FEBRUAR 1919.

Mit dem Berner Internationalen Sozialistenkongreß, dem seit August 1914

einzigen Ereignis von wahrhaftem Sein, das mitzuerleben mir vergönnt war,

schließt dieses Buch.

Hoch über den Bernina-Alpen und dem Julier türmten sich die Wolken zu

goldenen Toren und zu glühenden Rossen. Phaeton, wieder erstanden, lenkte

sie wieder, die italische Ebene im Angesicht. Die Spuren der Räder, waren

sie nicht der Rauch, der am Himmel verflog, während nach Norden hin das

Gebirge zu Tod erblaßte? Auch der nach Süden gerichtete Wald starrte unter

der Last des Schnees. Doch die Luft wehte so befiedert leicht über ihn hin,

und es herrschte ein Licht wie über Palmen. Man hatte Glatteis unter den

Füßen und war dem Winter entronnen.

Aber Fortunios Gesicht war wie zerhöhlt von Ungeduld. »Haase ist schon in

Bern,« sagte er, »der Kongreß ist im Gang. Wir müssen hinab.«

Da es der erste war, dem ich beiwohnen sollte, verband ich weiter keine

Vorstellung mit ihm, als die mehr oder minder langweiliger Reden, und ohne

sonderliche Erwartungen betrat ich zum ersten Male den Saal. Kein

Delegierter aber drängte von nun an eiliger zu ihm zurück. Oft war er in

der Mittagspause noch geschlossen, als ich schon davor wartete.

Zu den Morgensitzungen ging Frau v. Schreckenburg mit mir. Nachmittags saß

ich am Tische mit Fortunios, vor uns die Franzosen. Da waren Renaudel,

Cachin, Longuet, Rappaport, Loriot, Faure, dann kam der englische Tisch mit

Henderson, Macdonald, Norman Angel. Von dort leuchtete das leichte Gold von

Mrs. Snowdens Haar. Sie trug keinen Hut. Der schöne, zarte und energische

Kopf war der Lichtpunkt des Hauses. Die Deutschen und Österreicher saßen

ganz vorn, zu weit entfernt, um sie zu unterscheiden, es sei denn, daß sie

sich erhoben.

Bleich, abgezehrt, den schmalen und ehrwürdigen Kopf ein wenig seitwärts,

stahl sich im fahlen Schein des Wintervormittags der, eben von der Bahn

gekommene Eduard Bernstein bescheiden herein. Die französischen Sozialisten

sahen ihn zuerst, eilten auf ihn zu und begrüßten ihn stürmisch. Daraufhin

erhob sich der ganze Saal zu einer Ovation. Wie frohlockte da mein

undemokratisches Herz!

Als Viktor Adler auf das Podium trat, gaben wiederum die Franzosen das

Zeichen zu einem lang andauernden Applaus. Adler war der Motor des

Kongresses. Unerbittlich die Mitte einhaltend, wies er jede Parteilichkeit

schroff zurück, von welcher Seite sie auch stammte; ihm war das gleich.

Sein blasser Löwenkopf tauchte dann zum Angriff auf: »Un homme politique,

mais pas de bonne politique«, forderte er Renaudel heraus. Seine Stimme

klang wie Erz. Aber allen Differenzen, Vorwürfen, Ausreden, Angriffen zum

Trotz fing eine Einigkeit sich herauszuschweißen an, und wie unter einem

glühenden Hammer stoben Funken zu einer Garbe auf. Haß schmolz zu

Mitgefühl. -- Zwar wurde jenen deutschen Delegierten, welche die Politik

ihres Landes zu verteidigen suchten, prompt die Unmöglichkeit eines solchen

Unterfangens zu Gemüte geführt, stellten aber dann ihre Angreifer den

deutschen Militarismus immer wieder allein an den Pranger, so wurden sie

regelmäßig von Zwischenrufen wie: »Et le militarisme français! et le nôtre!

et tous les militarismes!« von der französischen Linken unterbrochen.

