Ich komme jetzt auf die --

=(Mak. Bl.)= -- zum bessern Verständnis doch nötig sein, dir, geneigter

Leser, das ganze Verhältnis der Dinge klar und deutlich auseinander zu

setzen.

Jeder, der nur ein einzigesmal im Gasthofe des anmutigen

Landstädtchens Sieghartsweiler abgestiegen ist, hat sogleich von dem

Fürsten Irenäus reden gehört. Bestellte er nämlich bei dem Wirt nur ein

Gericht Forellen, die in der Gegend vorzüglich, so erwiderte derselbe

gewiß: Sie haben recht, mein Herr, unser gnädigster Fürst essen auch

dergleichen ungemein gern, und ich vermag die angenehmen Fische gerade

so zuzubereiten, wie es bei Hofe üblich. Aus den neuesten Geographien,

Landkarten, statistischen Nachrichten wußte der unterrichtete Reisende

aber nichts anderes, als daß das Städtchen Sieghartsweiler samt dem

Geierstein und der ganzen Umgebung längst dem Großherzogtum, das er

soeben durchreiset, einverleibet worden; nicht wenig mußte es ihn daher

verwundern, hier einen gnädigsten Herrn Fürsten und einen Hof zu finden.

Die Sache hatte aber folgenden Zusammenhang. Fürst Irenäus regierte

sonst wirklich ein artiges Ländchen nicht fern von Sieghartsweiler, und

da er mittels eines guten Dollonds von dem Belvedere seines Schlosses im

Residenzmarktflecken seine sämtlichen Staaten zu übersehen vermochte, so

konnt' es nicht fehlen, daß er das Wohl und Weh seines Landes, das Glück

der geliebten Untertanen, stets im Auge behielt. Er konnte in jeder

Minute wissen, wie Peters Weizen in dem entferntesten Bereich des Landes

stand, und ebensogut beobachten, ob Hans und Kunz ihre Weinberge gut und

fleißig besorgten. Man sagt, Fürst Irenäus habe sein Ländchen auf einem

Spaziergange über die Grenze aus der Tasche verloren, so viel ist aber

gewiß, daß in einer neuen mit mehrern Zusätzen versehenen Ausgabe jenes

Großherzogtums, das Ländchen des Fürsten Irenäus einfoliiert und

einregistriert war. Man überhob ihn der Mühe des Regierens, indem man

ihm aus den Revenüen des Landes, das er besessen, eine ziemlich reiche

Apanage aussetzte, die er eben in dem anmutigen Sieghartsweiler

verzehren sollte.

Außer jenem Ländchen besaß Fürst Irenäus noch ein ansehnliches bares

Vermögen, das ihm unverkürzt blieb, und so sah er sich aus dem Stande

eines kleinen Regenten plötzlich versetzt in den Stand eines

ansehnlichen Privatmannes, der zwanglos nach freier Willkür sich das

Leben gestalten konnte wie er wollte.

Fürst Irenäus hatte den Ruf eines feingebildeten Herrn, der empfänglich

für Wissenschaft und Kunst. Kam nun noch hinzu, daß er oft die lästige

Bürde der Regentschaft schmerzlich gefühlt, ja, ging auch schon einmal

von ihm die Rede, daß er den romanhaften Wunsch, in einem kleinen Hause,

an einem murmelnden Bach, mit einigem Hausvieh ein einsames idyllisches

Leben procul negotiis zu führen, in anmutige Verse gebracht, so hätte

man denken sollen, daß er nun, den regierenden Herrn vergessend, sich

einrichten werde mit dem gemütlichen Hausbedarf, wie es in der Macht

steht des reichen, unabhängigen Privatmannes. Dem war aber ganz und gar

nicht so!

Es mag wohl sein, daß die Liebe der großen Herren zur Kunst und

Wissenschaft nur als ein integrierender Teil des eigentlichen Hoflebens

anzusehen ist. Der Anstand erfordert es Gemälde zu besitzen und Musik zu

hören, und übel würde es sein, wenn der Hofbuchbinder feiern und nicht

die neueste Literatur fortwährend in Gold und Leder kleiden sollte. Ist

aber jene Liebe ein integrierender Teil des Hoflebens selbst, so muß sie

mit diesem zugleich untergehen und kann nicht als etwas für sich fort

Bestehendes Trost gewähren für den verlornen Thron oder das kleine

Regentenstühlchen, auf dem man zu sitzen gewohnt.

