Fortunios sind angekommen, sie wohnen in Vevey, und er erholt sich. Zum
ersten Male bildete sich unser Zusammensein als heller Punkt und geordnete
Fläche heraus. Augenmerk und Sorge sind durch die Ereignisse zu sehr in
Anspruch genommen, um uns bewußt zu werden, wie sehr es einem bekränzten
Floß inmitten schwarzer und gestoßener Fluten glich; Und wie hätten wir da
anders als in der Erinnerung wahrgenommen, daß wir schöne Tage verlebten?
A. H. Pax ist aus Bern gekommen. Der Belgier und sein Kind finden sich
regelmäßig ein.
Dabei wütete die Grippe. Viele Särge harrten der Bestellung. In den
Blumenläden häuften sich die Kränze, Halbgenesene, in tiefer Trauer, traten
leichenblaß das erstemal vors Haus.
Doch die Zärtlichkeit des Herbstes, seine Zärtlichkeit und sein Verweilen,
seine Glorie ward unendlich.
Eines Nachmittags strichen wir in den Höhen des Weinberges entlang. Unter
einem silbern aufgerollten Himmel dehnte sich der See, schimmernd,
unbewegt, ein wenig müde . . .
Plötzlich, mit einem Ruck, fuhr der Wind weit und durchdringend auf, als
stöhne er die ganze Erdkugel entlang das Ende der schönen Jahreszeit
hinaus.
Im Nu schlugen die Wolken über die Sonne hin. Fortunio hatte den Kragen
aufgesteckt, sein Hut rollte den Berg hinab. Wir lachten. Doch der Weg war
weit. Schon wußte der See nichts mehr von seinen Ufern. Unter Nebelschauern
waren alle Berge, ja wir selbst, unsichtbar.
Am nächsten Morgen war für jedes Kind ersichtlich, daß Fortunio die Grippe
hatte, aber wir taten nicht dergleichen. Statt im freien, versammelten wir
uns an seinem Lager. Man hielt es in jenen Tagen allein nicht aus. Bang und
fröstelnd rückte man zusammen. Denn auf dem Streitroß, dessen Nüstern von
Hoffart, Haß und Vergeltung sprühten, und wie ein Sturmgott kam ja der
Friede heran. Wehe, es war jener Gewaltfriede, jener Macht- und Siegfriede,
von dem in Deutschland so viel geredet worden war, und den abwehren zu
wollen, den zu fürchten, als ein Verbrechen galt.
Und indessen lösten sich in unserer kleinen Gruppe hineingetragene
Dissonanzen weiter aus, und statt der chronischen Trübungen stimmten sich
ganz ohne unser Zutun unsere Gemüter wie Instrumente zu täglicher, reinerer
Melodie. Fortunias Gesicht glättete sich und erlangte seine Pinturichiotöne
wieder, und während der Aufruhr stieg, bildeten wir eine uns selbst
unvergeßlich gewordene Insel des Friedens.
* * * * *
Als sich die Sonne nach einer Regenwoche wieder zeigte, war die Welt eine
andere. Das Renommierboot mit seinem rostbraunen Segel zog wieder auf, aber
es blähte sich über ein gesteiftes und gepeitschtes Blau; die
weißgeharnischten Berge waren näher gerückt, und wo das Laub noch grün
geblieben war, hatte es ausgeträumt, hing ohne Illusion, des Todes
gewärtig, und daß es fallen würde. Im Hotel spielte die Heizung, und ein
von sich überzeugtes Ehepaar: le Vicomte Edmond de la Province, einem Roman
von Claude de Bernard entlaufen: Madame korrekt bis ins Grab hinter der
vorangetragenen Corsage, Monsieur im Bart, Schloßbesitzer, zogen schweigend
über Flur und Treppe, und faszinierten durch ihre abgründige
Zurückgebliebenheit.
