Doch ich muß, rücksichts meiner --

=(Mak. Bl.)= -- -- und erinnern Sie sich, gnädigster Herr! denn nicht des

großen Sturms, der dem Advokaten, als er zur Nachtzeit über den Pontneuf

wandelte, den Hut vom Kopfe herunter in die Seine warf? -- Ähnliches

steht im Rabelais, doch war es eigentlich nicht der Sturm, der dem

Advokaten den Hut raubte, den er, indem er den Mantel dem Spiel der

Lüfte preisgab, mit der Hand fest auf den Kopf gedrückt hielt, sondern

ein Grenadier riß, mit dem lauten Ausruf: es weht ein großer Wind, mein

Herr, vorüberlaufend, schnell den feinen Kastor dem Advokaten unter der

Hand von der Perücke, und nicht dieser Kastor war es, der in die Wellen

der Seine hinabgeschleudert wurde, sondern des Soldaten eignen schnöden

Filz führte wirklich der Sturmwind in den feuchten Tod. Sie wissen nun,

gnädigster Herr, daß in dem Augenblick, als der Advokat ganz verblüfft

da stand, ein zweiter Soldat mit demselben Ausruf: Es weht ein großer

Wind, mein Herr! vorüberrennend, den Mantel des Advokaten beim Kragen

packte und ihn ihm herabriß von den Schultern, und daß gleich darauf ein

dritter Soldat, mit demselben Ausruf: Es weht ein großer Wind, mein

Herr! vorbeilaufend, ihm das spanische Rohr mit dem goldnen Knopf aus

den Händen wand. Der Advokat schrie aus allen Kräften, warf dem letzten

Spitzbuben die Perücke nach und ging dann barhäuptig ohne Mantel und

Stock hin, um das merkwürdigste aller Testamente aufzunehmen, um das

seltsamste aller Abenteuer zu erfahren. Sie wissen das alles, gnädigster

Herr!

Ich weiß, erwiderte der Fürst, als ich dies gesprochen, ich weiß gar

nichts, und begreife überhaupt nicht, wie Ihr, Meister Abraham, mir

solches wirres Zeug vorschwatzen könnt? Den Pontneuf kenne ich

allerdings, er befindet sich zu Paris, und bin ich zwar niemals darüber

zu Fuße gegangen, wohl aber oft darüber gefahren, wie es meinem Stande

geziemt. Den Advokaten Rabelais habe ich niemals gesehen und um

Soldatenstreiche in meinem ganzen Leben mich nicht bekümmert. Als ich in

jüngeren Jahren noch meine Armee kommandierte, ließ ich wöchentlich

einmal sämtliche Junker durchfuchteln für die Dummheiten, die sie

begangen oder künftig noch begehen möchten, das Prügeln der gemeinen

Leute war aber die Sache der Lieutenants, die damit, meinem Beispiel

gemäß, auch allwöchentlich verfuhren, und zwar Sonnabends so, daß

Sonntags es keinen Junker, keinen gemeinen Kerl in der ganzen Armee gab,

der nicht seine gehörige Tracht Schläge erhalten, wodurch die Truppen,

nächst der eingeprügelten Moralität, auch ans Geschlagenwerden überhaupt

gewöhnt wurden, ohne jemals vor dem Feinde gewesen zu sein, und in

diesem Fall nichts anders tun konnten als Schlagen. Das leuchtet Euch

ein, Meister Abraham, und nun sagt mir um tausend Gotteswillen, was

wollt Ihr mit Euerm Sturm, mit Euerm auf dem Pontneuf beraubten

Advokaten Rabelais, wo bleibt Eure Entschuldigung, daß das Fest sich

auflöste in wilder Verwirrung, daß mir eine Leuchtkugel ins Toupet fuhr,

daß mein teuerer Sohn in das Bassin geriet und von verräterischen

Delphinen bespritzt wurde über und über, daß die Prinzessin entschleiert

mit aufgeschürztem Rock wie Atalanta durch den Park fliehen mußte, daß

-- daß -- wer zählt die Unglücksfälle der verhängnisvollen Nacht? -- Nun,

Meister Abraham, was sagt Ihr?«

Gnädigster Herr, erwiderte ich, mich demutsvoll verbeugend, was war an

allem Unheil schuld als der Sturm -- das gräßliche Unwetter, welches

einbrach, als alles im schönsten Gange war. Kann ich den Elementen

gebieten? -- Hab' ich denn nicht selbst dabei schlimmes Malheur

erlitten, habe ich nicht wie jener Advokat, den ich untertänigst nicht

mit dem berühmten französischen Schriftsteller Rabelais zu verwechseln

bitte, Hut, Rock und Mantel verloren? Habe ich nicht --

Höre, unterbrach hier den Meister Abraham Johannes Kreisler, höre,

Freund, noch jetzt, unerachtet es schon ziemlich lange her ist, spricht

man von dem Geburtstage der Fürstin, dessen Feier du angeordnet hast,

wie von einem dunkeln Geheimnis, und gewiß hast du nach deiner

gewöhnlichen Art und Weise viel Abenteuerliches begonnen. Hielt das Volk

dich schon immer für eine Art von Hexenmeister, so scheint dieser Glaube

durch jenes Fest noch um vieles stärker geworden zu sein. Sage mir nur

geradezu, wie sich alles begeben! Du weißt, ich war damals nicht hier --

Eben das, fiel Meister Abraham dem Freunde ins Wort, daß du nicht hier,

daß du, der Himmel weiß von welchen Furien der Hölle getrieben,

fortgerannt warst wie ein Wahnsinniger, eben das machte mich toll und

wild, eben deshalb beschwor ich die Elemente herauf, ein Fest zu stören,

das meine Brust zerschnitt, da du, der eigentliche Held des Stücks,

fehltest, ein Fest, das nur erst dürftig und mühsam daher schlich, dann

aber über geliebte Personen nichts brachte als die Qual beängstigender

Träume -- Schmerz -- Entsetzen! -- Erfahre es jetzt, Johannes, ich habe

tief in dein Inneres geschaut und das gefährliche, bedrohliche Geheimnis

erkannt, das darin ruht, -- ein gärender Vulkan, in jedem Augenblick

vermögend loszubrechen in verderblichen Flammen, rücksichtslos alles um

sich her verzehrend. Es gibt Dinge in unserm Innern, die sich so

gestalten, daß die vertrautesten Freunde darüber nicht reden dürfen.

