So schließe ich diese Episode meines Lebens die --

=(Mak. Bl.)= -- -- nichts verdrießlicher für einen Historiographen oder

Biographen, als wenn er, wie auf einem wilden Füllen reitend, hin und

her sprengen muß, über Stock und Stein, über Äcker und Wiesen, immer

nach gebahnten Wegen trachtend, niemals sie erreichend. So geht es dem,

der es unternommen, für dich, geliebter Leser, das aufzuschreiben, was

er von dem wunderlichen Leben des Kapellmeisters Johannes Kreisler

erfahren. Gern hätte er angefangen: In dem kleinen Städtchen N. oder B.

oder K., und zwar am Pfingstmontage oder zu Ostern des und des Jahres

erblickte Johannes Kreisler das Licht der Welt! -- Aber solche schöne

chronologische Ordnung kann gar nicht aufkommen, da dem unglücklichen

Erzähler nur mündlich, brockenweis mitgeteilte Nachrichten zu Gebote

stehen, die er, um nicht das Ganze aus dem Gedächtnisse zu verlieren,

sogleich verarbeiten muß. Wie es eigentlich mit der Mitteilung dieser

Nachrichten herging, sollst du, sehr lieber Leser! noch vor dem Schlusse

des Buchs erfahren, und dann wirst du vielleicht das rhapsodische Wesen

des Ganzen entschuldigen, vielleicht aber auch meinen, daß, trotz des

Anscheins der Abgerissenheit, doch ein fester durchlaufender Faden alle

Teile zusammenhalte.

Eben in diesem Augenblick ist nichts anders zu erzählen, als daß nicht

lange nachher, als Fürst Irenäus in Sieghartsweiler sich niedergelassen,

an einem schönen Sommerabend Prinzessin Hedwiga und Julia in dem

anmutigen Park Sieghartshof lustwandelten. Wie ein goldner Schleier lag

der Schein der sinkenden Sonne ausgebreitet über dem Walde. Kein

Blättlein rührte sich. In ahnungsvollem Schweigen harrten Baum und

Gebüsch, daß der Abendwind komme und mit ihnen kose. Nur das Getöse des

Waldbachs, der über weiße Kiesel fortbrauste, unterbrach die tiefe

Stille. Arm in Arm verschlungen, schweigend, wandelten die Mädchen fort

durch die schmalen Blumengänge, über die Brücken, die über die

verschiedenen Schlingungen des Bachs führten, bis sie an das Ende des

Parks, an den großen See kamen, in dem sich der ferne Geierstein mit

seinen malerischen Ruinen abspiegelte.

»Es ist doch schön!« rief Julia recht aus voller Seele. Laß uns, sprach

Hedwiga, in die Fischerhütte treten. Die Abendsonne brennt entsetzlich

und drinnen ist die Aussicht nach dem Geierstein aus dem mittlern

Fenster noch schöner als hier, da die Gegend dort nicht Panorama,

sondern in gruppierter Ansicht, wahrhaftes Bild erscheint.

Julia folgte der Prinzessin, die, kaum hineingetreten und zum Fenster

hinausschauend, sich nach Crayon und Papier sehnte, um die Aussicht in

der Beleuchtung zu zeichnen, welche sie ungemein pikant nannte.

Ich möchte, sprach Julia, ich möchte dich beinahe um deine

Kunstfertigkeit beneiden, Bäume und Gebüsche, Berge, Seen, so ganz nach

der Natur zeichnen zu können. Aber ich weiß es schon, könnte ich auch so

hübsch zeichnen als du, doch würd' es mir niemals gelingen, eine

Landschaft nach der Natur aufzunehmen, und zwar um desto weniger, je

herrlicher der Anblick. Vor lauter Freude und Entzücken des Schauens

würd' ich gar nicht zur Arbeit kommen. -- Der Prinzessin Antlitz

überflog bei diesen Worten Julia's ein gewisses Lächeln, das bei einem

sechzehnjährigen Mädchen bedenklich genannt werden dürfte. Meister

Abraham, der im Ausdruck zuweilen etwas seltsam, meinte, solch

Muskelspiel im Gesicht sei dem Wirbel zu vergleichen auf der Oberfläche

des Wassers, wenn sich in der Tiefe etwas Bedrohliches rührt. -- Genug,

Prinzessin Hedwiga lächelte; indem sie aber die Rosenlippen öffnete, um

der sanften unkünstlerischen Julia etwas zu entgegnen, ließen sich ganz

in der Nähe Akkorde hören, die so stark und wild angeschlagen wurden,

daß das Instrument kaum eine gewöhnliche Guitarre zu sein schien.

Die Prinzessin verstummte, und beide, sie und Julia, eilten vor das

Fischerhaus.

Nun vernahmen sie eine Weise nach der andern, verbunden durch die

seltsamsten Übergänge, durch die fremdartigste Akkordenfolge. Dazwischen

ließ sich eine sonore männliche Stimme hören, die bald alle Süßigkeit

des italienischen Gesanges erschöpfte, bald, plötzlich abbrechend, in

ernste düstere Melodien fiel, bald rezitativisch, bald mit starken

kräftig akzentierten Worten dreinsprach. --

Die Guitarre wurde gestimmt -- dann wieder Akkorde -- dann wieder

abgebrochen und gestimmt -- dann heftige, wie im Zorn ausgesprochene

Worte -- dann Melodien -- dann aufs neue gestimmt. --

Neugierig auf den seltsamen Virtuosen, schlichen Hedwiga und Julia näher

heran, bis sie einen Mann in schwarzer Kleidung gewahrten, der, den

Rücken ihnen zugewendet, auf einem Felsstück dicht an dem See saß, und

das wunderliche Spiel trieb, mit Singen und Sprechen.

