Grossbetrieb steht nun als ein Glied in der Kette der auf die Erhöhung
des Absatzes gerichteten Anstrengungen die _Uebernahme des
Flaschenbiervertriebes[14] durch die untergährigen Brauereien_. Es wird
vielfach behauptet, diese Uebernahme sei geschehen auf Anregung des
Generaldirektors der Schultheissbrauerei, Roesicke, und zwar zum Schutze
des biertrinkenden Publikums. Die Bierverleger, habe Herr Roesicke
ausgeführt, »panschten« zu viel und deshalb müssten die Brauereien den
Flaschenbiervertrieb in eigene Regie übernehmen, damit das Publikum
unverfälschte Ware erhielte und die Brauereien nicht länger der Gefahr
ausgesetzt seien, dass das von ihnen den Bierverlegern im reinen
Zustande gelieferte Bier von diesen verfälscht und dadurch ohne Schuld
der betreffenden Brauerei diese selbst in einen schlechten Ruf gebracht
würde. Nun mag ohne weiteres zugegeben werden, dass in dieser und
anderer Beziehung Missstände im Bierverlage vorhanden gewesen sein
mögen, obwohl eine Verfälschung des bayrischen Bieres wohl seltener
vorgekommen sein mag, als der Wasserzusatz zum Weissbier. Jedoch muss
gegen die Auffassung Einspruch erhoben werden, als wenn die Brauereien
lediglich aus dieser Fürsorge für das Publikum und aus Furcht vor
Schädigung ihres Rufes zu der Einführung des Flaschenbiervertriebs
gewissermassen gedrängt worden wären. Es mögen Erwägungen der vorher
dargelegten Art mit obgewaltet haben, aber sie haben sicherlich nur eine
nebensächliche Rolle gespielt gegenüber solchen von weit
schwererwiegender Natur. Vor allem kam es darauf an, den Absatz und
zugleich den Gewinn zu erhöhen, den man unzweifelhaft und wahrscheinlich
in übertriebenem Maasse von der Einführung dieses Vertriebes erhoffte.
Durch den direkten Verkehr mit den Konsumenten auf dem Wege der
Flaschenbiersendung erwartete man weiter, das Bier der betreffenden
Brauerei leichter einzuführen bezw. weiter zu verbreiten. Man rechnete
darauf, dass diejenigen Familien, welche Bier von einer bestimmten
Brauerei als Hausgetränk gewöhnt wären, auch in den Restaurants und
Ausschankstätten dieses bevorzugen würden. Schliesslich aber und zwar
wohl als ausschlaggebender Faktor sind Erwägungen volkswirtschaftlicher
Natur massgebend gewesen. Schon 1879 war in dem Berichte der Aeltesten
der Kaufmannschaft von Berlin darüber geklagt worden, dass die Unsitte
des Uebermaasses unglaubliche Dimensionen angenommen hätte, »es ist dies
nach jeder Hinsicht bedauerlich, denn einerseits werden dadurch nur die
_sogenannten Bierverleger_, $deren Existenz$ mit wenigen Ausnahmen
$weder für Fabrikanten$ _noch für Konsumenten von Nutzen_ ist,
begünstigt, andererseits wird die Solidität und Rentabilität der
Brauereien selbst dadurch untergraben«. Ebenso wie der Verfasser dieser
Auslassungen in dem citierten Bericht sind wahrscheinlich auch manche
der Brauereidirektoren der Meinung gewesen, dass die Existenz des
Bier-Verlages als eines Zwischengliedes zwischen Produzenten und
Konsumenten als volkswirtschaftliche Notwendigkeit nicht anzuerkennen
sei. Sie glaubten, das Publikum mit Leichtigkeit davon überzeugen zu
können, dass es sich bei dem direkten Bierbezug aus der Brauerei weit
besser stände, als wenn es sich an die Bierhändler wendete. Es musste ja
einleuchten: _besser_ konnte der Bierverleger das Bier seinen Kunden auf
keinen Fall liefern, als die Brauerei, von der er es selbst bezog, wohl
aber bestand die Gefahr der Verfälschung. _Billiger_ liefern konnte der
Bierverleger auch nicht, denn er konkurrierte ja mit seinen eigenen
Lieferanten. So schien bei dem geplanten Versuch jeder Vorteil auf
Seiten der Brauereien, aller Nachteil auf Seiten der Bierverleger zu
sein.