Darum verhehlte ich dir sorglich, was ich in dir erschaut, aber mit

jenem Fest, dessen tieferer Sinn nicht die Fürstin, sondern eine andere

geliebte Person und dich selbst traf, wollte ich dein ganzes Ich

gewaltsam erfassen. Die verborgensten Qualen sollten lebendig werden in

dir, und wie aus dem Schlaf erwachte Furien mit verdoppelter Kraft deine

Brust zerfleischen. Wie einem zum Tode Siechen sollte Arznei, dem Orkus

selbst entnommen, die im stärksten Paroxysmus kein weiser Arzt scheuen

darf, dir den Tod bereiten oder Genesung! -- Wisse, Johannes, daß der

Fürstin Namenstag zusammentrifft mit dem Namenstage Julia's, die auch

wie sie Maria geheißen.

Ha! rief Kreisler, indem er, zehrendes Feuer im Blick, aufsprang, ha!

-- Meister! ist dir die Macht gegeben, mit mir freches, höhnendes Spiel

zu treiben? -- Bist du das Verhängnis selbst, daß du mein Inneres

erfassen magst?

Wilder, unbesonnener Mensch, erwiderte Meister Abraham ruhig, wann wird

endlich der verwüstende Brand in deiner Brust zur reinen Naphthaflamme

werden, genährt von dem tiefsten Sinn für die Kunst, für alles Herrliche

und Schöne, der in dir wohnt! -- Du verlangtest von mir die Beschreibung

jenes verhängnisvollen Festes; so höre mich denn ruhig an, oder ist

deine Kraft gebrochen ganz und gar, daß du das nicht vermagst, so will

ich dich verlassen. --

Erzähle, sprach Kreisler mit halb erstickter Stimme, indem er, beide

Hände vors Gesicht, sich wieder hinsetzte. Ich will, sprach Meister

Abraham, plötzlich einen heiteren Ton annehmend, dich, lieber Johannes,

gar nicht ermüden mit der Beschreibung aller der sinnreichen

Anordnungen, die größtenteils dem erfindungsreichen Geiste des Fürsten

selbst ihren Ursprung verdankten. Da das Fest am späten Abend begann, so

versteht es sich von selbst, daß der ganze schöne Park, der das

Lustschloß umgibt, erleuchtet war. Ich hatte mich bemüht, in dieser

Erleuchtung ungewöhnliche Effekte hervorzubringen, das gelang aber nur

zum Teil, da auf des Fürsten ausdrücklichen Befehl in allen Gängen,

mittels auf großen schwarzen Tafeln angebrachter, buntfarbiger Lampen,

der Namenszug der Fürstin brennen mußte, nebst der fürstlichen Krone

darüber. Da die Tafeln auf hohen Pfählen angenagelt, so glichen sie

beinahe illuminierten Warnungsanzeigen, daß man nicht Tabak rauchen oder

die Maut nicht umfahren solle. Der Hauptpunkt des Festes war das durch

Gebüsch und künstliche Ruinen gebildete Theater in der Mitte des Parks,

welches du kennst. Auf diesem Theater sollten die Schauspieler aus der

Stadt etwas Allegorisches agieren, welches läppisch genug war, um ganz

außerordentlich zu gefallen, hätte es auch nicht der Fürst selbst

verfaßt und wäre es daher auch nicht, um mich des geistreichen Ausdrucks

jenes Schauspieldirektors, der ein fürstliches Stück aufführte, zu

bedienen, aus einer durchlauchtigen Feder geflossen. Der Weg vom Schloß

bis zum Theater war ziemlich weit. Nach der poetischen Idee des Fürsten

sollte der wandelnden Familie ein in Lüften schwebender Genius mit zwei

Fackeln vorleuchten, sonst aber kein Licht brennen, sondern erst,

nachdem die Familie und das Gefolge Platz genommen, das Theater

plötzlich erleuchtet werden. Deshalb blieb besagter Weg finster.

Vergebens stellte ich die Schwierigkeit dieser Maschinerie vor, welche

die Länge des Wegs herbeiführte; der Fürst hatte in den >_Fêtes de

Versailles_< etwas Ähnliches gelesen, und da er hinterher den poetischen

Gedanken selbst gefunden, bestand er auf dessen Ausführung. Um jedem

unverdienten Vorwurf zu entgehen, überließ ich den Genius samt den

Fackeln dem Theatermaschinisten aus der Stadt. -- So wie nun das

fürstliche Paar, hinter ihm das Gefolge, aus der Türe des Salons trat,

wurde ein kleines pausbackiges Männlein, in die Hausfarben des Fürsten

gekleidet, mit zwei brennenden Fackeln in den Händchen, vom Dache des

Lustschlosses herabgezogen. Die Puppe war aber zu schwer, und es begab

sich, daß kaum zwanzig Schritte davon die Maschine stockte, so daß der

leuchtende Schutzgeist des fürstlichen Hauses hängen blieb, und da die

Arbeiter stärker anzogen, sich überkugelte. Nun schleuderten die

brennenden abwärts gekehrten Wachskerzen glühende Tropfen zur Erde. Der

erste dieser Tropfen traf den Fürsten selbst, der indessen mit stoischem

Gleichmut den Schmerz verbiß, wiewohl er in der Gravität des Schrittes

nachließ und schneller vorwärts eilte. Der Genius schwebte jetzt fort

über der Gruppe, die der Hofmarschall mit den Kammerjunkern nebst andern

Hofchargen bildete, Füße oben, Kopf unten, so daß der Glutregen aus den

Fackeln bald diesen, bald jenen auf den Kopf und auf die Nase traf. Den

Schmerz zu äußern und so das frohe Fest zu stören, hätte den Respekt

verletzt; es war daher hübsch anzusehen, wie die Unglücklichen, eine

ganze Kohorte stoischer Scävolas, mit gräßlich verzerrten Gesichtern und

doch mit Gewalt die Qual niederkämpfend, ja wohl gar ein Lächeln

erzwingend, das dem Orkus anzugehören schien, daherschritten, lautlos,

kaum bangen Seufzern Raum gebend. Dazu wirbelten die Pauken,

schmetterten die Trompeten, riefen hundert Stimmen: Vivat, vivat die

gnädigste Frau Fürstin! Vivat der gnädigste Herr Fürst! so daß das durch

den wunderlichen Kontrast jener Laokoontischen Gesichter mit dem

lustigen Jubel erzeugte tragische Pathos der ganzen Szene eine Majestät

gab, wie kaum zu denken.