Eben hatte er die Guitarre ganz und gar umgestimmt, auf ungewöhnliche

Weise, und versuchte nun einige Akkorde, dazwischen rufend: Wieder

verfehlt -- keine Reinheit -- bald ein Komma zu tief, bald ein Komma zu

hoch! --

Dann faßte er das Instrument, das er von dem blauen Bande, an dem es

ihm um die Schultern hing, losgenestelt, mit beiden Händen, hielt es vor

sich hin und begann: Sage mir, du kleines eigensinniges Ding, wo ruht

eigentlich dein Wohllaut, in welchem Winkel deines Innersten hat sich

die reine Skala verkrochen? -- Oder willst du dich vielleicht auflehnen

gegen deinen Meister und behaupten, sein Ohr sei totgehämmert worden in

der Schmiede der gleichschwebenden Temperatur, und seine Enharmonik nur

ein kindisches Vexierspiel? Du verhöhnst mich, glaub' ich, unerachtet

ich den Bart viel besser geschoren trage, als Meister Stefano Pacini,

_detto il Venetiano_, der die Gabe des Wohllauts in dein Innerstes legte,

die mir ein unerschließbares Geheimnis bleibt. Und, liebes Ding, daß du

es nur weißt, willst du den unisonierenden Dualismus von Gis und As oder

Cis und Des -- oder vielmehr sämtlicher Töne durchaus nicht verstatten,

so schicke ich dir neue tüchtige deutsche Meister auf den Hals, die

sollen dich ausschelten, dich kirre machen mit unharmonischen Worten.

-- Und du magst dich nicht deinem Stefano Pacini in die Arme werfen, du

magst nicht wie ein keifendes Weib das letzte Wort behalten wollen.

-- Oder bist du vielleicht gar dreist und stolz genug, zu meinen, daß

alle schmucken Geister, die in dir wohnen, nur dem gewaltigen Zauber der

Magier folgen, die längst von der Erde gegangen, und daß in den Händen

eines Hasenfußes --

Bei dem letzten Worte hielt der Mann plötzlich inne, sprang auf und

schaute wie in tiefen Gedanken versunken, in den See hinein. -- Die

Mädchen, gespannt durch des Mannes seltsames Beginnen, standen wie

eingewurzelt hinter dem Gebüsch; sie wagten kaum zu atmen.

Die Guitarre, brach der Mann endlich los, ist doch das miserabelste,

unvollkommenste Instrument von allen Instrumenten, nur wert, von

girrenden liebeskranken Schäfern in die Hand genommen zu werden, die das

Emboucheur zur Schalmei verloren haben, da sie sonst es vorziehen

würden, erklecklich zu blasen, das Echo zu wecken mit den Kuhreigen der

süßesten Sehnsucht, und klägliche Melodien entgegenzusenden den

Emmelinen in den weiten Bergen, die das liebe Vieh zusammentreiben mit

dem lustigen Geknalle empfindsamer Hetzpeitschen. -- O Gott! -- Schäfer,

die »wie ein Ofen seufzen mit Jammerlied auf ihrer Liebsten Brau'n«

-- lehrt ihnen, daß der Dreiklang aus nichts anderm bestehe, als aus drei

Klängen, und niedergestoßen werde durch den Dolchstich der Septime, und

gebt ihnen die Guitarre in die Hände! -- Aber ernsten Männern von

leidlicher Bildung, von vorzüglicher Erudition, die sich abgegeben mit

griechischer Weltweisheit und wohl wissen, wie es am Hofe zu Peking oder

Nanking zugeht, aber den Teufel was verstehen von Schäferei und

Schafzucht, was soll denen das Ächzen und Klimpern? -- Hasenfuß, was

beginnst du? Denke an den seligen Hippel, welcher versichert, daß, säh'

er einen Mann Unterricht erteilen im Klavierschlagen, es ihm zu Mute

werde als sötte besagter Lehrherr weiche Eier -- und nun Guitarre

klimpern -- Hasenfuß! -- Pfui Teufel! -- Damit schleuderte der Mann das

Instrument weit von sich ins Gebüsch und entfernte sich raschen

Schrittes, ohne die Mädchen zu bemerken.

Nun, rief Julia nach einer Weile lachend, Hedwiga, was sagst Du zu

dieser verwunderlichen Erscheinung? Wo mag der seltsame Mann her sein,

der erst so hübsch mit seinem Instrument zu sprechen weiß und es dann

verächtlich von sich wirft, wie eine zerbrochene Schachtel?

Es ist unrecht, sprach Hedwiga wie im plötzlich aufwallenden Zorn, indem

ihre verbleichten Wangen sich blutrot färbten, daß der Park nicht

verschlossen ist, daß jeder Fremde hinein kann.

Wie, erwiderte Julia, der Fürst sollte, meinst Du, engherzig, den

Sieghartsweilern -- nein, nicht diesen allein, jedem, der des Weges

wandelt, gerade den anmutigsten Fleck der ganzen Gegend verschließen?

