Entwicklung der Berliner Bierverlags- oder Bierengrosgeschäfte
schliessen. Dafür sind sie zu unsicher, weil namentlich diejenigen
Bierverleger, welche nebenbei noch Gastwirtschaft betreiben, in der
Berufseintragung für das Adressbuch durchaus nicht immer gleich
bleibende Angaben machen. Immerhin geben sie doch Illustrationen zu der
jeweiligen Lage des Berufszweiges, sie zeichnen die wechselnden
Konjunkturen ab, welche er durchgemacht hat. Welcher Gegensatz zwischen
der Bewegung der Zahlen von 1870-1885 und von da ab bis 1900! In der
ersten Periode ein nur selten durch kleine Oscillationen unterbrochenes
stetiges Aufsteigen, (1870: 108, 1875: 266, 1880: 319, 1885: 370), in
jenem zweiten Abschnitt ein ewiges Hin- und Herschwanken, Aufsteigen und
Absteigen nebeneinander, ohne dass eine bestimmte _Tendenz_ sich
herausarbeitete (1885: 370, 1890: 388, 1894: 322, 1895: 447, 1897: 528,
1900: 464). In jener ersteren Zeit steigt die Zahl der Bierverleger um
das Dreieinhalbfache (von 108 auf 370), in der gleichen Zeit steigt aber
auch der Konsum des Bieres in Berlin um mehr als das Doppelte (von
1049718 hl auf 2308414 hl). Dabei ist noch zu bemerken, dass der
Bierbezug auf dem Wege der Lieferung durch den Verleger gerade in dieser
Zeit in immer mehr steigendem Masse sich ausbildete, dass der
Bierverleger vielfach an solche Leute Bier lieferte, welche es früher
vom Gastwirt bezogen, oder allgemeiner ausgedrückt, dass das
Bierlieferungsgeschäft den »Verkauf über die Strasse« zum Teil
zurückzudrängen begann. Jede Förderung des Lieferungsgeschäftes, mochte
dieselbe sich nun auf das bayrische oder Weissbier beziehen, kam aber
dem Bierverleger zu Gute, da das Lieferungsgeschäft noch fast völlig in
ihren Händen ruhte, wenn auch einzelne Brauereien bereits mit dem
Vertrieb von Flaschenbier begonnen hatten.[21] So ist es erklärlich,
dass die Verhältnisse für den Bierverlag äusserst günstig waren. Seine
Entwicklung aus der Betriebsvereinigung zwischen Viktualien- und
Flaschenbierhandel hatte sich bereits gegen die Mitte der siebziger
Jahre vollständig durchgesetzt, und teilweise wohl unter einem Druck der
Bierverleger hörten die Brauereien überhaupt auf, den übrigen
Viktualienhändlern noch Bier in Fässern zu liefern, sodass diese behufs
Deckung ihres Bedarfs, ebenfalls an die Bierverleger gewiesen waren.
Wenn wir annehmen, dass damals ebenso wie heute ca. 30 % des
untergährigen Bieres in der Form des Flaschenbieres konsumiert werden,
so würde sich beispielsweise für 1875 ein Gesamtflaschenbierkonsum von
1255078, für 1885 ein solcher von 1303423 hl ergeben. Wenn wir diese
Ziffern vergleichen mit der Zahl der Bierverleger und für das Jahr 1885
20000 hl bereits als Flaschenbierabsatz der Brauereien in Abzug bringen,
so ergiebt sich, dass im Jahre 1875 ein Bierverlag auf je 4719 hl
Flaschenbierkonsum kommt, im Jahre 1885 infolge Steigerung der Zahl der
Bierverleger und des relativen Sinkens der Weissbierproduktion ein
Bierverlag auf 3472 hl. Diese Ziffern bedeuten natürlich nicht, dass
jeder Bierverlag in den betreffenden Jahren einen durchschnittlichen
jährlichen Absatz von 4719 bezw. 3472 hl Flaschenbier gehabt habe, denn
in den Zahlen für den Absatz von Flaschenbier spielt natürlich auch
_der_ Verkauf über die Strasse eine grosse Rolle, welcher in den Händen
der Gastwirte liegt. Der durchschnittliche Umsatz eines
Bierlieferungsgeschäftes dürfte also nur einen Bruchteil dieser Zahlen
betragen, die ja auch an sich, da es sich um Schätzung handelt, ziemlich
unsicher sind, aber doch durch die _Vergleichung_ ihren Wert erhalten.