Unsere Gruppe indessen hatte sich verkleinert. Erst war der Belgier und
dann sein Kind erkrankt. A. H. Pax saß wieder in der Choisystraße. Das alte
Deutschland stürzte wie eine Kulisse zusammen, und Trümmer waren fürs erste
der einzige Ausblick. Fortunio, von Ungeduld verzehrt, erklärte aufstehen
und nach Berlin reisen zu wollen. Fortunia fuhr nach Bern, das Haus für die
Abwesenheit zu bestellen, und ich folgte mit ihm den Morgen darauf. Wir
saßen einander im Zuge gegenüber, sein Husten war ein Gebell. Am selben
Nachmittage brachten wir Fortunios mit Pax an der Spitze, zur Bahn und
ließen sie, wie Flammen über das Moor, ins Weglose ziehen. Denn schon
fluteten die aufgelösten Heere in unbeschreiblicher Verwirrung aus den
besetzten Gebieten ins Land zurück. Die Lauben hinabsehend, unschlüssig wo
ich absteigen sollte, versagten mir plötzlich die Knie, Fröste wie graue
Blitze durchfuhren mich, und mein Husten war ein Gebell. Diese nicht zu
verkennenden Symptome jagten mich wieder an die Station, um mit dem letzten
Zuge nach Montreux zurückzufahren. Denn lieber, als angesichts des Gurten
wollte ich dort erkranken, wo im Hotel Suisse als chefesse de réception
eine so angenehme Erscheinung waltete, und ich den Nachtportier zum Freund
besaß, ein komischer, alter Schwabe, den ich deutsch ansprach, sowie der
Lift ohne Insassen und in der Schwebe war.
Nun war es Sonntag. Das heiße Wasser also lief. Vielleicht vertrieb mir
eine heiße Dusche den Frost. Aber das Wasser war schon lau. Dafür gerieten
die grauen Zickzackblitze in Brand und drückten mir eine Feuermütze ins
Genick. Da ließ ich mich denn grippekrank melden und stellte anheim, mich
aus dem Hause zu schaffen. Aber die angenehme Erscheinung aus dem Bureau
kam herauf, mich zu beruhigen. Dann äußerte sie einige unverständliche
Dinge und verschwand. Bald darauf trat ein Mann herein, den ich für einen
Raubmörder hielt, gefolgt von einem fürchterlichen und handfesten Weib ohne
Kopf, seiner Helfershelferin. Ich wollte rufen, da hatten sie mich schon
gepackt. Jetzt, dachte ich, ist doch alles eins.
Eine Stunde später lag ich mit aufgerissenem Rücken, geschröpft wie ein
Hengst. Ich erzähle dies nur, weil ich dank dieser so immediaten und
buchstäblichen Roßkur schon nach zehn Tagen, statt vielleicht nach Wochen,
die Grippe spurlos überwand.
Mittlerweile erdröhnte dem so glücklich gewesenen Deutschland die im Lauf
seiner Geschichte noch immer zurückgekehrte Stunde seines Unheils. Es war
der eine Gedanke meiner leeren Tage und langen Nächte; ihn auszuschlagen
war unmöglich.
Im ersten Stadium meines Fiebers fiel mir an dem Stubenmädchen, das hin und
wieder in mein Zimmer trat, nichts bemerkenswertes auf, als daß sie mir
sehr einsilbig und nicht freundlich vorkam. Pech! dachte ich.
Am dritten Morgen aber, als sie das Zimmer räumte, folgte ich ihr mit den
Augen, während sie wähnte, daß ich schlief, und das Herz stand mir still.
Hermione! wollte ich rufen. Nein, Andromache im Palast des Priamus, ob
ihrer Anmut erstaunt, und der leichteste aller Tanagra zugleich! So stand
sie, den Besen führend, in der Mitte des Zimmers. War ich im Delirium
gelegen, daß ich sie nicht gesehen hatte? Sie kam auf mich zu: »êtes-vous
plus mal?« Aber ich wehrte ihr mit beiden Händen ab. »Cela m'est égal«,
sagte sie, »de prendre la grippe.« Was war melodischer, dieser Mund, diese
Lippen oder diese Stimme? -- Und ein solches Geschöpf umgab mich mit ihrer
Pflege. Welch unerhörter Luxus! Die Sonne ging vor meinem Fenster auf,
alles Leben im Geleite, und lachte des Todes bis zum Mittag. Pauline
Glasenfrost kam täglich aus Villeneuve, brachte die Zeitungen, beschenkte
mich und spottete der Ansteckung. Knirschend las ich alle Noten und Appelle
an die Großmut der Sieger. Welche Verkennung der Situation! Aber was
bedeutete dieses Versagen angesichts der Würde, welche ein solches Unglück
gab? Und wiederum würden nur die Unschuldigen leiden. Die Taktik der Sieger
würde es den Schuldigen ermöglichen, sich herauszureden. Schon damals sah
man es kommen. -- Ich läutete und bat Hermione, mir von sich zu erzählen.
