in den ersten Tagen wurden sie in einen Zirkel von Menschen und
Vergnügungen gezogen, der sich täglich erweiterte. Nataliens Reiz,
ihr Geist, und der Ruf ihres ansehnlichen Vermögens erwarben ihr
vielen Beifall, und sie sah sich bald von einem Männerschwarm umgeben,
unter dem sie vergebens nach einem antwortenden Laut auf die Stimme
ihrer Seele umher horchte, -- so ward sie von Tag zu Tag stiller und
wehmüthiger.
Nirgends überrascht den Einsamen das Gefühl seines Einsamseyns so
schmerzlich, als wenn er fremd unter eine große Menschenmenge tritt,
mit der er nur zufällig eine kurze Zeit fortgleitet, wie der einzelne
Tropfen mit der rauschenden, brausenden, Wasserwoge! Es ist für
Seelen und Herzen immer schwer, sich in der Ueberhüllung irrdischer
Verhältnisse und Körper auszufinden; in der lauten geräuschvollen Menge
aber verstummt auch der leiseste Laut der Sympathie, der Liebe und der
Sehnsucht.
Natalie sah hier nur das eitle Spiel eines eitlen Lebens noch eitler
erneuert, und ihr Widerwille, es ferner mitzumachen, ward noch
entschiedner und fester. Auch Elise trat hier zum Erstenmal auf
die Scene der täuschenden Operauftritte, die man große Welt nennt.
Oft wurden sie ihr langweilig; allein der kindliche Frohsinn, die
unbefangene Unschuld ihres Sinnes, wurden ihr zum Schutz gegen alle
schädliche Eindrücke. Wie ein Spiel glitt ihr das Getümmel vorüber, und
machte ihr die Einkehr in sich selbst und die einsamen Stunden, die sie
mit ihrer Natalie lebte, nur noch lieber.
Die schönen Gegenden des freundlichen Doberans, die beide Schwestern
eben so eifrig aufsuchten, als sie in der Regel von den Badegästen
vernachlässigt werden: der ihnen neue Anblick des Meers, der nie den
Geist ermüdet, nie die Phantasie leer läßt, und die, zuweilen geist-
wenn auch nicht seelenvollen, kleineren Zirkel, die sich aus dem
Größeren gesondert, zusammenfinden, verlieblichten ihren Aufenthalt,
und Nataliens Wangen fingen wieder an, sich im Glanz der Gesundheit zu
röthen während ihr Herz mehr und mehr einem warmen Boden gleich wurde,
angefüllt mit den Keimen der innigsten, seelenvollsten Liebe, die nur
auf die Sonnenstralen einer fremden edlen Liebe warteten, um ihre
Blüthen zu entwickeln.
Unter den gemachten Bekanntschaften zeichnete Nataliens innigste
Hochachtung den edlen Domherrn von R...w aus, der, so unermüdet,
ein ganzes, reiches Leben durch, Gutes wollte, Gutes wirkte und
für Deutschlands niedre Stände der Schöpfer und Verbreiter einer
neuen, besseren Lehrmethode ward. Seine, fast schon vergessenen
und vernachlässigten Schriften enthalten einen so großen Reichthum
populärer Wissenschaft und Moral, daß man sie eine Encyklopädie
beider für den Landmann nennen könnte. Natalie traf mit ihm in dieser
Sorge und Liebe für die Bildung desselben wenigstens in ihrem Streben
zusammen, ihren Guts-Unterthanen das Glück eines guten Schulunterrichts
zu verschaffen. Sie hatte schon im Frühling dieses Jahres ein
geräumiges bequemes, Schulhaus erbauen und einen Garten anlegen lassen,
und war jetzt nur besorgt, einen geschickten Schullehrer zu finden,
der ihre Unterthanen für Wohlstand, und die Freiheit, die sie ihnen
zu schenken Willens war, empfänglich bilde. Ihre Unterhaltungen mit
dem edlen Greise lenkten sie häufig auf diesen Gegenstand hin, und
erhellten ihre Ansichten im Spiegel seiner reifen Erfahrung zu höherer
Lebensklugheit. Er erbot sich, einen jungen Mann, der seit einiger Zeit
in seinem Hause lebe, und dessen Charakter und Kenntnisse er ihr mit
Wärme rühmte, zur Annahme der Schullehrerstelle bei ihr zu bereden, da
er sich für dies Fach gebildet habe, und die Anstellung in einer, von
seinem bisherigen Aufenthalt entfernten, Gegend wünsche. Auch schrieb
er, noch von Doberan aus, an ihn, und konnte Natalien schon vor ihrer
Abreise der Einwilligung des jungen Mannes, dem sie ihrer würdige
Bedingungen gemacht hatte, versichern.
Das Schicksal hatte dieser aber noch eine Bekanntschaft aufgespart,
die ihr zu der höchsten Freude auch den tiefsten Schmerz ihres Lebens
bereitete, und die sie bis zur letzten Minute ihres Lebens, als die
wohlthätigste Erscheinung ihres Daseyns segnete. --
Schon in den ersten Tagen ihres Aufenthalts in Doberan fiel Natalien,
unter der Menge der anwesenden Fremden, ein junger, ausgezeichnet groß
und edelgestalteter Mann auf, den sie an der Seite eines reizenden,
lieblichen weiblichen Wesens, voll herzgewinnender Anmuth, oft unten
am Bade, oder in den einsamern Spaziergängen, aber nie in dem größern
Gewühl sah. Nach mancher vergeblichen Frage erfuhr sie, es sey ein
Maler Willot aus Dresden, mit seiner Gattin und lebhaft fühlte sie
sich zu dem Wunsch, ihre Bekanntschaft zu machen, hingezogen, allein
die Gelegenheit dazu wollte sich in den ersten Tagen nicht finden, und
der tägliche Wechsel von neuen Gesichtern und hinzukommenden Fremden
drängte später das interessante Paar in Nataliens Erinnerung zurück,
und ihre gegenseitige Bekanntschaft schränkte sich auf den stillen
Antheil ein, mit dem sich ihre Blicke zuweilen begegneten, oder im
Vorübergehen durch einen bedeutenderen Gruß sich auszeichneten. Jetzt
war die Zeit von Nataliens Aufenthalt bis auf einige Tage verstrichen,
von denen sie den schönsten zum Besuch des Gutes D. wählte, dessen Lage
und Aussichten man ihr gerühmt hatte.
Sie fuhr allein mit Elisen hin und rechnete auf einen einsamen Tag,
da D. fast nie von den Doberaner Badegästen besucht wird, allein der
Zufall führte hier heut mehrere Menschen zusammen, die alle einzeln
gekommen, und sich bis jetzt in dem großen Gewühl fremd geblieben
waren. So einzeln und getrennt durchstrich man auch jetzt die schöne
Gegend, bis ein Platzregen alle in dem kleinen Stübchen des nächsten
Bauernhauses versammelte, dessen Bewohner ihren Gästen wenig zur
Bewirthung anzubieten hatten. Die mehrsten derselben hatten indessen
kalte Küche und Getränk bei sich -- man trug das zusammen -- die
Männer schlugen einige Bänke auf, da es an Sitzen fehlte -- die Frauen
ordneten den Tisch -- man kam sich während dieser Beschäftigungen im
heitern Scherz näher, wurde bekannt, und nun zusammen sehr froh und
munter.
Natalie traf zu ihrer Freude Willot und seine Gattin unter den
Anwesenden, und fand sich mit ihm und diesem einfachen, lieblichen
Wesen so leicht schnell zusammen, daß man ihnen allen, bei den ersten
Worten, die Freude ansah, sich endlich zu begegnen.
Willot war ein sehr gebildeter Mensch; aber es war nicht die flache
Geistigkeit der Welt- und Hofbildung, was Natalie fand, sondern die
Fülle eines reichen, poetischen Lebens, das auch in seiner Höhe noch
zeigte, wie hold befreundet es mit der Erde sey, an die es befestigt
war, um sich desto sicherer groß und frei in die Unendlichkeit hinein
gestalten zu können. Holder Ernst und schöne Begeisterung bezeichneten
seinen Sinn, dessen äußere Darstellung ein reiner Spiegel des Innern
war.
Natalie vermochte, diesen Karakter zu fassen und sich innig mit ihm
zu befreunden. -- Was sie aber mit dem lebendigsten Antheil an ihm
auffaßte, war sein Verhältniß zu seiner Gattin, das bisher, ohne
Vorbild in der Wirklichkeit nur als schönes Ideal in ihrer Seele
heiligster Tiefe geschlummert hatte. Er so kühn, so frei, so fest, so
bestimmt -- sie so weich, so zart, so kindlich, fast ehrerbietig, gegen
ihn, und doch so voll herzlicher, vertrauungsvoller Zärtlichkeit sich
dem geehrten Mann anschmiegend, der sich nicht zu ihr hinunterließ, sie
nicht zu sich hinaufheben wollte, sondern, so wie sie war, in ihr sein
höchstes Glück, seine süßeste Freude, sein Theuerstes auf Erden, liebte.
Natalien wurde in ihrer Mitte, als wenn sie nach langem, langem
Umherirren in der Fremde, endlich die geliebte Heimath wieder vor sich
dämmern sähe, und sie erschien ihnen gegenüber, unwillkührlich stiller
und einfacher, als sie seit Jahren gewesen war. Der schöne Geist ihrer
frommen Jugend kehrte ihr segnend zurück, und beglückte durch seine
Rückkehr eine reinere, festere Seele, als er einst durch sein Scheiden
betrübte. Sie war unbeschreiblich sanft und wohlthätig bewegt, und ihr
sonst so stolzer Geist beugte sich voll ehrfurchtsvoller Demuth vor
Mariens anspruchlosen Werth, deren Herz sich liebend dem ihren entgegen
neigte, und der man so hell die Freude ansah, ihren Karl einem Wesen
gegenüber zu sehen, dem er so gerührt und begeistert von seinen
theuersten Gefühlen und Ideen sprach. Sie mischte sich mit Elisen unter
die übrige Gesellschaft und ließ ihren Gatten und Natalien, im ernsten
Gespräch vertieft, am fernsten Fenster zurück. Doch liebend kehrte
sie oft, mit ihren hellen, klaren Blicken, zu ihnen zurück, oder trat
schweigend einen Augenblick zu ihnen, ihre Hand zu drücken.
Willot war einer der Glücklichen, dem das Schicksal schon in früher
Jugend einen großen Menschen für sein Herz, und einen geliebten
schönen Zweck für sein Leben geschenkt hatte, und der, von diesen
Schutzgeistern geleitet, die Bürgschaft ewiger Jugend in sich trug.
Die Begeisterung für seine Kunst, die er Natalien zeigen durfte, weil
sie sie mit ihm theilte, entriß, in seinem Gespräch mit ihr, seiner
Feuerseele den Schleier, und er zeigte ihr den Himmelstempel und den
Altar, den er darin für seinen Freund, Moritz Voluda, errichtet hatte.
O wie wurde sie erschüttert -- erweicht -- aufgeregt zu Flammen edler
Begeisterung, als er ihren alten himmlischen Traum von Freundschaft ihr
lebendig verwirklicht vorführte, und sie die Flügel ihrer entflohenen
Ideale wieder rauschen, ihre Götterbilder die Hülle von sich werfen,
und in ewig frischer Jugend und Schönheit in ihr Herz wieder einziehen
fühlte! -- So hatte sie noch nie jemand geehrt, als, nach dieser
Stunde, den edlen Menschen, den ihr Willot in großen festen Umrissen
zeichnete, wie er, in seiner höhern Reinheit, in seinem edlern Ernst,
seiner erhabenen Festigkeit und der göttlichen Milde des liebevollsten
aller Herzen, mit ihm, als der ewige Bruder seiner Seele, durch ein
Leben gehe, das beiden geheiligt ward durch diese Freundschaft.
Voluda hatte das Leben in seiner höchsten Lust, in seinem höchsten
Schmerz, kennen gelernt; aber eben aus dem tiefen Leid dieses
Wechsels war ihm eine Harmonie beider geworden, die ihm jetzt das
Leben frei, den Tod schön machte. Eine höhere Tugend, als gewöhnliche
Menschen zu fassen vermögen, gab ihm für alle Erscheinungen der Zeit
unerschütterlichen Muth, unerschütterlichen Glauben. Seine Seele voll
unendlicher Liebe ordnete alle, durch den Geist getrennte, Theile des
Irrdischen, wieder zu einem Ganzen, für das sein Herz die Freudigkeit
des Wirkens, Hoffens und Glaubens bewahrte, und nie genoß ein Mann
einer schönern Einheit des innern und äußern Lebens, als Er. Jahrelang
hatte er mit einer Liebe, wie sie nur ein so großes energisches Gemüth
zu empfinden vermag, an einem schönen, holden Mädchen gehangen, dem
ein seltnes Schicksal eine seltene Bildung gab, welche sie in einer
oft verkannten Originalität von ihrem Geschlecht absonderte und sie
auf einen Standpunkte stellte, der sie vielen unfreundlichen Blicken
preisgab. Seine Treue, seine Festigkeit, seine Liebe, besiegten
alle Hindernisse; sie ward endlich sein Weib, machte glücklich, war
glücklich -- und jetzt stand er an ihrer Bahre, und neben ihm wimmerte
sein Erstgeborner, dem sie mit ihrem Tode Leben erkaufte. --
Und in diesen Stunden des allerheiligsten Schmerzes sah ihn Natalie
jetzt, und die Worte, mit denen die Seele des Freundes ihn ihr darin
schilderten, gewannen sie Voluda’n auf ewig. Ihrer Rührung, und der nie
empfundene Erweichung ihres Herzens, nicht länger mächtig, reichte sie
Willot schweigend die Hand, und entwich in den Garten. Hier sank sie,
mit Thränen, die die Schuld einer trüben Vergangenheit von dem wunden
Herzen, der beklemmten Seele, nahmen, und strömten, als ob sie nie
wieder versiegen könnten, nieder, und dankte Gott -- inniger hat ihm
nie ein sterbliches Wesen gedankt -- daß er sie gerettet habe -- sie
geschützt habe, im reichen Leben zu verschmachten, wie der Schiffer auf
der weiten Wasserfläche oft durstend verschmachtet. Was sie empfand,
vermochte sie sich selbst nicht zu deuten. Sie fühlte aber in sich das
Erblühen eines neuen Lebens, und flehte zu Gott, sie für dasselbe zu
heiligen und dann verstummte sie, und nur ihre Thränen waren noch Gebet.