Die Veränderung in der Geschäftslage hat angefangen mit dem Jahre, in
welchem die bayrischen Brauereien mit dem Vertrieb des Flaschenbieres
begannen, und wie die mitgeteilten Ziffern zeigten, in ihrem Bemühen,
direkt als Produzenten mit den Konsumenten in Verbindung zu treten, so
ausserordentlich erfolgreich waren. Es war den Bierverlegern unmöglich,
in Preis oder Qualität mit ihren Lieferanten zu konkurrieren und so
verminderte sich ihr Absatz an untergährigem Biere in demselben Masse
und derselben Relation wie die mitgeteilten Ziffern einzelner Brauereien
steigen. Eine planmässige Zusammenstellung der Absatzziffer in Bezug auf
das Flaschenbier ist seitens des Verbandes der Berliner Brauereien
leider erst vor 2 Jahren angeregt und durchgeführt worden, sodass sich
zuverlässige, vollständige Berichte über das Fortschreiten dieses
Absatzes der Brauereien leider nicht bringen lassen. Soviel aber scheint
für die derzeitige Lage der Dinge festzustehen, dass in Bezug auf den
Absatz von bayrischem Lagerbier in Flaschen mindestens neun Zehntel
dieses Absatzes durch die Brauereien besorgt werden. Wenn fast alle
Bierverleger noch Lagerbier neben dem Weissbier beziehen, so geschieht
dies, weil sie zum Teil über die Strasse noch bayrisches Bier in
Flaschen verkaufen, andererseits einige alte Privatleute oder
Viktualienhändler zu Kunden haben, die, weil sie jahrelang das
Weissbier von dem betreffenden Verleger bezogen haben, aus einer Art
Pietät auch das bayrische Bier von ihm entnehmen.
Nach dem Verlust des Absatzes von bayrischem Bier blieb den
Bierverlegern in der Hauptsache noch der Versand von Weissbier und da
der Konsum von Weissbier wenigstens _absolut_ gestiegen ist, so liesse
sich vermuten, dass der Absatz von Weissbier bei den einzelnen Verlegern
mindestens gleichgeblieben sei. Nehmen wir die Zahlen von 1880 und 1898
zum Vergleich, so ergiebt sich, dass die Zahl der Verleger um ca. 63 %,
die Produktion des Weissbieres dagegen in derselben Zeit um 78 %
gestiegen ist. Doch müssen wir uns zunächst erinnern, dass von dieser
Produktion ein erheblicher Bruchteil abzuziehen ist, welcher in die
Provinz ausgeführt[22] wird, und dass zudem der Umsatz derjenigen
Weissbierbrauereien in Abzug zu bringen ist, welche ebenfalls den
Vertrieb von Flaschenbier selbst besorgen.
