Geschichte des weiblichen Herzens

von

Fanny.

Schwölle Lethe auf zu Ozeanen,

Unterging’ in ihr die Liebe nicht.

E. M. Arndt.

Berlin,

bei Julius Eduard Hitzig.

1811.

Erster Abschnitt.

Mit ungehemmten Flügeln dringen

Wir jung, als Adler in die Luft --

Doch jeder Tag kürzt uns die Schwingen

Und endlich sinken wir gelähmt zur Gruft.

+E. M. Arndt.+

Natalie war die älteste Tochter des Geheimenraths Alberti, der, in

einer ziemlich ansehnlichen Provinzstadt Deutschlands, von seinen

Zinsen lebte, und ein großes Haus ausmachte. Schon sehr früh kam in

das tief empfindende, und fast unauslöschlich bewahrende Gemüth des

Kindes der erste Mißlaut, der greller und greller darin forttönte,

bis Nataliens ganzes Wesen verstimmt war. Der Vater liebte das Kind

außerordentlich; aber die Kleine wandte sich mit unerklärbarer Scheu

von ihm. Er durfte sich ihr nicht nähern, als sie noch auf dem Arm der

Amme ihr verstandloses, nur vom Instinkt geleitetes Leben führte, ohne

daß sie ihm den lebhaftesten Widerwillen zeigte. Erbittert darüber

wollte er ihre Neigung erzwingen und ihr -- wie viele Thränen und

Flüche erzeugte nicht schon dieser, noch bei vielen Eltern geltende

Begriff! -- den Sinn brechen. Die Ruthe wurde die Zuchtmeisterin

Nataliens, so oft sie bei seinen Liebkosungen weinte, und die Wirkung

entsprach natürlich dem gewählten Mittel: die Abneigung der Kleinen

wurzelte tiefer, und als er sie einst in ihrem dritten Jahre zwang, bei

Tisch neben ihm zu sitzen, und bei hundert kleinen Possen, die sie auf

sein Geheiß vornehmen mußte, freundlich zu bleiben, erlag die zarte

Natur dem unzart angestrengten Geiste, und sie brachte den Rest des

Tages in Verzuckungen und Krämpfen hin. Die Mutter, äußerst duldsam und

nachgebend, konnte nur von ihrer so schmerzlich aufgeregten Mutterliebe

den Muth erhalten, ihrem Gatten Vorwürfe zu machen, die vielleicht

jetzt, nach so oft und so lange unterdrücktem Gefühl, zu unfreundlich

wurden. Dies, und die eigne unangenehme Empfindung, mit der er, an

Nataliens Wiege, den Konvulsionen zusah, die ihren Lebensfaden zu

zerreißen drohten, wirkten wie oft im ähnlichen Fall. Das Bewußtseyn

des eignen Unrechts wurde Bitterkeit gegen die arme kleine Natalie, die

er aus seinem Herzen verstieß. Ihren Platz nahm ein später geborner

Knabe ein, dem alle Liebkosungen, alle Vorzüge des Lieblings zu Theil

wurden, während Nataliens ungewöhnlich früh sich entwickelnder Geist

den Druck unverdienter Strenge und Härte erleiden mußte. Die Mutter

suchte ihr dies heimlich und verstohlen durch innigere Liebe zu

ersetzen, ob sie gleich in Gegenwart ihres Mannes das Kind kaum zu

beachten schien. Unbeschreiblich tief wurde das junge Gemüth hiervon

ergriffen, und der trübe Anklang, den es in Natalien weckte, tönte

durch ihr ganzes Leben fort.

In ihrem vierten Jahre wurde sie zu einer alten Demoiselle in die

Schule geschickt, die keine andre Hülfsmittel des Unterrichts kannte,

als die Fibel und Luthers Catechismus. Die Bequemlichkeit der Mutter,

die es lästig fand, das Kind zu Hause zu beschäftigen und zu hüten,

und keine Ahndung davon hatte, daß es auch in der Schule schlecht

aufgehoben seyn könne, spannte die Kleine in dies Joch. Trotz der

erbärmlichen Anweisung, lernte sie in acht Wochen fertig lesen, und

diente nun der pädagogischen Eitelkeit der Erzieherin zum Spielwerk.

Aber so wie die Leidenschaftlichkeit ihres Gemüthes, durch das Gefühl

unverdienter Härte und unschuldig erduldeten Wehes im elterlichen

Hause, aufgeregt wurde: so ward jetzt in der Schule ihre Phantasie zu

einer noch verderblichern Thätigkeit gereizt. Von den sechs Stunden,

die sie täglich in einem kleinen, engen Zimmer zubringen mußte, war

nur eine dem Hersagen ihrer Lektion und dem Lesen ihrer Blattseite

bestimmt. Die übrige Zeit mußte sie unthätig und still sitzend, mit

der Fibel in der Hand, zubringen. Nur das rege Spiel ihrer Phantasie

vermochte diese Stunden auszufüllen, und zu diesem Nachtheil gesellte

sich später noch der des vielen Auswendiglernens von Gesängen und

Sprüchen, welches, da sie dem Gelernten keinen Sinn geben konnte, ihrem

Gedächtniß die gefährliche Fähigkeit erwarb, auch unbegriffen zu fassen

und zu bewahren.

Unter diesen Umgebungen wurde der sanften Psyche bald die

Mondscheindämmerung der ersten, süßen Kindlichkeit entrissen, ein

Verlust für das innre Leben, der auch der Matrone noch fühlbar bleiben

muß. Natalie erfuhr in diesem Zeitpunkt, als Grund der Abneigung ihres

Vaters ihre frühere Antipathie gegen ihn, und diese Unnatur legte sich

wie eine Schuld auf die junge Seele. Sie glaubte, nun seine Härte zu

verdienen, und duldete sie mit sanfter Ergebung, die aus der Innigkeit

hervorging, mit der sie sich seit dieser Entdeckung an den Vater hing.

Aber eben diese Liebe machte sie gegen sein hartes Zurücktreten doppelt

empfindlich. Oft fiel sie in einem einsamen Moment ihrer Mutter, die

sie unaussprechlich liebte, weinend um den Hals. Diese verstand sie

nicht, ließ dies unbemerkt hingehen, oder nannte ihr Weinen wohl gar

Unart. Viel Güte mußte aber die Natur in Nataliens Herz gelegt haben,

weil sie, so von allen Seiten gepreßt, doch unverstockt und weich, und

sogar gegen den vorgezognen Bruder, dem sie ein willenloses Spielwerk

seiner Unarten seyn mußte, liebevoll blieb. Nur eine sonderbare

Verschlossenheit, und eine für ihr Alter ungewöhnliche Tiefe und

Leidenschaftlichkeit der Empfindung kam in sie.

So ward sie sechs Jahr.

Eines Tages wurde sie wegen einer zerrissenen Schürze von ihrer Mutter

bestraft. Der Vater trat unerwartet ins Zimmer, und, ohne sich nach

der Ursache zu erkundigen, entriß er der Mutter die Ruthe, und schlug

unbarmherzig auf das zu seinen Füßen nur noch winselnde Kind los.

Empört fiel ihm die Mutter in den Arm und während er sich von ihr

loszumachen, und sie aus dem Zimmer zu drängen strebte, floh die arme

Natalie zum Fenster -- und stürzte sich, vor den Augen der Eltern, aus

dem zweiten Stock des hohen Hauses, auf die Gasse hinab.

Ein Wunder erhielt sie unbeschädigt, aber die feineren Lebenstheile

hatten durch die heftige Erschütterung gelitten und sie fiel in eine

lange, gefährliche Nervenkrankheit. Ihr Vater schwur der Mutter,

Natalien nie wieder zu züchtigen und ihr die Erziehung derselben allein

zu überlassen; allein mit diesem Schwur war ihr auch der Vater ganz

verloren. Nie vergab er ihr die Empfindung, mit der er sie für todt von

der Straße aufgenommen und der Mutter entgegengebracht hatte.

Noch vor Weihnachten warf sie jene Krankheit nieder, und als sie

zum erstenmal wieder von ihrer Mutter, die sie mit der treuesten

Zärtlichkeit pflegte, an die Luft getragen wurde, standen die

Pfirsichbäume des Gartens hinter dem elterlichen Hause in voller

Blüthe, und die Sonne lächelte das kleine Wesen aus dem blauen

wolkenlosen Frühlingshimmel freundlich und erquickend an. Nie vergaß

Natalie dieser Stunde. --

Kann aber der Mensch hienieden schon getröstet und freundlich einig mit

dem Leben werden, wenn er als Kind solche Thränen weint? -- Natalie

wenigstens ward es nie. --

Sie genas; aber eine große Nervenschwäche blieb ihr zurück, und von

der Schönheit, welche sie, vor dieser Krankheit, unter allen Kindern

der Stadt auszeichnete, sah man keine Spur mehr. Lange noch mußte sie

aus Schwäche auf Krücken gehen und über ein halbes Jahr blieb sie

völlig taub. So, von jeder Freude, jedem Spiel der Kindheit geschieden,

öffnete sich ihr in der Lectüre eine neue Quelle des Genusses. Ihre

Eltern lebten rauschend gesellig, sahen viel Gesellschaft in ihrem

Hause und waren noch öfter abwesend. Die Mutter konnte, wenn sie auch

gewollt hätte, diese Lebensweise nicht ändern, und da Natalie nicht auf

dem gemeinschaftlichen Kinderzimmer bleiben konnte, räumte man ihr ein

kleines Stübchen ein, dessen Fenster auf einen nur sechs Ellen großen

Hof gingen, gab ihr ein eignes, altes, treues Mädchen zur Pflegerin und

überließ sie so sich selbst. Ihren Vater sah sie in diesem kleinen

Stübchen nie; ihre Mutter alle Tage mehreremale, aber außer ihrem Arzt

weiter keinen Menschen. Ach, die gute Mutter brachte ihr fast täglich

etwas, woran sie sich freuen sollte, und das leidende Kind war ihrem

Herzen näher denn je. Das einzige, was Natalie liebte und forderte,

waren Bücher. Sie erhielt deren, so viel sie wollte, aus einer

Leihbibliothek, und keiner bekümmerte sich darum, was sie las.

Unersättlich gab sie sich diesem Genuß hin, der ihr eine Welt neuer

Bilder zuführte, und in dieses so reizbare, so unnatürlich aufgeregte

und verletzte Gemüth zogen nun die Heroenbilder der griechischen und

römischen Welt ein. Ihr Inneres erhob sich in der Begeisterung für

diese Gestalten, die ihr nicht fremdartig erschienen; aber sie lernte

sie nicht aus Schriften kennen, die für ihr Alter berechnet waren,

und so traten die Gräuel entarteter Menschheit, Laster und Verbrechen

in einem Zeitpunkte vor sie hin, wo der jugendlichen Seele noch alles

als reizende Dichtung erscheinen soll, aus der sich dann später die

Blüthe des Ideals entwickelt. Für Natalien hatte das Ideale dieser

Heroengestalten der Vorwelt auch noch den Nachtheil, daß es ihren Sinn

für einfache Güte und schimmerlose Tugend schwächte und sie später oft

verleitete, Extravaganz mit Größe, Ungewöhnlichkeit mit Originalität

zu verwechseln. Alle ihre Gedanken und Empfindungen nahmen eine hohe,

stolze, begeisterte Gestalt an, weil sie glaubte, nur so könne und

müsse die Tugend sich äußern.

Nach ihrer gänzlichen Wiederherstellung sandte man sie in eine

französische Schule. Auch hier ward Prunk mit ihr getrieben, da sie

schon nach Verlauf von vierzehn Tagen richtig las, und ihre Mutter

erfuhr nun, daß Natalie ausgezeichnete Geistesanlagen habe. Eifrig

sorgte sie jetzt für Lehrer aller Art, und zweifelte keinesweges,

daß sie ihrer Tochter nicht allein eine glänzende, sondern auch eine

Erziehung gebe, die, nach ihrer Ansicht, nichts zu wünschen übrig ließ.

Auch jetzt in der Schule blieb Natalie sehr einsam. Alles, was sie

umgab, drängte sie mehr in sich selbst zurück, und sie versank so

in die innre Welt ihrer dämmernden Phantasieen und Träume, daß die

Erscheinungen der äußern unbeachtet an ihr vorüber glitten. Alle ihre

Freistunden füllte Lektüre aus, und ihr Kopf wurde ein wahres Chaos

von dichterischen Ideen und einzelnen wissenschaftlichen Notizen. Ihr

Gedächtniß faßte ungeheuer viel, und bei allem, was sie las, dachte

sie an ihr künftiges Leben und suchte es darin zu verweben. So war

sie nur noch an Jahren Kind, aber ihrer Phantasie, ihrem Herzen,

ihrem Gemüthe nach, ein sechzehnjähriges, tieffühlendes Mädchen.

Schwärmerische Religiosität und eine stille elegische Wehmuth waren

die Grundtöne ihres Wesens, mit denen eine trübe, namenlose Sehnsucht

innig verschwistert war. Die vielen Romane die sie las, vorzüglich

Lafontaines Werke, die sie in diesem Zeitpunkt allen andern vorzog,

machten sie frühe mit dem Glück und mit der Gewalt der Liebe bekannt,

und der tägliche Besuch des Schauspiels vermehrte noch das Unheil, das

ihr unausbleiblich aus dieser vorzeitigen Kenntniß erwachsen mußte.

Einzig in den Träumen ihrer Phantasie lebend, entfremdete sie sich

ganz der Wirklichkeit, und bald gelang es dieser Zauberin, ihr eignes

Leben, das drückende Verhältniß zu ihrem Vater, die verstohlne Liebe

der Mutter, mit einem Kolorit auszuschmücken, dessen Reiz ihr Ersatz

für die Bitterkeit desselben wurde. So verlor sie schon als Kind die

Wahrheit der ersten Gefühle an leere Phantasieen, die sie auf die

Gränzlinie führten, wo ein dichterisches Leben sich von der Wahrheit

scheidet, mit der es vereint bleiben muß.

