Zarastro

Dieses Buch, das auf Grund täglicher Aufzeichnungen entstand, enthält

Enttäuschungen als sein Wesen. Es ist ein Tagebuch der Enttäuschungen, ich

verhehle es nicht. Gerade sie sind das einzig wertvolle daran. Denn an

allen Erlebnissen während dieser Jahre, an allen Szenen, allen Ereignissen,

allen Episoden hat sich die Beobachtung ergeben, daß im wachsenden Umfang

die besten Hoffnungen, die reinsten Zugehörigkeiten ihre dramatische

Zerstörung nach sich zogen. Zu sehen, wie sie immer sehr buchstäblich

zuschanden kommen mußten, versetzte mich erst in eine dumpfe,

herabgestimmte Unruhe, und nur allmählich entdeckte ich, daß sich in allem

die kleine wie die große Höllenmaschine menschlicher Niedrigkeit gleichsam

eingebaut hielt, überall, auf dieselbe Weise und mit derselben Wirkung jede

edle, jede vernünftige Absicht, jede Harmonie im Keim vernichtete. Diese

Gefolgschaft, dies enge Schritthalten der Bösen -- jeder Zufälligkeit bar

-- zeigt sich vom Anekdotischen bis zur Entladung so konform, daß es die

Schicksale des einzelnen zur genauesten Replik der Weltschicksale prägt.

Erster Teil.

Am 1. Februar 1917 kam ich gegen Abend definitiv nach Bern. Im Zug -- am

Fenster -- schlief ich zwischen Zürich und Baden auf einige Sekunden ein.

Dabei rückten sich Bilder aus meiner Wohnung, aber um ein Drittel

vergrößert -- die sich also selbst vergrößert hatten --, selbst an einer

Wand zurecht. --

Trotz dieser so unvermittelt aufblitzenden Vision wurde die Mutlosigkeit,

gegen die ich anzukämpfen hatte, immer drückender, und geradezu trostlos

gestaltete sich meine Einfahrt in die Bahnhofhalle. Es goß so recht von

innen heraus, wie nur der Berner Himmel zu gießen versteht. So begibt man

sich wohl ins Gefängnis, wie ich in das Haus, um dessen anheimelnder alten

Stiege willen ich im zweiten Stock zwei kleine Zimmer mit einem Alkoven

gemietet hatte. Übrigens waren sie noch nicht frei, und indessen wurde mir

ein großes niedriges angewiesen, das sofort meine Abneigung erregte: bis

auf einen gewaltigen Tisch von wahrhaft tröstlichem Umfang. Er stand mitten

in der Stube, ganz auf sich beruhend:

Sieh mein geräumiges Rund, und wie gefällig es ist! Sahst du ein weiteres

je?

Bürde nur füglich mir auf, was immer du willst. Ich schaffe noch Platz dir.

Na also!

So redete er, halb in Hexametern, halb wie eine alte Kindsfrau zu mir, war

immer optimistisch und richtete mich auf.

Das Münster aber, das so gut anhebt und so schlecht verläuft, beschattet

und beherrscht den Platz, und die Aussicht hart vor meinen Fenstern ist

durch ihn versperrt. Auch mein Herz schlägt hinter Riegeln. Ich bin nicht

mit den Illusionen hergekommen wie das erstemal.

* * * * *

4. FEBRUAR. Kalte regnerische Tage, unfroh wie die Stunde meiner Ankunft,

welche Telramunds, als sei dies unvermeidlich, zuerst erfuhren. Die Lauben

sind, wie es scheint, ihr Jagdrevier, denn kaum trete ich vors Haus, so

schießen sie mir schon wie auf Rollschuhen der Neugierde entgegen, jedesmal

mit einer Einladung zum Tee. Ich bin entschlossen, ihr nicht zu folgen,

denn sie ist natürlich nur verhörsweise gedacht. Fortunio rät von einer so

schroffen Haltung ab. Wir diskutieren hin und her, und ich lasse mich

leider überreden.

6. FEBRUAR. Tee bei Telramunds. Ich trage meinen teuren Pelz, denn es ist

kalt, dazu aber ausgebesserte Schuhe, weil es regnet. Der Empfang ist

übrigens von so glänzend imitierter Herzlichkeit, daß er mich fürs erste

ganz beschämt. Wie unverkennbar ist doch im Grunde Telramunds Zuneigung für

mich! Er erörtert meinen Roman in den höchsten Tönen, und wie freut sich

Ortrud, mich zu sehen! Wie ungerechtfertigt ist der Name, den ich ihnen

gebe! Wie funkeln Teekanne, Dose und réchaud! Wir sitzen ein wenig

merkwürdig zusammen, es ist wahr! unsere sechs Knie eng aneinander gerückt:

die meinen in der Mitte, wie die eines Delinquenten, von den beiden andern

flankiert. Doch ist das nur zufällig vielleicht.

Wenn aber drei Leute sich äußerlich in so enger Gemeinschaft befinden, und

zwei von ihnen werfen sich Blicke zu, so wird es der Dritte bemerken, auch

ohne es zu wollen und ohne hinzusehen. Ortrud guckte wertschätzend von

meinem Mantel herab auf mein Schuhwerk. Der Pelz einerseits und die

Reparatur anderseits gaben zu denken. Wie aber konnten sich die beiden so

vergessen, daß sie plötzlich anfingen, wie mit Fliegenklappen nach mir

auszuholen und sich hochbefriedigt ansahen, wenn sie glaubten, mich ertappt

zu haben?

Zwar lag es auf der Hand, daß ein so leicht zu überführendes Geschöpf

unmöglich zugleich jene raffinierte Person sein konnte, für welche ich

wußte, daß sie mich hielten. Aber wie resolut Leute von schlechten

Instinkten jegliche hemmende Logik von sich weisen, wußte ich auch. Von

neuem auf der Hut, beantwortete ich jede Frage mit einem Kunstbogen; als

jedoch der Name Elisabeth Rotten fiel, hielt ich krampfhaft an diesem Thema

fest. Telramund konnte ihren politischen Scharfsinn nicht genug loben

(später stritt er ihn ihr öffentlich ab). So erzählte ich denn von ihrer

schwer angegriffenen Gesundheit und ihrem Wunsch nach einer Erholungsreise.

Diese aber sei nur durch List und Tücke zu erreichen. Es müßte also, meinte

ich, mehr mitteilsam wie raffiniert, unter Vorspiegelung eines Vortrags,

welchen sie dann natürlich nicht halten würde, ein Paß für sie erschlichen

werden.

Die Idee wurde stillschweigend zur Kenntnis genommen. Blicke flogen . . .

und es war unverkennbar, daß etwas nicht stimmte.

Bin ich nach Bern gekommen, dachte ich auf dem Rückweg, um mit Leuten zu

verkehren, die ich zu Hause nie ertragen hätte?

Das Wetter hatte sich auf einige Stunden aufgehellt, und über der Brücke

von Kirchenfeld flammten plötzlich die Alpen auf. Blaß und verheißungsvoll

leuchtete die losgelöste Jungfrau über das Gewölk, das sich in schwarzen

Massen zu Tale schob. Wie ganz und gar nicht existierend, dachte ich da,

ist doch letzten Endes das Gemeine! Nur unser träges und verwischtes Sehen

leiht ihm den Schein von Wesenheit, und Leuten wie Telramunds das Gesicht.

Und zwei verschwisterte Seelen hatten da einen Bund geschlossen, wie die

Hölle ihn liebt. Dabei war Telramund Berliner und Ortrud, wie zum

Schulexempel, eine Französin aus der Provinz. Ach! Welch ein Schabernack

wird doch über alle Grenzen hin mit unseren Gesetzen getrieben! Keine Feder

wiegen sie auf gegen die Schleuderwaffen, über welche schlaue Unvernunft

gebietet. Wohl haben wir gelernt, Weingärten und Äcker zu bestellen,

veredelt hängen uns die Früchte von den Bäumen hernieder, und wie

umsichtig, wie bewundernswert ist der Mensch angesichts seiner Felder! Nur

vor sich selbst ist er stehengeblieben. Da jätet er nicht. Da steht überall

goldener Weizen, von wild um sich greifendem, allgewaltigem Unkraut

erstickt. Gegen die Natur, die Elemente, die Erde, ja die Luft selber

schritten wir ein, nur vor uns selbst sinken uns die Arme, und wir lassen

geschehen. Dies ist die bisherige Logik der Welt, der Nationen. Nicht

einmal bis zu unseren Verbrecherstatistiken besannen wir uns -- wie hätten

wir da bis zu den Tabellen unserer verkleideten und ganz undrastischen

Übeltätern gedacht? --

* * * * *

Allseitige Verstimmung. Mein Wunsch, Fräulein Rottens Wunsch zu erfüllen,

hat schwärzesten Verdacht erregt. Ich kannte die in Bern geschaffene

Atmosphäre noch zu wenig, um zu verstehen. Warum in aller Welt, beschwert

sich Fortunio bei mir, mischte ich mich da hinein! Welches Interesse hatte

ich an dieser Reise?

Und diese Idee eines Vortrags! (Sogar er, es war unverkennbar, hat Argwohn

geschöpft!)

Nur ein Vorwand natürlich! ich sagte es ja Telramund.

Fortunio zuckte die Achseln: er hat es Ihnen natürlich nicht geglaubt.

Die beiden werden uns noch sprengen!, brach ich aus, alle unsere

Anstrengungen hintertreiben und uns alle zu Grabe tragen.

Mit Martin im Walde hatte ich ja meine Not. Die Verdächtigungen auf ihn

regneten ohne Unterlaß. Schon während jenes Diners, welches Aramis bei

meiner ersten Berner Ankunft gab, hatte ihn Telramund als einen Agenten mit

doppeltem Schubfach bezeichnet, und Ortrud pfiff förmlich vor Hohn wie eine

Maus. Daß ich widersprach, fiel nur auf mich zurück. Für einen ehemaligen

Kruppdirektor also machte ich Reklame! Sprach dies nicht Bände? Daß er

tatsächlich seine Stellung seinen Überzeugungen geopfert hatte, war ein

Beweis mehr für seine Verschlagenheit. Den Bruder kannte er. »Den Bruder

kenne ich!« war sein Refrain.

* * * * *

9. FEBRUAR. Ich miete einen Flügel: ohne Schmelz, ohne Tiefe, es ist wahr,

und doch edel, weil immerhin ein Flügel. Gott sei Dank! Flügel sind jetzt

sehr schwer zu kriegen! Ich bin einen ganzen halben Tag glücklich. Welches

Glück! -- es ist ein Glück, das ich der Protektion eines jungen Berner

Pianisten verdanke. Wir hatten ein Zusammentreffen verabredet, um in die

Fabrik zu fahren. In den Lauben kam Ortrud auf mich zu und äußerte den

Wunsch, mich zu besuchen, und da ich ungeheuer eilig tat, begleitete sie

mich, um zu sehen, ob es wirklich der junge Pianist war, der mich erwartet.

Da er es wirklich war, denke ich mir, sie beruhigt sich jetzt.

10. FEBRUAR. Telramund erzählt mit vielsagender Miene, daß ich einen Flügel

gemietet habe. Kein Zweifel mehr: ich bin eine Spionin.

11. FEBRUAR. Aramis gibt mir zu wissen, daß er sich wundere, weil ich ihm

noch kein Lebenszeichen gebe. Ich unterließ es nur, denn er ist mir

sympathisch, weil mir versichert wurde, daß er mir nicht mehr traue.

Es sei kein Grund, sagt mir Fortunio, ihn zu schneiden. Seufzend (da er mir

ja mißtraut!) rufe ich ihn ans Telephon, und vor seiner Sprache, ach! wird

mein zerrissenes Herz sofort wie eine Geige, in welche diese Sprache (auch

die meine, ach!) hineingreift wie ein Bogen.

13. FEBRUAR. Gestern abend war ich bei Fortunio, und Martin im Walde fand

sich zum ersten Male bei ihm ein. Vor dem Kriege hätte ich sie nicht

einander zugeführt: Fortunio so musisch und sternengebannt, aber auch

stemschnuppenhaft, Martin im Walde so schwerblütig, so problematisch und so

vorbedacht! Heute aber muß alles zusammenstehen, was aufrecht blieb. Wie

errichten wir sonst jene Dämme gegen die blinde Gewalt, den Schutzmauern

vergleichbar, die sich so wacker gegen die Bergwände stemmen, um zur Zeit

der Schmelze die Lawinen aufzuhalten? Auch unserem Planeten stand der

Frühling nahe bevor, als die Lawine sich entlud, die allen Schutt nach oben

warf und eine grünende Welt und alle Glocken der Vernunft mit ihren toten

Blöcken und ihrem schmutzigen Geröll brüllend und dröhnend überzog. Jene

Mauern, Lawinenschutz genannt, sind natürlich nur roh aufeinander

geschichtete, jedoch wetterfeste Steine, die nichts anderes zum Ausdruck

bringen, als die Not des Augenblicks, dem sie entstanden sind. So scheint

mir heute, wo es den Kampf des menschlichen gegen das unmenschliche gilt,

das wichtige nicht, glattes einzufügen, nicht einmal der inneren

Gemeinsamkeit den Ausschlag zu lassen, sondern die Widerstandskraft und das

Gewicht der Dinge zu bedenken.