Fürst Irenäus erhielt sich beides, das Hofleben und die Liebe für die

Künste und Wissenschaften, indem er einen süßen Traum ins Leben treten

ließ, in dem er selbst mit seiner Umgebung, so wie ganz Sieghartsweiler,

figurierte.

Er tat nämlich so, als sei er regierender Herr, behielt die ganze

Hofhaltung, seinen Kanzler des Reichs, sein Finanzkollegium &c. bei,

erteilte seinen Hausorden, gab Cour, Hofbälle, die meistenteils aus

zwölf bis funfzehn Personen bestanden, da auf die eigentliche

Courfähigkeit strenger geachtet wurde, als an den größten Höfen, und die

Stadt war gutmütig genug, den falschen Glanz dieses träumerischen Hofes

für etwas zu halten, das ihr Ehre und Ansehen bringe. So nannten die

guten Sieghartsweiler den Fürsten Irenäus ihren gnädigsten Herrn,

illuminierten die Stadt an seinem Namensfeste und an den Namenstagen

seines Hauses, und opferten sich überhaupt gern auf für das Vergnügen

des Hofes, wie die atheniensischen Bürgersleute in Shakespeares

Sommernachtstraum.

Es war nicht zu leugnen, daß der Fürst seine Rolle mit dem

wirkungsvollsten Pathos durchführte, und dieses Pathos seiner ganzen

Umgebung mitzuteilen wußte. -- So erscheint ein fürstlicher Finanzrat in

dem Klub zu Sieghartsweiler finster, in sich gekehrt, wortkarg. -- Wolken

ruhen auf seiner Stirn, er versinkt oft in tiefes Nachdenken, fährt dann

auf, wie plötzlich erwachend. -- Kaum wagt man es laut zu sprechen, hart

aufzutreten in seiner Nähe. Es schlägt neun Uhr, da springt er auf,

nimmt seinen Hut, vergebens sind alle Bemühungen, ihn festzuhalten, er

versichert mit stolzem tiefbedeutendem Lächeln, daß ihn Aktenstöße

erwarten, daß er die Nacht würde opfern müssen, um sich zu der

morgenden, höchst wichtigen, letzten Quartalsitzung des Kollegiums

vorzubereiten, eilt hinweg und hinterläßt die Gesellschaft in

ehrfurchtsvoller Erstarrung über die enorme Wichtigkeit und

Schwierigkeit seines Amtes. -- Und der wichtige Vortrag, auf den sich

der geplagte Mann die Nacht über vorbereiten muß? -- Je nun, die

Waschzettel aus sämtlichen Departements, der Küche, der Tafel, der

Garderobe usw. fürs verflossene Vierteljahr sind eingegangen, und er ist

es, der in allen Waschangelegenheiten den Vortrag hat. -- So bemitleidet

die Stadt den armen fürstlichen Wagenmeister, spricht jedoch, von dem

sublimen Pathos des fürstlichen Kollegiums ergriffen, strenge aber

gerecht! -- Der Mann hat nämlich, erhaltener Instruktion gemäß, einen

Halbwagen, der unbrauchbar geworden, verkauft, das Finanzkollegium ihm

aber bei Strafe augenblicklicher Kassation aufgegeben, binnen drei Tagen

nachzuweisen, wo er die andere Hälfte gelassen, die vielleicht noch

brauchbar gewesen. --

Ein besonderer Stern, der am Hofe des Fürsten Irenäus leuchtete, war die

Rätin Benzon, Witwe in der Mitte der dreißiger Jahre, sonst eine