Ihr Vater nannte sie seit jenem Sprung aus dem Fenster nie wieder

Tochter -- nie hörte sie seit jenem Tage ein freundliches Wort von

ihm; kaum seine Hand durfte sie küssend berühren, und noch nie hatte

sie erfahren, wie es sich in Vaterarmen und an einem Vaterherzen

ruhen lasse. Bei Tische nur sah sie den ihr allein Unfreundlichen,

der gegen seinen Sohn und die kleine Elise, ihre Schwester, der

liebevollste Vater war. Alle ihre Bedürfnisse erhielt sie aus der Hand

ihrer Mutter, und wenn der Vater Spielzeug oder Näschereien kaufte,

war Natalie nie mit in der Austheilung begriffen. Sie war ausgestoßen

aus dem Kreise seiner Kinder, und ihr Herz wurde unter dem Schmerz

dieses Gefühls so weich, daß alles sie verletzte. Sie glaubte sich

von keinem geliebt; selbst die Zärtlichkeit ihrer Mutter schien ihr

nur Mitleid, und der Glaube an Menschenherz, den Kinder so rein und

ungetheilt haben, war ihr fremd. Die Furcht, zurückgestoßen zu werden,

machte ihr jede Annäherung unmöglich, und ihr schüchternes, oft für

Einfalt gehaltenes Wesen, ihr gänzlicher Mangel an Kindlichkeit und an

jugendlicher Lebhaftigkeit, zog auch nicht zu ihr hin. Aber wo ihr ein

Laut der Liebe, eine Miene milden Wohlwollens entgegen kam, da hing

sie sich denn auch, fast immer unerrathen von dem Gegenstande, mit

unaussprechlicher, leidenschaftlicher Innigkeit an. Diese fand sie nie

erwiedert, und so grub sich das schmerzliche Gefühl des Allein- und

Verlassenseyns immer tiefer in das jugendliche, verstimmte Gemüth, das

keinen andern Trost hatte, als sich in seiner eignen Tiefe immer heißer

zu schmerzlichen Gefühlen aufzureizen.

Aber auch im äußern Leben ward sie nur zu oft unzart angefochten. Ein

Beispiel davon werde aus vielen hier angeführt.

Ihr Vater kaufte ein nur wenige Meilen von seinem Wohnorte gelegenes

Gut. Es wurde verpachtet, doch mit dem Vorbehalt, daß die Familie

jeden Sommer einen Monat dort leben wolle. Natalie liebte, wie fast

alle jungen Leute, das Landleben, das sie bis dahin nur aus Dichtern

kannte, und der erste in P.... verlebte Monat wurde der glücklichste

ihres Lebens. Das Gut hatte eine sehr angenehme Lage am Ufer eines mit

Holz bekränzten Sees, und dieser Aufenthalt wurde für Natalien zur

Quelle eines ihr ganz neuen Genusses, der ihr Herz mehr befriedigte,

sie stiller und in sich heitrer machte, als Alles, was ihr bis dahin

geboten war. Weinend schlich sie am Morgen der Abreise im Garten umher

und küßte verstohlen die Blätter und Blumen der Gänge und Lauben zum

Abschied. Mit jedem Monat wurde in der Stadt das Bild der zu P....

verlebten Zeiten in ihrer Seele heller und mit froher Sehnsucht

erwartete sie im folgenden Jahre die Reise dorthin. Der Sommer kam

und mit der ersten kindlich frohen Empfindung ihres Lebens hörte sie

den Tag zur Abreise bestimmen und sah die Koffer packen. Der Wagen

fuhr vor -- alle waren schon eingestiegen; nur Natalie stand noch am

Schlage, als der Vater ganz unerwartet das harte Wort sprach: sie

soll nicht mit! Ins Auge der Mutter stieg eine Thräne. Natalie fühlte

sich durch diesen despotischen Befehl ängstlich beklemmt -- ohne jene

Thräne der Mutter wäre ihr Herz daran versteinert. -- Jetzt trat sie

mit der unbeweglichen Miene, die ihr den Augen des Vaters gegenüber,

die lange Uebung, ihre Gefühle zu verschleiern, gegeben hatte, nur

näher, um mit stummer Unterwürfigkeit seine Hand zum Abschied zu

küssen. Doch als sie sich nun zur Mutter wandte und in ihrer innigen,

wehmüthigen Umarmung fühlte, wie weh dem Mutterherzen war, wurden ihre

Augen naß -- schnell rollte der Wagen fort und Natalie blieb von der

ganzen Familie +allein+ zurück. -- O wie schwer legte sich das

eiserne Gewicht dieses grausamen Wortes auf ihr Herz! -- Ihr Gefühl

war zu bitter für Thränen, und das mitleidige Bedauern der Dienstboten

verhärtete sie noch mehr, weil sie sich dadurch gedemüthigt fühlte.

Als ihre Mutter ihr aber am folgenden Tag durch einen Boten ihre mit

eingepackten Kleider und zugleich Geld zu einem Dutzend Comödienbillets

sandte, erweichte sie dies Zeichen der Liebe und der Theilnahme, und

sie weinte viel. Die gute Mutter that noch mehr; zu klug, um Natalien

offne Mißbilligung des väterlichen Betragens zu zeigen, schrieb sie

an eine ihrer Freundinnen und bat sie, sich der Kleinen während ihrer

Abwesenheit anzunehmen. Diese kam und fand Natalien in dem einsamsten,

verstecktesten Winkel des Hauses, still weinend. Vor dem Anblick

der fremden Gestalt stockten Nataliens Thränen, -- aber der milde,

tröstende Ton der fremden Stimme zersprengte die Hülle der tiefen

Verschlossenheit, die gewöhnlich das wunde Herz der armen Kleinen

deckte, und sie weinte sich an den fremden, theilnehmenden Herzen recht

sanft aus. Aber keine Klage, kein Vorwurf kam über ihre Lippen -- sie

hatte nur Thränen, die aber noch lange noch viele Jahre nachher,

schmerzend bei dieser Erinnerung flossen.

Das erste Wiedersehn der Mutter und Tochter, bei der Rückkehr vom

Lande, war rührend. Die Ungerechtigkeit des Vaters, und das monatlange

Entbehren des geliebten Kindes, machten die Mutter muthiger, ihre

Liebe für Natalien zu zeigen, deren dankbares Herz dieser erhöheten

Zärtlichkeit einen Werth gab, der ihre eigne Liebe zur heißesten

Schwärmerei erhob. Auch ihre Schwester Elise wurde ihr immer theurer.

Sie trennte sich wenig von ihr, und ob gleich sie selbst nie mit

einer Puppe gespielt hatte, nähte sie doch jetzt häufig und viel für

die Puppe der Schwester. Dabei lehrte sie sie lesen und erzählte ihr

Geschichten, die sie für das Alter der Schwester artig und faßlich

einzukleiden wußte. Auch war ihr die Kleine fast ganz übergeben, und

Mutter und Wärterin ruhig, wenn sie sie unter ihrer Aufsicht wußten.

Bis zum eilften Jahr rang Natalie noch mit der von ihrer Krankheit

zurückgebliebenen Nervenschwäche; aber da entfaltete sich ihr bis dahin

verspäteter Wuchs so schnell, daß sie in Jahresfrist ihre, das Mittlere

übersteigende, Größe erhielt. Man glaubte sie nun nicht länger wie ein

Kind ansehn und behandeln zu dürfen, und ihre Mutter beschloß, sie

confirmiren zu lassen, wodurch sie nach der noch bestehenden Sitte

ihrer Vaterstadt, gesellschaftsfähig wurde, da bis zu diesem Zeitpunkt

die jungen Mädchen strenge von allen öffentlichen Vergnügungen und

großen Gesellschaften ausgeschlossen sind. Natalie ward also dem

Prediger vorgestellt, dessen Religionsunterricht sie, gemeinschaftlich

mit den andern Catechumenen, einen Winter lang besuchen sollte. Der

religiöse Anklang ihres Innern hoffte hier Nahrung zu finden, und fand

sie. Was ihr gepredigt ward, war streng orthodoxe Glaubenslehre, deren

Mystizismus Natalie aber wie Poesie ergriff. Von dieser Seite war sie

noch unangefochten, unschuldig und selig wie ein Kind. Auch lag eine

religiös-moralische Tendenz tief in ihrem Gemüthe. Sehr früh fing sie

an, sich zu beobachten, zu prüfen und nach dem Einen, was ihr Noth

schien, zu streben. Mystik und Glaube waren so durch alle Adern ihres

Gemüths gegangen, daß man sie nicht von diesem lösen konnte, ohne es

unheilbar zu verwunden, und auch hier trat jetzt ein feindseliges Wesen

zu ihr, und führte sie aus den Blumengefilden ihres lebendigen Glaubens

in die Wüste einer todten Speculation. Diese Religionsstunden besuchte

mit Natalien die Tochter eines sehr angesehenen Kaufmanns, Emma Busch.

Die beiden Mädchen kannten sich bis zu diesem Zeitpunkt wenig, kamen

sich aber jetzt näher, und Natalie, deren Weg zum Hause des Predigers

bei Emmas Wohnung vorbei führte, holte diese gewöhnlich ab. Hier

lernte Emmas Vater sie kennen. Dieser, ein Spötter alles Heiligen und

Schönen und der Apostel einer Lehre, die alles frech verlacht, was

die Farbe eines tieferen und seligeren Lebens trägt, fand Natalien

mit ihrem sinn- und geistvollen Blick und ihrem, zu ihrem Alter so

wenig passenden, trüben Ernst, so auffallend, daß er sich ihr näherte.

Emma theilte ihm einige Aufsätze mit, worin Natalie niedergelegt

hatte, was sie von den Lehren des Predigers in ihrem Herzen bewahrte,

und er fand in ihnen eine so feste Zuversicht des Unsichtbaren, ein

so sehnsuchtvolles Ergreifen des Ueberirdischen, eine so liebevolle

Schwärmerei für jedes Gebot der Glaubenspflicht, daß es ihm der Mühe

werth erschien, den Geist und das Herz, dem sie entflossen, näher

kennen zu lernen. Emma bat jetzt, von ihm geleitet, Natalien häufig

zu sich; der Vater gesellte sich oft auf dem einsamen Zimmer der

Tochter zu ihnen und fand Mittel, Natalien zum Reden zu bringen. Ihre

Religiosität hatte sie ihm in einem fast lächerlichen Lichte gezeigt

und nur die Sonderbarkeit der Erscheinung ihn angezogen. Jetzt lernte

er ihren Geist und die mannigfaltigen Kenntnisse, die sie so spielend

eingesammelt hatte, daß sie selbst sie für höchst unbedeutend hielt,

achten, und bedauerte, daß diese nur für den Aberglauben wuchern

sollten. Großmüthig beschloß er, sie aufzuklären und sie für sein

System und seine Philosophie des Lebensgenusses anzuwerben.

Der Spott, mit dem er jetzt das Heiligste angriff, das gutmüthige

Bedauern, daß sie mit ihrem, hellerer, höherer Erkenntniß so fähigen

Geiste, auf einer Bahn wandle, wo sie nur den Pöbel der Geisterwelt

zu Gefährten habe; die Zuversicht, mit der er behauptete, sie werde

sich früher oder später von dieser geistigen Unmündigkeit lossprechen

und sich den denkenden Menschen aller Nationen zugesellen, die es ja

einstimmig schimpflich fänden, +zu glauben+, wo die Vernunft zu

+wissen+ fordre, erregten bald in Nataliens Gemüth -- dessen

Selbstständigkeit noch nie der Beifall eines geachteten Menschen weckte

-- eine Zwietracht, die Busch künstlich nährte und immer giftiger

machte. Eine leise warnende Stimme trieb sie von ihm hinweg; aber sein

Witz, sein glänzender Geist, und die Anerkennung des ihren, die er

zuerst ihr zeigte, zogen sie immer wieder zu ihm, der ihr jene warnende

Stimme bald als Stimme des Vorurtheils verdächtig zu machen wußte.

Frech zerriß er den Isisschleier, der das Heiligste im Menschen, die

Mystik, deckt -- wie eine Leiche zergliederte er ihr ihren frommen

Wahn und vertröstete sie, bei ihren bangen Zweifeln und Klagen, bei

ihrem Ringen nach Wahrheit, immer auf das helle Sonnenlicht, das dieser

Nacht, in die er sie hinabstieß, folgen sollte.

Lange und schmerzlich kämpfte sie gegen diese neue Lehre; aber

allmählig erkaltete ihr Herz gegen das Wesen, das nur noch in ihrem

Begriffe wohnen sollte, und gefühllos seelig blieb, wenn die Kreatur

hienieden verging in unnennbarem Schmerz. Sie erlaubte sich jetzt ein

System, dem der edle Ernst einer strengen Pflichterfüllung einwohnte;

aber mit dem Glauben verlor diese Pflicht ihre Huld, und die Tugend

wurde ihr zu einer strengen Disciplin, die keine freie, freudige

Uebung des Schönen duldete. Sie hatte dieses -- wie es in ihrem Alter

auch sein soll -- bis jetzt mehr begeistert empfunden, als geistig

begriffen, und es war noch nicht durch ihr ganzes Wesen gegangen,

um sich unzertrennlich mit ihm zu verbinden. Daher hatte später ihr

Gemüth einzelne lichte Punkte, ihr Karakter treffliche Seiten; aber dem

Ganzen fehlte Einheit und Harmonie. Von frühster Jugend an verworren

und angefochten durch alles, was sie umgab, trat jetzt in einem für

ihre innere Bildung entscheidenden Zeitpunkt, Busch zu ihr, und was

er ihr als die Lehre einer neuen geistigen Offenbarung gab, trennte

die Hauptkräfte ihres Gemüthes; ihre Seele floh verschüchtert zurück,

und der Geist eignete sich, der Natur entgegenstrebend, die Natalien

bestimmt hatte, schöner in ihrem Herzen als in ihm zu leben, fast

ausschließend ihre fernere Bildung zu. Wo in den nächstfolgenden Jahren

Kindlichkeit und Wahrheit in ihr aufgingen, war es als wehmüthiger

Anklang einer Zeit, die sie nie klar genossen hatte.

Dieser Gang ihrer Bildung zog sich durch viele Jahre verderblich fort,

und traf mit den Begebenheiten ihres äußern Lebens zusammen, deren

Faden wir hier wieder aufnehmen müssen.