Sie stammte aus dem Wadtlande. Ihre Heimat lag hoch über den Weinbergen und
hatte die Gletscher im Auge. Ich bat sie, einen hellen Mantel von mir
anzulegen. Wie er ihr stand!
8. NOVEMBER. Bevor mein Freund, der Nachtportier, zur Ruhe ging, brachte er
noch die erste Post. An diesem Morgen trat er ein, reichte mir ein
Extrablatt und verkündete lakonisch: »In Bayern ist Republik.« Mein erstes
Gefühl war kein gelinder Schrecken. »Es mußte kommen«, sagte ich dann. Der
Portier war Demokrat. »'s isch recht. Runter mit dem Zeug«, sagte er und
ging. -- So war also Bayern Republik. Das Extrablatt war nur ein kurzer
Wisch; eins aber wußte man sofort: daß dieser so wenig ästhetische König
nie wiederkehren würde. Die Wittelsbacher waren stets Liebhaber des Schönen
gewesen, und in ihrer natürlichen Diskretion eines der sympathischsten
Fürstenhäuser der Welt. Daß er aber auch nicht eine einzige ihrer typischen
Eigenschaften besaß, sondern durch eine sture Haltung während des Krieges,
sowohl in der elsaß-lothringischen, wie in allen politischen Fragen statt
vermittelnd zu wirken, überall nur Unheil anrichtete, flößte die geradezu
unwiderstehliche Abneigung für ihn ein.
Plötzlich blieben Briefe und Zeitungen ganz aus, und die Spannung wurde
unerträglich. Es wehte eine scharfe Bise, doch ich fuhr nach Villeneuve.
Vielleicht hatten Glasenfrosts etwas gehört. Sie waren von den rührend
beseelten Manifesten Eisners sehr eingenommen, und wirklich hatte man in
diesen Tagen die Illusion, am Anfange einer besseren Zeit zu stehen, ob es
sich auch nur um eine einzige, schnell aufgehaltene Stunde handeln sollte.
Und nicht einmal ihr ließ man Zeit. »Man verlange von uns nicht,« beeilte
sich die die Politik Clemenceaus vertretende Freie Zeitung zu schreiben,
»daß wir uns mit dieser Sache da, genannt deutsche Revolution, ernstlich
befassen.« Und man eiferte um die Wette, sie zu »dieser Sache da« zu
machen. Sie hatte es schwer, alle Konjunkturen dafür um so leichter. Schon
war sie wie eine Decke, um deren Enden sich die Schuldigen, die Unlauteren,
die Banditen rissen, und alle Karrierejäger gerieten wieder ins Laufen. Wer
hätte gedacht, daß alle die dienstbeflissenen jungen Herren, die mit
umgeschnallter Seitentasche so flink und so stramm ins Hauptquartier
Meldungen überbrachten und entgegennahmen, überglücklich, bis zu Ludendorff
in Person vordringen zu dürfen, daß sie im Grunde ihres Herzens solche
Feinde des Systems und so demokratisch waren? Nie sah die Welt ein vom
alten Regime so gut besuchtes nouveau régime!
Suchte man im eigenen Garten das scheue Pflänzchen, das mitten im Sturme
Morgenluft witterte, von allen Seiten an beliebige Stakete zu biegen, und
sah es das Ausland mit begreiflichem Mißtrauen keimen, so erfuhr man in der
Schweiz infolge des gerade in diesen Tagen einsetzenden Generalstreikes
überhaupt nichts davon: er stand allein im Vordergrund und beschäftigte
alle Gemüter. So wurde hier, gerade in ihrer kurzen Glanzzeit, die deutsche
Revolution unterschlagen.