Doch ach! Der als Schachfigur so schwer festzulegende Fortunio war heute

auf meine Opportunismen nicht gestimmt, sondern wie zum Trotz in einer ganz

herausfordernden, ganz interpellierenden, ganz konträren, um ihre eigene

Wirkung ganz unbekümmerten Laune. Zu machen war da gar nichts. Im stillen

nur nahm ich mir vor, auf dem Heimweg Fortunios Wesensart, welche Martin im

Walde nicht geläufig war, so beweglich wie möglich zu schildern. Aber nicht

einmal diese nachträgliche Intervention sollte mir gelingen. Denn als ich

auf der Stiege in die Taschen meines Mantels griff, war mein Hausschlüssel

nicht darin, die Nacht aber viel zu weit vorgeschritten, um meine Pension

durch Glockenreißen zu alarmieren. Die übermüdete Fortunia, über die Rampe

gebeugt, rief mich wieder zurück. Neben dem großen Empfangsraum lag ein

schmales Zimmer. Ich bezog es ohne viel Worte und warf mich mit meinen

Kleidern auf den breiten Diwan, der dort stand, ganz erledigt für den Rest

der Nacht. Immer verschärfter schwebte mir die Bilanz des mißratenen Abends

vor und regte mich auf. Wie ungut ließ sich doch alles an!

Eine tiefe Stille lag jetzt über dem ganzen Hause, den Wänden, den Fenstern

und der Luft, als ob sie ein Signal erwarteten. Denn nebenan war plötzlich

ein anderes Leben erwacht, eine andere Unruhe, als die des Tages, ein

Rücken, Geknister, ein Gewisper, Disput und Ungeduld. -- -- Zwar ist dem

Herzen kein Organ verliehen, das unsichtbare zu sehen, aber so mancher

kennt gewiß jenes aussetzen seines Schlages, bevor es tiefer zu horchen

beginnt . . . Es fiel mir ein, daß die ganze Häuserreihe dieser alten Gasse

für mehr oder minder spukhaft galt; doch ein so wenig grauenhafter,

höchstens malitiöser, nicht einmal boshafter Spuk war mir noch nicht

begegnet. Neugierde trieb mich endlich hin zur Türe, hinter der er sich

begab. Aber jenseits derselben hatte augenblicklich -- als sei nie Lärm

gewesen -- Totenstille eingesetzt, und die Klinke, von Tücke besessen,

widerstand allem drücken, drehen und schieben. Mit schmerzenden Händen ließ

ich sie los und kehrte auf meinen Diwan zurück. Alsbald war Geknister und

Getusche, rücken und huschen, Unruhe, Aufregung, heiseres Eifern und

Streiterei im verstärkten Grade wieder da. Offenbar wollte die Gesellschaft

von mir nichts wissen und boykottierte mich. Wie aber kam es, daß ich

plötzlich wie unter freiem Himmel lag und den Arm aufstützte, als schirmten

mich die Zweige eines Baumes, und als horchte ich statt zur Seite hin, tief

unter die Erde hinab? Was immer mir jetzt in den Sinn kam, bot sich wie

eine Zwiesprache dar. Dem Nixenbegriff lag wohl eine tiefe Erkenntnis

zugrunde. Wie diesseits des Menschengeschlechtes, so sind aber auch

jenseits desselben Geschöpfe Gottes denkbar, die an der entgegengesetzten

Peripherie des Lebens beschattet stehen und hinausgerückt; und winzige,

kaum bemerkbare Dinge könnten es sein, die ihnen ein leises Grauen vor

ihrem eigenen Wesen entgegenhauchen: ihr unakkurater Sinn für

Wirklichkeiten, ihr vorwegnehmen des Zieles über Hindernisse hinweg, ist

wie ein gestörter Sehwinkel oder wie ein verkürzter Fuß, den solche

Menschen durchs Leben ziehen, und sie erschauern, verzagen und vereinsamen

bis ins Mark, wenn sie daran erinnert werden. Über die fernest abliegenden

Dinge dachte ich hin und her. Aber warum in aller Welt überkam mich ein

Heimweh nach dieser verschlossenen Tür, und um was für Dinge war mir denn

leid? Du lieber Gott, wollte ich denn von allem haben!

Der ganze tumultarische Betrieb setzte übrigens mit einer spurlosen

Plötzlichkeit aus, als hätte er nie geherrscht. Nur eins war deutlich:

durch die Türe verzog er sich nicht. Es kam etwas anderes: aus dem unteren,

nachts unbewohnten Stockwerk drangen sanfte Trommelwirbel, oh, so deutlich

zu mir, und dann ertönten gedämpft, aber klangvoll, tamponierte Posaunen.

Und dann kam das huschen und fegen eines Kleides, das schleifen einer

Schleppe, ja! im Takt dieser erstickten Musik. Ich horchte mit allen

Fasern. So fein, so spöttisch, so leicht! oh! in der Tat geistreich war der

Rhythmus dieses pas-de-deux, waren die Füße, die Grazie, die

Unkörperlichkeit dieses balancierenden Körpers im Klang der wonnig

umhüllten Posaunchen. Tod und Leben in lächelnder Umarmung -- Leben noch im

Tode? Liebe selbst bei ihm? -- Was verfing sich da eine Uhr, mit vier

groben Schlägen in den Zauber hineinzufahren? Nichts rührte sich mehr. Im

Augenblicke alles längst verflogen und verweht -- welchem Sterne, welcher

Nacht entgegen?

Nunmehr versank die Dunkelheit in ihrer eigenen Stille, und der Schlaf

atmete mir jetzt -- als käme er von außen -- seltsam genug! -- mit weiten

Flügeln entgegen. Ich fühlte noch den Wunsch, mich ihm ganz zu überlassen,

aber daß er mich dahintrug, schon nicht mehr. Gespannten, wachen Sinnes

stand ich in der Mitte eines Saales -- nicht wissend, daß ich schlief. Die

Wände lagen im Zwielicht, und ein paar Leute saßen dort als Zuschauer

herum. Ich fragte mich, was es zu sehen gab und merkte dann erst, daß ich

es war, welche nun tanzte. Die Rhythmen nämlich, nach welchen ich mich

drehte, »geschahen«, ohne zu verlauten, als stünden hier die Gesetze am

Anfang aller Musik, noch ehe, oder ohne daß sie sich vertonten. Dabei

geboten sie mit so wunderbarer und zwingender Macht, daß es unmöglich war,

ihnen nicht zu folgen, und unwiderstehlich kreiste ich dahin. Mit einem

Male hörte ich Fortunios Stimme von der Wand herüber auf französisch sagen:

»Comme elle danse bien«! aber sehen konnte man ihn nicht, denn der Saal war

nur in der Mitte hell. »Pourquoi dites-vous que je danse bien«? rief ich

tanzend zurück. Und tanzte dahin, denn es gab nichts anderes mehr. Nur den

Tanz. Ganz allein nur ihn; ohne innehalten, ohne Unterlaß, den Tanz allein

in diesem Raume, der aufgehört hatte, ein Saal zu sein, denn seine Wände

traten ins Endlose zurück. Nur allmählich merkte ich, daß sich jemand zu

mir gesellt hatte und mich hielt und mit mir tanzte. Es kümmerte mich

nicht. Die Erfüllung war zu tief, meine Augendeckel zu schwer, sie

aufzuschlagen die Mühe zu groß! In den Rhythmen lag alle Wonne. Und sie

gebaren ohne Übergang eine neue Phase, denn halb abwesend, halb aufmerksam

sah ich nun doch meinem Tänzer groß ins Gesicht: matt von Farbe, mit

schwarzem, glattanliegendem Haar war er mir gänzlich unbekannt und zugleich

vollkommen vertraut; der sehr edle Umriß von Kopf und Schultern so

geschlossen, daß er fast ausschloß, was er nicht selber war, fast negierte,

was er nicht kannte. Was dünkte mir daran so fremd und so verwandt

zugleich? Die Melodie einer Rasse, der ich entstammte, und doch nicht mehr

die meine? von ihr hinausgerückt? verabschiedet von ihr? wiederum der

Boykott? Gleichviel! wir tanzten. Eines Schrittes! Diese Zeitmaße kannten

keine Zeit. So mögen Sterne kreisen. Aber auch was ich dachte, war nicht

mehr aus seiner Bahn zu drängen: aus reinstem Lateinertum setzten sich die

Elemente dieses Tänzers zusammen. Nicht das Gesicht eines bestimmten

Menschen sah mich da an. Nicht dieses oder jenes -- was dann? Das Sinnbild

einer Rasse war zu mir hingetreten und tanzte mit mir. Jetzt wußte ich's!

-- Aber die Entdeckung sprengte die Fesseln des Traumes: Ich lag auf dem

Diwan gerade ausgestreckt, vor mir das Fenster, in dessen Scheiben sich von

der Straße herauf der Reflex einer Laterne fing. Aber gleich darauf stand

ich auf den Füßen. Noch nie so hoch aufgerichtet gewiß! Die Türklinke

drehte sich lautlos und glatt, wie geölt. Aber die Kälte der Frühluft nach

der Hitze der Nacht hatte vielleicht die Wandlung besorgt. Ich schlich

durch den Gang, die Stiege hinab und ließ mich zum Tore hinaus. Ins Freie!

Hinter den Scheiben leuchtete hie und da schon ein Licht aus den Lauben

hervor. Im Hause, in dem ich wohnte, war eine Bäckerei. Unbemerkt kam ich

in mein Zimmer. Es tagte noch nicht. Nach oben unkenntlich stand das

Münster vor meinen Fenstern aufgerichtet, viel schöner und gewaltiger so,

als mit dem übel verlaufenden Turm. Wie schien aber dies alles eine

Wirklichkeit zweiten Ranges, sozusagen, wenn ich sie mit jener verglich,

die mich in dieser Nacht umgab. Ich wußte zur Stunde mit der letzten

Sicherheit, daß mein Traum sich erfüllen würde. Die beiden Rassen, die

heute zu vereinigen solches Elend, solche Zerrissenheit bedeutet, werden

eines Tages, allen Höllenhunden zum Trotz, das Glück der Welt durch ihren

Bund begründen. Ach! Danach darf man nicht fragen, ob man selbst längst ein

Schatten sein wird, wenn diese Dinge sich ereignen. Nur Mut, mein Herz!

rief ich mir an diesem Morgen öfters zu, denn mit seinem fahlen Licht

wuchsen die üblichen Ernüchterungen an.

Gegen Mittag kaufte ich Blumen und wählte Kuchen mit Bedacht, denn um vier

erwartete ich Monsieur Aramis zum Tee. Nicht ohne Bangigkeit. Seinen ersten

günstigen Eindruck hatte ihm ja Telramund gründlich auszureden verstanden.

Als er in meine niedere Stube trat und mir die Hand entgegenstreckte und

mich ansah, wurde es mir wieder fühlbar. Das Echo der Worte: »Sie lügt! sie

lügt!«, die er von jener Seite unausgesetzt vernahm, war zu eindringlich,

um mir zu entgehen.

Daß die unteren Zimmer nun endlich frei werden und mein Flügel sogar schon

unten steht, interessiert ihn gar nicht; wen ich in Deutschland gesehen

habe, um so mehr. Die Grenze hatte ich gerade am Vorabend des Tages

überschritten, an welchem der verschärfte Unterseebootkrieg verkündet

wurde; als diese Nachricht alle Anschlagmauern verfinsterte, wäre ich am

liebsten umgekehrt, denn jetzt lag doch alles in Scherben.

»Une bêtise capitale,« sagte er, »et qui fait bien notre affaire.« Nichts

mehr von Klavier! Ich möchte mich gar nicht mehr mit Politik befassen, sage

ich, und lese: »Sie lügt! sie lügt!« in seinen Augen. Er blieb lange,

sprach jedoch nur wenig und hörte zu. Ich dagegen redete die ganze Zeit,

hemmungslos und aufs Geratewohl. Es überzeugte ihn auch dieses keineswegs.

Sie lügt! sie lügt! blieb das Echo, das zwischen dem Vertrauen, welches er

instinktiv zu mir gefaßt hatte, und den Dingen hallte, die er über mich

hört. Kaum ist er gegangen, so erscheint Fortunio auf dem Plan, gespannt zu

hören, wie der Besuch verlief. Ich komme ihm jedoch zuvor: Wenn Aramis mir

mißtraut, so mißtraue ich seiner Menschenkenntnis. Es ist zu leicht, mich

zu durchschauen, als daß es erlaubt sein dürfte, mich zu verkennen. Ich bin

so eindeutig wie ein Pferd. Seine Gangart ist unmißverständlich genug!

