Das Vertrauen, welches er Natalien mit seinem ersten Blick einflößte,
hatte sie früher oder später nur zu Gott gehabt. --
Solche Momente -- wahrscheinlich Momente des Wiedererkennens, sind
heilig, und müssen heilig genossen werden. Sie sind die schönsten und
zartesten Blüthen des geistigen Lebens, und ihre Erinnerung bleibt das
reinste Glück des Herzens, das sie fromm genossen hat.
Hofrath Weber, der Voluda in diese Gesellschaft eingeführt hatte,
versprach, bald mit ihm nachzukommen, und so schiffte man sich ohne
beide ein. Das herrlichste Wetter begünstigte die Fahrt. Die lachenden
Ufer zu beiden Seiten des klaren, blauen Flußes, der wolkenlose Himmel,
die raschen, so freudig in die Ferne lockenden Töne der voraufsegelnden
Musik, vereinigten sich, die Gesellschaft heiter zu stimmen. Scherz
und Lachen führte jene milde Trunkenheit des Muthwillens herbei, vor
der die Grazien nicht zu fliehen brauchen, und die sich nie erzwingen
läßt, so oft sie auch kleine, der Freude geweihte, Zirkel verschönt.
Natalie allein blieb, in ernster Feierlichkeit, tief in sich versenkt,
und als man, an dem grünen Platz, dem Ziel der heutigen Fahrt,
anlandete, und nun in froher Geschäftigkeit anfing, Sitze zu bereiten
und Caffee zu kochen, entwich sie in ein nahgelegenes Gehölz. Von einer
Anhöhe entdeckte sie das Meer, in welches sich hier der Fluß ergießt.
Wie still, wie friedlich und einladend, lag die blaue Flut vor ihr! --
Hinaus aus dieser Schwüle,
Hinunter in die Kühle! --
murmelte ihr jede Welle zu. -- Sie fühlte, wie diese Melodie ihr
Bewußtseyn einlullte -- tiefer und tiefer beugte sie sich über den
Abhang -- da hörte sie, von einer Stimme, die sie schon nicht mehr
verkennen konnte, ihren Namen rufen. -- Er hatte sie bei seiner
Ankunft vermißt, und kam nun mit Elisen, sie aufzusuchen. -- Wie gerne
folgte sie dem Ruf, in dem ihr volles, schweres Herz, die Stimme des
Schicksals zu erkennen glaubte. --
Die Gesellschaft wurde sehr munter; man sang, tanzte, jubelte, lachte
und trank, und die Männer wurden fast alle ein wenig berauscht. Bei
Voluda zeigte sich dies letztere nur als eine höhere Begeisterung, die
seinem edleren Leben die Hülle der Gewöhnlichkeit entzog. Gegen neun
Uhr mußte man auf den Rückweg denken, weil mehrere aus der Gesellschaft
zum Begräbniß eines Jünglings geladen waren, der -- der einzige Sohn,
die einzige Hoffnung seiner armen Mutter -- vor wenig Tagen, bei dem
Baden im Fluß, ertrunken war.
Gesellen Sie sich zu uns, bat Voluda, und dieser Einladung folgend,
ließ sie sich von ihm in das kleine Boot heben, in welchem er mit Weber
nachgekommen war. Sie saß neben diesem; Voluda ihr gegenüber -- vor
und hinter ihnen tönte lauter Jubel des Gesanges und der Lust, und
so zogen sie den stillen, silberhellen Fluß entlang, auf dem so zart
der Widerschein des Abendrothes lag, dem Begräbniß eines Jünglings
entgegen, dessen Leben derselbe Fluß vor Kurzem in eine betrügerische
Tiefe hinab gezogen hatte. Natalie fühlte das mit tiefer Bewegung.
Ernst und schweigend blickte sie in die Abendröthe, als Weber sie mit
der Frage weckte: giebt es in der Natur noch etwas Schöneres, als die
Stille eines solchen Abends?
Mit einem Blick voll Seele und Empfindung, antwortete sie leise: ja,
mein Freund, dieselbe Stille in uns!
Voluda blickte sie hier lange an. Das Gespräch verstummte; schweigend
glitten sie weiter, und nur erst nahe vor der Stadt fiel er wieder in
den Gesang der übrigen Gesellschaft ein, die Schillers unsterbliches
Lied, an die Freude, angestimmt hatte, und als er sang:
Was den großen Ring bewohnet
Huldige der Sympathie!
reichte er Natalien die treue, feste Hand, die nie aus Wankelmuth und
leerer Vergessenheit losgelassen hatte, was sie ergriff, und behielt
die ihre auch, als sie anlandeten.