Überhaupt war dieser französische Block der beste, der wärmste. Von ihm

ging das Unbehagen aus, wenn ausschließlich das deutsche Sündenregister

stieg. Scheu, Zartgefühl, Respekt (ja Respekt!) vor dem Geschlagenen (weil

geschlagen), sie stammten von dort. Und schon gärte die Atmosphäre wie ein

starker Wein. Klug wie ein Erzengel ließ der hochaufgerichtete Huysmans mit

dem schönen Donatellokopf bei den Reden, die er französisch und englisch

übersetzte, alles Unwesentliche fallen. Oft waren sie lebendiger als im

Original. Behender löst kein Eichkätzchen die Haselnuß aus ihrer Schale.

Ach, so viele gute Menschen waren hier! Unbeweglich, als wäre er nur eine

Zimmerpalme, hielt sich unser aller A. H. Pax im Hintergrund; und wie

Kerzenlicht im Mittagsscheine tauchte bald hier, bald dort Fortunio

unauffällig auf.

Hin und wieder kam in Frack und weißer Binde, pour finir sa soirée, ein

Attaché gegangen und wirkte in dieser so weit vorgreifenden Luft wie eine

Varieténummer aus einer veralteten und komisch gewordenen Welt. Der eine

oder andere blieb gebannt, und die Geschniegeltheit fiel von ihm ab.

Die Fürstin Patschouli aber war sehr ungehalten, was sie nicht hinderte,

mir zwischen zwei Sitzungen ihren stärkenden Kaffee zu brauen. Sie wollte

wissen, wer mich denn so interessierte. Ich nannte einige. »Quels noms!«

sagte sie, zum Himmel emporblickend.

Als Partei interessierte mich ja der Sozialismus so wenig wie jede andere.

Aber das Ergebnis der kapitalistischen Ära war ein wirrer Knäuel ineinander

verbissener Verbrecher, und es war eine Welt, welche der Sozialismus

jedenfalls nicht bereiten half. Er hatte keinen Teil an ihr. Deshalb nur

gab es keine andere Brücke als ihn, denn er war nur ein Weg, der

weiterführt, indem er zurückgelegt und überwunden wird, niemals ein Ziel.

Woher kam es aber, daß er, der angeblich auf rein materialistischer

Grundlage beruhte, er allein unter allen Parteien, ohne Anstoß zu erregen,

christliche Gleichnisse anführen durfte. Warum, statt Schamröte in die

Stirn zu treiben, war es so rührend, wenn der geistvolle Longuet, der auf

dem Podium auf und ab zu gehen pflegte, während er sprach, ein Zitat aus

den Evangelien gebrauchte, oder wenn Mrs. Snowden eine Rede mit den Worten

schloß: denn wir sind Brüder?

Nach ein paar Tagen kannten wir einander fast alle. Einmal fielen wir an

eine Tafel aus im geschlossenen Raum; eine unbändige Heiterkeit bemächtigte

sich unser, aber wir blieben sitzen. Ich spielte mich auf die Wirtin auf

und machte die Tischordnung, als sei das Essen von mir, A. H. Pax vermißte

die Schnäpse, und wir kamen nicht aus dem Gelächter. Etwas in unserer

Befreitheit erinnerte dabei ganz deutlich an jenes Gastmahl im Neuen

Testament, von welchem der nicht im Feierkleide erschienene Eindringling in

die äußerste Finsternis zurückgewiesen wurde. So hatten auch wir keine

unsicheren Gestalten hereingelassen.

Ich werde mich schwer hüten zu sagen, wer meine Tischnachbarn gewesen sind.

In streng geschiedenen Gruppen, die einander nicht mehr kannten, fanden wir

uns im Saale wieder ein. Denn wie der Chor der Gefangenen in »Fidelio«

wußte man sich belauscht mit Aug' und Ohr, und vermied es, von Lager zu

Lager sich zu grüßen.

Der Sonntag.

Er bildete die große Orgelpause des Kongresses. Um so lebhafter war in der

Stadt das hin und her. Als ich die Treppe des Hotels Bellevue hinabging

stieß ich mit Kurt Eisner zusammen. Er war schwarz und ganz neu angezogen.

Auch der schwarze Schlapphut war neu. Wir wechselten ein paar Worte. Ich

kannte ihn zwar noch nicht, aber so hielt man es in jenen Tagen.

