So milde sie aber auch gegen Louisen gestimmt war, so fruchtlos war

jedes Bemühen Rudolfs, von ihr ein Zeichen der Theilnahme des heftigen

Schmerzes, oder nur des Hasses, zu erzwingen. Nach einigen Wochen schon

sollte sie ihre Eltern aufs Land begleiten, und er bot, für diesen

kurzen, ihm noch vergönnten, Zeitraum, seine ganze Kunst auf; aber alle

seine Bemühungen scheiterten an dem Ernst und der fremden Höflichkeit,

mit der sie ihm nicht einmal auswich, aber jeder Erinnerung an die

Vergangenheit abgestorben zu seyn schien. Zu tief, zu schmerzlich war

sie verletzt; zu viel alte Wunden hatte er wieder aufgerissen, als

daß sie es sich selbst hätte abgewinnen können, um die Tiefe, die

zerstörende, bodenlose Tiefe ihres Schmerzes, wissen zu wollen. Nicht

seine Untreue; sein Unwerth gab ihr Kraft. Der Stolz ihres Bewußtseyns

hob sie zu hoch über ihn, und sie fühlte so oft: dieser Mann ist nicht

werth dein Herz zu brechen, dein Karakter darf nicht sein Raub werden,

daß es ihr das Vertrauen auf ihre Kraft und jene Herrschaft des Willens

gab, die in solchem Kampfe den Sieg zu erringen vermögen. Man sah sie

in ihrem äußern Benehmen wenig verändert; der Ernst in ihrem Wesen war

noch immer milde, und der etwas sichtbarere Ausdruck desselben konnte

füglich auf Rechnung der bevorstehenden Trennung von ihrem bisherigen

Wohnort gesetzt werden. Willig barg sie auch die tiefen Wunden ihres

blutenden Herzens, im Gewühl der Abschiedsfeste, die die letzten Wochen

ihres Aufenthalts ausfüllten, und die ganze Kraft ihrer Seele wucherte

für die Ueberzeugung, daß mit ihrer Achtung auch ihre Liebe erstorben

wäre. Ihr Gram war kein Wurm, der den Boden umwirft und die Staude

umkehrt, sondern ein Insekt, welches in den feinen, verborgenen Röhren

der Pflanze nagt, bis die Blume verbleicht, abfällt, und stirbt. --

Rhode war täglich bei ihr, und die große Sorgfalt, mit der er und sie

gemeinschaftlich alles unterdrückten, was Louisens Ruf nachtheilig

werden konnte, verschaffte dem Gerücht Eingang und Glauben, daß Rhode’s

Scheidung Folge einer ganz freundschaftlichen Uebereinkunft zwischen

ihm und Rudolf sey, Braut und Frau mit einander zu vertauschen. Natalie

fühlte, wie sehr Rhode’s täglich sichtlicher werdende Anhänglichkeit,

und ihr häufiger Umgang mit ihm, dies, für sie höchst kränkende,

Gerücht, zu bestätigen scheinen mußte, und schlug ihm eine Reise vor.

Er errieth ihre Bewegungsgründe, und willigte zart und liebend ein, sie

auf zwei Jahre zu verlassen, ohne ihr selbst zu verrathen, wie schwer

ihm diese Trennung wurde.

Natalie liebte ihn wie einen Bruder, und sie versank nach seiner

Abreise, die sie ganz vereinzelt zurückließ, in einen Zustand finsterer

Betäubung und starrer Fühllosigkeit, der ihr selbst das Bewußtseyn

des Schmerzes nahm. Sie schien ruhig, und glaubte selbst es zu seyn.

Ohne Thräne, mit kalter Fassung, schied sie von dem Schauplatz ihres

bisherigen Lebens. Am Morgen ihrer Abreise rief sie vor Sonnenaufgang

ihrem Mädchen, sie noch einmal nach dem Kirchhof zu begleiten, wo

ihres Bruders Grab war. Dieser Abschied erweichte sie -- wehmüthige,

hofnungslose Sehnsucht nach seinem tiefen festen Schlaf ergriff sie,

und die Ahndung, ihr Herz werde nie wieder ruhig und leicht werden, so

lange es in ihrer Brust schlage. -- Der Rückweg führte sie vor Rudolfs

Hause vorbei. Es war früh vier Uhr; alle Fensterladen der Straße waren

noch uneröffnet; alle Thüren verschlossen. Nur auf dem Fenster seines

Schlafzimmers lag golden der Wiederschein desselben Morgenrothes, das

eben das Grab ihres Bruders erleuchtet hatte. Unter dem Vorwand der

Müdigkeit -- ach sie war es im andern Sinn ganz! -- sank sie auf die

hohe, steinerne Thürschwelle nieder, und hier lösete sich plötzlich

ihre starre Unempfindlichkeit in gränzenlosen, leidenschaftlichen

Schmerz auf. Sie kühlte die brennenden Augen an dem kalten, feuchten

Stein, und fühlte es mit zerreißendem, plötzlich sie mit Qual der

Verzweiflung durchzuckenden Bewußtseyn, daß er wissentlich ihr Herz,

ihr Glück, ihre Liebe, in den Staub getreten hatte, wie morgen

unwissentlich diese Thränen, die sie um ihn weinte. --

Und in diesem Gefühl erkannte sie schreckend, daß sie ihn, den

Verachteten, noch liebe! -- Diese Minute traf ihr innres Leben. --

Zweiter Abschnitt.

Der Jugend Glück entflieht mit Beben

Vor des Gedanken strengem Blick,

Und furchtbar rauscht um unser Leben

Dein Köcher, eisernes Geschick!

Nataliens neuer Wohnort war lieblich und angenehm; aber sie hatte

keinen Sinn mehr für seine stille, reizende Ländlichkeit. Der Geist

sanfter Gefühle und milder Schwermuth war ihr entwichen, und ihr Gemüth

rang gewaltsam mit dieser Umschaffung ihres innersten Wesens. Durch

und durch war sie verändert. Stumm, verschlossen und kalt gegen Alles,

was sie umgab, schien sie auch alle Liebe zur Kunst und Wissenschaft

verloren zu haben, und mit ihrem Denk- und Empfindungsvermögen nur auf

wenige herzzerreißende Erinnerungen und Gedanken beschränkt zu seyn.

Die einzelnen verlornen Worte und Aeußerungen, die wie Blitze zuweilen

ihr verstörtes Gemüth enthüllten, deuteten den finstersten Gram und

den bittersten Unmuth gegen das Leben an. Ihr Geist, der im Umgang mit

Rudolf unvermerkt von der schönen Wahrheit des Gefühls und der Idee

abgewichen war, deren ein Weib bei ungestörtem Frieden so wohlthätig

genießt, gab sich nun spitzfündigen Grübeleien hin, die sie mehr und

mehr verleiteten, das Leben und seinen Zweck so verächtlich als möglich

aufzufassen.

„Weg,“ sagt sie auf einem damals von ihr niedergeschriebenen Blatte,

„weg mit jedem Trost, mit jeder Hoffnung, weg mit aller Resignation.

Soll ich mir durch diese geistige Medizin noch Farbe und Leben anlügen,

wenn ich den Tod im Busen trage? Der Schleier, der mir die Welt und das

Leben schonend barg, ist zerrissen -- ich habe die Wirklichkeit hinter

ihm erblickt, und werde von ihrem Anblick nie wieder gesunden. Leben,

deine Vampyrn lauschen unter Rosen versteckt -- Deine Freuden wehen uns

Kühlung zu, damit der Stachel unbemerkt desto tiefer in das arglose

Herz dringe, und uns desto schmerzlicher verwunde. Aber ich habe diese

Rosen sich entblättern sehen -- und kenne Dich nun Du höhnischer,

spottender, lügender Traum, den ich jetzt mit Ekel nur fortträume,

weil ich muß, und weil es mich nicht reizt, ihn auf einer andern Erde

noch einmal von neuem zu träumen. Die armseligen Zufälligkeiten des

Glückes haben meine Blicke, meine Wünsche, nie auf sich gezogen --

einem schöneren, höheren Traume vertraute ich den Gehalt meines Daseins

an, und die Ideale meines Herzens waren zugleich seine Ideale. Wenn es

eine Vorsehung gäbe, wenn Tugend und Liebe ein wirkliches, außer meiner

Vorstellung gegründetes, Dasein hätten: so müßten sie erröthen vor

meinen Hoffnungen, und vor der Treue, mit der ich sie umfaßt hatte --

nur für sie lebte ich; vor den Phantomen meiner eignen Phantasie beugte

ich die Knie und betete an, was ich selbst erschaffen hatte! --“

„Schreckliche, schreckliche Stunden, in denen ich begreifen lernte,

daß unsre Irrthümer und Verbrechen, wohl mehr als unsre Tugenden, die

Absicht des Schicksals seyn mögen -- denn warum, warum sonst diese

jämmerliche Welt, voll Kummer und Verzweiflung, diese Wüste des Elends

ohne Hoffnung? -- Was kann mir das Wesen gelten, dessen Wille in ihr

das Gute statt des Schlechten hervorbrachte, und Fluch und Verzweiflung

austheilte, wo es in seiner Macht stand, Seegen und Liebe zu spenden?

-- Der Mensch muß nun so leichtsinnig, so blind, so schwach seyn,

damit er nur nicht seine Blicke auf das Geheimniß seines Daseins wende,

und durch seine eigne Hand die Erde wieder entvölkere. Die Vernunft

würde den Selbstmord heiligen, wenn die Thierheit sie nicht unterjochte

-- doch ach! dem Unglücklichen bietet selbst das Grab keine Zuflucht

dar -- für ihn ist keine Rettung, keine Hoffnung, so weit Zeit und

Ewigkeit reichen: +er kann sich nicht vernichten+! -- Stürze Dich

in das Weltmeer, springe in die lodernde Flamme -- die tyrannische

Macht, die Dich zum willenlosen Spiel ihrer Willkühr schuf, hält

Dich an unzerreißbaren Fäden, und erweckt Dich wieder zu demselben

jämmerlichen, und doch in seiner Jämmerlichkeit so furchtbar ernsten,

Spiel, das man auf Erden +Leben+ nennt! -- Ewig dasselbe Einerlei,

nur mit den Decorationen einer andern Sonne und vielleicht auch einer

andern Organisation -- denn, wenn es anders, edler, schöner sein kann,

sein soll, warum, warum denn nicht schon hier, da die Allmacht zum

Guten in der Hand des schaffenden Wesens lag? --“

„O hätte er dieser Welt nur +die Liebe+ gelassen -- was wäre

denn alles Weh der Erde? Sie würde uns mit Allem versöhnen und jede

Dissonanz des Lebens in himmlischen Frieden auflösen! -- Aber Du bist

mir untergesunken, holder Stern, und kannst nie wieder heraufleuchten

aus Deiner Nacht -- Du warst nur ein täuschendes Irrlicht. Vertrauen

dürfte der Mensch nur dann Deinem Zauber, wenn er ein Werk der

Willkühr, ein Tribut der Tugend wäre, dann hätte er in Dir das Diplom

seines Adels, die Bürgschaft für die Wahrheit seines Glaubens an die

geistige Welt. -- Jetzt aber buhlst Du mit dem Laster und grollst mit

der Tugend -- ich verwerfe Dich!“

„Ich bin jetzt ruhig. Der Sturm der Leidenschaft ist vorüber, und

gefallen sind seinem Wüthen alle Blüthen seeligen Wehes und süßer

Schwärmerei, die ehmals mein Leben schmückten. -- Ich bin ruhig und

still wie das Grab, das auch die Gestalt des ehmals Lebenden empfängt,

und Moder und Verwesung ausspeiet, wenn es geöffnet wird. -- O wenn

ich zuweilen um Mitternacht noch mein Fenster öffne, meine brennenden

Augen an der kühlen Nachtluft zu erfrischen, und die weite unendliche

Ferne, in der nichts mehr wohnt, das ich an mein Herz ziehen dürfte,

in stillem Sternenlichte vor mir liegt: dann überfällt mich eine

ungestüme, heftige, hoffnungslos in mir lautaufschreiende, Sehnsucht

nach den entblätterten Gefilden meiner Vergangenheit. Ich möchte dann

zu seinen Füßen sinken und flehen: gieb mir meinen Glauben zurück;

täusche mich noch einmal, aber tödte mich, eh’ die Täuschung sich

enthüllt.“

„Ich kann nie wieder werden wie ich war. Noch könnte ich sterben für

eine, für eine einzige Minute der Vergangenheit, wie ich Stunden an

seiner Hand, seinem Herzen, gelebt habe. Ich möchte all meinen Schmerz,

all meine Verzweiflung in ein Wort, einen Schrei zusammenfassen, und

damit entseelt zu seinen Füßen niederstürzen. --“

„Was soll mir das Leben? was soll ich der Welt? -- Wie ein übergrüntes

Schlachtfeld liegen beide vor mir. Tausende wandeln heiter und sorglos

auf dem, aus Blut aufgesproßten, Rasen; aber mir deckt er seine Todten

auf und den stummen Jammer, der unter ihm begraben liegt, und ich irre

schaudernd auf ihm umher. Nur Du, letzter einschlingender Strudel

dieses Lebens, Du Erdenge zwischen diesseits und jenseits, dunkles,

einsames Grab, bietest mir freilich keine Hoffnung, keinen Trost,

aber doch eine Zuflucht, die mich mit einem Bilde der Ruhe und des

Schlummers täuscht. -- O öffne Dich mir bald -- zieh mich hinab --

verhülle das gebrochene Herz -- schließe das Auge, das keine lindernde

Thräne mehr hat, sondern nur stummen Jammer! --“

In dieser finstern Stimmung verrannen ihr Monate. Ihre Eltern glaubten

sie krank, und die Todtenblässe ihres Gesichtes, das in lesbaren Zügen

die Geschichte ihres gebrochenen Herzens zeigte, bestätigte diesen

Wahn. Man zog einen Arzt zu Rathe; sie klagte über nichts, und nur die

Thränen ihrer Mutter erhielten es von ihr, daß sie von den verordneten

Mitteln Gebrauch machte. Schon seit einigen Monaten hatte sie Elisen

ganz von sich entfernet und ihre Eltern dringend gebeten, sie der edlen

Rudolphi anzuvertrauen, die das holde Wesen, das so ganz Natur und

Liebe war, gern unter ihre Zöglinginnen aufnahm. Natalie sollte jetzt,

da der Arzt es zur dringendsten Nothwendigkeit gemacht hatte, für ihre

Aufheiterung und Zerstreuung zu sorgen, ihre Mutter auf diese Reise

nach Heidelberg begleiten. Die Veränderung des Schauplatzes, und der

Anblick der herrlichen Main- und Neckargegenden, durch die ihr Weg sie

führte, wurden für Natalien sehr wohlthätig, und die vielen Thränen,

mit denen Elise von der geliebten Schwester schied, wirkten noch

wohlthätiger auf ihr Herz. Sie konnte, wenn sie das holde Kind, mit dem

weichen, liebevollen Herzen, an ihren Busen nahm, nicht verzweifeln an

Menschenherz, und was sie in spätern Jahren so unauflöslich an Elisen

band, war die dankbare Erinnerung an die vielen trüben Stunden, in

denen sie, wie ein Genius, Natalien durch die Gewißheit ihrer Liebe und

Treue emporgehalten hatte.