Aus der Ferne leuchteten ihnen schon die Fackeln des Leichenzugs
entgegen. Die Gesellschaft vertheilte sich, um ihn bequemer
vorbeiziehen lassen zu können. Voluda schlug Natalien vor, ihn in der
Kirche ankommen zu sehen, und abgesondert von den übrigen, trat sie
mit ihm in den hohen Dom, dessen finstre Kreuzgänge, im schauerlichen
Halbdunkel der angezündeten Kerzen, sich endlos vor ihnen auszudehnen
schienen. --
Einzelne schwarz gekleidete Gestalten wallten, jede einsam, unten im
Schiff der Kirche umher -- von der Orgel hallte zuweilen ein verlorner
Ton durch das weite Gewölbe hin. Einsam neben Voluda auf einem dunklen
Chor, zog sich diese Masse von Halbdunkel und Finsterniß, wie die
heilige Nacht des Grabes, um Natalien her, und erschütterte ihre Seele
in allen ihren Tiefen. --
Und hier an dieser Stätte, umgeben von den ernsten, feierlichen Bildern
des Todes und des Grabes, begann ein Gespräch, wie es allein aus jener
heiligen Tiefe des Gemüths, die nur Gott und die Liebe zu erhellen
vermögen, in den Weihestunden des höheren Lebens hervorzugehen vermag.
Ein stiller Friede senkte sich in Nataliens Herz, und mit himmlischem
unendlichen Vertrauen, gab sie Voluda ihre ganze Seele hin. --
Er geleitete sie spät nach Mitternacht zu Hause, und schon früh am
andern Morgen kam er wieder zu ihr. Willots Abwesenheit, dem eigentlich
sein Besuch galt, verschaffte Natalien den Genuß einiger einsamen, von
ihm nur in ihrer Gesellschaft verlebten, Tage. --
So schön auch das Bild, welches sie früher von ihm in ihrem Herzen
getragen hatte, mit jenem zauberischen Kolorit geschmückt war, das
aus der Welt der Ideale zu uns herniederstrahlt, so wenig ward es
doch jetzt, im täglichen, persönlichen Umgang mit ihm, bleicher, oder
weniger edel, sondern es erhielt jetzt noch den höhern und seltnern
Zauber der Wahrheit. Voludas Karakter hatte ein Leben und eine Fülle,
eine Tiefe der Begeisterung, eine einfache Größe und ein besonnenes
Maaß für die Wirklichkeit und die Gegenwart, wie sie den Männern unsrer
kleinen Zeit fast zur Fabel geworden sind.
Einzelne Stellen in Voludas Werken sind freilich Früchte jener
seltenen Momente, wo der Geist, von höherer Begeisterung durchglüht,
sein reichstes Leben entfaltet; aber die Größe und Erhabenheit der
Gesinnung, die den Schriftsteller einst zum Stolz eines aufblühenden
edlen Geschlechts machen wird, fand man auch in seinem Leben wieder,
weil sie, wie alle Wahrheit, einfach und menschlich war.
