Nun stellen die Altersklassen vom 20. bis zum 50. Jahre gewiss

denjenigen Teil der Bevölkerung dar, welcher produktiv am thätigsten ist

und auch für den Bierkonsum in erster Linie in Betracht kommt. Da nun

gerade diese Bevölkerungsklassen in Berlin um 12,5 % stärker vertreten

sind, als in der gesamten preussischen Monarchie so kann es im

Zusammenhang mit der raschen Bevölkerungszunahme nicht auffallen, wenn

auch der Bierkonsum absolut und relativ in erheblichem Maasse gestiegen

ist. Er zeigt im allgemeinen eine stetige Aufwärtsbewegung, wenn auch

die Durchschnittszahlen der Gründerjahre in den darauffolgenden Jahren

wirtschaftlicher Depression nicht erreicht wurden, wie ja in gewisser

Beziehung die Verhältniszahlen des Bierkonsums gleichzeitig ein Bild des

jeweiligen Wohlstandes der Bevölkerung abgeben.[10] Wenn wir nun die

Produktionszahlen betrachten (vgl. Tabelle), so zeigen dieselben neben

dem Steigen der Produktion zugleich eine Verschiebung der

Verhältniszahlen beider Arten des produzierten Bieres.

_Bierproduktion in Berlin_.

-----------------------------------------------------------------------

| | | | pro Kopf

| untergähriges | obergähriges | Gesamt- | der

Jahr | Bier | Bier | Produktion | Bevölkerung

| hl | hl | hl | l

-------+-----------------+---------------+--------------+--------------

1860 | 150421 | 370284 | 520705 | 110

1865 | 324108 | 544723 | 868831 | 132

1870 | 536840 | 512878 | 1049718 | 133

1875 | 1112283 | 874317 | 1986600 | 206

1880 | 1983357 | 708267 | 1799624 | 160

1885 | 1492487 | 805927 | 2308414 | 176

1890 | 1939023 | 1060001 | 2999024 | 189

1895 | 2379368 | 1234153 | 3613521 | 202

Schon vorher ist darauf hingewiesen worden, wie das erst um das Jahr

1840 eingeführte bayrische Lagerbier sich in kurzer Zeit in allen

Kreisen der Bevölkerung Eingang zu verschaffen wusste, sodass um die

Mitte der sechziger Jahre bereits nur noch doppelt soviel Weissbier

gebraut wurde als Lagerbier. Den stärksten Umschwung aber brachte der

Anfang der siebziger Jahre. Es wurden produziert:

-----------------------------------

| untergährig | obergährig

Jahr | hl | hl

--------+-------------+------------

1860 | 150421 | 370284

1865 | 324108 | 544723

1868 | 417340 | 418169

1869 | 525534 | 462711

1870 | 536840 | 512878

1871 | 614231 | 526660

1872 | 917813 | 654718

1873 | 1088155 | 766099

1874 | 1148421 | 785115

1875 | 1112283 | 874317

Bereits um die Mitte der siebziger Jahre hat also das bayrische Bier

beinahe jenen Anteil an der Gesamtproduktion zu erlangen gewusst, den

es bis zum Ausgang der neunziger Jahre behauptet und noch um ein

geringes überschritten hat (von 61,1 auf 64,9 %). Verschiedene Gründe

sind dafür maassgebend gewesen, dass gerade Anfang der siebziger Jahre

dieser Umschwung in den Berliner Bierkonsumtionsverhältnissen eintrat,

zunächst die gesteigerte Kaufkraft des Publikums, welches durch die

ausserordentlich günstige Geschäftslage in den »Gründerjahren« in den

Stand gesetzt wurde das _teurere_ bayrische Lagerbier zu bezahlen; denn

das Glas Bayrisch à 3/10 Liter kostete 10 Pfg., während die für

denselben Preis abgegebene »kleine Weisse« 5/10 Liter enthielt und von

dem »einfachen« Weiss- und Braunbier 8/10 oder oft auch 10/10 Liter nur

auf 10 Pfg. kamen. Dann sind aber auch hier vor allem Aenderungen in der

Bevölkerungszusammensetzung in Betracht zu ziehen. Gewisslich ist gerade

in diesen Jahren die Berliner Bevölkerung am stärksten in ihrer

Zusammensetzung in der Richtung des Vorwiegens der jüngeren

Altersklassen und in der Tendenz einer Zurückdrängung des Berlinertums

beeinflusst worden. Ebenso wie der erstere Umstand im Zusammenhang mit

der Bevölkerungszunahme den Konsum im allgemeinen steigerte, so trug die

Thatsache, dass das Berlinertum innerhalb der Berliner Bevölkerung an

Einfluss und Zahl verlor, auf der anderen Seite dazu bei, das

Ueberwiegen des Konsums von bayrischem Bier zu bewirken. Denn das

Berliner Weissbier ist, wie u. a. auch der Name besagt ein spezifisch

berlinisches Getränk und seine Eigenart wie seine Vorzüge werden

infolgedessen auch nur von »echten« Berlinern in richtiger Weise

eingeschätzt und gewürdigt. Wie die Form der Gläser und die Natur des

Bieres ein hastiges Heruntergiessen verbieten, vielmehr Ruhe und

Behaglichkeit zum Geniessen des Weissbieres Vorbedingung sind, so kann

man vielleicht sagen, dass in der Eigenart dieses Bieres sich das Bild

des behäbigen, bedächtigen und etwas philiströsen alten Berliner

Bürgertums spiegelt. Welcher Gegensatz zwischen einer Weissbierstube im

alten Berlin und den in den letzten Jahren entstandenen berühmten

Aschinger'schen Bierquellen! Dort die Bürger etwas ehrwürdig an den

einfachen Tischen vor den runden grossen Gläsern vereinigt, Zeitung

lesend oder in Ruhe und Behäbigkeit sich unterhaltend. Hier ein ewiges

Hasten und Treiben, Kommen und Gehen, die Einzelnen kaum sich Zeit

lassend, um Platz zu nehmen, sondern im Stehen eines der obligaten

belegten Brödchen essend oder einen Schnitt echten Bieres

herunterstürzend und mit dem Blick auf die Uhr nach einigen Minuten

wieder forteilend, um anderen Platz zu machen, welche ebenso wie sie »in

der Eile« etwas »geniessen« wollen. Es ist interessant und gewiss nicht

Zufall, dass in denselben Jahren, in welchen in Berlin das bayrische

Bier eingeführt wurde, auch in den meisten Schichten der Bevölkerung die

_Cigarre_ an die Stelle der _Pfeife_ trat. Wenn wir noch einen Schritt

weiter gehen und an die Cigarette denken, so wird man unbedingt

beipflichten müssen, dass die Vorbedingungen für den Genuss bei beiden

ganz verschiedenartige sind und dass aus dem Genuss des Tabaks in der

einen oder der anderen Form sehr wohl Rückschlüsse auf den Charakter der

Rauchenden oder doch wenigstens, auf die Umstände gemacht werden können,

unter denen das Rauchen geschieht. Aehnlich steht es mit dem Genuss von

Weiss- oder bayrischem Bier. Allerdings darf man nicht Ursache und

Wirkung verwechseln, wie Prof. Hoppe es thut, wenn er den unruhigen Sinn

der Berliner in den vierziger Jahren zum Teil auf das Konto der

Einführung des bayrischen Bieres setzen will. Nein, weil Berlin infolge

seiner Entwicklung zur Grossstadt aus dem behäbig ruhigen Leben

aufgestört wurde, deshalb fügte sich das bayrische Bier viel besser in

das Leben der Stadt ein, als es in früherer Zeit der Fall gewesen wäre.

Und dass gerade der Charakter der Gründerjahre diese Wirkung in der

Verschiebung des Konsums der beiden Biersorten am stärksten zum Ausdruck

bringen musste, leuchtet ohne weiteres ein.