Das ist unmöglich Deine ernste Meinung! -- Du bedenkst, fuhr die

Prinzessin noch bewegter fort, die Gefahr nicht, die für uns daraus

entsteht. Wie oft wandeln wir so wie heute allein, entfernt von aller

Dienerschaft, in den entlegensten Gängen des Waldes umher! -- Wie, wenn

einmal irgendein Bösewicht --

Ei, unterbrach Julia die Prinzessin, ich glaube gar, Du fürchtest, aus

diesem, jenem Gebüsch könnte irgendein ungeschlachter, märchenhafter

Riese, oder ein fabelhafter Raubritter hervorspringen und uns entführen

auf seine Burg! -- Nun, das wolle der Himmel verhüten! -- Aber sonst muß

ich Dir gestehen, daß mir irgendein kleines Abenteuer hier in dem

einsamen romantischen Walde recht hübsch, recht anmutig bedünken möchte.

-- Ich denke eben an Shakespeares »Wie es Euch gefällt«, das uns die

Mutter so lange nicht in die Hände geben wollte, und das uns endlich

Lothario vorgelesen. Was gilt es, Du würdest auch gern ein bißchen Celia

spielen, und ich wollte Deine treue Rosalinde sein. -- Was machen wir

aus unserm unbekannten Virtuosen?

O, erwiderte die Prinzessin, eben dieser unbekannte Mensch -- Glaubst

du wohl, Julia, daß mir seine Gestalt, seine wunderlichen Reden ein

inneres Grauen erregten, das mir unerklärlich ist? -- Noch jetzt

durchbeben mich Schauer, ich erliege beinahe einem Gefühl, das, seltsam

und entsetzlich zugleich, alle meine Sinne gefangen nimmt. In dem

tiefsten, dunkelsten Gemüt regt sich eine Erinnerung auf und ringt

vergebens sich deutlich zu gestalten. -- Ich sah diesen Menschen schon

in irgendeine fürchterliche Begebenheit verflochten, die mein Herz

zerfleischte -- vielleicht war es nur ein spukhafter Traum, dessen

Andenken mir geblieben -- Genug -- der Mensch mit seinem seltsamen

Beginnen, mit seinen wirren Reden, deuchte mir ein bedrohliches,

gespenstisches Wesen, das uns vielleicht verlocken wollte in

verderbliche Zauberkreise.

Welche Einbildungen, rief Julia, ich für mein Teil verwandle das

schwarze Gespenst mit der Guitarre in den Monsieur Jacques, oder gar in

den ehrlichen Probstein, dessen Philosophie beinahe so lautet, wie die

wunderlichen Reden des Fremden. -- Doch hauptsächlich ist es nun nötig,

die arme Kleine zu retten, die der Barbar so feindselig in das Gebüsch

geschleudert hat. --

Julia -- was beginnst Du -- um des Himmels willen! rief die Prinzessin;

doch ohne auf sie zu achten, schlüpfte Julia hinein in das Dickicht und

kam nach wenigen Augenblicken triumphierend, die Guitarre, die der

Fremde weggeworfen, in der Hand, zurück.

Die Prinzessin überwand ihre Scheu und betrachtete sehr aufmerksam das

Instrument, dessen seltsame Form schon von hohem Alter zeugte, hätte das

auch nicht die Jahreszahl und der Name des Meisters bestätigt, den man

durch die Schallöffnung auf dem Boden deutlich wahrnahm. Schwarz

eingeätzt waren nämlich die Worte: _Stefano Pacini fec. Venet. 1532._

Julia konnte es nicht unterlassen, sie schlug einen Akkord auf dem

zierlichen Instrument an, und erschrak beinahe über den mächtigen,

vollen Klang, der aus dem kleinen Dinge heraustönte. O herrlich

-- herrlich! rief sie aus und spielte weiter. Da sie aber gewohnt, nur

ihren Gesang mit der Guitarre zu begleiten, so konnte es nicht fehlen,

daß sie bald unwillkürlich zu singen begann, indem sie weiter

fortwandelte. Die Prinzessin folgte ihr schweigend. Julia hielt inne; da

sprach Hedwiga: Singe, spiele auf dem zauberischen Instrumente,

vielleicht gelingt es Dir, die bösen, feindlichen Geister, die Macht

haben wollten über mich, hinabzubeschwören in den Orkus.

Was willst Du, erwiderte Julia, mit Deinen bösen Geistern, die sollen

uns beiden fremd sein und bleiben, aber singen will ich und spielen;

denn ich wüßte nicht, daß jemals mir ein Instrument so zur Hand gewesen,

mir überhaupt so zugesagt hätte, als eben dieses. Mir scheint auch, als

wenn meine Stimme viel besser dazu laute als sonst. -- Sie begann eine

bekannte italienische Canzonetta und verlor sich in allerlei zierliche

Melismen, gewagte Läufe und Capriccios, Raum gebend dem vollen Reichtum

der Töne, der in ihrer Brust ruhte.

War die Prinzessin erschrocken über den Anblick des Unbekannten, so

erstarrte Julia zur Bildsäule, als er, da sie eben in einen andern Gang

einbiegen wollte, plötzlich vor ihr stand.