»Sie sind aber kein Pferd,« sagte Fortunio, »und gerade Ihre Eindeutigkeit

ist mit Ihrer sonstigen Art nicht so ohne weiteres in Einklang zu bringen.«

Daß er dabei eine so bedenkliche Miene beibehielt, riß an meinen ohnedies

zerzupften Nerven. Er erinnerte mich allzusehr an einen Schreibtisch, der,

mit großen und kleinen, inneren und äußeren, ja sogar mit geheimen

Schubfächern ausgestattet, für mich aber nur eine einzige Lade offen hielt.

Ich fühlte mich plötzlich tödlich gekränkt. Und womit hält er heute zurück?

Auch er, auch er! sage ich mir.

»Ihr Roman kursiert jetzt in Bern«, geruhte er mitzuteilen.

»Um so besser. Zeit wär's, daß hier das rechte Licht über mich aufgeht.«

»Leider nein«, sagte Fortunio. »Das Buch schadet Ihnen.«

»Schadet mir!?«

»Ich hätte es auch nicht gedacht. Aber die große Zielbewußtheit, welche Sie

Ihrer Heldin einverleiben . . .«

»Aber gerade die Natur dieser Zielbewußtheit . . .« unterbrach ich ihn.

»Gewiß, man sollte glauben . . .«

»Hören Sie, das ist nicht möglich!« Und in höchster Ungeduld riß ich an

allen Schubladen zugleich.

»Ich selbst«, machte nun Fortunio mich vertraut, »habe die Leute auf das

Buch hingewiesen. Ich glaubte, Ihnen nicht besser dienen zu können.«

»Es ist nicht möglich, daß Aramis sich verdreht dazu stellt«, rief ich

wieder. »Es kann nicht sein!«

Fortunio zuckte die Achseln.

»Aber sogar Telramund, dieser Gräuel, lobte es über den Klee.«

Er schwieg. Es entstand eine Pause.

»Das ist furchtbar«, sagte ich. »Es geht also um ein Duell zwischen mir und

diesen Leuten.«

»Sie sind so ungeduldig! Die Dinge wollen ihre Zeit. Letzten Endes ist es

immer die gute Gesinnung, welche triumphiert.«

»Oh! letzten Endes«, wehrte ich ab. »Daß meine Grabrede besser ausfallen

wird, glaube ich ohne weiteres. Mais d'ici là . . .«

Fortunio wollte mich überreden, mit ihm auszugehen, doch ich blieb zurück.

Was ich ihm dabei nicht verriet, war meine Absicht, im Laufe des Abends

nach Martin im Walde zu sehen; denn mir lag das gestrige Zusammensein, dem

Fortunio keinen Gedanken mehr schenkte, schwer im Gedächtnis.

Fürs erste war meine Niedergeschlagenheit zu groß, um nicht allein mit ihr

zu bleiben.

Die Tatsache, daß in Ermangelung anderen Beweismaterials nun gar mein Roman

als Belastung herhalten sollte, war insofern der comble, als sich ja dann,

auf diesem kürzesten Wege, so ziemlich alles auf den Kopf stellen ließ.

Gegen solche Waffen war jedenfalls nicht aufzukommen. Sie waren zu alt

erprobt. Ich hatte zuviel erfahren. Ich wußte zu viel.

Oh Fortunio! es ist dir nicht bekannt, warum ich lebe. Wie ein nach Süden

schauendes Ufer fängst du die Sonne auf; wie eine nach Norden aufgerichtete

Mauer stehe ich zu ihr.

»Von allen Menschen weg«, dachte ich da, »und zur Sonne hin!« Angebetete

Sonne! Ohne dich zu sein! Beseelt, doch unbeseligt steht mein Haus. Wo du

undeutlich werden und verflimmern läßt, wo du begünstigest, ja, wo du

lügst, hast du doch immer recht, und nichts bestünde vor deiner Glorie.

Es hatte längst durch alle Stockwerke gegongt, doch ich blieb wie ein

Wetterwinkel am Fenster haften, jenen Bergkuppen vergleichbar am Rande des

Tals, die alle Wolken an sich ziehen; so schien auch ich alle Düsterkeiten

heranzulocken. Und es gab dann nur zwei Möglichkeiten, um dagegen

aufzukommen: entweder die Arbeit, die auch wirklich die Atmosphäre läutert,

oder der Umgang mit Menschen: ein Notbehelf nur, welcher zwar, wie der im

Unwetter aufgespannte Schirm die ärgsten Güsse von uns abhält, an der

Witterung aber nicht das geringste ändert.

Augenblicklich war mir jedoch der Mut so gänzlich ausgepustet, daß ich mich

plötzlich im Sturmschritt zu Martin im Walde aufmachte, sehr in Sorge

sogar, ihn zu verfehlen. Ja, die Sorge steigerte sich zur Angst, so

windschief stand es um mich. Aber die Herrschaften ließen, Gott sei's

gelobt und gedankt, bitten, und ich jagte die Treppe zu ihnen hinauf. Die

Stimmung, welche dort betreffs der gestrigen Fete herrschte, war natürlich

schlecht. Mit sehr unerwarteter Schauspielkunst gab Martin im Walde alle

Figuranten des Abends in einer Person zum besten, wobei er die ihm

zugewiesene Rolle gar grimmig unterstrich. Ich lachte fürs erste aus vollem

Halse, wenn auch mit recht halbem Herzen, brachte dann alle meine Glätt-

und Bügelkünste zur Anwendung, zog meine Döschen, Fläschchen und

Beruhigungstropfen hervor, mußte mir aber dabei sagen, daß hier wieder

einmal ein wünschenswerter Zusammenschluß vorbeigeglückt war.

14. FEBRUAR. Ich kann erst morgen die unteren Zimmer beziehen: ein hübscher

alter Sekretär, ein altmodisches Sofa und ein schönes Tischchen kommen mit

mir. Auch die Kiste mit meinen Sachen ist eingetroffen. Als ich nachmittags

die Lauben hinunterging und an die Zimmer dachte, wie sie mit ein paar

indischen Schals, der schier vergessenen blauen Seidendecke und ein paar

Bildern am besten auszustaffieren wären, lächelten plötzlich von rechts

Telramund, von links Ortrud auf mich ein: »Wohin des Wegs?«

»Nach Hause«, war meine erschrockene Antwort.

»Wie sich das trifft! Wir sind gerade auf dem Weg zu Ihnen.«

»Das ist ja reizend«, rief ich entsetzt. »Leider bin ich mitten im Umzug

und darf Sie nicht heraufbemühen.«

»Das macht uns gar nichts! Wenn wir Sie nicht stören.«

»Im Gegenteil. Kommen Sie nur.«

War es nicht besser, die kamen noch in meine alte Stube, als daß sie mit

ihren malocchios meine neuen Räume behexten? »Nur herauf, Ihr beiden! es

ist das letztemal.« Und die Treppe voransteigend, führte ich sie zu mir.

Dort stand der altväterische Tisch, der mich beschützte und nicht mit mir

ziehen würde.

Wir nahmen Platz.

»Aramis war gestern bei Ihnen«, sagte Telramund. »Er hat es uns erzählt.«

»Warum auch?« dachte ich.

»Er wird immer launischer«, bemerkte Ortrud.

»Launisch?«

»Haben Sie das noch nicht herausgefunden?« fragte Telramund und heckelte

ihn eine Weile durch. »Im Grunde«, klang es fast drohend von diesen

Berliner Lippen, »ist er ein ganz germanophiler Bursche.«

Ich goß Tee ein und erwiderte nichts. Aber mir wurde bang und bänger über

das Gespräch.

Daß die beiden es wagten, vor mir, die selbst obenan und mit so fetten

Lettern auf ihrer Proskriptionsliste stand, derart rückhaltlos Leute

auszurichten, mit welchen sie scheinbar die besten Beziehungen

unterhielten, war das nicht ein Beweis für die Rückversicherungen, deren

sie sich versehen hatten? Und wie weit mochten diese gehen?

Und woher wußte -- von allen Deckungen abgesehen -- dies im wiedererzählen

so blitzschnelle Paar, daß sich unsere usancen voneinander unterschieden?

War es die starke Gegenwärtigkeit des wuchtigen Tisches, um den wir saßen,

und der wohl einst am Waldesrand Jahrhunderte hindurch als mächtiger Baum

-- wissend und weise -- in rauschender Verschwiegenheit sein Gezweige

ausbreitete -- oder welch überspringender Funke war es nur, der mir da mit

der unbewiesenen und doch stahlharten Sicherheit intuitiver Erkenntnis die

Tatsache enthüllte, daß die Niederträchtigen, aus ihrer, mit

Selbsterhaltungstrieb gepaarten Verdorbenheit heraus, die Menschen, welche

guten Willens sind, ungleich deutlicher erkennen, als diese sich unter sich

durchschauen. Fortunio, von Martin im Walde nicht zu reden, kannte mich

nicht entfernt so gut wie diese zwei: welche Waffen ich gegen sie anwenden

und welche nicht, ihnen war es nicht zweifelhaft, und für sie war ich wie

durchsichtiges Glas. Indem sie mich haßten, wußten sie sogar, daß ich nicht

ihrer Person, sondern ihrer Schlechtigkeit den Haß vergalt, und wenn meine

hiesigen neuen Freunde vielleicht in ihrem Urteil über mich noch

schwankten, diese meine erbittertsten Feinde werteten mich nach Verdienst.

Dies war der Grund, warum sie mich verfolgten. Wer in der Tat stand

einander im Wege, wenn nicht wir? Soweit ich zurückdenken konnte, und lange

ehe er ausbrach, dieser elende Krieg, und dann wieder vom Tage seines

Bestehens an, war ich für einen Frieden um jeden Preis. Mich interessierte,

noch freute kein einziger Sieg. Nur dem Frieden gönnte ich den Sieg über

eine so schmähliche Niederlage wie diesen Krieg.

Für dieses Paar jedoch waren Versöhnung und Verständigung zwei Dinge, deren

Möglichkeit sie mit allen Mitteln zu hintertreiben entschlossen waren.

Dafür lebte es. Wehe dem Franzosen, der kein Jusqu'auboutiste war. Er hatte

allen Grund, vor diesem deutschen Telramund zu zittern, und wenn nur der

letzte Deutsche verblich, durfte für diese französische Ortrud der

vorletzte Franzose unbesehen verbluten. Denn die Saite, auf welche sie

beide gestimmt waren, ihr Element war der Haß. In welcher Tropenluft aber

lebten wir heute, daß die Gemüter sich mit solcher Fieberhitze entfalten

oder zersetzen durften? Nie hat Gelegenheit ärgere Diebe gemacht. Hier war

Telramund -- vor dem Kriege ein ränkespinnendes, sonst aber vielleicht ganz

traitables Männchen -- zum professionellen Verleumder und Verräter

entartet, und Ortrud, einstens eine gehässige Klatschbase und weiter

nichts, nunmehr zur angriffswütigen Ratte, zur erbarmungslosen

Menschenfresserin von Hokusai.

Mit solchen Wesen aber paktierte, tergiversierte, lavierte man.

Und zu denken (dachte ich), daß doch sonst so viele Schutz- und

Trutzverbände bestehen. Der Adel, die Juden, die Ärzte, Arbeiter, Bäcker,

Schneider und Hoteliers, alle bilden sie ihre geschlossenen Gilden und

Vereine. Und nur ausgerechnet die Menschen, die guten Willens sind, sie

allein, die überall verstreuten und ausgelieferten, setzten sich noch nicht

zur Wehr, berieten und versammelten sich noch nicht. Ihr Klub ist der

einzige, der noch nicht zustande kam, ihre Statuten, ihre Geschlossenheit,

ihre Einigung, welche doch gleichbedeutend wäre mit ihrer Vorherrschaft,

über alle Grenzen hin. Denn nichts scheut ja das Geschmeiße so sehr wie

seinen Namen und ihren Boykott.

Nicht äußerste Vorsicht (die nützte gar nichts!), sondern schroffste

Ablehnung war Telramund gegenüber am Platze. Aus jedem Wort, das ich sagte

oder zu erwidern unterließ, wurden jetzt handfeste Stricke wider mich

gedreht. Solche Leute zu kennen, sie zu sehen, _dies_ war der kapitale

Fehler.

Ortrud kam immer wieder auf meinen Flügel zu sprechen, und als sie sich zum

Gehen anschickte, bezeigte sie eine Neugierde, ihn zu besichtigen, als

handelte es sich um einen neuentdeckten Raffael. Der Gedanke aber, daß die

beiden als die ersten meine unteren Zimmer betreten sollten, bevor ich sie

noch bezog, versetzte mich in eine so abergläubische Verwirrung, daß ich

die Treppe hinablief, um sie daran zu hindern. Allein die Türen standen

offen, und ehe ich sie schließen konnte, hatten Telramunds meine Schwelle

überschritten und waren meine ersten Besucher gewesen.

Abends bei A. H. Pax. Ich ärgere mich über Bemerkungen, die dort fallen:

Brücke von Kirchenfeld; die müsse ich doch kennen. Was ist das nun wieder?