Wiedergeboren, getauft mit seinem Geist, seiner Liebe, kam sie, wie
verklärt, zur Gesellschaft zurück. Und wenn sein Name nie wieder vor
ihr genannt worden, kein Laut von ihm je zu ihr gedrungen wäre: sie
wäre doch sein geblieben auf ewig. --
O, da es eine Liebe giebt, die zu ihrem Daseyn nichts bedarf, als das
Bild des Geliebten, die ohne Hoffnung, ohne Wunsch, in seeliger Stille,
nichts fordert, als dies Erkennen fremder Trefflichkeit: so laßt uns
nicht zweifeln, daß wir, Pilgrimme hinieden, das Bürgerrecht in einer
schöneren Welt besitzen. --
Natalie nahm, bei der Rückreise, Willot und Marien mit in ihren Wagen,
und sie gewannen sich gegenseitig immer lieber. Willot, der das
Gute und Schöne, wo es ihm erschien, enthusiastisch und im Colorit
einer dichterischen Phantasie auffaßte, und dem sein edler Freund
unvergänglichen Glauben an die Würde der menschlichen Natur gegeben
hatte, besaß das himmlische Vermögen, einem Menschen, ungestört vom
leisesten Zweifel der Erfahrung oder des Mißtrauns, unbedingt vertrauen
zu können. Er gab sich hin, ehe noch Zeit und Prüfung die Ahndung des
fremden Werthes zur Einsicht erhoben hatten, und Natalie war dieses
Vertrauens, das sie ihm gegenüber wieder fand, werth. Unzertrennlich
für die wenigen noch übrigen Tage ihres Aufenthalts, fanden sie sich
mehr und mehr in gleichen Ansichten, Ideen und Empfindungen zusammen.
Dann schieden sie -- wehmüthig, aber ohne Schmerz, da jeder in seinem
eignen Herzen die Bürgschaft trug, von dem andern unvergessen zu
bleiben.
Ihr Vater, der seine täglich zunehmende Schwäche fühlte, und kaum den
Frühling zu erleben hoffen durfte, wünschte seine Vermögensumstände
in Ordnung zu bringen. Sein Gut fiel, nach seinem Tode, an einige
ihm fast ganz fremde Lehnsvettern, mit denen er mündlich Abrede zu
nehmen wünschte, um seine Töchter in der Zukunft gegen die habsüchtige
Einmischung der übelberüchtigten Advokaten seines Vaterlandes zu
schützen. Er machte daher auf der Rückreise von Doberan einen Umweg
über Lübeck, den Wohnort seiner Lehnsvettern, und fand in ihnen ein
paar sehr brave, gescheute Männer, die ihn mit zuvorkommender Artigkeit
aufnahmen, und alles aufboten, ihm und seinen Töchtern den Aufenthalt
bei ihnen angenehm zu machen. Man hatte Sinn genug, dies nicht durch
das Zusammenbitten einer großen, steifen Gesellschaft, sondern durch
kleine von Traulichkeit und Scherz beseelte, Zirkel erreichen zu
wollen. Die schöne Jahreszeit begünstigte die Streifereien in die
umliegende Gegend, die Natalie sichtlich jedem andern Vergnügen
vorzog, und Musik und Tanz beschlossen gewöhnlich den Abend. Nataliens
Gesang trug nicht wenig zur Verschönerung dieser Abende bei, und man
bewunderte die Reinheit und den seltnen Umfang ihrer Stimme eben so
sehr, als die Fertigkeit und Sicherheit, mit der sie schwere, ihr ganz
fremde, Sachen vortrug.
Den Abend vor ihrer Abreise brachten sie in dem Garten des einen
Vetters zu, der allen seinen Bekannten zu jeder Tageszeit offen
stand. Auch heute waren mehrere, nicht zur geschlossenen Gesellschaft
gehörende, Personen darin; diese versammelten sich gegen Abend in
dem Gartensaal, wo Julie, die Tochter des Hauses, Natalie, Elise,
und mehrere der anwesenden jungen Mädchen sich in Gesang und Spiel
der Guitarre und des Pianofortes ablöseten. Ein, aus der Stadt
nachkommender, Bedienter, brachte die eben mit der Post angekommenen
Briefe, und unter diesen ein Packet schöner neuer Musikalien für
Julien mit. Neugierig eröffnete man es gleich, fand aber leider lauter
Duetts, die, Natalien ausgenommen, keiner von der Gesellschaft sich
getrauen durfte, vom Blatte weg vorzutragen. A...., Juliens Verlobter,
der sehr angenehm sang, und dadurch wahrscheinlich die Wahl dieser
Singstücke veranlaßt hatte, nahm die Stimme, aber schon nach ersten
Blick darauf legte er sie nieder, und erklärte die Unmöglichkeit, sie
uneingeübt singen zu können. Natalie hatte während dieser Zeit die
ihrigen nachgesehen und das Accompagnement durchgespielt. Es wehte ihr
aus diesen Compositionen eine so liebliche Melodie, eine so reiche
Harmonie, entgegen, daß sie den Wunsch lebhaft äußerte, es möge sich
jemand finden, der die zweite Stimme singen wolle und könne -- doch
vergeblich! --
Wenn ich nicht irre, sagte Julie endlich mit muthwilligem Ton zu ihrem
Freunde, so habe ich vorhin am Bassin Ihren Weiberhasser wandeln
gesehen, dessen Gesang Sie mir so oft gerühmt haben -- wie wäre es,
wenn Sie den Versuch machten, ihn herzuführen, und zu sehen, ob er Muth
genug hat, einem halben Dutzend Mädchen unter die Augen zu treten?
Ich will mein Glück versuchen, antwortete der junge Mann lächelnd, und
hoffe das Beste; denn wahrlich, Cousinchen, +weiberscheu+ ist er
nicht.
Natalie fragte Julien, von wem die Rede sey? -- So recht weiß ich es
selbst nicht, es ist ein Jugendfreund A...s, der sich seit einigen
Tagen hier aufhält, und, nach allem was ich von ihm gehört habe, ein
sehr genialischer Mensch, den der empörende Unwerth einer von ihm
vergötterten Frau zum entschiedendsten Weiberhasser gemacht hat. Doch
wahrlich, da kommt er mit A.... gegangen -- nur einen Blick, liebe
Natalie, -- welch interessantes Gesicht! -- wer sollte glauben, daß
dieser blühende, jugendliche Mann so bitter mit unserm Geschlecht
zerfallen ist! --
Natalie sah auf, und ihr Auge traf auf ein dunkles, leidenschaftlich
glühendes Augenpaar, das seinen Blick, wie überrascht, von ihr
wegsenkte, und es dann nicht der Mühe werth zu finden schien, die
übrige Gesellschaft auch nur mit einem Blick zu überfliegen. A....
stellte ihn seiner Braut vor, die er mit einigen artigen, aber im
gleichgültigsten Ton gesetzten, Worten begrüßte. Da es in die Augen
fiel, daß man eben musizirt hatte, wandte sich das Gespräch schnell
darauf, und alle vereinigten sich zu der Bitte an den Fremden, das eine
wunderschöne Duett zu singen, das keiner aus der Gesellschaft sich
vorzutragen getraue. Natalie allein saß stumm und von der Gesellschaft
abgewandt am Flügel, und ihr feines, geübtes Ohr unterschied in den
Antworten und in der Weigerung des Fremden, der nun erst erfuhr, warum
er hierher gelockt worden war, seinen beleidigten Stolz, und einen
Ton, dessen Modulation den Mangel feiner gesellschaftlicher Bildung
verrieth; so wie die Wahl seiner Ausdrücke, dagegen auf Geist und
Lektüre deutete. Selbst die Nachlässigkeit seines Benehmens gegen die
bittenden Mädchen wäre durch einen geübtern Takt für das gesellige
Verhältniß der höhern Stände gemildert und verkleidet worden. Doch eben
dieser sonderbare Contrast der Sprache und des Benehmens zog sie an,
und sie fühlte unmuthig, daß mehr Gewandtheit, als der Fremde besitze,
dazu gehöre, um nach so langem Widerstand mit Anstand nachzugeben, und
sie wünschte doch so sehr, ihn singen zu hören. Schnell riß sie alle
Züge des Flügels auf -- ein rauschendes Allegro störte die Musik, und
mit unnachahmlichem Blick und Ton, mit unwiderstehlicher Grazie und der
seltsamsten Mischung von Bitte, Befehl und Frage wandte sie sich nach
ihm um: -- Sie singen!
Sichtbar betroffen trat er ihr mit einer stummen, bejahenden Verbeugung
näher. Daß er mit ihr, deren Blick ihn bei seinem Eintritt so milde
entgegen strahlte, singen sollte, hatte er ja noch nicht gewußt. Mit
dankendem, ausdrucksvollem Blicke gab sie ihm nun seine Stimme -- er
durchlief sie und senkte sein Auge zweifelnd zu ihr herab -- aber sie
sah ja so freundlich aufmunternd zu ihm hinauf -- sie verständigte sich
so hold mit ihm über einige der schwersten Passagen -- sonderbar,
daß er gar keine Worte finden konnte, mit ihr zu reden -- er fürchtete,
dies könne ihr als Unart erscheinen -- als ob in irgend einer Sprache
etwas Ausdrucksvolleres gesagt werden könnte, als für Natalien in
diesem, stummen Gehorsam, dieser beklommenen Befangenheit lag! -- Oft
hatte sie beim ersten Anblick gefallen -- und welchem Weibe entgeht
dieser Eindruck? -- aber die, denen sie gefiel, wußten immer eben so
schnell, und oft noch früher als sie, um diesen Eindruck, und suchten
dann sehr angelegentlich, sie auch damit bekannt zu machen. Hier aber
stand sie, wie sie fühlte, einem Gemüth gegenüber, das sich selbst
in dem empfangenen Eindruck nicht verstand, und die Neuheit dieser
Erscheinung verdoppelte das Interesse, das die Beiwörter, unglücklich,
genialisch, -- diese wahren Talismane für Weiber, in ihr geweckt hatten.
Sie sang -- mit so seelenvollem, dem innersten Herzen sich entreißendem
Ausdruck hatte sie nie gesungen -- und sie fühlte in seinem Gesang, wie
sie ihn allmählig mit sich fortriß, er alle Umgebungen vergaß, und sich
von diesen Tönen zu irgend einem goldnen, geheimnißvollen Feenlande
fortziehen ließ. -- Jetzt endete sie; sie stand auf, dankte ihm mit
einer Verbeugung, und ließ ihn, wie träumend, am Instrumente zurück.
Noch immer hörte er sie in Syrenentönen singen:
~All’ eccesso del contento
Sento il core in tale istante
Anelante
Palpitar.~
Der schöne Abend lockte die Gesellschaft wieder in den Garten
zurück. Man vertheilte sich paarweise, und Natalie blieb, nicht ganz
unvorsätzlich, mit dem Fremden, der sich wieder zu ihr gefunden hatte,
allein. Niemand verstand besser als sie, die Kunst, den mit äußrer
Rohheit kämpfenden Geist im Gespräch von seinen Fesseln zu entbinden,
und ihn zur klaren, selbstgenügenden, Ansicht seiner selbst zu führen.
Mit der Sicherheit und der Unbefangenheit, die ihr ihre höhere
Bildung in diesem Gespräch geben mußte, gieng sie in die Ideen ihres
Gesellschafters ein, und leitete ihn, seine Gedanken mit einer Klarheit
auszusprechen, die ihm als eigenes Verdienst erschien. Der gewaltige
Eindruck, den sie auf den jungen Mann machte, entging ihr nicht;
allein Voluda’s Bild, das heilig in ihrem Herzen ruhete, und keinen
Götzen darin neben sich duldete, schützte sie vor der Unwürdigkeit,
mit diesem Eindruck spielen zu wollen, und sie wünschte, dem jungen
Manne, in dem Andenken dieses zufälligen Zusammentreffens, einen Keim
zu hinterlassen, aus dem sich früher oder später, von freundlichen
Händen gepflegt, der Glaube an Weibertugend und Weibergüte leichter zu
entwickeln vermöge. Sie fühlte, daß es Gleichheit des Schicksals war,
was sie zu ihm zog; getäuscht, hintergangen, um ihre Hoffnungen, um
Liebe, Glaube, Glück betrogen, wie er, sah sie, wie in einem finstern
Spiegel, ihre Vergangenheit, die ihr nicht bloß Schmerzen, auch
Flecken, gegeben hatte, in der unharmonischen Leidenschaftlichkeit
dieses Mannes, die früher wahrscheinlich auch nur gehaltvolle
Sentimentalität war.
In den gewöhnlichen Irrthum leidenschaftlicher Menschen versunken,
hielt sich der Fremde selbst für einen ausgebrannten Vulkan, und
glaubte, ein Leben ohne Huld und Freude, wie das menschliche, könne
nur durch den entschiedensten Stoicismus gewürdigt werden. Er zertrat
daher und verachtete alle Freude, und der Schmerz schien ihm auch nur
da zu seyn, um durch Gefühllosigkeit besiegt werden zu sollen. Natalie
sah aber daß er, wie ein Metallguß, nur auf der Oberfläche erkaltet, in
seinem Innern verzehrend fortglühe, und eben durch diese erkünstelte
Kälte für die höchste, gewaltigste Leidenschaft immer empfänglicher
werde, und sich ihr wahrscheinlich ohne Maas und Schranken hingeben
werde, sobald ihm ein blumenübergrünter Abgrund erscheine.
