schon eingelaufen. Fortunio und der Redakteur der Humanité standen auf dem
Perron. Ich reichte ihnen das Blatt, das mir unter Kreuzband zugeschickt
worden war, und wollte etwas dazu bemerken, es stellte sich jedoch heraus,
daß meine Stimme zwischen Locarno und Bellinzona hängengeblieben war. Hatte
die Luft sich abgekühlt? Wie Fanfaren drang das Blau durch die dunstigen
Wolken. Dicht vor dem Platz am Fenster, den Fortunio mir gesichert hatte,
zogen jetzt die grauen Riesenwände des Gotthard vorüber, durchstrichen von
zahllosen Wildbächen, die aus ihren unversiegbaren Gründen senkrecht im
hellen Jubel herabschossen. Es war ein Hals über Kopf sich überstürzendes
Geglitzer. Ich behielt sie im Auge, diese Flüsse, einen nach dem andern,
und zählte sie. Wie eine Rettung war's, als die table d'hôte ausgerufen
wurde und alles in den Speisewagen ging, Fortunio ganz besonders und der
Redakteur. Der Wunsch, allein zu bleiben, brannte wie ein Durst. Welchen
Auges mag der Hirsch das Laub, das sein Geweih vom Aste schlägt, das Tal,
die Tiefe einbegreifen, bevor er sich getroffen weiß? Wir wissen nicht, wie
seine Welt da vor ihm aufleuchtet. -- Was für ein selbstherrliches Ding ist
doch das Herz! Du rufst ihm zu, und es vernimmt kein Wort, als gehörte es
sich selber und nicht dir.
Verstrickte und sich selbst widerstreitende Liebesgefühle haben ihre
eigentümlichen Reflexbewegungen wie Zerreißungen und Wunden. Ich hatte mich
getäuscht: der Angriff in der französischen Zeitung war mir nicht egal. Und
wie aber hätte die Erbitterung zwischen den Zeilen mich nicht bewegt?
Zwischen den Erbfeinden des Abendlandes stand in Wahrheit reinste und
einzigste Erotik am Spiel. Was hier von jeher, was von neuem auf
Menschenalter zertreten wurde, war der Keim aller Verjüngung und Erneuerung
eines Kontinents, die Blume aller Allianzen. Alle andern sind unfruchtbare
Bündnisse dagegen, Geschwisterehen. Sagt mir nicht, daß es anders sei. Ich
weiß es besser.
Ach! Grund genug, wenn es jetzt den Augen unaufhaltsam entströmte wie über
die grauen Furchen der Gotthardfelsen. Oh! und nichts von bayrischem
Gebirg! Was sich da drüben hinter Schleiern spiegelte, das war Paris am
lauen Septembertag, der eigenen Erfüllung hingegeben, und einem Himmel, der
keine andere Stadt so überhing wie sie. War sie nicht meine eigenste
Heimat? War sie nicht die unerreichbarste Geliebte? War sie nicht eine
Göttin? Oh mein beraubtes Herz! Jedes Bild, jede Erinnerung an sie zerriß
es neu.
* * * * *
Abends in Bern, wo inzwischen auch der Frühling gekommen, sozusagen
ausgebrochen ist, leidenschaftlich abgetrotzt wie etwas, das sich
keineswegs von selbst versteht wie im Süden. Ich liebe im Norden nur den
Sommer.
4. MAI. Abigail stattete mir eine richtige Sympathievisite ab. Es fehlte
nur der Zylinder. Dieser neue Ziegelstein auf mein Dach dünkt ihm
entschieden de trop. »Erklären Sie mir nur,« sage, ich, »liegt denn eine
solche Ungerechtigkeit in eurem Interesse?« »Wir fragen heute nicht nach
Gerechtigkeit«, erwidert er. »Wir verlangen alles oder nichts, Sie bieten
uns die Hälfte, das ist zu wenig.«
»Sie vergessen, daß ich Deutschland liebe.«
»Es sind Gefühle, die wir zu wenig teilen, als daß sie uns interessieren
könnten«, erwiderte er steif.
Wir sprachen dann von anderen Dingen.
6. MAI. Besuch von Frau Karfunkel. Sie fragt mich, ob ich eine
Revolutionärin sei, und ich bin im Augenblick zu müde, es zu wissen. Das
Wort »gekrönte Republik« fällt mir ein, das kürzlich vor mir gefallen war.
Mochte es herhalten. »Eine gekrönte Republik«, sage ich und gähne.
Daß Frau Karfunkel mich kaum kannte, hinderte sie nicht, mir jetzt eine
jener Szenen zu machen, die man wie ein Unwetter über sich ergehen läßt.
Die Worte wie krasse Ignoranz gehörten zu den mildesten, die sie mir
vorsetzte. Sollte ich ihr sagen, warum? ihr bekennen, in welchen Gedanken
sie mich unterbrochen hatte? ihr den Grund jener mangelhaften Kenntnis
eingestehen, die sie so richtig erraten hatte?
Welchen Kriegsbericht hatte ich zu Ende gelesen? Von welcher Phase des
Krieges mir auch nur einigermaßen ein Bild gemacht? Über die erdrückende
Tatsache, daß er herrschte und kein Friede kommen konnte, sah ich nicht
hinaus. Für seinen Verlauf, seine Geschichte blieb mein Interesse ungefähr.
Was wollte die Frau bei mir?
Sie hatte mich aus der Arbeit gerissen, und ich war froh um die
Unterbrechung gewesen; so mühselig war die Pein, daß ihr Stigma sich den
Schläfen aufdrückt, und daß sie einsinken wie zermürbt. Oder gleicht eine
geistige Not der immerwährenden Welle vielleicht und die Schläfen dem
Stein, der von ihr zernagt und bearbeitet wird? Von den Dingen selbst ist
mein Verständnis so karg! Der Kommentar zu ihnen ist meine Sparte: ihn
stets von neuem, zergliederter, ausgreifender zu formulieren, ist der
Stachel, der mir keine Ruhe läßt, meine Einzelhaft mitten im Leben. Denn
über die Vielfältigkeit unserer Wege hin, sehe ich die Einfältigkeit der
Gefahr; die ewig selbe Fratze, die jeder edlen Bestrebung wie eine
verruchte Karikatur noch immer auf dem Fuße folgte. So schmal, schwankend
und immerzu gefährdet zieht unser Weg empor! Aber naiver als ein Soldat,
der mitten im Treffen nicht weiß, wo er steht, führte der Mensch bisher
seinen Kampf. Auch ihn trafen die Geschosse, ohne daß er sah, aus welchem
Hinterhalt sie stammten, und von der unheimlichen Geschäftigkeit, mit
welcher in den Niederungen sein Verderben betrieben wurde, merkte er nur
das Resultat. Unermüdlich und nahezu ungestört dürfen die Untermenschen,
von Herrschsucht besessen, in der Familie, dem Staat, der Gemeinde, der
Partei ihre zersetzende Arbeit verrichten. Aus Tausenden von Schlagwörtern
sind ihre Netze gewoben, der ganze ungeheure Nationalitätenschwindel hält
seit Jahrhunderten den Zusammenschluß der Vollwertigen auf. Notsignale zu
geben, bin ich hier. Unvernommen? Gleichviel! Ohnmächtig wie im Traum
hinauszurufen: Richtet Wälle auf! Seht euch vor! Achtet der Stufen! Schützt
eure Häuser! Mit unschuldiger Miene, ja mit dem Antlitz eines Engels
vielleicht, kauert das Unheil an euerm Herd. Oh Brüder, Freunde, nehmt es
nicht in eure Arme, wie ihr den Fuß nicht auf die sanft beschneite Stelle
setzt, ihr hättet sie zuvor geprüft.
»Ich glaube,« schreibt René Schickele, »daß der Sozialismus kommen muß mit
einer großen, tiefen Flut von Licht, die alle Menschen durchdringt.«
Und ich sehe, wie emsig die Schatten sich sammeln, welche danach dürsten,
dies Licht zu verschlingen.
8. MAI. Abigail klopft wieder an meine Türe. Er trägt sein breitestes
Lächeln, reicht mir die Münchner Zeitungen und lacht noch stärker. Sie
enthalten meinen Protest in der Telramundschen Übertragung, wahrscheinlich
von ihm selbst eingesandt.
»Und das sind die Leute, mit welchen Ihr Euch einlaßt«, brach ich aus. »Ihr
seid mir schöne Richter!«
Doch Abigail war in einer nicht zu verderbenden Laune. »Einigen wir uns,«
sagte er, »mag er denn Telramund heißen, unter einer Bedingung, verlangen
Sie nicht, daß wir Sie Elsa nennen.«
Die »Pressestimmen« ließ er mir zum Geschenk. Ich las u. a., daß ich »ein
hysterisches Weib von abgrundtiefer Gemeinheit sei«.
9. MAI. Beim bayrischen Gesandten; er kannte mich von Kind auf. Er empfing
mich. Aber der Verwirrtere, der Trostbedürftigere schien durchaus er. Es
war bei ihm wie bei den Hähnen der modernen Waschtische, die gleichzeitig
heißes und kaltes Wasser ausströmen: zwei Sprachen wie zwei Denkungsarten
entflossen da immer zugleich: seine eigene und die anbefohlene.
»Vous êtes déshonorée!« jammerte er.
»So schlimm ist es nicht«, redete ich ihm zu. »Kommen Sie, lassen Sie Gras
wachsen über die Geschichte.«
»Gras? Da wächst kein Gras. Je vous supplie ne rentrez pas en Allemagne; on
vous jettera dans les fers; je ne pourrai rien faire pour vous. Bleiben Sie
um Gottes willen da.«
»Ich bleibe schon da.«
»Ja, bleiben Sie da. Was wollen Sie in München? Es ist ja alles verpreußt.
Diese entsetzlichen Preußen haben uns ja alle aufgefressen. Ich bin der
letzte Bayer.«
»Ich auch.«
»Sie sind gar nichts. Vous êtes une criminelle. Ce n'est pas moi, qui vous
condamnerai, je suis votre ami. Vous êtes une criminelle«, unterbrach er
sich laut. »Oh, so viel Phantasie zu haben und so wenig Verstand! Sie sind
erledigt. Wir sind gefressen.«
Damit entließ er mich.
Daß dem alten Herrn der Krieg so über den Kopf wuchs, machte ihn mir nur
sympathisch. Es wäre jedoch hartherzig gewesen, ihn praktisch in Anspruch
zu nehmen. Ich hatte es gar nicht versucht.
MITTE MAI. Gerade in diesen Tagen lud mich Frau v. Schreckenburg, ohne mich
zu kennen, zu sich ein. Engländerin von Geburt, trug sie dabei den
gefürchtetsten deutschen Namen. Ihr Mann, von dem die Franzosen sagten:
»Heureusement qu'il n'en a pas l'air«, und die Engländer: »He is worth a
better name«, stand an der Spitze der Gefangenenfürsorge. Durch seinen
unzeitgemäßen Mangel jeglichen Strebertums fiel er gänzlich aus dem Rahmen.
Still, unermüdlich und geschickt verrichtete er sein humanitäres Werk.
Es nahte Felix Mottls Todestag. Ich wollte die Münchner erinnern, daß ich
es nicht von ihnen verdiente, unvernommen und mit Knüppeln vor das Stadttor
gewiesen zu werden, denn ich habe sie einmal vor einer großen Weltblamage
bewahrt. Einige Redakteure waren damals meinetwegen geflogen, und ich hatte
gesiegt. Waren solche Reminiszenzen angetan, den Herrn Chefredakteur zu
rühren? Er sandte mir meine Eingabe, obwohl durch Schreckenburg
übermittelt, mit dem Vermerk zurück, daß er sich für die Beiträge einer
Hochverräterin heute wie fernerhin bedanke.
An jenem Abend ging ich lange die beiden Brücken auf und nieder. Die
Jungfrau hatte eine Schärpe übergeworfen. Ein kalter Wind trieb von den
Gletschern herüber. Ich ging und ging. Es war wieder bei Fortunio viel von
einem Zusammenschluß der Geistigen gesprochen worden, und wieder ließ
keiner das Ausschließen seine Sorge sein. Was aber ging aus dem ungeheuren
Trugwerk dieses Krieges hervor, wenn nicht der vollendete und riesenhafte
Triumph des Sklaven über den Freien, wenn nicht die immer drohendere
Forderung, uns selbst jenes letzte Gericht erstehen zu lassen, von dem
geschrieben steht, daß es auf immer die Scheidung zwischen den Menschen,
die guten Willens sind und den anderen bestimmen soll? Ja, nicht die große
Einigung, den großen Bruch gilt es zuerst zustande zu bringen: die
herrische und heilige Offensive der menschenwürdigen Menschen, gegen jene
»Untermenschen«, welche Villiers de l'lle Adam als erster mit so großem
Nachdruck kennzeichnete. Erst gilt es, jenen allzulange geduldeten
Elementen das Stimmrecht zu entreißen. Sahen wir nicht alle großen und
bahnbrechenden Ideen in Verwirrung ausarten, das Christentum selbst unter
die Räder geraten und eine Sache um so sicherer verderben, je edler sie
war, weil Unzulänglichkeit und Niedertracht das große Wort zu führen in der
Lage sind; Solange diese Gattung ihre Gleichberechtigung behält, hat die
Menschheit nichts zu hoffen. Sie wird wie ein Kranker sein, der sein Übel
zu betäuben sucht, indem er sich auf seinem Schmerzenslager dreht und
wendet, oder hochaufgerichtet nach Atem ringt, um doch nur eine
illusorische Erleichterung zu finden. Sie wird alle Regierungsformen, eine
nach der andern, erproben, und ob sie auch ihre Könige gegen Republiken
eintauscht -- es werden doch nur falsche Republiken sein, und auch die
Anarchie wird sich als nichts anderes herausstellen als einen Mißbrauch der
Macht.
Und wie könnte die einzig wirkliche Freiheit entstehen, wenn nicht durch
die Knechtung desjenigen Pöbels, der allerorts alle Klassen, von den
höchsten bis zu den sogenannten niedrigsten verheert. Hierarchien aber sind
es ja gerade -- weniger rudimentär und kindisch nur als diejenigen, welche
man sich aufoktroyieren ließ -- Hierarchien aber sind es, die auf neuer und
gerechtfertigter Basis zu errichten sind: geben wir uns keinen Täuschungen
hin: die Klasse der Könige, der Fürsten und Herren, ja der ganze Troß der
kleinen Gentry sogar, er ist vorhanden (nur so anders!), und alle wahren
Adelsbriefe, die sich in unendlichen Fluktuationen aus der menschlichen
Würde ergeben, existieren auch. In allen Kreisen aber und durch alle Zeiten
hindurch wurde die wahre Elite gepeinigt, geopfert oder zur Ohnmacht
verdammt, weil urteilslose oder niedriggesinnte Elemente, die sich weder in
Gleichheit, noch in Brüderlichkeit zu ihr verhalten, dasselbe Stimmrecht
genießen.
Man rede mir also nicht von Zusammenschlüssen, sondern vorerst von neuen
Gesetzbüchern und neuen Statuten. Auf einen treibenden Sumpf, einer Welt
wie sie ist, Ringmauern aufzurichten, daran glaube ich nicht. Wozu führte
der vielgehegte voto pietoso Deutschland und Frankreich zu einigen? Statt
der stolzesten aller Galleonen ein Wrack, beiden nahezu unnennbar geworden.
Dieses Wrack ist mein eigenster Boden, ich verlasse ihn nicht. Die paar
Einsichten aber, die mich sehr bestimmte Erfahrungen lehrten mit der
Persistenz des Marktschreiers zu verkünden, ist mein Beruf.
Ich lehnte über der Brücke von Kirchenfeld. Hat die Nacht ihre eigene
Helle, daß sie uns die Dinge mit größerer Schärfe zeigt? Sie deckte jetzt
den Fluß, der unten den Bergen zurauschte. Von den Häusern in der Tiefe, so
eng geschart, fast ein Gerümpel, auf zartesten Säulenarkaden gehoben, und
wie edel! leuchteten jetzt munter die tagsüber so verschlossenen Fenster.