gebietende Schönheit, noch jetzt nicht ohne Liebreiz, die einzige, deren

Adel zweifelhaft und die der Fürst dennoch ein für allemal als courfähig

angenommen. Der Rätin heller, durchdringender Verstand, ihr lebhafter

Geist, ihre Weltklugheit, vorzüglich aber eine gewisse Kälte des

Charakters, die dem Talent zu herrschen unerläßlich, übten ihre Macht in

voller Stärke, so daß sie es eigentlich war, die die Fäden des

Puppenspiels an diesem Miniaturhofe zog. Ihre Tochter, Julia geheißen,

war mit der Prinzessin Hedwiga aufgewachsen, und auch auf die

Geistesbildung dieser hatte die Rätin so gewirkt, daß sie in dem Kreise

der fürstlichen Familie wie eine Fremde erschien und sonderbar abstach

gegen den Bruder. Prinz Ignaz war nämlich zu ewiger Kindheit verdammt,

beinahe blödsinnig zu nennen.

Der Benzon gegenüber, ebenso einflußreich, ebenso eingreifend in die

engsten Verhältnisse des fürstlichen Hauses, wiewohl auf ganz andere

Weise als sie, stand der seltsame Mann, den du, geneigter Leser, bereits

kennst als Maître de plaisir des Irenäusschen Hofes und ironischen

Schwarzkünstler.

Merkwürdig genug ist es, wie Meister Abraham in die fürstliche Familie

geriet.

Des Fürsten Irenäus hochseliger Herr Papa war ein Mann von einfachen,

milden Sitten. Er sah es ein, daß irgend eine Kraftäußerung das kleine

schwache Räderwerk der Staatsmaschine zerbrechen müsse, statt ihm einen

bessern Schwung zu geben. Er ließ es daher in seinem Ländlein fortgehen,

wie es zuvor gegangen, und fehlt' es ihm dabei an Gelegenheit, einen

glänzenden Verstand oder andere besondere Gaben des Himmels zu zeigen,

so begnügte er sich damit, daß in seinem Fürstentum jedermann sich wohl

befand, und daß, rücksichts des Auslandes, es ihm so ging wie den

Weibern, die dann am tadelfreisten sind, wenn man gar nicht von ihnen

spricht. War des Fürsten kleiner Hof steif, zeremoniös, altfränkisch,

konnte der Fürst gar nicht eingehen in manche loyale Ideen, wie sie die

neuere Zeit erzeugt, so lag das an der Unwandelbarkeit des hölzernen

Gestelles, das Oberhofmeister, Hofmarschälle, Kammerherren in seinem

Innern mühsam zusammengerichtet. In diesem Gestelle arbeitete aber ein

Triebrad, das kein Hofmeister, kein Marschall jemals hätte zum

Stillstehen bringen können. Dies war nämlich ein dem Fürsten angeborner

Hang zum Abenteuerlichen, Seltsamen, Geheimnisvollen. -- Er pflegte

zuweilen, nach dem Beispiel des würdigen Kalifen Harun al Raschid

verkleidet Stadt und Land zu durchstreichen, um jenen Hang, der mit

seiner übrigen Lebenstendenz in dem sonderbarsten Widerspiel stand, zu

befriedigen, oder wenigstens Nahrung dafür zu suchen. Dann setzte er

einen runden Hut auf und zog einen grauen Oberrock an, so daß jedermann

auf den ersten Blick wußte, daß der Fürst nun nicht zu erkennen.