In der Folgezeit hat sich, wie schon erwähnt, an dem Verhältnis der

Produktion beider Biersorten wenig geändert. Im Jahre 1898, dem letzten,

für das uns Zahlen vorliegen, wurden produziert 2480418 hl untergähriges

und 1357993 hl obergähriges Bier, was einem Verhältnis von 64,9 zu 35,1

entspricht. Noch ungünstiger aber stellt sich das Verhältnis, wenn die

Zahlen der Ein- und Ausfuhr in Berücksichtigung gezogen werden. Es

wurden im Jahre 1898 in Berlin eingeführt 607150, ausgeführt 626527 hl.

Die Einfuhr ist lediglich den untergährigen Bieren zuzuzählen mit

Ausnahme der ca. 20-30000 hl obergährigen Grätzer Bieres, das aber auch

mit dem Weissbier durchaus nicht verwandt ist. Nimmt man nun an, das

Berliner Weissbier sei an der Ausfuhr nur mit demselben prozentualen

Verhältnis beteiligt, wie an der Produktion, so sinkt der Anteil des

Weissbieres an dem genannten Berliner Bierkonsum auf ca. 30 %. In

Wirklichkeit dürfte sich aber das Ergebnis noch ungünstiger stellen,

denn es ist bekannt, dass das Berliner Weissbier in grossen Mengen nach

aussen versendet wird; sein Anteil an der Ausfuhr wird daher vermutlich

bedeutend höher sein, als derjenige an der Produktion. Wenn in den

letzten Jahren die _Produktion_ des Weissbieres absolut und z. T. auch

relativ gestiegen ist (1883/84 war der Anteil des Weissbieres an der

_Produktion_, d. h. ohne Berücksichtigung der Ausfuhr auf 30,06 %

gefallen), so ist diese Erscheinung neben anderen Gründen vielleicht

darauf zurückzuführen, dass die Berliner Weissbierbrauereien für den

Rückgang des Berliner Weissbierkonsums in der Provinz einen Ersatz

gesucht und gefunden haben. Ob mit dem Aussterben des alten Berlinertums

auch der Konsum von Weissbier aufhören wird, kann dagegen stark

bezweifelt werden. Vielfach wird das Weissbier heute von den weniger

wohlhabenden Klassen schon wegen seiner Billigkeit dem bayrischen Biere

vorgezogen, die Versendung kleiner und kleinster Gebinde, (allerdings

handelt es sich bei dieser Versendung um schwächer eingebrautes

(einfaches) Weiss- oder Braunbier) z. B. zum Preise von 1 Mark nebst

pfandlosem Hingeben von Utensilien, welche zum Selbstabzug nötig sind,

hat den Absatz des Weissbieres bedeutend gesteigert, auch scheint es,

als ob ein Teil der Arbeiterschaft seit dem Boykott gegen die

Lagerbier-Brauereien (1894) sich vielfach mit dem Weissbier wieder

befreundet hätte. Namentlich in den Arbeitspausen wird von den Arbeitern

auch heute noch vielfach beim Gastwirt Weissbier konsumiert, während in

der Fabrik fast nur bayrisches Bier getrunken wird, hauptsächlich

deshalb, weil das bayerische Bier bequem »aus der Flasche« getrunken

werden kann, was beim Weissbier nicht der Fall ist. Es ist bedauerlich,

dass in den Aufzeichnungen über Import und Export des in Berlin

konsumierten bezw. produzierten Bieres ein Unterschied zwischen

obergährigem und untergährigem Bier nicht gemacht wird. Eine solche

Unterscheidung allein würde uns in den Stand setzen, genau den Anteil

beider Bierarten am Berliner Konsum festzustellen. Jedenfalls ist bei

Betrachtung der mitgeteilten Zahlen und für daraus später zu ziehende

Schlüsse daran festzuhalten, dass die Höhe der Weissbierproduktion

allein für den Anteil am Gesamtkonsum nicht genügende Anhaltspunkte

bietet.

Einwirkung der Konsumtionsverhältnisse auf das

Flaschenbierlieferungsgeschäft.

Die Erhöhung des Bierkonsums und die Veränderung des Anteils der beiden

Biersorten an ihm beeinflusste das Flaschenbiergeschäft und speziell das

_Flaschenbierlieferungsgeschäft_ in günstigem Sinne. Verschiedene Gründe

wirkten in besonders günstiger Weise auf die Ausbreitung des letzteren.