Wie wenig löste schließlich und endlich unsere zufällige Existenz von
unserem wirklichen Wesen aus! Vielleicht war sie nur eine Jahreszeit
unseres weitverästeten Seins. Wozu sich alterieren, redete ich mir zu, wozu
die Hast, wozu die Ungeduld? -- Es wurde zuletzt ein Spazieren mit der
Nacht, statt in die Nacht hinein, und ich war um eine größere Fassung,
etwas mehr Gleichgültigkeit für meine persönlichen Geschicke aus allen
Kräften bemüht.
Zweiter Teil.
Sie sah bezaubernd aus; ihre Achseln schienen der Ansatz zu Flügeln, und da
sie sozusagen zwischen zwei Fingern hochzuheben war, nannten wir sie mit
Fortunio das Zirkuspferdchen oder der Seidenaff. Wenn sie ernst zu sein
wünschte, waren wir grausam genug, sie auszulachen, doch nicht, um sie zu
verspotten, sondern weil ihr alles so gut stand. Ihr Gatte war San
Cividale, der Longobarde, wir hatten uns angefreundet, und es wurde ein
richtiger Anschluß.
Von den Ärzten ins Bad geschickt, depeschierte mir der Seidenaff aus
Rheinfelden, und nie kam eine Einladung gerufener. Ich suchte einen Mieter
für meine Zimmer und hatte ihn schnell. Bern war mir verleidet, ich hatte
dort vieles zu vergessen, Geldsorgen besaß ich auch. Nur die
Mozartaufführungen, welche unter Richard Straußens Leitung bevorstanden,
wartete ich noch ab. Sein schöpferisches Erschöpfen eines Werkes ist
sicherlich ein neues und interessantes Moment in der Kunst des Dirigierens.
Einem Don Juan, der ein großer Erfolg war, folgte jedoch eine Zauberflöte,
welche einige Kritik hervorrief; mich entzückte letztere weit mehr, so
zwar, daß sie einem ersten Eindruck gleichkam. Strauß hatte eine Pamina
mitgebracht, welche gesanglich und darstellerisch und durch eine merkwürdig
schöne Erscheinung der Partie so wohl entsprach, daß Symbolik wie Illusion
des Fabelreiches durchweg bestanden, bis der Vorhang vor dieser besseren
und geordneteren Welt endgültig fiel. Was bedeuteten Regiestörungen (tags
darauf hieß es, sie sei einem Engländer zu danken, der sich zu diesem Zweck
als Maschinist für den Abend verdingte) vor dem unvergleichlich hohen
Niveau dieser Vorstellung?
Am lautesten wurde am Schluß von jener Sorte Deutscher Beifall gespendet,
welche ihren schimpflichen Spitznamen so recht aus dem vollen verdienten.
Diese wandelnden Erreger des Deutschenhasses gingen mit dem deutlichen
Gepräge von Leuten einher, welche zwar rechneten und berechneten, aber
nicht mehr dachten, dafür seit einer Generation zuviel gegessen hatten. Sie
waren die Regisseure und Leugner des großen Kindersterbens, das jetzt in
ihrem Lande hinter den Kulissen um sich griff, und Scharen Deutscher,
würdig dieses Namens und liebenswert, gingen um jener Boches willen
zugrunde. Doppelt verrucht erschienen sie im Lichte der eben erfolgten
herrlichen Darbietung. Ich ersticke! sagte ich zu Fortunio, denn ein Knäuel
dieser wohlbestallten Patrioten schlenkerte vor uns über den Platz. Auch im
Dunkeln sah man ihnen an, daß sie jetzt schmausen gingen.
* * * * *
Rheinfelden.
21. JUNI. Mußte da dicht vor meinem Fenster hochgewölbt der Rhein
vorüberrauschen? Eine Brücke mit Schilderhäuschen in der Mitte legt schon
im Badischen an; freudlos, wie mit erblindeten Scheiben, sehen von dort die
Häuser herüber.
Heiterer war der Park. Wir lagen in Korbstühlen und schwatzten. Doch
Erinnerungen kamen nicht zur Ruhe. Aufgescheuchten Vögeln gleich schwirrten
sie hierher und dorthin und kehrten zurück . . . Der Sommer war im Land.
Das Schlößchen der schönen Marguerite, das selbst mitten im Kriege
Zauberkreise zog, wartete unser, und die Schwalben nisteten längst im
flachen Strohhut, der in der Halle von der Decke hing. Jetzt standen auch
ihre Koffer gepackt; . . . es türmten sich wohlgefaltet ihre schönen
Kleider . . . Die Unrast der Verbannten trieb mich aus dem Park ins
Städtchen hinunter, wo von der viereckigen Plattform des Turmes aus die
Störche ins Blaue steuerten. Was gab es schöneres wie ihren Flug? Klein
erschien mir die Schweiz. Wie ein herrlicher, aber für mich nach allen
Seiten hin verbarrikadierter Garten. Ich ging den Weg zurück, der ganz
umwachsen unter Bäumen führt. Wer nicht wollte, brauchte weder Fluß noch
Land zu sehen. Im Hotel aber lag eine Depesche für mich. Ich floh entsetzt
auf mein Zimmer. Die Freundin war tot. Mochte das Schlößchen am Berg Tür
und Tor sperrangelweit offen halten und warten, solange es stand, ins Leere
starrte fortan sein breitschrötiges Türmchen. Sie zog die Straße nie mehr
herauf, kutschierte nie mehr aufmerksamen Auges ihr Wägelchen in den Wald.
Fort von Rheinfelden, dachte ich, nur fort!
Es traf sich, daß die Kur nahezu beendet war. Wir fuhren nach Wengen. Der
Seidenaff durfte nicht steigen, ich kletterte drauflos. Hier waren alle
Höhen zur Hand. Hinter der kleinen Scheidegg setzten sie von neuem ein. In
weiten Senkungen kreiste ein Tal. Ich saß in einer Nische aus Fels und
Gras, die Füße hingen ins Leere.
Plötzlich, wie auf einen geheimnisvollen Anruf, ein lauter Stoß, ein
Gegenruf des Herzens. Denn es hat ja Arme, ich sagte es schon, und Flügel,
schwerausgebreitete und leichte, es hat sein geheimnisvolles Dasein für
sich allein. Vom Tode weiß es so wenig wie wir, nur dies hat es erkundet:
daß, wenn er uns nicht austilgt, der Lebende dem Toten zu Anfang mehr sein
kann, als dieser ihm. Dann wäre unser Eingedenken der Halt vielleicht, an
dem er seine ersten Schritte geht, und unsere Trauer sein Gewand.
Es war für die Verstorbene ein Gedenkbuch geplant, und ich hatte
versprochen, mich daran zu beteiligen.
Mag es noch so mannigfache Welten geben, sicherlich gebietet über alle eine
einzige Natur, ein allmähliches Sprießen, eine Reife, von trüben Himmeln
die sie aufzuhalten scheinen nur gezeitigt. Vor allen Dingen aber jenes
letzte und sehr tragische Zurückbleiben des Erreichten hinter dem
Gewollten. Wie ein letzter Same, der sich wieder in die Erde senkt, um
einer nächsten Ernte zu gedeihen.
Ich schrieb auf meinem hohen Sitz angesichts des kelchartigen Tales mit den
sanftanschwellenden Rändern. Die Sonne war gestiegen. Wie ein zieres Band
umschlang ein Pfad den ganzen Berg und lockte mich unwiderstehlich in die
Höhe. So kam ich zu einem kleinen Gasthaus und stapfte dann auf die Spitze
des »Männlichen« hinauf. Dort fing sich der Wind und wehte kreuz und quer;
dann aber stürzte ein Steig, schmal wie ein Strich, so pfeilartig hinab,
daß man, von einem Taumel erfaßt, zu rennen anfing und zu fliegen
verlangte. Von dem Tempo erfaßt, das von hier oben gesehen, die Jungfrau
entfaltete, die mit mächtiger Schulter die ganze Kette der Alpen mit sich
riß. Unglaublich schnell griffen jetzt die Schatten in dem verströmenden
Gold dieses Tages um sich; schon profilierte sich diese oder jene
Bergeskante zu einem grotesken, dort zu einem erhabenen Riesenhaupt,
schlafend, offenen Mundes zurückgeworfen, oder wie entseelt mit
beschneiten, eingesunkenen Schläfen zur Seite gekehrt, die Luft darüber wie
ein unendliches Gewölbe.
Auch manche Felsenburg tat jetzt entbrannte Zacken auf; kurz, eine andere
Welt als die des Tages stand schon gerüstet. Plötzlich hielten mich
zwischen zwei scharf vorspringenden Felsen zahllose Schafe auf, die mächtig
wie ein Volk auf halber Höhe den Berg belagerten. Mit ihnen zog eine Anzahl
Widder, die innehielten, als sie mich kommen sahen, und mich aufmerksam,
wenn auch stolz, betrachteten. Nirgends ein Hirt zu sehen, als wären sie
die Führer. Ihre geschneckten Hörner abwartend mir zugekehrt, versperrten
sie den Weg. Um weiterzukommen, mußte ich halb quer hindurch, halb mit der
Herde laufen. Eine überwältigende Ruhe, ja ein Glück ging von ihr aus, daß
man, am liebsten auf vieren gestellt, eins mit ihr geworden wäre.
Der Weg nahm gar kein Ende. Meine Schuhe gingen in Stücke. Meine Füße waren
zerschunden. Schwer hinkend erreichte ich endlich das schon a giorno
beleuchtete Wengen. Aus der Halle des Hotels trat der Seidenaff im
Tuchbrokat von silberigem Weiß, hoch mit Zobel verbrämt. Doch der Jugend
kommt alles zugute; kostbare Gewänder unterstreichen sie nur. Die leichte
Gestalt wird durch den schweren Staat gehoben, nicht gedrückt. Lang und
gewichtig hing die Perlenschnur herab. Das Haar war braun. Gerade seinem
weichen Schimmer schmeichelte die Härte des diamantenen Reifs. In
Treibhäusern wird heute die gefüllte, immer gefülltere Nelke gezogen. Mit
solchen gefüllten Nelkenaugen, gut und klug, doch fern dem Ziele, blickte
der Seidenaff.
Tags darauf fuhren wir zu Tale, San Cividale, dem Longobarden entgegen.
Fortunios schrieben aus Beatenberg, wo ich mich denn herumtriebe, und fürs
erste blieb ich jetzt in Interlaken, um meinen Nachruf zu beenden. Da mir
keine Seele des Ortes bekannt war, verbrachte ich meine Tage ohne zu
sprechen, und schon lebte ich eingesponnen und wie unter Glas, als die
Lektüre eines Zeitungsartikels mich ganz aus der Stimmung riß. Es war ein
Aufruf von Andreas Latzko, der wesentlich aus Vorwürfen, und zwar sehr
berechtigten Vorwürfen an die Frauen bestand. Nun haben diese ja im Kriege
versagt und die härtesten Dinge zu hören verdient, doch nur ihnen selbst
kann es zustehen, sie zu äußern, dem Manne heute mit keinem Wort. Ihre
Unzulänglichkeiten sind sein Werk, von ihm gezüchtet und beabsichtigt,
selbst sein Überdruß an ihr war als Triumphgasse für seine Eitelkeit
gedacht, was er vollends ihre Ungleichheit nannte, war seine Politik. Wie
stark seine Krone zerzaust ist, ahnen beide noch nicht. Die »Penalty of the
war«, von der soviel die Rede ist, wird noch eine ganz andere sein, als man
im allgemeinen glaubt. Die Frau wird ihre Chance haben. Mag der Mann noch
auf Jahrhunderte das Überragende leisten, ihr Aufstieg wird sich
unaufhaltsam als eine Folgeerscheinung seines Bankrotts vollziehen. Bilder
schwebten mir vor . . . . war sie nicht schon im Begriff, mit jedem
Jahrgang schöner, individueller zu werden? Erhob sich ihre Gestalt nicht
freier, knabenhafter, mehr auf sich selbst gestellt, von Jahr zu Jahr?
Schlimmstenfalls konnte ihr Regime zu keinem ärgeren Chaos führen, als das,
welches wir unter der ausschließlichen Führerschaft der Männer und ihrer
Gesetzbücher erleben. Oh diese Gesetzbücher! Sie forderten, daß man vom Tag
eines Krieges an nurmehr mit seinem Vater verwandt sei.
In meiner Aufregung, meiner Bedrücktheit, lief ich in der Mittagshitze den
Brienzer See entlang, bis zur Erschöpfung. Und mit einem Male wurde mir das
Karthäuserschweigen viel zu viel; da zudem schwere Regentage einsetzten,
brach ich auf und fuhr nach Beatenberg.
Beatenberg.
AUGUST. Ich wohnte eine halbe Stunde von Fortunios entfernt, und mein Hotel
stand zu Anfang der breiten Straße, die über tausend Meter hoch ganz eben
dahinläuft, den großen Rat der Gletscher stets im Angesicht. Wie zu einer
Riesenpolonäse aufgestellt, schienen sie, je nach der Beleuchtung,
zurückzutreten oder loszuschreiten bereit. Nur der Regen sprengte den Bund.
Dann verschwand jeder einzeln in seinem Zelt und wußte nichts mehr vom
andern. Wusch sich aber nachts der Himmel wieder rein, so hielt beim
Morgengrauen die Jungfrau entgeistert Cercle, als harre sie nur des
Zauberrufes, um der Sonne bei ihrem ersten Strahl ekstatisch
entgegenzutanzen. Leider kam auch hier die Arbeit nicht in Fluß; das sehr
geräuschvolle Haus bot keine Möglichkeit, sich abzusondern. Unmittelbar
daran grenzte der Wald und führte sogleich sehr steil ins Weglose hinab.
Und hier nun entdeckte ich eines Morgens, ganz hinter Tannen versteckt und
der Tiefe zugewandt, ein kleines, verlassenes Blockhaus. Ich rannte ins
Hotel zurück, forschte nach dem Schlüssel und erlangte ihn. So gehörte das
Chalet mir, da ich es beziehen durfte. Den Schlüssel ans Herz gedrückt,
eilte ich zurück. Im Raum des Erdgeschosses verbrachte ich nun meine Tage.
Die Läden blieben herabgelassen. Nur durch die Türe, die ins Freie führte,
drang das Licht; auch die Bäume hielten es auf. Nur Tannen, Wald und Moos
und keine Aussicht außer sie. Hier hatte man vor den ewigen Gletschern Ruh.
Und keinen Laut als den der Vögel.
Oh Sommersmitte! Oh göttlicher Augenblick des Innehaltens, du ohne Zeitmaß,
ohne Intervall, mitten ins Jahr gesetzter Orgelpunkt!
Groß aber blieb die Not der unterbrochenen Arbeit.
Zwischen Tür und Fenster lief eine Ruhebank mit daraufgeschütteten Kissen
die Bretterwand entlang. Ich warf mich hin; ächzend. Es roch nach Tannen,
Blumen, des Morgens im Walde gepflückt, hingen schon ermattet im Glase. In
diese holde Schwüle tanzte ein geflammter Schmetterling herein. Mein
rechter Arm hing herab, ich war zu lässig, ihn zu heben. Vor Wonne fielen
mir die Augen zu. Hält die Einsamkeit der Gemeinschaft Letztes, die wir
Lebende ersehen? Was war geschehen? Verloren blickte ich auf. Der Falter?
War er als Bote hereingeflogen? -- Wer war gegangen? --
Flüchtig ist kein Wort. Und doch . . Von welcher Gegenwart und welch
durchdringendem Ton vibrierte nunmehr auf immer die Luft dieser Hütte? War
sie, deren Bild ich festzuhalten suchte, ein Elf? Denn der Griff einer Hand
von elfenhafter Feinheit hatte deutlich die meinige erfaßt. In
unbeschreiblicher Rührung hob ich den Arm, sprang auf, saß wieder vor dem
Tisch, das Gesicht in den Händen vergraben, und fuhr nun endlich wie in
einen Schacht tief in meine Arbeit ein.