Ein inniges Mitleiden mit ihm ergriff sie, das, verbunden mit der
Achtung, welche sie der Energie eines solchen Gemüths nicht versagen
konnte, zu milden, erhebenden Worten wurde, die sie, indem sie sie
aussprach, selbst auf ihrem neuen Wege kräftigten. Sie führte ihn
darauf hin, wie leicht man bei einer für das Große begeisterten
Phantasie dahin komme, die kleinen stillen Tugenden zu verkennen, an
die das Wohl des Einzelnen, wie des Ganzen, gebunden sey -- wie man
vorzüglich in der Jugend so geneigt sey, die Alltagspflichten unter die
Füße zu treten, um dem Ideal eines moralischen Heroismus nachzustreben,
dem die Vorsehung, neben tiefer Verworrenheit, seine Stelle angewiesen
habe, damit der Contrast beider den frischen Lebensstrom der Menschheit
vor dem Schlammichtwerden schütze. -- Darum seyen aber nur wenige
berufen, ihn zu üben; jeder hingegen könne in seinem Kreise das
Schlechte meiden, das Beste wollen, und das Gute thun -- und wer diesem
Ziel mit Treue und festem, ernstem Willen nachstrebe, finde auch sicher
die Straße des Friedens wieder, die im verworrnem Leben allein zum Heil
führe. Sie sagte das alles ohne besondre Beziehung, wie im Allgemeinen,
hin -- aber sie fühlte sich verstanden in dem Feuer, mit dem er sie
zur genauern Zergliederung ihrer Ideen leitete, als seyen sie ihm ein
Licht auf dunklem, trostlosem Pfade.
Niemand fühlt den Beruf, Irrende zurecht zu weisen, lebhafter und
inniger, als der, den eben eine schützende Hand auf den rechten
Weg zurück führte, und der nun, nach herausgerissenem Unkraut, das
Aufgehn des edlern Blumenflors in sich fühlt und pflegt. Was auf die
menschliche Seele, in Fällen dieser Art, wirken soll, muß nie aus
abstracten, allgemein gültigen moralischen Gesetzen, sondern aus
individuellen Empfindungen hergenommen seyn. Diese theoretischen
Principien sind gut und paßlich für die Stunden unbefangener Prüfung
und ernsten Sammelns; sie können uns schützen, uns kräftigen, dem
rechten Wege treu erhalten; aber nie werden sie vom unrechten
zurückführen, weil in der Verirrung des Einzelnen fast immer so viel
Eigenthümliches liegt, daß sie zur Ausnahme von der Regel wird, und
der Verirrte sich außer dem Gesetz fühlt, das auf seine Lage keine
Rücksicht nahm, und nehmen konnte.
Ach, unter allen Trauerstunden des Lebens schmerzt mich keine mehr, als
die, wo der Mensch, der am Morgen seines Daseyns seinen Lauf, so voll
edlen Muthes, so voll festen Willens, nur dem Edelsten nachstreben zu
wollen, begann, tödtlich ermattet niedersinkt, und die Kraft verloren
hat, sich selbst wieder aufzurichten gegen die Aurora, die um die
bedeckte Erde, als Wiederschein des Geisterreichs, liegt. -- Fordert
nicht, ihr strenger Richter fremder Schwäche, von dem müden, durch
Thränen verdunkelten Auge des Unglücklichen, daß es durch den finstern
Nebel dringe, der ihm den ewig reinen, von jedem irrdischen Dunst
unumwölkten, Himmel verbirgt. Grade den Besten unter uns saugt das
Leben gern, wie ein Vampyr, das warme Herzblut aus, und treibt sie dann
in den Irrgarten der Alltäglichkeit, wo man, der höheren Bedürfnisse
der Menschheit uneingedenk, vom Leben nichts fordern darf, als Wohlseyn
bei Speise und Trank und allem was dem Körper behagt! -- Nicht der vom
Blitz des Unglücks +entseelte+ Mensch ist zu beklagen; aber wohl
der durch denselben +entstellte+, dessen Fall nicht unwürdige
Schwäche, sondern Verirrung der edelsten Kräfte war. Die Menge weiset
ja allen Kampf von sich und vergaukelt an die allererbärmlichsten
Armseeligkeiten ein Leben, dessen Gehalt sich, an unzerreißbaren
Fäden, durch die ganze Stufenfolge unsers Daseyns fortspinnt. Die
Mehrzahl der Besseren sieht dagegen auf ein freudenleeres Leben hin,
auf das nur die negativen Tugenden der Geduld und der Resignation
einen lichten Strahl werfen, und wahrlich, ich liebe und achte diese
schönen, weichen Seelen, deren vorzüglich mein Geschlecht so viele
hat, die ohne Freude und doch ohne Klage fromm und gelassen durch das
Leben gehen -- aber die Erde soll doch so wenig ein moralisches als
ein physisches Siechhaus seyn! Das Ideal wahrer Menschenbildung ist
Gesundheit der Seele und des Körpers, denn auch auf die letztre ward im
geistigen Weltplan mitgerechnet. Nur ein freudiges Handeln bestimmt den
wahren Werth des Menschen -- und so ist die Geduld auch schon edler als
Resignation; jene hat Hoffnung, diese nicht.
Wie viele aber von denen, die jetzt so hinschlendern, unbekümmert, ob
ihre Seele im Blute wohne, oder nicht, waren auch einst voll Glauben,
Liebe und Hoffnung! -- Wie viele von ihnen würden nicht gerettet
worden seyn, wenn wir uns untereinander zur Ermunterung und zum
gemeinschaftlichen Fortgange auf gleichem Wege, +treuer+ die Hand
böten, oder die Verirrten williger an unser Herz zögen und schonend
seine Wunden mit unserer Liebe bedeckten. -- Nur zu oft aber, zu oft,
stoßen wir ihn ganz hinunter, unbekümmert, ob nicht sein Herzblut den
schlüpfrigen Pfad netze, den er, mit der letzten, verzweiflungsvollen
Anstrengung seiner ersterbenden Kräfte, erklimmt, und von dem er
zurückgleitet, weil keine Hand sich ausstreckte, ihn zu halten -- Gott!
ein Strohhalm könnte das oft, und doch ist man so taub gegen den Schrey
der höchsten jammervollsten Seelenangst, mit der der Mensch um sein
herrlichstes Kleinod, den Glauben an sich und die Menschen, ringt! --
O laßt uns lieber zehn Unwürdigen liebend und tröstend mit Warnung und
Ermunterung an die Hand gehen, als einen Unglücklichen nicht beachten,
der vielleicht nicht mehr den Muth hat, uns aufzusuchen, aber uns als
seinen Schutzengel aufnimmt, wenn wir uns ihm nähern. Soll denn nur
der Heißhunger körperlicher Bedürfnisse unser Mitleid, unsre Hülfe,
ansprechen? -- Ist es denn nicht unendlich mehr werth, den edleren
Theil eines Menschen zu retten? -- und was ist aller körperlicher
Schmerz, alles übrige Weh der Erde, gegen die im Vergehen noch
aufzuckende Seelenangst, mit der man sich täglich tiefer sinken fühlt,
ohne eigne Kraft, diesem Versinken entgegen arbeiten zu können? --
Ja, es ist schrecklich, aber wahr: der Mensch kann so weit kommen, sich
selbst aufzugeben! -- +Er+ kann das; aber +kein andrer+ darf
es; denn, wie kann das, was göttlichen Ursprungs ist, vernichtet werden
in einer Seele, deren Leben eben dies Göttliche ist? wie dürfte der
Mensch den Menschen je verloren geben? --
Und wenn nun so ein Unglücklicher stumm und entstellt unter uns
wandelt, und vergebens nach einem Auge spähet, das ihn tröstend
anblicke, nach einem Laut, der ihn kräftige, einer Hand, deren Druck
ihm leise sage: +vertraue+ -- wollt ihr ihn den steinigen, weil
er, von allen verlassen, sich selbst verläßt? -- Stumm und schweigend
wird er unter euren Würfen zu Boden sinken; aber wer nicht begreift,
was er leidet, begreift auch nicht den unendlichen Jammer dessen,
„Der sich Menschenhaß aus der Fülle der Liebe trank! --“
Nataliens sanfte, aus dem Herzen kommende, Wärme, theilte sich dem
Fremden mit. Sie lassen mich fühlen, sagte er ihr, daß der Mensch
nicht für einen immerwährenden hoffnungslosen Streit zwischen den
Grundtrieben seiner moralischen und fühlenden Natur, dem Gebot der
Pflicht und dem Durst nach Glück, bestimmt ist, wie ich es seit
einiger Zeit glaubte. Aber das Leben hat doch Momente, die den Quell
heitern Lebenssinnes auf immer vergiften. Nur der Durst, der heiße
Durst nach dem Glück, das das erste Bedürfniß unsers Herzens war,
bleibt uns zurück, und der kann dann nie gestillt werden. Wenn unser
Weh in unsrer Empfindung liegt, so ist ja die eine Quelle des Lebens
selbst vergiftet und es bleibt dem Menschen nur das Rettungsmittel,
sein Gefühl zu ertödten, und einen Theil seines Wesens dem Ganzen
aufzuopfern, wie der Wundarzt auch zuweilen den Körper verstümmelt, um
das Leben zu retten.
Darf aber der geringere Theil unsers Wesens durch Aufopferung des
edleren erhalten werden? -- Auch ich ehre die Vernunft, als einen
Funken aus dem ewig reinen Licht; aber das Gefühl erscheint mir in
noch schönerem, beseelenderem Abglanz desselben, und nie wird man
mich überreden können, daß der Mensch edler ist durch seinen Geist,
als durch sein Herz. Nur aus diesem entspringt die Schönheit des
Willens, die ihn aus der Macht des irrdischen Verhängnißes hebt, denn
der Geist kann das Sittlichschöne erkennen; doch geliebt wird er nur
mit dem Herzen. Freilich gelangen nur wenige ohne Kampf und Streit zu
der seeligen Einheit beider, aus der jener Friede geboren wird, der
höher ist, denn alle Vernunft. Doch müssen wir darum diesen nicht für
unerreichbar halten und den Kampf nicht zum Zweck erheben. Was der
Mensch sich, im schuldlosen Freudengenuß des Lebens, aneignet, ist
Gewinn für seine höchste, wahrste Bildung. Eine verlorne Hoffnung,
eine geraubte Täuschung, kann den Menschen nie berechtigen, bitter
gegen das Leben zu werden; dem Menschen, der dieses nicht nur
zu genießen, sondern auch zu würdigen versteht, welken nie alle
Freudenblumen desselben; -- aber wer trägt die Schuld, wenn er aus dem
reichen, duftenden Kranze, nur die Rose wählte, und, entblättert sich
diese, ihre einfachen, aber an Duft und Werth mit ihr wetteifernden
Schwestern nicht zu würdigen versteht und sie von sich wirft? darf
er es dem Leben aufbürden, wenn er in dieser Verstockung, aus der
Sittenlehre eine strenge despotische Rechtslehre bildet, die ihm
nur Pflichten aufbürdet, ohne ihm Rechte, Wünsche und Hoffnungen zu
gestatten? -- In der Kälte dieses Systems gedeihen dann freilich die
zarten, frommen Blüthen +freudiger+ Pflichterfüllung nicht, die
dem Menschen so labend und erquickend duften, wenn des Lebens Schwüle
ihn drückt. Der Mensch soll das Gute thun, weil es gut ist -- aber er
darf es auch lieben, weil es ihn heiter, fromm und zufrieden macht,
und kann er dies seyn, wenn er nur Vernunft -- diesen einzelnen
Schößling des reichbegabten menschlichen Gemüths -- hat und haben
will? -- Wer für einfache Güte, für Menschenliebe, für, aus dem Herzen
entspringende, Thätigkeit für fremdes Wohl, nicht verloren ist, der ist
es auch wahrlich nicht für das Glück, das sich früher oder später,
aber gewiß unausbleiblich, freundlich wieder zu ihm wendet.
Ich betrat heut diesen Garten mit einem Widerwillen gegen das
ganze Leben, vom dem ich jetzt bekenne, daß es der Unmuth finstrer
Hoffnungslosigkeit war. Einem Glück, das mir zu Gift geworden war, gab
ich jedes wohlthuende Gefühl zum Geleit mit, als ich es von mir stieß,
weil ich fühlte, mein Herz habe mich elend gemacht. Ich wollte nun nur
noch fest und hart und stark seyn, und war vielleicht durch diese mir
aufgezwungene Unnatur noch unglücklicher, als durch mein Geschick. In
wenig Tagen trete ich in einen Kreis einfacher, nützlicher Thätigkeit,
wo ich unendlich viel Gutes stiften kann; mir schaudert selbst vor
der Erstorbenheit, mit der ich an meine künftigen Pflichten dachte --
aber jetzt, in Ihre Hand, will ich das Gelübde ablegen, sie als Quelle
meines Glücks zu lieben, und gewiß werde ich dies Gelübde lösen. --
Und mit diesem Händedruck gebe ich Ihnen die Versicherung, daß Ihre
frühere Empfänglichkeit für Lebenswerth und Lebensgenuß Ihnen dann
veredelt und verschönert wiederkehren wird.
Er drückte die dargebotene Hand an seine Lippen, aber die Worte, mit
denen er für diese Verheißung danken wollte, verstummten vor den
Personen, die, in diesem Augenblick, aus einem Nebengange zu ihnen
traten. Man gieng gemeinschaftlich weiter; die Gesellschaft fand sich
mehr und mehr zusammen, und erst im Eßzimmer vermißte Natalie den
Fremden, von dem sie getrennt worden war. Sie wandte sich, mit ihrer
Erkundigung nach ihm, an A....