Leider war mein Zimmer winzig klein. Um Raum für den Kaffeetisch zu

schaffen, mußte das Bett zum Sofa werden, und ich schüttete Kissen gegen

die Wand. Um fünf Uhr erschien Haase. Der niedere Kragen, Kleidung,

Struktur waren die eines Mannes aus dem Volk. Dabei lag in der Haltung des

Rückens und der Schultern eine ungemeine Würde. Aber wenn sie Widerstand

und Energie ausdrückten, so sprachen sie auch von rücksichtslosem Verbrauch

sich verzehrender Kräfte.

Auf dieser Figur eines Arbeiters saß ein Kopf, ganz beherrscht von stark

auseinanderliegenden, majestätisch geweiteten Augen. Psychologisch viel zu

neu, um an einen Rembrandt zu erinnern, schien er zugleich durch die

Straffheit der bis zum Reißen gespannten Züge und ihr tragisches Kolorit

nach begeisterten Evokationen seines Pinsels zu rufen. Wie der Ratsherr

einer noch nicht errichteten Stadt -- die Leidenswerkzeuge unsichtbar im

Wappen eingetragen --, so blickte, so ging, so bewegte sich Haase, so saß

er jetzt in unserer Mitte, die Zeit besprechend und die Gefahren des

revolutionären Deutschlands. Wir hörten zu. Es wäre falsch, von Ahnungen zu

reden. Die Bangigkeit um einen Mann von Haases Edelsinn und Güte war ganz

instinktiv.

Plötzlich klopfte es. Die Stimmung und Geborgenheit unseres Zusammenseins

war mit großem Geklirre dahin. Bestürzt sah ich Eisner eintreten, den ich

doch gebeten hatte. Aber eine so andere Zone des Geistes brach mit ihm ein.

Er trug sich wie am Morgen komplett in Schwarz, kein Stäubchen, vom

schwarzen Schlapphut bis zu den Stiefeln (wie um die Reporter lügen zu

strafen, die seine nachlässige Kleidung verkündet hatten). Halb Wotan, halb

Konfirmand -- grau, nur der schüttere Bart und die müde Farbe des

Gesichtes. -- Fortunios und ich saßen jetzt zu dritt auf dem Bett, und alle

allgemeineren Themen traten vor dem besonderen der bayrischen Revolution

zurück.

Eisners romantische Schwäche für Bayern verriet sich sogar in einem hin und

wieder freiwillig angeschlagenen Dialekt, dessen Unnatur etwas rührendes

hatte. Und so war es mit der Revolution; sie war das Abenteuer seines

Herzens, sein Geniestreich; was aber an dem Bilde fehlte, war die Kenntnis

Bayerns: die Bayern, die sich hinreißen lassen, sind nicht dieselben, die

sich wieder eines anderen besinnen . . .

Etwas an München wird vielleicht noch lange bewirken, daß neue Sterne

darüber aufgehen, etwas bewirkt aber, daß sie schnell wieder zu verlöschen

drohen, günstige Konstellationen geraten dort sogleich mit

entgegengesetzten in Brand. Eisner erzählte wie ein Rhapsode und besaß kein

Ohr für das vielfältige Rauschen der mitten im Sturm entrissenen

Meeresmuschel. Dies gab seinem Liede den schrillen und beängstigenden Ton.

Haase das Wort abschneidend, erzählte er von dieser und jener Episode, die

alles verderben sollte, und wider erwarten alles gelingen machte. Und Haase

ließ ihn, wie ein älterer Bruder gewähren. Bei ihm war die Basis viel

breiter; er wirkte harmonisch wie eine Orgel, die Macht war die Sache für

ihn, für Eisner dagegen war sie die Arie, seine Bravourarie, an die sein

Ohr sich fing. Nur wer näher zusah, gewahrte inmitten der scheinbar

selbstgefälligen Glorie den erloschenen, weltabgewandten Blick und die

bereite, heroische Absage an das Leben. Zu Haase gewendet: »Das wäre der

Gipfel meiner Laufbahn,« sagte er, »mit blauweißen Fahnen gegen Preußen zu

ziehen.«

Aber »Fahnen« hatte er gesagt. Fahnen, Feste, Ansprachen, solcher Art waren

die sündenlosen Waffen, zu welchen er griff. Für so ehrwürdige Ansichten

belehrte ihn die rohe Kugel eines besseren, und schlug sich dies musische

Haupt gegen das Pflaster zu Tode.