Da fiel ein Schatten -- jemand trat unter die Türe. Es war Fortunio. Ich
stieß einen Schrei aus, als sei er ein Gespenst, und fühlte Nervenstränge,
deren Vorhandensein mir jetzt erst zum Bewußtsein kamen, zerreißen. »Wissen
Sie, wie spät es ist?« lachte er. Seltsam. Sogar seine Stimme erfüllte den
Raum mit Schrecken. Das Ganze war zu arg, es zu erörtern. So machte ich
mich denn bereit, das Chalet zu verlassen, warf aber, die Türe
abschließend, noch einen Blick zur Ruhebank zurück, zum Tisch mit den
Blumen im Glase, zu diesen Wänden, in welchen ich eins geworden war mit der
Luft und der Seele dieses Tages.
Was war noch immer kurzatmiger als wie mein Flug? Nicht von Schwingen
durfte da die Rede sein, die ausgebreitet und aus eigener Kraft die Höhen
beherrschen und sie behalten. Eher einer Rakete vergleichbar, die, wenn das
Glück es will, emporschnellt und höher! höher! ruft, weil sie doch gleich
verstiebt. Da ist es Pech natürlich, wenn man sie herunterholt.
Wir gingen nun zum Hotel hinauf und setzten uns auf die Veranda. In der
Tat, der Abend war sehr vorgeschritten. Beschaulich hing Fortunio an der
Gegend. Die eben noch umglühten Gletscher traten jetzt, als sei die Sonne
auf immer von ihnen geschieden, von Blässe wie erschöpft, zurück. Welch ein
Tag! -- Und schon faßte mich Grauen bei dem Gedanken, ihn einsam
beschließen zu müssen oder ins Chalet zurückzugehen. Stand es noch? War's
nicht versunken? Oder nur erträumt? So zog ich denn mit Fortunio die lange
Bergstraße zurück. Endlos dehnte sich hier der Ort. Ganze Strecken zeigte
sich kein Haus. Und siehe, schon herrschte der Mond. In seiner ganzen Fülle
und unerschöpflich überfließend, umschlang er streitsüchtig jeden Schatten
und brachte seine Schwärze ans Licht, kroch unter jeden Baum, durchquillte
alle Wälder und stieg und stieg in immer geharnischterem Glanz, bis eine
trunkene Erde, von ihm umsponnen und ganz mit ihm vermählt, mit allen
Pulsen zum Himmel schlug. Voll Entzücken hatte sich die Jungfrau
aufgerichtet -- Mönch und Eiger an der Hand, loszutanzen bereit.
* * * * *
Tags darauf fuhren San Cividale, der Longobarde und der Seidenaff die
steile Höhe herauf. Von weitem schwang sie als Erkennungszeichen ihren
Schirm rundum. Jungfer und Kofferbestände hatte sie unten gelassen und trug
eine äußerst gerissene Sportjacke, in der ihre Figur zu zergehen schien,
und eine zwischen mausgrau und mauve spielende Hemdbluse aus japanischer
Seide, deren perfide kleine Männerkrawatte das ultrafeminine ihres
Gesichtes zu letzter Wirkung erhob. Die gefüllten Nelkenaugen, die das
alles sehr wohl wußten, blickten unbeteiligt flüchtig und beschattet. Es
war nur ein kurzer Besuch. Das Bähnchen trug sie bald wieder davon. Und mit
einem Male waren mir diese ewig hingerissenen Gletscher, die nie
marschierten, verleidet. Herrlich in der Tat war auch der Mantel der
Vorberge, der in so tiefen Falten über sie hinschlug, und herrlich war's,
wie er -- von oben gesehen -- den See nachschleifte, gleich einem
köstlichen Saum. Beseelter aber blickte dennoch das Gebirge am Säntis, Jura
oder Engadin, als in dem gewaltigen und dekorativen, aber fast überall
stark abgekehrten Oberland. Ich sehnte mich nach mehr brüderlichen Weiten,
und sehr plötzlich, ohne das Chalet wieder betreten zu haben, fuhr ich
hinab. In Spiez schrieb ich meinen Nachruf ins reine.
Marguerite Kühlmann.
An den Kreis ihrer engsten Freunde wende ich mich, sie, die zu ihr standen
wie die Strahlen der Sternblume, deren Name sie trug; denn so hingen sie
ihr an, und so faßt sie nunmehr die gemeinsame Klage zusammen. Wie
beneidenswert sind sie gewesen! --
Nicht, als seien sie sich dessen zu spät bewußt. Hier trifft sie kein
Vorwurf. Vielmehr hegten sie ihr Wissen um das Werden dieser bedeutsamen
und seltenen Gestalt, die von ihrem schönen und guten Wesen so viel weniger
genießen durfte, als der gleichsam von ihr ausgestrahlte Kreis, dem sie es
zuwandte. Denn wieviel Sonne war in ihr verwoben, und wie beschattet ging
sie doch! Unter der rhythmischen und unzerstörbaren Ruhe ihrer Bewegungen
welch unaufhaltsames Vorwärtsschreiten! Wer hat sie je hastig gesehen? Und
doch welch ahnungsvolle Eile, sich zu erfüllen!
Geistigen Dingen zugewandte Menschen finden sich gewiß nicht selten; der
Maler und Musiker, auch der Liebhaber der Künste sind viele. Aber wie
wenige gibt es, die auf das Schöne selbst Anziehungskraft besitzen, so daß
es wie auf mystischen Ruderschlägen ihrer Atmosphäre zugeführt, immer mehr
Natur und Element bei ihnen wird, und tatsächlich eine Art von
Wechselwirkung sich ergibt.
So aber war das Schöne -- wie ein Meister an seinem Marmor -- bei ihr am
Werk. So umhing es ihre Erscheinung, so meißelte es an ihren Zügen und hob
sie zu letzter Vollkommenheit der Linien und des Ausdrucks. Unsere Herzen
sind wund von der Erinnerung ihrer Hände, so schwebend, einsam und
gesammelt, verklungen, auch sie mit der weiten Melodie ihres Seins.
Den wahren Hintergrund zu ihrem Bilde aber stellt einzig jene offene und
merkwürdige Gegend, in der sie sich so heimisch fühlte, weil sie ihr glich.
Dort, wo ihr kleiner Landsitz hart an der dunkeln Bergwand lehnte, von
Mauern lang umfriedet, vor dem Tor die hohe Linde schon den Bergfluß
überhing, und sein Gestein, und schon wie vor den Almen leere Bergwiesen
ansteigen, auf welchen die Kühe bis hin zu den nahen Wäldern weiden; und
diese sind wenig begangen, schwer verträumt und düster fast, weil hier
sogleich das Hochgebirge seinen feierlichen Zug beginnt.
Doch öffnete man das Tor zum Hause, ach! Wie rauschte es da von den
kunstvollen Brunnen und den Fontänen, in welcher Fülle zogen sich die
Blumenreihen hochaufgerichtet durch den Garten hin! Und die Ebene ist's,
nach welcher dieser steile Garten niederfällt, und schaut: auf halber Höhe,
wie zur Freude hingemalt, der Kirchturm von Murnau, links die ersten Berge,
ansehnlich, aber noch vereinzelt, sanft umrissene Präludien des Gebirges.
Nach Osten aber, wo sich anstatt der Mauer die lange Wandelbahn und
hölzerne Gartenzimmer nachsommerlich hindehnen, wölbt sich als Abschluß der
finstere Berg.
Hier waltete sie im lichten Kleide inmitten ihrer Blumen, wenn in der Ferne
ein goldener Sonnenstaub den Tag begrub, oder sie sah wartend nach dem
Mond, der so plötzlich hinter dem schwarzen Grat aufging und dann sogleich
alle Grotten und Beete übergoß, und nur die finstere Bergwand noch
finsterer beließ. Und auf erhöhtem Stande der Apfelbaum, wie sie ihn
zeichnete, mit den Windlaternen bunt über dem Tische wehend!
Hier fühlte sie sich heimisch, hier drang das Lachen ihrer Kinder immer bis
zu ihr, und die Schwalben zogen durch die Fenster unermüdlich ein und aus.
Und drinnen der Tisch vor den breiten Scheiben, ach Freunde: vor dem sie
saß -- niemals müßig --, lesend oder malend, oder eine jener kunstvollen
Arbeiten zur Hand, mit welchen dieses Haus geschmückt ist, dessen Bau,
dessen edle Räume wie für sie erdacht, durch ihre eigene Anmut etwas so
Zauberhaftes wurden, daß sie durch ihren Tod für uns verschüttet liegen.
Die Türen, ach, durch die sie trat.
Doch jenseits der Vorberge, in einer versteinerten Welt, ganz klein und auf
unwahrscheinlicher Höhe steht die Jagdhütte, an deren winzigen Fenstern sie
die rot- und weißgewürfelten Gardinchen hing; sie liebte das Frohe. Ganz
dem Schauen hingegeben, lief sie dort die Kanten der Berge entlang, denn
das einzig Verweilende an ihr, von allem Persönlichen unmittelbar
Losgelöste war ihr Auge. Bald lockten sie die Höhen, bald die Weite und das
Moor, oder sie stellte dort ihren Malstuhl auf, wo der kleine, von der
Abendsonne warm getönte Fluß so rasch den gemiedenen und immer trauernden
Hügel umfließt.
Diese reichhaltige Landschaft, die sich wie ein Fächer dem Auge entfaltet
und verschließt, glich ihr so ganz, daß für uns, die sie dort sahen, ihr
Bild wie eingetragen bleibt in diese Gegend.
Nicht auf Festen schwebt es uns vor, deren Glanz das sanfte Feuer ihrer
Schönheit so sehr erhöhte, und nicht in großen Städten, weder in Paris,
dessen geistiges und künstlerisches Leben ihr so nahe ging, noch in London,
wo sie gefeiert und bewundert wurde. Denn in ihr hatte Deutschland eine so
liebenswürdige und seltene Vertreterin gefunden, daß die Sympathien, welche
sie sich erwarb, durch die Ereignisse nur verstummten, aber nicht verloren
gingen. Denn weit über die Gräben hin, welche die Nationen voneinander
trennten, klang ein Echo der Trauer über die Kunde ihres Todes herüber.
Es mag ja sein, daß ihre großen Erfolge im Ausland ihr um so neidloser
zugestanden wurden, als man sah, welch flüchtigen Gast sie krönten. Denn
ehe man sich's versah, lagen ihre viel bewunderten Kleider in Kisten
wohlverpackt, und sie selbst stand am Perron, Sehnsucht im Auge, um nach
ihrem geliebten Ohlstadt zurückzufahren. Sie erzählte noch im letzten
Sommer ihres Lebens, sie habe mit Freudentränen um sich her geschaut, als
sie den »Raunerhof« zum ersten Male und zugleich als ihr Eigentum
besichtigte.
So nah berührte sie der Ort.
Es waren pantheistische Anklänge in ihr, die man nicht überhören durfte, um
sie zu kennen.
Denn so edler Natur war die zu weite Spannung ihres Wesens, die eine Lücke
ließ zwischen dem Leben und ihr. Ein suchendes, verlorenes Etwas fand hier
seine Brandung, und was Wunder, daß sich ihr Blick, allen Sicherungen zum
Trotz, so häufig aus dem Alltag, wie aus einem zu engen Hause stahl.
Und kannte ihn doch kaum.
Seine immer neu sich bereitende Unsicherheit, böse und gefährlich wie die
Gärungen der Gletscher, seine Verweigerungen, seine Öde erfuhr sie nicht.
Ja, sie blieb von einer zu deutlichen Kenntnis dieser Welt bewahrt; ob sie
es merkte oder nicht, ihr Kontakt mit ihr war immer umgeschaltet, ja sie
war geschützt. Aber wir wissen heute, warum die so innig Umringte dennoch
einsam und beschattet ging, als sei alles vergebens; was dies heimliche,
innere Versagen und ihre unrobuste Art bedeutete. Denn wir wissen nicht,
was sich in denjenigen bereitet, die inmitten ihrer Jugend von den Höhen
des Lebens weg, einzeln und jäh zu den Toren des Todes hintreten und in
seine Verlassenheit gehen. Keine letzte Verklärung, kein noch so sanftes
Verlöschen nimmt einem solchen Los etwas von seiner Schwere.
Ach die besten Freundesherzen sind noch zu träge! Allzu leichten Sinnes
nahmen wir das schöne Geschenk ihrer Gegenwart hin und bedachten die
deutlichen Merkmale eines frühen Scheidens an ihr nicht. --
Wer hat nicht jene Flugzeuge gesehen, die als dünner Korb, nur durch Taue
einem Riesenball verbunden, ganz ohne Geknatter vorüberschweben? Ein
Windhauch streift die von ihm Getragenen. Je höher sie sich steigen sehen,
desto langsamer dünkt ihnen sein Flug. Da zieht vielleicht eine Wolke
vorüber, von einer schwarzen Kugel pfeilschnell durchzuckt und alsbald
überflogen, die nichts anderes war, als der Schatten des Balles, der
unbewegt und still wie eine Ampel in der Luft zu hängen schien.
Dies aber war bei stillem und oft schwer verträumtem Wesen das Tempo ihres
inneren Werdens; mit so verzehrender Eile durchmaß sie ihre Bahn, und nur
wer ganz zuletzt in ihrem Umkreis lebte, vermöchte auch das Letzte über sie
zu sagen. Denn immer merkwürdiger und geschlossener wurde die Harmonie
dieser, vom Dianenhaften so getragenen Gestalt. Nur tragischen Naturen aber
ist es gegeben, sich zu erfüllen. Die Norm ringt sich vom Fragmentarischen
nicht los.
Oh Marguerite! Daß meine Worte sich aufrichten dürften wie Säulen, und daß
sie sich zusammenschlössen dir eine Stätte zu bilden des Innehaltens und
der Rast, wo du -- staunend vielleicht, doch ohne Gram -- zurückblicktest
auf dein Leben; oh daß es zwischen seinen Ufern an dir vorüberzöge und dein
sinnendes Auge so darauf verweilte, wie einst in deinem Garten auf das
Getürme der Wolken im verglühenden Tag.
* * * * *
SEPTEMBER. Meine Zimmer waren zum Glück bis in den Oktober hinein
vermietet, und ich trieb mich bald hier, bald dort herum, bald in Zürich,
bald in Luzern, in Montreux oder Genf, nur nicht in Bern.
Die Ära Kühlmann war ein Grund mehr, es zu meiden. Man erinnerte sich
prompt, daß ich in London in seinem Hause verkehrt hatte, und meine
Stellung gestaltete sich noch um ein Stückchen schiefer. Ich hatte jetzt zu
schreiben wie ein Minister, und es regnete Briefe. Sie betrafen zumeist
Todesurteile, Deportationen, versprengte französische oder belgische
Kinder. Dabei hielten jetzt die Zensuren meine Korrespondenz scharf im
Auge; die harmloseste Post aus Deutschland erreichte mich erst in vier,
Expreßbriefe erst in sechs Wochen. Um an Kühlmann zu schreiben, mußte ich
schon seinetwegen den Umweg über die Gesandtschaft wählen. Meist wandte ich
mich an Schreckenburg oder an den Grafen Carry. Zu Anfang ging's. Zwei
junge Belgierinnen hatten ihren eigenen Landsleuten Warnungen zukommen
lassen; dafür sollte die eine erschossen werden. Kühlmann erreichte
ziemlich rasch eine Rückgängigmachung des Urteils. Auch eine kranke Dame
aus Cambrai brachte er noch über die Grenze. Als ich aber wegen der Familie
des Professors von L.-P. bestürmt wurde, die Frau und fünf Kinder, (der
älteste Sohn im deportationsfähigen Alter[1]), in die Schweiz zu retten,
schickte mir Kühlmann ohne Kommentar den Zettel, auf welchem die hohe
Militärbehörde eine Bewilligung seines Gesuches kurz und bündig
verweigerte. Auch ohne dies -- acht Tage nach seiner Ernennung -- wußte ich
ihn verloren.
[Fußnote 1: Als ich das erstemal in der Schweiz war, gab mir Aramis ein
Dossier über die Deportationen, von deren Einzelheiten ich noch keine
Ahnung hatte. Wer die französische Familie kennt, und weiß, wie sehr sie
ihre Töchter hegt und hütet, der sah hier wahre Abgründe des Hasses und der
Rachgier bereiten. Ich fuhr damals von Bern direkt nach Berlin, kannte aber
von den Ministern jener Tage nur Solf, und auch diesen nur ganz flüchtig.