In erster Linie die _Vermehrung der Fabriketablissements_. Nach

Wiedfeldt sind in den Jahren 1869-1892 nicht weniger als 1638

polizeiliche Konzessionen zu Fabrikbauten erteilt worden, die grösste

Zahl 204 bezw. 196 in den Jahren 1872 und 1873, die geringste 16 und 10

in den Jahren 1879 und 1878. Gerade in den Fabriken wird aber fast nur

Flaschenbier konsumiert. Es ist in jedem Betrieb mit einer grösseren

Zahl von Arbeitern so gut wie ausgeschlossen, dass das Bier in Gläsern

oder Krügen aus der benachbarten Gastwirtschaft geholt und nur in den

allergrössten Etablissements wiederum ist es möglich, dass das Bier

selbst abgezogen wird. So mussten die ausgedehnten Neugründungen und

Hand in Hand damit die Vergrösserungen der bestehenden Fabriken den

Flaschenbiervertrieb mächtig fördern, und den Flaschenbierhändlern

regelmässige Abnehmer grösserer Quantitäten zuführen. Nicht so

regelmässig und mit einem Risiko verknüpft, aber den Flaschenbierhandel

auch sehr steigernd, war die Lieferung an die bei den _Bauten

beschäftigten Arbeiter_. So lange in Berlin fast allein Weissbier

produziert wurde, war der Konsum auf den Bauten nur gering. Direkt aus

der Flasche konnte das Weissbier nicht genossen werden, es in Gläser zu

schänken war zu umständlich, da der Standort der Arbeiter nicht derselbe

blieb und die Gefahr bestand, dass bei etwaiger Ungeschicklichkeit das

Glas mit dem Bier umgeworfen wurde. Der Genuss von Bier beschränkte sich

daher meist auf die Arbeitspausen. Seit Einführung des bayrischen Bieres

vollzieht sich der Konsum in viel einfacherer und bequemer Weise: der

Arbeiter steckt eine oder mehrere Flaschen in die Tasche und trinkt je

nach Bedürfnis. Da der Beruf der Bauarbeiter namentlich im Sommer, wo

dieselben der sengenden Hitze schutzlos ausgesetzt sind, ein sehr

schwerer und anstrengender, andererseits aber auch die Entlohnung in den

meisten Fällen eine gute ist, so wird auf den Bauten sehr viel Bier

getrunken, es kommen manchmal auf jeden Mann im täglichen Durchschnitt

6 bis 10 Flaschen. Wenn diese Verhältnisse auch bereits in den ersten

Jahrzehnten nach der Einführung des bayrischen Bieres sich eingebürgert

haben, so haben sie doch erst seit den siebziger Jahren erhöhte

Bedeutung erlangt. Einesteils aus dem Grunde, weil die Bauwut der

Gründerjahre überhaupt den Berufszweig der Bau-Unternehmer und

Bau-Arbeiter in den Vordergrund stellte,[11] andererseits weil infolge

der grossen Nachfrage nach Bauarbeitern auch deren Disziplin in der

Arbeit mehr gelockert und infolgedessen für den Biergenuss während der

Arbeit keine hemmenden Vorschriften gegeben wurden. Seit den siebziger

Jahren ist die Bauthätigkeit mit wenigen Ausnahmen eine geregelte

gewesen, im Durchschnitt der Jahre 1869-1895 wurden jährlich in Berlin

4795 Neubauten ausgeführt. Auf diesen Bauten wird durchweg Flaschenbier

konsumiert, Lieferant ist nur in wenigen Fällen und bei »kleinen« Bauten

der Gastwirt, in den meisten Fällen der Flaschenbierhändler. Ein Risiko

ist mit der Lieferung allerdings insofern verbunden, als die

Flaschenverluste in der Regel ziemlich bedeutende sind.