Es begab sich, daß der Fürst also verkleidet und unerkennbar die Allee

durchschritt, die von dem Schloß aus nach einer entfernten Gegend

führte, in der einzeln ein kleines Häuschen stand, von der Witwe eines

fürstlichen Mundkochs bewohnt. Gerade vor diesem Häuschen angekommen,

gewahrte der Fürst zwei in Mäntel gehüllte Männer, die zur Haustüre

hinausschlichen. Er trat zur Seite, und der Historiograph des

Irenäusschen Hauses, dem ich dies nachschreibe, behauptet, der Fürst sei

selbst dann nicht bemerkt und erkannt worden, wenn er, statt des grauen

Oberrocks, das glänzendste Staatskleid angehabt, mit dem funkelnden

Ordensstern darauf, aus dem Grunde, weil es stockfinsterer Abend

gewesen. Als die beiden verhüllten Männer dicht vor dem Fürsten langsam

vorübergingen, vernahm dieser ganz deutlich folgendes Gespräch. Der

eine: Bruder Exzellenz, ich bitte dich, nimm dich zusammen, sei nur

diesesmal kein Esel! -- Der Mensch muß fort, ehe der Fürst etwas von ihm

erfährt, denn sonst behalten wir den verfluchten Hexenmeister auf dem

Halse, der uns mit seinen Satanskünsten alle ins Verderben stürzt. Der

andere: _Mon cher frère,_ ereifere dich doch nur nicht so, du kennst meine

Sagazität, mein _savoir faire._ Morgen werf' ich dem gefährlichen Menschen

ein paar Karolin an den Hals, und da mag er seine Kunststückchen den

Leuten vormachen, wo er will; hier darf er nicht bleiben. Der Fürst ist

übrigens ein --.«

Die Stimmen verhallten, der Fürst erfuhr daher nicht, wofür ihn sein

Hofmarschall hielt, denn kein anderer als dieser und sein Bruder, der

Oberjägermeister, waren die Personen, welche aus dem Hause schlichen und

das verfängliche Gespräch führten. Der Fürst hatte beide sehr genau an

der Sprache erkannt.

Man kann denken, daß der Fürst nichts Angelegentlicheres zu tun hatte,

als jenen Menschen, jenen gefährlichen Hexenmeister aufzusuchen, dessen

Bekanntschaft ihm entzogen werden sollte. Er klopfte an das Häuschen,

die Witwe trat mit einem Licht in der Hand heraus und fragte, da sie den

runden Hut und den grauen Oberrock des Fürsten gewahrte, mit kalter

Höflichkeit: Was steht zu Ihren Diensten, Monsieur? Monsieur wurde

nämlich der Fürst angeredet, wenn er verkleidet war und unkenntlich. Der

Fürst erkundigte sich nach dem Fremden, der bei der Witwe eingekehrt

sein sollte, und erfuhr, daß der Fremde kein anderer sei, als ein sehr

geschickter, berühmter, mit vielen Attestaten, Konzessionen und

Privilegien versehener Taschenspieler, der hier seine Künste zu

produzieren gedenke. Soeben, erzählte die Witwe, wären zwei Herrn vom

Hofe bei ihm gewesen, die er, vermöge der ganz unerklärlichen Sachen,

welche er ihnen vorgemacht, dermaßen in Erstaunen gesetzt, daß sie ganz

blaß, verstört, ja ganz außer sich, das Haus verlassen hätten.

Ohne weiteres ließ sich der Fürst hinauf führen. Meister Abraham

(niemand anders war der berühmte Taschenspieler) empfing ihn wie einen,

den er längst erwartet, und verschloß die Türe.

Niemand weiß, was nun Meister Abraham begonnen, gewiß ist es aber, daß

der Fürst die ganze Nacht über bei ihm blieb, und daß am andern Morgen

Zimmer eingerichtet wurden auf dem Schlosse, die Meister Abraham bezog,

und zu denen der Fürst aus seinem Studierzimmer mittels eines geheimen

Ganges unbemerkt gelangen konnte. Gewiß ist es ferner, daß der Fürst den

Hofmarschall nicht mehr mon cher ami nannte, und sich von dem

Oberjägermeister niemals mehr die wunderbare Jagdgeschichte von dem

weißen gehörnten Hasen, den er (der Oberjägermeister) bei seinem ersten

jägerischen Ausflug in den Wald nicht schießen können, erzählen ließ,

welches die Gebrüder in Gram und Verzweiflung stürzte, so, daß beide

sehr bald den Hof verließen. Gewiß endlich, daß Meister Abraham nicht

allein durch seine Phantasmagorieen, sondern auch durch das Ansehen, das

er sich immer mehr und mehr bei dem Fürsten zu erwerben wußte, Hof,

Stadt und Land in Erstaunen setzte.