Ihn bat ich in einem aufgeregten Brief um eine sofortige Unterredung. Er
war gerade an einer Angina erkrankt und empfing mich zu Bett mit einem
hochroten Gesicht, Eisbeutel auf dem Kopf. Am Fenster, mit dem Rücken gegen
das Licht, stand ein Oberst. Ich kramte nun die Notizen hervor, die ich vor
der Grenzüberschreitung in den Bodensee geworfen, und zwischen Lindau und
Kempten wieder ins reine geschrieben hatte; der Oberst sprach die
Befürchtung aus, daß sie der Wahrheit nur allzusehr entsprachen.
Mit Hilfe dieses militärischen Freundes setzte Solf, obwohl gerade damals
grimmig von den Alldeutschen angefeindet eine enquete durch. Und schon
glaubte ich die Partie gewonnen und das Handwerk der Herren Ludendorff und
Konsorten gelegt. Denn wirklich konnten Tausende von Frauen damals nach
Hause zurück, und in ihrer ärgsten Form wurde die Methode eingedämmt. Aber
das Hauptquartier war noch Trumpf. Meine Darstellungen, so hieß es, seien
nicht nur die hellste Übertreibung gewesen, oh nein! sondern die
deportierten Töchter wären sehr erfreut, sich dem öden Einerlei ihres
untätigen Lebens entzogen zu sehen; man gewann richtig den Eindruck, als
müßte es für ein junges Mädchen von guter Familie geradezu eine Lust sein,
deportiert zu werden, und nur eine Bagatelle für die Eltern, ihre Kinder --
manches Mal auf Nimmerwiedersehen -- aus ihrem Hause gerissen zu sehen,
ohne die Möglichkeit von ihnen zu hören und ohne zu wissen, wohin man sie
führte. Soll die Axt nie begraben werden? -- Eine Versöhnung der beiden
Nationen ist eine so große Notwendigkeit, daß schon aus praktischen Gründen
nicht immer einseitig nur über das erlittene Unrecht Buch geführt werden
sollte. Und es ist für die Deutschen die große Gelegenheit gekommen! Heute,
wo der französische Militarismus seine Stunde begeht, haben sie nur ein
Mittel, Frankreich von seiner Rachepolitik abzubringen, indem sie -- statt
wiederum von Rache zu reden -- es zu fühlen geben, daß sie beklagen, es zu
dieser Rachepolitik so schwer gereizt zu haben.]
Ich muß hier bis in den Londoner Sommer 1913 zurückgreifen, und zwar bis zu
dem Abend meiner Abreise nach Irland. Kühlmann war damals jener Pläne stolz
und froh, welche ein Jahr später in der von ihm inspirierten Broschüre
»Weltpolitik ohne Krieg« ihren Ausdruck fanden. Ich erinnere mich jenes
Besuches noch sehr genau; die Teemaschine sang, wir besahen einige Bilder,
und dann fuhr mein Zug, der um Mitternacht die Küste erreichte. Alle
Kabinen des Schiffes jedoch waren besetzt, und ich hatte vergessen, eine zu
reservieren. So blieb nur der große Schiffsalon, wo ein freundlicher
Steward mir in den tiefen Ecken des die Wände entlanglaufenden Sofas ein
herrliches Lager bereitete. Der Länge nach ausgestreckt, hatte ich auf
diese Weise eine Riesenkabine für mich allein und konnte mich vor Freude
gar nicht beruhigen. In meine lange Lederschaukel tief hineingebettet wie
in eine Muschel, hoch hinauf und hinunter schwingend mit dem nächtlichen,
heftig bewegten irischen Meer als Wiege. Wie sang, wie rauschte es mich zur
Ruh! Wie segnete ich den Steward und meine eigene Vergeßlichkeit. Hin und
wieder waren mir die Götter doch hold.
Doch weh, ach wie schlug ihre Gunst in die grausamste Ungnade um! Oh des
zerrissenen Schiffes, das schon aufgehört hatte zu sein! In ein
Rettungsboot gestoßen, auf eine Planke geworfen und nichts anderes als den
Tod von den eben so gepriesenen Wellen zu gewärtigen, wühlten sie sich zu
Felsen auf, hart und unbarmherzig mich zu begraben. Vor mir ruderte
Kühlmann wie besinnungslos, und seine Anstrengungen angesichts eines
solchen Orkanes dünkten mir lächerlich. Aber ich ruderte ja selbst
mechanisch aufs Geratewohl, und dann stürzten die schwarzen Berge über das
Boot.
Wieder rauschte das Meer im eintönigen Sang, über mir war schon erkennbar
in der ergrauten Nacht die Decke des Schiffes, und ich lag wie zuvor in der
ledernen Muschel gewiegt. Aber für kein anderes Lied als für das finstere
Echo meines Traums hatte ich ein Ohr. Alle Freude war tot. Ich warf die
Decken fort und saß zusammengekauert, schlaflos, verwüstet, uralt.
Durch den Krieg glaubte ich meinen Traum erfüllt. Die Ernennung Kühlmanns
hatte mich zuerst gefreut. Er hatte von Jugend auf mit allen Kräften dem
Krieg entgegengearbeitet, und ich hoffte, es würde ihm gelingen, sein Ende
herbeizuführen.
Aber er waltete noch keine acht Tage seines Amtes -- ich war in Wengen und
lag in der Sonne -- als im Halbschlaf das Bild eines hohen Gerüstes sich
aufdrängte, ähnlich dem Eiffelturm, und auf der Spitze Kühlmann, aber schon
im Begriffe kopfüber abzustürzen, so zwar, daß er sich in der Luft zu drei
Malen überschlug.
* * * * *
Am Tage nach seinem »Niemals« kam Abigail mit einer stoßbereiten Miene, wie
ein Widder zu mir. Zur Annahme einer schroffen Haltung Kühlmanns war ich
jedoch um so weniger berechtigt, als mein frühestes Buch Aufsätze, welche
auf seinen Rat den französischen Titel »L'âme aux deux patries« führten,
die Behauptung aufrechthielt (denn mit der Feder war ich von jeher sehr
dreist), die Annektion Elsaß-Lothringens sei ein Fehler, den Bismarck, wenn
er noch lebte, kein zweites Mal begehen würde: er hätte ein anderes
Äquivalent dafür ersonnen. Dies Büchlein, das im übrigen ganz unter den
Tisch fiel, fand nur durch ihn eine so kräftige Verbreitung, daß sich der
Verdacht regte, er sei dessen Verfasser.
Auch zu jener Unterredung mit Zimmermann im Januar 1917, die einzig der
Notwendigkeit einer Diskussion des elsaß-lothringischen Problems galt,
hatte er mir verholfen, und im Nebenzimmer eine Unterhaltung geführt, damit
wir ungestört blieben. Auch waren mir die Worte erinnerlich, welche er im
Jahre 1915 diesbezüglich fallen ließ, zu einer Zeit, wo die Aussichten für
Deutschland noch günstig erschienen. Sein »Niemals«, konnte ich daher nur
als einen Brocken ansehen, den man Kläffern vorwirft, um sie von sich
abzuhalten und weitergehen zu können: ein nach innen und in die Kulissen,
nicht nach außen gerichtetes Wort.
OKTOBER. Statt der drei kleinen hatte ich jetzt ein einziges großes, fast
saalartiges Zimmer nach Norden, auf die Lauben hinaus. Schmuck, ja zierlich
stand hier der Flügel im Raum. Die Wände hatten lichte Täfelungen, und der
indische Schal mit dem weißen Feld fiel von der Decke bis zum Boden und
schien eine Türe. Der Toilettentisch blitzte im Schatten auf: sein
Hauptschmuck waren jetzt zwei silberne Renaissanceleuchter, vom Seidenaffen
beschert.
Über das Zimmer selbst ist weiter nichts zu bemerken, als daß eine Reihe
von Unterredungen dort stattfanden, die alle zu nichts führten. Ein Wort
über meine politische Wirksamkeit. Wir wollen sie so nennen. Eine ganze
Weile brachte ich gewiß alle Spionagen und Gegenspionagen zur Verzweiflung.
Scheinbar für eine jede ein kinderleichter Fang, war das Verwirrende gewiß,
daß ich gleichzeitig in Diensten _sämtlicher_ Regierungen zu stehen den
Anschein haben mußte. Wenn jemand keine Parteien kannte, so war ich es.
Außer Japan, China, Rußland und Marokko durften nur noch Schweden, Norwegen
und Dänemark sich rühmen, daß keiner ihrer Staatsangehörigen bei mir
gewesen sei. Mein Zimmer war so recht die Halle der vergeblichen
Zusammenkünfte, und wenn ich auch keine einzige vom Zaune brach, schob ich
doch auch keiner einzigen den Riegel vor, selbst als mir kein Zweifel über
ihre Vergeblichkeiten blieb. Der »Friede«, ein Wort, das mich im Schlaf
elektrisierte, war wie das große Los oder wie das Leben eines aufgegebenen
Kranken immer eine Möglichkeit. Und ob ich auch anfing, dem Kopfschütteln
Fortunios beizustimmen, stürzte ich doch, wie Kundry im ersten Akt, bei
jeder Veranlassung nach dem Heilkraut davon, das keine Linderung mehr
bringen konnte. So setzte ich mich in Bewegung, so braute ich mit
Todesverachtung meine Tees, ob mich auch schon ein wahres Grauen vor all
den Nieten faßte, die sich zu Bergen vor meinem Tische häuften . . . Den
dümmsten und ungeschicktesten Leuten schenkte ich dennoch Gehör. Vielleicht
war gerade dieser Narr der reine Tor, vielleicht hatte ich doch recht.
Meine Verständnislosigkeit für Natur und Beschaffenheit dieses Krieges ging
ja so weit, daß ich vom ersten Tage seines Bestehens an von Monat zu Monat
überzeugt war, länger als sechs Wochen könne er nicht mehr dauern. Immer
schien mir alles sein nahes Ende zu künden. Als zum ersten Male von
zahlreichen Gefangenen die Rede war, dachte ich: jetzt ist bald Schluß. Als
Ruhleben entstand, dachte ich: jetzt wird man verhandeln. Wer ließe seine
eigenen Leute so im Stich? Obwohl ich, was die Schlechtigkeit des einzelnen
anging, einen so radikalen Standpunkt vertrat und immer darauf aufmerksam
machte, daß die Larven triumphierten und der Edle geopfert würde, ja, daß
es stets ein besonderer Glücksfall sei, wenn er nicht unterliege, so hatte
ich den so naheliegenden Schluß von der Familie zum Staat (und was ist sie
anders, wenn nicht die Welt und Geschichte im kleinen?) merkwürdigerweise
noch immer nicht gemacht. Immer noch wähnend, es ginge um den Frieden, da
es ja gar nicht ihn, sondern Sieg und Niederlage galt, glaubte ich, durch
meine Absicht und durch meine Gesinnung alle endlich zu überzeugen und für
mich zu gewinnen, bis ich mit Entsetzen merkte, daß gerade meine Naivität
Bedenken erweckte. Wie hätte auch Aramis, da es mir keineswegs an
Menschenkenntnis gebrach, eine so große Weltunkenntnis bei mir vermutet?
Und daß ich unter Kapitalismus immer noch einige Bankiers verstand?
Vielmehr war es natürlich, daß eine Gesellschaft, welche den Krieg als eine
Institution begriff, an meiner Friedensmanie Ärgernis nahm. Ich hielt mich
für besser als sie, während ich vor allen Dingen unwissender war. Und diese
Unwissenheit stellte zu meiner Soloarie den verdrießlichen Baß.
Dennoch war, als mir endlich ein Licht über die Welt und zugleich über mich
selbst aufging, die erste Folge die Furcht. Ging ich spät die Lauben
entlang, so faßte mich Schrecken, wenn nur die Umrisse eines Mannes oder
nur sein Schatten hinter einer Säule sichtbar wurde. Da war ja eines jener
unerklärlichen und gefährlichen Wesen, die es so eingerichtet hatten, daß
ihresgleichen heute vielfach auf einem Beine durch die Lande hopsten.
Meine Tätigkeit, die sich vor jeder Offensive verdoppelt hatte, war nur
mehr mechanisch. Die letzte Zusammenkunft, die sich in meinem Zimmer begab,
fand mit Professor H. statt. Er berief sich auf wichtige Eröffnungen auf
Grund amerikanischer Aufträge, die er zu machen habe. Es erfolgte noch
einmal ein Depeschenwechsel mit den Restbeständen dessen, was man noch
deutsche Regierung nannte, und was längst unter den Hufen der
Militärkavalla zertreten lag.
* * * * *
In diesem über alle Maßen traurigen Winter strich ich eines Abends müde
durch die Lauben, als Abigail an mir vorüberschoß. Busoni spielt heute
Abend! rief er mir zu. Nun lief auch ich und kam noch gerade recht, bevor
er eine Orchesterfantasie von Weber zu spielen anfing. Und siehe da, man
lebte, war seiner Ketten ledig und richtete sich auf.
Von nun an befaßte ich mich stark mit seinen Kompositionen und fuhr nach
Zürich, wenn dort ein neues Werk von ihm zur Aufführung gelangte. Eine
bequeme Gabe ist es ja nicht, den Wert eines überragenden Typs zu erkennen;
sie legt Verpflichtungen auf; es ist nicht, als ginge sein Wohl und Wehe
uns nichts an.
Verdrießlich genug ist es ja vielfach mit seiner Anhängerschaft bestellt.
Wie an den Reichen die Profiteure, so drängen sich an den Schaffenden die
Parasiten des Geistes heran. Und vielleicht, wer weiß, ist ihm in mancher
Feierstunde, die ohne Anregung verlief, der Chor seiner Widersacher minder
fatal wie der seiner Anbeter.
Von dem Unmut des alten und stark zensurierten Wagner, von einem
verzweifelten Versuch sogar, den, öden Sockel auszureißen, auf dem er sich
wie ein Götze gestellt sah, drang nur durch Zufall etwas in die Außenwelt.
Während seine Umgebung den ungeheuren Überdruß der nachwagnerischen Ära
bereiten half, ließ er selbst seine Werke weit und ungeduldig hinter sich
zurück. Lange ehe seinem Lohengrin die grausige Popularität beschieden war,
hatte er »mit Ekel in die Partitur gestarrt«[2]. Später eilte er schnell
mit dem Nachtzug davon, wenn eine Stadt, die er bereiste, ihm zu Ehren eine
seiner Opern ansetzte. Er hatte den schönen und naiven, wenn auch natürlich
vergeblichen Wunsch geäußert, seinen »Ring« ein einziges Mal auf einer
eigens errichteten Bühne in höchster Vollendung zur Aufführung zu bringen,
um sodann Bretter und Partitur auf immer zusammenzuschlagen[3].
Wer ein einziges Mal Friedrichs, den unvergleichlichen Darsteller des
Alberich, während seiner kurzen Laufbahn vernommen hat, der vergißt nie die
unheimliche Wirkung seines plötzlichen Vortretens, als er, hart vor der
Rampe, mit seinem dunklen und prachtvollen Organ den Fluchgesang erhob.
Sich selbst, die ganze Welt fühlte man da bedroht, und wer die Alberiche,
wer die Nibelungen sind, und welche Bewandtnis es hienieden mit ihnen hat,
wurde einem in unmißverständlichster Weise gelehrt.
[Fußnote 2: Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt.]
[Fußnote 3: Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt.]
Was aber kann so nichtssagend gemacht werden wie das Bedeutsame?
Gerade von groß angelegter Musik gilt das Wort: »La musique doit toujours
nous surprendre.« Laßt Dezennien des Schweigens und der Vergessenheit den
»Ring« begraben, damit sich von neuem offenbaren könne, welcher Vorhang da
zurückschlug vor einer bis auf den Grund durchschauten Welt . . .
Erst die Züge des späten, weltberühmten und gefeierten Wagner zeigen den
trüben, resignierten und abgewandten Schein, als dünke ihm jetzt erst, da
alles erreicht war, alles vergebens. Mime und Cie. rächten sich, indem sie
ihn ableierten. Als Kassenstücke ausgebeutet, wurde das Wagnersche Werk zum
Unding, zur Säge, zur Obstruktion . . .