18. FEBRUAR. Meine »Wohnung« ist ursprünglich ein großes Zimmer mit Alkoven

gewesen und nun durch eine eingebaute Wand so unwirsch in zwei geschnitten,

daß sich das Auge an den falschen Massen immerwährend stößt. Aber die

Farben bringen einen gewissen Trost, eine Suleikaportiere, indisch mit

scharlachrotem Rand, führt in ein drittes vorgebliches Gemach, und der

Flügel macht sich ausgezeichnet.

* * * * *

Besuch der Miß Annie A. Wir hatten uns seit dem Kriege nicht mehr gesehen.

Sie ist mütterlicherseits deutsch wie ich französisch, väterlicherseits

englisch wie ich deutsch. Nur ist sie nebenbei auch ein Engel von Güte, und

das bin ich nicht. Doch ach! andere werden schon mit mir bemerkt haben, daß

gerade solche Engel von Güte es so oft nicht über sich bringen, die

Vortrefflichkeit derjenigen anzuzweifeln, deren Instanz sie zunächst

unterstehen, ja die es für eine Perfidie halten würden, ihren eigenen

Zeitungen und eigenen Machthabern nicht zu glauben. Wer kennt sie nicht,

diese Engel von Güte, mit ihren »they say«, ihren »man sagt«, ihren »on

dit« und ihren »si dice«. Unbesehen ist für sie der Teufel überall nur

drüben.

»Mein Deutschtum ist tot in mir«, sagte sie. »Auch Sie sollten sich

entscheiden.«

Dasselbe Ansinnen, nur umgekehrt natürlich, war mir in Deutschland zu oft

gemacht worden, und ich war in solchen Dingen sehr abgebrüht. »Was brauchen

mich die Franzosen,« seufzte ich, »die ganze Welt steht ja auf ihrer

Seite.«

Da sie mich traurig sah, schaute sie mich betrübt mit ihren guten und

veilchenblauen Augen an. »I thank God on my knees«, brach sie dann aus,

»that I am English.«

Auch die Variationen _dieser_ Formel waren mir vertraut. Und ich konnte

nicht umhin, ihr von den Halbengländerinnen zu erzählen, die in Deutschland

unter die Patriotinnen gegangen waren, von Marie von B . . ., die mich wie

keine andere deutsche Frau in den deutschen Blättern verriß, und von jener

jungen englischen Gouvernante in München, die ich in Tränen fand, weil

ihre, an einen norddeutschen Offizier verheiratete Schwester soeben,

anläßlich eines Luftangriffes auf London, von den Zeppelinen als von »our

glorious zeps« geschrieben hatte. Aber kaum hatte ich meine Pfeile

abgeschossen, so war mir's schon leid. Unser Wiedersehen fand also nur

statt, um uns unsere Trennung nur um so fühlbarer zu machen.

»Nichts ist mehr, wie es war!« rufe ich aus, indem ich sie in meine Arme

schließe. Denn sie ist ein Engel.

* * * * *

Bevor Annie A. . . mich gestern verließ, zog sie ein Fünffrankenstück

hervor, das sie mir im Auftrage der Fürstin Patschouli, einer gemeinsamen

rumänischen Bekannten, einhändigte, welche vorgab, es mir zu schulden.

Dieser so kurzerhand beim Schopf gefaßte Annäherungsversuch war zum

mindesten originell. Ich machte ein sauberes Päckchen aus dem Geldstück,

bedankte mich für die schöne Gabe und bat um die Erlaubnis, ihr ein

ebensolches Gegengeschenk machen zu dürfen. Daraufhin schlug sie per

Telephon die Brücke zu mir und lobte einen schwarzen Kaffee, den sie selber

braue. »Bonjour, je vous attends!« und damit hing sie das Hörrohr aus.

Ich wußte in der Tat nicht, was erfrischender war, ihr Kaffee oder sie

selbst in ihrer herzstärkenden und vorgefaßten Oberflächlichkeit. Die

Fürstin, deren Röcke unten zusammengebunden schienen, ging mit kurzen und

kleinen, aber heftigen Schritten, war braun wie ein Maikäfer, die

auffallendste Erscheinung von ganz Bern, brüsk, witzig und ohne Stachel. Da

sie eine Villa in Tegernsee und Freunde in München hatte, war sie im Grunde

germanophil, jedenfalls bayernfreundlich, und stand außerdem stark unter

dem Eindruck der deutschen Siege. »Je suis l'amie des bons jours«, erklärte

sie.

* * * * *

25. FEBRUAR. Zwar scheint die Sonne hin und wieder, und die Zauberwand der

Berge stellt sich dann strahlend auf, doch das Licht bleibt spröde. Nie

träumt dieser kalte Himmel dahin, nie ermatten die Reflexe; stets rufen

sie: gedenk! und nie: vergiß! und ewige Gegenwart ist die Fanfare. Oder

liegt es an mir? --

»Mein gutestes Fräulein,« sagte mir einmal ein dickgebliebener Berliner

Aufsichtsrat, »wer sagt Ihnen, daß nicht am Ende mit dem Frieden so bunte

Zeiten kommen, daß wir uns nach den Kriegszeiten zurücksehnen werden --,

bis auf die Schlachten natürlich«, hing er mit einer Handbewegung an, als

wären sie ein Detail.

* * * * *

ENDE FEBRUAR. Die Tage haben soviel widerwärtiges gebracht, daß mir das

Schreiben verging. Man sollte hier mit seiner Aufenthaltsbewilligung

zugleich ein Vorhängeschloß wie Papageno erhalten; statt dessen wird einem

ein Nessushemd übergeworfen. Schreckliche Stöße mit Fortunio, schwere

Havarie mit Martin im Walde. Telramund, dessen Hochöfen alle in Betrieb

stehen, erstattete ihm einen formellen Besuch und brachte ihm zugleich mit

dem Ausdruck seiner Hochachtung sein Bedauern vor, durch mich und meine

Darstellungen ein so falsches Bild von seinem Charakter gewonnen zu haben.

Halb lachend wird es mir erzählt. Ich mache ihm Vorwürfe, daß er den Mann

vorläßt. »Ihnen danke ich ja die angenehme Bekanntschaft.« Das war im

Herbst, sage ich, wo man noch glauben durfte, es stecke vielleicht doch

etwas Gutes in ihm, an das man sich halten könne. Heute dürfen Sie keinen

Umgang mehr mit ihm pflegen.

Einem Glücksfall, der allen Glanz eines Hintertreppenklatsches trägt, danke

ich es im übrigen, daß von dieser Seite wenigstens Fortunio nicht mehr irre

an mir werden kann: er saß mit einem Freunde, als Telramund sich zu ihm

gesellte und Äußerungen wiederholte, die er von mir vernommen haben wollte.

»Und nun sehen Sie,« schloß er, »wie sie lügt«, zahlte sein Schöppchen und

ging. Aber in der Eile, mir zu schaden, übersah er, daß Fortunios Freund

zufällig Zeuge gewesen war, wie ich jene Worte nicht nur nicht gesagt,

sondern heftig dagegen protestiert hatte, als sie vor mir fielen. Dies also

wäre, gottlob, besorgt.

* * * * *

Es ist gewiß nur recht und billig, daß auch die Überlebenden heute auf der

Verlustliste stehen. Wie man dem Kranken, der nicht teilnehmen kann an dem

Treiben der Gesunden, gerne darauf hinweist, wenn es draußen stürmt und die

Fußgänger gegen Frost und Wind ankämpfen, während er in der geschützten

Stube liegt, so möchte man heute denen, welche fallen, nachrufen: Ihr habt

nichts verloren!

Ich schreibe der Königin im Auftrage ihrer Mutter, die seit Monaten ohne

Nachricht von ihr ist. Die Idee des Königtums ist gewiß nur deshalb in

Diskredit geraten, weil ein verrohter, subalterner Mensch oder auch ein,

Idiot höchst widersinnigerweise zum Herrscher avancieren konnte. Wegen

meiner Ansichten werde ich hier viel ausgelacht. Aber wie würden sie erst

lachen, wenn sie wüßten, wie gern ich selbst regieren möchte. Da würde man

doch was Richtiges erleben! Kein mittelmäßiger Künstler käme bei mir hoch,

welche Unsummen aber flössen den andern zu; kein Lämpchen ließe ich mir je

als ein Lumen aufschwätzen, also auch kein Talent, das sich zum Genie

aufblasen möchte. Herr Pfitzner bewürbe sich also vergebens um eine

Dirigentenstelle an meinem Theater, und gar Herr Weingartner, welcher die

Wiener Philharmonie herunterbrachte, wage es nicht, vor mich zu treten. Ich

verarge es heute noch der Pariser Kritik, welche ihn seinerzeit »un jeune

dieu« genannt hat. Denn nie hatten die Götter das Geringste mit ihm zu tun.

Ach, und was für schöne Häuser ich erbauen, was für Gärten ich anlegen

ließe! was für prachtvolle Katzen würden meine Marmorbrunnen entlang

schweifen!

Doch genug über meine Herrscherzeit.

Über Weingartner, dessen Überschätzung ich der Pariser Presse verdenke,

fällt mir die Äußerung ein, die kürzlich ein Pariser, den ich nicht nennen

werde, einem Deutschen gegenüber, dessen Namen ich gleichfalls

unterschlage, gefällt hat: »il y a une chose, monsieur, que nous ne vous

pardonnerons jamais, c'est de nous avoir forcés d'aimer les Belges.«

* * * * *

Den Abend bei A. H. Pax verbracht. Bei ihm kann man sagen, was einem gerade

einfällt, ohne Gefahr zu laufen, daß es entstellt in alle Winde

hinauswirbelt. Dieser Vorkämpfer des Friedensgedankens, der mit so

feierlichem Ernst seine Stimme zu erheben weiß, ist bei strengster

Sachlichkeit der gemütlichste Mann der Welt, in dessen Atmosphäre man sein

bißchen Humor und sein verlorenes Lachen auf Augenblicke rettet. Gestern

sprach er zwar tief entmutigt über die vollkommene Unmöglichkeit, gegen den

so geschickt angerichteten, so eifersüchtig gehegten und drinnen und

draußen immer neu genährten Wirrwarr in den Köpfen der allermeisten

Deutschen auch nur das geringste auszurichten. Plötzlich tauchte ein

Nachmittag in München aus dem Sommer 1916, ein schattiger Garten, ein

gedeckter Tisch, zwei Damen, die davor saßen, vor mir auf, und wie eine

phonographische Platte spielte sich in hemmungslosem Bayrisch ein

halbvergessenes Gespräch so getreulich in mir ab, daß ich mit einem Male

alle Rollen in einer Person herunterspielte.

Wir brachen alle in ein schier trostloses Gelächter aus. Waren nicht ganze

Generationen mit allen brauchbaren Argumenten des Scheins in ein Wirrsal

gelockt, dessen Dunkel den Tag derer ausmachte, die es unterhielten, so daß

sie jede anbrechende Helle augenblicklich verscheuchten?

Und mußten nicht fast alle Gehirne vermodern, ohne zu erfahren, was denn

eigentlich los ist? Mit so teuflischem Geschick sind alle Ausgänge der

Lügenburg zementiert, in welcher sie sich narren ließen. Unschuldig

Betörte. War es nicht überall so?

Unter den Tagebüchern, welche an den deutschen Gefallenen vorgefunden

wurden, erzählte neulich Abigail von der agence, seien manche sehr schöne

zum Vorschein gekommen. »Warum veröffentlicht Ihr diese nicht auch?« rief

ich. »Nous n'avons« sagte er, »qu'à nous occuper des atrocités.«

* * * * *

Dafür, daß ich so viele Dinge nicht verstehe, werde ich mit den paar

Gedanken, die mir im Kopfe sitzen, viele Jahre nach meinem Tode

wahrscheinlich recht behalten, so zum Beispiel mit meiner Skepsis betreffs

der Demokratie. Aber natürlich ist es für andere ärgerlich, das, was immer

sie mich lehren, und was immer ich lerne, gerade nur eben jene paar

Überzeugungen weiter ausbaut und nur ihnen zugute kommt. Jede Erkenntnis

geht nun einmal bei mir auf Kosten einer ganz exemplarischen Unbegabtheit.

Es müßte einer blind sein natürlich, um an den Sozialismus und seine

Unerläßlichkeit nicht zu glauben. Aber in Wirklichkeit ist heute keiner

sozialistischer geworden, als er es von je gewesen ist. Es scheint nur so.

Machen wir uns nichts vor. Wir haben uns den Sozialismus eingebrockt. Dank

unserer Verkehrtheit nur ist er die einzig richtige Parole. Er ist kein

Ziel, sondern ein Weg. Keine andere Brücke ist stark genug, uns aus unserer

baufälligen Welt zu den neuen Ufern hinzutragen, wo die neuen Autokratien

auf ganz neuer Basis sich erheben werden. Nur durch den Sozialismus, dieser

fausse sortie aus einer Welt der Standesunterschiede, kommen wir zu einer

neuen Welt der Standesunterschiede, der Herrenkaste und der Knechteschar.

Für diesen Glauben will ich mich gerne köpfen lassen, denn geköpft, sagen

die andern, werde ich ja doch, entweder von rechts oder von links.