Von den Kunststücken, die Meister Abraham vollführte, erzählt oben

bemeldeter Historiograph des Irenäusschen Hauses so viel ganz

Unglaubliches, daß man es nicht nachschreiben kann, ohne alles Zutrauen

des geneigten Lesers aufs Spiel zu setzen. Dasjenige Kunststück, welches

aber der Historiograph für das wunderbarste von allen hält, ja von dem

er behauptet, daß es hinlänglich beweise, wie Meister Abraham offenbar

mit fremden unheimlichen Mächten in bedrohlichem Bunde stehe, ist indes

nichts anders, als jenes akustische Zauberspiel, das später unter der

Benennung des unsichtbaren Mädchens so viel Aufsehen gemacht, und das

Meister Abraham schon damals sinnreicher, phantastischer, das Gemüt

ergreifender, aufzustellen wußte, als es nachher jemals geschehen.

Nebenher wollte man auch wissen, daß der Fürst selbst mit dem Meister

Abraham gewisse magische Operationen unternehme, über deren Zweck unter

den Hofdamen, Kammerherrn und andern Leuten vom Hofe ein angenehmer

Wettstreit alberner, sinnloser Vermutungen entstand. Darin waren alle

einig, daß Meister Abraham dem Fürsten das Goldmachen beibringe, wie aus

dem Rauch, der aus dem Laboratorio bisweilen dringe, zu schließen, und

daß er ihn eingeführt in allerlei nützliche Geister-Konferenzen. Alle

waren ferner davon überzeugt, daß der Fürst das Patent für den neuen

Bürgermeister im Marktflecken nicht vollziehe, ja, dem fürstlichen

Ofenheizer keine Zulage bewillige, ohne den »Agathodämon«, den _Spiritum

familiarem_, oder die Gestirne zu befragen.

Als der alte Fürst starb und Irenäus ihm in der Regierung folgte,

verließ Meister Abraham das Land. Der junge Fürst, der von des Vaters

Neigung zum Abenteuerlichen, Wunderbaren durchaus nichts vererbt, ließ

ihn zwar ziehen, fand aber bald, daß Meister Abrahams magische Kraft

vorzüglich sich darin bewähre, einen gewissen bösen Geist zu beschwören,

der sich an kleinen Höfen nur gar zu gern einnistet, nämlich den

Höllengeist der Langenweile. Dann hatte auch das Ansehen, in dem Meister

Abraham bei dem Vater stand, tiefe Wurzel gefaßt in dem Gemüt des jungen

Fürsten. Es gab Augenblicke, in denen dem Fürsten Irenäus zu Mute wurde,

als sei Meister Abraham ein überirdisches Wesen, über alles was

menschlich erhaben, stehe es auch noch so hoch. Man sagt, daß diese ganz

besondere Empfindung von einem kritischen unvergeßlichen Moment in der

Jugendgeschichte des Fürsten herrühre. Als Knabe war er einst mit

kindischer, überlästiger Neugier in Meister Abrahams Zimmer eingedrungen

und hatte läppisch eine kleine Maschine, die der Meister eben mit vieler

Mühe und Kunst vollendet, zerbrochen, der Meister aber im vollen Zorn

über das verderbliche Ungeschick dem kleinen fürstlichen Bengel eine

fühlbare Ohrfeige zugeteilt, und ihn dann mit einiger nicht ganz sanfter

Schnelligkeit hinausgeführt aus der Stube auf den Korridor. Unter

hervorquellenden Tränen konnte der junge Herr nur mit Mühe die Worte

hervorstammeln: _Abraham -- soufflet_ -- so daß der bestürzte

Oberhofmeister es für ein gefahrvolles Wagnis hielt, tiefer einzudringen

in das fürchterliche Geheimnis, das zu ahnen er sich unterstehen mußte.

Der Fürst fühlte lebhaft das Bedürfnis, den Meister Abraham als das

belebende Prinzip der Hofmaschine bei sich zu behalten; vergebens waren

aber alle seine Bemühungen, ihn zurückzubringen. Erst nach jenem

verhängnisvollen Spaziergange, als Fürst Irenäus sein Ländchen verloren,

als er die chimärische Hofhaltung zu Sieghartsweiler eingerichtet, fand

sich auch Meister Abraham wieder ein, und in der Tat, zu gelegenerer

Zeit hätte er gar nicht kommen können. Denn außerdem daß --

=(M. f. f.)= -- merkwürdige Begebenheit, die, um mich des gewöhnlichen

Ausdrucks geistreicher Biographen zu bedienen, einen Abschnitt in meinem

Leben machte.