»Schafft neues!« war sein immerwährender Ruf; dafür wurde à la Wagner
weiter komponiert.
Sehr wagnerisch bewegt und sehr unwagnerianisch (denn was könnte es
unwagnerischeres geben als den Wagnerianer?) ging ich eines Abends, von
Busonis Hause kommend, durch die nächtlichen Straßen Zürichs, wo einst
Wagner gerungen hat und heute Busoni ringt, und wo beide ein Asyl gefunden
hatten. Mit letzter Gewißheit wußte ich da, daß der viel mißbrauchte
Meister, der sich gerade über den so weit von ihm abliegenden Mozart so
begeistert äußerte, heute gerade an dem selbstherrlichen Busoni und dessen
von ihm sich entfernenden Wegen sein tiefstes Gefallen fände. Weit über das
Leben hin tragen sich ja die wichtigsten Gegensätze aus. Denn sachte nur
beliebt es den Göttern. Einen nach dem andern nur lassen sie zu Worte
kommen. Ihr Neid duldet nicht das gleichzeitige Auftreten zweier allzu
interessanter Fechter. Eher hielten sie ihnen eine Binde vor die Augen, als
zu gestatten, daß sie ihre Klingen kreuzten.
Höchst merkwürdig aber ist es, daß die Persönlichkeit nie wichtiger gewesen
ist, als jetzt in dieser Zeit der Massenschicksale der Hungers und der
Kohlennöte. Nicht nur alle Spreu sehen wir heute inmitten der Äquinoktien
aufwirbeln, auch manche Gesetztafel zerschlägt aufs neue. Der Heilige des
Tages sucht nicht mehr die Wüste, sondern tritt mitten unter die Menschen
und fällt unter ihren Streichen, nicht weil er die Abkehr predigt von der
Welt, sondern um seiner Beglückungstheorien willen.
Aber nicht lange mehr wird der Auserwählte als ein Dulder gehen. Entweder
sehen wir ihn bald als eine verlorengegangene Spezies ganz um die Ecke
gebracht, oder sein Reich wird kommen. Es ist eine Täuschung, zu glauben,
daß eine Welt, deren Schlechtigkeit und Gewalttätigkeit sich derart nach
oben kehrte, so bleiben könnte, wie sie ist.
Hier mag stehen, was ich zwei Jahre später schrieb:
Busoni.
Ich hörte Busoni zum ersten Male vor zwei Jahren in Bern. Er sah mit einem
Blick weit hinausgerückter Vereinsamung, den man an diesem Gesicht sofort
begriff, gleichsam zu sich selber auf und fing an zu spielen.
Das gibt es also noch, dachte ich nach einer Weile. Da geht man mühselig
seinen Weg, und plötzlich dies -- dies plötzliche Angelangtsein, diesen
Schauer der Ruh, diese unvermutete Herberge.
Bei Busonis Spiel, so herrlich es ist, will ich jedoch nur kurz verweilen.
Er ist wohl deshalb der größte Pianist, weil er implizite einer ist, weil
unter der Zauberformel, welche seine Finger darüber sprechen, die
Metamorphose eines an sich zweifelhaften Instrumentes sich ergibt.
Wir kennen so manche vorzügliche Pianisten. Aber wie wenige machten uns das
Klavier vergessen! Da ist Holz, sage ich, da sind Pedale, ein schöner
Anschlag vielleicht und ein großes Können dazu. Aber für den Hörer nicht
eben sehr nachhaltig: _Klavier_. Besinnt euch. Ist es anders?
Eher ließ noch das orchestrale Klavier Illusionen zu; ich habe große
Dirigenten gehört, die es zu einem prachtvollen Notbehelf gestalteten. Von
solchen Vorspiegelungen jedoch kann bei Busoni nicht die Rede sein. Dazu
ist er zu sehr Kenner des Instrumentes, belauschte er es in allen Fibern zu
genau. Etwas ganz anderes ist hier am Werk: Mozart hatte sich eine
verzauberte Flöte ausgedacht: hier nun wurde tatsächlich das »Piano
enchanté« zur Wirklichkeit. Wir brauchen dabei nur an seinen Vortrag, der
an sich kaum noch erträglichen Pianofortekompositionen Liszts zu erinnern,
dieses riesenhaften und vermoderten Rosenbuketts mit verschossener
Bandschleife . . . statt dessen wird eine ganze Epoche, die des zweiten
Kaiserreichs, vor uns lebendig: Pracht, Tand und Duft, Fächerspiel,
lächelnde Augen, Krinoline, Vergessenheit; alles retrospektiv gesehen, mit
magischer Schärfe aufgerufen. Daher auch die ernste Maske im Hintergrund.
Schließlich, wenn alles gesagt ist, bleibt von einem Menschen immer nur das
Neue. Die Geschichte unseres Geistes sind weitergegebene Signale. Aber
nicht immer das zuletzt Gegebene wird von dem Kommenden aufgegriffen. Die
Schrift ist kraus. Und die, welche an ihr schreiben, haben vor allem ihr
_geistiges_ Elternpaar, ihre geistige Familie und ihre geistige Sippe.
Falls wir eine neue Zeit zusammenbringen, wird auch eine neue Heraldik mit
ihr aufkommen. Gar merkwürdige Erzhäuser, Dynastien und ihre Nebenlinien
werden sich da herausstellen. Und kaum einen Stammbaum dürfte es heute
geben, der weiter verzweigt und interessanter zu erforschen wäre, wie der
des so universalen Busoni. Keine Vaterschaft, die ihm an der Wiege gesungen
wurde, sondern die sich vielmehr vor ihm verbarg, ihm vielmehr auferlegte,
sie zu entdecken.
Viele Jahre hindurch ist es in seinen Werken wie ein umsichblicken, ein
plötzliches horchen, sichunterbrechen und stillestehen. Konzessionen kennt
er nicht. Was das unvorbereitete Ohr noch grau, abstrus, bizarr anmutet,
sind die Schatten des Weges, auf dem er sich entfernt. Seine Zeitgenossen
verlieren ihn aus dem Gesicht. Mit dem embarras de richesse, welchen
Berlioz, Liszt und Wagner in das Orchester hineingetragen haben, ließ sich
ja noch lange wirtschaften. Richard Strauß buchtete das von den Vätern
Erworbene noch weiter aus, erstand noch die oder jene Pagode hinzu, und zum
Beweis, daß er ein Allerweltskönner sei, schuf er in seiner »Ariadne« eine
antike Seite -- ich brauche sie nicht zu nennen -- von ewigem Wert.
Auch bei dem feinen, wenn auch kurzatmigen Debussy horchten wir auf. Einige
noch unvernommene Töne schlugen da an, wie in Farbe getaucht, morbid,
verzückt, nur scheinbar dekadent, nicht dekadenter, sagte ich schon, als
ein Mondreflex auf einem verrosteten Gitter. Jedoch viel zu sagen hatte er
nicht; auch er fragte sich nicht, wie es weitergehen sollte, und er
verstummte schnell.
Genie ist nicht nur Fleiß (neben vielem anderen), sondern auch ein
heroischer Ernst. Vielleicht ist Busoni nicht der einzige, welcher
erkannte, daß die Musik in die wild überwuchernde Flora der Neuromantik
nicht mehr tiefer hineinführte. Aber man kutschierte fatalistisch in
derselben Richtung, demselben Kreise weiter, denn das Problem schien
unlöslich. Nur nicht für Busoni. Es reizte gerade den Schöpfer in ihm.
Anfangs waren es nur Anregungen, welche er bot. Turandot; immer stärkere
Anregungen, wie das Licht eines wachsenden Tages, in seiner Schrift »Zur
Ästhetik der Musik«, in »Arlechino«; in seinen immer erstaunlichen
Klavierkompositionen, welche dem Klavier -- dem einstigen Spinett -- so
neue Dinge entlocken: Klangeinlagen, Klangunterlagen, eingebaute,
eingetönte Perspektiven (wenn ich so sagen darf!) grüßen da aus
unvermuteten Tiefen, wie grünleuchtende Seen. Auch rein äußerlich genommen,
verfährt Busoni als Schöpfer mit ihm; auch auf den rein äußeren Ausbau
dieses Instruments (immer ist ja der Entdecker in ihm rege!) drängen seine
Kompositionen hin.
Scheint dies vielleicht von mäßigem Belang?
Welche Stunden äußerster Betrübnis muß das Genie durchleben! Wie müssen ihn
da die Zweifel überwältigen, ob die ewig geschäftige und ewig unachtsame
Welt das Geschenk denn auch entgegennehmen wird, welches ihr zu bereiten er
sein Leben widmet!
Während sie von nichts anderem widerhallte, als ihrem sinnlosen
Waffengedröhn, hielt Busoni sein schweres Ziel im Auge, drang er immer
weiter vor, nahm er die Kurve, legte er die Schraube an. In seiner
Isolation fand er die schöpferische Kraft, das Tor zu sprengen, und die in
ihrem Riesenapparat festgefahrene, ja welkende Musik für eine neue Jugend
flügge zu machen. Es wurden uns bis jetzt nur Bruchstücke seines »Faust«
bekanntgegeben, aber sie künden ihn ganz. Die reine Linienführung, die
tempelhaften Umrisse einer neuen Klassizität, sanft gerundet, erheben sich
wieder! Ein »Faust« um so faustischer nur durch die neuen Streiflichter,
die auf ihn fallen: die holde Blässe in der Feierlichkeit, ein in der Welt
noch nicht dagewesener Adel des Klanges das Sfumato in der Trauer,
Leonardisches, Latinismen . . .
Wenn ich sage, daß mit diesem seinem und zugleich so sehr unserem »Faust«
das Erbe Mozarts angetreten wurde, befürchte ich kein Dementi von der
Zukunft.
Darf ich (so nebenbei) in Erinnerung bringen, daß Bettina Brentano über
Beethoven, daß Julie de Lespinasse über Gluck zu beider Lebzeiten das
Entscheidendste sagten?
Und wenn ich mich heute so gedrängt fühle, auf die Wichtigkeit Busonis
immer wieder aufmerksam zu machen, so möchte ich hinzufügen, daß es in der
Kunst sowohl wie in der Politik so etwas gibt wie ein »zu spät«. Auch hier
sind die Gelegenheiten dahin, die man verpaßte -- auch den Herren
Klavierbauern rufe ich dies heute zu.
Busoni hat ja seinen Lohn sicher nicht dahin. Auf der von ihm freigelegten
Bahn geht es weiter, und der Dank der Kommenden erwartet ihn. Aber sollen
wir heute, wo die Kronen zu Dutzenden auf das Pflaster rollten, sie im
Staube verkommen lassen und wie im alten Regime die wahren Könige nicht
ausrufen und nicht unterscheiden?
Dritter Teil.
Das traurigste aller Jahre gehörte der Vergangenheit. Auch der Januar hatte
ein Ende genommen. Ich war die Sklavin meines Flügels. Ihm zuliebe behielt
ich das Zimmer der vergeblichen Zusammenkünfte.
Mit England und den Vereinigten Staaten war der Briefwechsel besonders
schwierig geworden. Zuletzt würde es Mühe geben, sich die Gesichter seiner
Freunde zu vergegenwärtigen, deren Bild nie eine Nachricht näher brachte.
Eines Nachmittags -- es fing schon an zu dämmern -- und meine Gedanken
zogen über unerreichbar gewordene Küsten den gewohnten Weg, als statt
vertrauter Züge, die ich wachrief, ein blankes, behendes Pferd aufblitzte
von intensivstem Braun. Voll Ungestüm, beredten Blickes, als hätte es etwas
zu verkünden, weckte es ein Echo großer Bangigkeit und verschwand.
Dafür blieb der ganze folgende Tag unter dem Eindruck eines so beseligenden
Traumes, daß es ein Frevel wäre, ihn zu schildern.
Wiederum dämmerte es, und diesmal saß Fortunio in meiner Sofaecke, und wir
unterhielten uns.
Das zwiefache an den Menschen, darüber waren wir uns ja einig, betraf ihren
Ursprung. Insofern hatten die Extremisten recht, als sie nicht glaubten,
mit dem alten Karren ins gelobte neue Land einzufahren. Leider aber
brachten sie dabei ihre eigene Anhängerschaft ganz nach der alten Manier,
nicht etwa der Artung, sondern der oft so rein zufälligen Meinung nach als
wildes Durcheinander unter ein und dieselbe Flagge.
»Wie wunderbar ist der Mensch!« sagte ich plötzlich, »was für Eingebungen
er hat! Auf was für Dinge er gerät! Zum Beispiel in allen Sprachen
Vergleiche wie die folgenden zu ziehen: marchez comme sur des nuages; to
walk on clouds; wie auf Wolken gehen.«
»Warum?« fragte er.
»Weil es das gibt. Nicht etwa nur in euren Dichterphantasien, sondern einer
höheren, höchsten Physik zufolge. Wer ist der verwirrte Tropf gewesen, der
als erster Wort und Begriff des Wunders startete?«
Ich wurde jetzt der Schneereflexe immer bewußter, welche in die Mollakkorde
eines unvergleichlichen Zwielichtes fuhren. Nur wenig Wintertagen eignet
dieser Schein, trauter als das von Sommerlüften durchwärmte, hölzerne
Gartenhäuschen. Lange schmeichelte er sich an den Fenstern hin.
»Eine gesteigerte Natur,« fuhr ich fort, »Kontakte, es sind Füße denkbar,
zu welchen die Tragfähigkeit der Wolke sich verhielte wie Steg und Brücke
zu den unseren: Gewänder, die zu solchen Füßen niederflössen, würde durch
die Schärfe der Emulsion der Äther zum natürlichsten Geleise: weite Geleise
solchen Füßen, und so sehr ein Teil von ihnen, während sie auf ihren
Wolkensohlen reisten, daß von einer zifferlosen Arithmetik beherrscht, der
ganze Himmel, und nicht etwa nur ein Stück von ihm, mit in den Raum sich
drängen würde, über dessen Schwelle sie zögen.«
Hier verstummte ich, und so gebieterisch schwoll die Dämmerung an, daß
meine Hände, wie Orgelpunkte in der Schwebe gehalten, plötzlich
niederfielen, ihrer Unzulänglichkeit und Armut zurückgegeben.
»Wollen Sie Licht machen?« fragte ich.
Während er sich anschickte, das Zimmer der ganzen Länge nach zu
durchschreiten, war ich innerlich erstaunt über die Ausführlichkeit, mit
der sich das Detail eines Bildes, welches doch als Ganzes, über alle
Zeitbegriffe schnell zu Häupten meines Bettes aufgeblitzt war, festhalten
ließe.
Doch warum faßte mich da wieder das unerklärliche Grauen, das nicht mehr
einzufangende Echo des Grams des gestrigen Nachmittags, als mir im
halbwachen Zustand das Pferd beredten Auges entgegenschoß? Welche
Bewandtnis -- -- -- -- --
Aber da hatte Fortunio schon geknipst, die Lampe erstrahlte, und ich atmete
auf.
5. FEBRUAR. Am Morgen dieses Tages stand ich angekleidet zu Häupten des
Bettes und hielt meine Post. Sie war umfangreicher als sonst. Ein Brief mit
ausländischer Marke und fremder Handschrift, den ich zuerst öffnete,
umfaßte nur wenig Zeilen und meldete einen Tod, der schon vier Monate
zurücklag.
Der Zahnarzt erwartete mich schon sehr früh.
Ganz undeutlich, wie von einem andern Ufer herüber, so daß ich nicht daran
dachte, mich zu entschuldigen, schien er mir ungeduldig über mein
verspätetes Erscheinen.
Ich wollte ihn ersuchen, das graue Schmerzenslicht von der
gegenüberliegenden Mauer zu entfernen. Dann besann ich mich: zeigten doch
alle Dinge, das Fenster, die Instrumente auf dem Tablett dieselbe böse und
stechende Schärfe.
Desgleichen die Luft, als ich nach der Sitzung unter die Lauben trat.