Das Osterfest kam und mit ihm der Tag ihrer Einsegnung. Tief

erschüttert legte sie in der Kirche, an der Spitze von achtzig jungen

Mädchen, im Namen aller, ihr Glaubensbekenntniß öffentlich ab, und sank

fast ohnmächtig zu den Füßen des Predigers, als er ihr das Gelübde

abforderte, im Leben und im Tode einer Lehre treu zu bleiben, die

Ihr ein Gewebe von Pfaffentrug und Pfaffenwahn zu seyn dünkte, und

deren wahrhaft göttlichen Geist sie nicht von den ihn umhüllenden und

verdunkelnden Menschensatzungen zu sondern wußte.

Derselbe Abend war bestimmt, sie in die geselligen Zirkel ihres

Wohnortes einzuführen. Ihre Mutter fuhr den Nachmittag mit ihr Visiten

zu machen und am Abend in eine sehr zahlreiche Assemblee. Hier trat

nun die kaum vierzehnjährige Natalie in einen Zirkel von Mädchen, deren

fast keins unter sechszehn Jahr war, und von Jugend auf mit dieser

Lebensweise vertrauter und bekannter denn sie, sich darin leicht, wie

in einem angemessenen Element, bewegten.

Natalie dagegen verstand nichts schlechter, als die Kunst zu figuriren.

Die Welt und der sogenannte Weltton waren ihr nicht fremd; sie kannte

beide aus ihren Romanen ziemlich richtig; aber die Befangenheit der

jugendlichen Schüchternheit lag auf ihr und genirte sie in allem.

Ihr Herz zog sie zu keinem von diesen Menschen hin; es waren ihr

Gestalten aus einer ihrem Sinn fremdartigen Welt, und keine Glanz- und

Gefallsucht reizte sie, sich ihnen gleich stellen zu wollen. So blieb

sie, von den Herren unbemerkt, von den jungen Mädchen für einfältig,

oft auch für stolz gehalten, allein, und nur bejahrte Männer sah man

zuweilen im freundlichen Gespräch mit ihr, so wie auch manche ältere

Frau für sie das Lob eines guten, bescheidenen Mädchens hatte.

Die Liebe hatte von jeher eine zu wichtige Rolle in den Träumen ihrer

Phantasie gespielt, als daß sie jetzt nicht unwillkührlich unter

den jungen Männern nach einer Aehnlichkeit mit ihrem Ideal hätte

umherblicken sollen. Aber keiner kam ihm nahe, und sie war zu stolz,

einem Manne gefallen zu wollen, den sie nicht ganz vorzüglich achtete.

Natürlich fand sie, unter diesen Umständen, das gesellige Leben sehr

fade, und zog sich bald, soviel als möglich, in ihre stille, geliebte

Einsamkeit zurück, die ihr der gehaltvollern Freuden so viele bot. Nur

Konzerte und Schauspiele versäumte sie selten. Wie musterhaft sie aber

selbst das Pianoforte und die Harfe spielte, wie kunstmäßig ausgebildet

ihre schöne Kontra-Altstimme war, wußte, ihre Lehrer ausgenommen,

niemand, da sie vor ihren Eltern, die selbst nicht musikalisch waren,

und vor Fremden, höchstens einen leichten Tanz, eine gewöhnliche

Arie, spielte und sang. Musik, Lectüre, Malerey, feine weibliche

Handarbeiten und der Unterricht ihrer Schwester, deren einzige Lehrerin

sie in diesem Zeitpunkt war, füllten ihre Zeit so angenehm aus, daß

sie die Stunden verloren achtete, die sie der Gesellschaft opfern

mußte. Ihre Rolle darin wurde ihr bald so langweilig, daß sie sich den

Spielparthien anschloß, weil ihr diese Art der Langeweile noch die

erträglichste zu seyn schien. Ihre Mutter überließ sie in der Wahl

ihrer Lebensweise und ihres Umgangs ganz sich selbst, und lernte sie

immer mehr lieben und achten. Der Vater blieb kalt und fremd gegen sie,

und mancher schmerzliche Auftritt zog noch durch ihr Leben; doch die

Hofnung, durch Liebe, Treue und Gehorsam früh oder später noch seine

Abneigung zu besiegen, stärkte nicht allein ihren Karakter, sondern

erhielt auch ihr Herz weich und liebevoll.

Um diese Zeit starb ihr Bruder Georg, mit dem sie in den letzten Jahren

recht freundlich zusammen gelebt hatte. Sie hatte sein Krankenbette

nicht verlassen, ob er gleich an einem sehr bösartigen Fleckfieber

darniedergelegen und der Arzt dringend ihre Entfernung gefordert. Der

Gedanke und das Bild des Todes waren ihr nicht fremd; seit frühster

Jugend hatte sie es oft liebend angeschaut -- aber diese Zuckungen

des entfliehenden Lebens, dieser verzerrende Kampf der Krankheit, eh’

er, der sanfte tröstende Genius, die Bande löset, die die Seele an

den Körper fesseln, war für sie neu und schreckensvoll. Doch nur tief

empfindend, und durchaus nicht empfindelnd, hielt sie bis zur letzten

Minute bei ihm aus und ihre Lippen küßten sein entfliehendes Leben auf.

Der Ernst in ihrem Wesen wurde durch diesen Verlust und durch den

Eindruck der bei ihm einsam zugebrachten Sterbestunde, wo die

Nachtlampe matter und matter aufloderte, wie sein Röcheln leiser und

leiser wurde, dann mit ihm zugleich erlosch und sie ohnmächtig bei dem

Todten niedersank, noch finstrer, und sie verlor das Vertrauen zu den

Menschen ganz, als sie sich mit ihrer Trauer verspottet fühlte.

Ihre Eltern besaßen nicht fern von dem Kirchhofe, wo Georg ruhte, ein

Gartenhaus. Natalie hatte dort schon öfter einige Tage, allein mit

Elisen und ihrem Mädchen, zugebracht, und that es auch jetzt, weil

sie gerne einmal in früher Morgenstunde das Grab ihres Bruders einsam

besuchen wollte -- und giebt es auch einen schönern, beruhigendern

Anblick, als der Aufgang der Sonne über den Gräbern unsrer Geliebten?

-- Auch Natalien ward hier eine ernste Stunde, voll erhebender Blicke

über das Grab hinaus, voll reiner treuer Vorsätze für ein Leben, das

sie nur zu lieben vermochte, wenn sie fühlte, es heilige sie für ein

höheres. Tiefes wahres Gefühl zog sie auf ihre Knie nieder; sie betete

innig und fühlte sich wieder in der hellen leichten Welt ihres früheren

Glaubens einheimisch.

Zu ihrem Unglück hatte sie Zeugen gehabt. Einige junge Wildfänge, die

eine Brunnenkur so früh herausgelockt hatte, sahen durch die Thorgitter

des Gottesackers ihr weißes Gewand schimmern; neugierig schlichen

sie näher und sahen Natalien nun weinen, niederknien und beten.

Nach vier und zwanzig Stunden war diese Erzählung zur lächerlichen

Burleske verdreht, in Jedermanns Munde. Nataliens gegen den Schein des

Lächerlichen krankhaft empfindliche Seele würde dadurch gekränkt worden

seyn, hätte sie nicht auch von ihrem Vater die bittre Weisung erhalten,

solche Narrheiten künftig zu unterlassen, und ihre Familie nicht, wie

sich selbst, durch ihre Romanenstreiche zu prostituiren. --

O wie verschüchtert, wie blöde und geängstet, floh ihre Seele nach

solchen Auftritten in ihre Verborgenheit zurück! -- wie scheu und

sorgsam verhüllte sie ihr Herz, das so tief fühlte, wie einsam und

ungeliebt es auf der Erde sey und doch mit der leidenschaftlichsten

Schmerzenssehnsucht an dem Ideal eines Wesens hing, in dessen Schutz

sie sich zu einem freudigeren Seyn hätte aufrichten können und mögen! --

Der einzige Umgang, für den sie Interesse bewahrte, war das Buschische

Haus. Sie verbarg jetzt dem Vater auch ihr Gemüth und ihr innres Leben,

da ihr eine geheime Stimme sagte, er werde sie damit nur verhöhnen;

aber gern und willig traf sie mit ihm im Umtausch geistiger Ideen

zusammen. Die Tochter Emma bildete sich nach und nach zur feineren

Kokette, und war auch ohne allen höhern Anklang. Ihr Verhältniß zu

Natalien war jenes, das man so häufig unter jungen Mädchen dieses

Alters findet, und das oft Freundschaft genannt wird, so wenig es auch

auf diese Benennung Anspruch machen kann, da es nichts als flüchtiges,

jugendliches, aus dem öftern Zusammenseyn entstandenes Wohlwollen ist,

dem in der Regel nicht die geringste Aehnlichkeit des Geistes und des

Herzens zum Grunde liegt. Auch galt dies Verhältniß Natalien für nichts

mehr, als was es wirklich war, bis sich ihm ein Interesse andrer Art

zugesellte. --

Emma war die einzige Tochter ihrer reichen Eltern und seit früher

Jugend von ihrem Vater seinem Schwestersohn +Rudolph Holm+

bestimmt, damit das Vermögen hübsch in der Familie bleibe. Rudolph

hatte vor acht Jahren seine Vaterstadt als ein sehr fähiger

talentvoller Jüngling verlassen, um sich auf Universitäten und Reisen

für seine künftige Bestimmung als Arzt auszubilden. Bei seiner Abreise

versprach ihm Busch Emmas Hand, wenn er sich durch seine Kenntnisse und

seine Aufführung derselben werth machen werde, und nahm es über sich,

als künftiger Vater, jetzt schon zu seinen Studien-Kosten beizutragen,

da Rudolph nur ein sehr mäßiges Vermögen besaß. Dankbarkeit, Erinnerung

an Emmas aufblühende Reize, die er als zehnjähriges Kind bei seiner

Abreise verlassen hatte, und die Aussicht auf den Besitz ihres großen

Vermögens, machten ihm mit jedem Jahr den Gedanken dieser Verbindung

lieber. Nicht so Emma, der sein Bild ganz fremd geworden war und die in

ihm nur das Hinderniß einer Verbindung mit ihrem Geliebten, dem Hofrath

M... sah. Jetzt, da die Zeit der Zuhausekunft Rudolphs sich nahte,

bat er ihren Vater um Erlaubniß, mit seiner reizenden Cousine Briefe

wechseln zu dürfen, und Emma erhielt nun einen Brief, der zu ihrem

gehaltlosen Wesen und zu ihrem ungebildeten Geiste einen, ihr selbst

fühlbaren, Contrast bildete. Sie theilte ihn Natalien mit, und da diese

sich durch den Geist, der daraus sprach, eben so angezogen wie Emma

abgeschrecket, fühlte, so ließ sie sich nicht lange bitten, dieser bei

der Antwort zu helfen. Die Hülle eines fremden Namens schützte sie vor

der schüchternen Verlegenheit, mit der sie unter ihrem eignen auftrat,

und Rudolph fühlte sich lebhaft von dem geist- und gefühlvollen

Wesen angezogen, das sich ihm im Spiegel dieser Briefe zeigte, die

Natalie bald ganz allein schrieb und Emma nur kopirte. Die Zartheit

des Verhältnisses zwischen Rudolf und dieser, gestattete für alles

+Künftige+ nur leise Andeutung, und so berührten seine Briefe

nur Gegenstände der Kunst, der Litteratur und der Natur Italiens, wo

er sich eben aufhielt und von wo er nach St. zurückkehren sollte.

Natalie begleitete ihn in ihren Antworten auf allen seinen Wanderungen

durch dies Land der Herrlichkeit, und welcher Anklang auch dort durch

Kunst, Natur und Vergangenheit in ihm geweckt wurde, immer wurde er

von ihr verstanden und traf auf Sinn und Gefühl für das, worüber er

sich entzückt, gerührt, begeistert, gezeigt hatte. Er lernte so ihren

gebildeten Geist und ihre Kenntnisse kennen, wie ihm die elegische

Stimmung, mit der sie ihn vorzüglich gerne zu den Ruinen versunkner

Größe und den Denkmalen einer herrlichern Vorzeit begleitete, ihr

tiefes Gefühl verrieth. -- Groß -- schwärmerisch -- begeistert für

Liebe, Vaterland und Freiheit, wie er ihr erschien, mußte er Nataliens

ganze Seele mit desto unwiderstehlicherer Macht ergreifen, da sie

bisher fremd und einsam unter Menschen gelebt hatte, die ihres Herzens

heiligste Melodien nur mit dem Schellengeklingel eines seelenlosen

Leichtsinns zu begleiten vermochten. Selbst der exzentrische Sinn, den

Rudolf zeigte, mußte auf Nataliens romantisches, zum Ueberspannten sich

hinneigendes, Gemüth tiefer wirken, als wenn er ihr in der stillen

Ruhe eines auf edle Selbstständigkeit gegründeten Karakters erschienen

wäre. --

Rudolph war einer jener Menschen, welche die Natur nicht für die

Mittelmäßigkeit bestimmte; doch schon in der frühsten Jugend erhielten

seine Anlagen eine schiefe Richtung, die ihn den Schein mit dem

wirklichen Seyn so verwechseln lehrte, daß er sie später nie wieder

klar zu scheiden vermochte. In seinen Universitätsjahren sank er

einmal, als Spielwerk eines tief gefallnen Weibes, bis zur niedrigen

Gemeinheit. Dies Bewußtseyn raubte ihm jede jugendliche Illusion der

Phantasie und des Herzens in Hinsicht auf das wirkliche Leben, das

er nur noch in einer Beleuchtung aufzufassen vermochte, die einen

tiefen Schatten auf die Menschheit warf, da ihm die Kraft fehlte, den

verlornen Glauben und die verlorne Liebe wieder gewinnen zu können.

Nach und nach starb auf diesem Wege jedes höhere Bedürfniß der

Menschheit in ihm ab, und ward ihm zur Fabel. Seine ganze Cultur war

nur verfeinerte, glänzend ausgebildete, Thierheit, und er vermochte

mit der Leerheit dieses entgötterten Lebens zu spielen, und war

eitel auf die Verruchtheit, mit der er alle seine geistigen Kräfte

nur für den Genuß und die Auszierung des äußern Lebens wuchern ließ,

in dem es ihm zum Höchsten geworden war, glänzend zu figuriren. Die

Menschen betrachtete er nur als Maschinen zu seinen Experimenten und

jede Leidenschaft war ihm bloß Aufgabe für seine seltne Kunst der

Darstellung. Doch nicht bloß gegen andre war er Schauspieler, er

war es auch im geheimsten Zusammenseyn mit sich selbst, und diese

Selbsttäuschung gab jeder von ihm gespielten Rolle einen Zusatz von

Wahrheit, der auch das unbefangne Urtheil über ihn leicht bestach.