Mittlerweile bin ich viel zuviel unter Menschen. Es geschieht aus Trägheit

und einer Art von Furcht. Denn bin ich nicht zufriedener allein und so viel

weniger allein, wenn ich allein bin? Füllt sich dann nicht die Luft mit

Geistern guter und hilfreicher Art? Und bin ich dann nicht umgeben?

28. FEBRUAR. Forsell als Don Juan: der Tod als Objekt der Kunst. Forsell

ruft ihn und mißt sich mit ihm. Gewiß ist der Tod nur was wir aus ihm

machen: der größte Individualist fürwahr! Welche Feigheit jagt mich so oft

von mir selber fort zu den Menschen hin, oder hält mich ab, mich ihnen zu

entziehen? Ist es das grauschleichende Verzagen vor jener eisigen

Verlassenheit, in die wir eingehen werden? Hinter dem ganzen

Geselligkeitstrieb der Menschen steckt ja viel mehr Todesangst, als man

glaubt. Die einen fürchten sich vor dem Sterben, die andern vor dem

Gestorbensein; auf dieses, nicht auf jenes gilt es, sich zu bereiten.

3. MÄRZ. Ich fahre nach Lausanne und gehe dann nach Ouchy hinab, eine

Bekannte aus München zu besuchen. Beißend kalter Wind. Wir besprechen die

letzte Affäre. »Das Schreckliche ist, daß immer alles aufkommt bei uns«,

äußerte sie. So ein Pech! Im übrigen sagte mein guter Vater immer: »In der

Politik gibt es keine Moral«; à qui la faute, wenn die Deutschen dies für

ein unabänderliches Weltgesetz halten, so feststehend wie Tag und Nacht und

die vier Jahreszeiten? gewiß an ihrer Gedankenlosigkeit, aber gewiß noch

mehr an den Vorbildern, welche sie haben. In der Politik gibt es keine

Moral. Sie sagen es wie: Ehre Vater und Mutter, oder: Du sollst nicht

stehlen. Ihre Fantasie liegt ja nicht auf diesem Gebiet.

8. MÄRZ. Besuch des sozialistischen Reichstagsabgeordneten W. H. Er ist

gegen den Unterseebootkrieg. Ich glaube, daß er unter dem Krieg leidet.

Aber was mich an diesen Sozialisten so furchtbar erbittert, ist die

Preisgabe des deutschen Volkes, auf das sie sich berufen, indem sie

vorgeben, diese oder jene Konzession an die Gegner »ihm nicht zumuten zu

können«. Vor August 1914 gab es kein friedfertigeres auf der Welt: wie die

Posaune des letzten Gerichtes erscholl ihm der Schlachtenruf; es stand auf,

und von da ab glaubte es alles. Wäre es unglücklicher und beunruhigter

gewesen, man hätte es weniger leichtgläubig gesehen. Aber weil es sich

belügen ließ, sollte es nicht auch noch verleumdet werden. Im Januar 1917

lauerte ich im Hause einer Bekannten dem damaligen Staatssekretär

Zimmermann auf. Er trat ein mit der forschen Bonhomie eines

Kegelklubpräsidenten, der mir jede Schüchternheit benahm, und als ich mit

meiner Rede über die elsässische Frage zu Ende war, nickte er ganz kulant

und bemerkte; »Wir müssen nur bedenken, was wir dem deutschen Volk zumuten

können.« »In vier Tagen haben wir es hineingelogen, vielleicht lügen wir es

in acht Tagen wieder heraus«, sagte ich. Er schien kein bißchen choquiert.

In der Politik gibt es ja keine Moral.

10. MÄRZ. Heute kam Herr v. Sch. mit der erstaunlichen und fatalen

Eröffnung zu mir, daß sein Chef mich zu sehen wünsche. Herr v. Sch., den

ich von London her kenne, hatte sich große Mühe um meinen Paß gegeben, und

im ersten Schrecken fiel mir keine Ausflucht ein. Ich wagte nicht, es

Fortunio mitzuteilen, der sicher dagegen gewesen wäre, sondern spielte

wieder einmal mit dem Feuer und bat Aramis zu mir. Sollte ich wirklich über

die Brücke von Kirchenfeld, so wollte ich keine Anspielungen darauf,

sondern wünschte um so mehr, daß man es wisse, als man es ja doch wissen

würde.

Aramis kam sofort zu mir. Wir verabreden ein paar sehr direkte Sätze, die

ich während meines bevorstehenden Besuchs möglichst pointiert anzubringen

hätte, und daß ich nachher zu ihm kommen würde, ihm die Wirkung jener Worte

mitzuteilen.

11. MÄRZ. Sonntag. Das Wetter ist schön und warm. Die Sonne lacht bis in

das Auto hinein, in dem ich neben Herrn v. Sch. Platz genommen habe.

Schafwölkchen treiben so zuversichtlich am Himmel, und er hängt so hoch,

daß ich nicht sogleich die leise Hoffnung unterdrücke, der Besuch würde am

Ende doch nicht ganz resultatlos sein. Aber nichts von Sonne an Herrn von

Rittersporn, vielmehr der Widerschein des sterbenden Tags. Ich hatte vor

mir einen jener persönlich uranständigen, autoritätsgläubigen Deutschen

strengster Observanz, die vor lauter Gewissenhaftigkeit und Loyalität und

Treue und Ehrenhaftigkeit zur Vertretung der unehrenhaftesten Methoden

unverbrüchlich auf dem Posten ausharren, ein Mann, der privatim gewiß nie

eine Lüge sagte und nur offiziell und in Gottes Namen log. Mit seltsamer

Distanzierung, als sei ich die Angehörige eines fremden Staates, fing er

das ganze Weißbuch mit einer so deprimierenden Weitschweifigkeit an

aufzusagen, daß wirklich nur das fehlte, was es selber wegließ. Er war

bleich, müde, sichtlich schwer unter dem Kriege leidend. Endlich wurde er

fertig mit seinem récital, und ich hatte das Wort in diesem großen,

vielfenstrigen, hellen und doch so unfrohen Salon, in dem keine rechte

Zuversicht aufkommen wollte. Zwar schien auch ihm die französische Frage

vor allen andern am Herzen zu liegen, aber das Feuer, mit dem ich sprach,

dünkte mir selber deplaciert. Hier ist ein Stuhl, schloß ich, faßte ihn mit

beiden Händen und sprang auf, hier ist ein Tisch: nur eins ist heute

wichtig auf der Welt: die Formel zu finden, welche es den Franzosen

ermöglicht, in diesem Stuhle Platz zu nehmen! »Ich bin vollkommen Ihrer

Ansicht«, sagte er. Und zum ersten Male schwante mir, wie wenig er

vermochte. Auf Aramis übergehend, hob ich jetzt seine Beziehungen, sein

Geschick, seinen guten Willen hervor, sowie die Chancen, die er als

Vermittler bot. Hier jedoch fiel ein Schatten. Ich fand keinen Anklang. Es

war die alte Kamarilla, ich merkte es wohl, vielleicht auf indirekte

Umtriebe Telramunds zurückzuführen, aber auch Widerstände,

Unsachlichkeiten. Ich hatte Carry mit Aramis zusammengeführt, ohne

Parteinahme, weil es sich von selbst ergab, und man mißgönnte ihm den

Vorsprung. Auch Carry war voll Ehrgeiz, aber er besaß Schwung, eine

künstlerische Ader, Sinn für Kameradschaft, Ritterlichkeit. Man wußte, wie

man mit ihm dran war. Auf seine Fehler wie auf seine Tugenden fiel das

Mittagslicht. Il ne ment pas, hieß es auf gegnerischer Seite von ihm. Dies

besagte so viel in Tagen wie den unsern! In der europäischen Literatur

ungemein bewandert und von regstem Geiste, besaß er zudem eine glückliche

und wohltuende Art mit Menschen umzugehen und hatte etwas Jünglinghaftes

bewahrt. Selbst ein Mischling, war er rassenmäßig den andern lange nicht so

fremd wie seine zünftigeren Kollegen.

Es war nahe an zwei Uhr. Vergebens mahnte man zu Tisch. Daß die Unterredung

sich so in die Länge zog, unterstrich ihre Nutzlosigkeit nur noch mehr. Auf

dem Heimweg, in dem schneidend kalten Alpensonnenlicht wurde es mir mit

jedem Schritt bewußter. Die Aare floß so leuchtend blau wie vor zwei

Stunden, als ich über die Brücke fuhr. Mutlosigkeit aber drückte mich in

diesem Augenblick zur Greisin nieder. Wie eine Hundertjährige lehnte ich

über das Geländer und sah zu den Kindern hinab, die wie besessen schrien.

Dann raffte ich mich auf und rannte die kalten Schatten der Keßlergasse

entlang zu mir hinauf. Plötzlich fühlte ich, wie verausgabt ich war, warf

mich auf den Diwan und schlief ein. Aber um vier Uhr erwartete mich Aramis,

und dies weckte mich beizeiten. Ich strich jetzt die Lauben auf der

Sonnenseite hinauf. Oh wie deutlich ist mir der Schein, in dem sie lagen!

Wie ein tobender Schmerz, der auf Sekunden aussetzt, riß er mich auf einen

langen Augenblick in seinen Bann, tauchte mich schonungslos unter in sein

Gold, ließ mich bewußtlos werden wie die uralten Häuserreihen, die es

durchdrang: unempfindlich werden vor Empfindung.

Bei Aramis herrschte an diesem Vorfrühlingstage schon sommerliche Kühle.

Eine leise Spannung lag in seinen Zügen, und die Wärme, mit der er mich

begrüßte, kontrastierte doch recht seltsam mit dem Empfang, der mir vor ein

paar Stunden zuteil geworden war. Was ich ihm aber zu sagen hatte, war so

verdammt unwesentlich, derart neben hinaus, daß ich erschrak, indem ich es

formulierte. Es ließ keine Spur von Bereitwilligkeit, ihn ernst zu nehmen,

verraten. Und da es vollkommen zwecklos gewesen wäre, ihm etwas vorzulügen,

durchschaute er natürlich die ganze rettungslose Sturigkeit, in die man ihm

gegenüber sich versteifte.

17. MÄRZ. Abends bei Dätwyler im kleinen Zimmer mit Carry und Fortunio.

Dieser entfaltet mir gegenüber eine aggressive, ja feindselige Haltung

größten Stiles, die keinen Zweifel läßt, daß er von den Vorkommnissen der

letzten Tage gehört hat. Heftige, immer heftigere Szenen auf dem Heimweg.

Ich bebe vor Zorn und sehe ihn so haßerfüllt an, daß er erschrickt. Eine

schlaflose Nacht krönt die Explosion.

Wie ungerecht war Fortunio! Wie falsch wurde ich hier gesehen! Im Juni

wollte ich nach München fahren und dachte heute schon an das Schlößchen im

bayrischen Vorgebirge wie an eine selige Insel. Waltete dann Telramund noch

hier -- soviel stand fest --, so kam ich nicht zurück.

Und ich suchte Trost, indem ich an das Schlößchen dachte, angelehnt an den

ernsten Berg: an die lange hölzerne Laube mit dem hölzernen Gartensaal; wie

von Adalbert Stifter für eine seiner Verlobungsszenen erdichtet. Und die

Freundin selbst, die immer Werdende mit der weiten Note der Leidenschaft,

wer, kam ihr gleich? Ging, blickte, lächelte, lebte sie ihren Tag von Jahr

zu Jahr nicht Göttinnen ähnlicher? Wer kannte sie? Wie schön und insgeheim

war unsere Freundschaft verkapselt! Wie verlor die innere Einsamkeit so

manche Schärfe zwischen uns! Weil ich den Spiegel ihres Wesens

unausgesprochen mit mir führte und sie es wußte, war ich, die immer

Zusammenbrechende, ihr Halt. Wer vergalt mir dies hier? -- Eine Fratze sah

man statt meiner.

18. MÄRZ. Sonntag. Fortunio in dunkelblau und Strohhut holt mich ab, um

nach Worb zu fahren. Es hat sich auf die Feindschaft von gestern wie ein

neuer Friede zwischen uns aufgetan. Wieder liegt das Land in jenem

schonungslosen Licht des Berner Oberlands, das, ich weiß nicht warum, in

die Seele schneidet. Aber das Wetter war so warm und strahlend, daß man

immer wieder innehielt, vor einer ersten Blume, ein paar Schafen, einem

Hause. Wir sprechen heute in aller Ruhe über die Dinge, über die wir

gestern stritten. Ich sagte ihm, daß ich manchmal mit der Sicherheit einer

Mondsüchtigen Dachrinnen entlanglaufen müsse; wenn sie dann herunterfällt,

ist es ganz und gar ihre Sache. -- »Ich fürchte weniger, daß Sie vom Dach

als zwischen zwei Stühle fallen.« -- »Aber das ist ja gerade mein Platz!