Spät verließen wir an jenem aufregenden Abend meine Zelle: die beiden

Delegierten gingen noch zu einer Ausschußsitzung; viel zu erschöpft und

aufgewühlt, um allein zurückzubleiben, aß ich mit Fortunio zu Nacht. Lange

sprachen wir noch von den beiden. Er meinte, Eisner sei viel zu feinfühlig,

als daß ihm entgangen wäre, wie sehr wir Haase vorgezogen hatten. Nun hatte

ich einen neuen Grund, bedrückt zu sein.

Leider reiste Haase schon am nächsten Morgen ab, und wir andern saßen wie

gewöhnlich im »Volkshause«, als, eine große Stille entstand, weil Eisner

das Podium betrat. Es war aber der Morgen jenes Tages, an dem er seine

denkwürdige und verhängnisvolle Rede zugunsten der Gefangenen hielt. Sie

begann mit einer schonungslosen Preisgabe der deutschen Kriegführung, deren

Verbrechen er nicht beschönigte, deren Recht, etwas zu fordern, er vielmehr

verneinte. Dann eine abrupte Wendung nehmend, stellte er fest, daß in

keinem Lande die Gegner des Krieges so tief gelitten hätten wie die

deutschen, und mit jedem Worte wurde sein tonloses und dabei scharfes Organ

gebieterischer. Es war unerhört, wie Eisner jetzt über sich selbst

hinauswuchs. So buchstäblich war der Geist über ihn, daß seine Person nur

mehr wie ein von ihm verlassener und vergessener Schatten die Tribüne

behauptete. Was nun verlautete, war ein Plädoyer für Deutschland, wie es

niemals ergreifender formuliert wurde. Seine kalte Stimme beibehaltend, die

in die Gemüter schnitt, enthüllte er die ganze Tragik seines unglückseligen

Volkes. »Die Stimmen derer, welche im Kampf um die Ideen einer besseren

Welt namenlos in den Kerkern verblichen,« rief er schneidend den fremden

Delegierten zu, »drangen nicht bis zu euch! Stumm verbluteten sie.«

Im Namen jener neuen und besseren Welt verlangte er die Freigabe der

zurückgehaltenen Gefangenen.

Man hielt den Atem an.

Da stand ein Entronnener aus eben jener Schar stummer Blutzeugen für die

Ideen der Gewaltlosigkeit der Wahrheit und der Menschenliebe. Dies war ihr

Los wie vor 2000 Jahren!

In Eisner hatte der Kongreß wohl seine eindrücklichste Figur. Mochte er

durch seine Parteilichkeit für Renaudel bei den Radikalen einigen

Widerspruch erregen, so stellte sich bald heraus, daß er gerade dadurch

seine Vorschläge durchzudrücken verstand, wie überhaupt die Taktik eine

große Rolle bei ihm spielte.

Als ich das Haus verließ, standen Fortunios unten an der Treppe und

schienen auf jemanden zu warten. Ich wandte mich um; Eisner ging langsam,

allein und vollkommen versonnen die Treppe herab. Er hielt eine rote Nelke

mit etwas abstehender Geste, wie um sie zu schützen, daß sie nicht zu

Schaden komme. Steif, fast geziert, die Schultern mit barocker Würde

tragend, bot er einen wahrhaft phantastischen Anblick. Wir begrüßten ihn.

Er sah uns erloschenen Auges an und erwiderte kein Wort. Hätten aber

urplötzlich die Türen sich geteilt und Teppiche unter den Füßen der mit

großem Zeremoniell vorgeführten Esther entrollt, ich wäre nicht erstaunt

gewesen. Assuerus! dachte ich. Ein fast gespensterhaft abstrakter,

beschämend unverjudeter, rein biblischer Jude stand da vor uns. Und siehe!

-- Hier war zum ersten Male wieder dasjenige Israel, aus welchem

merkwürdigerweise der Begriff des Christentums mit der Gestalt seines

Stifters, der Begriff des unjüdischen also, die Welt der Mystik, des

erblassens, der Gotik hervorging. So dachte ich, stockenden Herzens . . .