Gefühl, Witz, Humor, alles war bei ihm nur eine elektrische Explosion,

zu der er sich systematisch und wissentlich vollud. -- So mußte er,

um nicht unter dem Gefühl eigner Erbärmlichkeit zu Boden zu sinken,

die Menschen verachten; er konnte nur zu stehen wähnen, so lange ihm

jede moralische Kraft, Spannung der Leidenschaft -- die reinste Liebe,

gewürzte Sinnlichkeit -- die Tugend ein Epikuräismus der Vernunft hieß,

der freiwillig entbehrt, um länger, sichrer und gefahrloser zu genießen.

Sein Aeußeres war anziehend. Eine große edle Figur, ein römisch

geformter Kopf mit ernsten Zügen -- dunkelblaue, sehr sinn- und

geistvoll blickende Augen -- eine reine, für den höchsten Affekt

der Leidenschaft, wie für die Nüancen der leichtesten, witzigsten

Unterhaltung, kunstmäßig ausgebildete Stimme, und eine Gabe, sich

darzustellen, die der Würde an Wirkung glich, bildeten ein Ganzes,

dem man mit Achtung für den Geist, der es beseelte, näher trat. Auch

mißlang es ihm nur selten, Menschen für sich einzunehmen, die er

gewinnen wollte; oft reizte es ihn aber, vor sich zurückzuschrecken,

um später den Triumph des Sieges über diesen ungünstigen Eindruck zu

genießen. Natalie ergriff, unter Emmas Namen, seine Phantasie -- das

einzige Medium, durch das ihm Eindrücke kommen konnten, die er sich

selbst als Gefühle anzulügen vermochte -- und er gefiel sich in der

Ueberzeugung, ein so gehaltvolles Wesen zur gewaltigen Leidenschaft

für sich aufreizen zu können, so wohl, daß er lebhaft auf ihren ersten

Anblick gespannt war.

Emma fuhr ihm bei seiner Ankunft, mit ihren Eltern und seiner Familie

bis zu einem nah bei St. liegenden Dorfe, entgegen. Sie war früher voll

Scheu und Widerwillen gegen ihm gewesen; allein Nataliens begeisterter

Glaube an Rudolfs Karakter, die siegende Beredsamkeit ihres heißen

vollen Herzens, hatten endlich Emma Vertrauen zu ihm eingeflößt.

Sey nur wahr gegen ihn, ganz wahr, bat Natalie oft. O Emma, wenn du

diesem edlen Menschen, dieser großen, liebevollen Seele Gerechtigkeit

wiederfahren ließest: so würdest du dein Schicksal freudig in seine

Hände niederlegen, überzeugt, daß er für dich und sich nur das Edelste

fühlen kann. Von ihr ermuntert und beredet, beschloß Emma, sich ihm

offen zu entdecken, wie sie sich auch verpflichtete, ihm Nataliens

Antheil an ihren Briefen ganz und auf immer zu verheimlichen. Natalie

forderte und wünschte diese Verschwiegenheit aus Blödigkeit und

Demuth; das heitre Vertrauen, mit dem sie in ihren Briefen zu ihm

geredet hatte, wurde jetzt, bei dem Gedanken an seine persönliche

Bekanntschaft, zur ehrfurchtsvollen Scheu gegen ein, in ihrem Sinn, ihr

so weit überlegnes Wesen. Emma schwieg gerne, weil ihrer Eitelkeit die

hohe Achtung gefiel, die Rudolfs Briefe aussprachen, und sie sich, von

ihren Reizen unterstützt, fähig glaubte, sich, ihm gegenüber, auf der

Höhe erhalten zu können, auf die der Freundin Geist sie gestellt hatte.

Rudolf hatte sich auf ihren ersten Anblick sentimental einstudirt

und Phantasie hatte an diesem Moment so lange gebildet, daß er jetzt

wirklich bewegt zu seyn glaubte, als er in der Ferne seine Mutter,

seine Brüder, Busch, und neben diesem, eine weibliche jugendliche

Gestalt erblickte. Rasch sprang er aus dem Wagen, und sein erster Blick

suchte das Auge voll Seele, die Gestalt voll Adel und Anmuth, mit der

seine Phantasie Emma geschmückt hatte, die jetzt, als eine reizende

Blondine, mit einem Ausdruck von Koquetterie und Verschmitztheit,

den selbst die Verlegenheit dieses Augenblicks nicht zu verhüllen

vermochte, vor ihm stand. Die Worte, womit er sie begrüßen wollte,

verstummten unwillkührlich, und er stand sichtbar befangen vor ihr.

Schnell wurde er indessen seines Aeußern wieder mächtig, wenn gleich

in seinem Innern die Wirkung des ersten Anblicks widrig forttönte. Er

knüpfte ein Gespräch mit ihr an, und berührte die Saiten, die ihn in

ihren Briefen so harmonisch ansprachen; aber die paar Floskeln, mit

denen Emma sich für diese Unterhaltung ausgeschmückt hatte, wurden von

ihm bald für das, was sie waren, erkannt, und es drängte sich ihm die

Ueberzeugung auf, sie habe den von ihr erhaltenen Briefen nur ihren

Namen geliehen, und ein andrer Geist, ein andres Herz habe daraus zu

ihm geredet. Das Romantische dieser geheimnißvollen Unsichtbarkeit

verstärkte noch bei ihm den früher erhaltenen Eindruck und diese

Stimmung wurde Emma sehr günstig, da sie ihm, einige Tage nach seiner

Ankunft, ihre Liebe für den Hofrath gestand, und die Entscheidung über

ihre Zukunft in seine Hände legte, weil nur die Zurückgabe des von

ihrem Vater erhaltenen Versprechens, diesen zur Einwilligung bewegen

konnte. Galant und gern gab er sich die Miene, als opfre er ihrem Glück

und der Freiheit ihrer Wahl eine sehr geliebte Hofnung, und verwendete

sich bei Busch so dringend für die beiden Liebenden, daß er auch

seine Einwilligung in ihre Verbindung bewirkte. Geschickt entlockte

er aber bei dieser Gelegenheit Emma’n das Geständniß, daß eine ihrer

Freundinnen Antheil an ihren Briefen gehabt, sie jedoch durch einen Eid

verpflichtet habe, ihm nie ihren Namen zu nennen. Er hoffte indessen,

seine unbekannte Freundin bald auszufinden, und die Spannung, die ihm

das Sonderbare dieses Verhältnisses gab, contrastirte so angenehm mit

der gewöhnlichen Erschlaffung seiner Empfindungen, daß er sich selbst

mit dem Erwachen einer ihm längst verloren gegangenen Wahrheit und

Innigkeit des Gefühls schmeichelte.

Die ersten Tage lebte er im Familienzirkel, dann erschien er in den

größern Gesellschaften, wie auch an öffentlichen Versammlungsörtern,

und unterjochte bald Männer und Weiber durch den Ernst seines Wesens,

der so viel tiefen Gehalt anzudeuten schien und den alle jene Talente

und Annehmlichkeiten verlieblichten, ohne deren Schimmer Tugend und

Seelenwerth in der Welt nur wie eine seltne Schaumünze gelten, die man

begafft, ohne sie in Handel und Wandel aufzunehmen. Natalie vermied ihn

in den ersten Tagen, voll wehmüthiger Ahndung und banger Sehnsucht, die

sie selbst nicht verstand. Der allgemeine Beifall, den er fand, und

seine Resignation auf Emmas Hand, die sie im Colorit eines schönen,

edlen Opfers sah, machten sie noch schüchterner, weil sie sich

unbeschreiblich unbedeutend neben ihm fühlte und ängstlich fürchtete,

daß er sie, bei persönlicher Bekanntschaft, unwerth finden möge, seine

Achtung, seine Freundschaft, seinen Briefwechsel, so lange unter

fremdem Namen genossen zu haben. Noch immer von Allen gemißbilligt,

getadelt, verkannt, oft sogar verhöhnt, war sie äußerst mißtrauisch

gegen ihren eignen Werth, da ihr aus der Liebe eines verehrten Wesens

noch nie das Gefühl der Billigung ihrer Individualität aufgegangen

war; sie wußte, wie sie dies von gleichgültigen, ungeachteten Menschen

geschmerzt hatte, und diese Erinnerung wurde ihr zum Maaßstab des

unendlichen Schmerzes, mit dem sie Rudolf, den sie über alles ehrte,

sich gleichgültig und achtungslos würde von sich wegwenden sehen. Es

schien ihr so kühn, so unglaublich, daß er -- der Größte, der Edelste

-- gerade sie, die Ungeachtete, Uebersehene, seiner Achtung, seiner

Freundschaft würdigen solle. -- Emma war ihm so gut als verlobt,

Emma war so hübsch, so witzig, so klug; unter der Hülle ihres Namens

war es so leicht, ihm zu schreiben -- aber ihm nun als die reizlose,

verlegene, im Leben oft unbeholfne Natalie unter die Augen zu treten --

ihr Stolz, ihr Herz, ihr Mißtrauen -- Alles sprach dagegen. Nein, sagte

sie, von ihm unerkannt, bleibe es mein schönstes Glück, ihm schweigend

durch das Leben zu folgen, und nie verrathe ihm ein Blick, ein Wort,

das Herz, das ihn so unaussprechlich ehrt, und dem er einst so

freundlich gesinnt war. So gestimmt, vergingen ihr einige Wochen, ehe

sie den Muth erhielt, ihre Mutter in eine der Assembleen zu begleiten,

wo sie gewiß seyn konnte, ihn zu treffen. Er war bei ihrer Ankunft noch

nicht da, und sie nahm, wie gewöhnlich, eine Karte. Aber unwillkührlich

erzitterte sie, so oft sich die Thüre hinter ihrem Sitze öffnete, und

als sie endlich seinen Namen nennen hörte, der Ton seiner Stimme zu ihr

drang, wechselte sie die Farbe, und verlor fast sichtlich ihre Fassung.

Er ging unter den Spieltischen umher, sprach hie und da einige Worte,

und sie gewann Zeit, sich für den Augenblick zu sammeln, wo er ihr,

nach Endigung ihrer Parthie, von der Frau des Hauses vorgestellt wurde.

Sie zog seine Aufmerksamkeit nicht auf sich; die stumme Verbeugung, mit

der sie seine Anrede beantwortete, empfahl sie ihm auch nicht, und er

vergaß bald, daß er sie überhaupt gesehen hatte. Natalie blieb ihrem

Vorsatz, sich ihm durch nichts bemerklich machen zu wollen, treu, und

änderte auch ihre Lebensweise keinesweges. Selten nur sah er sie in

Gesellschaften, noch seltner in dem Kreise junger Mädchen, und wenn er

sie denn einmal antraf, war es am Spieltisch, oder bei Tische an der

Seite älterer Männer, unter denen es einige gab, die sich lebhaft und

achtungsvoll für sie interessirten. Ihre Kenntnisse und Talente waren

und blieben allen ein Geheimniß, und nie hörte er ihrer anders, als wie

eines ganz gewöhnlichen Mädchens erwähnen, dem der Muthwille in seinen

Aeußerungen oft einen Anstrich romanhafter Thorheit lieh.

Natalie hingegen war eine desto aufmerksamere Beobachterin seines

Lebens, und der Schein von Ungewöhnlichkeit, den er allem gab, was

er sagte und that, wurde dem Bilde, das sie von ihm mit wahrer

Andacht in ihrem Herzen trug, zum immer stralenderen Heiligenschein.

Sie liebte ihn unaussprechlich, und mit der Stärke, die die ersten

erwachenden Gefühle einer so glühend leidenschaftlichen Seele, wie

die ihrige, bezeichnen mußte. In diesem schönen Zeitpunkt, wo ihr

Herz zum erstenmal das Gefühl des höchsten Lebens inne ward, ließ

selbst seine Kälte sie nicht unbefriedigt, weil es ihr genügte den

Gegenstand für dies Gefühl gefunden zu haben. An eigentliche Liebe

dachte sie auch nicht, und diese Gottheit feierte, wie fast immer in

reinen Seelen, ihren ersten Einzug unter einem fremden Namen. Natalie

nannte ihr Gefühl, Ehrfurcht, Anerkennung seines Seelenwerthes, Genuß

im Anschaun der geistigen und sittlichen Schönheit seines Karakters,

und kaum erlaubte sie sich den leisen Wunsch, daß seine Freundschaft

einst der Lohn ihres stillen Strebens, derselben werth zu werden, seyn

möge. In das Buschische Haus kam sie jetzt selten, da Emma, seit ihrer

Verlobung, fast ausschließlich in der, Natalien fremden, Familie ihres

künftigen Gatten lebte, und weil sie, im Bewußtseyn, wie gerne sie in

Rudolfs Nähe war, voll Jungfräulichkeit jeden Ort mied, wo sie gewiß

seyn konnte, ihn zu treffen.