Schliesslich ist noch eine Erscheinung zu erwähnen, welche an dieser

Stelle kürzer behandelt werden kann, weil auf sie bereits in der

allgemeinen Betrachtung über die Gründe zur Ausbreitung des

Flaschenbierversandgeschäfts hingewiesen ist. Es war erwähnt worden,

dass die weite Entfernung von einer Bezugsquelle für Fassbier, oder von

einem Einzelverkauf von Flaschen das Flaschenbierversandgeschäft

beförderte. In Berlin haben sich nun einige Stadtviertel abgesondert,

welche speziell nur für die wohlhabenden Kreise bestimmt sind, da durch

die Höhe der Miete schon jeder, der nicht zu den »oberen Zehntausend« --

in Berlin sind es aber beträchtlich mehr! -- gehört, abgeschreckt wird,

dort sein Heim aufzuschlagen. Es sind dies in Berlin sowohl das

Bellevue-, als das Hansa- und Tiergartenviertel, ferner die Gegenden in

der Nähe des Zoologischen Gartens bis Wilmersdorf hinauf und die

Villenkolonie Grunewald. In diesen Stadtteilen giebt es wohl

»Restaurateure« aber keine Gastwirte und da nur die letzteren in

grösserem Maassstabe sich mit dem Verkauf über die Strasse befassen, so

sind die Bewohner dieser Gegenden auf den Bezug von Flaschenbier aus

einem Flaschenbierlieferungsgeschäft direkt angewiesen. Sie können zwar

auch Bier in Flaschen einzeln vom Viktualien- oder Kolonialwarenhändler

kommen lassen, letzterer bezieht aber sein Bier auch erst vom Händler,

sodass auf alle Fälle eine Steigerung des Versandes von Flaschenbier

erreicht wird. Dass ähnliche Erscheinungen auch in anderen Städten

vorliegen, ergiebt sich aus dem Hinweis eines Leipziger Bierverlegers

(des Vorsitzenden des dortigen Vereins), der die Existenz des

Leipziger »Gewandhausviertels« als eine Stütze für das dortige

Flaschenbiergeschäft bezeichnete.

Die Weiterentwicklung des Berliner Brauereigewerbes.

Hand in Hand oder doch vielfach im Anschluss und im Zusammenhang mit den

hier angeführten Thatsachen, hat nun diejenige Umwandlung sich

vollzogen, welche für den Flaschenbiervertrieb im allgemeinen, für seine

Form im speziellen von allerhöchster Wirkung wurde: _die Entwicklung der

Berliner untergährigen Brauereien zum Grossbetrieb und infolge davon die

Uebernahme des Flaschenbiervertriebes in eigene Regie_. Bis in die Mitte

dieses Jahrhunderts trugen die Berliner Brauereien noch durchweg den

Charakter von Kleinbetrieben an sich. 1845 produzierten die 12 Weiss- und

18 Braunbierbrauereien im Ganzen 145355 t Bier, d. h. es kamen auf jede

Brauerei noch nicht 5000 t im Durchschnitt. In welcher Weise das nach

bayrischer Art gebraute Lagerbier sich in Berlin dann Eingang zu

verschaffen wusste, ist an anderer Stelle bereits dargelegt worden.

Hatte es 1838 3 bayrische Brauereien in Berlin gegeben, so ist ihre Zahl

schon zehn Jahre später (1848) auf 14 gestiegen und gegen Ende der

sechziger Jahre giebt es in Berlin 20 Brauereien, welche bayrisches Bier

produzieren, darunter eine Aktiengesellschaft. In der Zeit, in welcher

die Gesamtproduktion an bayrischem Bier der des Weissbieres gleichkommt,

ist die _Durchschnitts_produktion bei den bayrischen Brauereien bereits

höher als bei den Weissbierbrauereien, sie betrug bei ersteren im Jahre

1870 26847, bei den letzteren 20513 hl.