Der alte dicke Hofmarschall konnte es endlich nicht mehr ertragen; als

ihn ein glühender Tropfen gerade auf die Backe traf, sprang er in

grimmer Wut der Verzweiflung seitwärts, verwickelte sich aber in die

Stricke, die zur Flugmaschine gehörend gerade an der Seite hart über dem

Boden fortliefen, und stürzte mit dem lauten Ausruf: Alle Teufel! nieder

zur Erde. In demselben Moment hatte auch der luftige Page seine Rolle

ausgespielt. Der gewichtige Hofmarschall zog ihn mit Zentnerschwere

nieder, er stürzte herab mitten unter das Gefolge, das laut aufschreiend

auseinander prallte. Die Fackeln verlöschten; man befand sich in der

dicksten Finsternis. Dies alles geschah dicht vor dem Theater. Ich

hütete mich wohl den Zünder anzustecken, der alle Lampen, alle

Feuerbecken des Platzes auf einmal in Brand setzen mußte, sondern

wartete damit ein paar Minuten, um der Gesellschaft Zeit zu lassen, sich

in Baum und Gebüsch gehörig zu verwirren. »Licht -- Licht!« rief der

Fürst wie der König im Hamlet, -- »Licht -- Licht!« eine Menge heisere

Stimmen durcheinander. Als der Platz erleuchtet, glich der auseinander

gesprengte Haufe einem geschlagenen Heer, das sich mühsam zusammen

findet. Der Oberkammerherr bewies sich als ein Mann von Gegenwart des

Geistes, als der geschickteste Taktiker seiner Zeit; denn in wenigen

Minuten war vermöge seiner Bemühungen die Ordnung wiederhergestellt. Der

Fürst trat mit der nächsten Umgebung auf eine Art von erhöhten

Blumenthron, der in der Mitte des Zuschauer-Platzes errichtet. Sowie das

fürstliche Paar sich niederließ, fielen vermöge einer sehr pfiffigen

Vorrichtung jenes Maschinisten eine Menge Blumen auf dasselbe herab. Nun

wollte es aber das dunkle Verhängnis, daß eine große Feuerlilie dem

Fürsten gerade auf die Nase fiel und sein ganzes Gesicht glutrot

überstäubte, wodurch er ein ungemein majestätisches, der Feierlichkeit

des Festes würdiges, Ansehen gewann.

Das ist zu arg -- das ist zu arg, rief Kreisler, indem er eine rasende

Lache aufschlug, daß die Wände dröhnten.

Lache nicht so konvulsivisch, sprach Meister Abraham, auch ich

lachte in jener Nacht unmäßiger als jemals, ich fühlte mich eben zu

allerlei tollem Mutwillen aufgelegt und hätte wie der Spukgeist Droll

selbst gern alles noch mehr durcheinander jagen, noch mehr verwirren

mögen; aber desto tiefer drangen dann die Pfeile, die ich gegen andere

gerichtet, ein in meine eigene Brust. -- Nun! -- ich will es nur sagen!

Den Moment des läppischen Blumenbewerfens hatte ich gewählt, um den

unsichtbaren Faden festzuknüpfen, der sich nun durch das ganze Fest

ziehen und, wie ein elektrischer Leiter, das Innerste der Personen

durchbeben sollte, die ich mit meinem geheimnisvollen geistigen Apparat,

in den sich der Faden verlor, mir in Rapport gesetzt denken mußte.

-- Unterbrich mich nicht Johannes -- höre mich ruhig an. -- Julia saß mit

der Prinzessin hinter der Fürstin seitwärts, ich hatte beide im Auge.

Sowie Pauken und Trompeten schwiegen, fiel Julien eine unter duftenden

Nachtviolen versteckte aufbrechende Rosenknospe in den Schoß, und wie

strömender Hauch des Nachtwindes schwammen die Töne deines tief ins Herz

dringenden Liedes herüber: _mi lagnerò tacendo della mia sorte amara._

-- Julie war erschrocken, als aber das Lied, das ich, ich sag' es, damit

du über die Art des Vortrags etwa nicht in bange Zweifel gerätst, von

unsern vier vortrefflichen Bassetthornisten ganz in der Ferne spielen

ließ -- begann, entfloh ein leichtes Ach ihren Lippen, sie drückte den

Strauß an die Brust, und ich hörte deutlich, daß sie zur Prinzessin

sprach: Er ist gewiß wieder da! -- Die Prinzessin umarmte Julien mit

Heftigkeit und rief so laut: Nein, nein -- ach, niemals! daß der Fürst

sein feuriges Antlitz umdrehte und ihr ein zorniges _Silence!_ zuwarf. Der

Herr mochte auch wohl eben nicht gerade auf das liebe Kind sehr böse

sein, aber ich will es hier bemerken, daß die wunderbare Schminke, ein

_tiranno ingrato_ in der Oper hätte sich nicht zweckmäßiger anmalen

können, ihm wirklich das Ansehen eines fortwährenden unvertilgbaren

Zornes gab, so daß die rührendsten Reden, die zartesten Situationen,

welche häusliches Glück auf dem Throne allegorisch darstellten, rein

verloren schienen; Schauspieler und Zuschauer gerieten darüber in nicht

geringe Verlegenheit. Ja selbst wenn der Fürst bei den Stellen, die er

sich zu dem Behuf in dem Exemplar, das er in der Hand hielt, rot

angestrichen, der Fürstin die Hand küßte und mit dem Tuch eine Träne von

dem Auge wegdrückte, schien es in verbissenem Ingrimm zu geschehen, so

daß die Kammerherren, die diensttuend ihm zur Seite standen, sich

zuflüsterten: O Jesus, was ist unserm gnädigsten Herrn! -- Ich will dir

nur sagen, Johannes, daß, während die Schauspieler das alberne Zeug

vorne auf dem Theater hertragierten, ich mittels magischer Spiegel und

anderer Vorrichtungen hinterwärts in den Lüften ein Geisterschauspiel

darstellte zur Verherrlichung des Himmelskindes, der holden Julia, daß

eine Melodie nach der andern, die du in hoher Begeisterung geschaffen,

ertönte, ja, daß oft ferner, oft näher, wie banger ahnungsvoller

Geisterruf, der Name: Julia, erklang. -- Aber du fehltest -- du

fehltest, mein Johannes! Und wenn ich auch, nachdem das Schauspiel

geendet, meinen Ariel rühmen, wie Shakespeares Prospero den seinigen,

wenn ich auch sagen müßte, daß er alles trefflich vollführt, so fand ich

doch das, was ich mit tiefem Sinn angeordnet zu haben glaubte, schal und

matt. -- Die Julia hatte alles mit feinem Takt verstanden. Doch schien

sie nur angeregt wie von einem lieblichen Traum, dem man übrigens keine

sonderliche Einwirkung ins wache Leben verstattet. Die Prinzessin war

dagegen tief in sich gekehrt. Arm in Arm lustwandelte sie mit Julien in

den erleuchteten Gängen des Parks, während der Hof in einem Pavillon

Erfrischungen zu sich nahm. -- Ich hatte den Hauptschlag in diesem

Moment vorbereitet, aber du fehltest -- du fehltest, mein Johannes.

