie ihm nun sein Werk aufgeht,
gleich einem herrlichen Traum! -- Tag und Nacht verließ mich nicht der
Gedanke an diesen Moment, mit dem mir die höchste Seligkeit über den
Knaben Rousseau gekommen zu sein schien! -- Oft war es mir, als sei ich
auch schon dieser Seligkeit teilhaftig geworden, und dann, nur von
meinem festen Entschlusse hänge es ab, mich auch in dies Paradies
hinaufzuschwingen, da der Geist der Musik in mir ebenso mächtig
beschwingt sei. Genug, ich kam dahin, es meinem Vorbilde nachmachen zu
wollen. Als nämlich an einem stürmischen Herbstabend, der Oheim wider
seine Gewohnheit das Haus verlassen, ließ ich sofort die Vorhänge herab,
und warf mich auf des Oheims Bett, um, wie Rousseau, eine Oper im Geiste
zu empfangen. So vortrefflich aber die Anstalten waren, so sehr ich mich
abmühte, den dichterischen Geist heranzulocken, doch blieb er im
störrischen Eigensinn davon. Durchaus summte mir, statt aller herrlichen
Gedanken, die mir aufgehen sollten, ein altes erbärmliches Lied vor den
Ohren, dessen weinerlicher Text begann: »Ich liebte nur Ismenen, Ismene
liebt' nur mich«, und ließ, so sehr ich mich dagegen sträubte, nicht
nach. Jetzt kommt der erhabene Priesterchor: »Hoch von Olympos Höh'n«,
rief ich mir zu, aber: »Ich liebte nur Ismenen«, summte die Melodie fort
und unaufhörlich fort, bis ich zuletzt fast einschlief. Mich weckten
laute Stimmen, indem ein unerträglicher Geruch mir in die Nase fuhr und
den Atem versetzte. Das ganze Zimmer war von dickem Rauch erfüllt, und
in dem Gewölk stand der Oheim, und trat die Reste der flammenden
Gardine, die den Kleiderschrank verbarg, nieder und rief: Wasser her
-- Wasser her! bis der alte Diener Wasser in reichlicher Fülle
herbeibrachte, über den Boden ausgoß, und so das Feuer löschte. Der
Rauch zog langsam durch die Fenster. »Wo ist nur der Unglücksvogel,«
fragte der Oheim, indem er im Zimmer umherleuchtete. Ich wußte wohl,
welchen Vogel er meinte, und blieb mäuschenstill im Bette, bis der Oheim
hinantrat und mir mit einem zornigen: »Will Er wohl gleich heraus!« auf
die Beine half. »Steckt mir der Bösewicht das Haus über dem Kopfe an,«
fuhr der Onkel fort! Ich versicherte, auf weiteres Befragen, ganz ruhig,
daß ich auf dieselbe Weise wie der Knabe Rousseau nach dem Inhalt seiner
Bekenntnisse es getan, eine _Opera seria_ im Bett komponiert hätte, und
daß ich durchaus gar nicht wisse, wie der Brand entstanden. -- »Rousseau?
komponiert? _Opera seria?_ -- Pinsel!« -- So stotterte der Oheim vor Zorn,
und teilte mir die kräftige Ohrfeige zu, die ich als die zweite empfing,
so daß ich, vor Schreck erstarrt, sprachlos stehen blieb, und in dem
Augenblick hörte ich wie einen Nachklang des Schlages ganz deutlich:
»Ich liebte nur Ismenen« usw. usw. Sowohl gegen dieses Lied, als gegen
die Begeisterung des Komponierens überhaupt, empfand ich von diesem
Augenblick an einen lebhaften Widerwillen.
Aber wie war nur das Feuer entstanden? fragte der Geheimerat.
Noch in diesem Augenblick, erwiderte Kreisler, ist es mir
unbegreiflich, durch welchen Zufall die Gardine in Brand geriet, und
einen schönen Schlafrock des Oheims, sowie drei oder vier schön
frisierte Toupets, die der Oheim als partielle Perücken-Studien aus
einer Gesamtfrisur aufzusetzen pflegte, mit in ihr Verderben riß. Mir
ist es auch immer so vorgekommen, als habe ich nicht des unverschuldeten
Feuers, sondern nur der unternommenen Komposition halber, die Ohrfeige
erhalten. -- Seltsam genug war es die Musik allein, die zu treiben mich
der Oheim mit Strenge anhielt, unerachtet der Lehrer, getäuscht von dem
nur momentanen Widerwillen, den ich dagegen äußerte, mich für ein
durchaus unmusikalisches Prinzip hielt. Was ich übrigens lernen oder
nicht lernen mochte, das war dem Oheim völlig gleich. Äußerte er
manchmal lebhaften Unwillen, daß es so schwer hielt, mich zur Musik
anzuhalten, so hätte man denken sollen, daß er von der Freude hätte
durchdrungen sein müssen, als nach ein paar Jahren der musikalische
Geist sich so mächtig in mir regte, daß er alles übrige überflügelte,
das war aber nun wieder ganz und gar nicht der Fall. Der Oheim lächelte
bloß ein wenig, wenn er bemerkte, daß ich bald mehrere Instrumente mit
einiger Virtuosität spielte, ja daß ich manches kleine Stück aufsetzte
zur Zufriedenheit der Meister und Kenner. Ja, er lächelte bloß ein
wenig, und sprach, wenn man ihn mit Lobeserhebungen anfuhr, mit schlauer
Miene: Ja, der kleine Neveu ist närrisch genug. -- So ist es mir, nahm
der Geheimerat das Wort, aber ganz unbegreiflich, daß der Oheim Deiner
Neigung nicht Freiheit ließ, sondern Dich hineinzwang in eine andere
Laufbahn. Soviel ich nämlich weiß, ist Deine Kapellmeisterschaft eben
nicht von lange her.