Der Fremde, wohl an dreißig Jahre alt, war nach dem Zuschnitt der

letzten Mode schwarz gekleidet. In seinem ganzen Anzuge fand sich

durchaus nichts Sonderbares, Ungewöhnliches, und doch hatte sein Ansehen

etwas Seltsames, Fremdartiges. Trotz der Sauberkeit seiner Kleidung war

eine gewisse Nachlässigkeit sichtbar, die weniger von Mangel an

Sorgfalt, als davon herzurühren schien, daß der Fremde gezwungen worden,

einen Weg zu machen, auf den er nicht gerechnet, und zu dem sein Anzug

nicht paßte. Mit aufgerissener Weste, das Halstuch nur leicht

umschlungen, die Schuhe dick bestäubt, auf denen die goldnen Schnällchen

kaum sichtbar, stand er da, und närrisch genug sah es aus, daß er an dem

kleinen dreieckigen Hütchen, das nur bestimmt, unter den Armen getragen

zu werden, die hintere Krempe herabgeschlagen hatte, um sich gegen die

Sonne zu schützen. Er hatte sich durchgedrängt durch das tiefste

Dickicht des Parks, denn sein wirres schwarzes Haar hing voller

Tannadeln. Flüchtig schaute er die Prinzessin an und ließ dann den

seelenvollen leuchtenden Blick seiner großen dunkeln Augen auf Julia

ruhen, deren Verlegenheit noch dadurch erhöht wurde, so daß ihr, wie es

in dergleichen Fällen ihr zu geschehen pflegte, die Tränen in die Augen

traten.

»Und diese Himmelstöne,« begann der Fremde endlich mit weicher, sanfter

Stimme, »schweigen vor meinem Anblick und zerfließen in Tränen?«

Die Prinzessin, den ersten Eindruck, den der Fremde auf sie gemacht, mit

Gewalt niederkämpfend, blickte ihn stolz an und sprach dann mit beinahe

schneidendem Ton: Allerdings überrascht uns Ihre plötzliche Erscheinung,

mein Herr! man erwartet um diese Zeit keine Fremden mehr im fürstlichen

Park. -- Ich bin die Prinzessin Hedwiga. --

Der Fremde hatte sich, sowie die Prinzessin zu sprechen begann, rasch zu

ihr gewendet und schaute ihr jetzt in die Augen, aber sein ganzes

Antlitz schien ein anderes worden. -- Vertilgt war der Ausdruck

schwermütiger Sehnsucht, vertilgt jede Spur des tief im Innersten

aufgeregten Gemüts, ein toll verzerrtes Lächeln steigerte den Ausdruck

bitterer Ironie bis zum Possierlichen, bis zum Skurrilen. -- Die

Prinzessin blieb, als träfe sie ein elektrischer Schlag, mitten in der

Rede stecken und schlug, blutrot im ganzen Gesicht, die Augen nieder.

Es schien, als wollte der Fremde etwas sagen, in dem Augenblick begann

indessen Julia: Bin ich nicht ein dummes, törichtes Ding, daß ich

erschrecke, daß ich weine wie ein kindisches Kind, das man ertappt über

dem Naschen? -- Ja, mein Herr, ich habe genascht, hier die trefflichsten

Töne weggenascht von Ihrer Guitarre -- die Guitarre ist an allem schuld

und unsere Neugier! -- Wir haben Sie belauscht, wie Sie mit dem kleinen

Dinge so hübsch zu sprechen wußten, und wie Sie dann im Zorn die Arme

wegschleuderten in das Gebüsch, daß sie im lauten Klageton aufseufzte,

auch das haben wir gesehen. Und das ging mir so recht tief ins Herz, ich

mußte hinein in das Dickicht und das schöne, liebliche Instrument

aufheben. -- Nun, Sie wissen wohl, wie Mädchen sind, ich klimpere etwas

auf der Guitarre und da fuhr es mir in die Finger -- ich konnt' es nicht

lassen. -- Verzeihen Sie mir, mein Herr, und empfangen Sie Ihr Instrument

zurück.

Julia reichte die Guitarre dem Fremden hin.

Es ist, sprach der Fremde, ein sehr seltnes klangvolles Instrument, noch

aus alter, guter Zeit her, das nur in meinen ungeschickten Händen -- doch

was Hände -- was Hände! -- Der wunderbare Geist des Wohllauts, der

diesem kleinen seltsamen Dinge befreundet, wohnt auch in meiner Brust,

aber eingepuppt, keiner freien Bewegung mächtig; doch aus Ihrem Innern,

mein Fräulein, schwingt er sich auf zu den lichten Himmelsräumen, in

tausend schimmernden Farben, wie das glänzende Pfauenauge. -- Ha! mein

Fräulein, als Sie sangen, aller sehnsüchtige Schmerz der Liebe, alles

Entzücken süßer Träume, die Hoffnung, das Verlangen, wogte durch den

Wald und fiel nieder wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche,

in die Brust horchender Nachtigallen! -- Behalten Sie das Instrument,

nur Sie gebieten über den Zauber, der in ihm verschlossen!

Sie warfen das Instrument fort, erwiderte Julia hoch errötend.