Schliesslich aber ist eine Verschlechterung der Lage dadurch bedingt
worden, dass in immerhin beträchtlichem Masse der _Selbstabzug_ von
Weissbier bei der arbeitenden Bevölkerung sich eingebürgert hat. Dieser
Selbstabzug geschieht entweder durch den Bezug von Frisch- oder
Jungbier, oder durch den Bezug von kleineren Gebinden, die bis auf den
Umfang von ca. 5 l zurückgehen. Das Frischbier wird gewöhnlich auf dem
Hofe der Brauerei an die Hausfrauen verkauft, welche es sich in Eimern
oder Kannen literweise holen und auf Flaschen ziehen, nachdem sie je
nach ihrem Geschmack noch Wasser oder Zucker hinzugesetzt haben. Dieser
Frischbierverkauf wird von vielen Weissbierbrauereien, namentlich aber
von den in letzterer Zeit aufgekommenen Braunbierquetschen betrieben, er
ist erst in neuerer Zeit zu grösserer Bedeutung gekommen. Bei den
kleineren Weissbierbrauereien bildet er einen beträchtlichen Anteil
ihres Gesamtumsatzes, aber auch bei den grossen Brauereien ist er
bedeutend; so schätzt man in Bierverlegerkreisen den täglichen Verkauf
von Frischbier in der Brauerei von Albert Bier auf 12/2 t, in der
Weissbierbrauerei von Gabriel & Jäger auf 36/2 t pro Tag. Der Versand
von Bier in kleinen Gebinden geschieht hauptsächlich seitens jener
grossen Zahl neu entstandener »Quetschen«, welche überhaupt keine
grossen Gebinde führen, weil sie Wiederverkäufer niemals zu Kunden
haben, ihr Absatz sich vielmehr auf den Verkauf an die Konsumenten
beschränkt. Das von ihnen »gebraute« Bier ist ein leichtes obergähriges
Bier und wird als Braunbier bezeichnet, in der Statistik jedoch
jederzeit zusammen mit dem Weissbier aufgeführt, wie wir auch in unseren
Betrachtungen, wenn wir vom Weissbier sprachen, das Braunbier stets
eingeschlossen hatten. Das Braunbier[23] unterschied sich von dem
Weissbier durch einen starken Zusatz von Zucker und zuckerhaltigen
Stoffen, durch den es im Verhältnis zu seinem geringen Preis einen
immerhin merklichen Nährwert erhielt und so in Verbindung mit seinem
süssen Geschmack ein beliebtes Getränk für Frauen und Kinder, namentlich
als Stärkungsmittel wurde.[24] Doch hielt diese Beliebtheit des
Braunbieres nur bis zum Ende der siebziger Jahre an, dann kam es immer
mehr aus dem Verkehr. In neuerer Zeit ist es jedoch zu neuem Leben
erwacht und zwar dadurch, dass einesteils die Verwendung von Saccharin
an Stelle des teuren Malzes oder Zuckers die Herstellung des Bieres
verbilligte, anderenteils die früher infolge der zuckerhaltigen Stoffe
oft stürmische Nachgährung in den Flaschen bei längerem Lagern (das Bier
wurde »wild«) vermieden wurde. Ueber 40 Brauereien sind in kurzer Zeit
entstanden, welche sich mit der Herstellung dieses Braunbieres abgeben,
ihre Produktion wird auf ca. 400000 hl jährlich geschätzt, welche
Schätzung mir allerdings übertrieben erscheint! Ueber die Art, wie die
Herstellung dieses Bieres oft vor sich geht -- in einem
waschküchenähnlichen Raum! -- wie aus einem Centner Malz 12 hl »Bier«
hergestellt werden (bei dem Weissbier aus einem Centner ca. 3 hl), giebt
das citierte Gutachten, welches diese Art der Braunbierbrauerei als
»Pseudobraugewerbe« bezeichnet, erbauliche Angaben. Diese Brauereien
sind es nun, welche, da ihre Produkte stets mit denjenigen der
Weissbierbrauereien zusammen aufgeführt werden, oft ein falsches Bild
geben. _Einesteils_ in Bezug auf die Durchschnittsproduktion der
obergährigen Brauereien, welche ohne diese Quetschen doch nicht jenen
ausserordentlich niedrigen Stand haben würde, den sie in der Statistik
einnimmt, anderenteils in Bezug auf die Lage der Bierverleger, welche
von der Steigerung der Produktion obergähriger Biere durchaus nicht in
vollem Masse profitiert haben, da die gesamte Produktion dieser Braun-
und Bitterbierbrauereien davon abzurechnen ist. Der Absatz dieser
Brauereien an ihre Abnehmer vollzieht sich meist derart, dass das
benötigte Bier in Kannen oder kleine Gebinde gefüllt, oft aber auch
direkt vom Fass mittels Ablasshahnes abgefüllt und so in einer Art
»Strassenhandel« abgesetzt wird. Das Feilhalten von losem Bier mit einem
Extraktgehalt von unter 2 % ist zwar polizeilich verboten, jedoch soll
nach Aeusserungen aus Fachkreisen diese Bestimmung völlig auf dem
Papiere geblieben sein.