Sollte man sich es wirklich antun, sie hinabzugehen? War nicht vielmehr die
Erde, dieser schwarze und zertretene Schnee, sich in ihm einzubetten mit
zugekehrtem Gesicht, die einzige und unendliche Lockung? Die wehe Fackel
des Gedächtnisses zu löschen, so zu verlöschen, als sei man nie gewesen,
dieses war der Himmel. Oh wer war das? Wer war die Kreatur, die diesen
ganzen Tag hindurch alle Gesten des Lebens so staccato verrichtete, an den
Speisen dieselbe entsetzliche und befremdende Miene wahrnahm, wie an den
Pinzetten auf dem Tablett des Zahnarztes, und wohin sie sich auch wandte,
die Flucht ergriff; als wäre sie die aus Hoffmanns Erzählung entronnene
Olympia -- die Lauben hinab, die Treppen hinauf -- in ihr Zimmer zurücklief
-- und sich umzog! -- Einen blauen Hut aufsetzte, einen blauen! -- und
einen blauen Schleier davorband, und in das betäubte Antlitz starrte, dem
er so ungewöhnlich stand -- und einen Besuch abstattete -- an einem Ofen
lehnte, an ein Fenster trat, und durch seine, vom leichten Druck getrübte
Scheiben sah, den die Wärme des Zimmers hervorrief. Es saß einer da, der
erzählte, doch nur die Türe nahm sie wahr, durch welche sie wieder
entrinnen und ins Freie gelangen konnte . . .
Dort fing es an zu dunkeln. Es nahm auch dieser Tag ein Ende.
Nur auf dem freien Platz und über der Brücke war es noch hell. Rauh, grell
und öde brütete ein durchnäßter Wintertag. Ungemildert fing ihn der
»Gurten« auf: eine dunkle, ansehnliche Masse, und dennoch niedrig stellte
sich ihm oh, so traumlos entgegen! Tropfnaß alle Dächer, die Bäume ein
wirres und aufgelöstes Haar.
Das Uhrwerk war abgelaufen, und sie stand nun endlich still, wie
überwachsen von ihrer Not. Ein Martergriffel umriß für sie die ganze Stadt,
die sich im Widerscheine eines Sterbetages zur Krypta schloß, das Siegel
seiner Qual für immer aufgebrannt. So fiel ein Tor.
Beim ersten Laternenschein prallte sie zurück. Jedes Licht war eine Tücke.
Kein Dunkel war tief und ununterbrochen genug. Und riefen ihre Wände nicht
nach ihr? Zu ihnen nahm sie ihre Zuflucht, schloß ihre Türe und überließ
sich der Erschöpfung. In ihren Kleidern wie auf einem Sarkophag, ohne sich
zu rühren, ausgestreckt, lag sie in den Armen und am Herzen dieser Nacht.
Siehe -- was tauchte da wieder vor ihr auf? -- Sturmentlassen, mit
verhängten Zügeln, wie einem geisterhaften Stalle zugekehrt, das entfärbte,
fahlgewordene Roß, dessen Botendienst geschehen war.
Zum ersten Male entsann sie sich da auch des andern Bildes, das sich
zwischen einer Kunde und ihrer Ankündigung gnädig und wie eine Gnade
stellte.
* * * * *
Und nun, oh Leser, fasse meine Hand, daß ich von dir selber gehalten, durch
Dornen und Gestrüpp, Ziel, Sinn und Ende dieses Buches erreiche. Verlasse
auf immer mit mir das Zimmer der vergeblichen Zusammenkünfte und folge mir
nach Genf. Ferne dem traumlosen Berg, über der malerischen Stadt des
nüchternen Lichtes, durch die Turmspitze versinnbildlicht, welche den
Unterbau des Münsters niederdrückt, und seine Schönheit immerzu und immerzu
verneint.
Selbst bei der schärfsten Bise leuchtete die Luft in Genf so abgetönt. Dort
hauste ich nun, in einem unheizbaren Studentenstübchen im fünften Stock des
hotel de Russie. Ein kleiner Balkon überhing die stets von Schwänen
überzogene Insel Rousseau. Meine Taschen waren in diesen Tagen der
Brotkarten mit Krumen wohlgefüllt, und mit heimlicher Befriedigung warf ich
ihnen die rargewordene Speise zu. Nicht vergeblich glitten sie mir da immer
sogleich, doch ohne jede unziemliche Eile entgegen. Ich sah ihnen oft lange
zu. Sie standen in der Tierwelt so abseits; fast ein wenig abgerückt von
der Natur. Bald würden sie zwischen ihren stolz aufgerichteten Flügeln ihre
Jungen wie in einer geschlossenen Krone durchs Blaue tragen. Vielleicht gab
ihnen ihre Ungefährdetheit die Muße, um den Tod zu wissen.
Die Zeiten waren derart, daß der Ortswechsel selbst einer so unwichtigen
Person wie mir nicht unvermerkt blieb. Dinge aber, die mich vor kurzem in
Aufruhr versetzt hätten, machten mir nicht das geringste. An der
Telephonkabine war eines Morgens der Türgriff ausgekurbelt und wurde nicht
wieder instand gesetzt. Dicht bei verbrachte ein dicker Herr seine Tage und
rauchte Zigarren, indem er unverfroren horchte.
Indessen wurde ich von Herrn L -- P. . . . dem Vater der im
deportationsfähigen Alter stehenden Kinder aufs neue bestürmt. Seiner Frau
blieben die Pässe verweigert. Ich schrieb jetzt auf gut Glück dem Grafen
Carry, er möge mich über den Sonntag besuchen. Und richtig stand er da. Es
war strahlendes Wetter, wir streunten über die Kais und aßen zusammen. An
seine natürliche Güte hatte ich nie vergebens appelliert, und schließlich
bildete sein Propagandawerk eine Art von Rettungsstation. An ihm klebte
kein Blut. Da mir aber seine Beziehungen zur obersten Heeresleitung bekannt
waren, log ich jetzt über die politische Zweckmäßigkeit einer Paßverleihung
an die Familie L . . P . . . einiges Blaue vom Himmel. Wir setzten uns ins
Freie. Erstaunliche Magnolien prangten schon in voller Blüte; an eine
Tanne, grünblau, weiten Hauptes wie eine Pinie, und immerzu umschwirrt,
preßte sich ein glückliches Vogelhaus. Carrys Augen hingen voll Entzücken
daran.
»Da geht mein schlimmster Feind«, sagte er plötzlich. Klein, mit
niederträchtiger Visage, kam hinter den Magnolien ein Landsmann von uns
hervor. Von übelster Vergangenheit, dabei Träger eines großen Namens, für
den Nachrichtendienst also wie geboren, lauerte er dem Frieden um so
emsiger auf, als die Dauer des Krieges mit dem Interim seiner
Rehabilitierung zusammenfiel.
»Natürlich haßt er Sie«, sagte ich zerstreut. »Was erwarten Sie sonst?«
Abends -- der Graf war schon abgereist -- kreuzte ich mich nochmals, über
die Brücke zu den Schwänen gehend, mit der hochgeborenen Krapüle, die mit
einem Basiliskenblick an mir vorüberging. Tags darauf -- ich dachte gerade
an das blauzerfließende Grün der Tanne und an den großen Blumenbaum, der in
dieser Sonnenhelle wohl noch heller erblüht war, als ich ans Telephon
gerufen wurde. Vor der Zelle saß trägen Auges der mir zugeteilte Herr mit
der Nachmittagszigarre im Mund. Heute aber sollte er auf seine Kosten
kommen. Denn im höchst aufgeregten Ton forderte mich eine Genfer Dame zu
sofortiger Aussprache auf. Ihr Haus sei mir offengestanden, sie habe mir
ihr Vertrauen geschenkt, und nun müsse sie hören, daß ich es mißbrauchte.
Ich machte mich ziemlich gemächlich auf den Weg zu ihrem Hause. Seit jenem
Tage, als sich Bern für mich zur Krypta schloß, war mir erst bewußt, daß
ich mit nichten ein verkannter oder verlassener, sondern einer der wenigen
innerlich wirklich beschützten und durchschauten Menschen gewesen war.
Wie oft hatte -- weit vorgreifend, ach! -- mein Ohr das melodische Lachen
zu hören geglaubt, wenn ich dereinst alles erzählen würde, alle Zwickmühlen
und alle Abenteuer, in die ich geraten war.
Ein ganzer, ein wirklich unvergeßlicher Mensch, dachte ich, von Trauer
niedergedrückt, ist nirgends zu Ende. Unerschöpft und ganz unausgespielt
sinkt er zu Grabe. Abgerissen, doch nicht abgesponnen, ist der Faden eines
solchen Lebens.
Wenn aber Kinder des Lichtes zusammentreffen, ist das schon ein Glück des
Himmels. In dem hin und her ihrer Blicke und ihres erkennens liegt das
Vorgefühl ihrer Macht. Zu uns komme ihr Reich.
Mit der Genfer Dame war ich schnell im reinen. Wir spielten beiderseits mit
offenen Karten. Die hochgeborene Krapüle hatte verbreiten lassen, die
deutsche Propaganda arbeite nunmehr mit so raffinierten Mitteln, daß sie
kompromittierte Personen, wie mich, zu Werkzeugen mache. Den Beweis hielte
er in der Hand. (Es war mein Frühstück mit dem Grafen Carry.) Natürlich war
seine Behauptung wohl geeignet, mich in Genf unmöglich zu machen. Er hatte
sich nur insofern verrechnet, als meine dortigen Freunde sich unverweilt
mit mir ins Vertrauen setzten. Dieser Zwischenfall war also beigelegt.
Als ich wieder in die Allee einbog, welche von ihrem Hause bis hart an die
Straße führte, drangen durch ein offengebliebenes Fenster die Worte: »Je
suis bien contente de le lui avoir dit« laut und vernehmlich ins Freie; Mir
aber saß jetzt ein ödes Gefühl im Magen, ein Ekel, das würgen einer allzu
krampfhaft unterdrückten Bitterkeit. Ein Durst zugleich; das lechzen des
Trinkers, der nach dem Becher vergeht; es mußte etwas, das Palliativ, die
Betäubung mußte her. Es war das alte Laster, hui! Und lag sie nicht dicht
bei, die avenue de Florissant? wußte ich nicht, zufällig, daß sie dort
wohnte, sie, die den Schlüssel zu den geheimen Toren hielt, die ich
begehrte? Heute noch, nein, sogleich mußte ich hin.
Und schon betrat ich unangemeldet die großen Räume, in welchen die
malerische Französin zwischen ausgehobenen Türen nach allen Seiten hin den
Ausblick über Gärten und Büsche genoß. Es war eine ganze Welt von Bäumen in
ihrem ersten Grün. Mademoiselle S., eine Pariserin der ernsten und wenig
bekannten Art, trug einen orangefarbenen Foulard um ihren Kopf gewunden und
gestand ihre Kopfschmerzen, aber nicht ihr Befremden über meinen Besuch.
Wir hatten uns ein einziges Mal während des Krieges flüchtig kennengelernt,
und nun lagerte ich, jedem Argwohn zuvorkommend, indem ich ihn einfach
niedertrat, auf einem Diwan ihres Salons, den verwirrenden Frühlingszauber
ihres Parkes vor Augen.
»Sie sind im Besitze der Adresse eines Mediums,« sagte ich, »die ich
suche.« Und sie erhob sich, an ihnen Schreibtisch zu treten; eine hohe und
dunkle Gestalt, weder so schön, noch so jung vielleicht, als sie an diesem
Abend schien, den blassen und melancholischen Kopf vom seidenen Turban eng
umschlossen, und all die Wipfel, die in den Rosenhimmel ragten, als
Hintergrund. Sie reichte mir die Adresse, und wir sprachen von allgemeinen
Dingen.
»Es muß heute doch ein eigener Segen auf allen Schlechtigkeiten ruhen,«
sagte ich, »da, was immer man Gutes und Hilfreiches unternehmen möchte,
sofort in Mißlingen und Gestank aufgeht.«
»Wie könnte es anders sein?« gab sie zurück, »das Geschwür ist noch lange
nicht reif. Vorerst muß alles ihm allein zugute kommen.«
»Es gibt aber Geschwüre en permanence«, meinte ich. Doch sie schüttelte den
Kopf, unbeirrbar in ihrem Glauben an eine bessere Zukunft.
Es herrschte zwischen uns die kurzbefristete Vertraulichkeit zweier
Reisegefährten eines nächtlichen Zuges. Nichts ist so unverbindlich wie ihr
Auseinandergehen.
Denn schon war ich wieder unterwegs, einer andern Himmelsrichtung, einem
Genf, das ich nicht kannte, zugewandt, nicht wissend, daß es auch seine
anonymen Viertel hatte, die scheinbar nicht zu ihm gehörten, sondern in
ihrer Bedrücktheit ganz allgemein die Straßen einer größeren Stadt
darstellen. Zwischen solchen Häuserreihen war ich jetzt auf der Suche, fand
die Nummer, stieg vier Treppen hoch und läutete und wartete. Eine im Dunkel
undefinierbare Gestalt öffnete endlich langsam die Türe.
»Wollen Sie mich melden?« sagte ich, ohne meinen Namen anzugeben. Sie
rührte sich nicht. »Wollen Sie mich melden?« wiederholte ich. Sie schwieg.
Sie war es selbst. Stumm standen wir einander gegenüber. Unsere Blicke
belauerten, betasteten sich. So tauschen wohl in einer Höhle des Lasters
zwei Eingeweihte zögernd ihre Erkennungszeichen: es waren die verschleppten
Schatten unserer Augen und ihr matter und verlöschter Schein. Und wie
loderte schon die Luft! Oh welch ein Wellengang! Welcher Sturm inmitten der
Stille, die zwischen uns entstand. Ich folgte der Gestalt, die vor mir
zurückwich. Sie trat, als hätte ich sie gestoßen, in die Umrahmung einer
Türe, die hinter ihr nachgab, und taumelnd trat ich ein.
* * * * *
Dem glücklich Liebenden gleich streifte ich in jener Nacht, hingerissen,
berauscht, von tröstlichen Schauern durchrieselt, die Kais entlang. Wie
Antäus die Erde, hatte so mein Fuß die belebende Leere berührt? -- War's
ein geistiger Aderlaß gewesen? War's der letzten Hingabe entsetzliche
Betäubung oder die eleusische Flut? Und wird sie einmal einer nennen
dürfen, die einmaligen Gefilde ohne Wiederkehr und Verbieter des Wortes,
die ein Blick zu ihnen ein Wenden des Kopfes nur, zu ewiger Ungewesenheit
entstürzen läßt . . . .
Oh Eurydike!
* * * * *
Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, nahm ich das Schiff. Als es in
Ouchy anlegte, zog mit einem Male Fortunio an Bord. Wir waren beide nicht
wenig erstaunt. Ihn aber schien die Bläue des Tages und das in Verzückung
zurücktretende Ufer von sich selbst fortgerissen zu haben, und es war
ersichtlich, daß er träumte. Das Leben hielt er dann für schön, besann sich
des Augenblickes und der Weltgeschichte, wie auch seines eigenen Erwachens
nicht, sondern, ganz Echo, war er gefangen von ein paar Weisen, welche
manchen Tages die Natur anhebt, und den verwandelt, der sie hört.
»Lassen Sie sich das Neueste erzählen«, stieß ich ihn an und gab mit allen
Details die Mine zum besten, von der ich in Genf hätte auffliegen sollen.
Wie ergiebig Graf Carry dabei mit »belegt« worden war, kam erst später ans
Tageslicht. Mit der Warnung an meine Schweizer Freunde nämlich, sich vor
einer deutschen Agentin wie mir etwas in acht zu nehmen, erging
gleichzeitig eine Meldung an deutsche Instanzen in Bern, Graf Carry wisse
so wenig die Würde seines Amtes zu wahren, daß er sich nicht scheue, mit
einer französischen Agentin wie mir öffentlich herumzuziehen. Aus dem
Mittagessen wurde der Pikanterie halber ein trautes Souper.
»Diese Zeit«, sagte ich zu Fortunio, »hat den Untermenschen doch wirklich
den Maibaum ihrer Existenzen gebracht, und es gehört mit zu den läuternden
Wirkungen des Krieges, daß ihn die Krapülen überleben. Denn wenn eine,
statt als sein Helfershelfer reklamiert zu werden, in die fatale Lage
gerät, selbst an den Heldentod glauben zu müssen, so ist das doch ein ganz
seltenes Pech.«
Fortunio fuhr mit dem Abendzug nach Bern zurück, und ich blieb in Clarens.