-- Leser! -- Jünglinge, Männer, Frauen, unter deren Pelz ein fühlend

Herz schlägt, die ihr Sinn habt für Tugend -- die ihr die süßen Bande

erkennet, womit uns die Natur umschlingt, ihr werdet mich verstehen und

-- mich lieben!

Der Tag war heiß gewesen, ich hatte ihn unter dem Ofen verschlafen. Nun

brach die Abenddämmerung ein, und kühle Winde sausten durch meines

Meisters geöffnetes Fenster. Ich erwachte aus dem Schlaf, meine Brust

erweiterte sich, durchströmt von dem unnennbaren Gefühl, das, Schmerz

und Lust zugleich, die süßesten Ahnungen entzündet. Von diesen Ahnungen

überwältigt, erhob ich mich hoch in jener ausdrucksvollen Bewegung, die

der kalte Mensch Katzenbuckel benennet. -- Hinaus -- hinaus trieb es

mich in die freie Natur, ich begab mich daher aufs Dach und lustwandelte

in den Strahlen der sinkenden Sonne. Da vernahm ich Töne von dem Boden

aufsteigen, so sanft, so heimlich, so bekannt, so anlockend, ein

unbekanntes Etwas zog mich hinab mit unwiderstehlicher Gewalt. Ich

verließ die schöne Natur und kroch durch eine kleine Dachluke hinein in

den Hausboden. -- Hinabgesprungen gewahrte ich alsbald eine große,

schöne, weiß und schwarz gefleckte Katze, die, auf den Hinterfüßen

sitzend in bequemer Stellung, eben jene anlockenden Töne von sich gab

und mich nun mit forschenden Blicken durchblitzte. Augenblicklich setzte

ich mich ihr gegenüber und versuchte, dem innern Trieb nachgebend, in

das Lied einzustimmen, das die weiß und schwarz Gefleckte angestimmt.

Das gelang mir, ich muß es selbst sagen, über die Maßen wohl, und von

diesem Augenblick an datiert sich, wie ich für die Psychologen, die mich

und mein Leben studieren, hier bemerke, mein Glaube an mein inneres

musikalisches Talent, und, wie zu erachten, mit diesem Glauben auch das

Talent selbst. Die Gefleckte blickte mich schärfer und emsiger an,

schwieg plötzlich, sprang mit einem gewaltigen Satz auf mich los. Ich,

nichts Gutes erwartend, zeigte meine Krallen, doch in dem Augenblick

schrie die Gefleckte, indem ihr die hellen Tränen aus den Augen

stürzten: Sohn -- o Sohn! komm! eile in meine Pfoten! -- Und dann, mich

umhalsend, mich mit Inbrunst an die Brust drückend: Ja, du bist es, du

bist mein Sohn, mein guter Sohn, den ich ohne sonderliche Schmerzen

geboren! --

Ich fühlte mich tief im Innersten bewegt, und schon dies Gefühl mußte

mich überzeugen, daß die Gefleckte wirklich meine Mutter war, dem

unerachtet fragte ich doch, ob sie auch dessen ganz gewiß sei.

Ha, diese Ähnlichkeit, sprach die Gefleckte, diese Augen, diese

Gesichtszüge, dieser Bart, dieser Pelz, alles erinnert mich nur zu

lebhaft an den Treulosen, Undankbaren, der mich verließ. -- Du bist ganz

das getreue Ebenbild deines Vaters, lieber Murr (denn so wirst du ja

geheißen), ich hoffe jedoch, daß du mit der Schönheit des Vaters

zugleich die sanftere Denkungsart, die milden Sitten deiner Mutter Mina

erworben haben wirst. -- Dein Vater hatte einen sehr vornehmen Anstand,

auf seiner Stirne lag eine imponierende Würde, voller Verstand funkelten

die grünen Augen, und um Bart und Wangen spielte oft ein anmutiges

Lächeln. Diese körperlichen Vorzüge, so wie sein aufgeweckter Geist und

eine gewisse liebenswürdige Leichtigkeit, mit der er Mäuse fing, ließen

ihn mein Herz gewinnen. -- Aber bald zeigte sich ein hartes,

tyrannisches Gemüt, daß er so lange geschickt zu verbergen gewußt. -- Mit

Entsetzen sag' ich es! -- Kaum warst du geboren, als dein Vater den

unseligen Appetit bekam, dich nebst deinen Geschwistern zu verspeisen.