-- Voller Unmut und Zorn rannte ich umher, ich sah zu, ob alle Anstalten

zu dem großen Feuerwerk, womit das Fest schließen sollte, gehörig

geordnet. Da gewahrte ich, aufschauend zum Himmel, über dem fernen

Geierstein, im Schimmer der Nacht die kleine rötliche Wolke, die

jedesmal ein Wetter bedeutet, das still heraufzieht und dann hier über

uns mit einer fürchterlichen Explosion losbricht. Zu welcher Zeit diese

Explosion geschehen muß, berechne ich, wie du weißt, nach dem Stand der

Wolke auf die Sekunde. Keine Stunde konnte es mehr dauern, ich beschloß

daher, mit dem Feuerwerk zu eilen. In dem Augenblick vernahm ich, daß

mein Ariel mit jener Phantasmagorie begonnen, die alles, alles

entscheiden sollte, denn ich hörte am Ende des Parks in der kleinen

Marienkapelle den Chor dein _Ave maris stella_ singen. Ich eilte schnell

hin. Julia und die Prinzessin knieten in dem Betstuhl, der vor der

Kapelle im Freien angebracht. Kaum war ich an Ort und Stelle, als --

aber du fehltest -- du fehltest, mein Johannes! -- Laß mich darüber

schweigen, was sich jetzt begab. -- Ach! -- wirkungslos blieb das, was

ich für ein Meisterstück meiner Kunst gehalten, und ich erfuhr, was ich

blöder Tor nicht geahnt. --

Heraus mit der Sprache! rief Kreisler; alles, alles sage, Meister wie es

sich begeben.

Mit nichten, erwiderte Meister Abraham; es nützt dir nichts, Johannes,

und mir zerschneidet es die Brust, wenn ich noch sagen soll, wie meine

eignen Geister mir Graus einjagten und Entsetzen! -- Die Wolke!

-- glücklicher Gedanke! So soll, rief ich wild aus, denn alles in toller

Verwirrung enden! und rannte fort nach dem Platze des Feuerwerks. Der

Fürst ließ mir sagen, wenn alles fertig sei, sollte ich das Zeichen

geben. Das Auge nicht abwendend von der Wolke, die vom Geierstein weg

höher und höher heraufzog, ließ ich, als sie mir hoch genug schien, die

Böller lösen. Bald war der Hof, die ganze Gesellschaft, an Ort und

Stelle. Nach dem gewöhnlichen Spiel mit Feuerrädern, Raketen,

Leuchtkugeln und anderm gemeinen Zeuge ging endlich der Namenszug der

Fürstin in Chinesischem Brillantfeuer auf, doch hoch über ihm in den

Lüften schwamm und verschwamm in milchweißem Licht der Name Julia. -- Nun

war es Zeit. -- Ich zündete die Girandole an, und wie zischend und

prasselnd die Raketen in die Höhe fuhren, brach das Wetter los mit

glutroten Blitzen, mit krachenden Donnern, von denen Wald und Gebirge

erdröhnten. Und der Orkan brauste hinein in den Park und störte auf den

tausendstimmig heulenden Jammer im tiefsten Gebüsch. Ich riß einem

fliehenden Trompeter das Instrument aus der Hand und blies lustig

jauchzend darin, während die Artilleriesalven der Feuertöpfe, der

Kanonenschläge, der Böller, wacker dem rollenden Donner

entgegenknallten.

Während Meister Abraham also erzählte, sprang Kreisler auf, schritt

heftig im Zimmer auf und ab, focht mit den Armen um sich und rief

endlich ganz begeistert: Das ist schön, das ist herrlich, daran erkenne

ich meinen Meister Abraham, mit dem ich ein Herz bin und eine Seele!

O, sprach Meister Abraham, ich weiß es ja, das Wildeste,

Schauerlichste, ist dir eben recht, und doch habe ich das vergessen, was

dich ganz und gar den unheimlichen Mächten der Geisterwelt preisgegeben

hätte. -- Ich hatte die Wetterharfe, die, wie du weißt, sich über das

große Bassin hinzieht, anspannen lassen, auf der der Sturm als ein

tüchtiger Harmoniker gar wacker spielte. In dem Geheul, in dem Gebraus

des Orkans, in dem Krachen des Donners, erklangen furchtbar die Akkorde

der Riesenorgel. Schneller und schneller schlugen die gewaltigen Töne

los, und man mochte wohl ein Furienballett vernehmen, dessen Stil

ungemein groß zu nennen, wie man es beinahe zwischen den leinwandnen

Wänden des Theaters nicht zu hören bekommt. -- Nun! -- in einer halben

Stunde war alles vorüber. Der Mond trat hinter den Wolken hervor. Der

Nachtwind säuselte tröstend durch den erschrockenen Wald und trocknete

die Tränen weg von den dunklen Büschen. Dazwischen ertönte noch dann und

wann die Wetterharfe wie dumpfes, fernes Glockengeläute. -- Mir war

wunderlich zu Mute. Du, mein Johannes, erfülltest mein Inneres so ganz

und gar, daß ich glaubte, du würdest gleich vor mir aufsteigen aus dem

Grabhügel verlorner Hoffnungen, unerfüllter Träume, und an meine Brust

sinken. Nun in der Stille der Nacht kam der Gedanke, was für ein Spiel

ich unternommen, wie ich gewaltsam den Knoten, den das dunkle Verhängnis

geschlungen, zerreißen wollen, aus meinem Innern herausgetreten,

fremdartig, in anderer Gestaltung, auf mich los, und indem mich kalte

Schauer durchbebten, war ich es selbst, vor dem ich mich entsetzen

mußte. -- Eine Menge Irrlichter tanzten und hüpften im ganzen Park

umher, aber es waren die Bedienten mit Laternen, welche die auf der

schnellen Flucht verlornen Hüte, Perücken, Haarbeutel, Degen, Schuhe und

Shawls zusammensuchten. Ich machte mich davon. Mitten auf der großen

Brücke vor unserer Stadt blieb ich stehen und schaute noch einmal zurück

nach dem Park, der vom magischen Schimmer des Mondes umflossen da stand

wie ein Zaubergarten, in dem das lustige Spiel flinker Elfen begonnen.

