D. H.

Erster Teil.

Erster Abschnitt.

Gefühle des Daseins, die Monate der Jugend.

Es ist doch etwas Schönes, Herrliches, Erhabenes um das Leben! -- »O du

süße Gewohnheit des Daseins!« ruft jener niederländische Held in der

Tragödie aus. So auch ich, aber nicht wie der Held in dem schmerzlichen

Augenblick, als er sich davon trennen soll -- nein! -- in dem Moment, da

mich eben die volle Lust des Gedankens durchdringt, daß ich in jene süße

Gewohnheit nun ganz und gar hineingekommen und durchaus nicht Willens

bin, jemals wieder hinauszukommen. -- Ich meine nämlich, die geistige

Kraft, die unbekannte Macht, oder wie man sonst das über uns waltende

Prinzip nennen mag, welches mir besagte Gewohnheit ohne meine Zustimmung

gewissermaßen aufgedrungen hat, kann unmöglich schlechtere Gesinnungen

haben, als der freundliche Mann bei dem ich in Kondition gegangen, und

der mir das Gericht Fische, das er mir vorgesetzt, niemals vor der Nase

wegzieht, wenn es mir eben recht wohlschmeckt.

O Natur, heilige hehre Natur! wie durchströmt all' deine Wonne, all'

dein Entzücken meine bewegte Brust, wie umweht mich dein geheimnisvoll

säuselnder Atem! -- Die Nacht ist etwas frisch und ich wollte -- doch

jeder der dies lieset oder nicht lieset, begreift nicht meine hohe

Begeisterung, denn er kennt nicht den hohen Standpunkt, zu dem ich mich

hinaufgeschwungen! -- Hinaufgeklettert wäre richtiger, aber kein Dichter

spricht von seinen Füßen, hätte er auch deren viere so wie ich, sondern

nur von seinen Schwingen, sind sie ihm auch nicht angewachsen, sondern

nur Vorrichtung eines geschickten Mechanikers. Über mir wölbt sich der

weite Sternenhimmel, der Vollmond wirft seine funkelnden Strahlen herab,

und in feurigem Silberglanz stehen Dächer und Türme um mich her! Mehr

und mehr verbraust das lärmende Gewühl unter mir in den Straßen, stiller

und stiller wird die Nacht -- die Wolken ziehen -- eine einsame Taube

flattert in bangen Liebesklagen girrend um den Kirchturm! -- Wie! -- wenn

die liebe Kleine sich mir nähern wollte? -- Ich fühle wunderbar es sich

in mir regen, ein gewisser schwärmerischer Appetit reißt mich hin mit

unwiderstehlicher Gewalt! -- O käme sie die süße Huldin, an mein

liebeskrankes Herz wollt ich sie drücken, sie nimmer von mir lassen -- ha

dort flattert sie hinein in den Taubenschlag, die Falsche, und läßt mich

hoffnungslos sitzen auf dem Dache! -- Wie selten ist doch in dieser

dürftigen, verstockten, liebeleeren Zeit wahre Sympathie der Seelen! --

Ist denn das auf zwei Füßen aufrecht Einhergehen etwas so Großes, daß

das Geschlecht, welches sich Mensch nennt, sich die Herrschaft über uns

alle, die wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln,

anmaßen darf? Aber ich weiß es, sie bilden sich was Großes ein auf

etwas, was in ihrem Kopfe sitzen soll und das sie die Vernunft nennen.