Und auch nicht weit her, rief Meister Abraham lachend, und fuhr, indem
er das Bildnis eines kleinen, wunderlich gebauten Mannes an die Wand
warf, weiter fort. Aber nun muß ich mich des wackern Oheims, den mancher
verruchte Neffe den O weh Onkel nannte, weil er sich mit Vornamen
Ottfried Wenzel schrieb, ja nun muß ich mich seiner annehmen, und der
Welt versichern, daß wenn der Kapellmeister Johannes Kreisler es sich
einfallen ließ, Legationsrat zu sein und sich abzuquälen mit seiner
innersten Natur ganz widrigen Dingen, niemand weniger daran schuld ist,
als eben der O weh Onkel. -- O still davon, Meister, sprach Kreisler,
und nehmt mir dort den Oheim von der Wand, denn mocht' er auch wirklich
lächerlich genug aussehen, so mag ich doch eben heute über den Alten,
der lange im Grabe ruht, nicht lachen! --
Ihr übernehmt Euch heute ja ganz in geziemlicher Empfindsamkeit,
erwiderte der Meister; Kreisler achtete aber nicht darauf, sondern
sprach, sich zum kleinen Geheimerat wendend: Du wirst es bedauern, mich
zum Schwatzen gebracht zu haben, da ich Dir, der vielleicht das
Außerordentliche erwartete, nur Gemeines, wie es sich tausendmal im
Leben wiederholt, auftischen kann. -- So ist es auch gewiß, daß es nicht
Erziehungszwang, nicht besonderer Eigensinn des Schicksals, nein, daß es
der gewöhnlichste Lauf der Dinge war, der mich fortschob, so daß ich
unwillkürlich dort hinkam, wo ich eben nicht hin wollte. Hast du nicht
bemerkt, daß es in jeder Familie einen gibt, der sich, sei es durch
besonderes Genie, oder durch das glückliche Zusammentreffen günstiger
Ereignisse, zu einer gewissen Höhe hinaufschwang, und der nun, ein
Heros, in der Mitte des Kreises steht, zu dem die lieben Verwandten
demütig hinaufblicken, dessen gebietende Stimme vernommen wird in
entscheidenden Sprüchen, von denen keine Appellation möglich? -- So ging
es mit dem jüngern Bruder meines Oheims, der dem musikalischen
Familiennest entflohen war, und in der Residenz als geheimer
Legationsrat, in der Nähe des Fürsten, eine ziemlich wichtige Person
vorstellte. Sein Emporsteigen hatte die Familie in eine staunende
Bewunderung gesetzt, die nicht nachließ. Man nannte den Legationsrat mit
feierlichem Ernst, und wenn es hieß: der geheime Legationsrat hat
geschrieben, der geheime Legationsrat hat das und das geäußert, so
horchte alles in stummer Ehrfurcht auf. Dadurch schon seit meiner
frühesten Kindheit daran gewöhnt, den Oheim in der Residenz als einen
Mann anzusehen, der das höchste Ziel alles menschlichen Strebens
erreicht, mußte ich es natürlich finden, daß ich gar nichts anders tun
konnte, als in seine Fußtapfen treten. Das Bildnis des vornehmen Oheims
hing in dem Prunkzimmer, und keinen größern Wunsch hegte ich, als so
frisiert, so gekleidet umherzugehen, wie der Oheim auf dem Bilde. Diesen
Wunsch gewährte mein Erzieher, und ich muß wirklich, als zehnjähriger
Knabe, anmutig genug ausgesehen haben, im himmelhoch frisierten Toupet,
und kleinen zirkelrunden Haarbeutel, im zeisiggrünen Rock mit schmaler
silberner Stickerei, seidenen Strümpfen und kleinem Degen. Dies
kindische Streben ging tiefer ein, als ich älter worden, da, um mir Lust
zur trockensten Wissenschaft einzuflößen, es genügte, mir zu sagen, dies
Studium sei mir nötig, damit ich, dem Oheim gleich, dereinst
Legationsrat werden könne. Daß die Kunst, welche mein Inneres erfüllte,
mein eigentliches Streben, die wahre einzige Tendenz meines Lebens sein
dürfe, fiel mir um so weniger ein, als ich gewohnt war, von Musik,
Malerei, Poesie, nicht anders reden zu hören, als von ganz angenehmen
Dingen, die zur Erheiterung und Belustigung dienen könnten. Die
Schnelle, mit der ich, ohne daß sich jemals auch nur ein einziges
Hindernis offenbart hätte, durch mein erlangtes Wissen, und durch den
Vorschub des Oheims in der Residenz, in der Laufbahn, die ich
gewissermaßen selbst gewählt, vorwärts schritt, ließ mir keinen Moment
übrig, mich umzuschauen, und die schiefe Richtung des Weges, den ich
genommen, wahrzunehmen. Das Ziel war erreicht, umzukehren nicht mehr
möglich, als in einem nicht geahnten Moment die Kunst sich rächte, der
ich abtrünnig worden, als der Gedanke eines ganzen verlornen Lebens mich
mit trostlosem Weh erfaßte, als ich mich in Ketten geschlagen sah, die
mir unzerbrechlich dünkten! --
Glückselig, heilbringend also die Katastrophe, rief der Geheimerat, die
Dich aus den Fesseln befreite!
Sage das nicht, erwiderte Kreisler, zu spät trat die Befreiung ein. Mir
geht es, wie jenem Gefangenen, der, als er endlich befreit wurde, dem
Getümmel der Welt, ja dem Licht des Tages, so entwöhnt war, daß er,
nicht vermögend der goldnen Freiheit zu genießen, sich wieder
zurücksehnte in den Kerker.
Das ist, nahm Meister Abraham das Wort, nun eine von Euern konfusen
Ideen, Johannes, mit denen Ihr Euch und andere plagt! -- Geht! geht!
-- Immer hat es das Schicksal mit Euch gut gemeint, aber daß Ihr nun
einmal nicht im gewöhnlichen Trott bleiben könnt, daß Ihr rechts, links
hinausspringt aus dem Wege, daran ist niemand schuld als Ihr selbst.
Recht habt Ihr indessen wohl, daß, was Eure Knabenjahre betrifft, Euer
Stern besonders waltete, und -- --
Zweiter Abschnitt.
Lebenserfahrungen des Jünglings. Auch ich war in Arkadien.
=(M. f. f.)= -- »Närrisch genug und zugleich ungemein merkwürdig wär' es
doch, sprach eines Tages mein Meister zu sich selbst, wenn der kleine
graue Mann dort unter dem Ofen wirklich die Eigenschaften besitzen
sollte, die der Professor ihm andichten will! -- Hm! ich dächte, er
könnte mich dann reich machen, mehr als mein unsichtbares Mädchen es
getan. Ich sperrt' ihn ein in einen Käficht, er müßte seine Künste
machen vor der Welt, die reichlichen Tribut dafür gern zahlen würde. Ein
wissenschaftlich gebildeter Kater will doch immer mehr sagen, als ein
frühreifer Junge, dem man die Exercitia eingetrichtert. Überdem erspart'
ich mir einen Schreiber! -- Ich muß dem Dinge näher auf die Spur
kommen!«
Ich gedachte, als ich des Meisters verfängliche Worte vernahm, der
Warnung meiner unvergeßlichen Mutter Mina, und wohl mich hütend, auch
nur durch das geringste Zeichen zu verraten, daß ich den Meister
verstanden, nahm ich mir fest vor, auf das sorgfältigste meine Bildung
zu verbergen. Ich las und schrieb daher nur des Nachts, und erkannte
auch dabei mit Dank die Güte der Vorsehung, die meinem verachteten
Geschlechte manchen Vorzug vor den zweibeinigen Geschöpfen, die sich,
Gott weiß warum, die Herren der Schöpfung nennen, gegeben hat.
Versichern kann ich nämlich, daß ich bei meinen Studien weder des
Lichtziehers noch des Ölfabrikanten bedurfte, da der Phosphor meiner
Augen hell leuchtet in der finstersten Nacht. Gewiß ist es daher auch,
daß meine Werke erhaben sind über den Vorwurf, der irgendeinem
Schriftsteller aus der alten Welt gemacht wurde, daß nämlich die
Erzeugnisse seines Geistes nach der Lampe röchen. Doch innig überzeugt
von der hohen Vortrefflichkeit, mit der mich die Natur begabt hat, muß
ich doch gestehen, daß alles hienieden gewisse Unvollkommenheiten in
sich trägt, die wieder ein gewisses abhängiges Verhältnis verraten. Von
den leiblichen Dingen, die die Ärzte nicht natürlich nennen, unerachtet
sie mir eben recht natürlich dünken, will ich gar nicht reden, sondern
nur rücksichts unseres psychischen Organismus bemerken, daß sich auch
darin jene Abhängigkeit recht deutlich offenbaret. Ist es nicht ewig
wahr, daß unsern Flug oft Bleigewichte hemmen, von denen wir nicht
wissen, was sie sind, woher sie kommen, wer sie uns angehängt?
Doch besser und richtiger ist es wohl, wenn ich behaupte, daß alles Übel
vom bösen Beispiel herrührt, und daß die Schwäche unserer Natur
lediglich darin liegt, daß wir dem bösen Beispiel zu folgen gezwungen
sind. Überzeugt bin ich auch, daß das menschliche Geschlecht recht
eigentlich dazu bestimmt ist, dies böse Beispiel zu geben.
Bist du geliebter Katerjüngling, der du dieses liesest, nicht einmal in
deinem Leben in einen Zustand geraten, der, dir selbst unerklärlich, dir
überall die bittersten Vorwürfe und vielleicht auch -- einige tüchtige
Bisse deiner Kumpane zuzog? Du warst träge, zänkisch, ungebärdig,
gefräßig, fandest an nichts Gefallen, warst immer da, wo du nicht sein
solltest, fielst allen zur Last, kurz, warst ein ganz unausstehlicher
Bursche! -- Tröste dich o Kater! Nicht aus deinem eigentlichen, tiefern
Innern formte sich diese heillose Periode deines Lebens, nein, es war
der Zoll, den du dem über uns waltenden Prinzip dadurch darbrachtest,
daß auch du dem bösen Beispiel der Menschen, die diesen vorübergehenden
Zustand eingeführt haben, folgtest. Tröste dich o Kater! denn auch mir
ist es nicht besser ergangen!