Die zärtliche Sorge der Mutter, die liebevolle Schonung, mit der sie

Natalien, zart und milde, wie nur eine Mutter es zu thun vermag,

zu erheitern und zu trösten suchte, ohne je durch eine Frage das

wunde Herz zu pressen, konnte für diese nicht verloren gehen. Die

Ueberzeugung, die sich ihr mit der unwiderstehlichen Kraft der

Wahrheit aufdrang, daß ihre Mutter ihrer zu ihrem Glück bedürfte, gab

ihrem verblichenen Leben wieder, durch den Beruf, für ein fremdes

Glück zu leben, Farbe und Gehalt. Die Mutter glaubte, zweckmäßige

Thätigkeit werde sie am ersten heilen, und folgsam gegen ihre

Wünsche, trat Natalie nach ihrer Zuhausekunft, in eine, ihr fremde,

Laufbahn häuslicher Geschäftigkeit und thätiger Sorge für Andre. Die

Ungebundenheit, mit der sie bis jetzt unumschränkt Herr ihrer Zeit

gewesen war, verschwand, da ihre Mutter ihr die Besorgung der innern

Wirthschaft übergab. Doch zog diese Thätigkeit sie mehr von der

Beschauung ihres Innern, der Enthülsung des Lebens, ab, als daß sie sie

zu heilen, und zur würdigeren Ansicht beider zurückzuführen vermocht

hätte.

Natalie führte den Haushalt, unter der Anleitung ihrer Mutter, mit

musterhafter Ordnung, und erwarb sich bald eine ziemlich vollständige

Kenntniß desselben. Auch die Feldwirthschaft, von der sie früher manche

theoretische Kenntnisse eingesammelt hatte, lernte sie nun practisch

kennen, da sie, dem Wunsch ihres Vaters zufolge, sich an das Reisen

gewöhnte; ihn täglich auf ihrem flinken Pferdchen zu den Arbeitern

begleitete, mit und für ihn, viele, zu diesem Fach gehörende, Werke

las, und noch mehr mit ihm und andern erfahrnen Landwirthen darüber

sprach. Auch vertraute ihr der Vater bald die Berechnung eines

beträchtlichen Theils seiner Einnahme und Ausgabe, mit Bestimmung

eines ansehnlichen Gehaltes, an. Ihr Steckenpferd aber wurde die

Obstbaumzucht, die sie als Mittel, den armen Unterthanen ihres

Vaters wohlzuthun, liebte, so wie sie auch die ganz vernachlässigte

Schulanstalt dieser Güter zu heben wünschte, und gemeinschaftlich mit

dem Prediger dafür sehr thätig war. Diese mannigfache Beschäftigung,

die jede Kraft ihres Geistes in Anspruch nahm, und sie vor aller

leeren Träumerei und Grübelei bewahrte, wirkte vortheilhaft auf ihr

Innres, und auch ihr Aeußeres gewann durch den Genuß der reinen

Landluft, durch die viele Bewegung, und durch die übertünchte Ruhe

ihres Herzens. Sie wurde jetzt wirklich ein sehr reizendes Geschöpf,

mit einem stolzen, edlen Wuchse, einer seelenvollen Physiognomie und

dem schönsten Colorit blühender Jugend. Gewiß hätte sie sich auch

auf diesem Wege wohlthätiger Güte und zweckmäßiger Thätigkeit wieder

zurecht gefunden im Leben, wenn ihr Genius sie vor der verderblichen

Macht eines fremden Einflusses bewahrt hätte, für dessen Gift sie, wie

sie es nach ihren bisherigen Schicksal seyn mußte, nur zu empfänglich

war.

Dem leidenschaftlichen, verheerenden Sturm in ihrem Innern war jetzt

eine Ruhe der Erschlaffung, eine Apathie der Gefühllosigkeit, gefolgt,

die sie sich zu prüfen scheuete, weil das Andenken der erduldeten Qual

sie von jedem festen Blick auf ihr inneres Leben zurückschreckte. Ihre

Eltern sahen viel Gesellschaft in ihrem Hause, und bildeten sich zwey

sehr verschiedene nachbarliche Zirkel, in denen Natalie, auf dringendes

Zureden der Mutter, oft erschien.

Der eine bestand aus mehreren Beamten, Pächtern, Predigern und

bürgerlichen Gutsbesitzern; der andre aus dem Adel der Gegend und

den Officieren eines in einer nahen Stadt stehenden Regiments. In

dem ersten Zirkel gefiel sich Natalie sehr gut; sie fand die Frauen

anspruchlos, die Mädchen munter und gutmüthig, die Männer mitunter

gescheut und kenntnißvoll. Das ungekünstelte Wohlwollen, mit dem sie

einfachen Menschen so herzlich und freundlich entgegen kam, gewann ihr

bald alle Herzen; und entfernte die Scheu, die ihre höhere, feinere,

Bildung im Anfang eingeflößt hatte. Sie sprach mit den Müttern so

verständig, war zu Rath und That immer so rein gutmüthig, ohne alle

Ansprüche, bereit, wo sie dazu aufgefordert wurde, ließ sich selbst

so willig und dankbar belehren, daß sie allen lieb wurde. Den jungen

Mädchen flößte sie bald Vertrauen ein; sie zeichnete ihnen Muster zu

ihren Stickereien, lehrte sie feine Handarbeit machen, schnitt ihnen

die neuesten Kleidermuster zu -- kurz, wer sie in diesem Zirkel sah, wo

sie oft in einer Stunde mit den Männern von Kleebau und Stallfütterung,

auch wohl mit einem der Prediger über Gegenstände der Litteratur und

der Kunst, und mit den Frauen und Mädchen von Kohl und Wurzeln, Gänsen

und Eiern, Mähen und Erntecollationen mit Interesse und freundlicher

Aufmerksamkeit sprach, mußte sie lieb gewinnen. Auch war sie in diesem

Zirkel allgemein geliebt, und galt jedem Einzelnen, in seinem Sinn, für

ein Muster weiblicher Vollkommenheit.

In dem andern Zirkel ihres nachbarlichen Umgangs fand sie hingegen

Eitelkeit, Sinnlichkeit, Kleinlichkeit und das jämmerliche Wesen des

engherzigsten Egoismus, wie es allenthalben, wo man sich zur großen

Welt rechnet, angetroffen wird, und auch, wie gewöhnlich in diesem

Kreise, mit dem Firniß äußrer Kultur überdeckt, und mit Sinn für Kunst

und Talent aufgeputzt. Ihr Geist fand hier oft angenehme Nahrung, und

sie lernte jetzt das Laster und das Unrecht in seiner glänzenden,

schimmernden Hülle kennen, die es in der Jugend so schwer macht, es als

Laster und Unrecht zu erkennen. Der Ruf ihres Geistes und ihrer Talente

war ihr voran gegangen, und die beiden glänzensten Meteore dieses

Zirkels, Mariane von Polliet und Graf N. kamen ihr mit achtungsvoller

Auszeichnung entgegen, damit, bei der Verbindung mit ihr, Nataliens

Licht mit ihrem blendenden Schimmer Eins werde und keiner seine

eigenthümliche Hülle bemerke.

Mariane verband mit einem kalten Herzen ein heißes Blut; aber mit der

feinsten Buhlerei wußte sie beides unter dem Schleier strenger Dezenz

und tiefen Gefühls zu verhüllen. Die Geschmeidigkeit ihres Geistes

verstand sie als Feinheit, ihre Unbesonnenheit als Offenheit, ihre

Maliçe als Witz, geltend zu machen. Sie besaß einen äußerst leisen,

geübten Tact für jede fremde Individualität, und paßte derselben ihre

Plane künstlich und verschlagen an. Nataliens Ernst im Benehmen gegen

Männer, ihre Gleichgültigkeit über den Eindruck den sie machte, reizten

oft Marianens Spott, die ihr dann ihr System über Liebe und Lebensgenuß

anpries.

Die Liebe, wiederholte sie ihr unermüdet, die Liebe, wie Sie sie

sich denken, macht uns Weiber immer unglücklich. Wir stehen unter

dem Druck eines harten Naturverhängnisses, welches unser Herz,

durch seine größere Reizbarkeit, Fühlbarkeit und Weichheit, von der

Herrschsucht der Männer abhängig macht, wenn wir nicht die Kunst

verstehen, +uns+, und dadurch sie, zu beherrschen. Glauben Sie

mir, liebe Natalie, je reiner, zarter und treuer wir sind, je weniger

passen wir für die heutigen Männer, denen die Liebe zur Fabel geworden

ist, und die nur ihre Sinnlichkeit, oft sogar nur ihre Eitelkeit,

gereizt fühlen, wo sie uns gerne überreden möchten, daß wir geliebt

sind. Im ersten Fall täuschen sie sich oft selbst, und wer darf mit

ihnen darüber rechten, da die Natur nun einmal bey ihnen diese nahe

Verwandtschaft zwischen Herz und Blut stiftete? -- aber im letztern

wollen sie nur täuschen. Unter tausend Männern gibt es kaum Einen,

dem die Ruhe, das Glück eines Weiberherzens, heilig sind; dagegen

fünfhundert vorsätzliche planmäßige Verführer, -- und von den übrigen

haben nur wenige den Vorsatz, einer Versuchung widerstehen zu wollen,

-- alle tausend aber die gemeinschaftliche Aehnlichkeit, daß sie auch

der schwächsten unterliegen.

So lassen Sie uns denn, sagte Natalie ernst, unser Herz für die

willkürlichen, schöneren Regungen der Menschenliebe und der

Freundschaft aufbewahren, und uns nicht der Gefahr aussetzen, es zum

Spielwerk eines Unwürdigen zu verschleudern.

Im Ernst, Liebe, das wäre eben so häßlich und tragisch, wie ein

Frühling ohne Blüthen und Nachtigallen. Lassen Sie uns lieber den

Gesichtspunkt für die Liebe aufsuchen, wo wir gefahrlos mit ihr --

spielen können, wie die Aegyptischen Damen mit den Schlangen, die

sie zur Kühlung im Busen tragen. Es ist ja unsre Schuld, wenn wir

vergessen, daß Amor ein Kind ist, und wir also mit ihm spielen sollen

und müssen, ohne mit dem muthwilligen Buben altklug thun, oder ihm gar

-- wie Sie mir Lust zu haben scheinen -- eine Alongenperücke aufsetzen,

und ihn darin eine Heldenrolle spielen lassen zu wollen. Das rächt sich

wie jede Unnatur, und paßt höchstens für eine einfältige Landnymphe,

die mit ihrem zärtlichen Schäfer, nach dem verjüngten Maaßstaab von

Herkules und Herkuliska, ihren Roman spielt. Ein solches Gänschen

mag ihr Herz in Thränenwasser aufweichen, und es ihrem Geliebten,

mit Seufzern und Vergißmeinnicht zierlichst empfindsam garnirt,

überreichen. -- Dem denkenden Weibe aber sey die Liebe nur eine

vorübergehende Thorheit, ein, zum angenehmen Lebensgenuß nothwendiger,

Zusatz, durch Geist und Grazie verfeinert und pikant gemacht. Unsre

Unschuld, unser Ruf, unsre Ehre, sind das Eigenthum des künftigen

Gatten, wodurch wir von ihm Rang und Vermögen erkaufen, und Pflicht

sey es uns, sie ihm zu bewahren, wenn auch nur aus Dankbarkeit, daß er

uns die Judengasse unsrer Mädchenetikette aufschließt. Gefallsucht ist

aber als Quintessenz der weiblichen Liebenswürdigkeit erlaubt, und ein

ganz nothwendiges Ingredienz reizender Weiblichkeit, die nichts als

eine weise geistig-körperliche und körperlich-geistige Kunst ist, den

Männern zu gefallen und sie zu beherrschen.

Nein, sagte Natalie hier schmerzlich entrüstet, Sie lästern die Liebe

und das reine Gemüth des Weibes; die Männer mögen seyn, wie Sie sie

schildern -- ich weiß es nicht -- aber unter uns giebt es noch Herzen,

die lieber brechen, als sich von unheiligen Empfindungen entweiht

fühlen möchten. -- --

Sie schwieg hier, und ihr, nur auf der Oberfläche erstarrtes, in der

Tiefe noch für alles Große und Schöne der Menschheit glühendes, Herz

spiegelte sich in der Thräne, die sie Marianen zu verbergen suchte.