Durch die Art des direkten Absatzes dieser kleinen Brauereien ist
natürlich den Bierverlegern ebenfalls eine empfindliche Konkurrenz
entstanden. Während früher die Braunbierbrauereien ihr Bier ebenso wie
die Weissbierbrauereien den Bierverlegern in Fässern lieferten und diese
den Absatz in Flaschen besorgten, welcher oft einen bedeutenden Teil des
Gesamtabsatzes ausmachte -- namentlich an die Viktualienhändler wurde
viel Braunbier geliefert -- ist ihnen heute dieser Absatz fast gänzlich
aus den Händen genommen. Dazu kommt als letztes Moment noch, dass die
Gastwirte aus ihrem Kundschaftsverhältnis zu den Bierverlegern
heraustraten. Seitdem in den achtziger Jahren die Weissbierbrauereien,
um den Wünschen nicht nur der Gastwirte, sondern auch eines Teiles der
jüngeren Bierverleger nachzukommen, immer mehr dazu schritten, den
letzten Gährungsprozess beim Weissbier in ihren eigenen Kellereien
vorzunehmen, begannen auch die Gastwirte mehr und mehr das Bier wieder
selbst von der Brauerei zu beziehen und so ging auch dieser Kundenkreis
den Bierverlegern verloren.
Es ist daher wohl ersichtlich, dass der Einfluss, welchen die Steigerung
des Konsums obergähriger Biere auf die Lage der Bierverleger ausübte,
durch die übrigen namhaft gemachten Momente mehr als aufgewogen werden
musste. Nur ein Gebiet blieb den Bierverlegern, auf dem sie, von
drückender Konkurrenz befreit, ihre frühere Stellung nicht nur
behaupten, sondern sogar verstärken konnten: dasjenige der sogen.
»echten« Biere. Es war bereits dargelegt worden, wie der Vertrieb der
auswärtigen Biere zuerst in den Händen jener Bier-Niederlagen
sich befand, welche daneben meist noch mit einem besseren
Kolonialwarengeschäft oder einem Restaurant verbunden waren. Später
entwickelten sich aus dieser Betriebsvereinigung die General-Agenturen
der auswärtigen Brauereien als selbständige Gewerbe und zwar zum
grössten Teil mit der Beschränkung auf den Absatz in Fässern, während
der Vertrieb des Flaschenbieres in die Hände der Bierverleger überging.
Im wesentlichen liegen die Dinge auch heute noch so, nur dass viele
Bierverleger, angesichts der Verringerung der Absatzmöglichkeit auch
eigene Brauereivertretungen übernommen haben und z. T. neben ihrem
Flaschen- auch Fassbierhandel treiben. Für die Mehrheit der Bierverleger
wichtiger als diese einzelnen Vertretungen ist jedoch der Absatz
derjenigen sogenannten »echten«, d. h. auswärtigen Biere, welche
allgemein eingeführt sind und deren Vertrieb durch die Bierverleger
geschieht, da die betr. Generalvertretungen sich auf den Fassbierhandel
beschränken. In Betracht kommen hier vor allem das Grätzer und das
Kulmbacher Bier. Von den 46 Bierverlegern, über deren Geschäftsbetrieb
mir Auskünfte vorliegen, führten 36 Grätzer und 21 Kulmbacher Bier,
Münchener Bier wurde in 3, Pilsener Bier in 5 Fällen geführt. Das
Grätzer Bier (aus Grätz in der Provinz Posen) wurde Mitte der achtziger
Jahre in Berlin eingeführt, es ist ein obergähriges Bier, das sehr lange
Lagerung erfordert, (mindestens 14 Tage), der Geschmack ist ein
eigentümlich rauchiger. Es wird meist in den Nachtcafés geführt. Die
jährliche Einfuhr von Grätzer Bier soll nach den Angaben des
Generalvertreters einer der bekannteren Grätzer Brauereien etwa 25000 hl
betragen. Eine Zeit lang hatte der Vertreter der Brauerei Bähnisch in
Grätz den Flaschenbiervertrieb selbst übernommen, doch wurde er durch
einen Boykott der Berliner Bierverleger gezwungen, ihn wieder
aufzugeben, da er mehr Fassbierkunden verlor, als er an den
neugewonnenen Flaschenbierkunden verdiente. So ist der Absatz des
gesamten in Berlin eingeführten Grätzer Bieres in den Händen der
Bierverleger geblieben.