Um Ostern wollte ich Romain Rolland besuchen und sagte mich in Villeneuve
an. Allein es war jener Karfreitagmorgen, an welchem eine oberste
Heeresleitung, wie um seiner zu höhnen, die Kanonade von Paris nicht
unterbrach, eine Kirche während des Kultes einstürzte und die Anwesenden
unter sich begrub. Daß mein angekündeter Besuch auf das hin unterblieb,
verstand sich von selbst. Für mein Gefühl war dieser Karfreitagsvolltreffer
das schwarze Aß, das sich Deutschland selber ausgeworfen hatte. Eine solche
Absage an die tragende Idee des Christentums war zu zynisch, um nicht
ominös zu sein. Sie war -- man verstehe mich recht -- wüstester
Protestantismus. Luther galt mir nur deshalb als einer der Ahnherren des
Krieges, weil sein auftreten das Übergewicht des nördlichen über das
westliche und südliche Deutschland anbahnte, und ein kahles,
unkünstlerisches, unmusisches und humorloses Element in den Pulsen der
Deutschen entsprang: Phantasielosigkeit und Unmusik. Wagt es vielleicht
einer, Sebastian Bach einen Protestanten zu nennen? Der Protestantismus
stak damals in seinen ersten Anfängen, noch belebt von der Wärme des
Stammes, von dem er sich losriß: protestierender Katholizismus. Der
wirklich ausgewachsene konsistorialrätliche Protestantismus gedieh erst in
den letzten Dezennien zu der vollen Reife und dem gleichzeitigen Marasmus.
Die fürchterlichen Lutherschen Kirchen, das toteste an Architektur, was in
der Welt zu sehen ist, sind Geist von seinem Geiste. Alle unfrohe
Geschmacklosigkeit, den Mangel an Grazie und Liebenswürdigkeit, das
Reformkostüm, die Jägerwäsche danken wir ihm. Undenkbar, daß von München
aus die Reichsbriefmarke, als die häßlichste der Welt, hinausgeflattert
wäre. Nein! fürwahr, diese Germania stieg so recht als die fille ainée der
protestantischen Kirche. Sie brachte den unheilbaren Riß, über den keine
äußerliche Geeintheit hinweghalf. Denn ihr verdanken wir das
verständnislose abrücken von der lateinischen und abendländischen Welt, das
ein südliches, fränkisches und westliches Deutschland nie herbeigeführt
hätte.
Statt des café du Nord wurde jetzt der Kursaal von Montreux meine
Schreibstube. Den Nachmittag beschloß ich mit Vorliebe im kleinen Saal des
Konservatoriums, wo ich mit einem russischen Cellisten musizierte. Aber A.
H. Pax wollte wieder einen Beitrag. Es gibt heute nur ein Thema, schrieb
ich ihm:
Und wir hätten alles von der Methode jener glücklichen Spekulanten zu
lernen, welche sich offenkundig als die weitaus schärfsten Psychologen
erwiesen, indem sie irgendein Präparat, eine Zahntinktur oder ein Extrakt
dadurch zu allgemeinster Geltung verhelfen, daß sie deren Bezeichnungen in
grellen Riesenbuchstaben an Mauern, Säulen und Schlöten anschlagen, sich
gleichsam an die Fersen des Vorübergehenden heften, selbst auf Bergeshöhen
sich zwischen ihn und die Aussicht schieben, ja von Felswänden herab ihm
unerwartet Odol! Haarlin! oder Bovril! entgegenschreien.
Wäre heute nicht die Beachtung gewisser Zustände mit einer ebensolchen
vorbildlichen Hartnäckigkeit zu erzwingen? Durch ein ungeheures
Preisausschreiben etwa, das an alle Maler, der ältesten wie der neuesten
Schule, erginge, um auf Bildern und Plakaten, mit beliebigem Raumverbrauch,
die Wirklichkeit zu illustrieren, allen Brücken und Wegen entlang sie
immerzu neu einer Allgemeinheit zu veranschaulichen, deren geistigen
Stumpfsinn nur jene Menschenkenner von Spekulanten voll ergründeten. Daß es
keine intellektuelle Notwehr gibt, und daß wir lieber untergehen als daß
wir dächten, hielten wir ja nicht für möglich, bevor wir es erlebten. Wie
hätte sonst über unsere Köpfe hinweg jene Phalanx der Niedrigen zustande
kommen können, die sich heute mit so bewundernswerter Regie über alle
Grenzen hin in die Hände arbeiten? Auf uns, die sie gewähren lassen, fällt
der Fluch dieser Zeit zurück. Nicht auf die schlechten, deren Tun im
Einklang steht mit ihrem Wollen; auf uns, nicht auf die Knechte, welche
sich zu unseren Herren machten, sondern auf uns, die wir uns von ihnen
knechten ließen. Sollte der Tag hereinbrechen, an dem es zu spät sein wird
für unser zusammengehen, so werden wir, die guten Willens sind, als die
Schuldigen stehen, weil uns der Mut unseres besseren Wissens gebrach, dem
Genius des Krieges die Siegermaske von der gedankenlosen Stirn zu reißen.
Ah! wir bedachten nicht den tiefen Sinn jener Sage, welche den Drachentöter
die Sprache der Vögel verstehen ließ, als er vom Blut des erlegten
Ungeheuers genoß!
Es waren stille Tage. Der Sommer reifte wie eine Frucht. Schon rissen
Gewitter den Himmel auf und schlugen die Wellen bis zu den herabhängenden
Blüten am Ufer. Und die Nächte verströmten betäubend und lau. Es war ein
Wandeln wie im Traum, bedrückend und begeisternd zugleich. Meine
Unterredung mit dem Grafen Carry datierte vom 5. Mai. Schon am 17.
depeschierte er mir, die Pässe für Frau v. L . . . . und ihre fünf Kinder
seien gewährt.
In den Weinbergen surrte das Licht, die goldenen Bienen waren eins mit ihm.
Ob man lebte oder gestorben war oder eben geboren wurde, machte keinen
Unterschied. Es war zu heiß. Den schönen Damen standen die Koffer gerüstet.
Ihre neuesten Kostüme und Kleider, die seidenen Sweater und die Hüte und
die Schuhe kannte man jetzt. Es war Zeit, in einem neuen Ort neu darin zu
erstehen.
Für den 29. waren in Zürich Busonis Opern unter seiner Leitung angesagt.
Dort sollte ich mit Fortunio zusammentreffen, und dann an den Thuner See
mit ihm fahren. Aber statt seiner kam ein Brief, und meine Stirne umwölkte
sich beim Anblick seiner Adresse: Es war ein Mißgriff und eine Illusion,
daß er die Villa des geölten Nibelungen bezog. Kurz herausgesagt, wir
beiden konnten einander nicht leiden. Ich grollte ihm nicht, weil er meine
Haltung verurteilt und mir versichert hatte, wir seien immer noch zu
anständig; sein plötzlicher Radikalismus, vielmehr die Art, wie er sich als
unser Leithammel aufwarf, ärgerte mich. Denn er war keiner von den Unseren.
Mit Lanze und Speer kam ich ins Spiezer Schloßhotel, ihn zu bekämpfen. Dort
warteten A. H. Pax und seine unschätzbare Gattin seit einer Woche meiner.
In der Halle stand ein Bechstein, und von Paxens tiefer Loggia aus hatte
man den Blick nach Süden über die Alpen und den See. Bei ihnen waltete
Überblick, Wissen und Nächstenliebe, dazu ein Aroma von Wiener Kaffee und
Gemütlichkeit, die nicht zu überbieten waren.
Die Villa des Geölten lag unter den Tannen in der Tiefe, einen Kilometer
entfernt und in wundervoller Lage. Ein kurzer Weg bog vom Gitter bis zum
Hause, als wäre er unendlich, ein. Die veredelten Kirschbäume, die ihn
beschatteten, bestahl ich, soviel ich konnte. Es verdroß Fortunio, doch ich
erklärte, Kirschen nur vom Baume essen zu können, und riß im vorbeigehen
immer welche herab. Es waren wirklich Kirschen für Hesperiden. Die unteren
Zweige hingen schon leer.
Der geölte Nibelung gehörte dem Geschlecht derer an, die nicht nur
geschäftskundig, sondern auch mit regen Sinnen für das Schöne begabt, zu
überaus tüchtigen Faktoren berufen, dabei haarscharf an ihre Stelle zu
verweisen, ja niederzuhalten sind. Unsachlich, ungedanklich, nur der
Witterungen, aber keiner Erkenntnisse fähig, konnte er sich nach innerer
Herkunft und Bestimmung höchstens zum Sklavenhalter, niemals zum Herren
vermögen. Gütiger Regungen sehr wohl fähig, war der geölte Nibelung infolge
seines unbändigen Ehrgeizes der glücklose Knecht, außerstande sich zu
bescheiden. Über ihn wölbte sich der freie Himmel nicht unmittelbar,
zwischen ihm und dem Äther, den Göttern und der Natur lastete eine
trennende Kuppel. Fortunio aber, und wenn er tausendmal zerschellte, war
ein Sohn des Lichts. An ihn klammerte sich der Geölte, von trüben Stacheln
getrieben, und eiferte um die gleiche Stufe der Leiter mit ihm; von
Eifersucht und Zuneigung gleicherweise gequält, suchte er -- immer unbewußt
-- ihn an sich zu reißen oder ihn zu verderben. Seine Gattin liebte es,
vierhändig zu spielen, ihr Anschlag war eine Pein, und ich stand sehr bald
mit beiden übers Kreuz. So ging ich nicht mehr den kurzen Weg, der zwischen
Gitter und Haus ins Unendliche lief, und sah von dieser Stelle aus nicht
mehr den Niessen wie eine Riesenpyramide inmitten des fruchtbaren Tales
stehen.
Der Himmel freilich kam hier nie zur Ruh, und die Gegend war mehr eine
großartige, opernhafte Szenerie, denn eine Landschaft, das Licht ein
Beleuchtungsapparat; statt der Spiegelungen hatte man Effekte. Das
Schreckhorn leuchtete in der Verkürzung, der See war eine Arie.
»Komm, komme!« schrieb der Seidenaff aus St. Moritz. »Wer weiß, was mit uns
in einem Jahre geschieht.« Und eines Morgens reiße ich aus, um den Sommer
im Engadin zu beschließen.
Mein Weg führt über Bern, und ich mache bei Martin im Walde halt. Er ist
schwer niedergedrückt. Das deutsche Verhängnis war für jeden, der außerhalb
des Landes wohnte, unaufhaltsam. Ich schreibe eine Depesche unter seinem
Diktat und renne damit zum bayrischen Gesandten. Dieser besteht darauf,
Martin im Walde selber zu sprechen: ich also mit Windeseile zu ihm zurück
und ihn so lange quälend, bis er mir folgt. Aber welch ein Interview! Alle
heißen und kalten Wasserhähne sprühten um die Wette, daß es nur so pfiff.
Die Depesche hat er aber abgeschickt, mache ich auf dem Heimweg geltend.
Sie übermittelte jedoch diejenige Brause, die man sich auf Wochen noch
verbat.
Fluchtartig verließ ich die Stadt der vergeblichen Zusammenkünfte.
* * * * *
Palace Hotel, St. Moritz.
AUGUST 1918. Man hätte sich auf dem Berge Arrarat glauben können, wären
unter den Geretteten nicht so viele gewesen, die mit einem Mühlstein am
Halse zu tiefst der angerichteten Sintflut zu liegen verdienten. Diese
Menschenmetzger, Gewinnler am Elend der Menschheit und gemästet von ihrem
Blut, hier machten sie sich breit und schlemmten.
Gleich bei meiner Ankunft hatte ich den Seidenaffen besucht und war auf der
Treppe gestürzt, so daß ich bleiben mußte, wo ich war. Doch inmitten des
Geschwirres begann da für mich ein Leben wirklicher Beschaulichkeit. Ich
kannte niemanden, mit San Cividales verkehrte ich nur in den oberen Räumen,
unten mieden wir uns, denn wir waren ja Feinde. Auf den Stock gestützt,
hinkte ich, wenn Sajani mit seiner kleinen Kapelle spielte, zu einem
Schreibtisch in der offenen Galerie, die Berge von Pontresina vor Augen,
die ekstatisch nach Süden träumten; unten der tiefgrüne Bergsee und der
Waldweg seinen Ufern entlang; St. Moritzbad im Rücken, damit ich es nicht
zu sehen brauchte.
Es war sehr oft »etwas los«. Alles strömte dann nach derselben Richtung, um
sich im Sportkostüm zu treffen, bevor man sich im Abendkleide wieder
begegnete. Dann spielte die Kapelle ins Leere, ich aber zog unter den
Baldachin, die Tangonoten verschwanden, und wir spielten Trios. Es
schlichen immer ein paar unbeschäftigte Kellner herein, und dies
Kellnerpublikum war uns ein Sporn.
In der Umwertung der Gesellschaft selbst besteht heute die eigentliche und
tiefe Revolution. Ein rein äußerlicher Staat hat merkwürdigerweise
aufgehört, elegant zu sein; das Prestige einer Klasse als solcher, mag es
noch einmal aufflackern und sich noch eine Weile fortläppern, ist dahin.
Diejenige Klasse, die überall am Kriege die unschuldigste war, wird täglich
an Interesse gewinnen und ihren Tag erleben. Der Arbeiterstand als Magnet:
so schnell reiten die Toten! --
Wie faszinierend war es indes, die Herren von vorgestern zu beobachten,
welche wähnten, daß sie es noch seien, und die höchstens noch der Wirt, bei
dem sie abstiegen, in dem Glauben erhielt; diese Herren auf Abbruch, die
nicht merkten, daß ihre Füße sich schon im Gerölle fingen. Müßigkeit und
Unwissenheit hatten ihre Norm so tief herabgedrückt, daß, um ein Beispiel
zu geben, edle Musik eine Zumutung für sie gewesen wäre. In der Tat, es
lohnte sich, sie zu studieren. Sie machten noch die Gesten der Väter, aber
schon war der Pöbel bei ihnen eingebrochen und schuf sich in diesem
äußersten Rechteck der Gesellschaft ein Ventil. Nirgends vielleicht hatte
sich die Achtung für inneren Wert so sehr verringert und kam innerer Adel
so wenig in Betracht. Wie viel ritterlich Gesinnte zählte man unter diesen
Kavalieren? Wie viel Strebende? Was die Unbildung, die zunehmende Verrohung
dieser Clique betraf, so stand sie den von ihr verhöhnten nouveaux riches,
welche Wurstkonserven zu Magnaten erhoben hatten, innerlich schon am
nächsten, und es war rührend zu sehen, wie hier die Elite -- denn auch die
sogenannte Elite hat natürlich ihre Elite, und ich weiß keine
liebenswertere -- von ihr abrückte und sich ihrer schämte.
Auch den Trost von ein paar wirklich schönen Frauen hatte man hier. Der
Seidenaff zwar verzog sich des Abends immer sehr bald. Sah man nach ihr um,
war sie wie ein Vogel schon weg.
Aber die leidende Sylvia, schön wie eine gestirnte Nacht, tanzte so gern.
Und ob man sich auch sagte, die Melancholie ihres Lächelns, ihres Lachens
sei nur Zufall, nur der Form ihrer göttlichen Lippen, dem Licht ihrer Zähne
entblüht, sie entzückte darum nicht minder.
Eine andere kam zuweilen von Suvretta herüber, ein Püppchen, so zierlich
gebildet, als wäre sie in einer blitzend ausgeschlagenen Nußschale
dahergefahren.
Eine vierte war noch da, von der ich noch reden werde. Aber laßt mich bei
der gestirnten Nacht noch einmal verweilen. Meistens trat sie erst, nachdem
der Tag zu Ende war, scheinbar ausgeruht, in ihrer düsteren Pracht hervor,
blieb dann bis zum Hahnenschrei, wie die Braut von Korinth, und hielt ihre
Tänzer in Atem.