Diese sah sie mit einem gutmüthig spottenden, höchst reizenden,

Lächeln an. Wissen Sie, fragte sie, wie ich mir diese Schwärmerei

empfindsamer Seelen erkläre? -- sie heißt mir der Fanatismus der

Empfindeley, und sie ist auch mit den Erscheinungen jeder andern Art

von Fanatismus so übereinstimmend als möglich. Je mehr der Fanatiker

für seine Wolkengöttin thut und leidet, je theurer wird sie ihm,

und die Gewohnheit sie anzubeten, däucht ihm bald so Wink seiner

innersten Natur zu seyn, daß er es für Schande halten würde, zu fühlen

und zu denken, wie andre gesund-vernünftige Menschen. Eben so geht

es den Schwärmern und den Schwärmerinnen in der Liebe; die reine

Geistigkeit, die vorgebliche Ewigkeit ihrer Gefühle, der seynsollende

göttliche Ursprung derselben, wird ihnen zum ~point d’honneur~

-- aber -- aber -- armes Kind, wenn Sie wüßten, wie irdisch sich der

geistig-geschlungene Knoten gemeinhin löset! -- Die Natur, die, früher

oder später, über diese Unnatur siegt, bewirkt, daß dieser Kothurn

doch nur für den Zweck, den sie der Liebe gab, wuchert. Ist dieser

erreicht, so wird aus der tragischen Epopoe eine burleske Posse, und

es ist daher sehr rathsam, die Stelzen gleich anfangs wegzuwerfen. Es

gab vielleicht einst eine Zeit, wo die Liebe sich in dieser Gestalt

zeigen mußte, wo das schalkhafte Kind zum Götterjüngling herangereift

zu seyn schien -- das war aber am Ende ein poetischer Traum -- wir

sind erwacht, und diese alte Zeit wird nie wieder neu werden. Die

höhere Bildung, die gereifte Vernunft unsrer Zeiten, hat aus der

einförmigsten, übellaunigsten Leidenschaft eine allerliebste, lustige

Thorheit gemacht, und unsre Schuld allein ist es, wenn ihr heitrer

Schein uns zum Irrlicht wird. --

Natalie schauderte vor der Frechheit dieser Aeußerungen zurück,

und wandte sich dann zu N. den sie schon, vor der persönlichen

Bekanntschaft, als sentimentalen, für die uneigennützigste Tugend, für

Liebe, Wahrheit und einfachen Lebensgenuß, begeisterten Dichter geliebt

und geschätzt hatte. Aber mit unbeschreiblichem Erstaunen lernte

sie jetzt in ihn einen praktischen Epikuräer und den gefälligsten

Verfechter jeder eignen und fremden Schwäche kennen.

Er traf sie einst bey einem Besuche allein zu Hause; er fand sie

lesend, und, als sie den Kopf, bey dem Geräusch seines Eintrittes,

wandte, sah er in ihren Augen noch die Thränen der schönen Rührung, mit

der sie gerade einen Aufsatz von ihm über die wahre Schönheit gelesen

hatte. Erröthend legte sie das Buch weg; doch verstimmter denn je, für

den geistreichen, gelehrten Ton seiner Unterhaltung, der ihr heute wehe

that, zeigte sie ihm, was sie gelesen hatte, und fragte ihn offen und

treulich, wie er diesen Widerspruch seines innern und äußern Lebens in

sich dulden könne?

Es wäre schlimm, antwortete er ihr, wenn die Poesie mich dem wirklichem

Leben entfremdete, und ich von ihren bunten Schmetterlingsflügeln die

Kraft fordern wollte, mich durch die Welt zu tragen.

Also, fragte Natalie bestürzt, gilt Ihnen diese Begeisterung für

Schönheit und Wahrheit, dies Suchen und Ergreifen des Umwandelbaren

im wandelbaren Leben für nichts mehr als für ein leeres Spiel der

Phantasie, ohne alle Realität?

Wahrlich, sagte er nach einigem Schweigen, wenn ich nicht so fest

überzeugt wäre, daß Täuschung über diesen Punkt sich unausbleiblich

selbst zerstört, und dann viel schmerzlicher, als es die warnende

Stimme des Freundes zu thun vermag; wenn ich es nicht für bedeutenden

Gewinn hielte, die Welt und Menschen, so früh als möglich, in ihrer

wahren Gestalt kennen zu lernen: so würde ich es mir zum Vorwurf

machen, den Zauber zu zerstören, den Ihre holde Phantasie dem Leben

leiht. Ach, meine Freundin, fuhr er inniger fort, es ist noch keinem

Menschen vergönnt worden, an diese Träume zu glauben, bis das Grab

ihn vom Lande der Träume scheidet. Früher oder später tritt die

Wirklichkeit in ihrem abschreckenden Ernst vor uns, und zeigt uns

die geträumten Ideale als Götzenbilder, bei deren abentheuerlicher

Gestalt der reifere Mensch nur weilen kann, wie bei dem Schaukelpferde

und der Puppe, die ihn in der früheren Kindheit ergötzten. Auch Ihre

Stimmung, Ihre Reinheit, Ihre Schwärmerei werden Ihnen, liebe Natalie,

nicht bleiben, wie sie noch keinem geblieben sind, der, mit ihnen

ausgerüstet, in die Welt trat. Diese Tugenden sind liebliche Chimären,

Erzeugnisse des heißen jugendlichen Herzens, die, wie jede andre

Blüthe, mit der Jugend verschwinden würden, wenn auch keine Erfahrung

und Einwirkung von außen sie zerstörte. Der ältre Mensch wird kühler,

besonnener -- seine Pulse klopfen milder, seine Phantasie malt blasser,

und ihm bleibt von seiner Jugendschwärmerei nur eine süße -- oft aber

auch sehr bittre -- Erinnerung, und zuweilen der stille Seufzer,

daß sie nicht dauern konnte. Weh also dem, der sein ganzes Leben an

diese Träume vergaukelt! -- Nie können sie +daurendes+ Glück

gewähren und das Bedürfniß des Glückes wird mit jedem Jahre stärker

und leidenschaftlicher im Menschen. -- Bei Ihrer jetzigen Sinnesweise

können Sie, liebe Natalie, nicht der Gefahr entgehen, irgend einmal,

von allen Ihren Schwärmereien verlassen, dazustehen, ohne alle Mittel,

sich wieder mit dem Leben und Ihrer Erkenntniß der Wirklichkeit zu

versöhnen. Jetzt scheint es Ihnen leicht und groß, ohne alle Ansprüche

auf Lebensgenuß, nur für kalte Pflichten und fremdes Glück zu leben

-- aber es wird eine Zeit kommen, Natalie, wo Sie Ihre Rechte und

Forderungen an Glück und Genuß tief, tief, fühlen werden; wo von dem

ganzen System Ihrer jetzigen Gefühle, die Sie zum Theil für Grundsätze

halten, nichts in Ihnen zurück bleiben wird, als die schmerzliche Reue,

so viele Vorzüge, so viele Geisteskräfte, die Sie zu einem heitern

frohen Genuß des Lebens empfingen, für diesen Zweck unbenutzt gelassen

zu haben. Sie können in diesem Augenblick so wenig die Denkungsweise

eines spätern Jahrzehends verbürgen, als der Träumer seinen Zustand

nach dem Erwachen.

Sie glauben also nicht, unterbrach ihn Natalie, daß in der moralischen

Natur des Menschen jene Hinweisung auf ein Gebot der Pflicht liegt,

die, wie mich dünkt, allein dem kleinen Leben Werth zu geben vermag.

Das Paradies meiner Jugendträume, in dessen Besitz Sie mich noch

glauben, ist schon hinter mir versunken -- aber eben das erscheint

mir als das finsterste, hoffnungsloseste, Geschick, was Sie mir als

Lebensweisheit preisen. Giebt es in und außer uns nichts Höheres,

als die Freudenblumen irdischen Genusses; so haben wir wahrlich

für den Gaumen und den Hunger eines Halbgottes nur Thierweide und

Thierspeise. --

Giebt es denn eine Geisteskraft, fragte er, deren Zweck nicht durch

die Ausbildung und Verschönerung des Genusses dieses Lebens erreicht

wird? -- Wie hoch standen nicht die Griechen in Lust und Schmerz, deren

geistiger Gesichtskreis sich doch auf dies Leben beschränkte, und deren

Tugend, deren Freude, von der Erde ausging und zu ihr zurückkehrte,

wie jene Bäume, deren Gipfel sich herabsenken, um zu neuen Wurzeln zu

werden. Die Sentimentalität der Neueren -- ihr Hinüberspielen dieses

Lebens in ein Reich der Ideen und der Träume, ist eine Frucht der

Entbehrung und der Sehnsucht. -- Der glückliche Grieche, der das Leben

wirklich genoß und zu genießen verstand, konnte sie daher nicht haben.

Die Natur gab uns Geist und Blut; all das Dunkle unsrer Organisation,

was wir so gerne in seiner Unergründlichkeit heilig nennen, sind

Aufwallungen des letztern, farbige Seifenblasen des erstern, und die

schöne moralische Welt, in der man so lange man jung ist, Anlage hat,

den Don Quixote zu spielen, verschwindet wie ein Nebelgebild in farb-

und gestaltlosen Duft, wenn uns die reifende Vernunft, durch das Glas

der Erfahrung, die Dinge zeigt, wie sie sind, und in der Wirklichkeit

seyn sollen. Genießen Sie immerhin Ihrer jetzigen Träume als einer

Jugendblüthe; nur vergessen Sie nicht Schillers eben so schönes als

gehaltvolles Wort:

Was man von der Minute ausgeschlagen

Giebt keine Ewigkeit zurück. --

Natalie bebte, und lange rang sie mit Ernst gegen den Einfluß dieser

Menschen auf sich; aber der Schein des Lächerlichen, den man auf

ihre Vertheidigung jedes edlern Zweckes unsers Daseyns warf, machte

sie stumm, und ach! diese Menschen waren glücklich und ihr Glück

schien die Richtigkeit ihrer Ansichten zu verbürgen. Ermattet vom

vorhergehendem Kampfe, ließ sie endlich das Gift dieser Sophistereien

unbeachtet in sich fortwirken. Sie faßte das Leben und das Treiben

der sie umgebenden Menschenmenge schärfer ins Auge, und ihr Blick,

der bis jetzt die äußern Erscheinungen wenig beachtet und nur in

der Tiefe eigner Selbstbeschauung geweilt hatte, lenkte sich jetzt

auf jene hin. Sie sah nun, wie die Feinheit und Sentimentalität die

ästhetische Cultur, worauf die, die sie besaßen, so eitel waren, und

die sie selbst bis jetzt für die zarteste Blüthe geistiger Bildung

geachtet hatte, ohne innern Gehalt nie in das Gemüth drang, sondern

nur auf der leichten Oberfläche des Lebens und des Karakters weilte.

Ihr ernster Geist bemerkte mit tiefem Unmuth, wie die Wahrheit

selbst zum Vorurtheil herabgewürdigt wurde, weil man in ihr nur den

Wiederschein eigner kleiner Persönlichkeit liebte und vertheidigte.

Sie sah, wie man sich einander häßlicher Gebrechen unter schönen Namen

als Tugenden anrechnete -- sie sah das allgemeine Streben nach Glanz

und Schein -- die knechtische Herabwürdigung des Verdienstes vor den

Reichen und Mächtigen -- das leidenschaftliche Jagen nach Geld, als

den Kaufpreis alles Würdigen, und ihr Gefühl dabei war finstrer,

bittrer, verachtender Unmuth. Aber tiefer noch, als diese Unwürdigkeit

der Schlechten und Mittelmäßigen, verwundete und schmerzte sie die

Verkehrtheit der Besseren, die genug zu haben und zu thun wähnten,

an einer Spekulation des Gedankens, die nie in das thätige Leben

eingriff, und bei diesem leeren Ideenspiel zufrieden waren, wenn sie

sich und andern ihre allmächtige Abkühlung gegen das höhere Interesse

der Menschheit, für Ruhe und Reife, ihre Kälte für verständige

Besonnenheit, und ihren Mangel an Begeisterung für Klarheit anrechnen

konnten. --

Sie stürzte sich jetzt ins Gewühl der Welt und der Menschen, um nach

einem Anklang zu horchen, der sie Befriedigung für die immer wieder neu

erwachende Sehnsucht ihrer Seele hoffen lassen könnte -- vergeblich!

vergeblich! -- Immer mehr verarmend an jeder schöneren Hoffnung,

gereizt durch Beispiel, betäubt durch die Sophistereien eines, eben so

falschen als blendenden, Raisonnements, hingerissen von dem Schimmer

eines schuldlosen, fröhlichen Leichtsinnes, der nichts höheres wollte,

als angenehm tändeln, gab sie sich nach und nach einem rauschenden,

eitlen Leben hin, im Wahn, es, sobald sie wolle, wieder von sich

weisen zu können, wie sie es jetzt sich aneigne. Das gesellige Leben

wurde nun ein glänzender Schauplatz für ihre geistigen Kräfte, und sie

bildete es zum reizenden Kunstwerk aus. Was Geist, Freiheit, Grazie und

Talente, Liebliches und Anmuthiges, im flüchtigen Vorübergleiten des

Lebens, darzustellen vermögen, stellte sie in sich dar, und empfand den

Schmerz, daß es Allen, die in ihren Kreis traten, für das Höchste galt,

was ein Weib ist sich darzustellen vermöge. Ihr selbst konnte es dies

aber nie werden, weil sie, da ihr Gemüth eine Tiefe hatte, die dies

Leben nicht zu füllen vermochte, das Gefühl höherer Bedürfnisse nicht

zu ersticken vermochte.

Natalie, und mit ihr jede edlere weibliche Seele, kann wohl, als

Figurantin, in dem bunten Gewühl des eitlen Weltlebens auftreten, und

seine flüchtigen Erscheinungen an sich vorübergleiten lassen; aber sich

ihm hingeben und eine Rolle darin übernehmen, kann sie nicht, ohne

jene schöne Kindlichkeit einzubüßen, die, wie die Unschuld, nur einmal

verloren wird. Nur aus dem +Herzen+ des Weibes keimt sein wahres

Leben fröhlich und fromm hervor, wie die Pflanze, durch Sonnenschein

und Luft, sich aus dem Keime entfaltet -- wo es aber aus Eitelkeit und

Weltfreude, oder auch aus dem Geist, aus Raisonnement und Wissenschaft,

aufgehen soll, wird es ein Produkt aus dem Treibhause der Unnatur.