Beste Mutter, fiel ich der Gefleckten ins Wort, verdammen Sie nicht ganz

jene Neigung. Das gebildetste Volk der Erde legte den sonderbaren

Appetit des Kinderfressens dem Geschlecht der Götter bei, aber gerettet

wurde ein Jupiter und so auch ich! --

Ich verstehe dich nicht, mein Sohn, erwiderte Mina, aber es kommt mir

vor, als sprächest du albernes Zeug, oder als wolltest du gar deinen

Vater verteidigen. Sei nicht undankbar, du wärest ganz gewiß erwürgt und

gefressen worden von dem blutdürstigen Tyrannen, hätte ich dich nicht so

tapfer verteidigt mit diesen scharfen Krallen, hätte ich nicht, bald

hier, bald dort hinfliehend in Keller, Boden, Ställe, dich den

Verfolgungen des unnatürlichen Barbaren entzogen. -- Er verließ mich

endlich! nie habe ich ihn wiedergesehen! Und doch schlägt noch mein Herz

für ihn! -- Es war ein schöner Kater! -- Viele hielten ihn seines

Anstandes, seiner feinen Sitten wegen, für einen reisenden Grafen. -- Ich

glaubte nun, im kleinen häuslichen Zirkel meine Mutterpflichten übend,

ein stilles, ruhiges Leben führen zu können, doch der entsetzlichste

Schlag sollte mich noch treffen. -- Als ich von einem kleinen

Spaziergange einst heimkehrte, weg warst du samt deinem Geschwister! --

Ein altes Weib hatte mich Tages zuvor in meinem Schlupfwinkel entdeckt,

und allerlei verfängliche Worte von ins Wasser werfen und dergleichen

gesprochen. -- Nun! ein Glück, daß du, mein Sohn, gerettet, komm

nochmals an meine Brust, Geliebter! --

Die gefleckte Mama liebkoste mich mit aller Herzlichkeit, und fragte

mich dann nach den nähern Umständen meines Lebens. Ich erzählte ihr

alles, und vergaß nicht, meiner hohen Ausbildung zu erwähnen, und wie

ich dazu gekommen.

Mina schien weniger gerührt von den seltenen Vorzügen des Sohnes, als

man hätte denken sollen. Ja, sie gab mir nicht undeutlich zu verstehen,

daß ich mitsamt meinem außerordentlichen Geiste, mit meiner tiefen

Wissenschaft auf Abwege geraten, die mir verderblich werden könnten.

Vorzüglich warnte sie mich aber, dem Meister Abraham ja nicht meine

erworbenen Kenntnisse zu entdecken, da dieser sie nur nützen würde, mich

in der drückendsten Knechtschaft zu erhalten.

»Ich kann mich, sprach Mina, zwar gar nicht deiner Ausbildung rühmen,

indessen fehlt es mir doch durchaus nicht an natürlichen Fähigkeiten und

angenehmen, mir von der Natur eingeimpften Talenten. Darunter rechne ich

z. B. die Macht, knisternde Funken aus meinem Pelz hervorstrahlen zu

lassen, wenn man mich streichelt. Und was für Unannehmlichkeiten hat mir

nicht schon dieses einzige Talent bereitet! Kinder und Erwachsene haben

unaufhörlich auf meinem Rücken herumhantiert, jenes Feuerwerks halber,

mir zur Qual, und wenn ich unmutig wegsprang oder die Krallen zeigte,

mußte ich mich ein scheues wildes Tier schelten, ja wohl gar prügeln

lassen. -- Sowie Meister Abraham erfährt, daß du schreiben kannst, lieber

Murr, macht er dich zu seinem Kopisten, und als Schuldigkeit wird von

dir gefordert, was du jetzt nur aus eigenem Antriebe zu deiner Lust

tust.« --

Mina sprach noch mehreres über mein Verhältnis zum Meister Abraham und

über meine Bildung. Erst später habe ich eingesehen, daß das, was ich

für Abscheu gegen die Wissenschaften hielt, wirkliche Lebensweisheit

war, die die Gefleckte in sich trug.