Ich sah Eisner noch einmal, als er im Begriffe stand, mit Renaudel nach

Basel zu fahren. »Wenn ich stürze,« sagte er, »ist in München der

Bolschewismus unvermeidlich. Die geistige Verwirrung der Jugend ist zu

groß.« Überhaupt sprach er sehr oft von seinem Sturz. Ich glaube, die

Entfernung ließ ihn die allgemeine, wie seine besondere Situation sehr

scharf und nüchtern übersehen.

Gerade die Illusionen, die phantastischen Züge in diesem bedeutenden

Menschen, die springenden Schatten machten ihn zu der Shakespeareschen

Gestalt, als die wir ihn heute sehen. Wir aber, die in Bern Zeugen der

ungeheuren Wirkung seines Auftretens waren, welche Werbekraft für

Deutschland er dort entfaltete, welch stürmische Sympathien für Deutschland

er dort erweckte, oh welch bitterlichen Eindruck machte es auf uns, in

München nicht etwa die Züge dieses heldenhaften Vorläufers, nein, das

unbesonnene Leutnantsgesicht seines Mörders in den Auslagen vorzufinden,

dessen hirnloses und unheilvollstes Verbrechen die Schrecken der

Räteregierung und alle Greuel, die von links, und dann von rechts daraus

erfolgten, verursachte. Mag ein Herr Studiosus die Frei(spruch)kugel gegen

mich drehen, dafür, daß in diesem wahrscheinlich vielgelesenen Buche diese

Wahrheit steht.

Für den letzten Tag war eine Rede Macdonalds über den Bolschewismus

angesagt; aber der Tag verging, ohne daß er hervortrat. Die Lichter

brannten schon lange, und es war Abend geworden, als man ihn endlich

erblickte. Es sprachen viele, deren Organ im Halse stecken und auf die

langweiligste Weise eins mit demselben blieb. Der deutsche Dolmetsch ging

deshalb schwer auf die Nerven. Bei jenen Delegierten hingegen, welche die

Rednergabe besaßen, hob sich nach wenigen Minuten die Stimme von ihnen

fort, um wie ein Albatroß ganz für sich allein die gewichtigen Schwingen

auszubreiten. Dieser Prozeß vollzog sich auch bei Macdonald. Sein Organ

erfüllte den Saal mit Wohllaut, als käme es gar nicht von ihm, sondern

hinge nur infolge eines rhythmischen Gesetzes mit seiner Miene und den

Bewegungen seiner Arme zusammen. Die Rede war ein Warnungsruf an den hohen

Rat in Versailles, die Zeichen der Zeit zu verstehen, und sie verglich den

Bolschewismus mit einem Brande, der, hier halb erstickt, dort scheinbar

gelöscht, immer wieder hervorbrechend und unter der Asche weiterglimmend,

an der Verblendung des Imperialismus seine Nahrung fand.

Da ich kein Wort verlieren wollte, schlängelte ich mich langsam durch die

Zuhörer, hart bis zur Rampe vor, und hatte so zum ersten Male den ganzen

Zuschauerraum vor Augen. Der Saal verlor auch bei Lampenschein nichts von

seiner Schmucklosigkeit. Unschön war er und kahl. Sein Glanz, seine

Erlesenheit waren rein innerlich. Sie gingen von den Menschen aus, welche

hier tagten. Nicht die Zartheit freilich, noch der Reiz eines seit

Generationen vor rauhen Kontakten geschützten Lebens, sondern Anstrengung,

Leidenschaft und Begeisterung durchleuchtete sie so stark, daß jenseits

dieses alltäglichen Raumes alle Alltäglichkeit, jenseits seines nüchternen

Scheines alle Nüchternheit zu liegen schien. Der Winter der Menschheit sank

hier zu Grabe. Von Feuerzungen war die Luft durchbebt, und eine

Pfingstatmosphäre brauste durch die Türen über die Treppen dahin, bis hinab

in die Gassen des nächtlichen Bern. Und sie würde, ob auch der kommende

Morgen diesem Fest das Ende bereitete, nach allen Himmelsrichtungen wehen.