Die weitere Entwickelung hat gezeigt, dass diese Kalkulationen richtige
waren. Das Publikum kam den Brauereien mit grossem Vertrauen entgegen
und begann, sich von den Bierverlegern abzuwenden. Eine intensive
Reklame seitens der Bierbrauereien unterstützte diese in ihren
Bemühungen. Annoncen in den Zeitungen, an den Scheiben der damaligen
Pferdebahn und in den Stadtbahnwagen, Zustellung frankierter
Bestellkarten, Neujahrsgeschenke auch an Nichtkunden (Abreisskalender,
Tintenwischer, auch Aschenbecher in Tonnenform mit Firma etc.),
schliesslich das Aeussere der Wagen, das höflichere Benehmen der
Kutscher, alles wirkte zusammen, um den Kundenkreis der Brauerei
fortgesetzt zu vermehren. Einen besonderen Vorteil sah das Publikum
auch darin, dass auf den hübsch etiquettierten Flaschen durch eine
besondere Etiquette auch der Tag des _Abzuges_ vermerkt war, sodass sich
das Publikum jederzeit davon überzeugen konnte, ob es frisches Bier vor
sich hatte oder nicht. Sobald erst ein geregelter Absatz nach den
verschiedenen Stadtteilen sich entwickelt hatte, waren zudem die
Brauereien in der Lage, das Bier in regelmässig guter Qualität, d. h.
nicht zu »alt« und nicht zu »jung« zu liefern -- im Gegensatz zu vielen
Bierverlegern, welche bei ihrem kleinen Absatz oft in die Lage kamen, zu
frisches oder zu lange gelagertes Bier abgeben zu müssen. Vielfach wird
von den Bierverlegern auch behauptet, die Brauereien hätten in der
ersten Zeit das Bier, welches sie selbst auf Flaschen zogen, stärker
eingebraut, als dasjenige, welches sie den Bierverlegern lieferten und
diese so ausser Stand gesetzt, hinsichtlich der Qualität überhaupt zu
konkurrieren. Der vom Standpunkt der Bierverleger an sich schon sehr
anfechtbare Kampf -- insofern er nämlich von den Lieferanten gegen ihre
eigenen Kunden geführt wurde -- bekäme dadurch einen allerdings sehr
hässlichen Anstrich. Ob diese Behauptung richtig ist, lässt sich
natürlich nicht entscheiden. Jedenfalls ist es falsch, sie wie es
seitens der Bierverleger häufig geschieht, als alleinigen Grund für die
Ueberlegenheit der Brauereien anzusehen; diese Ueberlegenheit war schon
durch die angeführten Gründe hinlänglich gegeben. Thatsache ist denn
auch, dass die ersten Versuche einzelner Brauereien zu einem äusserst
günstigen Ergebnis führten, und nachdem diese ersten Versuche geglückt
waren, folgten schnell die anderen nach. Einige Brauereien wurden zur
Einführung des Flaschenbiervertriebes direkt gezwungen, indem
fortgesetzt Bestellungen auf Flaschenbier bei ihnen einliefen, welche
sie auf die Dauer nicht zurückweisen konnten und wollten. Von den jetzt
in Berlin bestehenden 29 bayrischen Brauereien sind es nur noch 6 (und
zwar die kleineren), welche auf den Vertrieb von Flaschenbier
verzichten, die übrigen haben ihn in immer weiter steigendem Maasse
eingeführt und man kann behaupten, dass die Versorgung Berlins mit
Flaschenbier, soweit das bayrische Bier in Betracht kommt, fast ganz in
ihren Händen ruht. In erster Linie haben sie die Privatkundschaft
erobert. Es muss betont werden, dass sie diesen Teil ihrer Kundschaft
den Bierverlegern nicht dadurch abnahmen, dass sie jene unterboten, denn
sie lieferten ebenso wie die Bierverleger nur 32 Flaschen für 3 Mark. Es
war bei diesen Kunden hauptsächlich das grössere Vertrauen zur Qualität
des in der Brauerei abgezogenen Bieres, welches sie diesen zuführte. Die
Kantinen der Fabriken dagegen, ebenso wie andere Geschäftskunden wurden
durch Gewährung eines Rabattes gewonnen, welchen der Gastwirt oder
Bierverleger nicht bewilligen konnte, ohne zu Grunde zu gehen. Auch
heute, nachdem den Brauereien dieser Kundenkreis längst gesichert ist,
dauert das Unterbieten im gegenseitigen Konkurrenzkampfe der Brauereien
_unter sich_ noch fort. So bedauert eine der bedeutendsten Berliner
Brauereien in einem an den Verfasser dieser Schrift gerichteten
Schreiben, dass bei dem Verkauf von Lagerbier an Wiederverkäufer und
Kantinen seitens mehrerer Brauereien eine Preisschleuderei eingetreten
sei und verschiedene Brauereien 42-50 Flaschen für 3 Mark lieferten.