Mitten in meinen Lukubrationen überfiel mich eine Unlust -- eine Unlust
gleichsam der Übersättigung von unverdaulichen Dingen, so daß ich ohne
weiteres auf demselben Buch, worin ich gelesen, auf demselben
Manuskript, woran ich geschrieben, mich zusammenkrümmte und einschlief.
Immer mehr und mehr nahm diese Trägheit zu, so daß ich zuletzt nicht
mehr schreiben, nicht mehr lesen, nicht mehr springen, nicht mehr
laufen, nicht mehr mit meinen Freunden im Keller, auf dem Dache, mich
unterhalten mochte. Statt dessen fühlte ich einen unwiderstehlichen
Trieb, alles das zu tun, was dem Meister, was den Freunden nie angenehm
sein, womit ich ihnen beschwerlich fallen mußte. Was den Meister
anlangt, so begnügte er, lange Zeit hindurch, sich damit, mich
fortzujagen, wenn ich zu meiner Lagerstätte immer Plätze erkor, wo er
mich durchaus nicht leiden konnte, bis er endlich genötigt wurde, mich
etwas zu prügeln. Immer wieder auf des Meisters Schreibtisch gesprungen,
hatt' ich nämlich so lange hin und her geschwänzelt, bis die Spitze
meines Schweifes in das große Tintenfaß geraten, mit der ich nun auf
Boden und Kanapee die schönsten Malereien ausführte. Das brachte den
Meister, der keinen Sinn für dieses Genre der Kunst zu haben schien, in
Harnisch. Ich flüchtete auf den Hof; aber beinah noch schlimmer ging es
mir dort. Ein großer Kater von Ehrfurcht gebietendem Ansehen, hatte
längst sein Mißfallen über mein Betragen geäußert; jetzt, da ich ihm
freilich tölpischerweise einen guten Bissen, den er zu verzehren eben im
Begriff, vor dem Maule wegschnappen wollte, gab er mir ohne Umstände
eine solche Menge Ohrfeigen von beiden Seiten, daß ich ganz betäubt
wurde und mir beide Ohren bluteten. -- Irre ich nicht, so war der
würdige Herr mein Oheim, denn Minas Züge strahlten aus seinem Antlitz,
und die Familienähnlichkeit des Barts unleugbar. -- Kurz, ich gestehe,
daß ich mich in dieser Zeit in Unarten erschöpfte, so daß der Meister
sprach: ich weiß gar nicht, was dir ist, Murr! ich glaube am Ende, du
bist jetzt in die Lümmeljahre getreten! Der Meister hatte recht, es war
meine verhängnisvolle Lümmelzeit, die ich überstehen mußte, nach dem
bösen Beispiel der Menschen, die, wie gesagt, diesen heillosen Zustand,
als durch ihre tiefste Natur bedingt, eingeführt haben. =Lümmeljahre=
nennen sie diese Periode, unerachtet mancher Zeit seines Lebens nicht
herauskommt; unsereins kann nur von Lümmelwochen reden, und ich
meinerseits kam nun auf einmal heraus, mittels eines starken Rucks, der
mir ein Bein oder ein paar Rippen hätte kosten können. Eigentlich =sprang=
ich heraus aus den Lümmelwochen auf vehemente Weise.
Ich muß sagen, wie sich das begab:
Auf dem Hofe der Wohnung meines Meisters stand eine inwendig reich
ausgepolsterte Maschine auf vier Rädern, wie ich nachher einsehen
lernte, ein englischer Halbwagen. Nichts war in meiner damaligen
Stimmung natürlicher, als daß mir die Lust ankam, mit Mühe hinauf zu
klettern und hinein zu kriechen in diese Maschine. Ich fand die darin
befindlichen Kissen so angenehm, so anlockend, daß ich nun die mehrste
Zeit in den Polstern des Wagens verschlief, verträumte.
Ein heftiger Stoß, dem ein Knattern, Klirren, Brausen, wirres Lärmen
folgte, weckte mich, als eben süße Bilder von Hasenbraten und
dergleichen vor meiner Seele vorübergingen. Wer schildert meinen jähen
Schreck, als ich wahrnahm, daß die ganze Maschine sich mit
ohrbetäubendem Getöse fortbewegte, mich hin und her schleudernd auf
meinen Polstern. Die immer steigende und steigende Angst wurde
Verzweiflung, ich wagte den entsetzlichen Sprung heraus aus der
Maschine, ich hörte das wiehernde Hohngelächter höllischer Dämonen, ich
hörte ihre barbarischen Stimmen: Katz -- Katz, huz, huz! hinter mir her
kreischen, sinnlos rannte ich in voller Furie von dannen, Steine flogen
mir nach, bis ich endlich hineingeriet in ein finsteres Gewölbe, und
ohnmächtig niedersank.
Endlich war es mir, als höre ich hin und her gehen über meinem Haupte,
und schloß aus dem Schall der Tritte, da ich wohl schon Ähnliches
erfahren, daß ich mich unter einer Treppe befinden müsse. Es war dem so.
Als ich nun aber herausschlich, Himmel! da dehnten sich überall
unabsehbare Straßen vor mir aus, und eine Menge Menschen, von denen ich
nicht einen einzigen kannte, wogte vorüber. Kam noch hinzu, daß Wagen
rasselten, Hunde laut bellten, ja, daß zuletzt eine ganze Schar, deren
Waffen in der Sonne blitzten, die Straße einengte; daß dicht bei mir
einer urplötzlich so ganz erschrecklich auf eine große Trommel schlug,
daß ich unwillkürlich drei Ellen hoch aufsprang, ja, so konnte es nicht
fehlen, daß eine seltsame Angst meine Brust erfüllte. Ich merkte nun
wohl, daß ich mich in der Welt befand, in der Welt, die ich aus der
Ferne von meinem Dache erblickt, oft nicht ohne Sehnsucht, ohne
Neugierde, ja, mitten in dieser Welt stand ich nun, ein unerfahrner
Fremdling. Behutsam spazierte ich dicht an den Häusern die Straße
entlang, und begegnete endlich ein paar Jünglingen meines Geschlechts.