Ich zweifelte daran nicht. Ich hoffte schon wieder!

Natürlich waren auch geringere zugegen. Aber nicht sie gaben den Ausschlag.

Hier herrschte der Wert. Rang und Vortritt waren hier durch das Talent, das

Verdienst, die Lauterkeit bestimmt, und ein Wille zur Güte hatte sich

durchgerungen.

Mit einem Blick des Hohnes war ich vorhin an Telramund vorbeigegangen, alle

Krallen gezückt, weil er sich vermessen wollte, mich zu grüßen, und fast

wäre ich dabei über seine Bocksfüße gestolpert. Nein! Hier richtete der

nichts aus. Hier war er schachmatt. Warum kam er denn her? -- -- Auch er --

zum ersten Male fiel es mir auf -- hatte allen Sitzungen beigewohnt und war

einer der regelmäßigsten Besucher gewesen. Oh, nicht nur er! -- Die ganze

Rotte saß ja hier! -- und die Kontrolle war doch so streng! Aber die Rotte

war vollzählig hier! -- Durch die Ritzen der Türe hätte sie noch

einzudringen gewußt. Wo hatte ich die Augen gehabt all die Tage hindurch,

ich Verblendete! Im Ernst wähnend, hier würde die Schwelle zu einer neuen

Welt gelegt, derweil sie täglich zerfiel.

Die Schützlinge der Militärspionagen, von welchen erst die eine, dann die

andere den Verständigungsfrieden hintertrieben hatte, tagten hier als

Delegierte des Teufels, den verschiedensten Nationen entspieen. Wie emsig

sie notierten! -- Oh wie fleißig sie die niedrigen Stirnen gesenkt hielten,

um alles zu nichte zu schreiben, was hier von Völkerversöhnung gesprochen

wurde! Und wie gesittet sie dasaßen, diese Wölfe im Schafpelz, die sich

innerlich eins lachten über den sabotierten Kongreß. Und sie waren

geduldet! -- selbst hier! -- Die Spreu durfte auch hier, ungesichtet, den

Weizen verderben. Ach, es gehört zu den Merkmalen dieser Zeit, daß die

Dinge noch schlimmer zu kommen pflegen, als die Schwarzseher sie künden,

und noch heißer gegessen werden, als gekocht.

So ahnte ich noch nicht, daß die verstümmelten Berichte der Eisnerschen

Rede, deren erster Teil einfach unterschlagen wurde, schon munter unterwegs

waren, und seine anonymen Mordanstifter, wohlgeschützt unter der Flagge

einer Zeitung, sich für die furchtbaren Wahrheiten und Anschuldigungen, die

er in diesem Hause der Presse aller Länder ins Gesicht zu schleudern wagte,

ein für alle Male gerächt hatten.

Die Stimme Macdonalds drang nur mehr undeutlich zu mir. Es war doch jedes

Wort vergebens. Mochte er den Bolschewismus an die Wand malen! Mit ihm

stand es gewiß, wie Rolland sagte. Bot nicht jede Partei genau dasselbe

Bild von ein paar ehrlichen und ehrenwerten Männern, die ein fürchterlicher

Zulauf überschwemmt? jene paar Vortrefflichen, deren Kampf allein

ersprießlich und von Interesse wäre, tragen ihre Gegensätze abseits

voneinander aus. Sie sind nicht so zahlreich, Europa nicht zu groß für eine

einzige Arena. In Wirklichkeit ist der Klassenhaß (statt des

Klassenkampfes) ein ebensolcher Humbug wie der Haß der nur nach Frieden

lechzenden Völker. Wer aber diesen Saal mit den angeblich so scharf

bewachten Toren näher ins Auge faßte, ließ alle Hoffnung fahren. Den

Schleier Penelopens woben sie hier! Es gab ja keine gute Sache, solange der

Nichtswürdige sich zu ihr bekennen durfte und statt der Gesinnung die

Meinung den Ausschlag gab. Freie Bahn den Tüchtigen! oh nein! Erst

geschlossene Bahn den Unwürdigen! Die andere Parole bleibt so lang die

leereste der Phrasen! Hatte nicht Telramund in seinem eigensten Blatt eine

»Partei der anständigen Leute« beantragt, wie um diesem Gedanken den Fluch

der Lächerlichkeit auf immer anzuhaften. Oh Zarastro! Herr des Tempels mit

den unauffindbaren Toren, der nur den Geprüften mit Macht belieh! Von

allen, die heute leben, wird keiner den Bau betreten, zu dessen Grundlegung

ich Steine herbeischleppen möchte. -- Das Gerüst allein dürfte die Arbeit

von Generationen sein, sein Ausbau die von Jahrhunderten vielleicht.