In jenen aufregenden Wochen kam ich wieder mit Romain Rolland zusammen.
Mehr als je zeigte er sich jetzt als der Mann ohne Illusion, was Wilson, ob
er auch dessen guten Willen nicht in Frage stellte, und was die Entwicklung
der Dinge betraf. Ich fand ihn viel zu skeptisch.
Im selben Hotel, wie Glasenfrosts und Rolland, wohnte auch eine Schweizer
Familie, die sich sehr für ihn interessierte, durch seine große
Zurückhaltung aber in Schach gehalten fühlte. Eines Mittags, da ich bei ihr
zu Gaste war, bat ich ihn, ein übriges zu tun, und sich zu uns zu gesellen.
Ich sehe ihn so deutlich vor mir, wie er an jenem Tage, seine alte Mutter
am Arme führend, in seiner ruhigen und ein wenig geheimnisvollen Art zu uns
stieß. Das Gespräch drehte sich natürlich um den Generalstreik und dann um
den Bolschewismus; für die Westschweiz hätte man zum Glück ein treffendes
Agitationsmittel gegen ihn, da er deutscher Import sei. Rolland schwieg.
»Der hat der Welt gerade noch gefehlt«, sagte ich, und sah einladend zu ihm
hinüber, damit er sich äußere. Vergebens. Er erwiderte nur auf direkte
Anfragen und ohne eine Meinung abzugeben. So sprachen halt in Gottes Namen
nur wir. Ich ging dann zu Glasenfrosts hinüber und schilderte das
mißglückte Beisammensein, bei dem ich zuletzt als verzweifelte Wortführerin
die Grippe, die Witterung und endlich die Tatsache erörtert hatte, daß jede
Stadt, ja jeder Ort ein anderes Modell für seine Leichenwagen besäße. Aber
auch diese originelle Wendung fiel unter den Tisch.
Es hatten Regenschauer eingesetzt, und Glasenfrosts hielten mich noch eine
Weile zurück. Wir waren uns in diesen Tagen noch sehr einig, und er hielt
sich bereit, nach München zu fahren und Eisner bei Seite zu stehen.
Vielleicht hatte doch die Geburtsstunde des tausendjährigen Reiches
geschlagen, und die Gefallenen waren nicht umsonst an seiner Schwelle
geblieben. Waren sie nicht schon ein einziges Heer?
Aber Rollands rätselhafte Haltung ließ mir keine Ruh, und als ich endlich
aufbrach und die langen, klosterähnlichen Gänge des Hotels entlangging,
machte ich plötzlich kehrt und klopfte, ohne mich zu besinnen, an seine
Türe. Es war ein kleines Durchgangszimmer, mit einem bescheidenen Pianino,
auf dem sich Musikalien häuften. Rolland stand in Hut und Mantel, im
Begriffe auszugehen, und sah mich erstaunt an. »Es tut mir sehr leid,«
sagte ich, »Sie so zu überfallen. Aber ich möchte wissen, was Sie
eigentlich denken. Sie schweigen sich aus, Sie lächeln ein wenig hämisch,
und das ist alles. Wer soll da klug daraus werden? -- Ich frage Sie nicht
aus Neugier.«
Rolland legte seinen Hut auf das Klavier.
»Sie sind so ahnungslos,« sagte er, »Sie wissen so wenig, was sich
bereitet.«
»Aber doch nicht der Bolschewismus«, rief ich. »Das ist doch nicht Ihr
Ernst! Und Sie sind doch kein Bolschewik.«
»Nein,« sagte er, »aber ich habe nicht Ihre summarische Auffassung des
Problems.«
»Das neuerwachte Deutschland«, sagte ich, »wird die Welt davor retten.«
Rollands Züge nahmen einen müden Ausdruck an.