Diese Wahrheit und Einfachheit, die sich in seiner Rede, wie in seinem
Thun, in seinem Karakter, wie in seinen Werken, aussprachen, waren
es auch, die Natalien am innigsten zu ihm hinzogen, weil sie einen
wesentlichen Mangel in ihr ergänzten. Die künstliche Verfeinerung ihrer
Gedanken und Empfindungen hatte ihr jene schlichte Einfalt der Natur
und der Wahrheit geraubt, die dem gebildeten Menschen nur dann bleibt,
wenn seine Bildung nicht Werk der Energie einzelner Kräfte ist, sondern
mit der Bildung der Menschheit in Weg und Ziel zusammentrifft. Die
klare Anschauung von Voluda’s Karakter und die Wahrheit ihres Gefühls,
wurden ihrer Begeisterung für ihn zum festen Grunde, auf dem nichts
Ueberspanntes und Verwirrtes mehr zu wurzeln vermochte. Sich ihm ganz
und innigst hingebend, erhielt sie von ihm, was ihr fehlte, und sie
sich selbst schenkend, schenkte er sie auch der Welt, indem er sie ihr
Verhältniß zu derselben klar übersehen lehrte. --
Diesem Manne mußte ein Weib, still, einfach, fromm und demüthig
erscheinen, wenn er sich zu ihm hingezogen fühlen sollte, und daß
Natalie, ohne alle Künstlichkeit, ohne alles Wissen darum, sich ihm so
zeigte, weil sie es wirklich im Herzen und in der Wahrheit durch ihn
geworden war, beweiset, daß ihre Seele sich nicht täuschte, wenn sie
sich für ihn geschaffen glaubte. --
Ihr Umgang mit Wilhelm hatte sie gegen alle andre Menschen erkältet,
selbst gegen Elisen, aber nie war sie frommer, milder, liebevoller
gewesen, als seit der Stunde, wo sie Voluda’n kennen lernte. --
Nein, ich werde, ich kann es nicht versuchen, Euch zu schildern,
wie sie ihn liebte. -- Auch noch in der Stunde des Todes, wo das
brechende Herz sich von dem Geliebten zu Gott wendet, würde meine Seele
vergeblich nach dem Begriff einer stilleren, treueren, anspruchloseren
und ewigeren Liebe ringen, als die, womit Natalie Voluda’n liebte. --
Willot und seine Gattin kamen nach Hause und der Kreis der Freunde
erweiterte sich. Natalie blieb ernst und in sich gekehrt; ihre
Verhältnisse waren ja nicht gelöset und mußten ihr immer fremder und
drückender werden. Oft kam sie auf den Gedanken, Voluda’n ihre ganze
Lage zu entdecken und ihm die Entscheidung darüber zu überlassen
-- -- aber ach! sie war in seiner Freundschaft, seiner Achtung, so
glücklich; diese Erzählung mußte, sie so viel kosten -- -- verzeiht
ihr, wenn sie sie von Tage zu Tage, von Woche zu Woche, verschob. Im
Allgemeinen deutete sie oft darauf hin, und äußerte gegen Voluda’n, wie
irre sie an sich selbst, wie uneinig sie mit dem Leben geworden sei. Es
befremdete ihn aber nicht, daß in einer Zeit, wo Männer wanken, und die
kräftigsten Gemüther in Zweifel und Muthlosigkeit verkümmern, ein Weib
die Klarheit der Lebensansichten und den Frieden ungestörten Vertrauens
eingebüßt habe. Er glaubte, nur die Liebe eines edlen Mannes vermöge
das Weib im Leben zu sichern und zu bewahren, und verglich das Gemüth
desselben oft einem Spiegel, der das Bild des Mannes zurückstrahle, wie
er es empfange. Natalie galt ihm für eine so anziehende Erscheinung im
Gebiet der Weiblichkeit, daß er in ihren Klagen selbst die Widerlegung
des in G. umherschleichenden Gerüchtes fand, sie sey Braut, oder doch
wenigstens in Liebe an einen Mann gebunden. Sein Herz sagte ihm, daß
sie keinen andern Mann liebe. -- --
Von ihrem Arzt erfuhr er, Veränderung des Climas und des Aufenthaltes
würden am Besten ihre Gesundheit herstellen. Er selbst beschäftigte
sich mit dem Plan einer Reise in das südliche Spanien, von welcher er
in Jahresfrist zurückkehren und sich dann in G. häuslich niederlassen
wollte, und schlug nun Natalien vor, dies Jahr bei seiner Freundin,
Sophie von ~_l. R._~ in Offenbach zu verleben. Er selbst wollte
sie dorthin begleiten, und sie auf seiner Rückreise wieder abholen,
sie ihrer Familie zurück zu bringen. Natalie ergriff diesen Vorschlag
wie ein, ihr vom Himmel selbst gekommenes, Rettungsmittel. Sie gab
sich dem herrschendem Wahn hin, als könne das Zerreißen aller äußeren
Verhältnisse und das Heraustreten aus solchen, die uns durch eigne
Verkehrtheit drückend geworden sind, uns den Frieden wieder geben, den
sie uns raubten, ohne zu bedenken, daß in dem äußern Leben stets der
Widerschein unsers inneren liegt. An Liebe und irgend ein näheres,
bestimmtes, Verhältniß zu Voluda, dachte sie nicht; auf der einen Seite
fühlte sie sich, durch Pflichten zu zart für Worte, an Wilhelm zu fest
gebunden, und auf der andern Seite erschien ihr der Beruf, Voluda’n
sein Haus zum Asyl des Glückes zu machen das der liebste Wunsch seines
schönen Herzens und ewig das Bedürfniß desselben bleiben mußte, als
ein so heiliges Glück, daß ihr, selbst im Traum, der Gedanke, er
könne einst der ihrige werden, zu kühn erschienen seyn würde. Nur die
Wirklichkeit hätte ihr den Muth und das Vertrauen geben können, es
sich anzueignen. -- Aber ein Jahr -- ach, das konnte so vieles ändern!