Vielleicht sind die ewig unvollendet gebliebenen Kathedralen sein Symbol.

Aber worauf es, wie gesagt, ankommt: er ist möglich.

Die richtige Einsicht, daß es (merkwürdigerweise) niedrige und hohe

Menschen gibt, führte folgerichtig zu Rang- und Standesunterschieden. Bei

ihrer Aufrechthaltung aber gerieten jene Ungleichheiten, welche doch erst

die Berechtigung solcher Klassifikationen bilden, immer mehr außer acht,

und bei dem Schrittmachen, das im Schwunge blieb, mischte sich in immer

gemeinerer Weise das Bestreben über jene Distanzen, welche der Wert

zwischen den einzelnen liegt, hinwegzusehen. Das Mißverständnis artete

immer wilder aus: der königliche Mozart speiste mit dem Gesinde, und ein

lakaienhafter Kavalier warf ihn mit einem Fußtritt ohne weiteres vor die

Türe. In der Tat, wir wissen alle, was wir der französischen Revolution

verdanken. Doch, als sie das falsche Spiegelbild in edler Empörung

zerschlug, wurde mit diesem drastischen Vorgehen leider erst recht nur eine

halbe Maßnahme getroffen.

Kein Mißbrauch wurde an der Wurzel gefaßt, vielmehr entrann der Missetäter

froh durch die Türe. So brach die französische Revolution wie das

Christentum, dem sie entsprang, in sich selber zusammen, und wir sind heute

wie bankrotte Leute, die von vorn anfangen müssen. Wir stehen wieder am

Anfang aller Tage: das heißt am Ende. Denn für das erkennende Auge sind ja

die Menschen längst in jene zwei Lager zerfallen, von welchen geschrieben

steht. Freilich ist vorläufig erst der Aufmarsch der Böcke geglückt. Unsere

Absicht, ihrem Konsortium entgegenzutreten, dürfte ein frommer Wunsch

verbleiben, solange wir jene geheimnisvolle Tatsache nicht ergründeten, daß

die von schlechten Instinkten Gemeisterten so viel deutlicher die

Hochgesinnten herausspüren, als diese sich unter sich erkennen. Diese

dunkle und rätselhafte Tatsache birgt Perspektiven, die sich wie weite

Zimmerflüchte nach allen Richtungen, reich an Verborgenheiten, ziehen.

Um Machtfragen werden sich nach wie vor die Dinge drehen, und nach wie vor

wird sich herausstellen, daß es nichts neues unter der Sonne gibt. Macht

wird vor Recht gehen, denn Macht geht vor Recht. Es ist Sache des Rechts,

die Macht an sich zu reißen, eine neue Realpolitik zu ermöglichen, nicht

ausdrückbar durch Lüge, Feuer und Mord; eine Exekutive zu befestigen,

welche die aus Lüge, Feuer und Mord errungenen Vorteile verachten, und

Lüge, Feuer und Mord nicht ausspielen würde gegen Lüge, Feuer und Mord.

Sache des Rechts ist es, die Bahn solcher Gewalthaber zu bereiten. Ach die

Heftigkeit, mit welcher wir unsere Notsignale abgeben, hindert nicht, daß

sie unter dem Druck grauser Langeweile aufziehen, und unser eigner Pathos

lastet mit der ganzen Öde eines Frondienstes auf uns. Denn es sind

zukünftige, für ein feineres Ohr heute schon monströse Gemeinplätze, die

wir hier äußern.

_Ende_

Von _Annette Kolb_ erschien im gleichen Verlag:

Zarastro: Westliche Tage · 第 6 / 8 题