Da fiel mir ein feines Piepen in die Ohren, ein Quäken, das beinahe dem

eines neugebornen Kindes glich. Ich vermutete eine Untat, bückte mich

tief über das Geländer und entdeckte im hellen Mondschein ein Kätzchen,

daß sich mühsam an den Pfosten angeklammert, um dem Tode zu entgehen.

Wahrscheinlich hatte man eine Katzenbrut ersäufen wollen, und das

Tierchen war wieder hinaufgekrochen. Nun, dacht' ich, ist's auch kein

Kind, so ist es doch ein armes Tier, das dich um Rettung anquäkt und das

du retten mußt.

O du empfindsamer Just, rief Kreisler lachend, sage, wo ist dein

Tellheim?

Erlaube, fuhr Meister Abraham fort, mein Johannes, mit dem Just magst

du mich kaum vergleichen. Ich habe den Just überjustet. Er rettete einen

Pudel, ein Tier, das jeder gern um sich duldet, von dem sogar angenehme

Dienstleistungen zu erwarten, mittels Apportieren, Handschuhe,

Tabaksbeutel und Pfeife nachtragen usw., aber ich rettete einen Kater,

ein Tier, vor dem sich viele entsetzen, das allgemein als perfid, keiner

sanften, wohlwollenden Gesinnung, keiner offenherzigen Freundschaft

fähig, ausgeschrieen wird, das niemals ganz und gar die feindliche

Stellung gegen den Menschen aufgibt, ja, einen Kater rettete ich aus

purer uneigennütziger Menschenliebe. -- Ich kletterte über das Geländer,

griff, nicht ohne Gefahr, herab, faßte das wimmernde Kätzchen, zog es

hinauf und steckte es in die Tasche. Nach Hause gekommen, zog ich mich

schnell aus und warf mich ermüdet und erschöpft, wie ich war, aufs Bett.

Kaum war ich aber eingeschlafen, als mich ein klägliches Piepen und

Winseln weckte, das aus meinem Kleiderschrank herzukommen schien. -- Ich

hatte das Kätzchen vergessen und es in der Rocktasche gelassen. Ich

befreite das Tier aus dem Gefängnis, wofür es mich dermaßen kratzte, daß

mir alle fünf Finger bluteten. Schon war ich im Begriff, den Kater

durchs Fenster zu werfen, ich besann mich aber und schämte mich meiner

kleinlichen Torheit, meiner Rachsucht, die nicht einmal bei Menschen

angebracht ist, viel weniger bei der unvernünftigen Kreatur. -- Genug,

ich zog mit aller Mühe und Sorgfalt den Kater groß. Es ist das

gescheuteste, artigste, ja witzigste Tier der Art, das man sehen kann,

dem es nur noch an der höhern Bildung fehlt, die du, mein lieber

Johannes, ihm mit leichter Mühe beibringen wirst, weshalb ich denn

gesonnen bin, dir den Kater Murr, so habe ich ihn benannt, fernerhin zu

überlassen. Obschon Murr zur Zeit, wie die Juristen sich ausdrücken,

noch kein homo sui juris ist, so habe ich ihn doch um seine Einwilligung

gefragt, ob er in deine Dienste treten wolle. Er ist durchaus damit

zufrieden.«

Du faselst, sprach Kreisler, Meister Abraham! Du weißt, daß ich Katzen

nicht sonderlich leiden mag, daß ich dem Geschlecht der Hunde bei weitem

den Vorzug gebe. --

Ich bitte dich, erwiderte Meister Abraham, lieber Johannes, recht von

Herzen, nimm meinen hoffnungsvollen Kater Murr wenigstens so lange zu

dir, bis ich heimkehre von meiner Reise! Ich habe ihn schon deshalb

mitgebracht, er ist draußen und wartet auf gütigen Bescheid. Sieh ihn

wenigstens an.

Damit öffnete Meister Abraham die Türe, und auf der Strohmatte

zusammengekrümmt, schlafend, lag ein Kater, der wirklich in seiner Art

ein Wunder von Schönheit zu nennen. Die grauen und schwarzen Streifen

des Rückens liefen zusammen auf dem Scheitel zwischen den Ohren und

bildeten auf der Stirne die zierlichste Hieroglyphenschrift. Ebenso

gestreift und von ganz ungewöhnlicher Länge und Stärke war der

stattliche Schweif. Dabei glänzte des Katers buntes Kleid und schimmerte

von der Sonne beleuchtet, so daß man zwischen dem Schwarz und Grau noch

schmale goldgelbe Streifen wahrnahm. Murr! Murr! rief Meister Abraham,

krrr -- krrr, erwiderte der Kater sehr vernehmlich, dehnte -- erhob

sich, machte den außerordentlichsten Katzenbuckel und öffnete ein paar

grasgrüne Augen, aus denen Geist und Verstand in funkelndem Feuer

hervorblitzten. Das behauptete wenigstens Meister Abraham, und auch

Kreisler mußte so viel einräumen, daß der Kater etwas Besonderes,

Ungewöhnliches im Antlitz trage, daß sein Kopf hinlänglich dick, um die

Wissenschaften zu fassen, sein Bart aber schon jetzt in der Jugend weiß

und lang genug sei, um dem Kater gelegentlich die Autorität eines

griechischen Weltweisen zu verschaffen.

Wie kann man aber auch überall gleich schlafen, sprach Meister Abraham

zum Kater, du verlierst alle Heiterkeit darüber und wirst vor der Zeit

ein grämliches Tier. Putz dich fein, Murr!

Sogleich setzte der Kater sich auf die Hinterfüße, fuhr mit den

Samtpfötchen sich zierlich über Stirn und Wangen und stieß dann ein

klares freudiges Miau aus.

Dies ist, fuhr Meister Abraham fort, der Herr Kapellmeister Johannes

Kreisler, bei dem du in Dienste treten wirst. Der Kater glotzte den

Kapellmeister mit seinen großen funkelnden Augen an, begann zu knurren,

sprang auf den Tisch, der neben Kreislern stand, und von da ohne

weiteres auf seine Schulter, als wolle er ihm etwas ins Ohr sagen. Dann

setzte er wieder herab zur Erde und umkreiste schwänzelnd und knurrend

den neuen Herrn, als wolle er recht Bekanntschaft mit ihm machen.

