Im Zusammenhang mit der Entwicklung der bayrischen Brauereien zum

Grossbetrieb steht nun als ein Glied in der Kette der auf die Erhöhung

des Absatzes gerichteten Anstrengungen die _Uebernahme des

Flaschenbiervertriebes[14] durch die untergährigen Brauereien_. Es wird

vielfach behauptet, diese Uebernahme sei geschehen auf Anregung des

Generaldirektors der Schultheissbrauerei, Roesicke, und zwar zum Schutze

des biertrinkenden Publikums. Die Bierverleger, habe Herr Roesicke

ausgeführt, »panschten« zu viel und deshalb müssten die Brauereien den

Flaschenbiervertrieb in eigene Regie übernehmen, damit das Publikum

unverfälschte Ware erhielte und die Brauereien nicht länger der Gefahr

ausgesetzt seien, dass das von ihnen den Bierverlegern im reinen

Zustande gelieferte Bier von diesen verfälscht und dadurch ohne Schuld

der betreffenden Brauerei diese selbst in einen schlechten Ruf gebracht

würde. Nun mag ohne weiteres zugegeben werden, dass in dieser und

anderer Beziehung Missstände im Bierverlage vorhanden gewesen sein

mögen, obwohl eine Verfälschung des bayrischen Bieres wohl seltener

vorgekommen sein mag, als der Wasserzusatz zum Weissbier. Jedoch muss

gegen die Auffassung Einspruch erhoben werden, als wenn die Brauereien

lediglich aus dieser Fürsorge für das Publikum und aus Furcht vor

Schädigung ihres Rufes zu der Einführung des Flaschenbiervertriebs

gewissermassen gedrängt worden wären. Es mögen Erwägungen der vorher

dargelegten Art mit obgewaltet haben, aber sie haben sicherlich nur eine

nebensächliche Rolle gespielt gegenüber solchen von weit

schwererwiegender Natur. Vor allem kam es darauf an, den Absatz und

zugleich den Gewinn zu erhöhen, den man unzweifelhaft und wahrscheinlich

in übertriebenem Maasse von der Einführung dieses Vertriebes erhoffte.

Durch den direkten Verkehr mit den Konsumenten auf dem Wege der

Flaschenbiersendung erwartete man weiter, das Bier der betreffenden

Brauerei leichter einzuführen bezw. weiter zu verbreiten. Man rechnete

darauf, dass diejenigen Familien, welche Bier von einer bestimmten

Brauerei als Hausgetränk gewöhnt wären, auch in den Restaurants und

Ausschankstätten dieses bevorzugen würden. Schliesslich aber und zwar

wohl als ausschlaggebender Faktor sind Erwägungen volkswirtschaftlicher

Natur massgebend gewesen. Schon 1879 war in dem Berichte der Aeltesten

der Kaufmannschaft von Berlin darüber geklagt worden, dass die Unsitte

des Uebermaasses unglaubliche Dimensionen angenommen hätte, »es ist dies

nach jeder Hinsicht bedauerlich, denn einerseits werden dadurch nur die

_sogenannten Bierverleger_, $deren Existenz$ mit wenigen Ausnahmen

$weder für Fabrikanten$ _noch für Konsumenten von Nutzen_ ist,

begünstigt, andererseits wird die Solidität und Rentabilität der

Brauereien selbst dadurch untergraben«. Ebenso wie der Verfasser dieser

Auslassungen in dem citierten Bericht sind wahrscheinlich auch manche

der Brauereidirektoren der Meinung gewesen, dass die Existenz des

Bier-Verlages als eines Zwischengliedes zwischen Produzenten und

Konsumenten als volkswirtschaftliche Notwendigkeit nicht anzuerkennen

sei. Sie glaubten, das Publikum mit Leichtigkeit davon überzeugen zu

können, dass es sich bei dem direkten Bierbezug aus der Brauerei weit

besser stände, als wenn es sich an die Bierhändler wendete. Es musste ja

einleuchten: _besser_ konnte der Bierverleger das Bier seinen Kunden auf

keinen Fall liefern, als die Brauerei, von der er es selbst bezog, wohl

aber bestand die Gefahr der Verfälschung. _Billiger_ liefern konnte der

Bierverleger auch nicht, denn er konkurrierte ja mit seinen eigenen

Lieferanten. So schien bei dem geplanten Versuch jeder Vorteil auf

Seiten der Brauereien, aller Nachteil auf Seiten der Bierverleger zu

sein.