Allerdings konnten die 25000 hl, welche der Absatz von Grätzer Bier
ausmachte, keinen Ersatz bieten für dasjenige Absatzfeld, welches ihnen
die Brauereien entrissen hatten. Wir hatten vorher Berechnungen
angestellt, welche die Zahl der Bierverleger in Vergleich setzten mit
dem gesamten Berliner Flaschenbierkonsum. Danach kam ein Bierverlag im
Jahre 1875 auf 4719 hl Flaschenbierabsatz, im Jahre 1885 auf 3472 hl
Flaschenbierabsatz. Stellen wir dieselbe Berechnung für das Jahr 1898
auf, so ergiebt sich folgendes: Es kommen als Flaschenbierkonsum in
Betracht: 1357993 hl obergähriges Bier und 30 % der auf 2480418 hl
angegebenen Produktion von untergährigem Bier = 826806 hl, also zusammen
2184799 hl. Hiervon sind jedoch in Abzug zu bringen 1. derjenige Teil
dieses Konsums, welcher durch die Brauereien gedeckt wird mit mindestens
700000 hl, 2. derjenige Teil der Weissbierproduktion, welcher unter
Uebergehung der Zwischenhand in der Form von Frischbier oder in kleinen
Gebinden an die Konsumenten geliefert wird, mit mindestens 400000
hl.[25] Nach Abzug dieses Absatzes von 1100000 hl, welcher bei
Gleichbleiben der früheren Verhältnisse zum grossen Teile den
Bierverlegern zugefallen wäre, bleiben noch 1084799 hl oder angesichts
der Zahl von 516 Bierverlegern, ein Bierverlag gegenüber 2102 hl Absatz
an Flaschenbier! Es gilt von dieser Zahl dasselbe, wie von den vorher
genannten: sie ist an sich ziemlich unsicher, aber sie erhält ihren Wert
durch die Vergleichung. Wenn man noch in Berücksichtigung zieht, dass
der Anteil der Bierverleger an der hier berechneten Höhe des Absatzes
infolge der früher nicht in diesem Masse aufgetretenen Konkurrenz der
Gastwirte eine geringere ist, als früher, so dürfte die in den an sich
ungewissen Zahlen 4719 und 2102 gegebene Relation mit dem Verhältnis des
einstigen zu dem heutigen Durchschnittsumsatz ziemlich übereinstimmen.
Die vorhergegangen Betrachtungen umfassten die Entstehung und
Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts bis zum gegenwärtigen
Zeitpunkt. Die Ausführungen mussten sich dabei auf allgemeine
Gesichtspunkte beschränken und konnten die geschilderte Entwicklung nur
in grossen Zügen geben. Zu ihrer Vervollständigung soll daher die
nachfolgende Darstellung dienen, welche im Rahmen der Detailschilderung
die gegenwärtige Lage des Berliner Bierverlegerstandes im besonderen
schildern will, als desjenigen Gliedes im Berliner Flaschenbiergeschäft,
dessen Entwicklung eine typische Bedeutung beanspruchen kann, welche
über das Interesse an dem vorliegenden Einzelfall hinausgeht.
Gleichzeitig wird diese Einzelschilderung aber auch Rückschlüsse auf die
Ausführungen des ersten Teiles dieser Arbeit gestatten und zur
Bestätigung der darin ausgesprochenen Behauptungen dienen.
Fußnoten:
[10] In dem »Arbeiterfreund«, Jahrgang 1877, ist eine Studie
veröffentlicht: »Der Bierverbrauch in Berlin ein Spiegel der sozialen
Lage des Volkes.« Die Voraussetzungen, von denen der Verf. der betr.