Er ist, antwortete er, der Sohn eines Predigers, der von seinem Vater
einen berühmten Namen und eine treffliche Erziehung erhielt. Leider
verlor er diesen Führer zu früh; die Vormünder gaben ihn auf eine hohe
Schule, und bestimmten ihn, dem früheren Plan seines Vaters zufolge,
für den Stand desselben. Er hatte aber die sonderbare Schwärmerei,
durchaus nur Landschullehrer werden zu wollen. Alles, was er zu diesem
Berufe zweckmäßig und nützlich glaubte, lernte er mit großem Eifer;
aber sein Widerwille gegen alle Sprach- und höhere Wissenschaften war,
trotz seiner ausgezeichneten Fähigkeiten, so entschieden, daß alle
Versuche, ihn zu bekämpfen, fruchtlos blieben, und er endlich, als man
ihn mit Strenge dazu anhalten wollte, entfloh, und zu dem Domherrn von
R..w, einem Freunde seines verstorbenen Vaters, seine Zuflucht nahm.
Dieser nahm sich seiner an, und wirkte ihm die Einwilligung seiner
Vormünder aus, das H... Schullehrer-Seminarium beziehen zu dürfen. Hier
erwarb er sich die Liebe und die Achtung seiner sämmtlichen Lehrer,
und war schon zu einem einträglichen Dienst vorgeschlagen und ernannt,
als er plötzlich die Vokation zurücksandte, H... verließ, und ein Jahr
sehr menschenscheu und einsam im Hause seines alten Gönners R...w
lebte, auf dessen Empfehlung er jetzt in einer entfernten Provinz eine
Stelle erhalten hat. Ueber sein Schicksal ist er sehr verschlossen;
doch machen es mir seine Weiberverachtung und sein Trübsinn sehr
wahrscheinlich, daß der Unwerth eines vergötterten Weibes sie bewirkte.
Und sein Name? fragte Natalie gespannt.
Wilhelm Buri.
Ihre Ahndung hatte sie nicht betrogen; der Fremde war ihr neuer
Schullehrer.
Eine sonderbare Empfindung goß sich erkältend durch Nataliens Adern;
sie fühlte, zu ihrem eignen Erstaunen, daß sie erblaßte. -- Natalie, es
war die Warnung Deines Schutzgeistes! --
Dritter Abschnitt.
Es lag dies Herz für alle Pfeile offen
Und mancher gift’ge trank sein Blut.
+E. M. Arndt.+
Wenig Wochen nach ihrer Rückkehr von Lübeck standen Natalie und Elise
am Grabe ihres Vaters. In seinem Testament hatte er Natalien die
Vormundschaft über Elisen aufgetragen und die verdoppelte Thätigkeit,
zu der sie dadurch verpflichtet wurde, half ihr den Schmerz dieses
Verlustes fester und ernster ertragen, als sie es sonst zu thun
vermocht hätte. Sie schrieb an August und forderte ihn auf, seine
Zuhausekunft zu beschleunigen. Ein günstiger Zufall machte ihn mit
dem Kammerpräsidenten bekannt, welcher an den Kenntnissen und dem
schönen Eifer des jungen Mannes, der das Gute so innig liebte, und
so verständig wollte, so viel Gefallen fand, daß August in kurzer
Zeit eine der angenehmsten und einträglichsten Beamtenstellen seines
Vaterlandes erhielt. Von Natalien gebilligt, blühte die stille Neigung
Elisens jetzt wunderbar schnell zur innigsten Liebe auf, und da seine
Beförderung jedes Hinderniß ihrer Verbindung beseitigte, genoß Natalie
des Glückes, die Hand ihrer Schwester dem Manne geben zu können, den
sie ihren wahrsten Achtung und ihres vollsten Vertrauens werth gefunden
hatte.
Mit mütterlicher Freude und Sorgsamkeit war sie unermüdet geschäftig,
ihre Elise auszusteuern und ihr ihre neue Wohnung auszuschmücken; aber
alle Bitten ihrer Geschwister, künftig bei ihnen zu wohnen, waren
vergeblich. Sie begleitete sie nach G. ihrem neuen Wohnort; doch schon
nach einigen dort zugebrachten sehr glücklichen Wochen gieng sie nach
ihrem Gute N****, wo sie künftig zu wohnen entschlossen war.
Diese Trennung war theils Folge ihrer immer lebhafter werdenden
Sehnsucht nach Einsamkeit und stiller Einkehr in sich selbst; theils
ihres Grundsatzes, daß im ersten Ehestandsjahr, die Anwesenheit einer
vertrauten Freundin, der jungen Frau, für ihr eheliches Glück, selten
heilsam ist, indem ihre Gegenwart verhindert, daß Denkungsart und
Handlungsweise beider Gatten sich zu jenem unauflöslichem Gewebe
ineinander schlingen, welches das Glück und das Heiligthum der Ehe
genannt zu werden verdient.
Natalie kam in N**** an. So unabhängig sie auch bisher gelebt hatte,
war ihr doch das Gefühl, in eignem Hause zu leben, sich ganz als
Gebieterin desselben zu fühlen, und unumschränkte Herrin ihrer Zeit,
und der Anwendung derselben, zu seyn, neu, und die Süßigkeit desselben
gieng nicht für sie verloren. Eine entfernte, bejahrte Verwandtin,
welche der Tod ihres Mannes hülflos und allein gelassen hatte, Madam
Brandt, ward ihre Gesellschafterin, unter deren Schutz Natalie, ohne
den Tadel der Welt und Verletzung eingeführter Sitte fürchten zu
dürfen, allein und unabhängig leben konnte. --
Am Tage nach ihrer Ankunft, als sie gegen Abend einsam am Flügel
saß, meldete man ihr Herrn Buri, der der Besitzerin des Gutes seine
Aufwartung machen zu müssen glaubte. Der Gedanke an ihr früheres
Zusammentreffen mit ihm hatte sich ihr, durch die schnelle Folge
interessanterer Ereignisse, ganz entfremdet. Jene finstre, warnende
Schreckensahndung, die einst, bei Nennung seines Namens, durch ihr
Herz zog, war längst vergessen, da in ihrer Seele kein Gedanke, keine
Empfindung war, die sie daran zu erinnern vermocht hätte. Unbefangen
erhob sie sich auch jetzt bei seinem Eintritt; aber er verlor alle
Haltung, als er beim ersten Blick auf sie, jene Unbekannte, das
Heiligenbild seines Herzens, in ihr wieder erkannte. Er hatte, in der
Abgeschiedenheit seines gegenwärtigen Lebens, den gewaltigen Eindruck,
den Natalie auf ihn gemacht, mit der ganzen leidenschaftlichen Kraft
seiner Phantasie genährt und ausgebildet. Von der Besitzerin des Gutes
hatte er gleichfalls, so lange er in N**** lebte, als von einem Engel
an Güte und einem Wunder der Bildung und des Geistes reden hören;
-- er war Zeuge der Wohlthaten, die sie ihren Unterthanen spendete;
er verdankte ihr selbst nicht allein seine Stelle, sondern auch die
Einrichtung seines Hauses, das er bei seiner Ankunft möblirt und
mit allem Nothwendigen versehen, vorfand -- und in dieser im Voraus
verehrten und bewunderten Gebieterin fand er jetzt seine Unbekannte,
dies Ideal aller Schwärmereien seines Kopfes und seines Herzens,
wieder! -- Vom Strahl der Abendsonne beleuchtet, trat sie ihm wie
verklärt entgegen, und er konnte sich kaum enthalten, vor der holden
Erscheinung das Knie zu beugen. --
Natalie freute sich des Wiedersehens des Jünglings, den sie viel
heitrer und blühender fand, und seines Geständnisses, daß jene
Unterredung mit ihr den ersten Strahl auf sein verdüstertes Leben
geworfen habe, das sich nun durch Liebe zu seinem Beruf und Treue in
demselben, immer freundlicher erhelle. Aber die Erinnerung an jenes
frühere Zusammentreffen füllte doch jetzt die weite Kluft aus, die
sonst den Untergebenen von der Herrin getrennt haben würde. Sie wollte
und konnte auch nicht, ohne wehe zu thun, den Ton gesellschaftlicher
Gleichheit ändern, den sie früher, die Unbekannte dem Unbekannten
gegenüber, beim Zusammentreffen in +Einer+ Gesellschaft,
angenommen hatte, und sie glaubte um so mehr, diesen Ton beibehalten
zu können, da er ihr eine tiefere Ehrfurcht zeigte, wie sie der
Unterschied des Standes je zu erzeugen vermag.
In voller Ruhe, erhaben über jede Brandung der Leidenschaft, jede
stürmische Wallung des Gefühls, war sie ihm zuerst erschienen --
+so+ hatte sich ihr Bild ihm eingedrückt, und so glaubte er auch
jetzt sie zu sehen. Ihr je begegnen zu können in Einem Gefühl, Einer
Empfindung: ihr vergelten zu können, was sie spendete; zu wähnen,
sie könne in den engen Kreis kleiner Schmerzen und Freuden, kleiner
Bedürfnisse und Wünsche, mit eintreten, hielt er für unmöglich.
Für Natalien kam jetzt eine schöne Zeit des Friedens mit sich und
andern; Muße und häusliche Thätigkeit, heitre Geselligkeit und frohe
Einsamkeit in weisem Wechsel, füllten ihre Stunden aus. Der Zirkel
ihres nachbarlichen Umgangs breitete sich nach und nach aus, aber
die wirthschaftliche Thätigkeit des ländlichen Lebens bewahrt den
Theilnehmer daran vor der Zerstreuungssucht des Städters. Dieser macht
aus der Geselligkeit ein Geschäft, dem er oft sein ganzes Leben widmet;
jenem ist sie nur Erholung, nur Genuß, für Feiertage und Feierstunden.
Auch für Natalien war sie nur dies, und am frohesten war sie, nach
vollbrachtem Tagewerk, in ihrem Zimmer, bei Lectüre und Musik, oder
auch im traulichen, verständigen Gespräch mit dem schätzbaren Prediger
und seiner Frau, welche in den langen Winterabenden täglich zur
Theestunde zu ihr kamen. Oft erwiederte sie auch diesen Besuch und fand
dann immer Buri dort, der im Hause der alten wackern Leute wie ein Sohn
einheimisch war. Sein ausgezeichnetes musikalisches Talent verschaffte
ihm auch häufigen Zutritt in ihrem Hause, da sie, wie fast alle
Sängerinnen, sich lieber accompagniren ließ, als ihren Gesang selbst
begleitete. Ein anders, zufällig bei ihm entdecktes Talent, machte ihr
seine Gesellschaft noch angenehmer; er las gut, und mit eben so zartem
als tiefen Gefühl vor.
Unvermerkt ward er so näher und näher in ihren Lichtkreis gezogen,
und ach! er suchte die herrliche, ihn so himmlisch beseelende Flamme,
nur zu sehnsüchtig auf! -- Früher hatte er nur die Glut heißer,
leidenschaftlicher Sinnlichkeit kennen lernen; hätte sein jetziges
Gefühl jenem früheren geähnelt, so hätte er sich selbst verstanden und
sich vielleicht selbst beherrscht. Aber diese reine anbetende Huldigung
mit der er Natalien verehrte, schien ihm höchst unverdächtig. Er lebte
in ihrer Nähe, wie in dem Element eines höhern geistigen Lebens, das
von Tag zu Tag alle Kräfte seiner Seele zu einem unaussprechlich
gehaltvollen und glücklichen Daseyn aufjubelte.
Natalie freute sich oft des schönen Jünglings, der jetzt so freudig
im Leben einherschritt. Sie fühlte, das sey ihr Werk; aber sie hatte
keine Ahndung des Unseegens, der daraus für ihn und für sie hervorgehen
konnte. -- Ihre reine Seele kannte von der Liebe nur die höchste Freude
und den edelsten Schmerz.
Um diese Zeit erhielt sie Briefe von Willot und seiner Frau, die ihr
die willkommene Nachricht brachten, daß sie ihren Wohnort verändern,
und sich in G. -- wo auch August und Elise wohnten -- niederlassen
würden. Diesen Brief begleitete ein Werk von Voluda, welches damals,
bei seiner Erscheinung, die Aufmerksamkeit aller Gebildeten auf den
Mann lenkte, der, noch an der Gränze des reiferen Jünglingsalters,
darin, edel, strenge und fest wie eine Heldenerscheinung aus längst
versunkener Vorzeit, erschien, und milde und fromm und menschlich, wie
wahre Größe es immer ist.
Schöne, unvergeßliche Stunden, in denen die edlen gewichtigen Worte
Nataliens Seele begeisterten, und ihr innerstes Gemüth sich mit dem
Verfasser aufs innigste befreundete! -- So hatte sie sich ihn früher
gedacht -- so lebte er in ihrem Herzen und nach Lesung dieses Werkes,
in welchem sich sein Geist, sein Gemüth, und die Eigenthümlichkeit
seines Sinnes mit unverkennbarer Wahrheit aussprachen, war sie mit den
innigsten Empfindungen ihrer Seele, mit den theuersten Ideen ihres
Geistes, und mit jeder bessern Kraft ihres Gemüthes, +sein+,
und blieb es auch bis zum letzten Schlage ihres gebrochnen, treuen
Herzens. --
Sie beantwortete Willots Brief und erwähnte seines Freundes und des ihr
übersandten Werkes mit Worten des Dankes und einer Bewunderung, die
ein so klares und gemüthreiches Eingehen in Voludas Sinn verriethen,
daß Willot sie, in der Freude darüber, diesem mittheilte, und dadurch
auch in ihm jene Sympathie aufregte, die beide, für einander geschaffne
Wesen, in schöner Ahndung zu einander zog.