Es ist wahr, sprach der Fremde, indem er mit Heftigkeit die Guitarre

ergriff und an seine Brust drückte, ich warf es fort und empfange es

geheiligt zurück; nie kommt es mehr aus meinen Händen. --

Plötzlich verwandelte sich nun das Antlitz des Fremden wieder in jene

skurrile Larve, und er sprach mit hohem, schneidenden Ton: Eigentlich

hat mir das Schicksal oder mein Kakodämon einen sehr bösen Streich

gespielt, daß ich hier so ganz _ex abrupto_, wie die Lateiner und noch

andere ehrliche Leute sagen, vor Ihnen erscheinen muß, meine

hochverehrtesten Damen! -- O Gott, gnädigste Prinzessin, riskieren Sie

es, mich anzuschauen von Kopf bis zu Fuß. Sie werden dann aus meinem

Ajustement zu entnehmen geruhen, daß ich mich auf einer großen

Visitenfahrt befinde. -- Ha! ich gedachte eben bei Sieghartsweiler

vorzufahren und der guten Stadt, wo nicht meine Person, doch wenigstens

eine Visitenkarte abzugeben. -- O Gott! fehlt es mir denn an

Konnexionen, meine gnädigste Prinzessin? -- War nicht sonst der

Hofmarschall Dero Herrn Vaters mein Intimus? -- Ich weiß es, sah er mich

hier, so drückte er mich an seine Atlasbrust und sagte gerührt, indem er

mir eine Prise darbot: Hier sind wir unter uns, mein Lieber, hier kann

ich meinem Herzen und den angenehmsten Gesinnungen freien Lauf lassen.

-- Audienz hätte ich erhalten bei dem gnädigsten Herrn Fürsten Irenäus,

und wäre auch Ihnen vorgestellt worden, o Prinzessin! Vorgestellt worden

auf eine Weise, daß ich mein bestes Gespann von Septime-Akkorden gegen

eine Ohrfeige setze, ich hätte Ihre Huld erworben! -- Aber nun! -- hier

im Garten am unschicklichsten Orte, zwischen Ententeich und

Froschgraben, muß ich mich selbst präsentieren, mir zum ewigen Malheur!

-- O Gott, könnt' ich nur was weniges hexen, könnt' ich nur _subito_

diese edle Zahnstocherbüchse (er zog eine aus der Westentasche hervor)

verwandeln in den schmuckesten Kammerherrn des Irenäusschen Hofes,

welcher mich beim Fittich nähme und spräche: Gnädigste Prinzessin, hier

ist der und der! -- Aber nun! -- _che far', che dir'!_ -- Gnade -- Gnade,

o Prinzessin! o Damen! -- -- o Herren!

Damit warf sich der Fremde vor der Prinzessin nieder und sang mit

kreischender Stimme: _Ah pietà, pietà Signora!_

Die Prinzessin faßte Julien und rannte mit ihr unter dem lauten Ausruf:

Es ist ein Wahnsinniger, ein Wahnsinniger, der dem Tollhause

entsprungen! so schnell von dannen, als sie es nur vermochte.

Dicht vor dem Lustschlosse kam die Rätin Benzon den Mädchen entgegen,

die atemlos ihr beinahe zu Füßen sanken. »Was ist geschehen, um des

Himmels willen, was ist Euch geschehen, was bedeutet die übereilte

Flucht?« So fragte sie. Die Prinzessin vermochte, außer sich, verstört,

wie sie war, nur in abgebrochenen Reden etwas von einem Wahnsinnigen

herzustammeln, der sie überfallen. Julia erzählte ruhig und besonnen,

wie sich alles begeben, und schloß damit, daß sie den Fremden durchaus

nicht für wahnsinnig, sondern nur für einen ironischen Schalk, wirklich

für eine Art von Monsieur Jacques halte, der zur Komödie im Ardenner

Walde passe.

Die Rätin Benzon ließ sich alles nochmals wiederholen, sie fragte nach

dem kleinsten Umstande, sie ließ sich den Fremden beschreiben in Gang,

Stellung, Gebärde, Ton der Sprache usw. Ja, rief sie dann, es ist nur zu

gewiß, er ist es, er ist es selbst, kein anderer kann -- darf es sein!

Wer -- wer ist es? fragte die Prinzessin ungeduldig.

Ruhig, liebe Hedwiga, erwiderte die Benzon, Sie haben Ihren Atem umsonst

verkeucht; kein Wahnsinniger ist dieser Fremde, der Ihnen so bedrohlich

erschien. Welchen bittern, unziemlichen Scherz er sich auch seiner

barocken Manier gemäß erlaubte, so glaube ich doch, daß Sie sich mit ihm

aussöhnen werden.

Nimmermehr, rief die Prinzessin, sehe ich ihn wieder, den -- unbequemen

Narren.

Ei Hedwiga, sprach die Benzon lachend, welcher Geist gab Ihnen das Wort,

unbequem, ein, das nach dem, was vorgegangen, viel besser paßt, als Sie

vielleicht selbst glauben und ahnen mögen.

Ich weiß auch gar nicht, begann Julia, wie Du auf den Fremden so zürnen

magst, liebe Hedwiga? -- Selbst in seinem närrischen Tun, in seinen

wirren Reden, lag etwas, das auf seltsame und gar nicht unangenehme

Weise mein Innerstes anregte. Wohl Dir, erwiderte die Prinzessin, indem

ihr die Tränen in die Augen traten, daß Du so ruhig sein kannst und

unbefangen, aber mir zerschneidet der Hohn des entsetzlichen Menschen

das Herz! -- Benzon, wer ist es, wer ist der Wahnsinnige? »Mit zwei

Worten,« sprach die Benzon, »erkläre ich alles. Als ich mich vor fünf

Jahren in ...«

=(M. f. f.)= -- mich überzeugte, daß in einem echten, tiefen Dichtergemüt

auch kindliche Tugend wohnt und Mitleid mit dem Bedrängnis der Genossen.