Die weitere Entwickelung hat gezeigt, dass diese Kalkulationen richtige

waren. Das Publikum kam den Brauereien mit grossem Vertrauen entgegen

und begann, sich von den Bierverlegern abzuwenden. Eine intensive

Reklame seitens der Bierbrauereien unterstützte diese in ihren

Bemühungen. Annoncen in den Zeitungen, an den Scheiben der damaligen

Pferdebahn und in den Stadtbahnwagen, Zustellung frankierter

Bestellkarten, Neujahrsgeschenke auch an Nichtkunden (Abreisskalender,

Tintenwischer, auch Aschenbecher in Tonnenform mit Firma etc.),

schliesslich das Aeussere der Wagen, das höflichere Benehmen der

Kutscher, alles wirkte zusammen, um den Kundenkreis der Brauerei

fortgesetzt zu vermehren. Einen besonderen Vorteil sah das Publikum

auch darin, dass auf den hübsch etiquettierten Flaschen durch eine

besondere Etiquette auch der Tag des _Abzuges_ vermerkt war, sodass sich

das Publikum jederzeit davon überzeugen konnte, ob es frisches Bier vor

sich hatte oder nicht. Sobald erst ein geregelter Absatz nach den

verschiedenen Stadtteilen sich entwickelt hatte, waren zudem die

Brauereien in der Lage, das Bier in regelmässig guter Qualität, d. h.