Auch an Natalien rächte sich der Irrthum, mit ihrer neuen Lebensweise

gefahrlos spielen zu können. Sie fühlte selbst, wie viel Gekünsteltes

und Falsches sich ihr wie Kletten anheftete, und was von Andern

als die feinste Blüthe ihres Geistes und ihrer Liebenswürdigkeit

gepriesen wurde, machte sie mit sich selbst immer uneiniger. Sie hatte

nicht den fröhlichen Leichtsinn, mit dem manches weibliche Wesen,

eben so gedankenlos als heiter, durchs Leben geht, und wo sie ihn

erkünstelte, blieb ihr immer das Gefühl, daß sie etwas treibe, wovon

ihr Gemüth unmuthig sich abwende. Je lauter es um sie, je größer und

glänzender der Kreis ihrer Bewunderer wurde, dem sie Tonangeberin,

Freudenspenderin hieß, desto finstrer wurde es in ihr, und desto trüber

die geheime Wehmuth, mit der sie dem, was sie einst gewesen zu seyn

fühlte, nachblickte.

So verstrichen zwei Jahre.

Rudolf war schon seit achtzehn Monaten Louisens Gatte, und jetzt wurde

sein Bruder Verlobter einer nahen Verwandtin Nataliens, und diese, mit

ihren Eltern, zu seiner Hochzeit nach der Stadt geladen, die sie, seit

ihrem Aufenthalt auf dem Lande, noch nicht wieder besucht hatte. Rudolf

hatte sich, nach ihrer Entfernung, oft unedel über sie geäußert, und

auch jetzt lag in dem Briefe, worin er sie, als ernannter Marschall bei

der brüderlichen Hochzeitsfeier, zu derselben einlud, unter dem Schein

der ehrerbietigsten Höflichkeit, ein leiser triumphirender Spott, der

es verrieth, wie er sie noch nicht fähig halte, die an seinen Anblick

gebundenen Erinnerungen, ohne tiefe, schmerzliche Erschütterung, zu

ertragen. Natalie war entschlossen, die Eitelkeit dieses Menschen, der

mit ihrem Herzen ein so grausames Spiel getrieben hatte, zu demüthigen.

Ihr Haß, ihr Unwille konnten ihm schmeicheln, wie er es unmuthig

empfinden mußte, wenn sie ihn übersah, oder ganz unbefangen sich gegen

ihn zeigte, und wissentlich und vorsätzlich bot sie alles auf, ihre

Erscheinung in S... so reizend und glänzend als möglich zu machen. --

O, Natalie, was war aus der schönen frommen Einfalt, aus der Demuth

geworden, mit der Du ehmals Deine Tugenden verhülltest und um Deinen

eignen Reiz nicht wußtest! -- Ach, Du hattest nicht allein gelitten --

Du warst auch gesunken! --

Die ehmals so stille, schimmerlose, veilchenähnliche Natalie, trat

jetzt im Zirkel ihrer alten, städtischen Bekannten, als feine gebildete

Weltdame, und in der reizenden, fast üppigen Blüthe jugendlicher

Frische und Gesundheit, auf. Sie zog durch die Neuheit ihrer

Erscheinung und durch die geschmackvolle Pracht ihres Anzuges alle

Augen auf sich, und ihr Geist, ihr Witz, ihr, zur höchsten Feinheit

ausgebildeter, Conversationston boten ihr, vereint mit der Grazie

ihres Benehmens, unerschöpfliche Hülfsquellen dar, zu fesseln, was sie

einmal angezogen hatte. Am Tage ihrer Ankunft schon traf sie Rudolf

mit seiner Frau in einer Gesellschaft an. Er näherte sich ihr, sie zu

bewillkommen; als sie ihm aber so stolz, so leicht und unbefangen,

ohne die leiseste Spur von Verlegenheit und Zwang, entgegentrat, fühlte

er sich unerwartet gedemüthigt. Bald aber nahm er sich zusammen, und

wollte vor ihr durch seinen Witz und Humor glänzen, und sie das alte

Uebergewicht wieder fühlen lassen; sie begegnete ihm indeß auch hier

so gewandt, wußte den Gang des Gesprächs so ganz in ihrer Gewalt

zu behalten, daß sie auch in diesem Wortgefecht und Witz-Spiel als

Siegerin erschien. Mit einer, ihrer ganz unwürdigen, Kunst, schien

sie ihn dann ferner gar nicht zu beachten, und wußte doch unvermerkt

in seiner Nähe, und wo sie sich von ihm bemerkt fühlte, von neuen

Seiten zu glänzen. Täglich fühlte er sich durch sie von einem neuen

Zauber umstrickt, dessen Macht die Huldigung, die man ihr allgemein

darbrachte, verstärkte. Und von ihr, die ehmals nur für ihn lebte, und

voll anbetender Ehrfurcht zu ihm aufsah, fühlte er sich jetzt ganz

achtlos übersehen, wo er ihr nicht vorsätzlich in den Weg trat, und

dann aufgenommen, wie jeder andre gleichgültige Bekannte! -- Seine

tief verletzte Eitelkeit brachte ihn zu dem Gefühl, welches früher

Nataliens gebrochnes Herz, ihre zahllosen Thränen, ihr unermeßlicher

Schmerz, ihre unendliche Liebe nicht in ihm zu wecken vermocht hatten:

zur Reue über die Vergangenheit. Jeden Morgen sah er sie von neuem

mit der Hofnung, in einem von ihr unbewachten Augenblick zu entdecken,

ihre Gleichgültigkeit gegen ihn sey nur Maske; aber jeden Abend schied

er, betrogen in dieser Erwartung, von ihr. Natalie war nicht so ganz

geheilt, als sie früher es zu seyn gewähnt hatte -- die Wunde war

geschlossen; aber sein Anblick, und das häufige Zusammenseyn mit ihm,

dem noch immer so liebenswürdigen und verführerischen Manne, machten

ihr aufs Neue die Narbe fühlbar, und ihre einsamen Augenblicke waren

nicht so friedlich und heiter, wie sie selbst es in Gesellschaften zu

sein schien. Was ihr Kraft gab, ihre Rolle durchzuführen, war Louisens

bleiche, verweinte Gestalt. Natalie hatte ihr längst vergeben und

Louise war dieser Verzeihung würdiger denn je. In dem Manne, den sie

aus Liebe geheirathet hatte, fand sie den Tyrannen seines Hauses.

Mutter einer Tochter, der sie Nataliens Namen gegeben hatte, suchte

sie ihre früheren, jetzt von ihr so schmerzlich gebüßten, Verirrungen

durch die treueste Erfüllung ihrer Mutterpflichten zu vergüten. Es

erschütterte Natalien namenlos schmerzlich, als Louise sie, bei einer

großen Gesellschaft in ihrem Hause, nach der einsamen Kinderstube

führte, und ihr dort die kleine Natalie in die Arme legte. -- --

Gewisse Saiten der weiblichen Empfindung sind so fein, daß sie nur in

den unsichtbarsten Schwingungen ansprechen -- ihre Bebung aber durch

kein Wort ausgesprochen werden darf.

Nataliens Augen wurden naß, als sie das kleine holde Geschöpf, das

schmeichelnd seine Arme um ihren Nacken schlang, an ihr Herz drückte

-- schluchzend sank Louise in ihre Arme -- und in dieser Umarmung ohne

Worte fanden sich zwei Herzen wieder, die beide eines schöneren Looses

würdig gewesen wären. Louisens Unglück schärfte Nataliens Verachtung

gegen Rudolf aufs bitterste, und sie hätte ihr Herz lieber zerdrückt,

als ihn auch nur auf einen Moment errathen lassen, daß das Gewicht

der alten Ketten sie noch zuweilen drücke. Wochenlang hatte sie ja

auch schon im Voraus auf ihre Rolle gegen ihn studirt, und der ihr bis

zu diesem Zeitpunkt fremde Genuß der Kräfte, die sie jetzt nützte,

wurde ihr Entschädigung für den Zwang, den sie sich auflegte. Der

Hochzeitstag seines Bruders näherte sich. Am Polterabende desselben

erschien sie, in einem, dazu von ihr verfertigten Singspiel, reizender

denn je. Die theatralische prachtvolle Kleidung, die vortheilhafte

Beleuchtung, ihr himmlischer Gesang, und das sinnvolle Spiel ihrer

glänzenden Rolle, hüllten sie in einen Nimbus, der alle Augen blendete.

Die ganze Versammlung sah nur sie, und Alles, was sie umgab, schien

seine Stelle nur einzunehmen, um von ihr überstralt zu werden. Rudolf

fühlte mit bitterm Unmuth, was er in ihr von sich gestoßen hatte, und

als sie am Schluß allein vortrat und das Stück mit einer Anrede an

das Brautpaar schloß, hieng sein dunkler Blick, leidenschaftlicher

glühend, als in den schönsten Tagen ihrer Vergangenheit, an ihr.

Unwillkührlich fortgerissen, wurde das Lob, das er ihr sagen wollte,

zu so leidenschaftlichen Worten, daß es sie berechtigte, ihre tiefe

Verachtung seiner und den so lange bezwungenen Unmuth in den Blick zu

legen, mit dem sie sich schweigend von ihm wandte. --

Sie sah den Uebermüthigen, wie vernichtet, vor sich stehen -- sie

hatte sich diesen Triumph gewünscht, darnach gestrebt -- aber mit

dem Augenblick seines Genusses entfloh ihr der Genius schöner zarter

Weiblichkeit und sie hörte auf, besser zu seyn, als ihr Schicksal!

Sie kehrte mit ihren Eltern zurück, aber ihr verletztes Selbstgefühl,

das Bewußtseyn, unwürdig gehandelt zu haben, verfolgte sie; sie

haschte, um es zu betäuben, immer eifriger nach dem Genuß befriedigter

Eitelkeit, und ihr früheres Beruhen auf eignen Werth entfremdete sich

ihr ganz. In dem Zirkel von Hof- und Weltleuten, worin sie jetzt

fast ausschließlich lebte, konnte ein Geschlecht, das sie in Rudolf

verachten gelernt hatte, ihre Achtung nicht wieder gewinnen; sie hielt

sich berechtigt, die Männer zum Spiel ihres launenvollen Uebermuthes

zu machen, und fühlte nicht, daß sie sich ihnen zum Spiel hingab, weil

der Beifall dieses Geschlechts ihr durch den Aufwand von Geist und

Kunst, den sie es sich kosten ließ, ihn zu erwerben, zum Höchsten ihres

gehaltlosen Lebens geworden war.

Ihre Eltern wünschten, sie verheirathet zu sehen, und mehrere der

angesehensten und rechtlichsten Männer warben um ihre Hand, die sie

allen versagte, voll des entschiedendsten Widerwillens, sich je ein

Verhältniß dieser Art anzueignen. Unter den Schaaren ihrer Anbeter

zog mancher sie an; aber bis zum Herzen drang dieser Eindruck nie.

Alle beugten sich unterwürfig vor ihrem Geiste, und huldigten der

Herrschaft, mit der sie mehr eroberte und unterjochte, als einnahm

und gefiel, und diese Unterwürfigkeit, dies Eingehen in ihre Launen,

und die Ansichten, die sie zur Schau trug, ohne daß es wahrhaft ihre

Ansichten waren, haßte sie. In ihrer Seele lag die Ahndung eines

Wesens, von dem ihr Glück, Genesung, Trost, Veredlung kommen könne,

dessen Liebe die Verstimmung ihres Innern in Harmonie aufzulösen

vermöge. Sehr bestimmt fühlte sie, diesem Wesen noch nicht begegnet

zu seyn; aber sie hielt sich auch nicht mehr der Hoffnung werth, es zu

finden. Was konnte sie einem solchen Wesen noch seyn und werden? -- Zu

edel einst, um nicht selbst ihre jetzige Unweiblichkeit zu fühlen, die

Genuß darin suchte und fand, nicht Einem, sondern Allen zu gefallen,

sagte sie es sich selbst, der Mann, den sie ihrer Liebe würdig fände,

könne nur noch mitleidig in ihr auf die Spuren dessen herabblicken, was

sie ehmals war.

Von allen ihren männlichen Bekanntschaften wurde auch nur eine zur

bleibenden Erscheinung ihres Lebens, und zugleich Beweis, wie zart

sie, trotz der eignen Verstimmung, jede Blüthe einer fremden schönen

Individualität ehrte. Der Prediger ihres Dorfes hatte einen jüngeren

Bruder, August, dem die Natur zu einem heißen schwärmerischen Herzen

das Gegengewicht eines tiefdenkenden Geistes, und ein seltnes

Gleichgewicht zarter reiner Empfindung und der Anlage zu ernster

Karakterfestigkeit, schenkte. In ländlicher Stille und Einsamkeit von

seinem Vater erzogen, trat er jetzt, in seinem achtzehnten Jahr, in

eine ihm nur aus seinen Büchern bekannte Welt. Er sollte, ehe er die

Akademie bezog, noch einige Monate bei seinem Bruder zubringen, um von

dessen Einsichten seine gesammelten Kenntnisse ordnen und sich zur

Benutzung der neuen Quellen des Wissens, die ihm binnen kurzem geöffnet

werden sollten, Anleitung geben zu lassen. Hier lernte er Natalien

kennen. Dem mit Dichterideen vertrauten Jüngling, der von ihrem

Geschlecht nichts, als einige ungebildete Prediger- und Pächtertöchter

kannte, erschien sie wie ein höheres, durchaus idealisches, Wesen. Ihr

Stand und der Luxus ihrer Umgebungen vergrößerten noch die Scheidewand

zwischen ihnen, und sicherten ihn vor jedem gefährlichen Eindruck.