Desto emsiger suchte Rudolf nach seiner unsichtbaren Geliebten, und

trat fast jedem Mädchen von Emmas Bekanntschaft näher, um die Ersehnte

zu entdecken. Keine wich ihm aus, jede stand den schönen Mann gerne

Rede; aber von jeder wandte er sich bald nachlässig und getäuscht ab,

bis er auf Louise Wiese traf, die mit dem Zauber seltner Schönheit den

Glanz eines nicht allein brillanten, sondern auch brillantirten Geistes

verband. Sie nahm den allgemein gefeierten Mann zuvorkommend auf, und

that, als sie den Irrthum erfuhr, der ihn ihr näher führte, nichts,

um ihn zu vernichten, sondern manches, das Rudolf darin bestärken

mußte. Die Entfernung, in der sie Rudolfen bis jetzt geblieben war, ihr

wörtliches Abläugnen jedes Antheils an Emmas Briefen, den sie doch oft

in unwillkührlichen Aeußerungen zu verrathen schien, erklärten sich

ihm durch ihre Verlobung mit einem Manne, dem sie, wie man allgemein

wußte, nur in Rücksicht auf sein Vermögen und den Wunsch ihrer Eltern,

ihre Hand versprochen hatte. Louisens Geist vermochte den seinen zu

fassen; sein Witz belustigte sie; ihre Eitelkeit gefiel sich in seiner

Auszeichnung, und unmerklich gewann sie wahres Interesse an ihm; aber

die Empfindung, die Flamme schöner Begeisterung für Alles, was den

Menschen erhebt und veredelt, die Natalie ihm gezeigt hatte, galt

Louisen nur für eine halb tragische, halb romanhafte Posse, und so ließ

sie Rudolfen bald unbefriedigt. Die schönsten, geistvollsten Weiber

mehrerer Länder waren ja schon sein gewesen -- was er jetzt suchte, und

in der Schreiberin jener Briefe zu finden glaubte, war ein weibliches

Wesen, das mit hoher Geistesbildung, die Neuheit des Herzens, die

Reinheit des Sinnes und das tiefe, leidenschaftliche Gefühl verband,

von dem er sich versprach, daß es seine eigne erstorbene Empfindung

wieder wecken, und ihm einen Genuß gewähren würde, um dessen Art und

Wesen er nicht bestimmt vorher wußte. Das weibliche Geschlecht war

ihm in allen seinen Schwächen und Eigenheiten bekannt, und eben darum

langweilig geworden. Nur fremde Leidenschaft konnte ihn noch reizen

und spannen, und je seltener man mit der Biegsamkeit der meisten

weiblichen Karaktere jene Stärke des Karakters, jene Energie der Seele,

die alle Kräfte und Empfindungen, unzertheilt, wie Sonnenstrahlen in

einen Brennpunkt in dem, mit unermeßlicher Liebe umfaßten Gegenstande

sammelt, vereint findet, je mehr dürstete er, sie zu finden. Er fühlte,

Louisens Liebe für ihn werde in ihrem Leben nie mehr als eine Episode

werden, und so spürte er, ohne doch das mit ihr angeknüpfte Verhältniß

aufzugeben, von Neuem wieder, wie ein Raubvogel, nach dem Herzen umher,

das er zu seinem Opfer ausersehen hatte. -- Das Schicksal trieb jetzt

Natalien aus der Unsichtbarkeit, die sie so lange geschützt hatte,

hervor -- er erblickte sie, und tief und blutig schlug er seine Krallen

in das weiche, wehrlose Herz.

Von allen Vergnügungen liebte Natalie nur die Maskeraden. Hier schwand

ihr das drückend Einengende des gewöhnlichen Lebens, und frei zeigte

sie oft unter der Maske ihren Witz und ihre Laune, die aber fast immer

nur verhüllter Unmuth über die Leere des Lebens und über die Schaalheit

der Menschen war. Jetzt erneuerte der Winter die Maskenbälle, und

es vereinigte sich manches, den ersten dieses Winters glänzend und

zahlreich zu machen. Natalie fuhr, als Pilgerin gekleidet, mit ihrer

Mutter hin, und trieb sich unter dem Gewühl herum, als plötzlich

ein feierlicher, schauerlicher Marsch die Tanzmusik unterbrach.

Eine Reihe seltsamer, schauererregender Gestalten trat ein. Die

blutgefärbten, entblößten Arme, die finstern, fantastischen Gewänder,

die Schlangen ums Haupt und auf der Brust, die Feuerbrände, und der

aus Menschengebeinen gethürmte Altar, den sie in der Mitte des Saals

aufstellten, kündigte sie als dem Schönen und der Freude abholde

Wesen an. Die Feier ihrer Mysterien begann, und plötzlich stand in

gigantischer Größe und furchtbarem Ernst der Gebieter unter ihnen. Ein

Wink von ihm, und die Flamme des Altars schlug prasselnd in die Höhe;

ein zweiter Wink ordnete diese Gruppen zu einem Tanz, den aus der

Ferne eine Musik begleitete, in der man den Schrei der Verzweiflung,

den Seufzer ewiger Hofnungslosigkeit, zu hören wähnte. -- Ein stilles

Entsetzen schlich durch den weiten Saal -- unwillkührlich erweiterte

sich der Kreis, der diese Gestalten, für die man keinen Namen hatte,

einschloß. Plötzlich wie er erschienen war, verschwand der Gebieter,

und, als rufe ein stummer Befehl sie in ihre Welt zurück, stürzten

Tänzer und Tänzerinnen in unordentlicher Eile und Verwirrung zum Saale

hinaus, und ein stürmisches Allegro der wieder einfallenden Tanzmusik

folgte ihnen auf ihrer Flucht. --

Das Ganze war Rudolfs Erfindung, der sich in solchen düstern Spielen

einer furchtbaren Phantasie, und in dem schneidenden Contrast dieser

Erscheinung zu dem frohen Treiben der versammelten Menge gefiel.

Eine Theaterversenkung entzog ihn schnell den Blicken, und schon

nach einigen Minuten trat er, im schwarzen Domino verhüllt, wieder

in den Saal. Seine eben gespielte Rolle hatte ihm eine Spannung

zurückgelassen, mit der er nicht sogleich in die lustigen Neckereien

der übrigen Masken einzustimmen vermochte. Einsam lehnte er sich an

einen Pfeiler, und gedachte der Namenlosen, die höchst wahrscheinlich

mit dieser bunten Menge unerkannt bei ihm vorüberzog, als der Eintritt

der drei Parzen ihn aus seiner Träumerei zog. Still und ernst, wie

es den unsterblichen Töchtern des Orkus ziemt, wandelten die drei

Schwestern durch den Saal; doch bald fesselte eine derselben seine

Blicke ausschließlich. In dunkles Grau gekleidet, umfloß sie ein

schwarzer Schleier, aus dem ein Gesicht hervor blickte, dessen hoher

Ernst zu dem Göttlichen hinwies, wo es das Menschliche verläugnete.

Erhaben und geisterartig schritt sie durch die Versammlung, und

deutete dem, der sich ihr näherte, sein Schicksal in geheimnißvollen

Worten. Rudolf folgte ihr und hörte eine der sinnvollen Antworten,

in denen sie sich als Dienerin der ernsten, heiligen Nothwendigkeit,

deren Gewalt sich jedes Erdenschicksal beugen müsse, ankündigte. Bald

indessen verlor sich die Menge, der sie überdem auszuweichen suchte,

und er konnte sich ihr ungestört nähern.

Wird man Dich, ernste Göttin, fragte er, hier im Saal der Freude

willkommen heißen? --

Ein großes dunkles Auge wandte den Blick auf ihn -- milde senkte es

sich nieder, und nach einer kleinen Pause antwortete sie ihm in leisem

gedämpften Tone.

Weh dem Frohen, dessen Freude bei meinem Anblick erbleicht und dessen

Herz kein Vertrauen zu mir bewehrt!

Kann die Bewohnerin der Unterwelt dieses von dem im Lichte Gebornen, im

Lichte Lebenden, erwarten? Liebe, Vertrauen und Freude wohnen nur auf

der Oberwelt -- aber was die Erde deckt, was keine Sonne erhellt, ist

finster und schauerlich, und mit namenlosem Grauen fassen die Schrecken

der Unterwelt auch den Muthigsten. --

Und doch sendet Euch meine Welt Schatten und Träume -- doch ist schon

auf der Erde das Schönste und Heiligste unsichtbar wie die Musik, und

ruht wie ein heiliger Traum in Seelen, die es ahndend erkennen, daß

Liebe und Schönheit im Lethe nicht untergehen.

O wenn Du, Ernste, die Liebe kenntest, dann würdest Du auch um den

Schmerz der Sehnsucht, um des unendliche Weh in der Brust des armen

Menschen wissen, und uns erhören, wenn Liebe und Jugend um Schonung

eines unersetzlichen Lebens flehen? --

Ist denn dem Menschen das Geliebte verloren, so lange er es mit

Schmerzen beweint? -- Das Leben ist grausam -- es entreißt mit der

Geliebten auch die Liebe; ich dagegen löse sanfter und schonender das

Band der Herzen nur, um es in meiner Welt fester zu schlingen und es

vor der Entweihung zu schützen, der es im Leben preis gegeben seyn

würde. --

Ja Du hast Recht -- das Leben ist grausamer als Du: -- hält es doch

auch mir die Geliebte schmerzlicher verborgen, als Du es zu thun

vermochtest!

Natalie hatte ihn beim ersten Blick erkannt. Nur die Maske verbarg ihm

das Beben ihrer Stimme und ihr Erröthen bei seiner Annäherung. Diese

letzten Worte rührten sie innig -- ach vielleicht, vielleicht suchte

er sie -- sie fühlte, der erste Laut ihrer Stimme müsse sie in diesem

Moment verrathen, und stand schweigend neben ihm. --

Ungesehen, fuhr er fort, als gehöre sie der Geisterwelt an, wandelt die

Geliebte mit mir im Lichte -- gekannt, geliebt, und doch vielleicht nie

von mir erblickt, nie gefunden. --

Suche sie in Deinem Herzen, stammelte Natalie leise, dann wirst Du sie

auch in Deiner Nähe finden.

O wenn Du die Schmerzenssehnsucht kenntest, mit der ich sie, sie allein

seit frühster Jugend gesucht habe -- wie ich immer so voll Ahndung

war, sie zu finden -- sie so oft rief -- Antwort zu vernehmen glaubte

-- der Stimme nacheilte über Land und Meer, und dann fand, sie sey nur

der Wiederhall meiner eignen klagenden Sehnsucht gewesen! -- Ich ging

mit ihrem Bilde durch die ganze Natur, und sah, wie selbst das Leblose

nach der schönsten Form ringet und sie findet, die Perle in der Tiefe

des Meers, wie der Krystall im Schoos der Erde -- und nur der Mensch

sollte ausgeschlossen seyn vom allgemeinen Gesetz der Schönheit, zu der

alles anstrebt? Nein, sagte mein Herz, was die Form für das Seelenlose

ist, das ist die Liebe für den Menschen, und von neuem zog die Hofnung

in mein Herz. Vergeblich! Kein lebendes Weib trat zwischen mich und

die gesunkene Menschheit! Keine edle weibliche Seele verhüllte mir mit

ihrer Schönheit die Mißgestalt der Welt, die mein Wirken empfangen

sollte! -- da ward ich rauh und hofnungslos und bitter; aber mir blieb

doch noch ein Traum von ihr in der Seele -- ein Traum -- und er ward

mir gedeutet -- doch auch das nur wieder im Traum, und ich stehe auf

der entlaubten Stätte meiner frühern Jugend, wo ich die Geliebte zu

finden wähnte, einsamer und hoffnungsloser denn je.

Als Du einsam auf dem Vesuv standest, und Deine Arme der flammenden

Morgenröthe entgegen breitetest, da riefst Du ihren Namen durch die

feiernde Natur, und hellere Glutwolken sandte der ewig jugendliche

Gott des Tages vor sich her. -- Jene Minute sey Dir Sinnbild Deines

Lebens -- unter Dir der gährende Krater einer gesunkenen Welt -- über

Dir der Himmel eines schönern Landes, und vor Dir die Morgenröthe der

Hoffnung. --

Natalie fühlte, daß diese Anspielung auf einen seiner Briefe sie ihm

verrathen mußte, und wandte sich daher, bei den letzten Worten, leise

ab, um sich im Gewühl zu verlieren. Aber er faßte rasch und feurig

ihre Hand -- o so trog mich, rief er aus, mein Herz nicht! ich habe

gefunden, was ich so lange, so sehnlich suchte. Sie sind es, Sie -- o

Gott, Sie können mir nun nicht mehr unsichtbar bleiben wollen -- Sie --

o Gott, wie soll ich Sie nennen? -- mein Einziges, mein Alles?

Natalie war tief erschüttert -- ein sanftes Weinen unaussprechlicher

Seeligkeit machte sie einige Minuten stumm. Mit sehr edler Haltung

wandte sie sich dann zu ihm, ich werde Ihnen nicht immer Namenlos

bleiben, sagte sie ihm mit den schönen Tönen der Liebe; ich lebe in

Ihrer Nähe, und Sie haben mich oft gesehen, wie ich Sie. Aber daß

Sie mich nicht auffanden, berechtigt mich, nach meinem Gefühl, Ihnen

auch heute, in der schönsten Stunde meines Lebens, meinen Namen zu

verschweigen.

Rasch entwich sie und verlor sich in der Menge. Noch durchsuchte Rudolf

alle Nebenzimmer, wie sie schon wieder als Pilgerin gekleidet neben

ihrer Mutter stand, und sich mit einigen Bekannten unterhielt. Eben

so vergeblich waren seine spätern Nachforschungen. Nataliens beide

Schwesterparzen waren zwey sehr fern wohnende, in St. ganz unbekannte

Mädchen, mit denen sie schriftlich alles verabredet hatte, die erst am

Tage der Maskerade eintrafen, im Ballhause abstiegen, wo Natalie sich

auf ihrem Zimmer umkleidete, und die am andern Morgen St. zeitig wieder

verließen. Man hielt, da man dies erfuhr, die dritte Parze auch für

eine Fremde, nur Rudolf traute der erhaltenen Versicherung, daß sie in

seiner Nähe lebe, und er sie oft sehe. Von Neuem begann er nun wieder

seine Nachforschungen, ob ihm, unter den Mädchen seiner Bekanntschaft,

nirgends ein Wiederschein dieses Geistes begeben. -- Doch vergebens war

alle seine Mühe, da Natalie, still und seelig in sich selbst versunken,

ihm mit einer ihr selbst unerklärlichen Schüchternheit sorgfältiger

denn je auswich.

Eines Abends fiel in einem ziemlich vertrauten, um eine Bowle Punsch

versammelten, Männerzirkel, das Gespräch auf weibliche Geistesbildung.

Die mehrsten der Anwesenden wollten sie auf bloße Toiletten- und

Gesellschaftskunst beschränken, welches Ferdinand mißbilligte. Man kam

endlich von den allgemeinen Sätzen zur Anwendung auf einzelne Frauen

und Mädchen, und fing an, Preise auszutheilen. Busch, der an dem

Gespräch nur wenig Antheil genommen hatte, sagte leise zu Rudolf: da du

es so gut aufnimmst, wenn die Grazien unter Minervens Helm Versteckens

spielen, so hätte ich wohl Lust, dich auf ein Mädchen aufmerksam zu

machen, das, fast von allen unbemerkt und ungekannt, ihren Geist und

ihre Talente eben so sorgfältig verbirgt, wie andre Mädchen ihre

Gebrechen.