Ich weiß mir keine rechte Vorstellung zu machen, was sie darunter

verstehen, aber so viel ist gewiß, daß wenn, wie ich es aus gewissen

Reden meines Herrn und Gönners schließen darf, Vernunft nichts anderes

heißt, als die Fähigkeit, mit Bewußtsein zu handeln und keine dummen

Streiche zu machen, ich mit keinem Menschen tausche. -- Ich glaube

überhaupt, daß man sich das Bewußtsein nur angewöhnt; durch das Leben

und zum Leben kommt man doch, man weiß selbst nicht wie. Wenigstens ist

es mir so gegangen, und wie ich vernehme, weiß auch kein einziger Mensch

auf Erden das Wie und Wo seiner Geburt aus eigner Erfahrung, sondern nur

durch Tradition, die noch dazu öfters sehr unsicher ist. Städte streiten

sich um die Geburt eines berühmten Mannes, und so wird es, da ich selbst

nichts Entscheidendes darüber weiß, immerdar ungewiß bleiben, ob ich in

dem Keller, auf dem Boden, oder in dem Holzstall das Licht der Welt

erblickte, oder vielmehr nicht erblickte, sondern nur in der Welt

erblickt wurde von der teueren Mama. Denn wie es unserm Geschlecht

eigen, waren meine Augen verschleiert. Ganz dunkel erinnere ich mich

gewisser knurrender, prustender Töne, die um mich her erklangen, und die

ich beinahe wider meinen Willen hervorbringe, wenn mich der Zorn

überwältigt. Deutlicher und beinahe mit vollem Bewußtsein finde ich mich

in einem sehr engen Behältnis mit weichen Wänden eingeschlossen, kaum

fähig, Atem zu schöpfen und in Not und Angst ein klägliches

Jammergeschrei erhebend. Ich fühle, daß etwas in das Behältnis

hinabgriff und mich sehr unsanft beim Leibe packte, und dies gab mir

Gelegenheit, die erste wunderbare Kraft, womit mich die Natur begabt, zu

fühlen und zu üben. Aus meinen reich überpelzten Vorderpfoten schnellte

ich spitze gelenkige Krallen hervor und grub sie ein in das Ding, das

mich gepackt und das, wie ich später gelernt, nichts anderes sein konnte

als eine menschliche Hand. Diese Hand zog mich aber heraus aus dem

Behältnis und warf mich hin, und gleich darauf fühlte ich zwei heftige

Schläge auf den beiden Seiten des Gesichts, über die jetzt ein, wie ich

wohl sagen mag, stattlicher Bart herüberragt. Die Hand teilte mir, wie

ich jetzt beurteilen kann, von jenem Muskelspiel der Pfoten verletzt,

ein paar Ohrfeigen zu; ich machte die erste Erfahrung von moralischer

Ursache und Wirkung, und eben ein moralischer Instinkt trieb mich an,

die Krallen ebenso schnell wieder einzuziehen, als ich sie

hervorgeschleudert. Später hat man dieses Einziehen der Krallen mit

Recht als einen Akt der höchsten Bonhommie und Liebenswürdigkeit

anerkannt und mit dem Namen »Samtpfötchen« bezeichnet.

Wie gesagt, die Hand warf mich wieder zur Erde. Bald darauf erfaßte sie

mich aber aufs neue beim Kopf und drückte ihn nieder, so daß ich mit dem

Mäulchen in eine Flüssigkeit geriet, die ich, selbst weiß ich nicht, wie

ich darauf verfiel, es mußte daher physischer Instinkt sein, aufzulecken

begann, welches mir eine seltsame innere Behaglichkeit erregte. Es war,

wie ich jetzt weiß, süße Milch, die ich genoß; mich hatte gehungert, und

ich wurde satt, indem ich trank. So trat, nachdem die moralische

begonnen, die physische Ausbildung ein.

Aufs neue, aber sanfter als vorher, faßten mich zwei Hände und legten

mich auf ein warmes weiches Lager. Immer besser und besser wurde mir zu

Mute, und ich begann mein inneres Wohlbehagen zu äußern, indem ich jene

seltsamen, meinem Geschlecht allein eigenen Töne von mir gab, die die

Menschen durch den nicht unebenen Ausdruck, spinnen, bezeichnen. So ging

ich mit Riesenschritten vorwärts in der Bildung für die Welt. Welch ein

Vorzug, welch ein köstliches Geschenk des Himmels, inneres physisches

Wohlbehagen ausdrücken zu können durch Ton und Gebärde! -- Erst knurrte

ich, dann kam mir jenes unnachahmliche Talent, den Schweif in den

zierlichsten Kreisen zu schlängeln, dann die wunderbare Gabe, durch das

einzige Wörtlein »Miau« Freude, Schmerz, Wonne und Entzücken, Angst und

Verzweiflung, kurz, alle Empfindungen und Leidenschaften in ihren

mannigfaltigsten Abstufungen auszudrücken. Was ist die Sprache der

Menschen gegen dieses einfachste aller einfachen Mittel, sich

verständlich zu machen! -- Doch weiter in der denkwürdigen, lehrreichen

Geschichte meiner ereignisreichen Jugend!

Ich erwachte aus tiefem Schlaf, ein blendender Glanz umfloß mich, vor

dem ich erschrak: fort waren die Schleier von meinen Augen, ich sah! --

Ehe ich mich an das Licht, vorzüglich aber an das buntscheckige

Allerlei, das sich meinen Augen darbot, gewöhnen konnte, mußte ich

mehrmals hintereinander entsetzlich niesen, bald ging es indessen mit

dem Sehen ganz vortrefflich, als habe ich es schon mehrere Zeit

hintereinander getrieben.

O das Sehen! es ist eine wunderbare, herrliche Gewohnheit, eine

Gewohnheit, ohne die es sehr schwer werden würde, überhaupt in der Welt

zu bestehen! -- Glücklich diejenigen Hochbegabten, denen es so leicht

wird als mir, sich das Sehen anzueignen.