Natalie fand ihn bald in seinen Kenntnissen und seiner rein poetischen

Natur auf, und zeichnete ihn durch freundliche Güte aus. Der Prediger,

der sie sehr schätzte, bat für August um die Erlaubniß, ihr elterliches

Haus oft besuchen zu dürfen, damit er künftig nicht ganz als Neuling in

das gesellige Leben eintrete, und August fand nun Gelegenheit, Natalien

fast täglich zu sehen, und das nicht bloß im größern Zirkel, wo sie

nur blendete und ihm immer fremd geblieben seyn würde, sondern auch

im Familienkreise, und mitunter auf ihrem einsamen Zimmer. Sie ließ

sich oft von ihm vorlesen, und knüpfte an das Gelesene Gespräche, in

denen sie ihm, mit der zartesten Achtung für seine poetische Ansicht

des Lebens, die sie an dem frischen, jugendlichen Gemüth liebte und

ehrte, den Schatz ihrer Welt- und Menschenkenntniß öffnete, und mit

Verhüllung ihrer düstern Ansichten und bittern Erfahrungen, ihn nur

darauf hinwies, poetische Menschen, von den Besten, Weichheit, von

Zartheit des Gefühls, Spannung der Leidenschaft, von Kraft und Energie

unterscheiden zu lernen. Die innere Bestimmung des Menschen, den hohen

Werth des +Selbsts+, die Kleinlichkeit des +Ichs+, zeigte sie

ihm aus den mannigfaltigsten Gesichtspunkten, als das höchste Kleinod

aller Spekulation des Gedankens, aller Bildung, und benutzte die rege

Empfänglichkeit des Jünglings für die Lehren eines reizenden weiblichen

Wesens, um seine Begeisterung für Liebe, Wahrheit und Pflicht zu

läutern und zu nähren. Es that ihr unbeschreiblich wohl, Wahrheiten,

deren Läugnen sie nur im Begriffe mit sich herumtrug, ohne daß ihr

innerstes Gefühl ihnen je untreu wurde, das Wort zu reden, und sie

gewann den Jüngling, in dieser Sorge für seine Bildung, schwesterlich

lieb, und freute sich der Unbefangenheit, mit der sie ihm das zeigen

durfte.

Elise war in der langen Entfernung dem Herzen ihrer Schwester

nicht fremd geworden. Natalie besuchte sie jährlich, und hieng mit

mütterlicher Sorge und Liebe an dem Wunsch, sie vor den Abwegen zu

bewahren, auf denen sie selbst verirrt war, und sie ganz für einfaches

häusliches Glück zu bilden. Zufällig erwähnte sie ihrer einigemale

mit großer Innigkeit im Gespräch mit August, und dieser, den die

zärtliche Ehrfurcht, die Begeisterung, mit der er an Natalien hing, in

einen, ihm bisher fremden, Rapport mit dem ganzen Geschlecht gesetzt

hatte, faßte Elisens von ihr entworfenes Bild mit einer Wärme auf, die

in Natalien zuerst den Gedanken an die Möglichkeit einer künftigen

Verbindung beider weckte, mit dem sie, je öfter er sich ihr darstellte,

immer vertrauter ward. Vorsätzlich heftete sie jetzt die Phantasie des

Jünglings auf Elisens Bild, und führte sie auch seinem Herzen näher,

indem sie ihm einige ihrer Briefe lesen ließ, in denen das Herz eines

Engels und die Kindlichkeit der süßesten Unschuld sich aussprach.

Nataliens Schwester hätte ihn immer interessirt; aber die Schreiberin

dieser Briefe würde er geliebt haben, wäre ihm auch ihr Name unbekannt

geblieben. Natalie freute sich dieses sichtlichen Eindrucks, und

sorgte jetzt, mit der vollen Unbefangenheit und Freimüthigkeit einer

Schwester, für ihn. Sie verschaffte ihm, als er zur Universität abging,

Empfehlungen an mehrere der angesehensten Häuser, und an einige der

geschätztesten Professoren, und man war es zu gewohnt, sie mit Rath

und That thätig zu sehen, wo sie nützen konnte, als daß man diese

Theilnahme befremdend gefunden und sie mißverstanden hätte. August

fand daher durch ihre Vermittelung Zutritt in die gebildetesten

Zirkeln seines neuen Aufenthalts, und Nataliens Andenken und Elisens

Bild gingen mit ihm als Schutzengel durch Jahre, die nur zu oft des

Jünglings Werth und Glück zerstören. Er schrieb Natalien oft, und die

Rechenschaft seines Lebens und des Fortgangs seiner Bildung, die er in

diesen Briefen niederlegte, erhielt ihm eine Grazie der Sittlichkeit

und der Empfindung, die in dieser Reinheit den mehrsten Männern zur

Fabel geworden ist.

Rhode kam jetzt nach mehrjähriger Entfernung in sein Vaterland

zurück, und kaufte sich in der Nähe von Nataliens Wohnort das schöne,

romantisch gelegne Gut, Nepernitz. Nataliens Bild hatte ihn auf seinen

Wanderungen begleitet, und führte ihn jetzt in seine Heimath zurück,

wo er sie, wie ihn dünkte, reizender und liebenswürdiger, als er

sie verlassen hatte, wiederfand. Auch Natalie sah mit Vergnügen den

ältesten und treuesten Freund ihrer Jugend wieder; aber trotz der

größeren Gewandtheit und Politur, die ihm diese Reise gegeben hatte,

ging die stille herzliche Liebe, zu der sich seine Neigung für sie

ausbildete, in ihrer einfachen Wahrheit für Natalien verloren, die es

zu gewohnt war, das häusliche Leben und die Ehe mit dem häßlichen

Zusatz von geistlosen Umgebungen und gänzlichem Mangel an schöner Natur

und Poesie, in der langweiligen Einförmigkeit zu sehen, die leider nur

zu oft das reinste und schönste aller Erdenverhältnisse entstellen.

Wie tief sie überhaupt verletzt war, wie schmerzlich sie die

Disharmonie ihrer Lebensweise und ihres Gemüthes, ihrer Ansichten und

ihrer Empfindungen, fühlte, und welche stille, hoffnungslose Sehnsucht

an der Blüthe ihres Lebens zehrte, mag uns ein Blatt aus ihrem

Tagebuche enthüllen, das sie am Morgen ihres zwanzigsten Geburtstages

schrieb.

den 17. December.

So sind denn also schon zwanzig meiner Lebensjahre entflohen! -- die

erste schöne Jugend, die Blüthe des Lebens ist mit ihnen dahin --

ach! hat denn diese Blüthe mir geduftet? fallen ihre Blätter jetzt

nur, damit die Frucht sich entwickle und reife? -- Nein -- ungenossen

entflieht sie und nie kehrt sie wieder! --

Ohne Wunsch, ohne Hoffnung, ohne Sehnsucht, verarmt an Glauben und

Liebe, trete ich in dies neue Lebensjahr ein. -- Mein Innres liegt in

Ruinen, über denen düster der Geist finstrer Lebensbeschauung schwebt.

O wie kann der Mensch so mit Bewußtseyn, so bei vollem physischen

Leben, sich selbst geistig so absterben! Woran soll ich in mir das

Wesen wieder erkennen, das ich vor sechs bis sieben Jahren war? Ein

widriges Gift nagt an meinem Geiste -- ich fühle, wie es meinem Herzen,

dem Mittelpunkt des Lebens, näher und näher schleicht; aber mir fehlt,

mit der Kraft, der Wille, seinen Sitz aufzuspüren, und das Gegenmittel,

ihm zu begegnen. --

Nichts gleicht dem Schmerze, mit dem wir in der Natur einsam und

gespensterartig umherwandeln, wenn wir den Glauben an die Seele

derselben verloren haben, und sie uns nun nichts weiter ist, als ein

zweckloses Maschinenwesen, ein Kreislauf, der nur Leben schafft, damit

der Tod zu würgen habe. Was ist die Harmonie des Weltalls ohne einen

Hörer? -- und wenn sie dieses Hörers bedarf, um Seele und Bedeutung

zu erhalten -- ach, dann sind ja diese wieder nur von ihm entlehnt?

-- ich habe ihr nichts mehr zu geben, das mir aus ihrem Spiegel

zurückzustralen vermöchte, und so ist sie für mich nur ein todtes

Farben- und Sinnenspiel, aus dem mich kein heiliger Geist der Liebe

mehr anredet. Ich fühle mich von ihr gestoßen, von ihr gerissen, und

darf nirgends, nirgends, fragen, warum ich es bin? -- wer kann, wer mag

mit einer blinden, willenlosen Nothwendigkeit rechten?

Aber wenn neben meinem jetzigen Verstummen die Erinnerung der Zeit vor

mich tritt, wo sie mir Hieroglyphe des seeligsten, vertrauungsvollsten

Glaubens war, dann möchte ich Flügel nehmen und von Himmel zu Himmel,

von Orionen zu Orionen fliegen, und suchen, dem ich klagen könnte,

klagen dürfte, -- möchte niedersinken und stammeln: Vater, hier bin

ich! verstoße mich nicht wieder! --

Aber sie sind zerschnitten, diese Bande, die mich an diesen Glauben

knüpften -- das verrätherische Spiel der Kräfte ist in mir geweckt, und

kein Machtspruch meines Willens vermag es mehr zu enden. --

Daß der Mensch, beim Eintritt in dies Leben, vom Schmerz empfangen

wird, daß tausend Leiden ihn umringen, daß der Tod seinem Herzen Wunden

schlägt, die unvernarbt bluten, bis er sie schließt, sollte mich nicht

an der unsichtbaren Hand irre machen, die das Schicksal leitet. --

Aber der Zweifel, vor dem der Glaube erstarrt, die Farbe des Lebens

schwindet und die ganze große Natur nur ein Abgrund wird, in dem alles

Daseyn +zwecklos+ untergeht, ist der, daß der Mensch elend ist,

elend wird, durch sein Sehnen nach Tugend und Liebe -- daß beide ihm

nie erscheinen -- die edelsten Wünsche seiner Seele unbefriedigt,

seine edelsten Anlagen unentwickelt bleiben -- daß er, um das einzige

ihm erreichbare Glück zu erreichen, nichts wie Thier seyn und bleiben

muß. --

Wahrheit, Tugend, Liebe -- ein heiliger Traum von eurer himmlischen

Dreieinigkeit war einst in meinem Herzen -- ihr waret das Ziel, dem ich

jede Kraft meines Geistes, meiner Seele, weihte -- wie Geistersonnen

erhelltet ihr mir meinen Pfad: aber da stiegen die Nebel des Lebens

vor mir auf, und sie zogen sich schwärzer und schwärzer zwischen euch

und mich, bis ihr, verdunkelt und verschwunden, mir zu trügerischen,

phantastischen Schöpfungen des eignen Herzens wurdet. --

+Wahrheit!+ -- Deine Göttlichkeit schwand mit dem entschleierten

Wahn, der mir für Dich gegolten hatte. Was unschuldig und einfältig in

meiner Seele ruhte, wurde durch die Weisen und Philosophen unsrer Zeit

frech ans Licht gezogen und von allem Wahn gesichtet und geläutert,

bis ihm die Seele entfloh, und nur ein todtes Wissen zurückblieb, das

keines der Bedürfnisse meines Herzens zu befriedigen vermochte.

Da wollte ich diesen Weg verlassen und zu meinem Gefühle zurückkehren.

Wo und wie aber seine Wahrnehmungen von den Täuschungen der Phantasie

sondern? -- Wahrheit des Gefühls war es, als früher meine Seele die

Welt in der schönen Verklärung der Liebe, des Glaubens und der

Hoffnung sah. -- Wahrheit des Gefühls war es, als es später wie ein

höhnischer, spottender, verächtlicher Traum vor mir lag. -- Beide

Ansichten gingen aus demselben Herzen, demselben Gemüth hervor --

welche Ansicht ist nun die wahrste? -- wie kann ich einer Welt trauen,

deren Ansicht von dem Widerschein einer ihr ganz ungleichartigen

abhängt? -- wie kann das Gefühl, von dem beide Ansichten ausgiengen,

zwischen ihnen über ihre Richtigkeit und Wahrheit entscheiden? --

Ach! keine Rückkehr ins Paradies des Glaubens ist möglich, wenn

der Engel der Erkenntniß mit seinem feurigen Schwerdte den Eingang

verbietet. --

+Tugend?+ -- auch das Streben nach ihr ist vergeblich, und

sie selbst ein Resultat von Umständen, die der Mensch so wenig

herbeizuführen vermag, als die Verhältnisse, die ihm sein Eintritt

in die Welt anweiset. Die Welt um uns her ist ihr zu feindlich, und

das Leben, weit entfernt, sie zu dulden, zerstört sie unausbleiblich.

Die Geschichte zeigt uns an einigen Menschen einzelne tugendhafte

Fähigkeiten, einzelne große, edle Handlungen -- aber nur ein ganzes

großes Leben kann Tugend heißen, und dies lebte keiner. Schwäche

und Thorheit bemächtigten sich des Menschen bei seinem Eintritt in

die Welt, und keiner, keiner, bleibt von ihnen unangefochten und

selbstständig, rein und fest. Erst zeigt sich das Unwürdige außer uns

in tausend mannigfachen Formen; es folgt uns auf jedem unsrer Tritte,

und das oft in so verdachtloser, wohl gar anmuthiger, Gestalt, daß wir

ihm das Herz öffnen, worin es denn wohnt, bis es nicht mehr schlägt.

Und +Liebe+? -- ach, von allen Träumen, die mein früheres Leben

verschönten, war der himmlischste auch der vergänglichste! -- Wo ich

ihr außer mir zu begegnen glaubte, wurde mein reines Hingeben, durch

den Unwerth des Gegenstandes, zur lächerlichen Posse, mit der jeder

mich auslachen konnte, der davon hörte. --

Einst sah ich in täuschender Aehnlichkeit das Ideal meines Herzens

außer mir, und da hatte das Leben Götterglanz, mein Herz den süßen

Frieden des seeligsten Glücks -- aber es war nur der Widerschein der

eignen Gestalt, auf der fremden, kalten Wasserfläche, die, als ich sie

umfassen wollte, mich zu sich in die betrügerische Tiefe zog. --

Erstarrt kehrte ich ins Leben zurück -- mein Daseyn hing an der

Hoffnung, daß Liebe mir noch begegnen würde -- und sieh! unter ihrem

Namen trat mir Eitelkeit, Begierde, Habsucht, Sinnlichkeit entgegen.