Und dies Mädchen heißt? fragte Rudolf mit der allergespanntesten

Erwartung.

Natalie Alberti.

Wie, diese Natalie, von der ich mich kaum entsinne, drei Worte gehört

zu haben, die ich fast nie anders als beim Spiel- und Eßtisch gesehen

habe, diese stumme, allenthalben übersehene unbeachtete Natalie?

unmöglich! --

Sie hat einen kleinen Anstrich sentimentaler Thorheit, und bei

vielem Verstande fehlt ihr durchaus die Gabe, ihn geltend zu machen.

Ich selbst schelte sie oft einfältig; allein nie rede ich eine

Viertelstunde mit ihr, ohne diesen Mangel an Feinheit und Gewandtheit

zu vergessen. ~Il y a du radotage dans ses sentiments; mais c’est le

radotage de l’enthousiasme; a un caractère plein de vigueur, elle joint

une sensibilité qui ne goûtera jamais le bonheur que par l’organe d’un

amour passioné.~

Rudolf ging unruhig nach Hause. An dem, was Busch ihm gesagt hatte,

erkannte er seine Unbekannte, und Natalie hatte er bis jetzt so ganz

übersehen, daß er sich nun nicht einmal ein Bild ihres Aeußern zu

entwerfen vermochte. Nach einigen Tagen erst traf er sie in einer

Gesellschaft, und konnte nun nach dem ersten Blick das Auge kaum wieder

abwenden von diesem jugendlichen Gesicht, voll Züge sanfter Wehmuth

und eines stolzen Ernstes, der mit der einfachen, kindlichen Demuth

ihres Wesens sonderbar verschmolzen war. Er sah jetzt den geistvollen

Blick ihres großen dunklen Auges, das sich unter der langen Wimper

so sinnvoll hob und so zart jungfräulich senkte, und wenn er sich

gleich einräumen mußte, man könne dies Gesicht übersehen, so blieb es

ihm dafür desto unbegreiflicher, wie ein Auge, das einmal auf dieser

Gestalt geweilt habe, nicht immer unwillkührlich zu ihr zurückkehre.

Er näherte sich ihr und knüpfte ein Gespräch an; ihr Erröthen, das

Beben ihrer Stimme, das Senken ihrer Augen vor seinem Blick, und mehr

noch, die tiefe innige Empfindung, die jedes ihrer Worte beseelte,

bestätigten ihm, was er sich beim ersten Blick gesagt hatte: Sie ist es!

Am andern Morgen ging er zu ihrer Mutter, sie zu einer Schlittenparthie

für den Nachmittag einzuladen, und bat zugleich um die Erlaubniß,

Natalien fahren zu dürfen. Sehr gern, erwiederte sie, wenn Sie meine

Tochter nur bereden können, mitzufahren. Sie klingelte und ließ

Natalien rufen. In ihrem einfachen, weißen Morgenanzug, in der noch

ungeregelten Fülle ihrer braunen Locken, in der holden Verlegenheit

bei ihrem Eintritt und in dem noch holdern Erröthen, mit dem sie seine

Bitte bewilligte, erschien sie ihm sehr reizend. Natalie war jetzt

gewiß, von ihm erkannt und geliebt zu seyn, und dies Bewußtseyn hob sie

mit Wunderkraft zu einem stillen Selbstgefühl, das ihr die Würde und

die Anmuth lieh, die das Mißtrauen gegen sich selbst bis jetzt in ihr

unterdrückt hatte.

Er fuhr sie am Nachmittag und fand sie in den sinn- und gemüthvollen

Aeußerungen ihres Gesprächs ganz dem Bilde entsprechend, das er

sich früher von ihr entworfen hatte. Je mehr er das aber erkannte,

je mehr staunte er über sie, da es ihm, der alles für den äußern

Schein berechnete, und der die Eitelkeit für das erste Lebensprincip

der weiblichen Seele hielt, unbegreiflich war, daß man Tugenden und

Talente vorsätzlich verschleiern, und sich an ihrem Besitz genügen

lassen könne, ohne Prunk damit treiben zu wollen. Er zeigte ihr eben

so fein als gefühlvoll die zarteste innigste Liebe, und sie genoß des

unaussprechlich süßen Glückes, ihren Werth und ihre Bildung von dem

Manne geehrt zu sehen, dessen Achtung das höchste Ziel ihrer Wünsche

war. Er sprach ihr viel von sich, und sie faßte ihn ganz in dem

wunderbaren, romantischen Lichte auf, in dessen Beleuchtung er sich

ihr zu zeigen für gut fand, und wurde so mehr und mehr ein freudiges

williges Opfer eigner Verworrenheit und fremder Verruchtheit.

In Natalien tönte die Unterredung auf der Hinfahrt den ganzen

Nachmittag und Abend nach. Sie war bewegt durch die leidenschaftliche

Sehnsucht nach einem Herzen voll Liebe, die Rudolf ihr gezeigt hatte,

und hielt sich für betrübt, da sie doch eigentlich nur glücklich war.

Die Freude unterschied sich in ihr vom Schmerze nur durch die süßere

Thräne, und ihr Herz war mit dem Kummer so vertraut, daß sie jetzt

auch der schönsten Stunde seinen Trauerkranz gab. Und als sie am Abend

wieder mit Rudolf nach Hause fuhr, wurde ihr der gestirnte Himmel, das

eilige Hinfliegen über die beschneiete, eingefrorne Erde, das Geläute

der andern voraufgeeilten Schlitten, alles, zu bedeutenden Bildern,

die ihr Herz noch schwerer machten und beklemmter. Rudolf erweichte

sie noch mehr durch den Vergleich ihrer heutigen Fahrt mit dem Leben,

wo man auch bei heiterm Sonnenschein ausfahre und die Nacht dann so

schnell komme -- und wie der Mensch nur durch die innre Wärme sich in

der Jugend gegen die äußre Kälte schütze, und dann allmählig, allmählig

zur Eisstatue erstarre, weil ja kein zweites Herz das seine decke und

erwärme. --

Nataliens Thränen flossen -- in ihrer Seele stand der Gedanke: o sage

ihm heute, wie er geliebt ist -- aber als er, ehe noch das sprachlose

Herz Worte finden konnte, sich zu ihr herunter bog und fragte, ob sie,

die er seit Jahren so heiß, so treu und einzig liebe, auch noch jetzt

ihm unbekannt bleiben wolle? -- da --

Seelige Natalie -- verhülle nach dem leisen zitternden Laute deiner

Antwort nur immer das überfließende Auge tiefer in den herabgesunknen

Schleier! -- Ach, Du warst ja nur so seelig, weil Du einen Glücklichen

gemacht zu haben glaubtest! --

Ja wohl rollt ihr hinweg, ihr schönen, himmlischen Minuten der jungen

Liebe und des frischen Lebens -- doch wohl dem, der auch heilig

genossen hat! Ihm wird das Morgenroth seiner frühern unvergeßlichen und

unersetzlichen Hoffnungen und Wünsche dann im öden Lebenswinter zum

Abendroth, das sich wie eine höhere Aurora um das kalte, einsame Grab

legt. --

Von diesem Abend an lebte Natalie nur für ihn, und auch er fand sich

in diesem ungetheilten Besitz ihres Herzens befriedigter denn je. Mit

der schwärmendsten Vergötterung hieng sie mit allen ihren Gedanken,

Gefühlen und Empfindungen, mit allen Wünschen, Hoffnungen und Freuden

ihres Lebens an ihm. Die Freiheit, deren sie im elterlichen Hause

genoß, gab Rudolf Gelegenheit, sie täglich auf ihrem Zimmer zu sehen,

und in diesen Stunden stiller Unterhaltung entfaltete ihr Geist

seine schönsten Blüthen. Kam die Mutter einmal herauf, so fand sie

Natalien am Flügel, wo Rudolf mit seiner Flöte oder Violine ihr Spiel

begleitete; oder vor Nataliens Staffeley; oder Rudolf las ihr auch vor,

und unterrichtete sie im Englischen, das er sehr schön und fertig

sprach. Sie dankte ihm denn herzlich für seine Bemühung, und Rudolf

ging, mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit, so ganz in ihre Ansichten

ein, daß sie ihre Tochter bald nirgends so gut aufgehoben glaubte, als

in seiner Gesellschaft. Auch trug er wirklich nicht wenig zu der hohen,

seltenen Geistesbildung bei, die Natalie späterhin unter den Weibern so

vereinzelte, aber für ihr eigentliches innres Leben, das bei dem Weibe

doch nur im Gemüth schön gelebt wird, trug dieser Umgang nur schädliche

Früchte. Die ungetrübte kindliche Unschuld und Demuth des Mädchens,

die stille jungfräuliche Würde ihres Benehmens, ihre Begeisterung für

Alles, was ihrem Sinn, als schön, edel und groß, entgegen kam, und

ihr Herz voll der allerinnigsten, reinsten Liebe, wurden für ihn eine

Schule weicher Menschlichkeit, die oft einen Abglanz wahren Gefühls

auf ihn warf; aber für Natalien wurde die gewaltsame Spannung seiner

geistigen Kräfte, in der sein Innres immer fortbebte, und er oft von

der weichsten Sentimentalität zur Lustigkeit, von Begeisterung zur

possenhaften Laune überging, und mit allen Affekten nur ein Spiel

trieb, sehr gefährlich. Bewundernd, wo sie nicht fassen konnte, eignete

sie sich von ihm unvermerkt die Fähigkeit an, Genuß darin zu finden,

Andere über sich zu täuschen, und einen angenommenen Karakter wie

eine Rolle, mit Kunst und Feinheit, durchzuführen. Der Uebergang von

der bisherigen Wahrheit ihres Karakters -- ihre Verschlossenheit war

nie Verstellung -- bis zu diesem Punkt, war so langsam, daß er von ihr

fast unbemerkt blieb, und wo denn in ihr ein Resultat dieser Aenderung

ans Licht trat, da nannte er es Ausbildung und Entwickelung -- und wie

sollte sie es nicht auch dafür halten, da es ihr von ihm, den sie als

den ersten der Menschen in ihrem Herzen trug gekommen war? --

Doch ein so tief gesunkner Mensch wie Rudolf konnte nicht mehr die

Fähigkeit besitzen, durch Tugend, Liebe und Wahrheit beglückt zu

werden. Auf Stunden konnte er sich mit seinen erlogenen Gefühlen

täuschen; aber das Band zwischen ihm und diesen Gottheiten war

zerrissen, und in seiner Seele nichts mehr, woran es sich von neuem

hätte knüpfen können: denn in ihm war keine Wahrheit mehr. So wurde es

ihm denn bald Bedürfniß, durch Nataliens treue einfache Liebe seiner

Eitelkeit zu fröhnen, die leidenschaftliche Innigkeit derselben zur

Schau auszustellen und ihre Bildung für sein Werk auszugeben. Von

seiner Liebe, von seinem Beifall beseelt, sollte das bis jetzt ganz

unbeachtete Mädchen plötzlich alle überstralen, und bald bittend,

bald gewaltsam, entriß er Natalien den Schleyer, worin sie ihre

Tugenden, ihr Herz, ihre Talente hüllte. Er sprach jetzt laut und

bewundernd von ihr, zeigte in Gesellschaften gern und nicht immer

zart seinen Einfluß auf sie, verrieth ihre Kenntnisse, ihre Talente,

und zwang sie, da andre zu verdunkeln, wo sie bis jetzt freiwillig

im Schatten gestanden hatte. Für sie wurde ihre Liebe zur Sonne, die

alle bis dahin schlummernden Kräfte ihres Geistes und ihrer Seele zur

freudigsten Thätigkeit weckte, und sie wurde durch die plötzliche,

von Rudolf herbeigeführte, Aenderung ihres Standpunktes im geselligen

Leben durchaus nicht eitel, weil sie sich alle ihr dargebrachte

Huldigungen nur als ein von ihm entlehntes Eigenthum aneignete, und

nur seine Freude daran, seinen Stolz darauf, genoß. Ihre Demuth wurde

Bescheidenheit, aber in ihren Reden und in ihrem Benehmen blieb sie das

einfache, freundliche Mädchen, voll Achtung für jedes fremde Talent,

das sie neidlos ehrte und noch immer gern dem ihrigen vorgezogen sah.

Sie sang jetzt in mehrern Concerten mit dem entschiedensten Beifall

-- ihre Gemälde und Stickereien prangten in der Kunstausstellung der

fernen Residenz -- einzelne ihrer Gedichte und Compositionen erschienen

in mehreren der gelesensten Journale, und Rudolf sorgte trefflich

dafür, daß die Chiffer, mit der sie ihre Arbeiten unterzeichnete,

nicht unbekannt blieb. Er erreichte seinen Zweck, die Augen der ganzen

Stadt wandten sich auf Natalien, die man als sein Werk, sein Geschöpf,

anstaunte. Fremde suchten die Bekanntschaft des geistvollen Mädchens,

und wer sich Natalien nur mit Neugierde genaht hatte, verließ sie mit

Achtung für die Güte des Herzens und für die Innigkeit des Gefühls, die

alle ihre Handlungen beseelte, und Kleinigkeiten oft einen zauberischen

Werth lieh, der sie dem Herzen unvergeßlich machte. Sogar ihr Vater

hörte jetzt so viel von ihr sprechen, wurde auf seinen häufigen Reisen

so oft nach ihr gefragt, daß er die Neugierde nicht unterdrücken

konnte, seine Tochter kennen zu lernen. Sein Ton gegen sie verlor das

Harte, das Geringschätzende, und ohne zärtlich zu werden, ward er

anständig und höflich, da sie ihm, außer ihren Talenten, für die er

wenig Sinn hatte, auch in andern ihn mehr interessirenden, Fächern zu

genügen, und ihm ihre Unterhaltung angenehm zu machen verstand. Die

Landwirthschaft war seit einigen Jahren sein Steckenpferd: Natalie las

viel darüber, machte für ihn Auszüge aus neuen, in fremden Sprachen

für dies Fach geschriebenen, Werken, und fand bald selbst Interesse

daran. Hiedurch gewann sie außerordentlich bei ihm; er fing ordentlich

an, sich auf diese Tochter etwas zu Gute zu thun und sie zu achten.