* * * * *
ANFANG SEPTEMBER. »Ich hörte lange nichts von euch«, schrieb ich an
Fortunio. »Was Sie nur treiben?«
Mein Fuß war endlich hergestellt und einer längeren Fußtour gewachsen.
Eines Morgens verließ ich früh das Palace Hotel in Bluse und Rock, einen
Sack umgeschnallt, in dem ich eine ganze Reisetasche leerte, und einen
eigens dafür erstandenen Strohhut, der so tief hereinfiel, als man wollte.
Also ausgerüstet, zog ich nach Maloja, schlug aber bald den Waldweg ein,
denn die zahlreich einherrollenden Wagen hüllten die Straße in Staub. Frech
auf den Polstern ausgebreitet, mit befriedigten Mundwinkeln, fuhr ein
Schieber nach dem andern froh zu Tale, oder dem Julier entgegen; ein
feister und wohlgemuter Korso: der Krieg durfte noch dauern.
Am andern Ufer der Seen jedoch wand sich ein stiller Weg um jede Bucht,
nimmermüde, sie zu umschreiben, leis umplätschert, geduldig und verliebt.
Ich riß den Hut vom Kopfe, steckte ihn in den Sack, und ließ die Stirne
frei von den Gletscherwinden umwehen. Es war so schön, wieder schnellen und
gesunden Fußes durch die Wälder zu gehen, die bis in ihren tiefsten
Schatten von Licht und Hitze durchhaucht, statt des Staubes einen Geschmack
von Harz und Erdbeeren auf die Zunge trieben. Ganz plötzlich wurde es kalt.
Hoch am Himmel hielten die Wolken Rat, ob sie sich zusammenballen und den
Herbst eröffnen sollten. Dann zerstreuten sie sich wieder und ließen die
Sonne durch. Aber es war ganz deutlich, daß sie sich nur vertagten.
Spät am Nachmittag saß ich in der berühmten Konditorei von Sils Maria, als
ein Wagen vorfuhr, dem die vierte Schöne des Palace Hotels in Begleitung
ihres Liebhabers entstieg. Es war die notorische liaison des diesjährigen
Sommers. Er, so stolz auf seine Figur, daß er Modell stand, sowie man nur
hinsah, aber dabei das Entzücken seines Schneiders mit dem des Malers
verwechselte; die Stirn niedrig und leer, wie die eines Stallbediensteten,
und einen der Anlage nach gewiß nicht groben, aber schon stark vergröberten
Kopf. Bald, sehr bald würde von dem ganzen Zauber nur noch die Hengstallüre
übrigbleiben.
Die Schöne hatte am nächsten Tische Platz genommen, so daß ich ihre kühle
und strahlende Erscheinung mit Muße betrachten konnte. Der Schmelz, die
Zeichnung der Brauen und des Ovals, die Augen, wie große, kostbare
Edelsteine eingesetzt, waren die eines vollendeten Renaissancegesichtes.
Man konnte sich kein typischeres denken. Ihr Lächeln beunruhigte. Und doch
war sie so jung! Jugend hielt noch, wie die Staubfäden einer Blüte, Fesseln
und Gelenke zusammen. Sie hatte sich erst ihres Schleiers entledigt, nun
folgte der Hut. Sie legte ihn neben sich hin. Ihr Haar, mit unerhört
raffinierter Schlichtheit getragen, umschmeichelte nur die Schläfen mit
seinem Gold und ließ die Stirne frei, jetzt wandte sie den Kopf. Da aber
kam ein platter Hinterkopf zum Vorschein, der Kopf der Viper, da woben
schon unendlich leise Fäden an ihrer künftigen Häßlichkeit, und da kündete
sich von fern der nach außen gerichtete, erinnerungslose Blick der
Vierzigerin, ohne Rückwärtsschauen . . . Lange blieben die beiden nicht,
stand doch die lange Fahrt noch aus, und mußte sie doch ruhen, bevor sie
sich langsam wieder schmückte zum spätesten aller Diners. Nicht nur mit
ihren Abendkleidern, auch durch spätes Erscheinen wetteiferten nämlich die
Damen im Palace. Konnte auf der Welt etwas ordinäreres sein, als schon um
neun zu Nacht zu essen? Und war dies nicht der Gipfel?
Ihr Geliebter legte ihr jetzt den Umhang über, mit jener tiefen
Ehrerbietung, die ein solcher Mann einer solchen Dame gegenüber, die solche
Perlen mit in die liaison brachte, empfinden mußte. Auf seine Hand gestützt
und von den Kindern des Dorfes umstaunt, schwang sie sich auf das Gefährt
und griff in die Zügel.
War es Einbildung? Hatte der Jammer des Krieges meine Augen geschärft? In
dieser zarten und köstlichen Gestalt hatte ich deutlich den Brustkasten der
Kindsmißhandlerin gesehen. Welch ein Scheinleben kutschierte da dahin? Das
leichte Getrapp ihrer Pferde, dann das Echo ihres Getrappes hallte noch
lange von den Felsen herüber.
Was war es, das mich so feierlich stimmte?
In den Gasthäusern und Hotels ging jetzt überall ein Klappern von Tellern
und Bestecken los. Es wurde geläutet und gegongt, und wer nicht im
Restaurant aß, der mußte sich bescheiden, vorgekochtes der Reihe nach zu
essen; ein Zwang wie ein anderer. Da war es schöner, noch etwas zu
streunen.
Ein ungewöhnlich starker Mond stand in seiner ganzen Fülle; es wuchsen die
Berge unter seinem Hauch, das Dorf erblaßte wunderbar, eine graue Bank ward
ganz sie selbst. Die Funksprüche der sich bereitenden Nacht liefen wie toll
alle Täler entlang, und schon waren alle Täler berauscht. Auf dem Platze
hielt ein Gespann, die Gäule hielten die Köpfe gesenkt, als ob sie
träumten. Ich lief hinzu. Es war die Post, die nach Maloja fuhr. Es gab
noch einen Platz. Ich sprang hinein. Die Pferde zogen an. Bevor wir noch
das Ufer erreichten, stieg ein Reisender aus. Außer mir blieb nur ein
Liebespaar, das sich an den Händen hielt. Es war sich Mondschein genug.
Den Kopf hinausgestreckt, trank ich diese Nacht, und hatte sie für mich
allein. Nichts war mehr, wie es war. Der See lag im Silberschleier
regungslos wie eine Tote, und der Mond goß Myrthensträuße über sie herab.
Nur das Gras des Ufers erhob sich in gespenstiger Lebendigkeit. Sicher war
es nur ein Spiel der Luft, daß die Berge hier zerfielen. Blöcke sich
lösten, als sei die Welt zu Ende; Felsensäle bauten sich in die Klüfte ein,
Riesengemächer warfen sich dazwischen. Es konnte nicht sein, und so sah die
Welt nicht aus. Auch die Liebesleute waren anders wie zuvor. Dieser edle
Pensieroso stieg als ein unscheinbarer Tourist in Sils Maria ein, und sie
hatte weder dieses Haar, noch diese Lippen gehabt. Morgen würde hier die
Sonne auf ödes Schilf vielleicht hinbrüten und das Paar nicht zu erkennen
sein.
Als um ein Uhr morgens der Wagen mitten in Maloja hielt, stieg es wortlos
aus. Ich hatte kein Quartier bestellt und kam nicht unter. Außerhalb des
Ortes lag noch ein Hotel. So marschierte ich jetzt allein die taghelle
Straße weiter, geradeswegs auf einen neuen Absturz zu. Dort stand das Haus.
Ein junges und verschlafenes Mädchen führte mich über manche Treppe hinauf:
zufällig stünde das einzige Zimmer frei, das für Gäste reserviert blieb.
Alle andern hielt während des Krieges die Militärbehörde in Beschlag. Die
nächste Poststation sei italienisch.
Sie reichte mir eine Petroleumlampe und verschwand. Die Stube hatte zwei
Fenster und war schneeweiß. Ich warf den Kopf weit auf die mondbeschienenen
Kissen zurück. So angelangt!
* * * * *
Aber nicht lange, und der einsetzende Kampf zwischen dieser Mondnacht und
der Dämmerung weckte mich aus dem Schlaf, Nebel mischten sich hinein und
wollten alles für sich. Endlich ragten Tannenspitzen ins Leere; der Absturz
war kein olympischer; eine Straße schwang sich, breite Kurven nehmend, in
die Tiefe.
Gedulde dich, Leser, auch dies Buch geht jäh zu Ende. Folge mir noch. Hoch
steht schon die Sonne über das Bergland, ein anderes freilich als der
vergangenen Nacht. Von ihrem Spiel erholt, verströmt der See sein Blau,
nach allen Seiten, ganz verbuhlt. Myrthensträuße und Schleier sind
vergessen und hängen als weiße Fäden im Gesträuch.
Wie seltsam ist die innere Stimme in uns! Welcher Stachel hatte mich zu dem
hart an der Schwelle des aufgerissenen Gebirges und kaum, daß es tagte,
hinauf, hinab und wieder emporgetrieben, wo sich zu höchst der Wälder und
noch in ihrer Mitte der See entzieht, verborgener Tränen zerflossener
Kristall, ohne Kahn und ohne Erdenstaub; und dann wieder zurück in die
Gaststube, um zu zahlen, und dann wieder aufzubrechen, mit der umgehängten
Tasche und dem lächerlichen Hut, an der Waldseite des Sees den Weg
einzuschlagen, den ich jetzt lief. Es war ein Notbehelf! Ich lief, um nicht
zu tanzen. Denn ich war inmitten eines Festes. Umgeben und geborgen, als
sollte die Gehobenheit nicht wieder von mir weichen, erreichte ich ein
Dorf, das als Landzunge weit in den See hinausstieß und jenseits der Zeiten
zu liegen schien. Eine alte Frau saß auf einer Bank vor ihrem Hause, und
ich bat sie, mich drinnen ausruhen zu dürfen. Wir verstanden einander
nicht, aber die Müdigkeit spricht ihre eigene Sprache zwischen Frauen. In
einer Stube des Erdgeschosses, die durch ihre edle Sauberkeit den Eindruck
des Luxus erweckte, stand eine schmale, gepolsterte Bank. Dort schlief ich
auf der Stelle ein.
Als ich erwachte, war der Tag noch hell, aber schon gebräunt vom Golde des
Abends, und ich mußte eilen, um vor Anbruch der Dunkelheit in Sils zu sein.
Auch für mein Herz ging jetzt die Sonne unter, und das Fest verklang. Von
den Strapazen ausgeruht, war es zugleich, als sei mir durch den
kräftigenden Schlaf, wie ein Alltagszwilch, ein gröberes Ich übergeworfen
als das, welches seit gestern das meine gewesen war. Ob wohl mein Koffer
eingetroffen sei, wo meine Brotkarte stecken konnte, wo ich absteigen
sollte, derartiges beschäftigte mich wieder. Aber ich spreche von
verloschenen Kronleuchtern, oh Leser, und du weißt noch nicht, warum sie
brannten?
Aber vielleicht hast du erfahren, daß es Träume gibt, deren Nachhall, statt
zu verklingen, sich bleibend, wie ein Echo zwischen Klüften, in unserem
Innern fängt. -- Solcher Art war der durchdringende Ton der Mondnacht in
Maloja.
Es ist nicht gleich und nicht vergänglich, wie sich die Kurve eines Fußes,
der Umriß einer Schulter anläßt, wie ein Knie sich rundet, wie eine Hüfte
fällt. Es ist das Flüchtigste nicht gleich. Und ganz und gar nicht gleich,
noch zufällig ist es, welchen Ganges wir den Hügel abwärtsgehen.
Hochzeitlich können solche bald versenkten Dinge unverloren
weiterschwingen.
* * * * *
Die Wolkenversammlung war noch immer nicht anberaumt; vielmehr vertiefte
sich am nächsten Tage das weiß des Himmels und musizierte mit dem
Himmelsblau über das Fextal, das bewegteste der Erde, auf und nieder
schwingend wie eine Schaukel. Ragte, von unten gesehen, ein Kirchlein zu
oberster Schneide für sich allein, so stand es, war man oben, ganz
unsensationell in einem Wiesenviereck, und sein rostiges Gitter knarrte im
Winde, und nur die Berge rückten verändert und entschlossener zusammen.
Wieder in der Tiefe und weit hinausgeschoben, richtete ein Gasthaus seine
Glasveranda dem Gletscher entgegen. Auf ihn ging ich jetzt zu. Doch mit dem
Lichte wandelte sich mein Gemüt. Es brütete milchweiß von einem hohen, aber
sich überziehenden Himmel. Hinter mir fuhr ein kleiner Wagen her. Darin
saßen zwei Herren, die angeregt mit einer noch jungen Dame plauderten. Aber
der Weg hörte bald auf, fahrbar zu sein, und ich verlor sie aus den Augen,
graugrünes Nadelgehölz war um mich her und der entfärbte Fluß zu meinen
Füßen. Stolperte ich jetzt und stürzte ich hinab, wer würde mich vermissen?
In welchem Hause entstand eine Lücke, wenn ich nicht wiederkam?
Kein Dach, kein Herd, kein Wesen; überall zu Gaste! keinem Menschen
ungeteilt und wirklich zugehörig; als immer wiederkehrenden Gefährten die
entsetzliche, gefürchtete Melancholie, die ich so feige, so vergeblich
floh. Nun stellte sie mich angesichts dieses Tales der Verlassenheit. Wozu
bist du hier? herrschte mich seine Stille an.
Der sonnenlose Himmel über dem Nadelgehölz, mehr noch der Fluß, dem
Gletscher hier entlassen, und seinen Lauf so blaß beginnend, griff ans
Herz.
Plötzlich stand die noch junge Dame vor mir und sprach mich bei meinem
Namen an. Nun war stets meine erste Sorge, daß er in keine Hotelliste kam.
»Woher wissen Sie, wie ich heiße?« fragte ich und wollte die Spröde
spielen; aber da gab sie mir zu wissen, daß sie meine Bücher kenne. Sie
lebte in Genf und war Amerikanerin. Wir wechselten einige Worte, dann stieg
sie wieder hinab. Gleich darauf rollte das Wägelchen mühsam aufwärts, in
dem die noch junge Dame mit ihren Freunden plauderte. Gewiß -- man sah es
ihr an -- standen, wenn sie nach Hause kam, ihre Abendschuhe bereit, und
ein freundliches, ihr ergebenes Zöfchen half ihr, sie anzulegen. Wie
verwahrlost ich war!
* * * * *
Als ich am Morgen darauf erwachte, lag weithin Schnee. Ich klingelte
entsetzt. Der erste Postwagen brachte mich ans andere Ende des Tales, zum
Zuge, und schnell in eine vom Winter noch nicht heimgesuchte Welt hinab, wo
Zürich einer entbrannten Ebene zulief, die von der Glut des Sommers
weiterträumte. Hier reißt der See ein weites Fenster nach dem Himmel auf:
es ist die hellste Stadt der Welt.
Aber von hier aus jagte mich eine dringende Depesche Fortunios fort, der
mich bat, sofort nach Spiez zu kommen, mit dem Zusatz: »Besitzer auf zwei
Tage verreist.«
So war ich abends unterwegs zur Villa des Geölten, die ich nicht wieder zu
betreten glaubte. Da war das Gitter, der Kiesweg, der sich so schnell
verlor. Man sah das Haus erst, wenn man davor stand.
Fortunio aber war schwer krank. Verfallen, zerfurcht, zerwühlt. Wir aßen im
Schloßhotel zur Nacht und besprachen die Abreise für den morgigen Tag. Ich
fühlte meine Arme erstarken, in dem Wunsch, ihm zu helfen, und unser schier
geisterhaft geschwisterlicher Bund war durch die Trennung neu erhellt. Am
nächsten Tage aber lag er zerrüttet, ohne Energie.
»Morgen, morgen«, sagte er. Ich reiste ab, nach Bern, Fortunia zu
alarmieren. Ihr Gesicht erinnerte an ein von schwerem Regen heimgesuchtes
Land. Ohne Schonung schilderte ich seinen Zustand und ließ dann die Sache
bei ihr. Um nicht in Bern zu bleiben, fuhr ich abends nach Montreux.