-- Da versteinerte ich mein Herz, damit keine unheilige Empfindung es

entweihe! --

Aber nur den Glauben an diese himmlische Dreieinigkeit konnte mir das

Leben rauben -- nicht die tiefe, flammende Sehnsucht darnach, die mich

aufreibt und verzehrt. O könnte ich, wie Tausende um mich her, diese

Sehnsucht von mir abstreifen! -- könnte ich Güte, Wahrheit, Liebe,

ohne diesen schmerzlichen Widerspruch meines Gemüths, leere Trugbilder

schelten, und sie von mir weisen, wie die Gespenster, die meine Amme um

meine Wiege stellte! -- könnte ich mir wohl seyn lassen im nichtigen

Spiel des Lebens, mir aneignen den fröhlichen Leichtsinn gehaltloser

Unbefangenheit, und mich gedankenlos der Woge des Augenblicks

anvertrauen! -- Aber ich kann auch das nicht! -- jene Träume sind eins

geworden mit meinem Bewußtseyn, das sie mir wie einen Spiegel vorhält,

so oft ich zur Beschauung meines Innern zurückkehre. --

„Und kein Ausweg, keine Hülfe! -- Einsam und unerrathen steh’ ich da,

und jede Frage an das Schicksal bleibt ungelöset. Jeder Monat macht mir

das Gefühl innrer Verworrenheit heimlicher, und doch führt jeder mich

weiter auf dem trostlosen Pfad. --“

„Einst hätte ich noch aus eigner Kraft umkehren können -- einst

konnte ich wieder einfach, milde, gut und glücklich werden -- nun

ist es zu spät. -- Und so nur vorwärts, ohne Zweck, ohne Ziel, immer

vorwärts, wie das Thier, das mit verbundenen Augen, das Spiel einer ihm

unbekannten Macht, die fremde Maschine im ewigen Kreise treibt.“

* * * * *

Ach laßt uns milde bleiben gegen dies zerrißne Gemüth, diese in

Unfrieden mit sich selbst versunkene Seele! -- Wahrlich, es sind nicht

die Schlechtesten unter uns, die auf diesem Wege verloren gehen! --

Vielleicht konnte nur ein großer und heiliger Schmerz Natalien von dem

betretenen, immer abschüssiger werdenden, Irrpfade zurückführen -- und

er ward ihr. --

Ihre Mutter ward gefährlich krank, und an diesem Sterbebette fand die

geliebteste der Töchter alle ihre Tugenden wieder. Natalie wich Tag

und Nacht nicht von ihrem Lager, diesem Schauplatz des rührendsten

Schmerzes, und der schönsten, edelsten Liebe. Mit einer über das Grab

hinausreichenden Zärtlichkeit schlossen sich Mutter und Tochter inniger

und inniger an einander, je näher ihnen die unersetzlichste aller

Trennungen trat. Als ein heiliges Vermächtniß legte die Mutter ihre

Sorge für Elisen an Nataliens Herz und als diese, mit tausend, tausend

Thränen, die treueste Erfüllung der letzten, mütterlichen Erdenwünsche

gelobte: da faßte die Sterbende die verlöschende Kraft ihres Lebens in

einen Blick der Liebe zusammen und bat: gieb Rhoden deine Hand -- er

hat dich so lange und so treu geliebt -- ist so gut -- gieb mir für ihn

dein Ja und ich habe keinen Wunsch mehr. --

Natalie sank schluchzend an das treue Herz, dessen Liebe sie erst jetzt

ganz zu fühlen und zu schätzen gelernt zu haben glaubte, und gelobte

alles zu thun, was die Mutter wolle -- und in dieser Umarmung trat

der, von seinen Schrecken entkleidete, Tod, als milder Genius, zur

Sterbenden, und berührte ihr Herz. -- Da war sie gewesen, und nur die

kalte Hülle noch umschlossen Nataliens Arme -- nur auf ewig verstummten

Lippen ruhten die ihrigen. --

Heilige Thränen, die der Mensch um seine gestorbenen Lieben weint,

ihr seid befruchtender Himmelsthau für jeden Keim des Guten und des

Schönen in unsrer Seele, und euer Schmerz hebt uns über alle Fußangeln

und Dornen der Erde empor! Wie eine Gottheit leben die Heimgegangnen

in unserm Herzen fort, und das Andenken an sie giebt dem Leben Würde,

dem Herzen einen Wiederhall aus Eden, und jeder Freude einen leisen

veredelnden Schauer.

Nataliens Schmerz war groß, aber fromm und der Verlorenen würdig.

Sie schwur in die Hand der Todten dem Vater -- der Schwester -- dem

Liebenden zu vergelten, was sie ihr schuldig geblieben, und ihre

Trauer um sie zu heiligen durch reineren Willen und größere Kraft zur

Erfüllung jeder Pflicht.

Der letzte Wunsch ihrer Mutter blieb in ihrem Herzen, und als Rhode

nach einiger Zeit, begünstigt von ihrem Vater, um ihre Hand warb, ward

ihm Gewährung seiner Bitte. Und als nun der biedre, ihr in der Wahrheit

und Rechtlichkeit seines Karakters sehr achtungswerthe Mann, am

Verlobungstage so froh beglückt, so unaussprechlich zufrieden, von ihr

schied, fühlte sie, daß sie ihm ein schöneres Glück gewähren könne, als

sie sich es zugetraut hatte, geben zu können. Sie hatte sich seit dem

Tode ihrer Mutter ganz aus ihren glänzenden Zirkeln zurückgezogen, und

erneuerte jetzt das Gelübde, Rhoden glücklich zu machen, allen Schimmer

überflügelnden Wissens und eitlen Glanzes von sich zu werfen und nur

für den Gatten und für stilles einfach-häusliches Glück zu leben. Ihre

Verbindung ward auf ein Jahr ausgesetzt, damit sie Elisen, bei ihrer

bevorstehenden Rückkehr aus der Pension, in diesem Zeitraum zur Führung

des väterlichen Haushalts anweisen könne.

Nataliens Leben hatte nun wieder einen Zweck, und sie ward von Woche

zu Woche in ihrem Innern ruhiger, und einfacher in ihrem Aeußern. Ihre

Freundschaft für Rhode wurde in ihrem jetzigen Verhältniß zu ihm, eine

klare, sanfte Neigung, der sie mit ungetrübter Zuversicht ihr künftiges

Leben anvertraute.

Einige Monate nach ihrer Verlobung kam August zum Besuch nach

Nataliens Wohnort. Sie fand den Jüngling edel und rein, wie er von ihr

geschieden war, wieder, und empfing ihn mit achtendem Vertrauen und

schwesterlicher Neigung. Die vortheilhaftesten Zeugnisse seiner Lehrer

bürgten für seine Talente und seinen Fleiß, und in sich selbst trug er

die Bürgschaft für seinen Karakter und für sein Leben. Mit weiblicher

Feinheit forschte Natalie nach seinen weiblichen Bekanntschaften und

nach dem Grad des Interesses, den er für sie fühle, und er gestand ihr

erröthend: sein Herz bewahre seit lange ein Bild, welches ihn gegen den

Eindruck jedes andern weiblichen Reizes schütze, ob er gleich nicht

hoffen könne, es je anders als stumm und unerrathen lieben zu dürfen.

-- Nataliens Auge ruhte voll milden Ernstes auf ihm -- die Hoffnung,

in ihm den künftigen Gatten ihrer Elise zu sehen, war bei seiner

jetzigen Anwesenheit bestimmter Wunsch geworden.

Ich habe Ihnen auch noch etwas Schönes zu zeigen, fing sie, wie

ablenkend, an, und trat zu ihrem Schreibtisch: Können Sie rathen, was?

fuhr sie lächelnd fort.

Ahndend ergriff er die dargebotene Kapsel, und versank, nach Oeffnung

derselben, im Anschaun eines jugendlichen holden Gesichts, mit dem

Zauber herzgewinnender Unschuld und Sanftmuth geschmückt.

Und Sie fragen nicht einmal nach dem Namen des Originals? -- fragte

Natalie, nach dem Schweigen einiger Minuten. --

Glauben Sie, es bedürfe für mich noch eines Namens, um es zu erkennen?

unter Tausenden hätte ich +sie+ beim ersten Blick erkannt. --

Ueberrascht von der Wärme seines Tons und dieser Aeußerung schlug er

heiß erröthend sein Auge nieder. --

Was diesem Gemälde, fuhr Natalie fort, für mich den größten Werth

giebt, ist, daß Elise es selbst gemalt hat.

Sie besitzt also alle Talente wie alle Reize und Tugenden? -- doch sie

ist ja Ihre Schwester! -- aber welchen unschätzbaren Werth muß dann

dies Bild für Sie haben!

Und doch denke ich es nicht zu behalten; Elise soll sich künftig noch

einmal an der Seite ihres Geliebten malen, wenn ihr Herz gewählt hat,

und dann will ich von ihm jenes Gemälde für dieses eintauschen.

Elisens Geliebter! rief August bewegt -- o der Glückliche, den sein

Loos berechtigt, um diesen Preis zu werben! --

Natalie sah ihn ernst an, der, beklemmt und schmerzlich befangen, vor

ihr stand.

August, fing sie nach einer Pause an, ich lese in diesem Augenblick

in Ihrem Herzen und that es vielleicht schon früher. Meine Elise soll

einst frei von jeder Zufälligkeit des Standes und des Reichthums

wählen; aber der Mann, der nach ihrem Besitze strebt, darf kein

gewöhnlicher Mensch seyn. Der Beifall der Menge wiegt leicht: schwerer,

als ihn zu erwerben, ist es, ein Herz zu verdienen, das sich mit reiner

edler Liebe einem Manne hingiebt, in dem es nicht nur die Tugenden

liebt, die es an sich billigt, sondern auch alle, die ihm abgehen.

Nur eine lange, fortgesetzte Uebung des Karakters, in Allem was gut,

was schön, was menschlich ist, kann dieses Preises werth machen. Mit

diesem Händedruck verbürge ich Ihnen meine Achtung und den Wunsch, daß

der Mann einst die Hoffnungen rechtfertigen möge, zu denen jetzt der

Jüngling berechtigt.

Entzückt drückte er ihre Hand an seine Lippen, und schwur, feuriger

denn je, der Tugend und der Liebe ewige Treue. August, sagte sie ihm

gerührt, diese Versicherung aus meinem Munde berechtigt Sie zu schönen

Hoffnungen; mein Herz und das Vermächtniß meiner unvergeßlichen Mutter,

geben mir auf das theure, geliebte Wesen Mutterrechte, und der einzige

Weg, Elisens Hand zu erhalten, ist der Besitz meiner höchsten Achtung,

die ich nur der Herrschaft eines reinen, festen Willens über alle

Triebe und Neigungen zolle. Ich fordre daher von Ihnen die strengste

Wachsamkeit über sich selbst, daß Ihre Liebe nie Leidenschaft werde,

und dann das Leichtere, mir von heut an nie unaufgefordert von Elisen

zu reden.

Ach, sagte er langsam, das letztre ist hart, aber das erste unmöglich.

Kann ich meiner Empfindung einen Damm aufwerfen und zu ihr sagen: Bis

hierher und nicht weiter?

Lieber, junger Mann, was wäre die moralische Würde des Menschen, wenn

er das nicht zu thun vermöchte? -- ich weiß, wie das heiße jugendliche

Herz Genuß darin findet, sich in die geglaubte Unendlichkeit seiner

Empfindungen hineinzustürzen, und nur von der gränzenlosesten

Leidenschaft der Liebe Befriedigung hofft. Aber noch nie hat

Leidenschaft beglückt. Ich ehre die Liebe als das reinmenschlichste

Band zwischen der Sinnen- und Geisterwelt -- als den schönsten Traum,

der vom Paradiese her in der Seele des Menschen zurück blieb. -- Wie

könnte auch ich, die früher schwer Erkrankte, vergessen, was sie mir

geworden ist? -- Ihr Zauber verschönert das Alter wie die Jugend; er

mildert alle Leiden, erhebt und veredelt alle Freuden, verdeckt uns die

Aermlichkeit des Lebens, und erhält uns sanft, milde und menschlich,

was man ohne Liebe so leicht zu seyn aufhört. -- Doch weh dem

weiblichen Wesen, dem auf dem Pfade inniger, beglückender Empfindung

Leidenschaft begegnet! -- Unersättlichkeit ist ihr Gepräge, und nie

kann sie mit der Liebe im friedlichen Genuß einer heitern Gegenwart

zusammentreffen. Leidenschaft zeigt nur die Ueberspannung des Gefühls,

wie Liebe den Adel desselben an. Fast allgemein, mein Freund, wird von

Euch Männern in unsern Tagen die +klare+ Tiefe eines liebenden,

weiblichen Gemüths verkannt, und Euch leidenschaftlich geliebt zu

sehen, ist Euch zur höchsten Gabe des weiblichen Herzens geworden. Vor

diesem verderblichen Irrthum möchte ich Sie gerne bewahren, und meine

Elise schützen, daß Sie nicht künftig in ihr, wie der blaue Himmel

wolkenloses, Gemüth, den Nebel eines leidenschaftlichen Affekts werfen.

Glauben Sie es meiner besonneren, erfahrungsreichen Ansicht, diese

gewaltigen, so oft in Romanen, so selten in der Wirklichkeit, spukenden

Leidenschaften entspringen nur aus einer ungezügelten Phantasie, und

die heißesten Menschen dieser Art haben fast immer sehr kalte Herzen.

Aber auch in der tugendhaftesten, gefühlvollsten Seele folgt der

Leidenschaft, selbst im günstigsten Falle, doch die bittre Trauer über

die Zerstörung einer Täuschung, die die Zeit unausbleiblich vernichtet.

Gegen dies Weh ist es mir heilige Pflicht, Elisen zu schützen, und

wenn Sie einst durch sie so glücklich werden wollen, als es dem lieben

Geschöpf Bedürfniß werden wird, den Mann ihres Herzens zu sehen: so

scheiden Sie, von heute an, von dieser Idealen einer heißen, despotisch

über Willen und Vernunft herrschenden, Leidenschaft. Gründen Sie die

Hoffnungen Ihrer Liebe nur auf die sanften Empfindungen eines reinen,

ruhigen Herzens, eines Gemüthes voll ungetrübter Harmonie innern

Friedens, und der Mann und der Greis werden mir danken, wo jetzt der

Jüngling mich zu kühl und zu strenge findet.