Jeder von uns ist heute stärker sich selbst, handelt unweigerlicher seiner

Natur nach als jemals zuvor, und ich habe es halt immer mit dem Vermitteln

gehabt.« -- Er schüttelte den Kopf: »Es sieht nichts dabei heraus.« Und

weil auch ich davon überzeugt bin, beteuerte ich, sind es nur mehr

Gelegenheiten, die sich mir aufdrängen, welche ich ergreife. Niemand hätte

ungerner die Brücke passiert.

»Ich hätte es nicht getan«, sagte Fortunio.

»Es gibt Leute, die nicht dazu da sind, nein zu sagen. Zugegeben,« sagte

ich, »daß es die Belangloseren sind.«

Wir kehrten in ein dunkles, altes Gasthaus ein, und es gab wundervolles

Brot, wundervolle Butter und ebensolche Marmelade. Wahrscheinlich war es

heute auch in Deutschland schön, und die Menschen suchten das Freie dort

wie hier. Es sei denn, daß sie es vorzogen, sich nicht hungrig zu laufen,

da es ja in keiner Herberge etwas Richtiges für sie gab. Besonders die

Kinder . . . so ist einem heute alles vergällt.

21. MÄRZ. Der Brief einer Deutsch-Amerikanerin, die sich auf der Rückreise

nach New York in Zürich aufhielt, setzte mich in großes Erstaunen.

Kinderlos, von Haus aus eine biedere Württembergerin mit steinschweren

Augen, war sie, in Ermangelung jeglichen Ventils für ihre natürliche

Schwermut, dem Okkultismus verfallen und ein Schreibmedium geworden. Sonst

ohne andere Interessen -- selbst während des Krieges -- als ihren Mann,

ihren Haushalt und allenfalls ihre letzte Häkelarbeit, paßte dieser vom

Zaun gebrochene Brief -- wir kannten uns kaum -- in keiner Weise zu ihrem

Phlegma. Wie kam sie zu meiner Adresse? -- Sie schrieb mir, daß sie mich

warnen müsse.

Zürich.

22. MÄRZ. Der Brief der schwäbischen Amerikanerin ließ mir keine Ruhe, und

ich fuhr hierher. Am Berner Bahnhof kaufte ich Zeitungen für unterwegs. Sie

waren alle von Berichten über Verwüstungen der deutschen Truppen auf ihrem

Rückzug aus Nordfrankreich erfüllt: eine künstlich gestartete Agitation,

dachte ich erst, um dem, in den letzten Wochen abflauenden Haß neue Nahrung

zu geben und Öl in das abnehmende Feuer zu gießen. Denn leise, leise war

von der Möglichkeit zu vermitteln die Rede gewesen. Da koppelten sich denn

die Interessenten des Krieges zu neuen Präventivminen zusammen. Glich ihnen

dieses nicht auf ein Haar? Aber zu meinem Entsetzen fand ich da jene

Verwüstungen, und zwar mit unleugbarer Genugtuung als »militärische

Notwendigkeit« in den deutschen Blättern bestätigt. So war jenem so

aufgerissenen und gemarterten Boden eine neue Schmach zugefügt, und ein

genarrtes Volk gehorchte als sein eigener Henker den Befehlen, die ein Hut

voll toll gewordener Idioten, »Oberste Heeresleitung« genannt, ihm

erteilte. Diese »militärischen Notwendigkeiten«! Oh, wieviel deutsche

Landsmänner würden ihretwillen kläglich verderben! -- Ein Sturm brach in

mir los, um so heftiger nur, als er in Ohnmacht sich entfesselte und seinem

Rasen nichts im Wege stand, als die Wurzeln meines Seins, an welchen er riß

und, wilden Regentropfen gleich, kalte Tränen aus meinen Augen schlug.

Stäupen hätte ich sie lassen mögen, diese Herren Befehlshaber, keine Strafe

wäre mir jämmerlich genug erschienen für diese menschenunwürdigen Köpfe,

deren Nasen kurz ausliefen wie die Schnauzen der Hunde, oh! ebenso unfähig

wie Hunde den geistigen Gang der Dinge zu spüren! Und die erbärmlichen

Blasen dieser infantilen Gehirne, durch ein Wunder des Teufels für

wirkliche Felsengebirge gehalten, beherrschten und verrammelten heute als

»militärische Notwendigkeiten« alle Straßen der Welt! Nein! das war kein

Leben! Es war nicht zu ertragen! Es war mir fremd das Geschlecht, das

solche Dinge befahl und sich nicht scheute, sie auszuführen. Und ich war

betroffen! und ich war mitgefangen. Mitgehangen war ich, ohne mitzugehen!

-- Der Zug lief in die Halle ein; die Passagiere verließen ihn. Hatte der

Wahnsinn der Welt mir den Verstand geraubt? -- Ich konnte mich nicht

besinnen, weshalb ich da auf dem Zürcher Bahnhof stand. Er war von

beißendem Nebel erfüllt, und mit hochgestülpten Kragen eilten alle dem

Ausgang zu, während ich, den Mantel am Arme, im dünnen Kleide dastand, in

unerträglicher Hitze und stürmisch bereit, aus dieser Welt, wie sie sich

drehte, davonzulaufen. Ein Dienstmann fragte, wohin ich wollte, und ich

sagte, daß ich es nicht wisse. Uralte Instinkte der Rachsucht und der

Wildheit tobten in mir wie einst die Peitschen des Xerxes gegen das Meer!

Ha! was wollten sie noch in der Weltgeschichte, diese verspäteten

Hanswurste in dem lächerlichen Aufzug ihrer frisierten Helmbusche, ihrer

aus gelbem Blech gedrehten Achselrollen, den zurückgeschlagenen roten

Eselsohren ihrer Mäntel, ihren albernen Säbeln, gut für ein Possenstück,

gut für ein Schaukelpferd, ein Ulk, bevor wir uns erniedrigten, davor zu

zittern.

Wie es zusammenhing, daß ein fliegender Zeitungsstand die Erinnerung

zurückrief, welche mir doch gerade die Zeitungen geraubt hatten, mögen

andere erklären, ich telephonierte an Frau Eleonore Grell: sie war zu

Hause. Aber auch ihr Gatte, Onkel Sam aus Mannheim, der flinke

Geschäftsmann mit dem schnurrigen Schnurr- und Vollbart, befand sich at

home. Er hatte sich das okkulte Getaste seiner Frau energisch verbeten und

glaubte es infolgedessen längst unterdrückt. So trafen wir uns denn bei

Huguenin, aber sie beteuerte mir, nichts anderes sagen zu können, als was

sie mir auf ein inneres Drängen hin geschrieben hatte. Ich ließ ihr aber

keine Ruhe und folgte ihr auf gut Glück in ihr Hotel. Und richtig war ihr

Mann inzwischen ins Freie spaziert.

Wir setzten uns ans Fenster, welches die Limmat überhing. Der See, die

Wolken und das ferne Bergland leuchteten im Abendschein grüßend und

verträumt in dies hochgelegene Zimmer.

* * * * *

Hier schalte ich für den Leser eine Warnung ein: die Unwirklichkeit spielt

in diesem Buch so stark in die gröbste Wirklichkeit hinein, daß ich gerade

die besten, an die ich mich doch wenden möchte, abzustoßen befürchte. Aber

ich muß mich streng an die Begebenheiten und ihre Reihenfolge halten, und

wenn ich nicht ebenso chronologisch das große Spiel der Schatten mit

hereinbeziehe, ist dieses Buch nicht wahr.

Sobald wird ja der Okkultismus seine besondere Peinlichkeit gewiß nicht

los. Denn für Namenloses ziehen da Benennungen mit großem Schwalle herauf,

und geistiger Brechreiz ist die unweigerliche Folge. Wer sich heute auf den

Weg zum Nichts aufmacht, ist jenen Steinklopfern vergleichbar, die auf ein

fragliches Echo hin die Felsenwand behämmern, und mitten im treibenden

Geröll Schutt ablagern, wo kein Liebhaber des Schönen seinen Fuß noch

setzt. Und doch wird für ihn vielleicht die Straße hier gelegt, die nach

dem dornenumwachsenen Reiche schaut, vor welchem Ferne, Wachstum und

Allmählichkeit entstürzt. Denn ob dein Sarg noch auf den Schultern derer

lastet, die ihn hinaustragen, oder ob deine Grabesinschrift seit Jahr und

Tag verwitterte, ist gleich.

* * * * *

Ich kehre zurück in das hochgelegene Hotelzimmer, wo wir auf einem roten

Repssofa beim Fenster saßen, das die Limmat und den See und Ferne und

Gebirge übersah. Von Heerscharen erfüllte sich die Luft. -- Auf den Ruf

welches Jagdhorns -- uns Tauben nur unhörbar -- eilten sie her? -- Wie

durchsickertes Gestein so schwoll die Stube an. War der Ansturm der

Schatten das Neue, was es unter der Sonne gibt? -- Aber schon war ich des

einfachsten Denkens nicht mehr fähig: alle Poren des Gesichtes sanft

gebläht, ergoß sich unaussprechliche Verlorenheit, ein hinträumen,

unbeweglich wie ein Leben lang. Das Herz erstickte von all dem Sang und

Braus. Kein Mißton trübte den unendlichen Chor. Ein Chor sage ich. Kein

Ungebetener darin. _Hier war die Sichtung:_ volles Orchester, nicht wie in

unserer Mitte unreines dazwischenfahren, grelles übertönen eines unbefugten

Soprans. _Ausgekämpft!_

Ganz versunken in den Vielen oder in mich, selbst? -- (ich unterschied es

nicht) -- faßte ihr wissen und ihr begreifen das, ganze Herz. Des Mediums

hatte ich vergessen. Mir zu Liebe, es ist wahr, doch auf sein Geheiß nur

waren sie hergewallt, so _dicht_! so feierlich gedrängt! »Sieh dich vor, du

kannst nicht wissen, du bleibst allein, oh!« . . . stammelte die Feder.

Wozu war ich denn hergereist, wenn nicht sie zu vernehmen? Und nun dünkte

mich dies so fremd und kindisch, ein Bilderbuchbegriff. Gab es denn im

Scheine dieser wogenden Luft etwas wie eine Zukunft? Führte man sie nicht

mit sich wie ein Geweih? Wuchs sie nicht an mit uns? War sie denn nicht der

eigene Hauch, der eigene emporstrebende oder schwankende, flackernde oder

in nichts zerrinnende Schatten? Stand sie nicht als der Wald, der aus

seinen Tiefen unsern eigenen Ruf zurückhallt? -- so die Völker, so der

einzelne. Was immer ihnen glückliches oder grausames begegnet, jeden Zufall

riefen, beriefen sie herauf. Wir nennen's Zukunft! --

Frau Eleonore Grell hielt mir ein Blatt entgegen, das mit den Schriftzügen

eines zehnjährigen Mädchens überzogen war. Es besagte immer dasselbe: Im Nu

war alle Weisheit abgeworfen und die Furcht, die mich hierher getrieben

hatte, wieder da.

Verwirre sie nicht, schrieb jetzt Eleonore, und als sie diese Worte gelesen

hatte, legte sie augenblicklich die Feder weg. Nichts hätte sie vermocht,

sie wieder aufzunehmen. Die Sitzung war zu Ende.

23. MÄRZ. Ich fahre nach Bern zurück. Fortunio kommt mir entgegen, und ich

frage ihn, was von den Berichten über die Verwüstungen zu halten sei. »Die

deutschen Communiqués geben sie ja selber zu,« seufzte er, »sie brüsten

sich sogar.« Wir überschritten den Platz zum Kasino. Das Gebirge strahlte

im vollen Ornat. Wir setzten uns ins Freie und starrten, Verbündete der

Verzweiflung, ohne zu reden, vor uns hin.

* * * * *

Fortunio fragte, warum ich in Zürich gewesen sei, und ich verweigerte die

Auskunft.

24. MÄRZ. Auch meine vier Wände sind mir verleidet. Die Sonne scheint

grell, verletzend, und nachts faßt mich der Schlaf nur wie eine Kranke, um

mich zu erschrecken. Ein Gesicht wendet mir so gemarterte Augen zu, daß ich

erschüttert frage: »Hast du Arme denn nicht ausgelitten?« und fahre

stöhnend auf, weil es nur der Reflex von einem Kummer war, den diese Augen

spiegelten. Nur ein überschwängliches Mitgefühl.

25. MÄRZ. Gestern abend bei Fortunio war Abigail von der Agence, der

hartnäckig am Thema der Verwüstungen festhielt. Auf dem Heimweg wurde er

immer dringlicher. Logisch, folgerichtig wäre es, zu den Ereignissen

Stellung zu nehmen; unvereinbar mit meiner bisherigen Haltung, wenn ich

schwiege. »In der Tat!« rufe ich in einem Tone, der bitterer ist als Galle.

»Sie reden, als wüßte ich nicht, daß Ihr die Dinge glaubt, die Telramund

Euch von mir sagt.«

Doch Abigail nahm alsbald seinen Vorteil wahr: »Sie haben es ja in der

Hand, Ihre Freiheit des Handelns zu dokumentieren!« Je mehr er mich in die

Enge trieb, desto schwerer wurde mir zumute, hatte er mir doch meine

eigenen Gedanken verraten.