»Ich bin voll guten Mutes«, fuhr ich fort. »Haben Sie die letzten Aufrufe
gelesen? Diese Absage an jegliche Gewalt? Eine neue Ära hat ihren Anfang
genommen. Wir haben unseren Militarismus zum Teufel gejagt. Endlich schlägt
die Stunde, wo man sich angesichts eines wahren, befreiten und
sympathischen Deutschlands auch seiner unsäglichen Leiden entsinnen wird.«
»Kommen Sie,« lächelte Rolland, »welches Interesse haben heute die Sieger
an einem sympathischen Deutschland?«
»Aber nicht nur die Sieger«, versicherte ich. »Die ganze Welt hat ein
Interesse daran, daß die deutsche Revolution aus den Verirrungen der
französischen wie der russischen lerne und endlich jene vorbildliche und
maßvolle sei, welche die Menschheit ihrem Glücke näherbringt. Und alle
Anzeichen sprechen dafür: Hören Sie doch, mit welch reinen Glockentönen sie
sich kündet. Oh sie wird schön!« Rolland lächelte nicht mehr. »Sie wird
furchtbar!« sagte er. »Morgen schon wird Eisner sich überrannt sehen und
seine Gegner zu beiden Seiten haben. Der Bolschewismus ist in Rußland nicht
nur durch die Stoßkraft der Linken, sondern mehr noch durch den Gegendruck
der Rechten das geworden, was er heute ist. Man kann die Deutschen nicht
genug verwarnen. Wenn auch bei ihnen die Reaktion eine Bewegung zu
unterdrücken unternimmt, die wie ein ausgetretener Strom heranbricht, so
werden sie ganz ähnliche Zustände herbeiführen. Es ist absurd, seiner
elementaren Gewalt morsche Dämme entgegenzustellen, statt sich seinem Lauf
anzupassen, und was er lebendiges heranträgt, zu vertreten. Unsere
Gesellschaft hat ihre Berechtigung gehabt, aber sie hat versagt, und ihre
Zeit ist um. Mögen wir es noch so sehr bedauern, mag viel Schönes mit ihr
untergehen, die Reihe ist nicht mehr an uns, sondern an den anderen. Nichts
kann diese Tatsache aus der Welt schaffen. Wir müssen uns zu ihr stellen.«
»Sollen wir denn alle Holzhacker werden?« fragte ich betreten.
»Der Typ des Literaten,« entgegnete Rolland, »dem wir seit einigen
Dezennien so vielfach begegnen, wird jedenfalls verschwinden, und ich weine
ihm nicht nach. Ein Gespräch mit nach Bildung strebenden Handwerkern ist
mir heute schon viel genußreicher und interessanter. Was der Literat mir
sagen wird, weiß ich von vornherein.«
»Mein Gott,« seufzte ich, »es pflegen nicht einmal die Könige freiwillig
abzutreten, viel weniger ganze Kasten. Sie werden den Kampf aufnehmen und
uns eine blutige Morgenröte bescheren. Was ist zu hoffen?«
»Nichts für die Gegenwart, sie ist zu korrupt«, sagte er. »Aber alles für
die Zukunft. Ich bin kein Pessimist.«
Rollands Worte, die ich auf dem Heimweg überdachte, waren viel
reichhaltiger und prägnanter, als ich sie hier aus dem Gedächtnis
wiedergebe. Wenn aber eine neue Klasse zur Herrschaft gelangte, würde sie
weniger versagen, als alle anderen, und war anzunehmen, daß ohne furchtbare
Erschütterungen die frühere Gewalt sich von der neuen aus dem Sattel heben
ließe und etwa mit Rolland eingestehen würde, »ihre Zeit sei um?«
Meine Eindrücke von St. Moritz schwebten mir vor, und ich dachte an
Hermione, wie edel sie war. Aber war nicht alles erlesene prozentual? Was
also stand von den Massen zu gewärtigen? Die Macht selbst mußte
abwirtschaften und sich auf neuer Basis konsolidieren. War nicht allem
Anschein nach die Ära der schlechten Päpste geschlossen, weil sie
verhältnismäßig machtlos geworden waren? Anderseits hätte der Papst die
Rolle Wilsons mit mehr Glück, mehr Einblick in die europäischen
Verhältnisse übernehmen können, wäre er so mächtig gewesen wie er. Macht
also war und blieb die Losung. Eine Macht jedoch, die keine Lockung dem
Gemeinen böte, ganz auf Erprobung ihrer Träger begründet, ohne Vorteile für
ihn, ohne Befriedigung des Ehrgeizes, anonym vielmehr, Verzicht und
Selbstentäußerung bedingend, als Stein des Weisen der Weise selbst. Oh
Zarastro, Herr der weltabgewandten, namenlosen Gewalt!