Dies Gespräch gab August nicht nur einen Anklang für sein Leben und

wurde zum Grundton seiner Verbindung mit Elisen; sondern es giebt uns

auch erklärende Winke über die Art und Weise, wie Natalie, in ihren

neuen Verhältnissen, Manches und Vieles in sich auszugleichen strebte,

und deutet uns den Weg an, auf dem sie glücklich zu werden hoffte.

August nahm bei seinem diesmaligen Abschied die Gewißheit mit sich,

Elisen im künftigen Jahr bei Natalien anzutreffen, und die Hoffnung

einer Zukunft, deren Freuden verdienen zu wollen, sein ernster Vorsatz

war.

Bald darauf kam Elise nach Hause. Ganz Liebe und Natur, trug ihr Sinn

und Wesen das Gepräge ächter Weiblichkeit. Sie konnte in keines

Menschen Auge glänzen; aber sie gewann alle Herzen, so hell strahlte

Jedem ihre Güte, ihre Anspruchlosigkeit, ihr freundlicher Sinn, und

die schöne Wahrheit ihres Karakters, entgegen. Mit dem Frohsinn und

der heitern Unbefangenheit ihres Alters verband sie die Kenntniß der

Regeln des Anstandes und der äußern Höflichkeit, deren Befolgung ihr

durch Gewöhnung daran seit frühster Jugend zur Natur geworden war, ohne

darauf einen Werth zu setzen, der sie zum Verdienst erhoben hätte. Mit

kindlicher Liebe und schwesterlichem Vertrauen hieng sie an Natalien,

die mit unbeschreiblicher Sorgsamkeit und Zartheit alles von ihr zu

entfernen strebte, was sie sich selbst untreu zu machen vermocht

hätte, und mit einer Verläugnung, deren wenig Weiber in ähnlichen

Lagen fähig seyn würden, es sich versagte, in den Gang ihrer Bildung

thätig einzugreifen, und ihr irgend eine Aehnlichkeit mit sich geben zu

wollen. Sie übertrug ihr gleich einen Theil des Haushalts, und gewöhnte

sie zur strengsten Ordnung und Thätigkeit. Es war nicht das Verweilen

bei unwichtigen Kleinigkeiten, welches manche Hausfrau, die nie mit

ihren Blicken das Ganze einer Haushaltung umfaßt, ausschließlich

beschäftigt, sondern die helle, geistvolle Thätigkeit eines, nicht nur

auf das sparsame Ausgeben des Erwerbs, sondern auf den Erwerb selbst

gerichteten, Geistes.

Wahrlich, wir Weiber tragen selbst die Schuld, wenn wir diese

Sphäre häuslicher Wirksamkeit nur mit der Lauheit des prosaischen

Pflichtgedankens, oder auch mit dem Mechanismus einer dazu

abgerichteten Maschine, zu betreiben wissen, und sie nur im

kleinlichen, den Geist einengenden, Lichte sehen. Ein unverschrobener,

dem Müssigang -- der leider mit einem gewissen aesthetischen Luxus der

Zeit und der Thätigkeit nur zu nah verwandt ist -- feindlicher Sinn,

findet leicht +ohne Resignation+ in der Besorgung des Haushalts

den heitern Schauplatz nützlicher Thätigkeit, die sich selbst zum Lohn

wird, ohne diesen von dem Gedanken treuer Pflichterfüllung entlehnen

zu wollen, der uns nur bei Pflichten andrer Art kräftigen, und nicht

an solche natürliche Tugenderzeugnisse weiblicher Natur verschwendet

werden muß.

Der Zeitpunkt von Nataliens Verheirathung näherte sich, und sie sah ihm

mit heitrer Ruhe und froher Zuversicht entgegen. Die Ueberzeugung, daß

Rhode sich, ohne alle Ueberspannung, in ihrem Besitz ganz glücklich

fühlte, gewährte ihr einen Genuß, dessen sie würdig seyn mußte, um

seinen Werth so innig fühlen zu können.

Jetzt kam der Graf Gimborn, ein Jugendfreund ihres Verlobten, von

seinen vieljährigen Reisen, auf seine, in der Nachbarschaft gelegenen,

Güter zurück. Rhode führte ihn bei Natalien ein, von der er sich

die Vergünstigung erbat, ihn ihr auf einige Tagen entführen und ihn

zu einer großen Jagd nach einem seiner entfernteren Güter mit sich

nehmen zu dürfen. Scherzend, wie er seine Bitte vortrug, wurde sie ihm

gewährt, und Rhode nahm am Abend auf acht Tage Abschied.

Am andern Morgen, als Natalie früh um fünf Uhr mit ihrer Elise im

Garten frühstückte, und sich des schönen Reisewetters für den geliebten

Freund freuete, trat er unerwartet zu ihr in die Laube.

Vergeben Sie mir, liebe Natalie, bat er sanft, wenn ich Sie so früh

überrasche. Eine sonderbare Ahndung ängstigte mich, und da ich erst um

sechs Uhr bei dem Grafen eintreffen soll, zog es mich unwiderstehlich

noch vorher zu Ihnen hin. Nun werde ich ruhiger seyn, da ich Sie wohl

und munter gesehen habe.

Er war wirklich etwas blaß; Natalie wollte daher nicht genauer nach

dem Grund seiner Unruhe fragen, und sagte ihm lächelnd: zur Strafe

für seinen Aberglauben solle er von ihrem Frühstück nur eine Tasse

Kaffee, und zur Belohnung, daß sie ihn so unerwartet vor seiner Abreise

noch einmal sehe, einen Kuß bekommen. Dankend empfing er beides; aber

vergebens suchte er seiner Beklemmung Herr zu werden, und als er zum

Abschied Natalien an sein Herz drückte, sah sie sein Auge naß werden,

und er riß sich von ihr los, als solle und müsse er ihr auf immer

Lebewohl sagen.

Natalie blieb wehmüthig zurück, und fühlte es lebhaft, wie lieb er ihr

sey. Am dritten Tage seiner Abwesenheit kam sein Jäger auf den Hof

gesprengt -- Roß und Reuter dampften. -- Natalien durchzuckte eine

furchtbare Ahndung, und mit immer ängstlicher, immer schwerer werdenden

Herzensschlägen, harrte sie seines Eintritts. Verwirrt und verstört

überreichte er ihrem Vater einen Brief. Sie wagte keine Frage; aber

das immer bleicher werdende Gesicht ihres Vaters mehrte noch ihre Angst.

Was ists? frug sie, als er den Brief zusammen faltete und sichtbar

beängstet nach Worten suchte -- sagen Sie mir gleich Alles; ich bin auf

das Schrecklichste gefaßt. Todtenbleich und zitternd setzte sie hinzu:

er ist gewiß sehr krank, vielleicht schon --

Nein, mein Kind, er ist auf der Jagd gestürzt, und sein, bei dem Sturz

losgegangenes Gewehr hat ihn verwundet. Der Graf schreibt mir dies, um

uns auf sein längeres Außenbleiben vorzubereiten.

O seine Ahndung! rief sie schmerzlich -- ich beschwöre Sie, Vater,

lassen Sie mich hin -- gleich -- den Augenblick müssen wir fort --

mein Herz sagt mir’s -- er stirbt, und das vielleicht schon in dieser

Minute. --

Es ist auch sein Wunsch, liebes Kind, Dich zu sehen -- aber wirst Du

für das Mögliche dieser Zusammenkunft Kraft und Fassung haben? --

Fassung? -- o Gott, ich fürchte, es wird mir nur zu viel Zeit zu

Thränen bleiben! --

Der Vater begleitete sie zu ihm. Sie war auf dem ganzen Wege tief in

sich gekehrt und von unnennbarem Gram gefoltert.

Wer es erfahren hat, was es heißt, einen entfernten Geliebten sterbend

zu wissen -- jede Stunde sekundenweise mit dem Gedanken verrinnen zu

fühlen: jetzt vielleicht stirbt er! -- der weiß, was Natalie während

dieser Reise litt. Wer es nicht erfahren hat, faßt es nicht, daß die

sterbliche Natur solche Stunden an der äußersten Gränze ihrer Kraft zu

tragen vermag.

Nataliens einziger Wunsch war, ihn noch lebend anzutreffen -- aber sie

fand bei ihrer Ankunft nur seine Leiche. Ihr Name war sein letzter

Erdenlaut gewesen. --

Gewaltsam mußte man sie am andern Tage von der geliebten Leiche

fortreißen -- zum letztenmal ruhte ihr Auge auf diesen, unter dem Frost

des Todes, erstarrten Zügen -- sie schnitt eine seiner blonden Locken

ab, und wie sie diese an ihrem Herzen verbarg, ergriff sie der Gedanke:

so wird dir ewig alles schwinden, was du liebst -- auch Er war nur eine

fliehende Erscheinung, und weil Deine Hand, Unglückliche! ihn faßte,

mußte er vor ihr abfallen ins düstre Grab hinein! -- so furchtbar in

seinem düstern Grausen, daß sie bewußtlos niedersank.

O wie gerne hätte sie ihr Leben als Todtenopfer mit in seine Gruft

gesenkt! -- Sie wurde ungerecht gegen ihre bisherige schöne, ruhige

Liebe, und glaubte, ihn nicht genug geliebt zu haben. Es erschien

ihr daher jetzt als Pflicht, jedes Zureden der Vernunft, jeden Trost

der Ergebung, von sich zu weisen, und sie gab sich, nach ihrer

Zuhausekunft, ganz und ohne Rückhalt dem stummen, gewaltigen Schmerz

hin, mit dem sie in Rhoden nicht allein den Geliebten, sondern auch den

Mann verlor, an dessen Leben jeder edlere Plan des ihrigen gebunden

war, und fand nur in der Freiheit, ihre Thränen unversiegbar strömen zu

lassen, Linderung.

Ach sie wußte noch nicht, daß diese nicht bloß physisch schaden! Der

Mensch schätzt die Gabe, Thränen vergießen zu können, nicht eher, bis

er diesen Wundbalsam wunder Herzen entbehrt und dann von den früher

vergoßnen Thränen, wie von den Thränen seiner Kinderjahre, sagen muß:

ich hätte euch für einen tieferen Schmerz, für eine unvergänglichere

Trauer, aufsparen sollen! -- Es kommt hienieden eine Zeit, deren

sparsamere Thränen nicht mehr zu Tropfen aus dem Lethe werden und wo,

so wenig im Gemüth als im Gesicht, die Züge des Kummers sich wieder

verwischen. Ach, für diese dunkle, finstre Zeit, wo der Mensch mit

thränenlosem Auge auf die entblätterten Gefilde seiner jugendlichen

Vergangenheit und in die Irrgänge einer hoffnungslosen Zukunft blickt,

sollten wir unsre Thränen sparen, und in der Jugend, deren Wunden

sich, wie die der Homerischen Götter, leicht und spurlos schließen,

lieber einen unterdrückten Schmerz hinnehmen, als eine Thränenquelle

erschöpfen! --

Natalie hatte Neigung, Vertrauen, innige, herzliche Achtung für

Rhoden empfunden; sie hätte ihn wahrscheinlich glücklich gemacht

und wäre glücklich geworden; aber sie täuschte sich jetzt über ihre

Gefühle, indem sie die Leidenschaftlichkeit ihres Schmerzes für

Leidenschaftlichkeit der Empfindung nahm, und sich selbst sagte:

sterben mußte er, damit mein verstocktes Herz erfahre, wie es ihn

liebte! -- Aber wenn dem Lebenden die Fülle meiner Liebe verborgen

blieb, so soll sie ihn nun in sein Grab begleiten, und mein ganzes

Leben werde ein einziger, langer Trauergedanke an ihn! --

Diese gewaltsame, durch die ganze Macht ihrer Phantasie fast

wissentlich verstärkte, Spannung ihres Gemüths konnte nicht dauern; die

Natur kämpfte um ihre Rechte, und eine gefährliche Krankheit drohte

mehrere Wochen ihrem Leben Gefahr. Die Kunst eines geschickten Arztes,

ihre Jugend, und Elisens Pflege retteten sie. Sie genas; aber die

Leidenschaftlichkeit ihres Schmerzes hatte sich an der körperlichen

Ermattung dieser Krankheit gebrochen, und ihr blieb nur ein zärtliches

Andenken, eine stille, wehmüthige Erinnerung an den Verlornen zurück,

die, ohne jene frühere Spannung, für ihr innres Leben zum Seegen

geworden seyn würde. Allein mit jenem ersten gewaltigen Schmerz

verglichen, schien ihr ihre jetzige Trauer eine Kälte, die sie sich zum

Vorwurf machte, und die wieder einen finstern Schatten auf ihr Leben

warf.

Also auch mein Herz, sagte sie sich selbst, ist keiner Liebe fähig,

und vergeblich hoffte ich von ihm eine Treue, die dem Menschen nicht

gegeben ist. -- O wenn je eine Liebe auf Ewigkeit ihrer Empfindungen

rechnen durfte, so war es diese, die ein Verklärter, wie eine Blüthe

aus jener Welt, scheidend in mein Herz senkte. -- Vergessen werde

ich ihn nie, werde noch lange Thränen um ihn haben, wie sie die

Freundschaft, die Zärtlichkeit weint; aber jene schönere, heißere, die

ganze Seele ausfüllende Liebe, mit der ich, vor dieser Krankheit, um

ihn trauerte, ist dahin, und ich strecke vergeblich meine Arme nach

ihr, als nach dem edelsten, köstlichsten Gefühl meines Lebens, aus! --

Wie viel lieber möchte ich, daß ihre Stärke mein Herz bräche, als daß

es, wie jetzt, heilt, weil sie sich ihm entfremdete.