In diesem stillen häuslichen Leben und dem fast täglichen, traulichen
Zusammenseyn, konnte es Natalien nicht entgehen, wie Buri sich immer
fester und wärmer an sie schloß, und mehr und mehr nur von ihren
Blicken, ihren Worten, zu leben schien. Es schien ihr aber auch,
als wenn die Reife, die ihr Karakter gewonnen hatte, und der Ernst
ihres Wesens sie davor schützen müsse, auf einen so jungen Mann --
jugendlichen Eindruck zu machen, und sie genoß seiner unverkennbaren
Anhänglichkeit nicht eitel, sondern mit dem ruhigen, sich seiner
Ueberlegenheit bewußten, Wohlwollen einer ältern Freundin gegen den
Schützling, über dessen Gefühle sie sich einer unbedingten Herrschaft
sicher glaubt.
Kam sie um Mitternacht, oft noch später, von einem Besuch in der
Nachbarschaft zu Hause, so fand sie ihn doch gewiß noch jedesmal,
auch bei dem heftigsten Schneegestöber, bei Sturm und Regen, wach und
vor seiner Hausthüre, oder am offenen Fenster, wo ein Schlagbaum sie
einige Minuten zum Verweilen nöthigte und er ihr dann noch eine gute
Nacht wünschen konnte. Daß sie sich gewissermaßen beredete, auch dies
ganz leicht und unbedeutend zu nehmen, war ihr erstes und ihr größtes
Unrecht gegen ihn. -- Nataliens Urtheil ward hier, ohne es selbst zu
wissen, von der alle Weiber so süß berauschenden, verführerischen
Gewißheit, geliebt zu werden, bestochen -- und wahrlich, wenig Frauen
werden geliebt, wie Buri in diesem Zeitpunkt Natalie liebte!
Er besaß nicht jene Tiefe der Empfindung, jene innige Begeisterung,
jene unendliche Treue, die allein +wahre Liebe+ erzeugen; er
konnte daher auch diese, im eigensten Sinn des Wortes, nicht in sich
aufnehmen: Er hatte keinen Frieden mit sich und dem All -- aber was er
für Natalien im vollsten Umfang seines Empfindungsvermögens empfand,
war jene süße, verderbliche, der Erde angehörende, Leidenschaft, die
im weiten Reich der Dinge nur ein Glück anerkennt, und für den Besitz
der Geliebten sich tausendmal ins tobende Meer, ins lodernde Feuer
stürzte, -- ein Gefühl, vergänglich wie alles Irrdische; aber in
seiner Vergänglichkeit so unwiderstehlich bezaubernd, so alle Kraft
des Geistes, die nicht für dasselbe wuchert, betäubend, daß es, einmal
gekostet, doch, als die höchste irrdische Seeligkeit, nie vergessen
wird -- so wenig von den Herzen, das es durchglühte, als von dem, das
es einflößte. --
Natalien war diese Leidenschaft noch nicht erschienen, und sie wußte
so wenig um ihr Daseyn, als um ihre Wirkungen. Ihr war die Liebe ein
Band zwischen dieser und jener Welt; die Vermittlerin zwischen Gott
und dem Menschen. Buri konnte ihre Phantasie auf Momente beschäftigen;
zu ihrem Herzen gab es für ihn keinen Weg. Der bürgerliche Abstand
zwischen dem Jüngling und ihr, war ihr auch in jedem Augenblick so
anschaulich gegenwärtig, daß sie den kleinsten Versuch von Seiten des
Jünglings, ihn überspringen zu wollen, für unmöglich hielt. Sie war
ruhig in dem Bewußtseyn, ihre Gewalt über ihn nur zu seinem Besten, zu
seiner Bildung und Veredlung, benutzen zu wollen, und wußte es nicht,
wie leicht in einem solchen Verhältnisse das Kind zum Riesen erwächst,
dessen roher Macht jedes zarte Gefühl erliegt.
Monate vergiengen indessen, ohne daß Buri sich selbst in dem Wechsel
von Jubel und Weh verstehen lernte, der jetzt sein Leben ausfüllte. Das
Herzklopfen der Freude, wenn er zu ihr gieng, die öde Abgestorbenheit
der ganzen Welt für ihn, wo sie nicht war -- sein Erröthen, wenn ihr
Blick den seinen traf -- das schmerzliche Entzücken, wenn ihr Gewand
vorüberrauschend seinen Fuß berührte -- seine Beklommenheit, wenn sie,
neben ihm stehend, sich zum Clavier herab beugte, an dem er saß, um
die Noten deutlicher zu lesen, er ihren Athem an seiner Wange fühlte,
und nun alles Leben in ihm stillstand, um nach Sekunden, wie ein
brausender Strom, mit tausendfach vermehrter Kraft, durch alle Adern
seines Herzens hinzuströmen, -- waren ihm noch Hieroglyphen, zu denen
kein Wunsch, keine Hoffnung, ihm den Schlüssel bot.
Als sie aber einst, da er ihr beim Aussteigen aus dem Wagen die Hand
bot, ausglitt, und dadurch auf eine Sekunde in seine Arme, an sein Herz
sank, durchglühte seine, früher vom Hauch der Wollust vergiftete Seele,
blitzesschnell das Selbstgeständniß seiner Leidenschaft. Von diesem
Augenblick an, wich der stille Genius des Friedens und der Unschuld
von ihm, und er ward ein Raub sträflicher, frevelnder, nicht mehr zu
beschwichtigender Wünsche, an deren Erfüllung er im stillen Wahnsinn
der Leidenschaft entschlossen war, sein Leben zu setzen.
Das Osterfest war nahe. Der Prediger war seit vielen Jahren gewohnt,
am zweiten Feiertage desselben, die Pächter des Kirchspiels zu sich
einzuladen, und fragte Natalien, ob er es wagen dürfe, sie auch zu
bitten. Sie nahm die Einladung gerne an. Zum erstenmal sah Buri sie
hier, fern vom Gepränge ihres Ranges und ihres Reichthums, höchst
einfach gekleidet, unter seines Gleichen. Natalie suchte in ihrem
Betragen alles zu vermeiden, was die Anwesenden erinnern konnte,
daß sie nicht zu ihrem Zirkel gehöre, und dadurch die Freude dieser
guten einfachen Menschen zu stören vermocht hätte. Sie war so gut, so
freundlich, so zuvorkommend gegen alle, und merkte nicht, daß sie es
heute mit so heiterm herzlichen Wohlwollen war, weil sie es nun auch,
ohne mit sich selbst rechten zu müssen, gegen Buri seyn durfte, der
ihr in diesen letzten Wochen unvermerkt lieber geworden war, und den
sie eben darum oft absichtlich das Gewicht ihres Standes hatte fühlen
lassen. Er war unbeschreiblich glücklich dadurch, und das rührte und
erweichte sie. Alle freueten sich seines heitern Witzes, und seines,
bei so schöner blühender Jugend doppelt anmuthig erscheinenden,
Frohsinns. --
Nach dem Caffee, als die Bejahrten der Gesellschaft sich an
die Spieltische setzten, fingen die jungen Leute an, kleine
gesellschaftliche Pfänderspiele zu spielen, von denen Natalie sich
nicht füglich ausschließen konnte. Zum Beschluß wurde Blindekuh
vorgeschlagen. Das Loos, sich die Augen verbinden zu lassen, traf Buri.
Ein junges Mädchen übernahm dies Geschäft: aber die übrige Gesellschaft
war mit der Ausrichtung desselben nicht zufrieden; man behauptete, er
könne noch sehen, und Natalie, die zufällig nahe bei ihm stand, ward
ersucht, den streitigen Fall zu untersuchen und den Knoten fester zu
schürzen. Genannt wurde sie nicht bei dieser Aufforderung, aber konnte
er es verkennen, daß +sie+ es war, die jetzt nahe, ganz nahe,
vor ihm stehend, mit den zarten Fingern seine Wangen berührte, um die
Binde tiefer über das Auge herab zu ziehen; Natalie sah, wie er bei
dieser flüchtigen Berührung erbebte, und welche Glut über seine Wangen
flog -- auch sie war befangen -- und in diesem Moment fühlte sie sich
von ihm umschlungen und an sein Herz mit wahrhaft fieberhafter Wuth
gedrückt. Ich kann nicht sehen, Mamsell Horst, gewiß nicht, sagte er
rasch und heftig, um ihr und den andern die Kühnheit dieses Umfassens
zu verdecken. Alle wurden getäuscht und belachten den Irrthum, und auch
Natalie fand es gerathen, daran zu glauben. Sie faßte, sich ihm rasch
entwindend, seinen Arm, um ihn, dem Spielgebrauch gemäß, im Zimmer
einigemal auf und ab zu führen, und suchte, bei den Worten, mit denen
sie ihn entlassen mußte, die Stimme des von ihm genannten Mädchens
nachzuahmen; doch sie selbst war nicht getäuscht. Sie fühlte, nur sie
könne er so umschlingen, nur ihre Nähe könne ihn so trunken machen, und
-- o Räthsel des weiblichen Herzens! -- sie vermochte nur wohlwollend,
keinesweges zürnend, im Gefühl der Macht dieses Moments bei ihm zu
verweilen. --
O Natur, wie reich mußtest du seyn, um in solche Momente solche
Seeligkeit legen zu können! -- Eine Sekunde nur hatte er sie umfaßt,
einmal nur ihr Herz an seiner Brust schlagen fühlen, und doch wird
diese Erinnerung noch einst das Herz des Greises mit süßer Wehmuth
füllen, und seine Züge mit frohem Lächeln erheitern! --
Natalie hatte Herrschaft genug über sich, nach Endigung des Spiels,
ganz unbefangen gegen ihn zu seyn, und ihm dadurch ihr Wissen um das
Vorsätzliche seines Irrthums unerrathbar zu machen. -- Doch derselbe
Abend führte noch einen Augenblick herbei, der sie mit dem Geheimniß
ihrer Schwäche gegen ihn hätte bekannt machen können, wäre sie nicht
bestimmt gewesen, jede Erfahrung, jede Warnung, mit einem wunden Herzen
erkaufen zu müssen. --
Ihr Wagen kam, sie abzuholen: bei dem Umwenden auf dem eben nicht sehr
geräumigem Priesterhofe brach die Deichsel, und Natalie beschloß,
den kurzen Weg nach ihrem Hause lieber zu Fuße zu gehen, als noch
länger auf einen andern Wagen zu warten. Der Prediger erbot sich,
sie zu begleiten, was sie aber ausschlug, da er schon den Abend
über Erkältung und Heiserkeit geklagt hatte, und er rief nun Buri
und noch einen andern jungen Mann aus der Gesellschaft, um die Damen
den Richtweg durch seinen Garten über den Kirchhof zu führen. Madame
Brandt, der, in dieser finstern Mitternachtsstunde, der Weg über den
Kirchhof einiges Bedenken machte, faßte schnell den Arm des andern
jungen Mannes, da sie Buris Spott über ihre, ihm schon bekannte,
Gespensterfurcht scheuete, und so fiel diesem das Loos, Natalien zu
begleiten. Beide giengen stumm neben einander, bis beim Eingang zu
dem Kirchhof ein Hund mit lautem Gebell auf sie zufuhr. Natalie besaß
die Schwachheit, vor Hunden ängstlich furchtsam zu seyn, auch jetzt
schreckte sie zusammen und faßte, mit dem Angstruf: ach lieber Buri!
den Arm ihres Begleiters. Zum erstenmale hörte dieser von ihr diese
trauliche Benennung; zum erstenmale bot sie ihm die Hand, und ließ
sie ihm sogar, als er, ihren Arm in den seinen legend, auch diese
Hand in der seinen behielt. Natalie fühlte durch den Handschuh sein
fieberhaftes Glühen; sie fühlte ihr Unrecht; -- aber besiegt von der
hoffnungslosen und doch so gewaltigen Liebe des Jünglings -- ermattet
von der Unwahrheit, mit der sie sich die wachsende Gewalt derselben so
lange verläugnet hatte, gab sie sich in dieser Minute dem Genuß hin,
der für sie in dem Glück lag, das Wilhelm dadurch empfand. Sie bedachte
nicht, wie viel sie sich damit gegen einen Mann vergab, dessen Liebe
sie nie erfahren durfte, und der, von diesem Augenblick an, berechtigt
war, sie als die Vertraute derselben anzusehen.
Das Verhältniß zwischen Beiden ward, von diesem Tage an, eben so
sonderbar als ungleich. Sie war oft stolz und herrisch gegen ihn; wenn
er dann tief gekränkt, beschämt, im bittern Unmuth oder stillem Zürnen
gegen sich selbst, zurücktrat, so konnte sie es nicht lassen, ihm
wieder mit einem Blick, einem Worte, die Unart vieler Tage zu vergüten.
Ueber ihn gewann diese Leidenschaft eine furchtbare Gewalt. Immer
heißer, immer hoffnungsloser, bald zum Sterben betrübt, dann zum Himmel
entzückt. Kamen doch Minuten, die ihm diesen höllischen Himmel voll
seeliger Qual, theurer, wie jedes andre Glück der Erde machten. Sein
höchster Wunsch war der, ihr nur einmal sagen zu dürfen, wie er sie
liebe -- sie nur noch einmal, einmal, so wieder an seine Brust drücken
zu dürfen und dann, in der Minute selbst, zu sterben.
Nataliens schwererrungener Friede wurde durch ihn von Neuem gestört,
und doch konnte sie die Störung und den Störer nicht hassen -- doch
gab sie sich der Hoffnung hin, irgend ein Zufall werde in’s Spiel
treten, und es ihr ersparen, dies Gewebe mit rauher Hand zu zerreissen.