-- Buris Liebe konnte durch Zeit und Trennung allmählich und ohne
schmerzlichen Kampf erkalten -- sie selbst stiller, ruhiger, besonnener
werden -- und dann -- Voluda hatte ihr diese Reise vorgeschlagen; von
ihm empfohlen, als seine Freundin aufgenommen, sollte sie, wie unter
seinem Schutz, bei der edlen Frau leben, deren schönen Sinn und stilles
Wirken sie so innig verehrte -- der Gedanke an diese Zukunft beglückte
sie unaussprechlich! --
Mit innigem Entzücken und noch innigerer Dankbarkeit nahm sie daher
diesen Vorschlag an, und erwartete mit Sehnsucht die Antwort auf den
Brief, in dem Voluda der Frau von ~_l. R._~ diese Bitte vorgetragen
hatte. Sie schrieb noch immer wöchentlich an Wilhelm, gewiß nicht kalt;
das konnte sie nie gegen ihn seyn und werden: aber besonnener und
reiner freundschaftlich, als im Anfang ihrer Trennung. Seine Klagen
darüber, sein durchaus unmännliches Betragen und seine fast kindische
Hülflosigkeit, sich, ungeleitet von ihr, im Leben zu bewegen, mußten
sich immer ungünstiger gegen ihn stimmen, da sie jetzt, im Spiegel der
edelsten, männlichsten Selbstständigkeit, das Weibische darin immer
richtiger erkannte.
An einem Weibe kann man es schön finden, wenn es nach verlornem
Liebesglück keinen andern Trost anerkennt, als den, sich dem Schmerz
ganz hinzugeben -- aber der Geist eines Mannes darf sich nicht in
Klagen und Jammern über den Verlust eines Weibes verzehren. Der Mann
gehört der Welt, das Weib dem Mann. --
Zu offen und zu wahr, um Wilhelm den tiefen Eindruck zu verhehlen,
den Voluda auf sie gemacht hatte, sprach sie in ihren Briefen oft und
viel von ihm. Schon früher wußte Buri um ihre hohe Achtung für ihn,
und das eifersüchtige Gefühl, ihr nie werden zu können, was Voluda ihr
war, hatte in seinem Herzen eine Bitterkeit erzeugt, die nun immer
giftiger wurde. Eine Eifersucht, die er durchaus nicht berechtigt
war, zu zeigen, nagte geierartig an seinem Innern und raubte ihm den
letzten armseeligen Schimmer von Glück und Ruhe, den er noch aus
dem verheerenden Sturm dieser unglücklichen Leidenschaft gerettet
hatte. Jetzt erhielt er Nataliens Brief mit der Nachricht von ihrer
bevorstehenden Reise, auf der Voluda sie begleiten werde. -- Ach,
er liebte sie damals wohl wirklich recht innig! -- Wie alle äußere
Umgebungen dazu beitrugen, in ihr die Bilder der Vergangenheit zu
schwächen, so wurde ihm jeder Baum, jede Laube, jedes Plätzchen, zur
Erinnerung an die seelige Zeit, wo er hier mit ihr lebte. Tag und Nacht
nur mit ihrem Bilde, nur mit dem Gedanken an sie, beschäftigt, hatte
sein Gefühl gerade die höchste Stufe seiner Exaltation erreicht --
und nun sollte er sie verlieren. Ihr Brief enthielt nicht einmal eine
Einladung, sie noch vor ihrer Abreise zu sehen. -- Alles schien ihm
entschieden, und sein Entschluß war gefaßt.