Gott verzeih mir, rief Kreisler, ich glaube gar, der kleine graue Kerl

hat Verstand und stammt aus der illustren Familie des gestiefelten

Katers her.

So viel ist gewiß, erwiderte Meister Abraham, daß der Kater Murr das

possierlichste Tier von der Welt ist, ein wahrer Pulcinell und dabei

artig und sittsam, nicht zudringlich und unbescheiden, wie zuweilen

Hunde, die uns mit ungeschickten Liebkosungen beschwerlich fallen.

Indem ich, sprach Kreisler, diesen klugen Kater betrachte, fällt es mir

wieder schwer aufs Herz, in welchen engen Kreis unsere Erkenntnis

gebannt ist. -- Wer kann es sagen, wer nur ahnen, wie weit das

Geistesvermögen der Tiere geht! -- Wenn uns etwas, oder vielmehr alles,

in der Natur unerforschlich bleibt, so sind wir gleich mit Namen bei der

Hand, und brüsten uns mit unserer albernen Schulweisheit, die eben nicht

viel weiter reicht als unsere Nase. So haben wir denn auch das ganze

geistige Vermögen der Tiere, das sich oft auf die wunderbarste Art

äußert, mit der Bezeichnung Instinkt abgefertigt. Ich möchte aber nur

die einzige Frage beantwortet haben, ob mit der Idee des Instinkts, des

blinden willkürlosen Triebes, die Fähigkeit zu träumen vereinbar sei.

Daß aber z. B. Hunde mit der größten Lebhaftigkeit träumen, weiß jeder,

der einen schlafenden Jagdhund beobachtet hat, dem im Traum die ganze

Jagd aufgegangen. Er sucht, er schnuppert, er bewegt die Füße, als sei

er im vollen Rennen, er keucht, er schwitzt. -- Von träumenden Katern

weiß ich zur Zeit nichts. --

Der Kater Murr, unterbrach Meister Abraham den Freund, träumt nicht

allein sehr lebendig, sondern er gerät auch, wie deutlich zu bemerken,

häufig in jene sanften Reverien, in das träumerische Hinbrüten, in das

somnambule Delirieren, kurz, in jenen seltsamen Zustand zwischen

Schlafen und Wachen, der poetischen Gemütern für die Zeit des

eigentlichen Empfanges genialer Gedanken gilt. In diesem Zustande stöhnt

und ächzt er seit kurzer Zeit ganz ungemein, so daß ich glauben muß, daß

er entweder in Liebe ist, oder an einer Tragödie arbeitet.

Kreisler lachte hell auf, indem er rief: Nun so komm denn, du kluger,

artiger, witziger, poetischer Kater Murr, laß uns --

=(M. f. f.)= -- ersten Erziehung, meiner Jugendmonate überhaupt noch

vieles anführen.

Es ist nämlich wohl höchst merkwürdig und lehrreich, wenn ein großer

Geist in einer Autobiographie über alles, was sich mit ihm in seiner

Jugend begab, sollte es auch noch so unbedeutend scheinen, sich recht

umständlich ausläßt. Kann aber auch wohl einem hohen Genius jemals

Unbedeutendes begegnen? Alles, was er in seiner Knabenzeit unternahm

oder nicht unternahm, ist von der höchsten Wichtigkeit, und verbreitet

helles Licht über den tiefern Sinn, über die eigentliche Tendenz seiner

unsterblichen Werke. Herrlicher Mut geht auf in der Brust des strebenden

Jünglings, den bange Zweifel quälen, ob die innere Kraft auch wohl

genüge, wenn er lieset, daß der große Mann als Knabe auch Soldat

spielte, sich in Naschwerk übernahm und zuweilen was weniges Schläge

erhielt, weil er faul war ungezogen und tölpisch. »Gerade wie ich,

gerade wie ich«, ruft der Jüngling begeistert aus und zweifelt nicht

länger, daß auch er ein hoher Genius ist trotz seinem angebeteten Idol.

Mancher las den Plutarch oder auch wohl nur den Cornelius Nepos und

wurde ein großer Held, mancher die Tragödien-Dichter der Alten in der

Übersetzung, und nebenher den Calderon und Shakespeare, den Goethe und

Schiller und wurde, wo nicht ein großer Dichter, doch ein kleiner

allerliebster Versmacher, wie ihn die Leute eben so gern haben. So

werden meine Werke auch gewiß in der Brust manches jungen geist- und

gemütreichen Katers das höhere Leben der Poesie entzünden, und nimmt

dann der edle Katerjüngling meine biographischen Belustigungen auf dem

Dache vor, geht er ganz ein in die hohen Ideen des Buches, das ich

soeben unter den Klauen habe, dann wird er im Entzücken der Begeisterung

ausrufen: Murr, göttlicher Murr, größter deines Geschlechts, dir, dir

allein verdanke ich alles, nur dein Beispiel macht mich groß. --

Es ist zu rühmen, daß Meister Abraham bei meiner Erziehung sich weder

an den vergessenen Basedow hielt, noch die Pestalozzische Methode

befolgte, sondern mir unbeschränkte Freiheit ließ, mich selbst zu

erziehen, insofern ich mich nur in gewisse Normalprinzipien fügte, die

Meister Abraham sich als unbedingt notwendig für die Gesellschaft, die

die herrschende Macht auf dieser Erde versammelt, dachte, da sonst alles

blind und toll durcheinander rennen und es überall vertrackte

Rippenstöße und garstige Beulen setzen, eine Gesellschaft überhaupt

nicht denkbar sein würde. Den Inbegriff dieser Prinzipien nannte der

Meister die natürliche Artigkeit im Gegensatz der konventionellen, der

gemäß man sprechen muß: ich bitte ganz gehorsamst um gütige Verzeihung,

wenn man von einem Lümmel angerannt, oder auf den Fuß getreten worden.

Mag es sein, daß jene Artigkeit den Menschen nötig ist, so kann ich doch

nicht begreifen, wie sich ihr auch mein freigebornes Geschlecht fügen

soll, und war nun das Hauptregens, mittels dessen der Meister mir jene

Normalprinzipien beibrachte, ein gewisses sehr fatales Birkenreis, so

kann ich mich wohl mit Recht über Härte meines Erziehers beklagen.