Auch war es ihr durchaus nicht klar, was sie zu thun habe. Sollte sie
ihn entfernen? -- ihn, der früher so einsam und unglücklich war, und
für den die ganze Welt zur freudenleeren Wüste wurde, sobald sie ihn
verstieß? -- Womit hatte er diese Härte verdient? -- wog das, was
+sie+ durch diese Entfernung an Ruhe gewinnen konnte, den Schmerz
auf, den +er+ empfinden würde? -- und warum auch ein solcher
Gewaltschritt? es war ja auch möglich, daß, bei einem so excentrischen
Menschen, bloß Dankbarkeit und Bewunderung, sich, ohne Einmischung von
Liebe, so excentrisch aussprachen -- und, wenn er sie nun auch wirklich
liebte, so wußte er doch höchst wahrscheinlich selbst noch nicht darum,
und die Gefahr, den Nachtwandler zu wecken, war dann größer, als jede
andre. -- Liebe ohne alle Hoffnung ist so nur ein Fantom, und welche
Hoffnung konnte er haben? --
Mit diesen Grübeleien und Sophistereien betäubte sie die warnende
Stimme in ihrem Herzen, und Monate verflossen ihnen noch in dieser
Unbestimmtheit und Verworrenheit ihres Verhältnisses.
Eines Abends war er allein mit ihr. Sie sangen ein Duett, von den zwei
Grazienlieblingen, Metastasio und Pergolese, zu einem Gesange für zwei
Seelige gemacht. Jeder Ton war Harmonie der Liebe und gab dem Herzen
Wonneschläge. -- Alles Leben in Buris Wesen wurde zu einem Taumel --
nie hatte er so sehr empfunden, wie glücklich er seyn würde, wäre sie,
die Angebetete, sein. --
Es war während des Gesanges traulich dämmernd geworden. Ueberwältigt
von der Stärke seiner Empfindung wollte Buri gehen. Er stand auf --
in diesem Augenblick fiel Nataliens Taschentuch zur Erde -- beide
bückten sich, es aufzuheben. -- Wange streifte an Wange -- und in
demselben Moment fühlte sie sich an sein Herz gerissen und der heiße,
leidenschaftliche Druck seiner Lippen glühte auf den ihren.
Ueberrascht, außer aller Fassung, schwankte sie in seinen Armen --
Buri! rief sie bewegt -- er hielt sie noch umschlungen -- Buri! rief
sie ernst -- da stürzte er zu ihren Füßen; mit heißen Thränen, mit
Zittern, mit Entzücken, mit aller Glut und Furchtsamkeit der ersten
Jugendliebe, gestand er ihr eine Leidenschaft, um die sie lange wußte,
ohne sich je die Möglichkeit zugegeben zu haben, daß ein Geständniß
derselben erfolgen könne, auf dessen Empfang sie durchaus nicht gefaßt
war. --
Sie gehen, Buri! sagte sie ihm stolz und gebietend -- gehorchend
entfernte er sich -- an der Thüre wandte er sich um -- mit Blitzen
in den Augen und mit vieler Sicherheit im affektvollen Ton, sagte er
ihr: Sie können mein Leben als Sühnopfer dieses Augenblicks fordern;
aus tausend Adern will ich es mit Entzücken wegfließen sehen; nur
glauben Sie nicht, daß Gott selbst mich zur Reue darüber bringen kann!
Verwerfend winkte sie mit der Hand -- er eilte hinweg.
Betäubt, verwirrt und zitternd blieb Natalie zurück. Vergebens strebte
sie nach Ruhe und nach dem Gesichtspunkt, aus dem sie den Vorfall
nehmen mußte. Sie wollte kalt urtheilen und der blühende schöne
Jüngling stand vor ihrer Phantasie wie er sie an sein Herz drückte, wie
er dann zu ihren Füßen sank -- sie fühlte das Entzücken, mit dem er
sie, die Vergötterte, umfaßt hatte, und eine Ahndung zahlloser neuer
Sensationen, deren Natur ihr dunkel blieb, weil sie ihr ganz unbekannt
waren ergriff sie. An der Wahrheit seiner Liebe konnte sie nicht
zweifeln -- und sie, die früher so oft fruchtlos gestrebt hatte, Steine
zu erwärmen, sie, deren einziger Wunsch, deren einzige Forderung an
das Schicksal von jeher nur Liebe, wahre uneigennützige Liebe gewesen
war, sollte nun kalt und hart das Herz von sich stoßen, das mit so
heißer, dem Tode und der Verwerfung trotzender, Leidenschaft an ihr
hieng? -- Sie fühlte es, daß sie Buri nicht liebte -- sie konnte seinem
Umgang entsagen -- aber was wurde sein Loos, wenn sie ihn verstieß? Ihr
war, als habe diese Stunde ihr die Verpflichtung auferlegt, das Glück
des Jünglings, wie ihr eignes, am Herzen zu tragen; in ihrer Seele war
keine Ahndung irgend einer andern Gefahr, die ihm und ihr aus diesem
Verhältniß aufgehen könnte, als die gestörten Herzensfriedens, und
so beschloß sie, ohne alle Rücksicht auf sich, nur die Maaßregeln zu
ergreifen, die ihr für Buris Glück die zweckmäßigsten zu seyn schienen.
Diese Liebe sollte ihr Mittel werden, ihn weiser und glücklicher
zu machen; sie wollte ihm, im vollsten Sinn des Wortes, Freundin
und Schutzgeist werden; seine, durch sie und diese Liebe begonnene
moralische und aesthetische Bildung vollenden, und ihn dann einer für
ihn passenden Gattin zuführen. --
Natalie täuschte sich hier, indem sie die Illusionen eines gerührten
Herzens und einer sehr rege gewordenen Phantasie, für Eingebungen und
Prüfungen kalter ruhiger Vernunft nahm. Hätte diese ihr Betragen
wirklich geleitet, so hätte sie, nach jenem Ostertage schon, den
Jüngling auf irgend eine Art aus ihrem Kreise entfernt. Ihr jetziges
Betragen war sehr lobenswerth, und wohl dem Weibe, das, in ähnlicher
Lage, ähnlicher Verschuldung entging. -- Gönnet aber, meine weiseren
und besseren Schwestern, der armen Natalie den Trost, den ihr ihr
innerstes Bewußtseyn, auch in ihren trübsten Stunden, gewährte, den
Trost, Buris Liebe nur geduldig ertragen und gutgeheissen zu haben,
weil sie in ihr das Mittel zu sehen und zu ehren glaubte, seine
moralischen Anlagen zu entwickeln, die Disharmonie seines Wesens zu
lösen, und ihn besser und glücklicher zu machen. --
Am Abend des folgenden Tages sah sie ihn, einer früheren Einladung
zufolge, mit dem Prediger und seiner Frau, zu sich eintreten. Sie
empfing ihn mit ruhigem, sicherm Ernst. Er zitterte so sichtlich,
daß sie es schon aus Schonung vermeiden mußte, das Gespräch an ihn
zu richten -- aber sie konnte, trotz seines Erröthens, und seines
Verstummens, doch die Trunkenheit nicht verkennen, mit der er, in der
Erinnerung der genoßnen Seeligkeit, den Muth fand, alles, selbst ihren
Unwillen, zu ertragen, ohne das Vorgefallene zu bereuen. Die Energie
der Leidenschaft gab ihm jetzt, ihr gegenüber, eine Mündigkeit, die er
früher nie gezeigt hatte. Einem fest entschlossenen, muthvollen Manne
gegenüber fühlt das Weib immer seine Schwäche, die dann nichts ist,
als reines Gefühl der Weiblichkeit. Natalie vermochte ihre anfängliche
Unbefangenheit im Laufe dieses Abends nicht zu bewahren. -- Einmal
streifte vorübergleitend ihr Blick an ihm vorüber; aber ihr Auge traf
auf einen so dunkelglühend, so unersättlich, an ihr hangenden Blick,
daß sie zagend erröthete. Nur sie konnte jetzt, wie sie fühlte, diesen
Sturm beschwichtigen; nur sie vermochte, den erwachten Löwen zu zügeln,
und eben dies Gefühl zog sie noch mehr zu dem Jüngling hin.
Seit mehreren Monaten war es eingeführt, daß Buri am Mittwoch
Nachmittag zu ihr kam, um neue, schwere, Singsachen mit ihr einzuüben.
Auch jetzt erschien er, als dieser Tag kam, und fand, wie gewöhnlich,
Natalien allein. Sie hatte sich auf diese Unterredung vorbereitet und
fing auch jetzt an, ihm, ernst und besonnen, ohne Zorn, aber mit der
Strenge kalter Vernunft, die Thorheit und das Strafwürdige seines
Betragens zu zergliedern. Doch der Damm war einmal durchbrochen und
sie dem Erguß des heißesten, leidenschaftlichsten Herzens, das je in
der Brust eines Mannes schlug, preisgegeben; eines Herzens, das ohne
Hoffnung, ohne Streben, ein ähnliches Gefühl in ihr zu wecken, nichts,
gar nichts, von ihr und vom Leben wollte, als die Vergünstigung,
sich in ihrer Nähe sonnen, oder sterben zu dürfen. Nataliens Thränen
flossen; zum erstenmal fühlte sie sich geliebt; geliebt mit allen
Kräften, allen Gedanken und Empfindungen dieser Feuerseele, und eine
unendliche Theilnahme, ein Gefühl wehmüthiger Seeligkeit füllte ihr
Herz mit Dank gegen den Mann, der sein Glück und sein Leben so freudig
an die Erlaubniß setzte, sie lieben zu dürfen. --
Sie fragte ihn ernst und innig: ob er der Herrschaft über sein Herz
gewiß genug sey, um diese Liebe ewig als eine Flamme zu betrachten, die
sein Leben erwärmen, aber nie verzehren dürfe? -- Von ihr könne und
werde er nie etwas erhalten, als Freundschaft; diese gelobte sie ihm
aus voller Seele, so lange er sanft, vernünftig und besonnen seyn, und
sich mehr und mehr mit dem Gedanken befreunden wolle, bald eine Gattin
zu wählen. --
Feierlich gelobte er ihr die Erfüllung aller ihrer Forderungen, und
wirklich fand er auch in dem Glück, ihr sagen zu dürfen, daß er sie
liebe, eine so überschwängliche Genugthuung, daß er zu jedem Opfer
bereit, in dieser Stunde -- nicht begriff, wie seine Wünsche je über
diese schöne Wirklichkeit hinausgehen könnten.
Von diesem Tage an war Buri viel öfter in Nataliens Hause, und
ihr Umgang wurde immer traulicher und herzlicher. Der süße,
unwiderstehliche Zauber, sich so geliebt zu wissen, die ungetrübte
Reinheit dieses Verhältnisses, die noch jeden freundlichen Blick von
ihr zur seltenen, beglückenden Gunstbezeugung machte, und der schöne,
verwirklichte Traum, veredelnd auf den Freund zu wirken, und ihn,
zur immer richtigeren Würdigung des Lebens, zur immer freudigeren
Thätigkeit in seinem Beruf, zurückzuführen, verleiteten Natalien zur
Verletzung mancher Sitte der Konvenienz und Etikette, die trennend
und absondernd zwischen ihr und dem Freunde stand. Es schlich sich
nach und nach ein, daß Buri jede seiner Freistunden bei ihr zubrachte,
jeden Abend bei ihr aß, und Natalie, zu stolz und zu rein, um vor
der Welt den Freund zu verläugnen, blieb, auch vor Zeugen, in ihrer
freundschaftlichen Traulichkeit gegen ihn sich gleich, was sie, von ihr
indessen ungeahndet, zum Gegenstand des allgemeinen, mißbilligenden
Geredes machte.
In den Stunden ihres einsamen Zusammenseins, deckte ihr Buri sein
ganzes Herz auf, und sie erfuhr seine frühere Geschichte. In seinem
siebzehnten Jahr lernte ihn die, wegen ihrer Schönheit und ihrer
Buhlerei gleichbekannte Gräfin P. kennen. Der Jüngling mit dem neuen
Herzen und der nie geweckten Sinnlichkeit gefiel ihr; sie zog ihn in
ihr Haus. Er liebte sie mit der heiligen reinen Schwärmerei eines
unschuldigen jungen Herzens, und fing sich um so leichter in allen den
Schlingen, die sie ihm künstlich gelegt hatte. Doch nur Monate dauerte
der Rausch, da erwachte die bessre Seele des Jünglings; er erkannte
schreckensvoll, was er ihr galt, und riß muthig den Pfeil aus der
tiefen Wunde. --
Natalie lernte in dieser Erzählung nur den Muth kennen und die Kraft
ehren, die Buri den Sieg über diese Leidenschaft erkämpft hatten;
was ihr unbekannt blieb, war, daß sein Glaube an Weiberreinheit
und an das seelige, himmlische Glück der Unschuld, der Raub dieser
unwürdigen Verführerin geworden war. Die gefährlichsten Sophistereien
über Liebe und Genuß blieben, wie ein verborgenes Gift, in seiner
Seele haften, und wirkten schleichend darin fort. Der stille Abglanz
aus dem Paradiese, der in einer unverdorbenen Weiberseele ruht --
dieses Nichtwissen, Nichtahnden der Begierde -- dieses Schweigen jeder
Leidenschaft -- diesen tiefen, seeligen Frieden, der sich nur mit der
Bläue des wolkenlosen Himmels vergleichen läßt, konnte er kaum mehr
in der Vorstellung fassen, und noch weniger in der Seele der Geliebten
schonen und ehren.
In Nataliens Herzen war dagegen keine Ahndung des Sturms, der in seiner
Brust tobte. In stiller, freundlicher Klarheit genoß sie, mit zarter
Jungfräulichkeit, der Gewißheit, geliebt zu seyn und den Liebenden
glücklich zu sehen. Nie vermochte sie, in ihm zu finden, was im Leben
Leben vollendet; aber sie hing mit reinem Wohlwollen an ihm, und hätte
seinem Glücke freudig die schwersten Opfer zu bringen vermocht. Er
gewann ihre Phantasie; doch ihr Herz füllte er nur in so weit aus, wie
Nataliens Herz durch die Sorge für ein fremdes Glück und die Freude
daran ausgefüllt werden konnte. Diese Sorge aber, verbunden mit der
Macht der Gewohnheit des täglichen Umgangs, der Freude an seiner Liebe,
und ihrer fast leidenschaftlichen Dankbarkeit für diese, vereinten sich
in ihrer Seele zu +Einem+, unnennbaren, aber sehr mächtigen Gefühl.