Er that Natalien Unrecht. Die Sorge um ihn verließ sie keinen
Augenblick, und sie weinte der Trennung von ihm manche Thräne. Was
er ihr eigentlich von jeher gegolten hatte, galt er ihr noch --
ja ihr Gefühl läuterte sich, getrennt von ihm, zu einem treuen,
freundschaftlichen Wohlwollen, das sie jedes Opfers für ihn
fähig machte. -- Ach, das Herz des Menschen ist ein so tiefes,
unerforschbares Räthsel -- wer vermag es zu ergründen! --
Sie war übrigens jetzt in dem täglichen Umgang mit Voluda und in der
immer lebendigeren und umfassenderen Erkenntniß seines Werthes sehr
glücklich. Im Umgang mit Buri war sie oft gespannt und leidenschaftlich
bewegt worden, und das nicht ohne Genuß für ihre Phantasie; aber
jedes Gespräch mit Voluda machte sie ruhiger und kindlicher. Auch
in der Unterhaltung mit ihm zeigte er die hohe kühne Darstellung,
den unbeugsamen Sinn der Gerechtigkeit und den edlen Zorn, die mit
Geniusblitzen seine Schriften erhellen, und oft ergossen sie sich in so
begeisternden, ergreifenden Worten, daß man sie, niedergeschrieben, als
Reden bewundert haben würde. Diese Worte waren aber bei ihm so Abdruck
des innern Sinnes, er selbst so fern von allem Haschen nach kühnem
glänzendem Ausdruck, daß man sie in seinem Munde natürlich fand, wie es
natürlich ist, daß der Strom nicht wie die Quelle rieselt, sondern mit
seinen stolzen Fluthen mächtig daherrauscht. Jede Äußerung von ihm ging
auch, dem alten schönen Ausdruck nach, zu Herzen, wie sie vom Herzen
kam.
Es war Natalien ganz neu, daß sie mit ihm im Kreise des alltäglichsten
Lebens immer auf einer Höhe blieb, die, durch ihre Wahrheit und
Einfachheit, der Wirklichkeit, wie durch ihre Schönheit, der Poesie
angehörte. Es war ein Leben, wie es in der Welt wie sie ist, von zwei
innig verbundenen, sich im Geist und in der Wahrheit angehörenden
Menschen, wirklich und auf die Dauer gelebt werden kann. --
O welche Tage waren das für unsre Natalie! -- Ohne Hoffnung, ohne
Wunsch, ohne Furcht, ohne Vor- und Rückblick, genoß sie ihres Zaubers
so beglückt, wie es nur Kinder und Himmlische zu seyn vermögen.
Jeden Abend, wenn er von ihr ging, fühlte sie sich inniger an ihn
gebunden und glücklicher -- und wenn das morgen nun heute wurde,
immer dasselbe Gefühl erhöhten Glücks, größeren Vertrauens, reinerer,
unvergänglicherer Liebe? --
Eines Abends kam er, sie zu fragen, ob sie die amerikanische
Fackeldistel aufblühen sehen wollte, deren herrliche, aber schnell
verwelkende, Blüthenpracht sich, der Sonne ihres Mutterlandes getreu,
in unsern Gewächshäusern nur um Mitternacht, wie dort im Glanz
der vollen Mittagssonne, entfaltet. Sie sagte ja, und er kam zur
festgesetzten Stunde, sie und Elisen abzuholen. Die Gesellschaft
vermehrte sich noch um einige Personen. Der botanische Garten war
aber noch verschlossen, und man benutzte diese Zwischenzeit zu einem
Gang auf den nahegelegenen Wall. Natalie und Voluda erstiegen den
obern Rand desselben, der ihnen einen freien Blick auf das blitzende,
silberhelle, Nachtstück der Gegend gewährte. Herzlicher denn je
vorher schloß Voluda in dieser Nacht sein Inneres vor ihr auf -- es
war eine Stunde voll jenes Vertrauens, wo wir dem geliebten Menschen
unser ganzes Leben aufdecken möchten; sie kommt auch zwischen den
innigsten Freunden oft nur einmal im Leben. Er sprach ihr viel von den
Verhältnissen, in denen er zum Mann gereift war, und wie auch ihm sein
Leben einst zerschnitten, sein Daseyn zerrissen worden sey, und er doch
in inniger heißer Liebe die Welt und das Leben trage und halte. Alles
durch Liebe und um Liebe -- so gestalte sich ihm die Welt, und anders
möge er sie nicht sehen. Sie beleuchte ihm die dunkle Nothwendigkeit
und mache ihn stark durch diese Nothwendigkeit. -- Dem Menschen sey
das Schöne sichtbar geworden, damit er das Göttliche ahnden und das
Heilige im Glauben und Offenbarung scheuen lerne -- und dann sprach er
ihr von seiner Mutter, der er in ihrer Einfachheit und ihrer lautern
Frömmigkeit viel verdankte, und die er recht kindlich liebte und ehrte
-- und wie sie, ohne alle Ansprüche an das Leben, doch selten Kraft
besessen und bewiesen habe, viel dafür zu thun -- und dann kam er auf
seine verstorbene Gattin.