Schwer und langwierig, immer wieder aufgehalten und die Anspannung von
Generationen erfordernd, aber nicht unmöglicher als die endlich geglückte
Beherrschung der Luft, wäre die gleichsam auf immer luftigeren Pfeilern
emporgehobene, in sich selbst beruhende Macht.
Ich ging, vom Winde förmlich vorangetragen, den Weg nach Montreux. Die
Wellen zogen in finsteren Reihen zum Angriff, und war dort nicht die Weide
von Territet, sie, die im Frühling in den Schleiern ihres jungen Grüns vor
Entzücken über sich selbst zerfloß? Nun aber schlug der See mit großem
Getöse bis zu ihnen auf, die müde niederhingen bis zu ihm; Und dort hinter
seinem Gatter hatte angesichts der Ufer ein Tulpenbeet geblüht. Die
stillsten aller Blumen standen dort so sanft und so gerade! oh Weide von
Territet! Oh stille Tulpen, mit denen ich gewesen war! Was blieb ich am
Gitter hängen, die Hände an die Schläfen gepreßt, der Knecht mit dem Talent
des einzigen Gedankens? Törichte Hoffnungen hatten mich schon wieder
hingerissen, denn der Winter unserer Leiden stand noch aus. Der Stein aber,
mit dem ich mich schleppe, zermalmt mir das Hirn. Wer legt das Fundament
des sich immer schroffer nach innen ziehenden Baues, mit den immer
abweisender sich schließenden immer geheimeren Pforten, durch keine andere
Gewalt zu sprengen, als jene, welche der Himmel leidet.
Die Theorie einer immer strengeren Auslese -- der Natur selber entnommen
--, weit entfernt, eine hochfahrende zu sein, ist ja die demütigste der
Welt. Keine führt so tief in unser Inneres hinab, um aufs neue dasselbe
Schauspiel wie nach außen zu enthüllen. Denn hier sieht sich der Berufene
noch einmal einem ganz ähnlichen Kampfe überwiesen. Wie unbegreiflich sind
oft seine Schwächen! ebensovielen untergeordneten Wesen vergleichbar sind
sie gegen ihn in Aufruhr und sind beständig die Schlingen gelegt. Daß der
Gerechte siebenmal des Tages fällt, konnte nur ein Gerechter äußern. Zwar
ist sein Merkmal, sich immer wieder aufzurichten und einzuholen. Aber jedes
versagen läßt an Boden verlieren, die Gelegenheiten sind gezählt, und eines
Tages ist man hinter sich zurückgeblieben. Keiner ist auserwählt, der sich
nicht durch eigene Kraft dazu vermochte. Berufener und Auserwählter, wie
gefährdet sind beide! Denn so manchen, der seinen behielt, stürzte ein
Laster von seiner Höhe.
* * * * *
Und nun kam ein Tag, an dem Montreux, bunt wie ein Jahrmarkt, den tollsten
Anblick bot, seitdem es stand. Alle Länder der Erde -- bis auf die paar
niedergerungenen -- beflaggten das Ende des Krieges. Und nicht nur an den
Dächern und von den Fenstern, den Mauern und Toren, sogar an den Menschen
selbst schlugen Fahnen hin und her; von den Jacken, den Hüten, ja den
Händen der Kinder zogen Fähnchen auf. Schon sprangen die internierten
Offiziere mit sehr deutlicher Siegermiene (kannte man die nicht von Potsdam
her?) von den Autos ab. Es war ein allgemeiner Jubel, von Hohn und
Verwünschungen untermischt. Wer diesen Tag hier erleben mußte, der
erwartete nichts. Dem kündete sich der Geist des Friedens von Versailles
und Saint Germain. Das jubelnde Gewoge, die Saturnalien von Fahnen raubte
mir die Fassung. Ich lief meinen hervorbrechenden Tränen davon, die Häuser
entlang, am Bureau des Hotels vorbei, in mein Zimmer hinauf, wo ich mir den
Schleier vom Gesicht riß: ein Klageweib! -- Prophetin meines eigenen
Schicksals, als ich zu Anfang dieses Krieges schrieb: »Leute wie wir,
werden am Tage des Sieges sich verkriechen müssen, denn immer wird es
Jerusalem und seine Kinder sein, um die wir weinen werden.«
Die Hungerblockade blieb von den Siegern, die für Recht und Menschlichkeit
gekämpft hatten, über den erdrückten Gegner, auch nach Einstellung der
Feindseligkeiten, verhängt. Und es lag, wie Rolland mir vorhergesagt hatte,
nicht im Interesse der Sieger, die edle und gepeinigte Opposition in
Deutschland zu stützen. Eine unsympathische Regierung als Aushängeschild
des deutschen Volkes aufrechtzuerhalten, gehörte vielmehr zu den
strategischen Notwendigkeiten dieses Winters der Friedenspräliminarien von
Versailles. Da ich kein Kriegsbuch schreibe, seien die nächsten Monate
überschlagen.