nicht zu »alt« und nicht zu »jung« zu liefern -- im Gegensatz zu vielen

Bierverlegern, welche bei ihrem kleinen Absatz oft in die Lage kamen, zu

frisches oder zu lange gelagertes Bier abgeben zu müssen. Vielfach wird

von den Bierverlegern auch behauptet, die Brauereien hätten in der

ersten Zeit das Bier, welches sie selbst auf Flaschen zogen, stärker

eingebraut, als dasjenige, welches sie den Bierverlegern lieferten und

diese so ausser Stand gesetzt, hinsichtlich der Qualität überhaupt zu

konkurrieren. Der vom Standpunkt der Bierverleger an sich schon sehr

anfechtbare Kampf -- insofern er nämlich von den Lieferanten gegen ihre

eigenen Kunden geführt wurde -- bekäme dadurch einen allerdings sehr

hässlichen Anstrich. Ob diese Behauptung richtig ist, lässt sich

natürlich nicht entscheiden. Jedenfalls ist es falsch, sie wie es

seitens der Bierverleger häufig geschieht, als alleinigen Grund für die

Ueberlegenheit der Brauereien anzusehen; diese Ueberlegenheit war schon

durch die angeführten Gründe hinlänglich gegeben. Thatsache ist denn

auch, dass die ersten Versuche einzelner Brauereien zu einem äusserst

günstigen Ergebnis führten, und nachdem diese ersten Versuche geglückt

waren, folgten schnell die anderen nach. Einige Brauereien wurden zur

Einführung des Flaschenbiervertriebes direkt gezwungen, indem

fortgesetzt Bestellungen auf Flaschenbier bei ihnen einliefen, welche

sie auf die Dauer nicht zurückweisen konnten und wollten. Von den jetzt

in Berlin bestehenden 29 bayrischen Brauereien sind es nur noch 6 (und

zwar die kleineren), welche auf den Vertrieb von Flaschenbier

verzichten, die übrigen haben ihn in immer weiter steigendem Maasse

eingeführt und man kann behaupten, dass die Versorgung Berlins mit

Flaschenbier, soweit das bayrische Bier in Betracht kommt, fast ganz in

ihren Händen ruht. In erster Linie haben sie die Privatkundschaft

erobert. Es muss betont werden, dass sie diesen Teil ihrer Kundschaft

den Bierverlegern nicht dadurch abnahmen, dass sie jene unterboten, denn

sie lieferten ebenso wie die Bierverleger nur 32 Flaschen für 3 Mark. Es

war bei diesen Kunden hauptsächlich das grössere Vertrauen zur Qualität

des in der Brauerei abgezogenen Bieres, welches sie diesen zuführte. Die

Kantinen der Fabriken dagegen, ebenso wie andere Geschäftskunden wurden

durch Gewährung eines Rabattes gewonnen, welchen der Gastwirt oder

Bierverleger nicht bewilligen konnte, ohne zu Grunde zu gehen. Auch

heute, nachdem den Brauereien dieser Kundenkreis längst gesichert ist,

dauert das Unterbieten im gegenseitigen Konkurrenzkampfe der Brauereien

_unter sich_ noch fort. So bedauert eine der bedeutendsten Berliner

Brauereien in einem an den Verfasser dieser Schrift gerichteten

Schreiben, dass bei dem Verkauf von Lagerbier an Wiederverkäufer und

Kantinen seitens mehrerer Brauereien eine Preisschleuderei eingetreten

sei und verschiedene Brauereien 42-50 Flaschen für 3 Mark lieferten.

Die Entstehung des Flaschenbiervertriebes seitens der Brauereien fällt

in den Anfang der achtziger Jahre, in der Gegenwart hat die dadurch

herbeigeführte Entwicklung gewissermassen ihren Abschluss gefunden.

Ueber die Entwicklung des Absatzes bei einzelnen Brauereien selbst geben

die nachfolgenden Zahlen Aufschluss, welche dem Verfasser von den

betreffenden Brauereien freundlichst zur Verfügung gestellt wurden.

_Absatz von Flaschenbier._

1. _Aktienbrauerei Königstadt_.

1881/82: 2802 hl

1898/99: 16157 "

2. _Schlossbrauerei Schöneberg_, A.-G.

1886/87 ? hl[15]

1887/88 15875 "

1888/89 25303 "

1889/90 30147 "

1890/91 33048 "

1891/92 43170 "

1892/93 52437 "

1893/94 58706 "

1894/95 68854 "

1895/96 86551 "

1896/97 95158 "

1897/98 96200 "

1898/99 94222 "

3. _Aktien-Brauerei-Gesellschaft Friedrichshöhe_

vorm. Patzenhofer.

1889/90 3250000 Flaschen[16]

1890/91 5000000 "

1891/92 6050000 "

1892/93 6700000 "

1893/94 8450000 "

1894/95 11000000 "

1895/96 14000000 "

1896/97 16540000 "

1897/98 17816000 "

1898/99 18159000 "

= 63335 hl.

4. _Vereinsbrauerei Rixdorf_.

1894/95 4476 hl[17]

1895/96 14381 "

1896/97 22802 "

1897/98 28541 "

1898/99 33096 "

5. _Böhmisches Brauhaus_, Kommandit-Gesellschaft auf Aktien.

1888/89 4135 hl[18]

1889/90 8087 "

1890/91 10617 "

1891/92 12442 "

1892/93 11795 "

1893/94 13423 "

1894/95 17163 "

1895/96 19023 "

1896/97 19904 "

1897/98 23712 "

1898/99 28721 "

6. _Schultheiss-Brauerei_, A.-G.

1876/77 ? hl[19]

1877/78 ? "

1880/81 6700 "

1881/82 6800 "

1882/83 9350 "

1883/84 11426 "

1884/85 13976 "

1885/86 16251 "

1886/87 18442 "

1887/88 19810 "

1888/89 24072 "

1889/90 31752 "

1890/91 48644 "

1891/92 57849 "

1892/93 78753 "

1893/94 94547 "

1894/95 104271 "

1895/95 120906 "

1896/97 128228 "

1897/98 156290 "

1898/99 183990 "[20]

Der Gesamtumsatz der zum Verband der Berliner Brauereien gehörenden

untergährigen Brauereien betrug nach den Berichten des Verbandes im

Jahre 1897/98: 531947, im Jahre 1898/99: 599502 hl, welche sich auf die

einzelnen Brauereien folgendermassen verteilen:

---------------------------------------------------

| 1897/98 | 1898/99

----------------------------+-----------+----------

Schultheissbrauerei | 139140 | 167250

Schlossbrauerei Schöneberg | 96200 | 94222

Friedrichshöhe | 62377 | 63335

Viktoria-Brauerei | 28654 | 32445

Vereinsbrauerei | 28541 | 33096

Böhmisches Brauhaus | 23712 | 28721

Unions-Brauerei | 23400 | 26800

Oswald Berliner | 22921 | 26800

Friedrichshain | 21792 | 24373

Happoldt | 18626 | 24351

Bock-Brauerei | 15920 | 20640

Moabit | 15133 | 16826

Norddeutsche Brauerei | 13812 | 15839

Königsstadt | 13680 | 16157

Gregory | 11732 | 13092

Werm | 8000 | 9251

Versuchsbrauerei | 5952 | 6506

Germania | 5033 | 5222

Gambrinus | 243 | 1017

Zu dieser gewaltigen Zahl von beinahe 600000 hl ist noch der Absatz

derjenigen Brauereien hinzuzurechnen, welche dem Verbande nicht

angehören, und deshalb in der Tabelle nicht angeführt sind. Es sind dies

u. a. die Vereinigten Werder'schen Brauereien, welche ihren Hauptabsatz

in Berlin haben, sowie die grösste der bestehenden bayrischen

Brauereien, soweit diese noch in Privathänden sind, die von Julius

Bötzow. Der Absatz von Flaschenbier der letzten Brauerei ist allein auf

ca. 50-60000 hl jährlich zu schätzen. Dazu kommen nun noch die

Generalvertreter auswärtiger Brauereien, welche ebenfalls einen

schwunghaften Flaschenbierhandel treiben, wie die Haasebrauerei in

Breslau und die Radeberger Exportbrauerei. Der Gesamtumsatz von

Flaschenbier seitens der Berliner Brauereien ist somit auf ca. 7-800000

hl jährlich zu schätzen. Berechnet man, dass ein Bierverleger bei einem

jährlichen Absatz von 800-1000 hl schon verhältnismässig gut bestehen

kann, so ist ersichtlich, wie viele solcher Betriebe ein einziges

Grossunternehmen, wie die Schultheissbrauerei, überflüssig macht.

Die _Berliner Weissbierbrauereien_ haben in ihrer Mehrzahl aus den

Gründen, die auch ihrer allgemeinen Entwicklung zu Grossunternehmen

entgegenstanden, die Uebernahme des Flaschenbiervertriebes _abgelehnt_.

Einige, die es versucht hatten, den Flaschenbiervertrieb in grösserem

Massstabe in eigene Regie zu übernehmen, wurden durch einen Boykott der

Bierverleger zur Aufgabe desselben gezwungen. Der Boykott liess sich in

diesem Falle durchführen, weil die betreffenden Brauereien den

Bierverlegern nicht, wie die bayrischen Brauereien als _eine_

geschlossene Macht gegenübertraten, sondern vereinzelt dastanden und

zudem auch einzeln nicht über ein derartiges Kapital verfügten, wie

jene. Von den grösseren Brauereien betreiben nur zwei den Selbstabzug

und Vertrieb von Flaschenbier, nämlich die Weissbierbrauerei vorm.

Albert Bier, und die vor kurzem in eine Aktiengesellschaft umgewandelte

Brauerei von Gebhardt. Die Bier'sche Brauerei begann mit dem Vertrieb

von Flaschenbier im Jahre 1890, ihr jetziger Absatz beziffert sich auf

ca. 15000 hl, der Absatz der Gebhardt'schen Brauerei soll etwa 30000 hl

betragen. Die Kundschaft der letzteren Brauerei setzt sich überhaupt zum

grössten Teile aus Abnehmern von Flaschenbier zusammen, wenigstens wurde

der Brauereibesitzer Gebhardt früher von den Berliner Bierverlegern

charakterisiert als »ein Bierverleger, der sich sein Bier selbst

abzieht.«

Es ist eine eigenartige Erscheinung, wie auch in diesem

Falle die Weissbierbrauerei in Berlin ihren eigentümlich

konservativ-patriarchalischen Charakter sich bewahrt hat. In der Natur

des obergährigen Bieres liegt durchaus nichts, was die Brauereien hätte

abhalten können, den Selbstabzug und Vertrieb in eigene Hand zu nehmen.