Die Entstehung des Flaschenbiervertriebes seitens der Brauereien fällt
in den Anfang der achtziger Jahre, in der Gegenwart hat die dadurch
herbeigeführte Entwicklung gewissermassen ihren Abschluss gefunden.
Ueber die Entwicklung des Absatzes bei einzelnen Brauereien selbst geben
die nachfolgenden Zahlen Aufschluss, welche dem Verfasser von den
betreffenden Brauereien freundlichst zur Verfügung gestellt wurden.
_Absatz von Flaschenbier._
1. _Aktienbrauerei Königstadt_.
1881/82: 2802 hl
1898/99: 16157 "
2. _Schlossbrauerei Schöneberg_, A.-G.
1886/87 ? hl[15]
1887/88 15875 "
1888/89 25303 "
1889/90 30147 "
1890/91 33048 "
1891/92 43170 "
1892/93 52437 "
1893/94 58706 "
1894/95 68854 "
1895/96 86551 "
1896/97 95158 "
1897/98 96200 "
1898/99 94222 "
3. _Aktien-Brauerei-Gesellschaft Friedrichshöhe_
vorm. Patzenhofer.
1889/90 3250000 Flaschen[16]
1890/91 5000000 "
1891/92 6050000 "
1892/93 6700000 "
1893/94 8450000 "
1894/95 11000000 "
1895/96 14000000 "
1896/97 16540000 "
1897/98 17816000 "
1898/99 18159000 "
= 63335 hl.
4. _Vereinsbrauerei Rixdorf_.
1894/95 4476 hl[17]
1895/96 14381 "
1896/97 22802 "
1897/98 28541 "
1898/99 33096 "
5. _Böhmisches Brauhaus_, Kommandit-Gesellschaft auf Aktien.
1888/89 4135 hl[18]
1889/90 8087 "
1890/91 10617 "
1891/92 12442 "
1892/93 11795 "
1893/94 13423 "
1894/95 17163 "
1895/96 19023 "
1896/97 19904 "
1897/98 23712 "
1898/99 28721 "
6. _Schultheiss-Brauerei_, A.-G.
1876/77 ? hl[19]
1877/78 ? "
1880/81 6700 "
1881/82 6800 "
1882/83 9350 "
1883/84 11426 "
1884/85 13976 "
1885/86 16251 "
1886/87 18442 "
1887/88 19810 "
1888/89 24072 "
1889/90 31752 "
1890/91 48644 "
1891/92 57849 "
1892/93 78753 "
1893/94 94547 "
1894/95 104271 "
1895/95 120906 "
1896/97 128228 "
1897/98 156290 "
1898/99 183990 "[20]
Der Gesamtumsatz der zum Verband der Berliner Brauereien gehörenden
untergährigen Brauereien betrug nach den Berichten des Verbandes im
Jahre 1897/98: 531947, im Jahre 1898/99: 599502 hl, welche sich auf die
einzelnen Brauereien folgendermassen verteilen:
---------------------------------------------------
| 1897/98 | 1898/99
----------------------------+-----------+----------
Schultheissbrauerei | 139140 | 167250
Schlossbrauerei Schöneberg | 96200 | 94222
Friedrichshöhe | 62377 | 63335
Viktoria-Brauerei | 28654 | 32445
Vereinsbrauerei | 28541 | 33096
Böhmisches Brauhaus | 23712 | 28721
Unions-Brauerei | 23400 | 26800
Oswald Berliner | 22921 | 26800
Friedrichshain | 21792 | 24373
Happoldt | 18626 | 24351
Bock-Brauerei | 15920 | 20640
Moabit | 15133 | 16826
Norddeutsche Brauerei | 13812 | 15839
Königsstadt | 13680 | 16157
Gregory | 11732 | 13092
Werm | 8000 | 9251
Versuchsbrauerei | 5952 | 6506
Germania | 5033 | 5222
Gambrinus | 243 | 1017
Zu dieser gewaltigen Zahl von beinahe 600000 hl ist noch der Absatz