Während dieser Zeit fuhren die Militaristen aller Länder fort, sich wacker
in die Hände zu arbeiten, und über jede Härte und Unmenschlichkeit der
Alliierten triumphierten die Anstifter der Verwüstungen und Deportationen.
Denn so kam doch ihre Mühle wieder ins klappern, und das Wort von der
»erdolchten Front« schnupperte aushorchend in der Luft. Damals wurde ich
aufgefordert, so manchen ganz vergeblichen und würdelosen Appell zu
unterzeichnen, mit dem Hinweise, früher hätte ich zu protestieren gewußt,
jetzt, wo die Untaten von der andern Seite geschähen, schwiege ich mich
aus. Ich zog es aber vor, auch hier meine Kundgebung solo zu verfassen; sie
erschien in der Neuen Zürcher Zeitung.
Denn sie hatten ja recht: es galt zu sagen, daß diese ganze Welt
ununterschiedlich des Teufels war. Traurig stimmte es nur, daß all die
Mahnrufe und das viele Aufbegehren aus den Reihen derer stammten, die
vielfach kein Recht dazu besaßen, während sie schwiegen, die wirklich
Unschuldigen, abscheulich in Stich gelassenen, Betrogenen, die während des
Krieges auf Gefahr ihres Lebens ungenannt und langen Mutes vor Gottes
Angesicht das wahre Deutschtum vertraten.
In der Opposition entdeckten sie jetzt alle ihr Herz. Mit welch herrlichem
Gefühl und welch aufrichtendem Stolze stand Heinrich Mann der Republik zu
Pate! dort riß nicht ein einziger aus; bei dem vielverfolgten Lichnowsky,
laut des Friedensvertrages tschechisch gewordenen Magnaten, angefangen, der
sich als Deutscher erklärte; was ich wirklich nicht erwähnen würde, hätten
nicht so viele Patrioten aus ihren Papieren fremdländische Patente
herausgeklügelt und sich mit einem Male als Schweden, Schweizer, Holländer,
sogar als Engländer präsentiert. Die beste Illustration für den
Nationalismus, die es geben kann.
Jenes Wort, welches mir seinerzeit so verübelt wurde, daß es Boches in
jedem Lande gäbe, sollte sich übrigens nur zu sehr bewahrheiten. Jeder
Militarist, gleichviel welcher Staatsangehörigkeit, ist ein Boche. Und wenn
er Schimpanse zu Aufsehern eines Volkes bestellte, das der Welt einen
Grünwald geschenkt hat, so wäre er eben ein Boche; jener Grünwald aber, ob
er sich ihn noch so oft holte, ei, der bleibt deutsch.
Als ich um die Blütezeit zum ersten Male wieder das deutsche Ufer des
Bodensees sah, war ich von der Pracht seiner Bäume bewegt. Diese wenigstens
konnten dem armen und geschlagenen Lande nicht genommen werden. -- Und
diese eben hatte es dem andern mit großer Genugtuung meilenweit abgehackt.
Es ist ja das typische Merkmal des Militaristen, zu glauben, daß er den
andern trifft, wo er sich selber entehrt.