Ich blieb stehen, ich versuchte ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, aber
sie begnügten sich, mich mit funkelnden Augen anzuglotzen, und sprangen
dann weiter. »Leichtsinnige Jugend« dacht' ich, du weißt nicht, wer es
war, der dir in den Weg trat! -- so gehen große Geister durch die Welt,
unerkannt, unbeachtet. -- Das ist das Los sterblicher Weisheit! -- Ich
rechnete auf größere Teilnahme bei den Menschen, sprang auf einen
hervorragenden Kellerhals, und stieß manches fröhliche, wie ich glaubte,
anlockende Miau aus; aber kalt, ohne Teilnahme, kaum sich nach mir
umblickend, gingen alle vorüber. Endlich gewahrte ich einen hübschen,
blondgelockten Knaben, der mich freundlich ansah, und, mit den Fingern
schnalzend, rief: Mies -- Mies! -- Schöne Seele, du verstehst mich
endlich! dacht' ich, sprang herab, und nahte mich ihm freundlich
schnurrend. Er fing mich an zu streicheln, aber indem ich glaubte, mich
dem freundlichen Gemüt ganz hingeben zu können, kniff er mich dermaßen
in den Schwanz, daß ich vor rasendem Schmerz aufschrie. =Das= eben schien
dem tückischen Bösewicht rechte Freude zu machen; denn er lachte laut,
hielt mich fest, und versuchte das höllische Manöver zu wiederholen. Da
faßte mich der tiefste Ingrimm, von dem Gedanken der Rache durchflammt,
grub ich meine Krallen tief in seine Hände, in sein Gesicht, so daß er
aufkreischend mich fahren ließ. Aber in dem Augenblick hörte ich auch
rufen: -- Tyras -- Kartusch -- hez hez! -- Und laut blaffend setzten
zwei Hunde hinter mir her. -- Ich rannte, bis mir der Atem verging, sie
waren mir auf den Fersen -- keine Rettung. -- Blind vor Angst fuhr ich
hinein in das Fenster eines Erdgeschosses, daß die Scheiben
zusammenklirrten, und ein paar Blumentöpfe, die auf der Fensterbank
gestanden, krachend hineinfielen in das Stübchen. Erschrocken fuhr eine
Frau, die an einem Tisch sitzend arbeitete, in die Höhe, rief dann:
»Seht die abscheuliche Bestie,« ergriff einen Stock, und ging auf mich
los. Aber meine zornglühenden Augen, meine ausgestreckten Krallen, das
Geheul der Verzweiflung, das ich ausstieß, hielten sie zurück, so daß,
wie es in jenem Trauerspiel heißt, der zum Schlagen aufgehobene Stock in
der Luft gehemmt schien, und sie da stand, ein gemalter Wütrich,
parteilos zwischen Kraft und Willen! -- In dem Augenblick ging die Türe
auf, schnellen Entschluß fassend, schlüpfte ich dem eintretenden Mann
zwischen den Beinen durch, und war so glücklich, mich aus dem Hause
herauszufinden auf die Straße.
Ganz erschöpft, ganz entkräftigt, gelangte ich endlich zu einem einsamen
Plätzchen, wo ich mich ein wenig niederlassen konnte. Da fing aber der
wütendste Hunger an, mich zu peinigen, und ich gedachte nun erst mit
tiefem Schmerz des guten Meisters Abraham, von dem mich ein hartes
Schicksal getrennt. Aber, wie ihn wiederfinden! -- Ich blickte wehmütig
umher, und als ich keine Möglichkeit sah, den Weg zur Rückkehr zu
erforschen, traten mir die blanken Tränen in die Augen.
Doch neue Hoffnung ging in mir auf, als ich an der Ecke der Straße ein
junges, freundliches Mädchen wahrnahm, die vor einem kleinen Tische saß,
vor dem die appetitlichsten Bröte und Würste lagen. Ich näherte mich
langsam, sie lächelte mich an, und um mich ihr gleich als einen Jüngling
von guter Erziehung, von galanten Sitten darzustellen, machte ich einen
höheren, schöneren Katzenbuckel als jemals. Ihr Lächeln wurde lautes
Lachen. »Endlich eine schöne Seele, ein teilnehmendes Herz gefunden! -- O
Himmel, wie tut das wohl der wunden Brust!« So dachte ich, und langte
mir eine von den Würsten herab, aber in demselben Nu schrie auch das
Mädchen laut auf, und hätte mich der Schlag, den sie mit einem derben
Stück Holz nach mir führte, getroffen, in der Tat, weder die Wurst, die
ich mir im Vertrauen auf die Loyalität, auf die menschenfreundliche
Tugend des Mädchens, herabgelangt, noch irgendeine andere, hätte ich
jemals mehr genossen. Meine letzte Kraft setzte ich daran, der Unholdin,
die mich verfolgte, zu entrinnen. Das gelang mir, und ich erreichte
endlich einen Platz, wo ich die Wurst in Ruhe verzehren konnte.
Nach dem frugalen Mahle kam viel Heiterkeit in mein Gemüt, und da eben
die Sonne mir warm auf den Pelz schien, so fühlte ich lebhaft, daß es
doch schön sei auf dieser Erde. Als aber dann die kalte, feuchte Nacht
einbrach, als ich kein weiches Lager fand wie bei meinem guten Meister,
als ich, vor Frost starrend, vom Hunger auf's neue gepeinigt, am andern
Morgen erwachte, da überfiel mich eine Trostlosigkeit, die an
Verzweiflung grenzte. »Das ist« (so brach ich aus in laute Klagen) also
die Welt, in die du dich hineinsehntest von dem heimatlichen Dache?
-- Die Welt, wo du Tugend zu finden hofftest, und Weisheit, und die
Sittlichkeit der höhern Ausbildung! -- O diese herzlosen Barbaren!
-- Worin besteht ihre Kraft als im Prügeln? Worin ihr Verstand, als in
hohnlachender Verspottung? Worin ihr ganzes Treiben, als in
scheelsüchtiger Verfolgung tieffühlender Gemüter? -- O fort -- fort aus
dieser Welt voll Gleisnerei und Trug! -- Nimm mich auf in deine kühlen
Schatten, süßer heimatlicher Keller! -- O Boden -- Ofen -- o Einsamkeit,
die mich erfreut, nach dir mein Herz, sich sehnt mit Schmerz! --
Der Gedanke meines Elends, meines hoffnungslosen Zustandes, übermannte
mich. Ich kniff die Augen zu, und weinte sehr.
Bekannte Töne schlugen an mein Ohr. »Murr -- Murr! -- geliebter Freund,
wo kommst du her? Was ist mit dir geschehen?«
Ich schlug die Augen auf -- der junge Ponto stand vor mir!
So sehr mich Ponto auch gekränkt hatte, doch war mir seine unverhoffte
Erscheinung tröstlich. Ich vergaß die Unbill, die er mir angetan,
erzählte ihm, wie sich alles mit mir begeben, stellte ihm unter vielen
Tränen meine traurige, hülflose Lage vor, schloß damit, ihm zu klagen,
daß mich ein tötender Hunger quäle.
Statt mir, wie ich geglaubt, seine Teilnahme zu bezeigen, brach der
junge Ponto in ein schallendes Gelächter aus. Bist du nicht, sprach er
dann, ein ausgemachter törichter Geck, lieber Murr? -- Erst setzt sich
der Hase in eine Halbchaise hinein, wo er nicht hingehört, schläft ein,
erschrickt, als er weggefahren wird, springt hinaus in die Welt, wundert
sich gar mächtig, daß ihn, der kaum vor die Türe seines Hauses geguckt,
niemand kennt, daß er mit seinen dummen Streichen überall schlecht
ankommt, und ist dann so einfältig, nicht einmal den Rückweg finden zu
können zu seinem Herrn. -- Sieh Freund Murr, immer hast du geprahlt mit
deiner Wissenschaft, mit deiner Bildung, immer hast du vornehm getan
gegen mich, und nun sitzest du da, verlassen, trostlos, und all' die
großen Eigenschaften deines Geistes reichen nicht hin, dich zu belehren,
wie du es anfangen mußt, deinen Hunger zu stillen, und nach Hause
zurückzufinden zu deinem Meister! -- Und wenn sich nun der, den du tief
unter dir glaubtest, nicht deiner annimmt, so stirbst du zuletzt eines
elendiglichen Todes, und keine sterbliche Seele frägt was nach deinem
Wissen, nach deinem Talent, und keiner von den Dichtern, denen du dich
befreundet glaubtest, setzt ein freundliches: _Hic jacet!_ auf die Stelle,
wo du aus lauter Kurzsichtigkeit verschmachtetest! -- Siehst du, daß ich
wohl auch durch die Schule gelaufen bin und lateinische Brocken
einmischen kann, trotz einem? -- Aber du hungerst, armer Kater, und
diesem Bedürfnis muß zuerst abgeholfen werden, komm nur mit mir.