Die Mutter hing mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an ihr und hatte

unbedingtes Vertrauen zu Nataliens Karakter und zu ihrem Herzen, dessen

Weichheit ihr allein bekannt war.

So verrannen einige glückliche Monate. Allgemein glaubte man Natalien

mit Rudolf verlobt, und er lebte selbst mit ihren Eltern in der

Sicherheit eines solchen Verhältnisses, da er seine Liebe für Natalien

gar nicht verhehlte, und seine Hoffnung, ihre Hand zu erhalten, oft

und deutlich aussprach. Ihre große Jugend und von seiner Seite die

Nothwendigkeit, erst seinen Ruf und seine Praxis zu gründen, ehe er an

eine häusliche Einrichtung denken konnte, schienen es zu rechtfertigen,

daß er seine förmliche Anwerbung noch verschob. Natalie lebte in dieser

Hinsicht in der sorglosesten Ruhe, fest überzeugt, er werde zur rechten

Zeit darüber reden, und so lange er schweige, müsse es schöner und

besser seyn, darüber zu schweigen. Auch sprach sich in ihrem Verhältniß

zu ihm die Zartheit ihrer Empfindungen so schön aus, daß das Wort

Liebe nur sehr selten unter ihnen genannt wurde, und daß er, trotz des

täglichen ungezwungnen Beisammenseyns kaum einmal ihre Lippen berührt

hatte. Er ehrte zuweilen das Sittlichschöne, wenn es ihm ästhetisch

schön erschien -- darum ließ er Natalien in dieser zarten Reinheit,

die auch für die Minute des höchsten Vertrauens und der zärtlichsten

Liebe nur seelenvolle Blicke, nur eine gefühlvolle Thräne, aber selten

Worte, und nie mehr, hatte.

Rudolf, der fast keinen Unterschied zwischen der Bühne und dem

wirklichen Leben kannte, interessirte sich lebhaft für die Errichtung

eines Liebhabertheaters. Es kam zu Stande; aber alle seine Versuche,

Natalien zur Annahme einer Rolle zu bewegen, blieben fruchtlos, da

ihr Vater sich durch einen Machtspruch bestimmt dagegen erklärte, und

Rudolf mußte die Hoffnung aufgeben, seine Natalie auch auf der Bühne

glänzen zu sehen.

Hier traf er wieder mit Louisen zusammen, die er, bis zu seiner nähern

Bekanntschaft mit Natalien, ausgezeichnet hatte, und dann, auf eine für

ihren Stolz sehr demüthigende Art, verließ und vernachlässigte. Sie war

jetzt die Verlobte des Jägermeisters Rhode, eines guten, schlichten,

sehr reichen Mannes, der stolz darauf war, das schönste Weib im ganzen

Lande sein zu nennen. Und dies war Louise unwidersprechlich! -- ein

Meisterstück der schaffenden Natur, werth durch Pinsel und Meißel

den schönsten Kunstidealen zugesellt zu werden. Auch der Geist, der

diesen Körper belebte, war nicht alltäglich, aber von Jugend auf für

Glanz und Gefallsucht erzogen, -- kannte sie kein höheres Glück, als

von ihrem Geschlechte beneidet und bewundert, von dem männlichen

vergöttert, beide die übermüthige Herrschaft ihrer Schönheit empfinden

zu lassen. Dies war der Zweck, für den sie alles berechnete, an dessen

Erreichung sie ihr ganzes Leben setzte, und auf diesem Wege war ihr

Natalie feindlich begegnet! -- Wie sie unter den Weibern, ragte Rudolf

unter den Männern hervor. Gewohnt, alles, in Bewunderung, sich vor ihr

beugen zu sehen, war er, dessen Blick, Benehmen und Miene so deutlich

verriethen; ich lasse nie über mich herrschen -- eine neue Erscheinung

für sie, die ihr einer nähern Beobachtung werth schien. Er näherte

sich ihr -- sie that alles, um ihn zu fesseln, ließ sich sogar herab,

die Täuschung, die ihn ihr zuführte, zu benutzen, ohne die Gefahr zu

ahnden, der sie sich Preis gab. Die stolze, gefühllose Louise fühlte,

ihm gegenüber, zum erstenmale, daß sie ein Herz hatte. Sie war im

Begriff, sich zu verheirathen, und nicht modisch genug erzogen und

gesinnt, um sich vor oder nach ihrer Heirath eine ernstliche Intrigue

erlauben zu wollen, so wenig sie auch, auf der andern Seite, Willens

war, auf den Genuß, sich gehuldigt zu sehen, Verzicht zu leisten.

So nahm sie dies Erwachen ihres Herzens für Gefühl befriedigter

Eitelkeit, obgleich der leise Wunsch: ach stände Rudolf an Rhodens

Stelle! ihr wohl hätte verrathen können, was sie fühlte -- aber

eine bittre, schmerzliche Empfindung sollte sie erst später mit dem

Geheimniß ihres Herzens bekannt machen.

Es war in einem von Rudolf veranstalteten Liebhaber-Konzert, als

Natalie zum erstenmale öffentlich auftrat. Louise sang eine recht

hübsche Romanze -- sie endigte, -- und jetzt führte Rudolf aus einer

der letzten Reihen Natalien vor. Mit sittsamer Anmuth trat sie

zum Orchester, und ihr holdes Erröthen sicherte ihr im Voraus die

Nachsicht, mit der die Zuhörer einen jugendlichen schülerhaften Versuch

aufnehmen zu müssen glaubten. Welches Erstaunen ging aber durch den

Saal, als sie, mit ihrer reinen, vollen, kunstmäßig ausgebildeten

Stimme, eine der glänzendsten und schwersten italiänischen Arien

mit einer Sicherheit, Präzision und Rundung vortrug, die bei einer

Dilettantin Bewunderung erregte und verdiente. Ihr Gesang erweichte

und gewann ihr alle Herzen und sie erhielt ungetheilten Beifall.

Louise wurde darüber mit ihrer Romanze ganz vergessen. Sie fühlte

das, und es kostete sie Mühe, in das allgemeine Lob mit einzustimmen.

Aber als Rudolf, dessen Eitelkeit ihren Haß gegen Natalien forderte,

zu ihr trat, diese enthusiastisch lobte, und sie mit einer an Unart

gränzenden Kälte verließ, weil er nur Auge, nur Ohr für Natalien hatte,

fuhr sie mit einer ihr bis dahin fremden Bitterkeit im Herzen zu Hause.

Unwillig riß sie beim Auskleiden die Blumen aus dem Haar -- ich liebe

ihn nicht, rief sie heftig, ich hasse ihn -- ja wahrhaftig ich hasse

ihn -- aber ungestraft soll er mich nicht mit seiner Vorliebe für

dies Gänschen verhöhnen. Ich will ihn zu meinen Füßen sehen, und mein

spottender, triumphirender Blick soll mich dann rächen!

Sie versuchte jetzt manches, ihn wieder an sich zu ziehen; aber jeder

Versuch mißlang, und das Gefühl gekränkter Eitelkeit, gekränkter Liebe,

rächte jetzt alle die, mit deren Herzen sie früher oft, im Bewußtseyn

ihrer Macht, so grausam gespielt hatte. Sie wollte ihn jetzt vergessen,

und beredete Rhode, mit ihr, gleich nach ihrer Verbindung, eine Reise

zu machen, von der sie nur, beim Eintritt des Winters zurück kamen. Ihr

Stolz hatte ihr nie erlaubt, sich zu gestehen, daß sie Rudolf liebe;

nur ihre Eitelkeit wähnte sie durch diesen Abfall von ihr, der Rose,

zu der farb- und geruchlosen Feldblume gekränkt, und glaubte, es sich

selbst schuldig zu seyn, ihm fühlbar machen zu müssen, wie er sich in

unbegreiflicher Blindheit vergriffen habe. Willkommen war ihr daher

das Liebhabertheater, das ihn ihr wieder näher führen mußte. Es wurde

mit Menschenhaß und Reue eröffnet. Rudolf spielte den Baron Meinau,

Louise seine Gattin. Ihr kunstvolles, richtiges Spiel, gehoben durch

den Wiederschein eines ihr selbst unbekannten Gefühls, und durch den

Zauber ihrer auf dem Theater unwiderstehlichen Schönheit, erwarb ihr

den rauschendsten, an Vergötterung gränzenden Beifall, den Rudolf in

seiner Rolle mit ihr theilte, und der beiden für die Folge die ersten

Rollen sicherte.

Beide waren eitel -- beide fanden Genuß in dieser trunkenen Anerkennung

ihres Kunsttalents, und das Gefühl, daß sie sich auf der Bühne als

Folie gegenseitig nicht entbehren konnten, führte sie bald auch im

Leben näher zusammen. Sie wollte ihm gefallen -- und er? -- o Louise,

um deinetwillen ziehe ich einen schonenden Schleier über dies Gewebe

weiblicher Schwäche und männlicher Buhlerey. Das erste erwachende,

von Dir selbst verkannte, Gefühl Deines Herzens, führte Dich irre und

Du wurdest, wo Du Dich geliebt glaubtest, nur das Opfer besonnener

Unwürdigkeit! --

Natalie sah ihn anfänglich weniger oft -- dann selten und immer

seltener; doch sie wußte, daß er, als Directeur des Liebhabertheaters,

viel zu thun habe, und daß das Studium seiner Rollen ihn gleichfalls

Zeit koste. Seine häufigen Besuche im Rhodischen Hause galten ihr für

das, wofür er sie ihr gab, für Privatproben. Auch theilte sie -- so

sehr gerecht gegen jedes fremde Verdienst, enthusiastisch für Kunst und

Talent eingenommen -- seine Bewunderung Louisens, und sprach diese oft

lauter und wärmer aus, als er es zu thun wagen durfte. Sah sie ihn doch

noch zuweilen, und dann zärtlicher als er je gewesen war! Ihr Vertrauen

zu ihm blieb ungetrübt vom leisesten Zweifel und sie gegen ihn arglos

und leichtgläubig wie ein Kind.

O wäre er nur wahr gegen sie gewesen! -- sie wäre mit tiefer Trauer von

ihm geschieden; aber sie wäre dann sanft und kindlich geblieben; sie

hätte ihn entschuldigt, um ihn, auch getrennt, fortlieben zu können.

-- Ach, verlorenes Glück der Liebe thut wehe -- doch Wollust ist

dieser Schmerz gegen das Gefühl betrognen Glaubens und gemißbrauchten

Vertrauens, -- und kommt +der+ Pfeil aus der Hand des Geliebten,

dem wir unser ganzes Herz gaben -- ach dann bringt uns keine irdische

Zukunft den geraubten Frieden wieder zurück! --

Rhode wurde auf Louisens häufigen Umgang mit Rudolf aufmerksam. Man

brauchte einen Deckmantel dafür, und wer taugte dazu mehr, als Natalie?

Ihr argloses Vertrauen hatte Louise gegen Rudolf so oft Dummheit

gescholten, seinen Feuergeist so oft im lächerlichen Contrast mit

Nataliens heiliger Einfalt ihm dargestellt, daß er anfing, sich der

Achtung zu schämen, die er bis jetzt für sie gefühlt hatte. Die Idee,

seine Verbindung mit Louisen unter Nataliens Schutz fortzuführen,

erschien ihm im Lichte einer feinen geistreichen Intrigue, und er

führte Louisen bei Natalien ein, welche sie, auf seine Empfehlung,

mit zärtlicher Zuvorkommenheit empfing. Zum erstenmal genoß Natalie

der Annehmlichkeit, mit einem geistvollen liebenswürdigen Weibe nicht

bloß Worte, sondern auch Ideen wechseln zu können, und sie gab sich

daher mit voller Herzlichkeit der schönen Frau hin, die sie an Werth

und Reiz so hoch über sich stellte, daß sie in ihr ein Vorbild zum

Nachstreben sah. Ihre Liebe für Rudolf sprach sich so unverkennter in

jedem Blicke, jedem Worte aus, er war so sichtlich die Seele ihres

Lebens und ihres ganzen Daseins, daß Rhode in ihrer Verbindung mit

Louisen die gründlichste Widerlegung seines Argwohns zu finden glaubte.

Nataliens Güte, ihre einfache Anspruchlosigkeit, ihre Bescheidenheit,

ihre Achtung fremden Verdienstes, auch dann, wenn es schimmerlos war,

machten sie ihm, der sich von seiner Frau oft übersehen, und durch

ihren Geist überflügelt fühlte, sehr theuer. Sie war jetzt fast täglich

in seinem Hause, und Rudolf fand in diesen verwickelten Verhältnissen

eine neue Würze seines Verständnisses mit Louisen, und konnte der

Versuchung nicht widerstehen, den Faden dieser Intrigue noch feiner

und künstlicher auszuspinnen, wobei er auf Rhodens sichtbar werdende

Neigung zu Natalien rechnete. Die Unfähigkeit dieser, irgend jemand zu

täuschen, die heilige Treue ihres eignen Herzens, erhielt sie noch im

Frieden unumschränkten Vertrauens zu dem Geliebten und der Freundin,

als Treulosigkeit, Verrath und Arglist sie schon mit unzerreißbaren

Fäden umsponnen hatten.

Nataliens Vater entschloß sich, jetzt, mit dem Frühjahr, sein Gut

selbst zu beziehen, und sie wurde nun von den Eltern ernstlich über ihr

Verhältniß mit Rudolf befragt. Erröthend bat sie die Mutter, ihr jede

fremde Einmischung darin zu ersparen, deren sein Herz nicht bedürfe

und die das ihrige verwerfe. Schonend und leise deutete diese auf

seine seltneren Besuche und seine sichtliche Auszeichnung Louisens,

die ja schon der Stoff allgemeinen Stadtgespräches sey. Natalie stritt

-- aber sie fühlte selbst das Unbefriedigende ihrer Antwort auf die

einfache Frage der Mutter, warum er jetzt, bei der Annäherung ihrer

bevorstehenden Trennung von ihm, nicht die Einwilligung der Eltern

suche? -- doch erhielt sie das geforderte Versprechen, ihr allein die

Lösung des Knotens zu überlassen.