derjenigen Brauereien hinzuzurechnen, welche dem Verbande nicht
angehören, und deshalb in der Tabelle nicht angeführt sind. Es sind dies
u. a. die Vereinigten Werder'schen Brauereien, welche ihren Hauptabsatz
in Berlin haben, sowie die grösste der bestehenden bayrischen
Brauereien, soweit diese noch in Privathänden sind, die von Julius
Bötzow. Der Absatz von Flaschenbier der letzten Brauerei ist allein auf
ca. 50-60000 hl jährlich zu schätzen. Dazu kommen nun noch die
Generalvertreter auswärtiger Brauereien, welche ebenfalls einen
schwunghaften Flaschenbierhandel treiben, wie die Haasebrauerei in
Breslau und die Radeberger Exportbrauerei. Der Gesamtumsatz von
Flaschenbier seitens der Berliner Brauereien ist somit auf ca. 7-800000
hl jährlich zu schätzen. Berechnet man, dass ein Bierverleger bei einem
jährlichen Absatz von 800-1000 hl schon verhältnismässig gut bestehen
kann, so ist ersichtlich, wie viele solcher Betriebe ein einziges
Grossunternehmen, wie die Schultheissbrauerei, überflüssig macht.
Die _Berliner Weissbierbrauereien_ haben in ihrer Mehrzahl aus den
Gründen, die auch ihrer allgemeinen Entwicklung zu Grossunternehmen
entgegenstanden, die Uebernahme des Flaschenbiervertriebes _abgelehnt_.
Einige, die es versucht hatten, den Flaschenbiervertrieb in grösserem
Massstabe in eigene Regie zu übernehmen, wurden durch einen Boykott der
Bierverleger zur Aufgabe desselben gezwungen. Der Boykott liess sich in
diesem Falle durchführen, weil die betreffenden Brauereien den
Bierverlegern nicht, wie die bayrischen Brauereien als _eine_
geschlossene Macht gegenübertraten, sondern vereinzelt dastanden und
zudem auch einzeln nicht über ein derartiges Kapital verfügten, wie
jene. Von den grösseren Brauereien betreiben nur zwei den Selbstabzug
und Vertrieb von Flaschenbier, nämlich die Weissbierbrauerei vorm.
Albert Bier, und die vor kurzem in eine Aktiengesellschaft umgewandelte
Brauerei von Gebhardt. Die Bier'sche Brauerei begann mit dem Vertrieb
von Flaschenbier im Jahre 1890, ihr jetziger Absatz beziffert sich auf
ca. 15000 hl, der Absatz der Gebhardt'schen Brauerei soll etwa 30000 hl
betragen. Die Kundschaft der letzteren Brauerei setzt sich überhaupt zum
grössten Teile aus Abnehmern von Flaschenbier zusammen, wenigstens wurde
der Brauereibesitzer Gebhardt früher von den Berliner Bierverlegern
charakterisiert als »ein Bierverleger, der sich sein Bier selbst
abzieht.«
Es ist eine eigenartige Erscheinung, wie auch in diesem
Falle die Weissbierbrauerei in Berlin ihren eigentümlich
konservativ-patriarchalischen Charakter sich bewahrt hat. In der Natur
des obergährigen Bieres liegt durchaus nichts, was die Brauereien hätte
abhalten können, den Selbstabzug und Vertrieb in eigene Hand zu nehmen.