Eine gewisse Schwermut, wie sie oft junge Romantiker befällt, wenn sie

den Entwicklungskampf der großen erhabenen Gedanken in ihrem Innern

bestehen, trieb mich in die Einsamkeit. Unbesucht blieben mehrere Zeit

hindurch Dach, Keller und Boden. Ich empfand mit jenem Dichter die süßen

idyllischen Freuden im kleinen Häuschen am Ufer eines murmelnden Bachs,

umschattet von düster belaubten Hängebirken und Trauerweiden, und blieb,

mich meinen Träumen hingebend, unter dem Ofen. So kam es aber, daß ich

Mina, die süße, schöngefleckte Mutter, nicht wiedersah. -- In den

Wissenschaften fand ich Trost und Beruhigung. O, es ist etwas Herrliches

um die Wissenschaften! -- Dank, glühender Dank dem edlen Mann, der sie

erfunden! -- Wie viel herrlicher, wie viel nützlicher ist diese

Erfindung, als jene des entsetzlichen Mönchs, der zuerst es unternahm,

Pulver zu fabrizieren, ein Ding, das mir, seiner Natur und Wirkung nach,

in den Tod zuwider. Die richtende Nachwelt hat auch den Barbaren, den

höllischen Barthold, gestraft mit höhnender Verachtung, indem man noch

heutigen Tages, um einen scharfsinnigen Gelehrten, einen umschauenden

Statistiker, kurz, jeden Mann von exquisiter Bildung, recht hoch zu

stellen, sprichwörtlich sagt: Er hat das Pulver nicht erfunden!

Zur Belehrung der hoffnungsvollen Katerjugend, kann ich nicht unbemerkt

lassen, daß ich, wollte ich studieren, mit zugedrückten Augen in die

Bibliothek meines Meisters sprang, und dann das Buch, was ich

angekrallt, herauszupfte und durchlas, mochte es einen Inhalt haben wie

es wollte. Durch diese Art zu studieren gewann mein Geist diejenige

Biegsamkeit und Mannigfaltigkeit, mein Wissen den bunten glänzenden

Reichtum, den die Nachwelt an mir bewundern wird. Der Bücher, die ich in

dieser Periode des dichterischen Schwermuts hintereinander las, will ich

hier nicht erwähnen, teils, weil sich dazu eine schicklichere Stelle

vielleicht finden wird, teils, weil ich auch die Titel davon vergessen,

und dies wieder gewissermaßen darum, weil ich die Titel meistenteils

nicht gelesen, und also nie gewußt habe. -- Jedermann wird mit dieser

Erklärung zufrieden sein, und mich nicht biographischen Leichtsinnes

anklagen.

Mir standen neue Erfahrungen bevor.

Eines Tages, als mein Meister eben in einen großen Folianten vertieft

war, den er vor sich aufgeschlagen, und ich dicht bei ihm unter dem

Schreibtisch, auf einem Bogen des schönsten Royalpapiers liegend, mich

in griechischer Schrift versuchte, die mir vorzüglich in der Pfote zu

liegen schien, trat rasch ein junger Mann hinein, den ich schon mehrmals

bei dem Meister gesehen, und der mich mit freundlicher Hochachtung, ja

mit der wohltuenden Verehrung behandelte, die dem ausgezeichneten

Talent, dem entschiedenen Genie gebührt. Denn nicht allein, daß er

jedesmal, nachdem er den Meister begrüßt, zu mir sprach: Guten Morgen

Kater! so kraute er mir auch jedesmal mit leichter Hand hinter den

Ohren, und streichelte mir sanft den Rücken, so daß ich in diesem

Betragen wahre Aufmunterung fand, meine innern Gaben leuchten zu lassen

vor der Welt.

Heute sollte sich alles anders gestalten!

Wie sonst niemals sprang nämlich heute dem jungen Mann ein schwarzes

zottiges Ungeheuer mit glühenden Augen nach zur Türe hinein, und als es

mich erblickte, gerade auf mich zu. Mich überfiel eine unbeschreibliche

Angst, mit einem Satz war ich auf dem Schreibtisch meines Meisters, und

stieß Töne des Entsetzens und der Verzweiflung aus, als das Ungeheuer

hoch hinaufsprang nach dem Tisch, und dazu einen mörderlichen Lärm

machte. Mein guter Meister, dem um mich bange, nahm mich auf den Arm,

und steckte mich unter den Schlafrock. Doch der junge Mann sprach: »Seid

doch nur ganz unbesorgt, lieber Meister Abraham! Mein Pudel tut keiner

Katze was, er will nur spielen. Setzt den Kater nur hin, sollt Euch

freuen wie die Leutchen miteinander Bekanntschaft machen werden, mein

Pudel und Euer Kater.

Mein Meister wollte mich wirklich niedersetzen, ich klammerte mich aber

fest an, und begann kläglich zu lamentieren, wodurch ich es denn

wenigstens dahin brachte, daß der Meister mich, als er sich niederließ,

dicht neben sich auf dem Stuhle litt.