Die Gefahr der Verfälschung des Bieres, von der in Bezug auf die

bayrischen Brauereien gesprochen wurde, bestand bei ihnen in weit

höherem Masse als bei jenen; der Erfolg hätte sie bei ihrem Bestreben,

auf Uebernahme des Flaschenbiervertriebes vermutlich ebenso unterstützt,

wie die bayrischen Brauereien. Aber die Art des Betriebes, die Furcht

vor einer ungewissen Vergrösserung des Absatzes und damit der Uebernahme

eines Risikos, endlich aber und entscheidend, der noch ziemlich

ausgebildete persönliche Verkehr des Weissbierbrauereibesitzers mit

seinen Kunden trat dem entgegen. Erwägungen volkswirtschaftlicher Natur

wie sie bei den kaufmännischen Direktoren der bayrischen

Aktienbrauereien vorwalteten, waren ihnen gewisslich fremd, sie sahen

die Sachlage nur von dem Gesichtspunkte an, dass sie ihren eigenen

Kunden Konkurrenz machen sollten, und das widerstrebte ihnen. Solange

daher die Weissbierbrauereien in den Händen ihrer jetzigen Besitzer

bleiben, ist eine Aenderung der bestehenden Verhältnisse kaum

wahrscheinlich.

Ob aber die nach ihnen folgende zweite Generation das Geschäft in alter

Weise fortführen wird, ist mehr als zweifelhaft. Verschiedene der jetzt

bestehenden, grossen Weissbierbrauereien werden daher in absehbarer Zeit

auch wohl in Aktiengesellschaften umgewandelt werden, und ob dann, wenn

ein genügendes Kapital, verbunden mit Unternehmungslust an die Stelle

des jetzigen Betriebes tritt, nicht auch die Geschäftsprinzipien

wesentlich andere, auch in Bezug auf den Flaschenbiervertrieb werden,

muss abgewartet werden.

Die Syphon- und Kannenbiergesellschaften.

Von einer geringeren Bedeutung als die Uebernahme des

Flaschenbiervertriebes durch die Brauereien ist für die Form des

Flaschenbiergeschäftes die Einführung des Syphon- und Kannenbieres

gewesen, an die man anfänglich grosse Erwartungen geknüpft hatte. Im

wesentlichen kommen alle Konstruktionen dieser Apparate darauf hinaus,

durch Zuführung von Kohlensäure, die bei den einfachen Flaschen nicht

möglich ist, das Bier bis zum letzten Tropfen frisch zu halten.