Diese Unterredung hatte sie schmerzlich angegriffen. Sie fing an,

sich zu gestehen, was sie schon lange mit stillem Gram gefühlt hatte,

ohne sich Rede darüber stehen zu wollen, daß es zwischen ihm und ihr

nicht mehr so sey, wie ehemals, ohne daß sie dem, was sich zwischen

ihre Herzen gezogen hatte, einen Namen zu geben wußte. Es war wie ein

Nebel -- wollte sie es ins Auge fassen, es untersuchen, so war es

fort -- und dann doch wieder da, so ängstigend, so beklemmend. Sie

gestand es sich ungern und nur versteckt und geheimnißvoll, daß er

sie vernachlässige -- aber warum? -- unmöglich, unmöglich konnte sie

den Argwohn erregenden Verdacht ihrer Mutter theilen -- sie schämte

sich seiner -- sie hätte sich verachtet, hätte er nur einen Moment

in ihr haften können. -- Lieber gab sie sich alle Schuld -- wähnte,

nur in ihr wohne der Argwohn -- der Freund sey rein und edel und

fest, und sie schon unwürdig, wenn sie dem leisesten Zweifel an ihm,

dem Trefflichen, dem ach! so unaussprechlich Geliebten, auch nur ihr

Ohr leihe. Dann trat sie ihm zuweilen mit Blicken so voll innigen

Vertrauens, so voll treuer, unwandelbarer Liebe, entgegen, daß die

Rinde um sein Herz zersprang, und er wieder der Alte seyn wollte.

Doch eben diese Erweichung, dies Gefühl des Unrechts gegen sie, machte

ihn dann so leidenschaftlich heftig, daß Natalie schüchtern vor seinen

stürmischen Ergießungen zurückwich. So kamen sie immer weiter aus

einander -- nur die todte Form ihrer Verbindung bestand noch; die Seele

der Liebe und des Vertrauens war ihr entflohen, und um Natalien wurde

es unbeschreiblich trüb und einsam.

In dieser Stimmung war sie, als Rhode eines Morgens mit funkelnden

Blicken, mit blassen verstörten Zügen, zu ihr eintrat, und ihr Rudolfs

Briefe an seine Frau zuwarf. Ein Kammermädchen dieser hatte sich mit

ihr überworfen, und in der ersten Aufwallung ihrer gereizten Bosheit,

Rhoden entdeckt, was sie von dem Verständniß seiner Frau mit Rudolf

erlauscht, errathen, und gewußt hatte. Er forderte Beweise und erhielt

die Briefe, die er jetzt Natalien brachte. Sie entfaltete sie mit der

höchsten Seelenangst -- aber bei den ersten Zeilen schon überhüllte

eine Ohnmacht schonend das gebrochene Herz, und sie sank erbleichend

in Rhodens Arme. Das schmerzlichste Mitleiden mit ihr, die ihm viel

theurer war, als er selbst wußte, regte seine Wuth noch heftiger auf.

Bube! rief er knirschend, den Schmerz dieses Engels sollst Du mir,

so wahr Gott lebt, schwer büßen! und, ohne ihr Erwachen abzuwarten,

klingelte er ihrem Mädchen und ging.

Natalie schlug die Augen wieder auf, und schauderte, daß es Tag und

Sonnenschein um sie war. Stumm und ohne Thränen las sie jetzt langsam

die Briefe durch, und erhielt die Ueberzeugung, daß Rudolf nicht

nur treulos gegen sie, das Weib eines Mannes, den er Freund nannte,

verführt, sondern auch planmäßig darauf gerechnet habe, Rhode durch

sie zu beschäftigen, und ihn dadurch gegen sein Verhältniß mit Louisen

blind zu machen.

Da stand sie nun an einem Abgrund, in den sie sich, mit der ganzen

Gewalt ihrer Empfindungen, hineinstürzte. Gränzenlos, wie ihre Liebe,

war auch ihr Schmerz; ohne Thränen, ohne Klage, ohne Vorwurf, wühlte

er in seiner eignen Tiefe, und alle freundlichen Gestalten des Lebens

schieden von ihr.

Sie blieb den Tag einsam auf ihrem Zimmer, und saß gegen Abend wie

vernichtet in der Ecke des Sophas, als sich leise die Thüre öffnete,

und Rudolf eintrat. Mit dem Ausdruck des Schreckens stand sie auf, --

blaß, von Schaam und Demüthigung entstellt, sah sie ihn zögernd ihr

näher treten, die ernst, stolz und kalt vor ihm stand.

Ich fühle, wie unwürdig ich vor Ihnen stehe, fing er mit jener leisen,

tiefen Stimme an, deren Gewalt über Nataliens Herz er kannte; daß ich

aber, trotz dieses Gefühls, hier erscheine, beweiset, daß ich nie

aufgehört habe, Sie für größer als Ihr Geschlecht zu halten.

Ersparen Sie sich jede fernere Unwürdigkeit -- mir jedes Wort, und

verlassen Sie mich.

Nicht eher, als bis ich die Bitte ausgesprochen habe, die mich

herführt, und die mein und Louisens Schicksal in Ihre Hände legt.

In meine Hände? fragte Natalie ernst.

In Ihre, weil ich weiß, daß da, wo die Pflichten der Tugend enden, die

der Größe und des moralischen Heroismus beginnen, und welches Herz war

je mit diesen vertrauter, als das Ihrige? -- wäre Louise Ihnen fremd,

Sie würden Ihr reines Auge von ihr abwenden; aber jetzt, wo Sie von ihr

beleidigt sind, steht der Mann, der das Herz eines Engels verwundete,

mit der Zuversicht der Erfüllung seiner Bitte vor Ihnen.

Die ungewöhnlichste Handlungsweise war für Natalien da, wo es auf

Selbstverläugnung, Opfer und Edelmuth ankam, nur die gewöhnlichste,

und in diese Seele konnte nie ein Gefühl des Hasses oder der Rache

kommen. Rudolf fand sie ganz anders wie er sie sich, da er ihre Liebe

für ihn und die Weichheit ihres Herzens kannte, gedacht hatte.

Nur die schmerzliche Blässe des Gesichtes deutete auf Kampf und

Gram -- ihr Ton, ihre Haltung, ihr ganzes Wesen, sprach strengen,

ehrfurchterregenden Ernst aus.

Reden Sie, sagte sie, und setzte sich. Nicht so sehr sein Anblick, als

die Entwürdigung des früher so hoch verehrten Mannes, erschütterte

sie. Hätte er entseelt zu ihren Füßen gelegen, es hätte sie nicht so

peinlich ergriffen, als diese moralische Entstellung, in der er jetzt,

gedemüthigt, ihr gegenüber stand.

Rhode ist entschlossen, sich so öffentlich als möglich zu rächen,

ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß er in Louisen sich selbst mit

beschimpft. Morgen schon soll sie sein Haus verlassen, und die

Scheidungsklage dann gleich beim Consistorium eingereicht werden. Mir

hat er eine Ausforderung zugesandt; es bedarf keiner Versicherung, daß

ich es nicht aus Feigheit scheue, sie anzunehmen, obgleich, wenn man

sich, so wie er und ich, in diesem Fall gegenübersteht, um Tod und

Leben gespielt wird, -- aber Nataliens Herzen lege ich die Frage vor,

welches Loos des Ueberlebenden und Louisens wartet? -- Kann diese,

wenn er fällt, die Hand des Mörders annehmen, ohne auf ewig mit der

Meinung zu zerfallen? -- Kann ich ihr die meine reichen, wenn dieser

blutige Schatten sich zwischen uns stellt? -- Falle ich, so wird Rhode

vielleicht im Gefühl gesättigter Rache einige Zeit Befriedigung finden

-- aber ist er, der weiche einfache Mensch, geschaffen, dies Bewußtseyn

auf die Dauer zu tragen? -- soll ich sterbend noch den Fluch auf ihn

legen, ihn heimathlos durch die Welt zu jagen? -- Sie kennen die

Strenge unserer Duellgesetze, und ich weiß auch, wie Ihr heller Geist

über Duelle denkt.

Haben Sie mir einen Ausgang aus diesem Labyrinth zu zeigen?

Rhode ist beleidigt; ich will mich nicht rechtfertigen; der

leidenschaftliche Irrthum weniger Augenblicke kostet mich das einzig

wahre Glück meines Herzens -- doch darf hier so wenig von meinen

Empfindungen, als von meiner Schuld die Rede seyn, sondern nur von

der Verpflichtung, mein Unrecht zu vergüten, so viel ich kann. Nur in

Louisen kann ich Rhoden Vergütung anbieten, und ich bin bereit, mir

diese, von Schande und Reue geschmiedeten, Fesseln der schimpflichsten

Leibeigenschaft anlegen zu lassen -- aber, so wahr ich lebe! wenn

Rhode seinen Plan, Louisen durch die öffentliche Bekanntmachung ihres

Fehltrittes zu beschimpfen, nicht aufgiebt, so bin ich verloren.

Entehrt darf meine künftige Gattin vor den Augen der Welt nicht seyn,

wenn sie je meinen Namen führen soll -- daher hier mein Vorschlag.

Rhode kommt unter irgend einem Vorwand beim Kabinette um die Scheidung

ein; Louise geht bis zu ausgemachter Sache zu ihren Eltern zurück. Daß

sie geschieden werden, kostet Sie bei Ihrem Onkel, dem Präsidenten,

nur ein Wort -- und ich gebe dann Louisen meine Hand, wenn diese Wahl

der Welt Werk der Freiheit und keiner erniedrigenden Nothwendigkeit

zu seyn scheint. Glücklich werden wir nicht mit einander seyn --

doch werde ich nie die Schonung vergessen, die ich ihr schuldig bin.

Schlägt Rhode aber dies Anerbieten aus, so treffe ich morgen mit ihm

an der Gränze zusammen, und das Grab deckt dann entweder meine Schuld,

oder verschlingt auch ihn mit seiner Rache. In beiden Fällen lege ich

Louisens Ruf in Ihre Hände. -- Auch Sie, Natalie, werden versöhnt seyn,

wenn ich falle, und vielleicht dann den Mann bedauern, dem, wenn er

leben sollte, Ihr Bild zur unerbittlichen Nemesis werden würde. -- Ja,

Natalie, hasse mich, verachte mich; nur fühle wie es mich treibt, mein

Leben als Sühnopfer für Dich entströmen zu fühlen. --

Heftig weinend war er vor ihr nieder gesunken -- sie trat in stiller

ernster Fassung einen Schritt zurück; noch heute, sagte sie, werde

ich mit Rhoden reden, und Sie sollen am Abend um den Erfolg dieser

Unterredung wissen.

Mit einer ausdrucksvollen Neigung des Kopfes verabschiedete sie ihn mit

diesen Worten. Er wollte fortreden -- sich entschuldigen -- da faßte

sie ihn mit einem Blick, vor dem er, wie die feige Schuld vor dem Blick

des unbestechlichen Richters, erröthete, und, ihr gehorchend, hinweg

floh. --

Die Kraft, mit der sie ihm ihren Schmerz verbarg, der feste, edle Stolz

in ihrem, sonst so kindlich weichen, Betragen, und die reine Güte, mit

der sie bereit war, wohlzuthun, wo Tausende an ihrer Stelle geflucht

hätten, liehen ihr in seinen Augen neue Reize. Er schwor sich, sie in

die alten Fesseln zurückzuführen, und zweifelte nicht, sie versöhnen zu

können, da sie ihm auch jetzt blieb, was sie ihm immer gewesen war: ein

Spiel für seine Eitelkeit, eine reizende und seltene Erscheinung für

seine Phantasie, deren poetische Natur und idealisches Wesen ihm ein

ästhetisches Wohlgefallen einflößten, das er selbst zuweilen, wie z. B.

in dieser Stunde, für Liebe hielt.

Natalie sprach Rhoden noch denselben Abend, und da er seine Frau

wirklich geliebt hatte, und zu den Menschen gehörte, die nur in der

ersten Aufwallung des Zornes die Energie fester Entschlossenheit haben,

wurde es ihr leicht, ihn zur Milde und Schonung zu stimmen. Ihre

Fürsprache selbst wurde ihm zum Beispiel, und da er sie unbeschreiblich

achtete, zur Regel seines Betragens. Louise, deren Ehrgefühl vor dem

Gedanken einer öffentlichen, für sie so schimpflichen, Scheidung

zurückbebte, und die, von guten Eltern erzogen, nur leichtsinnig, nur

versunken, nicht verloren, ein Opfer ihrer Leidenschaft für Rudolf

geworden war, fühlte jetzt die ganze Unwürdigkeit ihres Fehltrittes

und den Werth der großmüthigen Schonung ihres Gatten. Sie erfuhr, daß

sie diese Natalien verdanke, und schrieb ihr einen Brief voll Reue und

tiefer Rührung. „Laß mich Dich,“ bat sie am Schluß desselben, „vor

Deiner Abreise noch einmal sehen, damit Dein Anblick mir den Glauben

schenke, daß die Tugend sich nicht auf ewig von ihrer gefallnen Tochter

zürnend abgewandt habe.“

Natalie antwortete ihr freundlich, schlug es aber, so schonend

als möglich, ab, sie zu sehen. „Ich muß,“ schrieb sie ihr, „alle

Erweichungen und Spannungen meiden -- darum darf ich Dich nicht sehen.

Allein die Versicherung kann ich Dir geben, daß ich Deiner ohne Groll

und ohne Bitterkeit gedenke. Nicht fallen, Louise, darf und soll

vielleicht nicht der Stolz des schwachen Menschenherzens seyn; vom Fall

wieder erstehen ist oft schwerer und schöner. Ueber mein Schicksal

mache Dir keine Vorwürfe. Glaubst Du mir aber einigen Ersatz schuldig

zu seyn, war ich Dir je wirklich theuer: so laß Dich durch diesen

Vorfall nicht zum Verzweifeln an Dir selbst hinreißen. Deine Reue

bethätige sich durch ein künftig schöneres, fleckenloses Leben. Als

gute Gattin, treue Mutter, kannst Du noch einst achtungswerther werden,

als Du es je als Louise Rhode warst, und mein inniger Antheil wird Dich

durch ein solches Leben begleiten.“

Natalie · 第 5 / 12 题