Ermutigt durch meines Meisters Schutz, nahm ich, auf den Hinterpfoten

sitzend, den Schweif umschlungen, eine Stellung an, deren Würde, deren

edler Stolz meinem vermeintlichen schwarzen Gegner imponieren mußte. Der

Pudel setzte sich vor mir hin auf die Erde, schaute mir unverwandt ins

Auge, und sprach zu mir in abgebrochnen Worten, die mir freilich

unverständlich blieben. Meine Angst verlor sich nach und nach ganz und

gar, und ruhig geworden im Gemüt, vermochte ich zu bemerken, daß in dem

Blick des Pudels nichts zu entdecken, als Gutmütigkeit und biederer

Sinn. Unwillkürlich fing ich an, meine zum Vertrauen geneigte

Seelenstimmung durch sanftes Hin- und Herbewegen des Schweifes an den

Tag zu legen, und sogleich begann auch der Pudel mit dem kurzen

Schweiflein zu wedeln auf die anmutigste Weise.

O! mein Inneres hatte ihn angesprochen, nicht zu zweifeln war an dem

Anklang unserer Gemüter! -- Wie, sprach ich zu mir selbst, wie konnte

dich das ungewohnte Betragen dieses Fremden so in Furcht und Schrecken

setzen? -- Was bewies dieses Springen, dieses Klaffen, dieses Toben,

dieses Rennen, dieses Heulen anders als den in Liebe und Lust, in der

freudigen Freiheit des Lebens heftig und mächtig bewegten Jüngling? -- O

es wohnt Tugend, edle Pudeltümlichkeit in jener schwarz bepelzten Brust!

-- Durch diese Gedanken erkräftigt, beschloß ich, den ersten Schritt zu

tun zu näherer engerer Einigung unserer Seelen, und herabzusteigen von

dem Stuhl des Meisters.

Sowie ich mich erhob und dehnte, sprang der Pudel auf und in der Stube

umher, mit lautem Klaffen! -- Äußerungen eines herrlichen

lebenskräftigen Gemüts! -- Es war nichts mehr zu befürchten, ich stieg

sogleich herab, und näherte mich behutsam leisen Schrittes dem neuen

Freunde. Wir begannen jenen Akt, der in bedeutender Symbolik die nähere

Erkenntnis verwandter Seelen, den Abschluß des aus dem inneren Gemüt

heraus bedingten Bündnisses ausdrückt, und den der kurzsichtige

frevelige Mensch mit dem gemeinen unedlen Ausdruck »Beschnüffeln«,

bezeichnet. Mein schwarzer Freund bezeigte Lust, etwas von den

Hühnerknochen zu genießen, die in meiner Speiseschüssel lagen. So gut

ich es vermochte, gab ich ihm zu verstehen, daß es der Weltbildung, der

Höflichkeit gemäß sei, ihn als meinen Gast zu bewirten. Er fraß mit

erstaunlichem Appetit, während ich von weitem zusah. -- Gut war es doch,

daß ich den Bratfisch beiseite gebracht und einmagaziniert unter mein

Lager. -- Nach der Tafel begannen wir die anmutigsten Spiele, bis wir

uns zuletzt, ganz ein Herz und eine Seele, umhalsten, und fest

aneinander geklammert, uns einmal über das andere überkugelnd, uns

innige Treue und Freundschaft zuschworen.

Ich weiß nicht, was dieses Zusammentreffen schöner Seelen, dieses

Einandererkennen herziger Jünglingsgemüter, Lächerliches in sich tragen

konnte; so viel ist aber gewiß, daß beide, mein Meister und der fremde

junge Mann, unaufhörlich aus vollem Halse lachten, zu meinem nicht

geringen Verdruß.

Auf mich hatte die neue Bekanntschaft einen tiefen Eindruck gemacht, so

daß ich in der Sonne und im Schatten, auf dem Dach und unter dem Ofen,

nichts dachte, nichts sann, nichts träumte, nichts empfand als, Pudel

-- Pudel -- Pudel! Dadurch ging mir das innerste Wesen des Pudeltums

mächtig auf, mit glänzenden Farben, und durch diese Erkenntnis wurde das

tiefsinnige Werk geboren, dessen ich schon erst erwähnte, nämlich:

Gedanke und Ahnung, oder Kater und Hund. Sitten, Gebräuche, Sprache

beider Geschlechter, entwickelte ich als tief bedingt durch ihr

eigentümlichstes Wesen und bewies, wie beide nur diverse Strahlen, aus

einem Prisma geworfen. Vorzüglich faßte ich den Charakter der Sprache

auf, und bewies, daß da Sprache überhaupt nur symbolische Darstellung

des Naturprinzips in der Gestaltung des Lauts sei, mithin es nur =eine=

Sprache geben könne, auch das Kätzische und Hündische in der besondern

Formung des Pudelischen, Zweige eines Baumes wären, von höherem Geist

inspirierte Kater und Pudel sich daher verstünden. Um meinen Satz ganz

ins klare zu stellen, führte ich mehrere Beispiele aus beiden Sprachen

an und machte auf die gleichen Stammwurzeln aufmerksam, von: Bau -- Bau

-- Mau -- Miau -- Blaf blaf -- Anvau -- Korr -- Kurr -- Ptsi -- Pschrzi

usw.