»Es wird nicht gut.« Und ich erzählte ihm meine Züricher Reise.

Er war mächtig interessiert. Ich ließ ihn trotz der späten Stunde zu mir

herauf und zeigte ihm das Blatt Eleonorens. Es enthielt nichts, was ihm

behagte. »Die Hand eines Kindes«, sagte er wegwerfend. Ich bereute schon,

es ihm gezeigt zu haben, und wünschte ihn die Treppe hinab, riß die Fenster

auf, als er gegangen war, und warf sie ruhlos, verlassen, gepeinigt wieder

zu.

25. MÄRZ. Wie in aller Welt haftete Pech meinen zehn Fingern an? Aber ich

täuschte mich ja! Es war ein Irrtum . . . ah, es war ein Traum, so lebhaft

aber, daß ich mit beiden Händen in die Höhe fuhr.

Nachmittags bei der Fürstin, in der Hoffnung, ihre nüchterne Atmosphäre

würde mir Ernüchterung bringen.

»Et la Calicie«, sagte sie. »Ah! ils se valent bien tous, allez!«

Mir wurde nicht besser, und ich ging.

Über der Kornhausbrücke hing sehr niedrig eine Mondsichel, so wunderbar

ausgeprägt, so sprechend, so beseelt, so festlich!

27. MÄRZ. Nicht nur in meinem, nein, ich darf es sagen: mehr noch im Namen

der vielen in Deutschland (oder der wenigen, gleichviel!), welche sich

nicht äußern konnten, wollte ich gegen die neueste Kraftprobe der Herren

Militärs protestieren, und es dabei genau so halten wie die oberste

Heeresleitung, nur umgekehrt: das heißt mit eben derselben Arroganz über

militärische Notwendigkeiten hinwegsehen, wie sie über menschliche und

moralische. Meine Wohnung aber, meine Sachen, meine zurückgelassenen

Briefe, ein gewisses Schlößchen im bayrischen Vorgebirge, das selbst mitten

im Kriege so zauberhafte Kreise zog, dies alles sah ich vielleicht nicht

wieder. Und, die Trennung von meinen Freunden, meine Geborgenheit? Hier war

ich so fremd! Warum aber verhielt sich dies alles bleich, ohne Licht,

unvorhanden, ohne Resonanz, da mir doch wohl bewußt war, daß es wieder in

ganzer Kraft ausziehen würde? Wie jene rein umrissene und sehnsuchtsvolle

Mondsichel, die gestern über der Brücke so tief am Himmel hing und ihn

beherrschte. Was weiß er noch von ihr, sobald die Sonne brennt? So waren

alle Beweggründe, die mich zurückhielten, von einer stärkeren Forderung

entkräftet und verdrängt.

29. MÄRZ. Kaum war an diesem 29. März mein Protest an das Journal de Genève

abgeschickt, als mir eines jener erprobten Warnsignale übler Vorbedeutung,

die wie mit Hellebarden mein so ganz auf innere Stimmen angewiesenes Sein

umstellt halten, auf einem Rad, als hätte es höchste Eile, entgegensauste.

30. MÄRZ. Schon verschieben sich sachte wie auf einer Wandelbühne die

Kulissen: Verstummtes, Unterdrücktes belebt sich aufs neue, findet wieder

Farbe und Gestalt.

31. MÄRZ. Eine Antwort. Schon! -- »Die vielen Zuschriften, der Raummangel

. . . meinen Brief jedoch gedächte man zu bringen.« Es steht nichts von

einem Termin. Aber ins Ungewisse ertrage ich diesen Zwiespalt nicht. Morgen

fahre ich nach Genf zu Romain Rolland.

1. APRIL. Sonntag. Unter strömendem Regen bin ich nach Champel gefahren.

Rolland wußte schon, warum ich kam. Er war zufällig auf der Redaktion

gewesen, als mein Brief dort eintraf, hatte ihn gelesen und war unbedingt

für dessen Veröffentlichung.

Ich sprach dann beim Journal de Genève vor und erwirkte, daß der Protest am

übernächsten Tage erscheinen würde. Somit war die Sache erledigt, und ich

ging.

Das Wetter hatte plötzlich umgeschlagen. Es wehte eine schneidende Luft,

aber See und Himmel strahlten in frühlinghafter Bläue. In mir derselbe jähe

Szeneriewechsel.

Ein erstickend schwerer Vorhang riß magisch in die Höhe. Nicht der Salève,

der sich hier an allen Straßenecken türmte, sondern die bayrischen Berge in

ihrem seelenvollen Dunst und ihre Waldungen verstellten mir den Weg, und

die betrübten und bestürzten Mienen meiner zurückgelassenen Freunde. Es war

die Trennung von ihnen, das Exil. Drüben im Vorgebirge das Schlößchen, das

wie eine selige Insel auf dem dunkeln Meer dieser Zeiten träumte, die

schöne und musenhafte Freundin, die mich dort erwartete, die dort

verbrachten Herbst- und Sommerwochen.

Tausend Erinnerungen setzten sich wie Trauerglocken in Bewegung. Oh teuer

erkaufte Ruh!

4. APRIL. Bern. Abigail besucht mich; sehr gespannt. Ich sage ihm, wie

Rolland, den er immer anschwärzt, sich verhielt.

5. APRIL. Der Protest ist heute erschienen. Ich kaufe das Blatt, ohne den

Mut zu finden, es zu entfalten.

* * * * *

Ich übergehe die nächsten Tage. Diese Aufzeichnungen sind ja nicht verfaßt,

um Gemütsbewegungen zu schildern. Ganz andere Zwecke verfolgt dieses Buch.

Auch ist die Zeit nicht mehr, und man wird härter. Nur im Hinblick einer

Einsicht, einer Erkenntnis, wo Erfahrungen mit immer verstärkter

Deutlichkeit den Charakter des Lebens kennzeichnen und Kommentare stellen

zum Schicksal überhaupt, dürfen wir dabei verweilen. Kein größerer Wahn als

der, zu glauben, man kenne das Leben, um es ausgekostet, sich mit allen

seinen Genüssen, Schrecknissen und Abenteuern vertraut gemacht, viele

Männer oder Frauen gekannt oder geliebt zu haben. Es starb so mancher

ahnungslos dahin, welcher die ganze Welt bereiste. Auch nicht wer Gefahren

überstand, nein, sondern wer die Gefährlichkeit des Daseins, dessen

Gefährdetheit durchschaute, die wie ein giftiger Trank sich unablässig

bereitet und immer die Hefe zurückläßt, um sich neu zu mischen, nur wessen

Auge geschärft wurde für die Schatten, die im Tageslicht aufpassen, nur der

weiß über diese Welt Bescheid, und in ihm lebt das Bewußtsein -- bitter wie

die Aloe --, daß er umsonst gelebt hat, wenn die Schule, durch die er ging,

anderen nicht zur Lehre dienen wird.

Das erste war übrigens, daß mich die Fürstin ans Telephon rief: »C'est

désastreux! quelle folie!« sagte sie unverblümt; und als ich sie besuchte:

»Je dis ce que je pense, mais est-ce que j'écris, moi? -- Pas si bête!«

empfing sie mich und kochte mir mit heftigen Bewegungen Kaffee.

Dann aber kam Besuch: eine offiziöse Engländerin, deren Mann mit atrocités

allemandes einen schwunghaften Handel trieb, und ein russischer Diplomat

von professioneller Verlogenheit, die mir Komplimente machten und mich

einluden. Wie schwül mir da wurde! Nein, so war es nicht gemeint, und ich

gehörte nicht hierher! Nicht hierher und nicht dorthin. Bevor die Fürstin

mich mit einer ihrer Brüskerien zurückhalten konnte, war ich ausgerissen

und die Treppe hinabgeeilt.

Fortunio, der mir auf der Straße begegnete, nahm dieses typische

Palaceerlebnis von der komischen Seite und lachte. Wir saßen zusammen, als

Telramund im biederen Pelzrock, an seiner Rechten die Menschenfresserin von

Hokusai, mit jener so charakteristischen Verleumderwärme, die unbedingt

etwas anderes scheinen möchte, auf uns zueilte. Seine Hand weit

entgegenstreckend, brachte er mir rückhaltlose Schmeicheleien zu

herzhaftestem Ausdruck. Fortunio, welcher fühlte, wie bitter sie mir

mundeten, lenkte das Gespräch auf andere Dinge.

13. APRIL. Den Abend mit Fortunio und Abigail verbracht. Wir sprachen von

Träumen. Abigails sehr spekulatives Gehirn kann sich in so feinen Windungen

verlieren, daß es sich beizeiten von seiner höchst stofflichen Person

vollkommen losgelöst darstellt. Plötzlich, mitten in einem Satz, den er

sagte, lebte ein geradezu abscheulicher Traum der vergangenen Nacht in mir

auf, und schon begriff ich nicht mehr, daß ich mich jetzt erst auf ihn

besann, unterbrach aber sofort das Gespräch, um ihn zu erzählen. --

»Achtung!« rief ich, »so etwas Widerliches habt Ihr noch nicht gehört:

Ein Mann, von dessen schwarzem, fettem, unbeschreiblich schmutzigem Haare

dichte graue Schuppen auf seinen Anzug regneten, war dicht an meine Seite

getreten. Dabei zog er mit einem Kamm durch diese Strähne von nie

dagewesener Schmierigkeit, so daß der graue Regen immer dichter fiel. Ich

rückte unwillkürlich von ihm weg, da fuhr er weitausholend mit diesem

treibenden Kamm in mein eigenes Haar, ich fühlte ihn noch darin stecken und

erwachte vor Ekel.«

Fortunio schwieg. Auch der zu Kommentaren schnell bereite Abigail äußerte

sich mit keinem Ton.

»Es steht mir natürlich etwas höchst Widerwärtiges bevor!« nahm ich selber

auf. Auch diese Bemerkung weckte kein Echo. -- Man ging auf konkrete Dinge

über. Es wurde spät. Fortunio erwähnte das neue Blatt, welches Telramund

schon in den nächsten Tagen zu starten gedachte und wie jemand, der sich

ungern etwas zu sagen entschließt: »Er, beabsichtigt übrigens, eine

Übersetzung Ihres Protestes in seiner ersten Nummer abzudrucken.«

»Was fällt ihm ein!« rief ich. »Das kann er nicht.«

»Er kann es schon«, sagte Fortunio.

»Die Friedenswarte bringt sie.«

»Er will ihr zuvorkommen.«

»Ungefragt? Ohne sie nur zu zeigen?« fuhr ich im lichterlohen Zorne auf.

»Sie sind Zeuge, daß er mir nichts von einer solchen Absicht verriet, als

er vorgestern zu uns stieß. Ich figuriere nicht in diesem Blatt.«

»Fassen Sie sich doch!« sagte Fortunio.

»Nein, ich fasse mich nicht. Oh Fortunio!« rief ich, »oh mein Traum!«

»Schreiben Sie ihm halt.«

Ich ließ sofort das Nötige herbeischaffen und schrieb zitternd vor

Aufregung, was er mir diktierte. Dann brachen wir auf. Der gänzlich

verstummte Abigail blieb an unserer Seite. »Die Gefahr ist natürlich,«

bemerkte Fortunio, »daß der Brief zu spät eintrifft.«

Dies sagte genug. Er wußte mehr. Meine Empörung, meine Wut steigerte sich

mit jeder Sekunde. Je ungezügelter ich mich über den Charakter des

bevorstehenden Blattes ausließ, desto reservierter wurde Fortunio. Je mehr

ich sah, daß er sich ärgerte, desto mehr ärgerte ich mich über seinen

Ärger. Der meine richtete sich besonders gegen Abigail, dessen Schweigen

mir mißfiel. Nicht das Ungestüm, mit welchem ich auf den mir zugedachten

Schlag reagierte, sondern die ausgemachte Tücke desselben schien mir das

wesentliche, was unbedingt eine Parteinahme für mich verlangte. Auf eine

solche ließ jedoch nichts in der, all die letzten Tage so überschwänglich

gewesenen Haltung Abigails schließen.

Oben in meinen sorgfältig geschmückten, aber von Telramund behexten Räumen,

in welchen ich noch nicht eine einzige frohe Stunde verlebt hatte, noch

fernerhin erfahren würde, brach ich in helle Flammen der Verzweiflung aus.