Diese Sabbathzeit ihres Verhältnisses dauerte lange, da Natalie in
ihrem Geist und in ihren Talenten reiche Hülfsmittel hatte, Wilhelm,
in den Stunden ihres Beisammenseyns, zu beschäftigen und zu erheitern.
Auch stillte ihr Anblick oft die Unruhe seines Busens, die ihm, fern
von ihr, zur Qual wurde. Aber endlich kam doch die Stunde, wo der
+Anblick+ der Wirklichkeit Natalien die Illusionen raubten, die
sie beglückten; -- die sich Wilhelm immer mehr aufdringende Gewißheit,
das von ihm so heiß, so leidenschaftlich geliebte, Weib, nie sein
nennen zu können, brachte im Wechsel von Genuß und Qual, von Seeligkeit
und Elend, in ihm eine Disharmonie hervor, die den Frieden seines
Gemüths und das Glück dieses Verhältnisses vergiftete.
Buri hatte Grundsätze; fromm erzogen, hatte er der Macht der Verführung
unterliegen, und die ganze giftige Süßigkeit des ihm gewordenen
Rausches auskosten können, ohne das Gefühl für die Immoralität
desselben zu verlieren. Er hatte Natalien achten, unbedingt achten
gelernt. Wie offen lag oft ihre ganze Seele vor ihm, in Minuten, wo
sie an keine Enthüllung derselben dachte! -- Sein forschender, geübter
Blick drang bis in die geheimste Tiefe derselben, und verzweifelnd
fühlte er: ein Fehltritt werde die Ruhe ihres Lebens auf ewig
vergiften, und nur ein Teufel könne, von ihr geliebt, dies Herz dem
Loose preisgeben wollen, von der giftigsten aller Furien, der Schaam
vor sich selber, gebrochen zu werden.
Er achtete sie zu hoch, um ihr die rohen Wünsche seiner Brust je zu
verrathen; aber oft trieb es ihn wie ein Kainsfluch hinweg aus ihrer
Nähe, weg von dem Herzen, das ihn liebte, rein und treu, wie Engel ihr
Schützlinge lieben.
Was seine Lage noch peinlicher machte, war die Eifersucht, die er
empfand, so oft er Natalien in Gesellschaft wußte, und die aus dem
Gefühl entstand, daß er, an Feinheit und gesellschaftlicher Bildung
weit unter ihr, leicht in einen Mann ihres Zirkels einen ihrer
würdigeren Nebenbuhler finden könne. Es war ein eigner Zug in seinem
Karakter, daß er alle ihm mangelnden Vorzüge der feinen Erziehung und
des guten Tons in seinem geheimsten Bewußtseyn eben so überschätzte, als
er sie in Worten, und, wie er glaubte, auch in seinem Sinn, mit der
äußersten Geringschätzung beurtheilte. Natalie war jetzt, in ihrem vier
und zwanzigsten Jahr, noch sehr reizend. Die Liebe hatte sie verjüngt,
und ihr jenen Wiederschein zarter Weiblichkeit zurückgegeben, der
magischer wie irgend ein andrer Reiz, die Männer anzieht. Jede Spur
von Gefallsucht war aber aus ihrem Karakter verschwunden; sie lebte
eigentlich nur für Buri. Doch ihre Verhältnisse und ihr Stand führten
sie in Zirkel, zu denen er keinen Zutritt hatte. Ein ungemeßner Stolz
und daher entspringendes Aufbäumen gegen allen Unterschied der Stände,
war ihm eigen -- und jetzt, wo dieser Unterschied des Ranges -- in
seinen Augen ein leeres Fantom -- zwischen ihn und die Geliebte trat,
die er als sein einziges und eigenstes Glück ansah, für die er alles
hinzuopfern bereit war, weil er für nichts mehr Sinn hatte, als für
sie -- wurde sein Unmuth darüber oft zum unvernünftigen Zorn, oder zur
wilden, Natalien verletzenden, Leidenschaft.
Noch hatte sie immer die Macht gehabt, durch ein mildes, freundliches
Wort, einen Blick der Trauer oder der Bitte, diesen Sturm beschwören zu
können; aber es kam ein Tag, wo sie auch hier an der Gränze ihrer Macht
stand, und zum erstenmal einen Blick in sein Herz, diesen gährenden
Abgrund wilder Wünsche, that. --
Natalie fühlte sich in dieser Minute nur beleidigt. -- Stolz und zornig
befahl sie ihm, sie zu verlassen, und ihr Blick sprach ihr Gefühl
seines Unwerthes aus.
Sie war für diesen Abend zu einem Ball in der Nachbarschaft geladen,
und warf sich noch mit dem bittern, fast hassenden Unmuth des Eindrucks
dieses Auftritts, in den Wagen. Aber bald besiegte der Schmerz jede
andre Empfindung, und sie erleichterte ihr gepreßtes Herz durch heiße,
dem Jüngling geweinte, Thränen.
Buri fühlte, als er sie verlassen hatte, wie sehr er gefehlt habe, und
wie er durch diesen Mangel an Maaß, Klarheit und Zartsinn, bei ihr
verlieren mußte, und zürnte nun, mit aller der Exaltation, die jetzt
in ihm lag und jedes Gleichgewicht zerstörte, gegen sich selbst. Wie
Nataliens Wagen, im Vorbeifahren, um die Ecke seines Hauses bog, und
sie finster den Kopf wegwandte, um ihn nicht zu sehen, stürzte er in
einer fürchterlichen Wallung empörter Leidenschaften, belastet mit
dem Gefühl ihrer Verachtung und ihres, wie er glaubte, nie wieder zu
versöhnenden Unwillens, hinaus in die stürmische, kalte und nasse
Winternacht, und irrte stundenlang fast sinnlos umher.
Natalie kam ungewöhnlich zeitig zu Hause, und wurde von ihrem Mädchen
mit der Nachricht empfangen, der Prediger habe eilig zur Stadt
geschickt, um den Arzt holen zu lassen; Herr Buri sey plötzlich sehr
krank geworden; man habe ihn ohnmächtig in dem kleinen Hölzchen
gefunden und ein heftiger Blutsturz drohe seinem Leben Gefahr.
Welch eine Nacht brachte Natalie auf ihren Knieen in den heißesten
Gebeten zu! -- und nun, in solchen Stunden und den Tagen die ihnen
folgten, solche Liebe, solche Angst verläugnen zu müssen vor den
Menschen -- ach! nur ein Weib kann ganz begreifen, was ein Weib zu
leiden vermag! --
Buri rang mehrere Tage mit Tod und Leben. Jugend und eine seltne
Fülle kräftiger Gesundheit retteten ihn; aber seine Brust hatte sehr
gelitten, und jede nur etwas heftige Gemüthsbewegung konnte, nach dem
Ausspruch des Arztes, leicht einen tödlichen Rückfall verursachen.
Sein erster Ausgang war zu Natalien. Als er eines Abends unerwartet
so blaß, so sanft, und doch noch so furchtsam, so schmerzlich bewegt,
vor sie hin trat und leise, mit Thränen in den Augen, fragte: darf ich
Verzeihung hoffen? -- da sank sie zum erstenmale freiwillig an sein
Herz und umarmte ihn mit heißen, heißen Thränen -- und alles, was er
gelitten hatte, ward ihm überschwänglich vergolten durch diese Umarmung.
In der Seeligkeit dieses Wiedersehens und dieser Versöhnung, nach
gefürchteter Trennung auf immer, empfing Natalie das gefährlichste
Geständniß, das ein weibliches Herz empfangen kann. Wilhelm vertraute
ihr, um sich zu rechtfertigen, den langen Kampf der stürmischen Glut
dieser Liebe und seine jetzige finstere hoffnungslose Resignation, die
kein Ende dieses Kampfes vor sich sah, als nur den Tod.
Ein bleiches Entsetzen ergriff Natalien. Sie sah sich am Rande eines
Abgrundes, wo ihr nur die Wahl zwischen Tod und Entwürdigung übrig
zu seyn schien. Hätte sie ihn geliebt, so hätte sie ihm ihre Hand
angeboten; jetzt aber lag dies Anerbieten so weit aus dem Kreise ihrer
Ideen, daß ihr die Möglichkeit desselben nicht einfiel. Sie kannte
auch seine Ansichten von der Ehe, und wußte, daß er sich in seiner
künftigen Frau ein einfaches natürliches Wesen denke, das in keiner
Art über ihm, in Hinsicht auf Geist, Kenntnisse und moralischen Werth,
stände. Er hielt dies für eine Unnatur, die sich mit Eheglück nicht
vertrage. Sie fühlte, daß ihre höhere Bildung jetzt seine Liebe veredle
und vermehre; daß er sie aber, bei übrigens gleichen Verhältnissen,
doch, um dieser Ursache willen, nie zu seiner Gattin wählen würde,
und nur Leidenschaft, nie klare, ruhige Vernunft, ihm den Besitz
ihrer Hand als höchstes Erdenglück zeigen könne. Ohne ihr Wissen um
diese seine Ansicht, hätte Natalie doch vielleicht von ihrem Herzen,
dem jedes Opfer für fremdes Glück Genuß war, und von dem Druck ihrer
unverschuldeten Schuld gegen ihn, zu jenem Gedanken hingeführt werden
können. Jetzt sah sie aber ihr Verhältniß zu ihm scharf begränzt,
und litt bei der Entdeckung, daß es in diesen Gränzen ihn nicht zu
beglücken vermöge, und Gift, statt Heil, für ihn geworden sey.
Sie selbst in ihrer eigensten Individualität stand zwischen dem
Geliebten und seinem Glücke, und um ihm und ihrem eignen Herzen dies
zu vergüten, gab sie alles, was außerdem zu geben in ihrer Macht war.
Sie brach allen andern Umgang ab, und zog sich ganz in die stille
Einsamkeit ihres Hauses zurück, um nur für Buri zu leben, und ihn,
durch die Liebe selbst, mit der Entsagung zu versöhnen. -- Aber noch
jedesmal ist die Ruhe eines Weibes das Opfer dieses Versuchs geworden.
Ihr Ruf wurde auf das schwärzeste angefochten; sie erfuhr und trug
es, im Bewußtseyn ihrer Schuldlosigkeit, für den Liebenden, und
um seinetwillen, heldenmüthig. Sie hatte es sich geschworen, kein
irdisches Opfer sollte ihr zu groß seyn, um es ihm nicht als Sühnopfer
seines Kampfes und seiner Hoffnungslosigkeit zu bringen. Als sie aber
auch die stille Mißbilligung inne ward, mit der ihre Hausgenossen,
und selbst der alte redliche Prediger, auf dies, sich immer
deutlicher aussprechende, Verhältniß blickten, und als sie statt im
wiedergewonnenen Frieden, Buri, den Lohn für alle diese, von ihr tief
empfundenen, Leiden finden zu sehen, diesen vielmehr immer verworrner
und zerrißner werden sah -- als dieser Kampf zwischen Leidenschaft
und Sittlichkeit immer giftiger in ihm aufgährte, sie sich dadurch
immer verletzter -- vielleicht auch ermatteter fühlte -- da brach ihr
Muth. --
An eine würdige, edle, Lösung dieses sie ängstigenden und marternden
Verhältnisses, war nicht zu denken. Alle Regel der Sitte, jeder
Ausspruch der Meinung, und noch weit gewichtiger, ihre gegenseitige
Individualität, war gegen eine öffentliche Verbindung mit ihm, und
eben so entschieden war ihr Gemüth mit ungetheiltem Willen, und mit
allen seinen Wünschen und Entschlüssen, dagegen, je, ohne bürgerliche
Anerkennung dieses Verhältnisses, sein zu werden. Der Friede ihres
Innern, die Ruhe ihres Bewußtseyns, die Achtung ihrer Freunde, ihr Ruf,
-- alles war der Raub dieser Leidenschaft geworden. Für sein Glück
konnte sie nichts mehr thun; +ein+ Opfer war noch übrig, das,
-- ihn von sich zu entfernen. Aber der leiseste darauf hindeutende
Wink brachte ihn zur Verzweiflung. Hätte sie alle ihre Gewalt über
ihn zusammendrängen und benutzen wollen, so hätte sie doch seine
Einwilligung dazu erhalten -- sie unterließ es, weil es ihr schien,
diese Opfer werde ihr allein zu Gute kommen, und weil es nicht in ihrem
Karakter lag, grausam sein zu können. --
Nur in weiter Ferne sah sie Rettung für sich: den Tod! -- und o wie
gerne wäre sie gestorben, hätte sie irgend hoffen dürfen, er werde sie
überleben! --
In dieser Stimmung war sie, als August und Elise zum Besuch nach N****
kamen. Seit einem Jahre hatten sie die theure Schwester nicht gesehen;
alle ihre Bitten, zu ihnen zu kommen, und sich an dem Anblick ihres
Glückes zu freuen, waren unerfüllt geblieben. Sie ahndeten irgend eine
verborgene Ursache dieser Weigerung, und Nataliens sichtlich verfallene
Gestalt, die trübe Mattigkeit, die an die Stelle ihrer ehmaligen
raschen Lebhaftigkeit getreten war, verbunden mit der, unverkennbar
schmerzlichen, Rührung, mit der sie von ihr empfangen wurden,
überzeugte Beide, sie sey krank, und habe ihnen das aus Schonung
verhehlen wollen.