Arbeit ausgeht, sind jedoch ziemlich willkürlich und seine Folgerungen
daher mit Vorsicht aufzunehmen.
[11] Es wurden Neubauten genehmigt: 1869: 2473, 1870: 2576, 1871: 3789,
1872: 6331, 1873: 6076, 1874: 6556, 1875: 6278; die 1874 erreichte Zahl
ist bis in die Gegenwart nur einmal überschritten worden.
[12] Vergl. Jahresbericht der Aeltesten der Kaufmannschaft von 1880:
»Die Berliner Brauereien haben in den Jahren 1871-1875 eine selbst über
das _damalige_ Bedürfnis hinausgehende Erweiterung ihrer Anlagen
erfahren und steht deshalb ihr Absatz nicht im richtigen Verhältnis zu
ihrer Einrichtung.« Der Sachlage nach können sich diese Worte nur auf
die bayrischen Brauereien beziehen.
[13] Letztere Zahl würde allerdings _etwas_ höher sein (ca. 25000 hl),
wenn man nur die Produktion der _Weiss_bierbrauereien berücksichtigte
und nicht, wie es regelmässig in den Berechnungen geschieht, Weiss- und
Braunbierbrauereien zusammen betrachtete. Vgl. weiter Seite 45.
[14] Der gewöhnliche Ausdruck lautet auch hier »Flaschenbier_handel_«
doch kann man im volkswirtschaftlichen Sinne nicht von Handel sprechen.
[15] Erstes Jahr des Vertriebes.
[16] Erstes Jahr des Vertriebes.
[17] Erstes Jahr des Vertriebes.
[18] Erstes Jahr des Vertriebes.
[19] Erstes Jahr des Vertriebes.
[20] Die Zahlen verstehen sich incl. des Flaschenbierversandes nach
ausserhalb. Den Anteil dieser Sendungen n. a. an der Gesamtziffer sieht
man aus einer Vergleichung für die beiden letzten Jahre, für welche mir
beide Ziffern vorliegen.
Absatz einschliesslich Sendungen für Berlin allein
nach ausserhalb
1897/98: 156290 hl 139140 hl
1898/99: 183990 " 167250 "
also Sendungen nach auswärts:
1897/98: 17150 hl = ca. 11 %
1898/99: 16740 " = ca. 9 %.
[21] Doch betrug sogar der Umsatz der Schultheiss-Brauerei 1885 erst
gegen 15000 hl.
[22] Vergl. Seite 23.
[23] Vielfach auch Lübbener Bier genannt, weil in Lübben eine beliebte
Art Braunbier gebraut wurde.
[24] Vergl. Gutachten des Vereins der Brauereien Berlins und der
Umgegend, erstattet an den Polizeipräsidenten von Berlin betr. Wässerung
und Verfälschung von Bieren.
[25] Incl. des Flaschenbiervertriebs der Weissbierbrauereien.
III.
Die gegenwärtige Lage der Berliner Bierverleger.
Begriff und Form der Bierverlagsgeschäfte.
_Begriff_. Der Bierverlag als besondere Form des Flaschenbiergeschäfts
stellt, wie aus den vorhergehenden Aeusserungen erhellt, ein Unternehmen
dar, welches von einer oder mehreren Brauereien Bier in Fässern bezieht,
es _bis zur_ Genussreife lagern lässt und an Geschäfte, die sich mit dem
Ausschank oder Einzelverkauf von Flaschenbier befassen, sowie an
Privatleute in grösseren und kleineren Quantitäten abgiebt, wobei als
Minimum gewöhnlich die Entnahme von 10-20 Flaschen gefordert wird. Es
ist nötig, auf diese Minimalgrenze hinzuweisen, denn sonst würden wir
jeden Kleinhandel mit Flaschenbier, sofern nur der betr. Händler das
Bier vom Brauer in Fässern bezieht als »Bierverlag« ansprechen müssen.