Die Gefahr der Verfälschung des Bieres, von der in Bezug auf die
bayrischen Brauereien gesprochen wurde, bestand bei ihnen in weit
höherem Masse als bei jenen; der Erfolg hätte sie bei ihrem Bestreben,
auf Uebernahme des Flaschenbiervertriebes vermutlich ebenso unterstützt,
wie die bayrischen Brauereien. Aber die Art des Betriebes, die Furcht
vor einer ungewissen Vergrösserung des Absatzes und damit der Uebernahme
eines Risikos, endlich aber und entscheidend, der noch ziemlich
ausgebildete persönliche Verkehr des Weissbierbrauereibesitzers mit
seinen Kunden trat dem entgegen. Erwägungen volkswirtschaftlicher Natur
wie sie bei den kaufmännischen Direktoren der bayrischen
Aktienbrauereien vorwalteten, waren ihnen gewisslich fremd, sie sahen
die Sachlage nur von dem Gesichtspunkte an, dass sie ihren eigenen
Kunden Konkurrenz machen sollten, und das widerstrebte ihnen. Solange
daher die Weissbierbrauereien in den Händen ihrer jetzigen Besitzer
bleiben, ist eine Aenderung der bestehenden Verhältnisse kaum
wahrscheinlich.
Ob aber die nach ihnen folgende zweite Generation das Geschäft in alter
Weise fortführen wird, ist mehr als zweifelhaft. Verschiedene der jetzt
bestehenden, grossen Weissbierbrauereien werden daher in absehbarer Zeit
auch wohl in Aktiengesellschaften umgewandelt werden, und ob dann, wenn
ein genügendes Kapital, verbunden mit Unternehmungslust an die Stelle
des jetzigen Betriebes tritt, nicht auch die Geschäftsprinzipien
wesentlich andere, auch in Bezug auf den Flaschenbiervertrieb werden,
muss abgewartet werden.
Die Syphon- und Kannenbiergesellschaften.
Von einer geringeren Bedeutung als die Uebernahme des
Flaschenbiervertriebes durch die Brauereien ist für die Form des
Flaschenbiergeschäftes die Einführung des Syphon- und Kannenbieres
gewesen, an die man anfänglich grosse Erwartungen geknüpft hatte. Im
wesentlichen kommen alle Konstruktionen dieser Apparate darauf hinaus,
durch Zuführung von Kohlensäure, die bei den einfachen Flaschen nicht
möglich ist, das Bier bis zum letzten Tropfen frisch zu halten.
Hierdurch bieten die Syphons (die gebräuchlichste Form hat einen Inhalt
von 5 l) noch den Vorteil, dass man nicht gezwungen ist, eine bestimmte
Quantität zu trinken, wie beim Flaschenbier, man kann sich so viel oder
wenig abzapfen als man will. Auch Raumersparnis bietet der
Syphon-Apparat, da er nicht soviel Platz fortnimmt wie etwa 12 Flaschen
à 0,4 l Inhalt, die seinem Gesamtgehalt entsprächen. Diese Vorzüge
bieten die _Bierkannen_ nicht, die wesentlich nur durch einen
luftdichten Verschluss die Kohlensäure im Bier besser erhalten und
ausserdem durch elegantes Aussehen, die Tafel vor einer Verunreinigung
bewahren wollen. Man glaubte in den beteiligten Kreisen, dass diese
neuen Gefässe eine Umwälzung im Bierhandel herbeiführen würden. Es kam
darauf an, wer den Verkauf des Syphon-Bieres in die Hand nahm. An vielen
Orten haben die Bierverleger sofort die Gefahr erkannt, die ihnen daraus
erwachsen müsste, wenn der Vertrieb von Syphon-Bier durch die
Brauereien, oder eigene Syphon-Versandgesellschaften geschähe und
infolgedessen selbst den Vertrieb von Bier in Syphons übernommen. In
manchen Städten, z. B. Hamburg, hat sich nach den Berichten des dortigen
Bierverleger-Vereins der Bezug von Bier in Syphons auch eingebürgert,
anderwärts wieder verschwand mit dem Reiz der Neuheit auch die Nachfrage
und zahlreich sind die Anzeigen im »Bierverleger«, in denen grössere und
kleinere Syphons, gebraucht, zum Kauf angeboten werden. In _Berlin_
hatten die Bierverleger nicht dasselbe Interesse an der Einführung der
Syphons und des Kannenbieres, wie an anderen Orten. Es erhellt, dass die
Syphons nur für die Lagerbiere in Betracht kommen, da sich das Weissbier
nicht aus diesen Gefässen, wie überhaupt nicht vom Fass in Verbindung
mit Kohlensäure-Druckapparaten verschänken lässt. Allerdings hätte man
meinen sollen, dass vielleicht einige kapitalkräftige Gastwirte und
Bierverleger sich ebenfalls die Einführung von Syphons oder Kannen
hätten angelegen sein lassen, um dadurch zu versuchen, dem
Flaschenbiervertrieb der Brauereien entgegenzutreten und wenigstens die
Nachbarkundschaft wieder an sich zu ziehen. Aber das geschah nur in
wenigen Fällen. Auch von den Brauereien haben nur wenige neben der
Flaschenbier- eine Syphonbierabteilung eingerichtet; so die
Schloss-Brauerei Schöneberg, in deren Bilanz eine »Abteilung für Versand
von Syphonbier«, mit 51000 Mark zu Buch steht. Ausser dieser Brauerei
betreiben speziell 5 Gesellschaften Verkauf und Versand von Syphonbier,
darunter die als Genossenschaft m. b. H. begründete Deutsche
Syphongesellschaft (Kapital 300000 Mark). Doch ist zu beachten, dass
sich diese Gesellschaften ausser mit dem Versand von Bier in
Syphon-Gefässen auch mit der Herstellung dieser Gefässe selbst befassen.