Hierdurch bieten die Syphons (die gebräuchlichste Form hat einen Inhalt

von 5 l) noch den Vorteil, dass man nicht gezwungen ist, eine bestimmte

Quantität zu trinken, wie beim Flaschenbier, man kann sich so viel oder

wenig abzapfen als man will. Auch Raumersparnis bietet der

Syphon-Apparat, da er nicht soviel Platz fortnimmt wie etwa 12 Flaschen

à 0,4 l Inhalt, die seinem Gesamtgehalt entsprächen. Diese Vorzüge

bieten die _Bierkannen_ nicht, die wesentlich nur durch einen

luftdichten Verschluss die Kohlensäure im Bier besser erhalten und

ausserdem durch elegantes Aussehen, die Tafel vor einer Verunreinigung

bewahren wollen. Man glaubte in den beteiligten Kreisen, dass diese

neuen Gefässe eine Umwälzung im Bierhandel herbeiführen würden. Es kam

darauf an, wer den Verkauf des Syphon-Bieres in die Hand nahm. An vielen

Orten haben die Bierverleger sofort die Gefahr erkannt, die ihnen daraus

erwachsen müsste, wenn der Vertrieb von Syphon-Bier durch die

Brauereien, oder eigene Syphon-Versandgesellschaften geschähe und

infolgedessen selbst den Vertrieb von Bier in Syphons übernommen. In

manchen Städten, z. B. Hamburg, hat sich nach den Berichten des dortigen

Bierverleger-Vereins der Bezug von Bier in Syphons auch eingebürgert,

anderwärts wieder verschwand mit dem Reiz der Neuheit auch die Nachfrage

und zahlreich sind die Anzeigen im »Bierverleger«, in denen grössere und

kleinere Syphons, gebraucht, zum Kauf angeboten werden. In _Berlin_

hatten die Bierverleger nicht dasselbe Interesse an der Einführung der

Syphons und des Kannenbieres, wie an anderen Orten. Es erhellt, dass die

Syphons nur für die Lagerbiere in Betracht kommen, da sich das Weissbier

nicht aus diesen Gefässen, wie überhaupt nicht vom Fass in Verbindung

mit Kohlensäure-Druckapparaten verschänken lässt. Allerdings hätte man

meinen sollen, dass vielleicht einige kapitalkräftige Gastwirte und

Bierverleger sich ebenfalls die Einführung von Syphons oder Kannen

hätten angelegen sein lassen, um dadurch zu versuchen, dem

Flaschenbiervertrieb der Brauereien entgegenzutreten und wenigstens die

Nachbarkundschaft wieder an sich zu ziehen. Aber das geschah nur in

wenigen Fällen. Auch von den Brauereien haben nur wenige neben der

Flaschenbier- eine Syphonbierabteilung eingerichtet; so die

Schloss-Brauerei Schöneberg, in deren Bilanz eine »Abteilung für Versand

von Syphonbier«, mit 51000 Mark zu Buch steht. Ausser dieser Brauerei

betreiben speziell 5 Gesellschaften Verkauf und Versand von Syphonbier,

darunter die als Genossenschaft m. b. H. begründete Deutsche

Syphongesellschaft (Kapital 300000 Mark). Doch ist zu beachten, dass

sich diese Gesellschaften ausser mit dem Versand von Bier in

Syphon-Gefässen auch mit der Herstellung dieser Gefässe selbst befassen.

Bei dem Kannenbier, das anscheinend in den vornehmeren Gegenden vielfach

das Flaschenbier verdrängt hat, liegt der Vertrieb in den Händen der

Kannenbierversand-Aktiengesellschaft, welche seinerzeit mit einem

Kapital von 1 Million Mark gegründet wurde ca. 12-15 Wagen im Betrieb

hat und für die ersten beiden Jahre ihres Bestehens je 16 % Dividende zu

verteilen in der Lage war. Geschädigt werden durch diesen Versand sowohl

Brauereien als auch Bierverleger, welche in jenen westlichen Gegenden

Kunden besassen und diese nun verloren haben. Bei den Berliner

Bierverlegern haben sich ebenso wie die Syphons auch die Kannen sehr

wenig eingebürgert; vor allem wohl haben die grossen Kosten die meisten

von einer Anschaffung zurückgeschreckt. Ein Syphonapparat von 5 l Inhalt

kostet im Durchschnitt 10-12 Mark, eine Kanne etwa 1-1,50 Mark; die

Anschaffung einiger hundert Stück, wie sie doch für einen einigermassen

ausgedehnten Betrieb unbedingt notwendig ist, bedingt also erhebliche

Anschaffungskosten.

Die Bierverlagsgeschäfte im Kampfe mit den Grossbetrieben.

Wie haben die hier geschilderten Aenderungen des Bierkonsums ebenso wie

die neuen Formen des Biervertriebs nun auf die Lage der Bierverleger

eingewirkt? Wir hatten unsere Betrachtungen über die Entwicklung des

Flaschenbierhandels bis zu jener Zeit geführt, in welcher aus der

Berufsvereinigung von Gastwirtschaft oder Viktualiengeschäft mit

Flaschenbierhandel der Bierverlag als selbständiges Gewerbe sich

entwickelt hat. Seit dem Jahre 1868 findet sich im Berliner

Adressbuch die Rubrik »Bierverleger« ständig, im Jahre 1879 wird eine

Unterscheidung zwischen Bierverlegern und Bier-Engroshandlungen gemacht,

hierunter sind die grösseren Bierhandlungen zusammen mit den

Brauereivertretern aufgeführt. Die Zahl der Eintragungen in beide

Rubriken ergiebt sich aus der nachfolgenden Tabelle:

---------------------------------

Jahr | Verleger | Engrosgeschäfte

-----+----------+----------------

1868 | 102 | --

1869 | 115 | --

1870 | 108 | --

1871 | 116 | --

1872 | 120 | --

1873 | 158 | --

1874 | 185 | --

1875 | 266 | --

1876 | 257 | --

1877 | 289 | --

1878 | 289 | --

1879 | 302 | 23

1880 | 302 | 17

1881 | 309 | 24

1882 | 308 | 26

1883 | 324 | 32

1884 | 337 | 47

1885 | 323 | 47

1886 | 311 | 51

1887 | 329 | 71

1888 | 344 | 76

1889 | 363 | 70

1890 | 321 | 67

1891 | 385 | 67

1892 | 332 | 76

1893 | 242 | 91

1894 | 326 | 96

1895 | 353 | 94

1896 | 391 | 104

1897 | 416 | 112

1898 | 414 | 102

1899 | 404 | 96

1900 | 367 | 97

Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts · 第 3 / 9 段