Als nun zu Anfang der siebziger Jahre das Gründungsfieber in Berlin

grassierte, wandte sich die Spekulation in augenfälligem Maasse den

Brauereibetrieben zu. Es konnte nicht überraschen, wenn sie dabei die

untergährigen Brauereien bevorzugte. Einesteils deshalb, weil der Anteil

des Weissbieres an der Konsumbefriedigung stetig zurückzugehen und bei

der vorauszusehenden Entwicklung der Reichshauptstadt, dem Einströmen

fremder Elemente zu dauernden Niederlassungen ebenso wie zu zeitweiligem

Aufenthalt und jener übrigen erwähnten Momente, dem bayrischen Bier die

Zukunft zu gehören schien. Dazu kam, dass bei den Besitzern der

Weissbierbrauereien viel weniger Neigung bestand, ihre Hand zur

Umwandlung ihres Betriebes in eine Aktiengesellschaft zu bieten als bei

den Besitzern der z. T. selbst noch nicht lange bestehenden bayrischen

Brauereien. Während daher die Weissbierbrauereien fast durchweg ihren

privaten Charakter behielten, hat sich bei den bayrischen Brauereien die

Umwandlung in Aktiengesellschaften so zu sagen _auf der ganzen Linie_

vollzogen. Die 1868 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte

Tivoli-Brauerei wurde schon erwähnt, es folgen 1870 die Brauerei

Friedrichshain, 1871 die Brauereien Friedrichshöhe, Moabit und

Schlossbrauerei Schöneberg, 1872 die Berg-, Bock-, Adler-,

Schultheiss- und Vereins-Brauerei, das Berliner Brauhaus, insgesamt also

13 Umwandlungen, von denen nicht weniger als 7 auf das eine Jahr 1872

fallen.

Es liess sich voraussehen, dass in der Folgezeit die Entwicklung der

untergährigen Brauereien wesentlich von derjenigen der obergährigen

verschieden sein würde. Ebenso wie die Aktiengesellschaft die modernste

Form der Unternehmung ist, so lässt sich auch bei ihr voraussetzen, dass

sie sich aller derjenigen Hilfsmittel bedienen wird, welche in modernen

kaufmännischen Betrieben angewendet werden, um ein Geschäft in die Höhe

zu bringen. Man hat versucht, die Hauptmerkzeichen dieses modernen

Geschäftsbetriebes in die Worte: »Coulanz und Reklame« zu kleiden,

ebenso den Unterschied zwischen alter und neuer Geschäftspraxis dahin zu

kennzeichnen, dass früher der Geschäftsinhaber wartete, bis der Kunde zu

ihm kam und dann erst lieferte, während heute der Lieferant den Kunden

aufsucht und ihn zur Abnahme seiner Waren zu bestimmen sucht. Man kann

darüber streiten, ob die gegebene Charakteristik auf alle

Grossbetriebe passt, jedenfalls ist sie richtig in Bezug auf die

Berliner Lagerbier-(bayrischen) Brauereien, welche in derselben

Zeit alle Fortschritte der modernen Technik und Geschäftspraxis

sich zu Nutze machen, in welcher die Weissbierbrauereien

ihren alten konservativ-patriarchalischen Charakter behalten.

Nicht als ob diese verschiedenartige Entwicklung allein der

verschiedenen Natur der Unternehmungsform, dem Gegensatz zwischen

Aktiengesellschaft und privatem Besitz zuzuschreiben wäre. Auch die

im Privatbesitz befindlichen bayrischen Brauereien werden nach grossen

kaufmännischen Gesichtspunkten geleitet, während andererseits die

Weissbier-Aktienbrauereien nicht allzusehr von den übrigen sich

unterscheiden. Es möchte scheinen, als wenn auch hier der Charakter des

Bieres wieder seinen Einfluss zeigte. Noch vor nicht gar langer Zeit

standen in einer der grössten Berliner Weissbierbrauereien alle Arbeiter

in _Lohn_, _Kost_ und _Wohnung_, in einer anderen, deren

Durchschnittsproduktion gewiss über 50000 hl beträgt, konnte sich der

Besitzer nicht dazu entschliessen, sich Fernsprechanschluss zu besorgen.