Bei dem Kannenbier, das anscheinend in den vornehmeren Gegenden vielfach
das Flaschenbier verdrängt hat, liegt der Vertrieb in den Händen der
Kannenbierversand-Aktiengesellschaft, welche seinerzeit mit einem
Kapital von 1 Million Mark gegründet wurde ca. 12-15 Wagen im Betrieb
hat und für die ersten beiden Jahre ihres Bestehens je 16 % Dividende zu
verteilen in der Lage war. Geschädigt werden durch diesen Versand sowohl
Brauereien als auch Bierverleger, welche in jenen westlichen Gegenden
Kunden besassen und diese nun verloren haben. Bei den Berliner
Bierverlegern haben sich ebenso wie die Syphons auch die Kannen sehr
wenig eingebürgert; vor allem wohl haben die grossen Kosten die meisten
von einer Anschaffung zurückgeschreckt. Ein Syphonapparat von 5 l Inhalt
kostet im Durchschnitt 10-12 Mark, eine Kanne etwa 1-1,50 Mark; die
Anschaffung einiger hundert Stück, wie sie doch für einen einigermassen
ausgedehnten Betrieb unbedingt notwendig ist, bedingt also erhebliche
Anschaffungskosten.
Die Bierverlagsgeschäfte im Kampfe mit den Grossbetrieben.
Wie haben die hier geschilderten Aenderungen des Bierkonsums ebenso wie
die neuen Formen des Biervertriebs nun auf die Lage der Bierverleger
eingewirkt? Wir hatten unsere Betrachtungen über die Entwicklung des
Flaschenbierhandels bis zu jener Zeit geführt, in welcher aus der
Berufsvereinigung von Gastwirtschaft oder Viktualiengeschäft mit
Flaschenbierhandel der Bierverlag als selbständiges Gewerbe sich
entwickelt hat. Seit dem Jahre 1868 findet sich im Berliner
Adressbuch die Rubrik »Bierverleger« ständig, im Jahre 1879 wird eine
Unterscheidung zwischen Bierverlegern und Bier-Engroshandlungen gemacht,
hierunter sind die grösseren Bierhandlungen zusammen mit den
Brauereivertretern aufgeführt. Die Zahl der Eintragungen in beide
Rubriken ergiebt sich aus der nachfolgenden Tabelle:
---------------------------------
Jahr | Verleger | Engrosgeschäfte
-----+----------+----------------
1868 | 102 | --
1869 | 115 | --
1870 | 108 | --
1871 | 116 | --
1872 | 120 | --
1873 | 158 | --
1874 | 185 | --
1875 | 266 | --
1876 | 257 | --
1877 | 289 | --
1878 | 289 | --
1879 | 302 | 23
1880 | 302 | 17
1881 | 309 | 24
1882 | 308 | 26
1883 | 324 | 32
1884 | 337 | 47
1885 | 323 | 47
1886 | 311 | 51
1887 | 329 | 71
1888 | 344 | 76
1889 | 363 | 70
1890 | 321 | 67
1891 | 385 | 67
1892 | 332 | 76
1893 | 242 | 91
1894 | 326 | 96
1895 | 353 | 94
1896 | 391 | 104
1897 | 416 | 112
1898 | 414 | 102
1899 | 404 | 96
1900 | 367 | 97