Davongelaufen wäre ich, hätte mich nicht der mir angeborene Hang zur

höhern Kultur an den Meister festgebunden. -- Je mehr Kultur, desto

weniger Freiheit, das ist ein wahres Wort. Mit der Kultur steigen die

Bedürfnisse, mit den Bedürfnissen -- Nun; eben die augenblickliche

Befriedigung mancher natürlichen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Ort und

Zeit, das war das erste was mir der Meister mittels des verhängnisvollen

Birkenreises total abgewöhnte. Dann kam es an die Gelüste, die, wie ich

mich später überzeugt habe, lediglich aus einer gewissen abnormen

Stimmung des Gemüts entstehen. Eben diese seltsame Stimmung, die

vielleicht von meinem psychischen Organismus selbst erzeugt wurde, trieb

mich an, die Milch, ja selbst den Braten, den der Meister für mich

hingestellt, stehen zu lassen, auf den Tisch zu springen, und das

wegzunaschen, was er selbst genießen wollte. Ich empfand die Kraft des

Birkenreises, und ließ es bleiben. -- Ich sehe es ein, daß der Meister

recht hatte, meinen Sinn von dergleichen abzulenken, da ich weiß, daß

mehrere meiner guten Mitbrüder, weniger kultiviert, weniger gut erzogen

als ich, dadurch in die abscheulichsten Verdrießlichkeiten, ja in die

traurigste Lage, auf ihre Lebenszeit geraten sind. Ist es mir doch

bekannt worden, daß ein hoffnungsvoller Katerjüngling den Mangel an

innerer geistiger Kraft, seinem Gelüst zu widerstehen einen Topf Milch

auszunaschen, mit dem Verlust seines Schweifs büßen, und verhöhnt,

verspottet, sich in die Einsamkeit zurückziehen mußte. Also der Meister

hatte recht, mir dergleichen abzugewöhnen; daß er aber meinem Drange

nach den Wissenschaften und Künsten Widerstand leistete, das kann ich

ihm nicht verzeihen. --

Nichts zog mich in des Meisters Zimmer mehr an als der mit Büchern,

Schriften und allerlei seltsamen Instrumenten bepackte Schreibtisch. Ich

kann sagen, daß dieser Tisch ein Zauberkreis war, in den ich mich

gebannt fühlte, und doch empfand ich eine gewisse heilige Scheu, die

mich abhielt, meinem Triebe ganz mich hinzugeben. Endlich eines Tages,

als eben der Meister abwesend war, überwand ich meine Furcht und sprang

hinauf auf den Tisch. Welche Wollust, als ich nun mitten unter den

Schriften und Büchern saß, und darin wühlte. Nicht Mutwille, nein nur

Begier, wissenschaftlicher Heißhunger war es, daß ich mit den Pfoten ein

Manuskript erfaßte, und so lange hin und her zauste, bis es in kleine

Stücke zerrissen vor mir lag. Der Meister trat herein, sah was

geschehen, stürzte mit dem kränkenden Ausruf: Bestie, vermaledeite! auf

mich los, und prügelte mich mit dem Birkenreis so derb ab, daß ich mich

winselnd vor Schmerz unter den Ofen verkroch, und den ganzen Tag über

durch kein freundliches Wort wieder hervorzulocken war. Wen hätte dies

Ereignis nicht abgeschreckt auf immer, selbst die Bahn zu verfolgen, die

ihm die Natur vorgezeichnet! Aber kaum hatte ich mich ganz erholt von

meinen Schmerzen, als ich, meinem unwiderstehlichen Drange folgend,

wieder auf den Schreibtisch sprang. Freilich war ein einziger Ruf meines

Meisters, ein abgebrochener Satz wie z. B. »Will er!« -- hinlänglich,

mich wieder herab zu jagen, so daß es nicht zum Studieren kam; indessen

wartete ich ruhig auf einen günstigen Moment, meine Studien anzufangen,

und dieser trat denn auch bald ein. Der Meister rüstete sich eines Tages

zum Ausgehen, alsbald versteckte ich mich so gut im Zimmer, daß er mich

nicht fand, als er, eingedenk des zerrissenen Manuskripts, mich

hinausjagen wollte. Kaum war der Meister fort, so sprang ich mit einem

Satz auf den Schreibtisch und legte mich mitten hinein in die Schriften,

welches mir ein unbeschreibliches Wohlgefallen verursachte. Geschickt

schlug ich mit der Pfote ein ziemlich dickes Buch auf, welches vor mir

lag, und versuchte, ob es mir nicht möglich sein würde, die

Schriftzeichen darin zu verstehen. Das gelang mir zwar anfangs ganz und

gar nicht, ich ließ aber gar nicht ab, sondern starrte hinein in das

Buch, erwartend, daß ein ganz besonderer Geist über mich kommen und mir

das Lesen lehren werde. So vertieft überraschte mich der Meister. Mit

einem lauten: Seht die verfluchte Bestie, sprang er auf mich zu. Es war

zu spät mich zu retten, ich kniff die Ohren an, ich duckte mich nieder,

so gut es gehen wollte, ich fühlte schon die Rute auf meinem Rücken.

Aber die Hand schon aufgehoben hielt der Meister plötzlich inne, schlug

eine helle Lache auf und rief: Kater -- Kater du liesest? ja, das kann,

das will ich dir nicht verwehren. Nun sieh -- sieh! -- was für ein

Bildungstrieb dir inwohnt. -- Er zog mir das Buch unter den Pfoten weg,

schaute hinein, und lachte noch unmäßiger als vorher. Das muß ich sagen,

sprach er dann, ich glaube gar, du hast dir eine kleine Handbibliothek

angeschafft, denn ich wüßte sonst gar nicht, wie das Buch auf meinen

Schreibtisch kommen sollte? -- Nun lies nur -- studiere fleißig mein

Kater, allenfalls magst du auch die wichtigsten Stellen im Buche durch

sanfte Einrisse bezeichnen, ich stelle dir das frei! -- Damit schob er

mir das Buch aufgeschlagen wieder hin. Es war, wie ich später erfuhr,

Knigge über den Umgang mit Menschen, und ich habe aus diesem herrlichen

Buch viel Lebensweisheit geschöpft. Es ist so recht aus meiner Seele

geschrieben, und paßt überhaupt für Kater, die in der menschlichen

Gesellschaft etwas gelten wollen, ganz ungemein. Diese Tendenz des Buchs

ist, soviel ich weiß, bisher übersehen, und daher zuweilen das falsche

Urteil gefällt worden, daß der Mensch, der sich ganz genau an die im

Buch aufgestellten Regeln halten wolle, notwendig überall als ein

steifer herzloser Pedant auftreten müsse.