Der junge Ponto hüpfte fröhlich vorauf, ich folgte niedergeschlagen,
ganz zerknirscht über seine Reden, die mir in meiner hungrigen Stimmung
viel Wahres zu enthalten schienen. Doch wie erschrak ich als --
=(Mak.-Bl.)= -- für den Herausgeber dieser Blätter das angenehmste
Ereignis von der Welt, daß er das ganze merkwürdige Gespräch Kreislers
mit dem kleinen Geheimerat brühwarm wieder erfuhr. Dadurch wurde er in
den Stand gesetzt, Dir, geliebter Leser, wenigstens ein paar Bilder aus
der frühern Jugendzeit des seltnen Mannes, dessen Biographie er
aufzuschreiben gewissermaßen genötigt, vor die Augen zu bringen, und er
vermeint, daß, was Zeichnung und Kolorit betrifft, diese Bilder wohl für
charakteristisch und bedeutsam genug gelten können. Wenigstens mag man
nach dem, was Kreisler von Tante Füßchen und ihrer Laute erzählt, nicht
daran zweifeln, daß die Musik mit all' ihrer wunderbaren Wehmut, mit
all' ihrem Himmelsentzücken, recht in die Brust des Knaben mit tausend
Adern verwuchs, und nicht zum Verwundern mag's darum auch sein, daß eben
dieser Brust, wird sie nur leise verwundet, gleich heißes Herzblut
entquillt. Auf zwei Momente aus dem Leben des geliebten Kapellmeisters
war bemeldeter Herausgeber besonders begierig, ja wie man zu sagen
pflegt, ganz versessen. Nämlich, auf welche Weise Meister Abraham in die
Familie geriet und einwirkte auf den kleinen Johannes, und welche
Katastrophe den ehrlichen Kreisler aus der Residenz warf und umstempelte
zum Kapellmeister, welches er hätte von Haus aus sein sollen, wiewohl
man der ewigen Macht trauen darf, die jeden zu rechter Zeit an die
rechte Stelle setzt. Manches ist darüber ausgemittelt worden, welches Du
o Leser! sogleich erfahren sollst.
Fürs erste ist gar nicht daran zu zweifeln, daß zu Göniönesmühl, wo
Johannes Kreisler geboren und erzogen wurde, es einen Mann gab, der in
seinem ganzen Wesen, in allem, was er unternahm, seltsam und
eigentümlich erschien. Überhaupt ist das Städtlein Göniönesmühl seit
jeher das wahre Paradies aller Sonderlinge gewesen, und Kreisler wuchs
auf, umgeben von den seltsamsten Figuren, die einen desto stärkern
Eindruck auf ihn machen mußten, als er wenigstens während der Knabenzeit
mit seinesgleichen keinen Umgang pflegte. Jener Mann trug aber mit einem
bekannten Humoristen gleichen Namen, denn er hieß Abraham Liscov und war
ein Orgelbauer, welches Metier er bisweilen tief verachtete, so daß man
nicht recht wußte, was er eigentlich wollte.
So wie Kreisler erzählt, wurde in der Familie von dem Herrn Liscov
immer mit hoher Bewunderung gesprochen. Man nannte ihn den
geschicktesten Künstler, den es geben könne, und bedauerte nur, daß
seine tollen Grillen, seine ausgelassenen Einfälle ihn von jedermann
entfernt hielten. Als einen besondern Glücksfall rühmte dieser, jener,
daß Herr Liscov wirklich da gewesen und seinen Flügel neu befiedert und
gestimmt habe. Eben von Liscov's phantastischen Streichen wurde dann
auch manches erzählt, welches auf den kleinen Johannes ganz besonders
wirkte, so daß er sich von dem Mann, ohne ihn zu kennen, ein ganz
bestimmtes Bild entwarf, sich nach ihm sehnte und als der Oheim
versicherte, Herr Liscov würde vielleicht kommen und den schadhaften
Flügel reparieren, jeden Morgen fragte, ob Herr Liscov denn nicht
endlich erscheinen werde. Dieses Interesse des Knaben für den
unbekannten Herrn Liscov steigerte sich aber bis zur höchsten
anstaunenden Ehrfurcht, als er in der Hauptkirche, die der Oheim in der
Regel nicht zu besuchen pflegte, zum erstenmal die mächtigen Töne der
großen schönen Orgel vernahm, und als der Oheim ihm sagte, niemand
anders, als eben Herr Abraham Liscov habe dies herrliche Werk
verfertigt. Von diesem Augenblick an verschwand auch das Bild, das
Johannes sich von Herrn Liscov entworfen, und ein ganz anderes trat an
seine Stelle. Herr Liscov mußte nach des Knaben Meinung ein großer,
schöner Mann sein, von stattlichem Ansehen, hell und stark sprechen, und
vor allen Dingen einen pflaumfarbnen Rock tragen, mit breiten goldnen
Tressen wie der Pate Kommerzienrat, der so gekleidet ging, und vor
dessen reicher Tracht der kleine Johannes den tiefsten Respekt hegte.
Als eines Tages der Oheim mit Johannes am offnen Fenster stand, kam ein
kleiner hagerer Mann die Straße herab geschossen, in einem Rockelor von
hellgrünem Berkan, dessen offne Ärmelklappen seltsam im Winde auf und
nieder flatterten. Dazu hatte er ein kleines dreieckiges Hütchen
martialisch auf die weißgepuderte Frisur gedrückt, und ein zu langer
Haarzopf schlängelte sich herab über den Rücken. Er trat hart auf, daß
das Straßenpflaster dröhnte, und stieß auch bei jedem zweiten Schritt
mit dem langen spanischen Rohr, das er in der Hand trug, heftig auf den
Boden. Als der Mann vor dem Fenster vorbeikam, warf er aus seinen
funkelnden pechschwarzen Augen dem Oheim einen stechenden Blick zu, ohne
seinen Gruß zu erwidern. Dem kleinen Johannes bebte es eiskalt durch
alle Glieder, und zugleich war es ihm zu Mute, als müsse er über den
Mann entsetzlich lachen, und könne nur nicht dazu kommen, weil ihm die
Brust so beengt. »Das war der Herr Liscov«, sprach der Oheim; »das wußte
ich ja,« erwiderte Johannes, und er mochte recht haben. Weder ein großer
stattlicher Mann war Herr Liscov, noch trug er einen pflaumfarbnen Rock
mit goldnen Tressen, wie der Pate Kommerzienrat; seltsam, ja wunderbar
genug begab es sich aber, daß Herr Liscov ganz genau so aussah, wie der
Knabe sich ihn früher gedacht hatte, ehe er das Orgelwerk vernommen.
Noch hatte sich Johannes nicht von seinem Gefühl erholt, das dem eines
jähen Schrecks zu vergleichen, als Herr Liscov plötzlich still stand,
sich umdrehte, die Straße entlang hinanpolterte, bis vor das Fenster,
dem Oheim eine tiefe Verbeugung machte, davon rannte unter lautem
Gelächter.
Ist das wohl, sprach der Oheim, ein Betragen für einen gesetzten Mann,
der in den Studiis nicht unerfahren, der als privilegierter Orgelbauer
zu den Künstlern zu rechnen, und dem Gesetze des Landes verstatten einen
Degen zu tragen? Sollte man nicht vermeinen, er habe schon am lieben
frühen Morgen zu tief ins Glas geguckt, oder sei dem Tollhause
entsprungen? Aber ich weiß es, nun wird er herkommen und den Flügel in
Ordnung bringen.