Leugnen kann ich nicht, daß ich doch in einige Angst geriet und

dasselbe Jammergeschrei erhob, wie damals in dem engen Behältnis.

Sogleich erschien ein kleiner hagerer alter Mann, der mir unvergeßlich

bleiben wird, da ich meiner ausgebreiteten Bekanntschaft unerachtet

keine Gestalt, die ihm gleich oder auch nur ähnlich zu nennen, jemals

wieder erblickt habe. Es trifft sich häufig bei meinem Geschlecht, daß

dieser, jener Mann einen weiß und schwarz gefleckten Pelz trägt, selten

findet man aber wohl einen Menschen, der schneeweißes Haupthaar haben

sollte und dazu rabenschwarze Augenbraunen, dies war aber der Fall bei

meinem Erzieher. Der Mann trug im Hause einen kurzen hochgelben

Schlafrock, vor dem ich mich entsetzte und daher, so gut es bei meiner

damaligen Unbehülflichkeit gehen wollte, von dem weißen Kissen herab zur

Seite kroch. Der Mann bückte sich herab zu mir mit einer Gebärde, die

mir freundlich schien und mir Zutrauen einflößte. Er faßte mich, ich

hütete mich wohl vor dem Muskelspiel der Krallen, die Ideen kratzen und

Schläge verbanden sich von selbst, und in der Tat, der Mann meinte es

gut mit mir, denn er setzte mich nieder vor einer Schüssel süßer Milch,

die ich begierig auflutschte, worüber er sich nicht wenig zu freuen

schien. Er sprach vieles mit mir, welches ich aber nicht verstand, da

mir damals als einem jungen unerfahrnen Kiek in die Welt von Käterchen

das Verstehen der menschlichen Sprache noch nicht eigen. Überhaupt weiß

ich von meinem Gönner nur wenig zu sagen. So viel ist aber gewiß, daß er

in vielen Dingen geschickt -- in Wissenschaften und Künsten hocherfahren

sein mußte, denn alle, die zu ihm kamen (ich bemerkte Leute darunter,

die gerade da, wo mir die Natur einen gelblichen Fleck im Pelze beschert

hat, d. h. auf der Brust, einen Stern oder ein Kreuz trugen),

behandelten ihn ausnehmend artig, ja zuweilen mit einer gewissen scheuen

Ehrfurcht, wie ich späterhin den Pudel Skaramuz, und nannten ihn nicht

anders als mein hochverehrtester, mein teuerer, mein geschätztester

Meister Abraham! -- Nur zwei Personen nannten ihn schlechtweg »mein

Lieber!« Ein großer dürrer Mann in papageigrünen Hosen und weißseidenen

Strümpfen, und eine kleine sehr dicke Frau mit schwarzem Haar und einer

Menge Ringe an allen Fingern. Jener Herr soll aber ein Fürst, die Frau

hingegen eine jüdische Dame gewesen sein.

Dieser vornehmen Besucher unerachtet wohnte Meister Abraham doch in

einem kleinen hochgelegenen Stübchen, so daß ich meine ersten Promenaden

sehr bequem durchs Fenster aufs Dach und auf den Hausboden machen

konnte. --

Ja, es ist nicht anders, auf einem Boden muß ich geboren sein! -- Was

Keller, was Holzstall -- ich entscheide mich für den Boden! -- Klima,

Vaterland, Sitten, Gebräuche, wie unauslöschlich ist ihr Eindruck, ja,

wie sind sie es nur, die des Weltbürgers äußere und innere Gestaltung

bewirken! -- Woher kommt in mein Inneres dieser Höhesinn, dieser

unwiderstehliche Trieb zum Erhabenen? Woher diese wunderbar seltene

Fertigkeit im Klettern, diese beneidenswerte Kunst der gewagtesten

genialsten Sprünge? -- Ha! es erfüllt eine süße Wehmut meine Brust!

-- Die Sehnsucht nach dem heimatlichen Boden regt sich mächtig! -- Dir

weihe ich diese Zähren, o schönes Vaterland! dir dies wehmütig

jauchzende Miau! -- Dich ehren diese Sprünge, diese Sätze, es ist Tugend

darin und patriotischer Mut! -- Du, o Boden! spendest mir in freigebiger

Fülle manch Mäuslein, und nebenher kann man manche Wurst, manche

Speckseite aus dem Schornstein erwischen, ja wohl manchen Sperling

haschen, und sogar hin und wieder ein Täublein erlauern. »Gewaltig ist

die Liebe zu dir, o Vaterland!« --

Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern · 第 9 / 27 题