Für einen kleinen Teil der Berliner Bierverleger würde die obige
Definition noch in einer Hinsicht zu erweitern sein, indem dieselben von
der durch die Brauereien eingeführten Lieferung des Berliner Weissbieres
in demjenigen Zustande, welcher nur noch mehrtägiges Lagern verlangt, um
in Genussreife überzugehen, keinen Gebrauch machen, sondern die letzte
Nachgährung noch in ihrem eigenen Keller sich vollziehen lassen. Ihre
Thätigkeit bei der Bierbereitung geht also in diesem Falle über das
»Lagern bis zur Genussreife« hinaus, bewirkt allerdings andrerseits
keine Formveränderung von Rohstoffen, sodass von »Gewerbe« im
nationalökonomischen Sinne auch bei ihnen nicht gesprochen werden kann.
_Name_. Die Bezeichnung »Bierverleger« für den hier behandelten
Geschäftszweig ist nicht überall gebräuchlich. Am verbreitetsten ist
vielmehr der Name »Flaschenbierhändler«, wenigstens führt ihn die
Mehrzahl der unter den betreffenden Unternehmern bestehenden Vereine,
auch der seit Jahresfrist bestehende _Verband_ nennt sich »Verband
deutscher Bierhändler«, das offizielle Verbandsorgan, welches in Lübeck
erscheint, heisst dagegen wieder: »Der Bier-Verleger«. Der Berliner
Sprachgebrauch unterscheidet ferner zwischen »Biergrosshandlung« und
»Bier-Verlag«, im Berliner Adressbuch ist diese Unterscheidung durch die
Bezeichnungen Bier-Engrosgeschäft und Bierverlag zum Ausdruck gekommen.
Ein Wesensunterschied besteht zwischen beiden Formen nicht, im
allgemeinen haben sich nur die grösseren Geschäfte unter der ersteren
Bezeichnung eintragen lassen,[26] ebenso sind unter ihr die
Brauereivertretungen aufgeführt.
_Zahl der Berliner Bierverleger_. In dem Berliner Adressbuch von 1900
sind 97 Biergrossgeschäfte und 367 Bierverleger verzeichnet. In Abzug zu
bringen sind von diesen 464 Geschäften 22 Fassbierhandlungen, welche
unter der Rubrik Bier-Engrosgeschäfte sich verzeichnet finden, und 10
Geschäfte, welche unter beiden Rubriken zugleich verzeichnet sind. Wir
erhalten also im ganzen die Zahl von 432 Bierverlegern. Von diesen 432
Geschäften sind 23 in das Handelsregister eingetragen.
_Formen des Bierverlages_. In der reinen Form findet sich der Bierverlag
nur selten. Abgesehen von der Vereinigung mit dem Bier-Kleinhandel,
welche sich bei dem Vorhandensein der erforderlichen Räume, d. h. bei
einem bequemen Zugang zum Keller sozusagen von selbst ergiebt, findet
sich der Bierverlag hauptsächlich in folgenden Formen der
Betriebsvereinigung:
1. _Bier-Verlag in Verbindung mit Fassbierhandel_. Diese Verbindung
findet sich in denjenigen Fällen, in welchen ein Bierverleger
gleichzeitig Vertreter irgend einer auswärtigen Brauerei ist und deren
Bier nicht nur in Flaschen, sondern auch in Fässern abgiebt. Die
Vertretung auswärtiger Brauereien findet sich in Berlin in verschiedenen
Formen. Entweder bezieht der betr. Vertreter nur Bier von einer oder
mehreren _auswärtigen_ Brauereien (führt also kein _Berliner_ Bier) und
giebt dieses nur in Fässern ab. In diesem Falle handelt es sich
ausschliesslich um Fassbierhandel, der mit dem Flaschenbiergeschäft
nichts zu thun hat. In denjenigen Fällen, in welchen ein solcher
Brauereivertreter die Biere dieser auswärtigen Brauereien auch in
Flaschen absetzt, ist er den Flaschenbierhändlern zuzuzählen, wenn er
auch deren Typus durchaus nicht entspricht. Für denjenigen Teil der
Berliner Flaschenbierhändler, welcher für uns hauptsächlich in Betracht
kommt, tritt diese Vertretung nur in der Form auf, _dass der
Flaschenbierhändler, dessen Hauptgeschäft in dem Vertrieb einheimischer
Biere liegt, nebenbei die Vertretung einer auswärtigen Brauerei hat und
deren Bier auch in Fässern abgiebt_. Doch tritt diese Form der
Betriebsvereinigung nicht in vielen Fällen auf. In der Regel haben
nämlich die auswärtigen Brauereien in Berlin meist einen
General-Vertreter, der ihr Bier _nur in Fässern_ abgiebt, während auf
der anderen Seite wieder diejenigen Bierverleger, welche nebenbei noch
die Vertretung auswärtiger Brauereien übernehmen, deren Bier meist nur
in Flaschen vertreiben.