Der Oheim hatte recht. Schon andern Tages war Herr Liscov da, aber statt
die Reparatur des Flügels vorzunehmen, verlangte er, der kleine Johannes
sollte ihm vorspielen. Dieser wurde auf den mit Büchern bepackten Stuhl
gesetzt, Herr Liscov ihm gegenüber am schmalen Ende des Flügels, stützte
beide Arme auf das Instrument, und sah dem Kleinen starr ins Antlitz,
welches ihn dermaßen außer Fassung brachte, daß die Menuetts, die Arien,
die er aus dem alten Notenbuche abspielte, holpricht genug gingen. Herr
Liscov blieb ernst, aber plötzlich rutschte der Knabe herab, und versank
unter des Flügels Gestell, worüber der Orgelbauer, der ihm mit einem
Ruck die Fußbank unter den Füßen weggezogen, eine unmäßige Lache
aufschlug. Beschämt rappelte sich der Knabe hervor, doch in dem
Augenblick saß Herr Liscov auch schon vor dem Flügel, hatte einen Hammer
hervorgezogen, und hämmerte auf das arme Instrument so unbarmherzig los,
als wolle er alles in tausend Stücke schlagen. »Herr Liscov sind Sie von
Sinnen!« schrie der Onkel, aber der kleine Johannes, ganz entrüstet,
ganz außer sich über des Orgelbauers Beginnen, stemmte sich mit aller
Gewalt gegen den Deckel des Instruments, so, daß er mit lautem Krachen
zuschlug, und Herr Liscov schnell den Kopf zurückziehen mußte, um nicht
getroffen zu werden. Dann rief er: Ei lieber Onkel, das ist nicht der
geschickte Künstler, der die schöne Orgel gebaut hat, er kann es nicht
sein, denn dieser hier ist ja ein alberner Mensch, der sich beträgt wie
ein ungezogner Bube!
Der Oheim verwunderte sich über die Dreistigkeit des Knaben; aber Herr
Liscov sah ihn lange starr an, sprach: »Er ist wohl ein kurioser
Monsieur!« öffnete leise und behutsam den Flügel, zog Instrumente
hervor, begann seine Arbeit, die er in paar Stunden beendete, ohne ein
einziges Wort zu sprechen.
Seit diesem Augenblick zeigte sich des Orgelbauers entschiedene
Vorliebe für den Knaben. Beinahe täglich kam er ins Haus, und wußte den
Knaben bald für sich zu gewinnen, indem er ihm eine ganze neue bunte
Welt erschloß, in der sich sein reger Geist mutiger und freier bewegen
konnte. Eben nicht löblich war es, daß Liscov, vorzüglich als Johannes
schon in Jahren mehr vorgerückt, den Knaben anregte zu den seltsamsten
Foppereien, die oft gegen den Oheim selbst gerichtet waren, der
freilich, beschränkten Verstandes, und voll der lächerlichsten
Eigenheiten, dazu reichen Anlaß bot. Gewiß ist es aber, daß, wenn
Kreisler über die trostlose Verlassenheit in seinen Knabenjahren klagt,
wenn er das zerrissene Wesen, das ihn oft in seiner innersten Natur
verstört, jener Zeit zuschreibt, wohl das Verhältnis mit dem Oheim in
Anschlag zu bringen ist. Er konnte den Mann, der Vaterstelle zu
vertreten berufen, und der ihm mit seinem ganzen Tun und Wesen
lächerlich erscheinen mußte, nicht achten.
Liscov wollte den Johannes ganz an sich reißen, und es wäre ihm
gelungen, hätte sich nicht des Knaben edlere Natur dagegen gesträubt.
Ein durchdringender Verstand, ein tiefes Gemüt, eine ungewöhnliche
Erregbarkeit des Geistes, alles das waren anerkannte Vorzüge des
Orgelbauers. Was man aber Humor zu nennen beliebte, war nicht jene
seltne wunderbare Stimmung des Gemüts, die aus der tieferen Anschauung
des Lebens in all' seinen Bedingnissen, aus dem Kampf der feindlichsten
Prinzipe sich erzeugt, sondern nur das entschiedene Gefühl des
Ungehörigen, gepaart mit dem Talent, es ins Leben zu schaffen, und der
Notwendigkeit der eignen bizarren Erscheinung. Dies war die Grundlage
des verhöhnenden Spottes, den Liscov überall ausströmen ließ, der
Schadenfreude, mit der er alles als ungehörig Erkannte rastlos verfolgte
bis in die geheimsten Winkel. Eben diese schadenfrohe Verspottung
verwundete des Knaben zartes Gemüt, und stand dem innigsten Verhältnis,
wie es der in wahrhafter innerer Gesinnung väterliche Freund
herbeigeführt haben würde, entgegen. Zu leugnen ist aber auch nicht, daß
der wunderliche Orgelbauer recht dazu geeignet war, den Keim des tiefern
Humors, der in des Knaben Innern lag, zu hegen und zu pflegen, der denn
auch sattsam gedieh und emporwuchs. --
Herr Liscov pflegte viel von Johannes Vater zu erzählen, dessen
vertrautester Freund er in seinen Jünglingsjahren gewesen, zum Nachteil
des erziehenden Oheims, der merklich in den Schatten trat, wenn der
Bruder in hellem Sonnenlicht erschien. So rühmte auch eines Tages der
Orgelbauer den tiefen musikalischen Sinn des Vaters, und verspottete die
verkehrte Art, wie der Oheim dem Knaben die ersten Elemente der Musik
beigebracht. Johannes, dessen ganze Seele durchdrungen war von dem
Gedanken an den, der ihm der Nächste gewesen, und den er nie gekannt,
wollte immer noch mehr hören. Da verstummte aber Liscov plötzlich, und
sah, wie einer, dem irgendein das Leben erfassender Gedanke vor die
Seele tritt, starr zum Boden nieder.
Was ist Euch Meister, fragte Johannes, was bewegt Euch so?
Liscov fuhr auf, wie aus einem Traum, und sprach lächelnd Weißt Du noch
Johannes! wie ich Dir die Fußbank wegzog unter den Beinen, und Du
hinabschobst unter den Flügel, da Du mir des Oheims abscheuliche Murkis
und Menuetten vorspielen mußtest?
Ach, erwiderte Johannes, wie ich Euch zum ersten Male sah, daran mag ich
gar nicht denken. Es machte Euch gerade Spaß, ein Kind zu betrüben.
Und das Kind, nahm Liscov das Wort, war dafür tüchtig grob. Doch
nimmermehr hätt' ich damals geglaubt, daß in Euch ein solch tüchtiger
Musiker verborgen, und darum, Söhnlein, tu mir den Gefallen und spiele
mir einen ordentlichen Choral vor auf dem papiernen Positiv. Ich will
den Balg treten.
-- Es ist hier nachzuholen, daß Liscov großen Geschmack fand an allerlei
wunderlichen Spielereien, und den Johannes damit sehr ergötzte. Schon,
als Johannes noch ein Kind, pflegte Liscov bei jedem Besuch ihm irgend
etwas Seltsames mitzubringen.
Empfing das Kind bald einen Apfel, der in hundert Stücke zerfiel, wenn
er abgeschält wurde, oder irgendein seltsam geformtes Backwerk, so wurde
der erwachsene Knabe bald mit diesem, bald mit jenem überraschenden
Kunststück aus der natürlichen Magie erfreut, so half der Jüngling
optische Maschinen bauen, sympathetische Tinten kochen usw. An der
Spitze der mechanischen Künsteleien, die der Orgelbauer für den Johannes
verfertigte, stand aber ein Positiv mit achtfüßigem Gedackt, dessen
Pfeifen von Papier geformt, das mithin jenem Kunstwerk des alten
Orgelbauers aus dem siebzehnten Jahrhundert, Eugenius Casparini
geheißen, glich, welches in der kaiserlichen Kunstkammer in Wien zu
sehen. Liscovs seltsames Instrument hatte einen Ton, dessen Stärke und
Anmut unwiderstehlich hinriß, und Johannes versichert noch, daß er
niemals darauf spielen können, ohne in die tiefste Bewegung zu geraten,
und daß ihm dabei manche wahrhaft fromme Kirchenmelodie hell
aufgegangen. --
Auf diesem Positiv mußte Johannes nun dem Orgelbauer vorspielen.
Nachdem er, wie Liscov verlangt, ein paar Choräle gespielt, fiel er in
den Hymnus: _Misericordias Domini cantabo,_ den er vor wenigen Tagen
gesetzt. -- Da Johannes geendet, so sprang Liscov auf, drückte ihn
stürmisch an die Brust, rief laut lachend: Hasenfuß, was foppst Du mich
mit Deiner lamentablen Cantilena? Wär' ich nicht immer und ewig Dein
Kalkant gewesen, nichts Vernünftiges hättest Du jemals herausgebracht.