Ich erfuhr, daß Mina bei der alten Nachbarsfrau in ziemlich dürftigen

Umständen lebe, und daß es ihr oft schwer falle ihren Hunger zu stillen.

Dies rührte mich tief, die kindliche Liebe erwachte in voller Stärke in

meinem Busen, ich besann mich auf den schönen Heringskopf, den ich vom

gestrigen Mahle erübrigt, ich beschloß, ihn darzubringen der guten

Mutter, die ich so unerwartet wiedergefunden.

Wer ermißt die Wandelbarkeit der Herzen derer, die da wandeln unter dem

Mondschein! -- Warum verschloß das Schicksal nicht unsere Brust dem

wilden Spiel unseliger Leidenschaften! -- Warum müssen wir, ein dünnes

schwankendes Rohr, uns beugen vor dem Sturm des Lebens? -- Feindliches

Verhängnis! -- O Appetit, dein Name ist Kater! -- Den Heringskopf im

Maule kletterte ich, ein pius Aeneas aufs Dach -- ich wollte hinein ins

Bodenfenster. Da geriet ich in einen Zustand, der auf seltsame Weise

mein Ich meinem Ich entfremdend, doch mein eigentliches Ich schien.

-- Ich glaube mich verständlich und scharf ausgedrückt zu haben, so daß

in dieser Schilderung meines seltsamen Zustandes jeder den die geistige

Tiefe durchschauenden Psychologen erkennen wird. -- Ich fahre fort! --

Das sonderbare Gefühl, gewebt aus Lust und Unlust, betäubte meine Sinne

-- überwältigte mich -- kein Widerstand möglich, -- ich fraß den

Heringskopf! --

Ängstlich hörte ich Mina miauen, ängstlich sie meinen Namen rufen -- Ich

fühlte mich von Reue, von Scham durchdrungen, ich sprang zurück in

meines Meisters Zimmer, ich verkroch mich unter den Ofen. Da quälten

mich die ängstlichsten Vorstellungen. Ich sah Mina, die wiedergefundene

gefleckte Mutter, trostlos, verlassen, lechzend nach der Speise, die ich

ihr versprochen, der Ohnmacht nahe -- Ha! -- der durch den Rauchfang

sausende Wind rief den Namen Mina -- Mina -- Mina! rauschte es in den

Papieren meines Meisters, knarrte es in den gebrechlichen Rohrstühlen,

Mina -- Mina -- lamentierte die Ofentüre. -- O! es war ein bitteres

herzzerschneidendes Gefühl, das mich durchbohrte! -- Ich beschloß, die

Arme womöglich einzuladen zur Frühstücksmilch. Wie kühlender,

wohltuender Schatten kam bei diesem Gedanken ein seliger Frieden über

mich! -- Ich kniff die Ohren an und schlief ein! --

Ihr fühlenden Seelen, die ihr mich ganz versteht, ihr werdet es, seid

ihr sonst keine Esel, sondern wahrhaftige honette Kater, ihr werdet es,

sage ich, einsehen, daß dieser Sturm in meiner Brust meinen Jugendhimmel

aufheitern mußte, wie ein wohltätiger Orkan, der die finstern Wolken

zerstäubt und die reinste Aussicht schafft. O! so schwer anfangs der

Heringskopf auf meiner Seele lastete, doch lernte ich einsehen, was

Appetit heißt, und daß es Frevel ist, der Mutter Natur zu widerstreben.

Jeder suche sich seine Heringsköpfe und greife nicht vor der Sagazität

der andern, die, vom richtigen Appetit geleitet, schon die ihrigen

finden werden.

Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern · 第 11 / 27 题