In manchen der grösseren Berliner Weissbierbrauereien wird die

kaufmännische Buchführung auf das Notwendigste beschränkt und das

Comptoirpersonal einer der grössten Berliner Weissbierbrauereien, deren

Geschäftsumsatz sich gewiss auf über 1 Million Mark jährlich beläuft,

besteht aus -- zwei Buchhaltern, welche alle Abrechnungen mit den

Lieferanten, Kunden, Fahrern besorgen, die Bücher führen, überhaupt in

Gemeinschaft mit dem Besitzer den Betrieb leiten. Oft reichen in diesen

Brauereien die Betriebsräume nicht zu, man weiss manchmal nicht, wie man

über den mit Fässern, Wagen und Utensilien aller Art angefüllten Hofraum

zu dem Comptoir gelangen soll. Doch von solchen Aeusserlichkeiten

abgesehen: es fehlte bei allen diesen Betrieben ein Streben nach Absatz

und Vergrösserung des Geschäfts, sie hielten keine Reisenden und gaben

wenig für Reklame aus; ihre Thätigkeit beschränkte sich darauf, die

ihnen zugegangenen Aufträge auszuführen. Wie anders dagegen bei den

bayrischen Brauereien! Von vornherein gross angelegt und mit einem

Kapitalaufwand gegründet, der nur bei eintretender Vergrösserung

rentieren konnte,[12] waren sie auf eine ganz andere Leitung

zugeschnitten. Sie suchten auf alle nur denkbare Weise ihren Absatz zu

vergrössern; weitestgehende Kreditbewilligungen, Verleihung von

Geschäftsutensilien an ihre Abnehmer, Errichtung eigener

Ausschankstätten, vornehme Reklame waren hauptsächlich die Mittel, deren

sie sich bei diesem Streben bedienten. Im Verlauf dieser Entwicklung

mussten die kleineren Betriebe, gegenüber den kapitalkräftigeren

Unternehmungen, immer mehr in den Hintergrund treten. Hand in Hand mit

dem Streben nach Erhöhung des Absatzes, ging die Tendenz auf Ausnutzung

aller durch die Fortbildung der Technik erringbaren Vorteile, und auch

hier konnten die kleineren Betriebe nicht mitkommen, die, wie es im

Jahrbuch f. d. a. Statistik Preussen von 1876 heisst »ohne Eiskeller,

ohne Maschinen, ohne spezielle Techniker mit den grossen Etablissements

weder in Bezug auf die Güte noch in Bezug auf die Herstellungskosten des

Bieres konkurrieren konnten«. Stellen wir diese fortschrittsfreudige und

aller Hilfsmittel der modernen Technik und Reklame sich bedienende

Leitung der grossen bayrischen Brauereien in Vergleich zu dem

geschilderten Charakter der Weissbierbrauereien, so kann es nicht

überraschen, dass schon früh die Durchschnittsziffern der Produktion

bei den bayrischen Brauereien viel höher sind, als bei den

Weissbierbrauereien. So heisst es bereits in dem Jahresb. d. Aelt. d.

Kaufm. von 1875: »Von den 22 bayrischen Brauereien versteuerten je eine

über 70000 und 60000 Centner Braumalz, je zwei über 40000 und 30000, 5

zwischen 20-30000 und alle übrigen (11, also 50 %) unter 20000 Centner

Braumalz. Von 26 obergährigen Brauereien versteuerten je zwei über 30000

und 20000 Centner, alle übrigen (22, also beinahe 90 %) unter 20000

Centner. Im Laufe der Jahre hat sich die Entwicklung der untergährigen

Bierbrauereien immer weiter nach der Richtung eines Ueberwiegens der

Grossunternehmungen ausgebildet, während auf dem Gebiete der

Weissbierproduktion, die Vermehrung der Brauereien in gar keinem

Verhältnis stand zu der Zunahme der Produktion und zwar infolge der

Errichtung vielfacher kleiner Brauereien (sogenannte »Quetschen«),

welche ihr Bier direkt an die Konsumenten in Gestalt von Frischbier oder

in ganz kleinen Gebinden absetzten. Ihren Ausdruck findet die

Entwicklung in den Zahlen für die gegenwärtige Durchschnittsproduktion,

welche für die bayrischen Bierbrauereien 84384, für die

Weissbierbrauereien 18269 hl[13] beträgt.«

Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts · 第 2 / 9 段