2. _Betriebsvereinigung mit Gastwirtschaft_. Schon an früherer Stelle
ist dieser Art der Betriebsvereinigung gedacht worden. Wieviele der
Berliner Bierverleger zugleich Gastwirte sind, lässt sich schwer
bestimmen. Das Berliner Adressbuch giebt keine Anhaltspunkte. Denn da
die Eintragung in mehr als eine Branchebezeichnung für jede Branche und
Zeile 1 Mark kostet, so lassen sich die meisten Berliner
Gewerbetreibenden nur unter einer Rubrik eintragen. Daher kann es sehr
wohl sein, dass mancher Name unter der Rubrik »Gastwirte« zu finden ist,
der eigentlich unter »Bierverleger« gehörte und umgekehrt. Unter den 46
Bierverlegern, von denen ich Auskünfte erhielt, waren 5 zugleich
Gastwirte. Man könnte vielleicht aus dem Umstande auf ein häufigeres
Vorkommen dieser Verbindung schliessen, dass der Verein der Berliner
Bierverleger vor wenigen Jahren seinen Namen in »Verein der Berliner
Bierverleger, Gast- und Schankwirte« umgeändert hat. Doch ist dies wohl
weniger aus dem Grunde geschehen, weil eine grössere Anzahl von
Vereinsmitgliedern nicht nur Bierverleger, sondern auch zugleich
Schankwirte waren, als vielmehr deshalb, weil ein grosser Teil der
Vereinsmitglieder überhaupt das Bierverlagsgeschäft an den Nagel gehängt
und sich lediglich auf die Gastwirtschaft beschränkt hat.
3. _Betriebsvereinigung mit Viktualien-(Spezerei-)Handel_. Diese
Verbindung, welche zu Anfang der siebziger Jahre, nachdem die Bildung
des Bierverlages als selbständiges Unternehmen vollzogen war, ganz
aufgehört hatte, beginnt jetzt, bei der schlechten Lage des
Bierverlegerstandes, wieder in den Vordergrund zu treten. Insofern zeigt
sich allerdings ein Unterschied gegenüber der alten Form, als in dieser
der Viktualienhandel das ursprüngliche war und aus ihm allmählich der
Flaschenbierhandel sich entwickelte, während bei den jetzigen Gründungen
das Geschäft als Bierverlag gedacht ist, der Kleinhandel mit Bier und
Viktualien jedoch als Unterstützung für das ganze Unternehmen dienen
soll, das auf dem Bierverlag, bei dem namentlich in der ersten Zeit
nur geringen Umsatz, doch zu unsicher aufgebaut wäre. Hauptsächlich
findet sich diese Verbindung bei vielen der neueren Geschäfte und es
scheint, als wenn sie für Neugründungen von Bierverlagsgeschäften
typisch werden sollte. Von der Weiterentwicklung des Geschäfts hängt es
dann ab, ob dieses mehr nach der Seite des Flaschenbier- oder
Viktualienhandels hinneigt. In letzterem Falle wird vielfach an die
Stelle des Bezuges von Fassbier derjenige von Flaschenbier aus der
Brauerei oder vom Verleger treten, womit dann der Begriff des
Bierverlages aufgegeben ist.