-- Aber nun renne ich fort, und lasse Dich im Stich ganz und gar, und Du
magst Dir in der Welt einen andern Kalkanten suchen, der es mit Dir so
gut meint als ich! Dabei standen ihm die hellen Tränen in den Augen. Er
sprang zur Türe hinaus, die er sehr heftig zuschlug. Dann steckte er
aber nochmals den Kopf hinein und sprach sehr weich: Es kann nun einmal
nicht anders sein. -- Adieu Johannes! -- Wenn der Oheim seine
rotgeblümte Gros de Tours Weste vermißt, so sage nur, ich hätte sie
gestohlen, und ließe mir daraus einen Turban machen, um dem Groß-Sultan
vorgestellt zu werden! -- Adieu Johannes! -- Kein Mensch konnte
begreifen, warum Herr Liscov so plötzlich die angenehme Stadt
Göniönesmühl verlassen, warum er niemanden entdeckt, wohin er sich zu
wenden entschlossen.
Der Oheim sprach: Längst hab' ich vermutet, daß der unruhige Geist sich
auf und davon machen würde, denn er hält es, unerachtet er schöne Orgeln
verfertigt, doch nicht mit dem Spruch: Bleibe im Lande und nähre dich
redlich! -- Es ist nur gut, daß unser Flügel im Stande; nach dem
überspannten Menschen selbst frag' ich nicht viel! -- Anders dachte wohl
Johannes, dem Liscov überall fehlte, und dem nun ganz Göniönesmühl ein
totes, düstres Gefängnis dünkte.
So kam es, daß er den Rat des Orgelbauers befolgen, und sich in der Welt
einen andern Kalkanten suchen wollte. Der Oheim meinte, da er seine
Studien vollendet, könne er in der Residenz sich unter den Fittich des
Geheimen-Legationsrates begeben und vollends ausbrüten lassen. -- Es
geschah so! --
-- In diesem Augenblick ärgert sich gegenwärtiger Biograph über alle
Maßen, denn indem er an den zweiten Moment aus Kreislers Leben kommt,
von dem er Dir, geliebter Leser, zu erzählen versprochen, nämlich, wie
Johannes Kreisler den wohlerworbenen Posten eines Legationsrates verlor,
und gewissermaßen aus der Residenz verwiesen wurde, wird er gewahr, daß
alle Nachrichten, die ihm darüber zu Gebote stehen, ärmlich, dürftig,
seicht, unzusammenhängend sind. --
Es genügt indessen am Ende wohl, zu sagen, daß, bald nachdem Kreisler
in die Stelle seines verstorbenen Oheims getreten, und Legationsrat
geworden, ehe man sich's versah, ein gewaltiger gekrönter Koloß den
Fürsten in der Residenz heimsuchte, und ihn als seinen besten Freund so
innig und herzlich in seine eisernen Arme schloß, daß der Fürst darüber
den besten Teil seines Lebensatems verlor. Der Gewaltige hatte in seinem
Tun und Wesen etwas ganz Unwiderstehliches, und so kam es, daß seine
Wünsche befriedigt werden mußten, sollte auch, wie es wirklich geschah,
darüber alles in Not und Verwirrung geraten. Manche fanden die
Freundschaft des Gewaltigen etwas verfänglich, wollten sich wohl gar
dagegen auflehnen, gerieten aber selbst darüber in das verfängliche
Dilemma, entweder die Vortrefflichkeit jener Freundschaft anzuerkennen,
oder außerhalb Landes einen andern Standpunkt zu suchen, um vielleicht
den Gewaltigen im richtigeren Licht zu erblicken.
Kreisler befand sich unter diesen.
Trotz seines diplomatischen Charakters hatte Kreisler geziemliche
Unschuld konserviert, und eben deshalb gab es Augenblicke, in denen er
nicht wußte, wozu sich entschließen. Eben in einem solchen Augenblick
erkundigte er sich bei einer hübschen Frau in tiefer Trauer, was sie
überhaupt von Legationsräten halte? Sie erwiderte vieles in zierlichen,
artigen Worten; am Ende kam aber so viel heraus, daß sie von einem
Legationsrat gar nicht viel halten könne, sobald er sich auf
enthusiastische Weise mit der Kunst beschäftige, ohne sich ihr ganz
zuzuwenden.
»Vortrefflichste der Witwen, sprach darauf Kreisler, ich reiße aus!«
Als er bereits Reisestiefel angezogen und mit dem Hute in der Hand sich
empfehlen wollte, nicht ohne Rührung und gehörigen Abschiedsschmerz,
steckte ihm die Witwe den Ruf zur Kapellmeisterstelle bei dem
Großherzog, der das Ländchen des Fürsten Irenäus verspeist, in die
Tasche.
Kaum ist es nötig, hinzuzufügen, daß die Dame in Trauer niemand anders
war, als die Rätin Benzon, die eben des Rates verlustig geworden, da der
Gemahl verstorben.
Merkwürdigerweise trug es sich zu, daß die Benzon eben zu der Zeit
als --
=(M. f. f.)= -- Ponto geradezu auf das Brot und Würste feilhaltende
Mädchen loshüpfte, die mich, da ich freundlich bei ihr zulangte, beinahe
tot geschlagen. »Mein Pudel Ponto, mein Pudel Ponto, was tust du, nimm
dich in acht, hüte dich vor der herzlosen Barbarin, vor dem
rachedürstenden Wurstprinzip! -- So rief ich hinter Ponto her -- ohne
auf mich zu achten, setzte er aber seinen Weg fort -- und ich folgte in
der Ferne, um, sollte er in Gefahr geraten, mich gleich aus dem Staube
machen zu können. -- Vor dem Tisch angekommen, richtete sich Ponto auf
den Hinterfüßen in die Höhe -- und tänzelte in den zierlichsten Sprüngen
um das Mädchen her, die sich darüber gar sehr erfreute. Sie rief ihn an
sich, er kam, legte den Kopf in ihren Schoß, sprang wieder auf, bellte
lustig, hüpfte wieder um den Tisch, schnupperte bescheiden, und sah dem
Mädchen freundlich in die Augen.
»Willst du ein Würstchen, artiger Pudel?« So fragte das Mädchen, und als
nun Ponto anmutig schwänzelnd laut aufjauchzte, nahm sie zu meinem nicht
geringen Erstaunen eine der schönsten, größten Würste, und reichte sie
dem Ponto dar. Dieser tanzte wie zur Danksagung noch ein kurzes Ballett,
und eilte dann zu mir mit der Wurst, die er mit den freundlichen Worten
hinlegte: »Da, iß, erquicke dich Bester!« Nachdem ich die Wurst
verzehrt, lud mich Ponto ein, ihm zu folgen, er wolle mich zurückführen
zum Meister Abraham.
Wir gingen langsam nebeneinander her, so daß es uns nicht schwer fiel,
wandelnd, vernünftige Gespräche zu führen.
»Ich seh' es wohl ein, (so begann ich die Unterredung) daß du, geliebter
Ponto, es viel besser verstehst, in der Welt fortzukommen, als ich.
Nimmermehr würd' es mir gelungen sein, das Herz jener Barbarin zu
rühren, welches dir so ungemein leicht wurde. Doch verzeih! -- In deinem
ganzen Benehmen gegen die Wurstverkäuferin lag doch etwas, wogegen mein
innerer mir angeborner Sinn sich auflehnt. Eine gewisse unterwürfige
Schmeichelei, ein Verleugnen des Selbstgefühls, der edleren Natur
-- nein! guter Pudel, nicht entschließen könnte ich mich, so freundlich
zu tun, so mich außer Atem zu setzen mit angreifenden Manövers, so recht
demütig zu betteln, wie du es tatest. Bei dem stärksten Hunger, oder
wenn mich ein Appetit nach etwas Besonderem anwandelt, begnüge ich mich,
hinter den Meister auf den Stuhl zu springen, und meine Wünsche durch
ein sanftes Knurren anzudeuten. Und selbst dies ist mehr Erinnerung an
die übernommene Pflicht, für meine Bedürfnisse zu sorgen, als Bitte um
eine Wohltat.