Ach es waren sehr schmerzliche, bittre Thränen, mit denen Natalie
ihre Elise an ihr Herz drückte -- sie flossen dem verscherzten Glück,
ihr ferner Vorbild, Lehrerin, Warnerin, seyn zu können. Rein, und
in gewissem Sinn geläuterter und bewährter stand sie ihr gegenüber,
und doch mußte sie vor dem himmelhellen Blick dieser Seele voll
Unschuld und Liebe beschämt das Auge senken. -- Auch regte der Anblick
von Augusts und Elisens Glück in Nataliens Busen ein bis jetzt
schlummerndes bittres Gefühl auf; Beide waren vereint; sie liebten, sie
durften lieben -- ihre Pflicht war ihr Glück; ihr Glück ihre Pflicht
-- aber für Natalien waren die Ansprüche auf dieses Glück für immer
verscherzt! sie hatte sie einem Mann geopfert, dessen Karakter ihr
keine Entschädigung für das Gefühl verfehlter Bestimmung zu gewähren
vermochte --
Natalie hatte, wie erwähnt, fast allen Umgang mit ihren Nachbarn
abgebrochen, doch forderte sie August und Elisen dringend auf,
diese nicht zu vernachlässigen, und einige schon früher gemachte
Bekanntschaften zu erneuern. In ihrer Kränklichkeit fand sie den
gewünschten Vorwand, zu Hause bleiben zu können, und benutzte ihn um so
lieber, als sie Buris Zusammentreffen mit ihren Geschwistern scheuete,
und die Abwesenheit beider ihm die Gelegenheit gab, sie wieder zu sehen.
Es konnte Elisen und ihrem Gatten nicht entgehen, daß, in den mehrsten
Fragen nach Nataliens Befinden und dem Grund ihres Zuhausebleibens, die
man bei diesen Besuchen an sie that, ein leiser Hohn lag, der beide
sehr unangenehm traf, so wenig sie auch seine Ursache zu enträthseln
vermochten. Einige Tage nach ihrer Ankunft wurden sie zu einer
zahlreichen Gesellschaft eingeladen, unter deren Mitgliedern sich ein
Mann befand, der es Natalien nie vergeben konnte, daß sie einst seine
Hand ausgeschlagen hatte. Sein tückisches, boshaftes Gemüth hatte
Jahrelang auf den Moment der Rache gelauert, und glaubte, jetzt ihn
gefunden zu haben. In giftig persiflirendem Tone, fragte er, gegen das
Ende der Mahlzeit, als der Wein die Geister feuriger gestimmt hatte,
August ganz laut, über den Tisch herüber, ob er schon Glückwünsche
zur Verlobung seiner Schwiegerin mit ihrem Schulmeister annähme? --
In heißem Jugendfeuer, in edlem Zorn, fuhr August auf -- rasch wurden
Worte gewechselt, die, nach der gewöhnlichen Ansicht, nur durch Blut
versöhnt werden konnten, und man verabredete es, sich am andern Morgen
zu treffen.
Natalie war schon in ihrem Schlafzimmer, als ihre Geschwister nach
Hause kamen. -- Ihre täglich hinfälliger werdende Gesundheit war an
diesem Nachmittag durch das Zusammenseyn mit Buri von Neuem schmerzlich
angegriffen. Gespannt und gereizt durch die tagelange Entfernung von
ihr, hatte er ihr seinen Mangel an Herrschaft über sich wieder einmal
recht rauh verletzend gezeigt. Sie fühlte sich an die Gewalt einer
fremden Leidenschaft verkauft, die sie nur durch die Schuld, sie
gutgeheißen zu haben, theilte, und beweinte ihr Unrecht und ihr Unglück
mit den bittern Thränen vergeblicher Reue. Ach, sie ahndete nicht,
welch ein neuer, noch größerer, Schmerz, ihrer beim Erwachen harrte!
Elise hatte den Muth, ihren Gatten gefaßt in einen Zweikampf gehen zu
sehen, den sie, mit frommer Zuversicht, als ein Gottesurtheil ansah;
aber als er am Morgen ruhig, doch ernst, von ihr Abschied nahm, wurde
ihr das Herz zu schwer, und sie eilte zu Natalien, um in ihrem Anblick
Trost und Beruhigung zu suchen. August hatte von dieser Abschied
genommen, als mache er nur einen Spazierritt; doch fühlte sich Natalie
von der Ahndung irgend eines Geheimnisses befangen, als er zum Lebewohl
ihre Hand so innig an sein Herz drückte, welches in dem Gefühl, er
gehe, die Ehre der von ihm angebeteten Schwester, der Schöpferin seines
Glückes, der Schutzgöttin seiner Tugend, zu rächen, freudig und stolz
schlug -- Auch Elisen fand sie, so sehr sich diese auch bestrebte,
ganz unbefangen zu scheinen, bewegt und gespannt. Sie drang in sie --
diese leugnete -- aber es konnte Natalien nach ihren eignen früheren
Erfahrungen nicht schwer werden, den Zusammenhang eines Vorfalls zu
errathen, der sie, als die fürchterlichste Strafe für das Unrecht,
dessen sie sich in ihrem Verhältniß zu Buri immer mehr bewußt wurde,
treffen mußte.
Ihre Angst war gränzenlos. Das Athemhohlen unter Henkershand ist
vielleicht noch Wollust gegen das Gefühl, mit dem sie jede Minute
dieses ewigen Vormittags einzeln vorüber schleichen fühlte. --
Endlich, endlich, riß Elisens jubelndes Freudengeschrei sie auf aus
dieser fürchterlichen, wort- und thränenlosen Verzweiflung. Er war
wieder da, und o Gott! -- Sein Gegner war bedeutend, doch, wie man
hoffte, nicht gefährlich verwundet; August nur leicht an der Hand
verletzt.
Was Natalie so tief fühlte, was ihre Angst so namenlos, ihren Dank
so heiß, ihr Selbstgefühl zum unerbittlich strengen Richter machte,
war, daß in ihrer Geschwister Herzen auch nicht der Schatten eines
Verdachtes, nicht die leiseste Spur von Mißtrauen oder Argwohn gegen
sie war. --
Dieser Vorfall machte zu viel Aufsehen, als daß Natalie, ohne die
auffallendste Verletzung des Anstandes, ihren bisherigen Umgang mit
Buri fortsetzen konnte. Elise drang in sie, mit ihr nach G... zu gehen,
damit sie sie dort, unter der Aufsicht eines geschickten Arztes, recht
pflegen und warten könne. Natalie fühlte, daß sie es, auch ohne alle
Rücksicht auf sich selbst, ihren Geschwistern schuldig war, diese Bitte
zu erfüllen.
Sie ließ Buri am Abend zu sich kommen, und legte ihm die ganze Lage
der Sachen offen vor, damit er entscheide. Ihre Blässe, ihre Thränen,
das gekränkte Ehrgefühl, das sie verbergen wollte und dessen Schmerz
doch so unverkennbar hervorbrach, ihre Willigkeit, auch noch jetzt zu
bleiben, sobald er es fordre, gaben ihm den Muth, in ihre Trennung zu
willigen. Auch war die Entfernung nicht so groß, um ihm die Hoffnung zu
rauben, sie wenigstens alle Vierteljahre sehen zu können.
Die Minute des Scheidens kam -- so bitter hatten Beide sie sich nicht
gedacht! so erschüttert, so zerstört, so vernichtet in herzzerreißendem
Schmerz, wie Wilhelm es war, hatte Natalie nie einen Menschen gesehen.
Sie litt unendlich, und doch lag in seinen Thränen für sie eine so
schmerzliche Wollust, daß ihr Herz sie kaum fassen konnte, ohne zu
brechen, und durch sie mit aller Qual dieser Liebe versöhnt wurde. --
In dieser Stunde forderte er ihr ihre Einwilligung ab, sterben zu
dürfen, wenn sie aufhöre, ihn zu lieben, oder das Eigenthum eines
Andern würde. Aufgelöset in Liebe und Wehmuth sank sie in seine Arme
und gelobte ihm vor Gott, das Andenken dieser Stunde mit ihrer Liebe
und ihrer Treue in ihrem Herzen zu bewahren, bis es nicht mehr schlagen
würde, und nie ein Opfer zu groß zu finden, wenn sie es seinem wahren
Glücke, seinem Werthe, bringen sollte.
Am andern Morgen verließ sie N****.
Vierter Abschnitt.
Du kennest ihn: ein eisernes Geflechte
Wand die Natur um seine Brust;
Doch für der Freundschaft hohe Rechte,
Für eure süßen, Lieb’ und Lust,
Für jenes Heilge, das die Völker schützt,
Sind seine Thränen auch geflossen. --
+Arndt.+
Nichts ist schwerer, als sich wieder an eine einfache Existenz zu
gewöhnen, wenn man einmal den Zauber gekostet hat, sich lebhaft und
leidenschaftlich beschäftigt zu fühlen. Wie sehr wird nicht das
Gefühl unsers Daseyns, durch eigne oder fremde Leidenschaft, erhöht
und vervielfacht, wenn diese keine Kraft unsrer Seele müßig und
ungeübt läßt, sondern uns im reichsten Wechsel, durch die Tonleiter
aller Empfindungen führt, die in Schmerz und Freude, in Jubel und
Verzweiflung das Menschenherz zu fassen vermag. -- Die Flamme die,
einmal angefacht, keine Nahrung von außen mehr erhält, ergreift dann
unsre eigne Seele, und verzehrt ihre Kraft.
Auch Natalie fand in G. nirgends für den Umgang mit Buri Entschädigung.
Armer Wilhelm! seufzte sie oft, dieser kalten, gehaltlosen
Alltäglichkeit, dieser aufgeputzten Erbärmlichkeit, muß ich Dich
opfern! -- Sie kämpfte mit der Bitterkeit gegen die Menschen, die
ihr ein solches Opfer abforderten, um sie zu achten, und es ihr doch
durch nichts zu vergüten vermochten, und suchte mehr und mehr in ihrer
zunehmenden Kränklichkeit den Vorwand, sich von allem Umgang und jeder
Gesellschaft zurückzuziehen.
Sie war sehr unglücklich, und jeder Brief von Buri untergrub ihre Ruhe
und ihre Gesundheit schmerzlicher. Seine Verzweiflung, sein gänzlicher
Mangel an Energie, und die bei einem Manne an Unwürdigkeit gränzende
Kraftlosigkeit, ohne sie stehen zu können, die er in diesen Briefen
zeigte, zerrissen ihre Seele. Er verlor in ihrer Achtung, was er, durch
seinen Schmerz, an innigem, unendlichem Mitleiden, bei ihr gewann.
Das Bewußtseyn, sich so geliebt, so gebunden zu wissen, und es doch
bei jedem Anlaß neu zu fühlen, daß der Geliebte die Forderungen ihres
Gemüthes an den Mann ihres Herzens, nie, und in keinem Augenblick,
zu befriedigen vermochte, wurde jetzt, wo seine Gegenwart dies Gefühl
nicht mehr beschwichtigte, zur namenlosen Qual.
Es kamen aber auch immer wieder Stunden, wo sie dies Gefühl der
Nichtbefriedigung durch ihn, als Unrecht gegen den Mann fühlte, dem
sie nun doch in wahrer Neigung, in stiller Treue und Theilnahme,
angehörte. Dann wichen alle trüben Bilder in den Hintergrund
zurück, und in ihrem Herzen lebte nur die Erinnerung der vielen,
schönen, unvergeßlichen Stunden dieser Liebe. Aber diese beklemmende
Verworrenheit ihrer Empfindungen, dieser gänzliche Mangel an Rath,
Hülfe, Trost und Hoffnung, vereinigten sich mit dem, durch jeden
seiner Briefe, neu erwachenden Bewußtseyn, ihn unglücklich gemacht
zu haben, -- um ihre Gesundheit zu zerstören. Ihre Brust fing an, zu
leiden, und ein schleichendes, nächtliches, Fieber zehrte an ihrem
Leben. Sie sah nur einen Ausweg vor sich, den Tod, und so weidete sie
sich, mit wehmüthiger Ergebung, an der Blässe ihres Gesichts, und an
jedem Schmerz, der ihr Leben schneller zu zerstören vermochte. Aber
mit erschöpfender Anstrengung suchte sie es allen, die sie umgaben, zu
verbergen, wie matt sie war, und wie sie litt.
August und Elise boten alles auf, sie zu zerstreuen, und ihr den
Aufenthalt bei ihnen angenehm zu machen. Zu ihrem Bedauern war Willot
mit seiner Frau auf mehrere Monate verreiset; Natalie war aber mit
ihrer Abwesenheit sehr zufrieden. Sie hatte beide nicht vergessen und
eben so wenig war Voluda’s hohes Bild aus ihrer Seele gewichen; wie
unwürdig fühlte sie sich aber jetzt, vor den theuren Freunden des edlen
Mannes zu erscheinen! --
An einem schönen Sommertage entlockten Elisens süße Bitten Natalien
ihre Einwilligung zur Theilnahme an einer Wasserfahrt, die mehrere
Familien mit einander verabredet hatten. Die Gesellschaft versammelte
sich in Augusts Hause, und Natalie ging mit mehreren Frauen in dem
Lindengang vor demselben auf und nieder, als sie beim Umwenden einen
Fremden bemerkte, der eben ihrer Elise vorgestellt wurde. Nataliens
Blick blieb, wunderbar angezogen, auf dieser Gestalt haften. Der
Feuerblick des so muthig und klar stralenden Auges, von dem man hätte
schwören mögen, es habe nie eine Thräne geweint, kontrastirte eben so
anziehend mit einem Zug weichen, rührenden, Ernstes um Schläfe und
Wangen, als der rasche und lebendige Sprachton mit den Zügen erlittnen
Wehes und tiefgefühlten Leides um den schönen Mund. Auch er sah jetzt
auf, und sein erster Blick auf Natalien wurde zur Sprache des schnellen
Erkennens einer uns theuren Person. Rasch trat er auf sie zu, faßte
ihre Hand und sagte: Willot sendet Ihnen durch seinen Freund Voluda
einen herzlichen Gruß! --