Nachdem das Buch vollendet, fühlte ich die unwiderstehlichste Lust, das

Pudelische wirklich zu erlernen, welches mir, vermöge meines neu

erworbenen Freundes, des Pudels Ponto, wiewohl nicht ohne Mühe, gelang,

da das Pudelische für uns Kater wirklich eine schwere Sprache. Genies

finden sich indes in alles, und eben diese Genialität ist es, die ein

berühmter menschlicher Schriftsteller verkennt, wenn er behauptet, daß,

um eine fremde Sprache, mit allen Eigentümlichkeiten des Volks, dem

Volke nachzusprechen, man durchaus was weniges ein Narr sein müsse. Mein

Meister hatte freilich dieselbe Meinung, und mochte eigentlich nur die

gelehrte Kenntnis der fremden Sprache statuieren, welche Kenntnis er dem

Parlieren entgegensetzte, worunter er die Fertigkeit verstand, in einer

fremden Sprache über nichts und um nichts reden zu können. Er ging so

weit, daß er das Französisch sprechen unserer Herren und Damen vom Hofe

für eine Art von Krankheit hielt, die, wie kataleptische Zufälle, mit

schrecklichen Symptomen eintrete, und hörte ich ihn diese absurde

Behauptung gegen den Hofmarschall des Fürsten selbst ausführen.

»Erzeigen Sie,« sprach Meister Abraham, »mir die Güte, beste Exzellenz,

und beobachten Sie sich selbst! Hat Ihnen der Himmel nicht ein schönes

volltönendes Stimmorgan verliehen, und wenn Ihnen das Französische

ankommt, da beginnen Sie plötzlich zu zischen, zu lispeln, zu schnarren,

und dabei verzerren sich Dero angenehme Gesichtszüge ganz erschrecklich,

und selbst der hübsche, feste, ernste Anstand, dessen Dieselben sonst

mächtig, wird verstört durch allerlei seltsame Konvulsionen. Was kann

dies alles anders bedeuten, als empörtes Treiben irgendeines fatalen

Krankheitskobolds im Innern! -- Der Hofmarschall lachte sehr, und zum

Lachen war auch wirklich Meister Abrahams Hypothese von der Krankheit

fremder Sprachen.

Ein sinnreicher Gelehrter gibt in irgendeinem Buche den Rat, daß man

sich bemühen möge in der fremden Sprache, die man rasch erlernen will,

zu =denken=. Der Rat ist vortrefflich, seine Ausführung aber nicht ohne

Gefahr. Es gelang mir nämlich sehr bald, pudelisch zu denken, ich

vertiefte mich aber in diese pudelischen Gedanken so sehr, daß meine

eigentliche Sprachfertigkeit zurückblieb, und ich selbst nicht verstand

was ich dachte. Diese nicht verstandenen Gedanken brachte ich

meistenteils zu Papier, und ich erstaune über die Tiefe dieser Sprache,

die ich unter dem Titel »Akanthusblätter« gesammelt, und die ich noch

nicht verstehe.

Ich glaube, daß diese kurzen Andeutungen über die Geschichte meiner

Jugendmonate hinreichen dürften, dem Leser ein deutliches Bild davon zu

geben was ich bin und wie ich es wurde.

Unmöglich kann ich mich aber von der Blütezeit meines merkwürdigen

ereignisreichen Lebens trennen, ohne noch eines Vorfalls zu erwähnen,

der gewissermaßen meinen Übertritt in die Jahre der reifern Bildung

bezeichnet. Die Katerjugend wird daraus lernen, daß keine Rose ohne

Dornen ist, und daß dem mächtig emporstrebenden Geiste manches Hindernis

gelegt, mancher Stein des Anstoßes in den Weg geworfen wird, an dem er

sich die Pfoten wund stoßen muß. -- Und der Schmerz solcher Wunden ist

empfindlich, sehr empfindlich! --

Gewiß, hast du mich, geliebter Leser, beinahe beneidet um meine

glückliche Jugendzeit, um den günstigen Stern der über mich wachte! -- In

Dürftigkeit von vornehmen aber armen Eltern geboren, dem schmachvollen

Tode nahe, komme ich plötzlich in den Schoß des Überflusses, in den

Peruschacht der Literatur! -- Nichts stört meine Bildung, nichts

widerstrebt meinen Neigungen, mit Riesenschritten gehe ich der

Vollkommenheit entgegen, die mich hoch erhebt über meine Zeit. Da hält

mich plötzlich ein Zollverwalter an und fordert den Tribut, dem alles

hienieden unterworfen!

Wer hätte denken sollen, daß unter den Banden der süßesten, innigsten

Freundschaft die Dornen verborgen, die mich ritzen, verwunden, blutig

verwunden mußten!

Jeder, der ein gefühlvolles Herz im Busen trägt, wie ich, wird aus dem,

was ich über mein Verhältnis mit dem Pudel Ponto gesagt, sehr leicht

entnehmen können, was der Teure mir war, und doch mußte =er= es sein, der

den ersten Anlaß gab zu der Katastrophe, die mich gänzlich verderben

konnte, hätte der Geist meines großen Ahnherrn nicht über mich gewacht.

-- Ja mein Leser! -- ich hatte einen Ahnherrn, einen Ahnherrn, ohne den

ich gewissermaßen gar nicht existieren würde -- einen großen

vortrefflichen Ahnherrn, einen Mann von Stande, Ansehen, Vermögen,

ausgebreiteter Wissenschaft, mit einer ganz vortrefflichen Sorte Tugend,

mit der feinsten Menschenliebe begabt, einen Mann von Eleganz und

Geschmack, nach dem neuesten Geschmack -- einen Mann der -- doch dies

alles jetzt nur beiläufig gesagt, künftig mehr von dem Würdigen, der

niemand anders war, als der berühmte Premierminister Hinz von

Hinzenfeldt, der der Welt so teuer, so über alles wert worden unter dem

Namen des gestiefelten Katers. --

Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern · 第 12 / 27 题