Ponto lachte laut auf, als ich dies gesprochen und begann dann: O Murr,
mein guter Kater, du magst ein tüchtiger Literatus sein und dich wacker
auf Dinge verstehen, von denen ich gar keine Ahnung habe, aber von dem
eigentlichen Leben weißt du gar nichts, und würdest verderben, da dir
alle Weltklugheit gänzlich abgeht. -- Fürs erste würdest du vielleicht
anders geurteilt haben, ehe du die Wurst genossen, denn hungrige Leute
sind viel artiger und fügsamer, als satte, dann aber bist du rücksichts
meiner sogenannten Unterwürfigkeit in großem Irrtum. Du weißt ja, daß
das Tanzen und Springen mir großes Vergnügen macht, so, daß ich es oft
auf meine eigene Hand unternehme. Treibe ich nun, eigentlich nur zu
meiner Motion, meine Künste vor den Menschen, so macht es mir ungemeinen
Spaß, daß die Toren glauben, ich täte es aus besonderm Wohlgefallen an
ihrer Person, und nur um ihnen Lust und Freude zu erregen. Ja sie
glauben das, sollte auch eine andere Absicht ganz klar sein. Du hast,
Geliebter! das lebendige Beispiel davon soeben erfahren. Mußte das
Mädchen nicht gleich einsehen, daß es mir nur um eine Wurst zu tun war,
und doch geriet sie in volle Freude, daß ich ihr, der Unbekannten, meine
Künste vormachte, als einer Person, die dergleichen zu schätzen
vermögend, und eben in dieser Freude tat sie das, was ich bezweckte. Der
Lebenskluge muß es verstehen, allem, was er bloß seinetwegen tut, den
Anschein zu geben, als täte er es um anderer willen, die sich dann hoch
verpflichtet glauben, und willig sind zu allem, was man bezweckte.
Mancher erscheint gefällig, dienstfertig, bescheiden, nur den Wünschen
anderer lebend, und hat nichts im Auge, als sein liebes Ich, dem die
andern dienstbar sind, ohne es zu wissen. Das, was du also unterwürfige
Schmeichelei zu nennen beliebst, ist nichts als weltkluges Benehmen, das
in der Erkenntnis und der foppenden Benutzung der Torheit anderer seine
eigentlichste Basis findet.
O Ponto, erwiderte ich, du bist ein Weltmann, das ist gewiß, und ich
wiederhole, daß du dich auf das Leben besser verstehst als ich, aber dem
unerachtet kann ich kaum glauben, daß deine seltsamen Künste dir selbst
Vergnügen machen sollten. Wenigstens ist mir das entsetzliche Kunststück
durch Mark und Bein gegangen, als du in meiner Gegenwart deinem Herrn
ein schönes Stück Braten apportiertest, es sauber zwischen den Zähnen
haltend, und nicht eher einen Bissen davon genossest, bis dein Herr dir
die Erlaubnis zuwinkte.
Sage mir doch, guter Murr, fragte Ponto, was sich nachher begab!
Beide, erwiderte ich, dein Herr und Meister Abraham lobten dich über
alle Maßen, und setzten dir einen ganzen Teller mit Braten hin, den du
mit erstaunlichem Appetit verzehrtest.
Nun also, bester Kater, fuhr Ponto fort, glaubst du wohl, daß, hätt'
ich apportierend das kleine Stück Braten gefressen, daß ich dann eine
solch reichliche Portion, und überhaupt Braten erhalten? Lerne, o
unerfahrner Jüngling! daß man kleine Opfer nicht scheuen darf, um Großes
zu erreichen. Mich wundert's, daß bei deiner starken Lektüre dir nicht
bekannt worden, was es heißt, die Wurst nach der Speckseite werfen.
-- Pfote aufs Herz, muß ich dir gestehen, daß, träf' ich einsam im Winkel
einen ganzen schönen Braten an, ich ihn ganz gewiß verzehren würde, ohne
auf die Erlaubnis meines Herrn zu warten, könnt' ich das nur unbelauscht
vollbringen. Es liegt nun einmal in der Natur, daß man im Winkel ganz
anders handelt, als auf offener Straße. Übrigens ist es auch ein aus
tiefer Weltkenntnis geschöpfter Grundsatz, daß es ratsam ist, in
Kleinigkeiten ehrlich zu sein.
Ich schwieg einige Augenblicke, über Pontos geäußerte Grundsätze
nachdenkend; mir fiel ein, irgendwo gelesen zu haben, ein jeder müsse so
handeln, daß seine Handlungsweise als allgemeines Prinzip gelten könne,
oder wie er wünsche, daß alle rücksichts seiner handeln möchten, und
bemühte mich vergebens, dies Prinzip mit Pontos Weltklugheit in
Übereinstimmung zu bringen. Mir kam in den Sinn, daß alle Freundschaft,
die mir Ponto in dem Augenblick erzeigte, wohl auch gar zu meinem
Schaden nur seinen eignen Vorteil bezwecken könne, und ich äußerte dies
unverholen.
Kleiner Schäker, rief Ponto lachend, von dir ist gar nicht die Rede!
-- Du kannst mir keinen Vorteil gewähren, keinen Schaden verursachen. Um
deine toten Wissenschaften beneide ich dich nicht, dein Treiben ist
nicht das meinige, und solltest du dir es etwa beikommen lassen,
feindliche Gesinnungen gegen mich zu äußern, so bin ich dir an Stärke
und Gewandheit überlegen. Ein Sprung, ein tüchtiger Biß meiner scharfen
Zähne, würde dir auf der Stelle den Garaus machen.
Mich wandelte eine große Furcht an vor meinem eignen Freunde, die sich
vermehrte, als ein großer schwarzer Pudel ihn freundlich nach
gewöhnlicher Art begrüßte, und beide, mich mit glühenden Augen
anblickend, leise miteinander sprachen.
Die Ohren angekniffen, drückte ich mich an die Seite, doch bald sprang
Ponto, den der Schwarze verlassen, wieder auf mich zu, und rief: Komm
nur, mein Guter!
»Ach Himmel, fragte ich in der Bestürzung, wer war denn der ernste Mann,
der vielleicht ebenso weltklug als du?«
»Ich glaube gar, erwiderte Ponto, du fürchtest dich vor meinem guten
Oheim, dem Pudel Skaramuz? Ein Kater bist du schon, und willst nun gar
ein Hase werden. --«
»Aber, sprach ich, warum warf der Oheim mir solche glühende Blicke zu,
und was flüstertet ihr so heimlich, so verdächtig miteinander? --«
»Nicht verhehlen will ich's dir, mein guter Murr, erwiderte Ponto, daß
mein alter Oheim etwas mürrisch ist, und wie es denn nun bei alten
Leuten gewöhnlich der Fall, an verjährten Vorurteilen hängt. Er wunderte
sich über unser Beisammensein, da die Ungleichheit unsers Standes jede
Annäherung verbieten müsse. Ich versicherte, daß du ein junger Mann von
vieler Bildung und angenehmem Wesen wärst, der mich bisweilen sehr
belustige. Da meinte er, dann könne ich mich wohl dann und wann einsam
mit dir unterhalten, nur solle ich's mir nicht etwa einfallen lassen,
dich mitzubringen in eine Pudelassemblee, da du nun und nimmermehr
assembleefähig werden könntest, schon deiner kleinen Ohren halber, die
nur zu sehr deine niedere Abkunft verrieten, und von tüchtigen
großgeohrten Pudeln durchaus für unanständig geachtet würden.