Seit dieser Zeit litt mich der Meister nicht allein auf dem

Schreibtisch, sondern er sah es sogar gern, wenn ich, arbeitete er

selbst, heraufsprang, und mich vor ihm unter die Schriften hinlagerte.

Meister Abraham hatte die Gewohnheit oftmals viel hintereinander laut

zu lesen. Ich unterließ dann nicht, mich so zu postieren, daß ich ihm

ins Buch sehen konnte, welches bei den scharfblickenden Augen, die mir

die Natur verliehen, möglich war, ohne ihm beschwerlich zu fallen.

Dadurch, daß ich die Schriftzeichen mit den Worten verglich, die er

aussprach, lernte ich in kurzer Zeit lesen, und wem dies etwa

unglaublich vorkommen möchte, hat keinen Begriff von dem ganz besonderen

Ingenium womit mich die Natur ausgestattet. Genies die mich verstehen

und mich würdigen, werden keinen Zweifel hegen. Rücksichts einer Art

Ausbildung, die vielleicht der ihrigen gleich ist. Dabei darf ich auch

nicht unterlassen, die merkwürdige Beobachtung mitzuteilen, die ich

rücksichts des vollkommenen Verstehens der menschlichen Sprache gemacht.

Ich habe nämlich mit vollem Bewußtsein beobachtet, daß ich gar nicht

weiß wie ich zu diesem Verstehen gekommen bin. Bei den Menschen soll

dies auch der Fall sein. Das nimmt mich aber gar nicht wunder, da dies

Geschlecht in den Jahren der Kindheit beträchtlich dümmer und

unbeholfener ist als wir. Als ein ganz kleines Käterchen ist es mir

niemals geschehen, daß ich mir selbst in die Augen gegriffen, ins Feuer

oder ins Licht gefaßt oder Stiefelwichse statt Kirschmus gefressen, wie

dies wohl bei kleinen Kindern zu geschehen pflegt.

Wie ich nun fertig las, und ich mich täglich mehr mit fremden Gedanken

vollstopfte, fühlte ich den unwiderstehlichsten Drang, auch meine eignen

Gedanken, wie sie der mir innewohnende Genius gebar, der Vergessenheit

zu entreißen, und dazu gehörte nun allerdings die freilich sehr schwere

Kunst des Schreibens. So aufmerksam ich auch meines Meisters Hand, wenn

er schrieb, beobachten mochte, durchaus wollte es mir doch nicht

gelingen, ihm die eigentliche Mechanik abzulauern. Ich studierte den

alten Hilmar Curas, das einzige Schreibevorschriftsbuch, welches mein

Meister besaß, und wäre beinahe auf den Gedanken geraten, daß die

rätselhafte Schwierigkeit des Schreibens nur durch die große Manschette

gehoben werden könne, welche die darin abgebildete schreibende Hand

trägt, und daß es nur besonders erlangte Fertigkeit sei, wenn mein

Meister ohne Manschette schriebe, so wie der geübte Seiltänzer zuletzt

nicht mehr der Balancierstange bedarf. Ich trachtete begierig nach

Manschetten, und war im Begriff, die Dormeuse der alten Haushälterin für

meine rechte Pfote zuzureißen und zu adaptieren, als mir plötzlich in

einem Moment der Begeisterung, wie es bei Genies zu geschehen pflegt,

der geniale Gedanke einkam, der alles löste. Ich vermutete nämlich, daß

die Unmöglichkeit, die Feder, den Stift, so zu halten wie mein Meister,

wohl in dem verschiedenen Bau unserer Hände liegen könne, und diese

Vermutung traf ein. Ich mußte eine andere dem Bau meines rechten

Pfötchens angemessene Schreibart erfinden und erfand sie wirklich, wie

man wohl denken mag. -- So entstehen aus der besonderen Organisation des

Individuums neue Systeme. --

Eine zweite böse Schwierigkeit fand ich in dem Eintunken der Feder in

das Tintenfaß. Nicht glücken wollt' es mir nämlich, bei dem Eintunken

das Pfötchen zu schonen, immer kam es mit hinein in die Tinte, und so

konnte es nicht fehlen, daß die ersten Schriftzüge, mehr mit der Pfote

als mit der Feder gezeichnet, etwas groß und breit gerieten.

Unverständige mochten daher meine ersten Manuskripte beinahe nur für mit

Tinte beflecktes Papier ansehen. Genies werden den genialen Kater in

seinen ersten Werken leicht erraten und über die Tiefe, über die Fülle

des Geistes, wie er zuerst aus unversiegbarer Quelle aussprudelte,

erstaunen, ja ganz außer sich geraten. Damit die Welt sich dereinst

nicht zanke über die Zeitfolge meiner unsterblichen Werke, will ich hier

sagen, daß ich zuerst den philosophisch-sentimental-didaktischen Roman

schrieb: »Gedanke und Ahnung, oder Kater und Hund.« Schon dieses Werk

hätte ungeheures Aufsehen machen können. Dann, in allen Sätteln gerecht,

schrieb ich ein politisches Werk, unter dem Titel: Ȇber Mausefallen und

deren Einfluß auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit;« hierauf fühlt'

ich mich begeistert zu der Tragödie: »Rattenkönig Kawdallor.« Auch diese

Tragödie hätte auf allen nur erdenklichen Theatern unzähligemal mit dem

lärmendsten Beifall gegeben werden können. Den Reihen meiner sämtlichen

Werke sollen diese Erzeugnisse meines hoch emporstrebenden Geistes

eröffnen; über den Anlaß, sie zu schreiben, werde ich mich gehörigen

Orts auslassen können.

Als ich die Feder besser zu halten gelernt, als das Pfötchen rein blieb

von Tinte, wurde auch freilich mein Stil anmutiger, lieblicher, heller;

ich legte mich ganz vorzüglich auf Musenalmanache, schrieb verschiedene

freundliche Schriften und wurde übrigens sehr bald der liebenswürdige

gemütliche Mann, der ich noch heute bin. Beinahe hätte ich schon damals

ein Heldengedicht gemacht, in vier und zwanzig Gesängen, doch als ich

fertig, war es etwas anderes worden, wofür Tasso und Ariost noch im

Grabe dem Himmel danken können. Sprang wirklich ein Heldengedicht unter

meinen Klauen hervor, beide hätte kein Mensch mehr gelesen.

Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern · 第 10 / 27 题