Natalie irrte. Nicht diese für das fliehende Leben zu schmerzliche

Trauer um den Verstorbenen war es, was sie jetzt vermißte, sondern

jener gefährliche und doch so verführerische Genuß, den die

Leidenschaft einem kräftigen Gemüth bietet, und der uns, einmal

gekostet, jedes friedlichere Glück verleidet. Sie hatte dieses Gift nun

noch dazu unter der anziehenden Hülle des geistigen Schmerzes kennen

gelernt. Auch trauerte sie jetzt noch um Rhoden, wie sie ihn im Leben

geliebt hatte, ohne Schwärmerei, mit stiller, wahrer Empfindung. Aber

die Aenderung ihres Sinnes, die Erhebung ihrer Seele, die Rückkehr zu

ihren alten Tugenden, die am Sterbebette ihrer Mutter in ihr aufging,

war nur begonnen, nicht vollendet, und die Verläugnung aller sanften,

einfachen Gefühle, zu der sie sich früher gezwungen hatte, rächte sich

nun an ihr, und sie ging -- das gewöhnliche Loos des Menschen -- von

einem Irrthum zu dem entgegengesetzten über, ohne die in der Mitte

liegende Wahrheit zu berühren. Ehmals lebte sie nur in ihrem Geiste

und im fremden Beifall; jetzt hingegen, wo ihr Herz aus seiner langen

Unterjochung mit jugendlicher Neuheit und Kraft der Empfindungen

erstand, und seine so despotisch verkannten Rechte geltend machte,

wurden ihr diese zum höchsten und einzigen Gut des Lebens.

Doch verdankte sie dem Schmerz, den sie empfunden hatte, den

unverrückten Blick auf das Ziel moralischer Erhebung, das sie nie

wieder aus den Augen verlor, so oft sie auch noch irre ging. Die

zunehmende Kränklichkeit ihres Vaters, und die Trauer, die sie um Rhode

trug, berechtigten sie, in ihrer Familie und einem kleinen Kreise

geprüfter Freunde, sehr einsam zu leben. Rhode hatte sie in seinem

Testament zur Besitzerin von seinem Gute ernannt, und sie fühlte die

Verpflichtung, ihm, durch den Wohlstand und die sittliche Cultur

ihrer neuen Unterthanen, ein seiner würdiges Monument zu setzen. Da

sie jetzt, in ihrem zwey und zwanzigsten Jahr, für mündig erklärt

wurde, hatte sie auch mit keinem Hinderniß, bei der Ausführung ihrer

wohlthätigen Pläne, zu kämpfen.

August wurde nunmehr, nach geendigten Universitätsjahren, von seinem

Bruder erwartet, um mit ihm den Plan zu seinem künftigen Leben zu

verabreden. Natalie forderte ihm jetzt, mit festem Hinblick auf ihren

für Elisens Glück entworfenen Plan, das Versprechen ab, daß er diese,

seine Liebe so wenig errathen als ahnden lassen wolle.

„Elisens Ruhe“ schrieb sie ihm, „ist ein heiliges, mir anvertrautes,

Gut, von dem ich meiner seeligen Mutter und meinem eignen Herzen die

strengste Rechenschaft schuldig bin. Ich wünsche Sie beide mit einander

vereinigt zu sehen: aber Sie, lieber August, sind noch weit von dem

Zeitpunkt entfernt, wo Sie ihr Ihre Hand werden bieten können. Ihre

Kenntnisse, Ihre Talente sollen Ihnen erst den Weg zu einem Amte

bahnen; wir sind berechtigt, das Beste hoffen zu dürfen; aber dem

ungewissen Erfolg dieser Hoffnung dürfen Sie und ich die Ruhe meiner

Schwester nicht Preis geben. Sie werden sie nach erfolgtem Geständniß

verlassen, um in die Schranken zu treten und um den Preis zu ringen.

Diese Thätigkeit sichert die Gesundheit Ihres innern Lebens -- nicht so

bei Elisen, in der Stille ihrer Existenz. Die Empfindung, die für Sie

eine Schule der schönen Menschlichkeit seyn würde, deren Blüthe, von

der Liebe ungepflegt, so leicht in der Seele des Mannes verdorrt, würde

für Elisen zur verzehrenden Flamme werden. Aber auch um Ihrer selbst

willen fordre ich dies Opfer. Herrschaft der Vernunft, bei Reichthum

des Herzens, Licht mit Wärme gepaart, kann allein meine Achtung für Sie

so erhöhen, daß ich mit froher Zuversicht Elisens Schicksal in Ihre

Hände lege.“

August kam, und fand sein Ideal von der liebenswürdigsten Wirklichkeit

übertroffen. Die Zärtlichkeit, mit der Elise an Natalien hieng, ließ

ihn fühlen, welche Rechte einst die Liebe auf dies sanfte, gefühlvolle,

Herz haben würde. Strenge hielt er sein Natalien gegebnes Wort: aber

ihm unbewußt, und von Elisen nicht verstanden, sprach seine Liebe zu

ihr aus seines Lebens leisester Bewegung, Nataliens Freundschaft und

die ausgezeichnete, achtungsvolle Traulichkeit, mit der sie den jungen

Mann empfing, wurden für Elisen leise Schicksalswinke. Der Mann, dem

ihre Natalie so wohlwollte, konnte von ihr nicht unbeachtet bleiben,

er erschien ihr bald als der liebenswürdigste ihrer Bekanntschaft,

und sein Umgang wurde ihre süßeste Freude. Allein die jungfräuliche

Schüchternheit ihrer Empfindungen verhinderte sie, den Eindruck, den

er auf sie machte, zu beachten, sich damit zu beschäftigen, und ihn

so durch die Gewalt ihrer eignen Phantasie zu verstärken, wie dies

gewöhnlich das Geschäft einer romantisirten Einbildungskraft ist.

Natalie war im Stillen für das Glück der beiden Liebenden thätig. Ihr

Vermögen erlaubte ihr, für die fernere Ausbildung des jungen Mannes zu

sorgen, und seinen seit lange genährten Wunsch, vor dem Eintritt ins

bürgerliche Leben, eine Reise durch Deutschland und England machen zu

können, zu verwirklichen. Er sollte, nach ihrem Plan, noch zwei Jahre

abwesend seyn; nach seiner Rückkehr in einen angemeßnen Wirkungskreis

treten, und die Hand der dann achtzehnjährigen Elise erhalten.

Am Morgen seiner Abreise, als er Natalien gerührt den Schmerz dieser

Trennung aussprach, gab sie ihm das Gemälde ihrer Schwester und das

bestimmte Versprechen, ihre Hand für ihn aufzuheben, und sein Andenken

in ihrem Herzen zu pflegen. Er hatte noch überdem den Trost, Elisen

bei seinem Abschied tief bewegt zu sehen. Die Innigkeit, mit der

Natalie von ihm schied, schien ihrer Schwester Rechtfertigung für

die Thräne, die ihr Auge verdunkelte, als er zum Abschied ihre Hand

küßte, und sie wünschte ihm so herzlich, so innig, daß er froh und wohl

bleiben und bald wiederkommen möge, daß Augusts Festigkeit fast an

dieser süßen, verführerischen, Herzlichkeit gescheitert wäre. Natalie

beobachtete ihre Schwester, in den Stunden die seiner Abreise folgten,

genau; sie fand sie den ganzen Tag träumerisch, und erröthend, wenn

man sie aus diesen wehmüthigen Träumen aufrief; aber sie verstand die

Kunst, unbemerkt ihre Geschäfte zu verdoppeln und ihre Empfindungen

so sanft auf andre Gegenstände hinüber zu leiten, daß Elise mit den

Erscheinungen ihres eignen Herzens unbefreundet, und frei von der

Unruhe der Liebe blieb. Ihr Andenken an August war heiter und süß;

ihre Sehnsucht nach ihm ruhig, und so blieb der schöne Friede ihres

Gemüths ungestört.

Natalie ward in dem Zusammenleben mit ihr von Tag zu Tag friedlicher

und liebevoller, aber eben diese Stille ihres Wesens machte es ihr

fühlbar, wie viel sie noch vom Leben zu fordern habe. Sie versank nicht

wieder in Unmuth und Verzweifelung; doch eine geheime, hoffnungslose,

und doch so innig sehnsüchtige Wehmuth, vor der die Gesundheit der

Seele, der Friede des Herzens, schwanden, ergriff sie; sie bebte,

von neuem irre zu gehen, und suchte ernstlich einem Ausweg aus dem

Labyrinth ihrer innern Verworrenheit. Sie wollte gerettet seyn, wie

sie vor dem Tode ihrer Mutter zu Grunde gerichtet seyn wollte -- doch

vergeblich forschte sie nach einer Hoffnung, auf die sie liebend und

vertrauend das Glück ihres Lebens gründen könne. Die Klippe, an der

die Ruhe, der Werth, der edelsten weiblichen Naturen so oft scheitert

und sie zum Spielwerk deren macht, die ihnen nie hätten nahen dürfen,

ist diese nie erstorbene Sehnsucht nach Liebe, im reinsten, edelsten

Sinn des Wortes, die im Busen des Weibes wohnt. Der Mann hat, ohne das

Weib, im Leben die feste Haltung voraus -- ohne Grazie, ohne Schönheit,

doch edel, fest und groß, geht er, der Starke, auch einsam durch das

Leben -- aber was ist ein Weib ohne Liebe? -- ein Räthsel, das nur

sie zu entwirren, ein Wesen, das nur sie zu erklären und zu verklären

vermag. -- Welches Weib bliebe auf der Höhe eines Standpunktes, wo

es das ruhige Bespiegeln in der Liebe des Mannes, das Einswerden

zweier Naturen in Liebe und durch Liebe, zu entbehren vermöchte, noch

+Weib+? Und ohne diese tiefere mystische Einswerdung zweier

Seelen, wird kein weibliches Wesen je erfahren, wozu es gebildet und

entfaltet werden kann. Liebe in diesem Sinn, bleibt der höchste Gewinn

für das innre geistige Leben des Weibes, den die Erde zu bieten vermag,

und dies Höchste, Schönste und Freieste im Leben, lag nur als dunkle

Ahndung in Nataliens, vergeblich nach Licht und Harmonie strebender,

Seele.

Ihr jetziges Leben war auf Resignation und Entbehrung gegründet, und

glich so wenig der geistigen Gesundheit, wie der Zustand eines durch

Arzenei erhaltenen Kranken der körperlichen.

Ach, durch die ganze Schöpfung floß ein Quell, aus dem die Natur jedem

empfindenden Wesen Tropfen zutheilte; sollte sie allein auf immer von

ihm verwiesen seyn? -- Sie gieng zu allen andern Quellen zurück, aus

denen ihr nach der Ansicht der Menge, Glück fließen konnte -- aber

ihre ganze Seele sträubte sich jetzt gegen den armseeligen Genuß

von Schimmer und Glanz -- und wenn eine Welt bewundernd zu ihren

Füßen gelegen hätte, so hätte diese Huldigung die Sehnsucht ihres

Herzens auch nicht auf eine Minute nur zu betäuben vermocht. Auf der

einen Seite sah sie, im Leben, jene Geistigkeit ohne Glauben, ohne

Liebe, welche sie einst irre geführt hatte, und auf der andern, die

Beschränkung einer unbefangnen Kindlichkeit und einer zufriedenen

Einfalt, der sie nun einmal entwachsen war. -- Aber aus der Mitte

dieser Extreme, deren Bild ihre Vergangenheit ihr bot, strahlte ein

heller unvergeßlicher Zeitpunkt ihres Lebens hervor -- ach, wenn die

Liebe schon als Schmerz um einen Todten die schönste, göttlichste

Erscheinung ihres Lebens war, was konnte, was mußte sie ihr dann nicht

werden, wann sie lebend der Lebenden begegnete? -- Sie erkannte es

jetzt, daß sie Rudolf nie geliebt hatte, daß nur innige, zärtliche

Freundschaft sie an Rhode band, und fühlte es in der Einsamkeit und

Stille ihres jetzigen Lebens tiefer und tiefer, daß nur Liebe ihr Herz

zu heiligen, und sie zur Einigkeit mit sich selbst, zum Frieden mit der

äußern Welt, zurückzuführen vermöge.

Sie hörte sich von Allen, die sie umgaben, geliebt nennen, allein man

nahte sich ihr nur mit Anerkennung ihrer Ueberlegenheit, und raubte

dadurch dieser Annäherung den schönsten Reiz für Nataliens Herz, das

ja unter der fremden Bewunderung früher schmerzlich erkältet war, bis

ihre heißen Thränen es wieder aufthauten. -- Sie that Vielen wohl --

sie half in der Nähe, wie in der Ferne, und jeder Unglückliche, jeder

Bittende konnte bei ihr auf Theilnahme und Gewährung rechnen; die

Wohlthätigkeit vermag aber nur das Glück eines befriedigten Herzens zu

erhöhen; nie wird sie die Sehnsucht eines unbefriedigten anders als

augenblicklich zu beschwichtigen vermögen. Man muß die Menschen, denen

man wohlthut, lieben und achten, um sich in der Sorge für sie glücklich

fühlen zu können, und das that Natalie nicht. Wer in den Kreis fremder

Bedürfnisse tritt, wird den Menschen fast immer klein finden, und wer

Vielen Gutes thut, wird selten Achtung vor den Menschen bewahren,

weil er jedes höhere Bedürfniß von dem Mangel des niedern so erstickt

findet, daß er fast an dem Daseyn desselben zum Zweifler werden muß.

Augusts und Elisens Liebe trat jetzt mit dem Zauber der schönsten

Wirklichkeit vor sie hin und schmerzlich ergriff sie das Gefühl,

was das Leben ihr hätte gewähren können, wenn sie nicht, um seinen

schönsten Gehalt betrogen, denselben zu früh verloren gegeben hätte. --

Jetzt hatte sie keine Hoffnung mehr, den seeligsten Göttertraum des

Lebens hienieden zu träumen. -- Sie konnte noch lieben -- aber konnte

sie noch geliebt werden? --

Das üble Befinden ihres Vaters und ihre eigne Kränklichkeit vermehrten

sich mit dem Frühling, und der Arzt verordnete beiden den Gebrauch des

Doberaner Seebades. Natalie trat diese Reise mit einer ihr durchaus

räthselhaften, freudigen Bangigkeit an, die ihr oft als Ahndung

erschien.

Natalie · 第 6 / 12 题