Dies also war das Resultat! Zu diesem Ende also hatte ich die Worte, zu

welchen ich glaubte, mich entschließen zu müssen, so bang gewogen, so

behorcht. War ich dafür bis an die äußerste Kante einer abschüssigen Stelle

vorgetreten, so weit, als mein Fuß noch Boden unter sich fassen konnte, um

hinterrücks diesen Stoß zu erhalten? Denn was für eine Übersetzung und zu

welchem Zwecke sie fabriziert wurde, wußte ich genau. Am Arme Telramunds,

dieses Verräters, sollte ich an die Öffentlichkeit. Ich hatte mich, es ist

wahr, vom Anfang des Krieges an zur Opposition geschlagen. Aber sie galt

seinen Anstiftern und deren verworfener Gefolgschaft. Das Volk selbst tat

mir unabänderlich leid. In meiner, von kalten Wirbelwinden der Abneigung

durchsackten und durchkreuzten, aber dabei tiefen Liebe zu Deutschland, lag

das Band zwischen Fortunio und mir. Oft sprachen wir davon. Und dünkten uns

allein. Gerade unsere gallische Seite setzte uns ja auf Grund unserer

Abgerücktheit in Besitz des Spiegels, den die unvermischt Deutschen nicht

führen. Ihr Nationalismus ist ja Import, ihr Fremdenhaß unecht, imitiert,

immer bereit, wie Mörtel von ihnen abzufallen. Im übrigen ist die Gefahr

derjenigen Deutschen, welche Selbstkritik üben, viel eher, daß sie

erstarren. Wenn es kein französisches Wort für »Gemüt« gibt, so gibt es

noch weniger ein deutsches Wort für »affectueux«. Die Deutschen -- und das

ist es, was einem oft an ihnen erbarmt -- sind nicht imstande, sich im

geringsten zu hegen. Weil jede Nation seine so typischen Unholde hat, war

Telramund, allen deutschen Germanophoben voran, gerade in dieser

Germanophobie ein so typischer Boche. Jedenfalls durfte der Mann von Glück

reden, daß sein und seiner Gesponsin Leben an diesem Abend nicht in meine

Hand gegeben war. Statt dessen war es _ihr_ Trick natürlich, welcher aufs

beste gelingen mußte, und weit entfernt, daß die beiden verdienterweise und

auf meine Order hin vor Sonnenaufgang baumelten, haftete meinem

Frühstückstablett am Morgen dieses 14. April die erste Nummer der

Telramundschen Zeitung an. Sie umfaßte vier Seiten. Alle Beiträge waren

anonym. Nur mein fettgedruckter, im Reporterdeutsch übertragener Protest

trug meinen Namen. Ich übergehe den Zorn, mit dem ich diese wüste

Revolverprosa las, welche hier als meine eigene stand; wie vortrefflich war

dabei ihre Wirkung auf mich selber berechnet! Denn die Feindschaft von

Leuten wie Telramund ist wie mit tausend Augen auf uns gerichtet, mit

tausend Fühlern in uns verbissen. Sie kennen ja die Ablenkung ins Reich der

Ideen nicht! Sie spinnen keine eigenen Gedanken! Ich Törin hatte, wie über

einen Witz, lustig darüber aufgelacht, daß Telramund meinen Protest als

eine »Manoeuvre allemande« bezeichnet hatte, ohne zu erwägen, daß er

natürlich auf Mittel und Wege sinnen würde, dies zu bekräftigen. So galt es

denn, mich gewaltsam über die Linie zu ziehen, die ich mir selbst gesteckt

hatte. Dies ergab sich ohne weiteres durch den gehässigen Ton der

Übersetzung. Das andere würde ich schon selber besorgen; denn daß ich

reagieren, ja mich hinreißen lassen und ihm in die Hände arbeiten würde,

wußte niemand so gut wie dieser ausgezeichnete Kenner meiner Person. Ja, es

kam noch besser für ihn, als er wohl dachte.

Fortunio, den ich sofort benachrichtigte, ließ mir sagen, er könne mich

erst gegen zwölf Uhr sehen. Dies war mir viel zu spät. Gleich, in einer

Viertelstunde, bevor noch irgend jemand auf die Gasse trat, mußte meines

Erachtens etwas geschehen. Wahn! überall Wahn! In der Redaktion des Bundes

bestand ich darauf, daß meine Verwahrung sofort in der nächsten Nummer

stehen müsse. Es wurde mir versprochen. Immer noch war es Morgen. Rückte

denn heute die Zeit nicht vor? Alle Hauptstraßen meidend, kam ich im

Sturmtempo zu Fortunio, ihm das fait accompli mitzuteilen.

Wenn es wahr ist, daß kein Sperling versehentlich vom Dache fällt, nun dann

steht gewiß auch ein jeder unserer Tage unter einer bestimmten

Konstellation, und mein Unstern feierte gerade seinen Mittag. Fortunia, die

auf der Treppe stand, empfing mich mit einem unglücklich gewählten Wort.

Schließlich war es ihr Haus, ich konnte sie nicht niederstoßen. An ihr

vorbei, geradeswegs in Fortunios Arbeitszimmer, der die Mitteilung von

meiner zu erscheinenden Notiz mit einer Kälte aufnahm, die mich unsagbar

erbitterte. Hier bin ich fehl am Ort, dachte ich, und nahm eilends

Abschied. Auf der Straße war es kalt. Ich sah mich um: sie war leer. »Ich

bin verraten«, sagte ich laut. Ich hatte nur ein paar Schritte bis zum

Haus, in dem ich wohnte. Die Hand vor den Augen haltend, als sei mir etwas

hineingeflogen, eilte ich die Treppe hinauf und schloß mich ein.

15. APRIL. Telramund (immer anonym natürlich) veröffentlicht eine hämische

Erwiderung auf die meinige. Meinen französischen Text und seine Übertragung

würde die nächste Nummer seiner Zeitung zusammen abdrucken. Der Leser möge

sich dann selbst ein Urteil über mich bilden. Ich sofort wie eine

Windsbraut, auf Flügeln des Zorns, in die Redaktion mit einer

»Schlußerklärung«. Auch diese wollte ich sofort eingerückt sehen.

Daraufhin vertiefte sich das Waldesschweigen um mich her. Fortunio war ohne

ein Wort nach Lugano abgereist. Ich begriff es nicht. In meiner Unkenntnis

alles dessen, was mit Partei- oder Presseinteressen zusammenhing, wollte

mir ein Überblick der besonderen Situation nicht gelingen. Ein paar Dinge

sah und erkannte ich mit unbeeinflußbarer Sicherheit, gleichsam durch ein

Brennglas, mußte aber jede Einsicht mit einer Unzulänglichkeit überzahlen,

jedes Überbieten mit einem Versagen. Wer mich für dumm erklärte, dem hatte

ich von jeher meinen Segen gegeben. Es will keine Geographie in meinen

Kopf; vergebens starre ich auf einen Globus; ein Morseapparat bleibt mir

ein unergründliches Geheimnis; in scheuer Bewunderung starre ich während

einer Panne auf die Mechanikerkünste des Chauffeurs, und so teilnahmslos

ist gewiß kein Mensch, daß er, ohne mir beizustehen, zusehen könnte, wie

ich meine Koffer packe. Durch Vorzüge, wie durch Mängel isoliert, muß ich

mich selber auf mich nehmen wie ein Kreuz. Es kann geschehen, daß ich vom

Blatt begleite auf eine Weise, die jeden Musiker empfinden läßt, welche

Entbehrung es für mich ist, ohne Musik zu leben, und mir selbst wird zumute

gewesen sein wie einem plötzlich freigelassenen Pferd, das über eine Ebene

voll Sonnenlicht und Schatten fliegt. Nichts kommt seinem Rausche gleich.

Von solchen Augenblicken wahren Lebens erwache ich zum Tode des Alltags wie

ein Gefangener aus seinem Freiheitstraum. Gerade nach solchen seelischen

Abenteuern aber wird es am leichtesten vorkommen, daß ich mit einer

aufgeregten Hilflosigkeit, viel eher eines Dorftrottels, als meiner würdig,

nach meinen vergessenen oder verirrten Habseligkeiten suche, und keiner der

Musiker von vorhin würde mich wiedererkennen.

* * * * *

21. APRIL. Besuch Abigails. Oh nichts von Komplimenten mehr! Nichts mehr

von »femme exquise«. Wir prasselten uns Vorwürfe, groß wie Taubeneier, ins

Gesicht. Meine Schlußerklärung sei eine Abschwächung gewesen. Ob dies der

Moment wäre, zu sagen, daß es Boches in jedem Lande gäbe.

Es sei die Wahrheit.

In der Tat hätte ich die richtige Gelegenheit ergriffen, dies zu äußern.

»Ihr habt ja meinen Protest als eine manoeuvre allemande angesehen.«

»Cest donc une vengeance«, sagte er, indem er sich zum Gehen anschickte.

Ich eilte zur Tür, und, vor ihr aufgepflanzt, gedachte ich das letzte Wort

zu haben, als mir plötzlich ein Licht aufging, auch Fortunios wortlose

Abreise mir erklärte. »Sie haben das Wort >Abschwächung< gebraucht«, sagte

ich, »und werden dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie mir selbst,

geholfen haben, einen Nachsatz aufzusetzen, der jede Möglichkeit einer

solchen Auffassung ausschließt. Alles andere ist mir im Augenblick egal.«

Mein Entschluß einer neuen Bekräftigung konnte ihm nur erwünscht sein. Es

setzte ihn in den Stand, zum zweiten Male Heu einzufahren, nachdem das

erste verregnet war. Zum dritten Male schlug ich nun den Weg in die

Redaktion des »Bundes« ein. Nicht mit Unrecht wurde ich aber dort darauf

hingewiesen, daß sich eine Schlußerklärung mit keinen neuen Erklärungen

vertrüge. Ich führte mit aller Vehemenz dagegen aus, sie sei für mich

Ehrensache, und setzte endlich ihre Veröffentlichung durch. Natürlich mußte

sie wieder auf der Stelle her.

Daß hiermit ein Loch an Stelle eines Fleckens trat, war mir zwar klar. Und

nach der deutschen Seite hin verschlechterte sich natürlich meine

Situation, war eine Herausforderung mehr. Doch auch die formvollendetste

Blamage durfte ich in diesem Augenblick riskieren, nur nicht, daß behauptet

werden durfte, ich liefe vor meinem eigenen Mute davon. Ich war froh, daß

jetzt um mich her eine solche Leere bestand, und niemand in Sicht, der mir

einen Rat erteilen konnte. Denn der Fall lag allzu klar. Hier war es nicht

le ridicule qui tuait.

23. APRIL. An der Schnelligkeit jedoch, mit welcher jetzt meine Stimmung

umschlug, merkte ich den Stoß, den mein Gleichgewicht erfahren hatte: meine

Gemütsverfassung war eins mit dem herrschenden Wetter: Regen, Finsternis,

zerrissenes Gewölke, Himmelsblau, Sonne und wieder Sturm und Schnee. Kurz

entschlossen löste ich eine Karte, um einer Aufforderung A. H. Paxens nach

Lugano zu folgen.

Abigail, der sich nachmittags bei mir meldete, war sichtlich erfreut über

die inzwischen schon erschienene Notiz. Aber ich hatte jetzt reichlich

genug von der leidigen Geschichte, deren dickes Ende ja noch bevorstand,

denn bis jetzt hatte noch kein deutsches Blatt auf meinen Vorstoß reagiert.

23. APRIL. In Luzern unterbreche ich meine Fahrt und steige im Hotel Tivoli

ab, bei Glasenfrosts.

Warum aber fallen nachts Felsenblöcke über mich hin? Warum sehe ich einen

Baum an einem unsichtbaren und doch so verzehrenden Feuer verbrennen, daß

er im Nu nur ein Gerippe ist von einem Baum? Ohne Flamme und ohne, daß ein

Blitz ihn traf, nur ein gespaltener Stamm?

Warum stürzt von zwei Leuchtern der eine mit herabgebrannter, erloschener

und tränender Kerze zu Boden? Eine trübe Bildersprache, die ich in diesem

Jahre noch nicht entziffern sollte.

Um Mittag fahre ich weiter. Jenseits des Gotthard gerät der Himmel ins

Lachen. Er findet offenbar die Welt noch schön. Tröstlich prangende

Blütenhänge und endlich, tief unten, das hingezauberte Blau des Sees, einem

verliebten Abendhimmel hingegeben. Und die Bäume stehen hier wie sanfte,

begütigende Bräute.

Der Weg nach Paradiso ist holperig genug, auf den Bergen oben leuchten

feurige Spieldosen auf. Die Natur ist ein Zwischenakt mit

Verwandlungsmusik, und die Nachtluft wird von Amoretten hingetragen. Oh

Plansee im bayrischen Gebirg! Du See auf dem Plan, so hoch oben im Wind!

Warum schwebst du, Verwunschener, mir vor? Vor mir liegt lächelnde

Erfüllung. Du aber bist unbegrenzte Sehnsucht und Verweigerung.

Ein nachgesandter Brief von ihr, die von jenen Bergen spricht, hatte mich

in Luzern ereilt. »Bald kommt der Sommer, schreibt sie, rücken wir ihm vor.

Der Flügel wird schon in der Halle aufgestellt, die Schwalben fliegen gewiß

schon ein und aus.«

Die Droschke rollt jetzt auf glatter Fähre den See entlang.

25. APRIL. Fortunio, welcher von meiner Ankunft bei Paxens erfahren hatte,

kommt, verfehlt mich, telephoniert und bittet mich zum Tee.

Ha! denke ich, diesen Tee soll er sich merken bis in sein achtzigstes Jahr.

Mit vielem Bedacht staffiere ich mich zu diesem Wiedersehen heraus, um die

Meinung, die ich mir von seinen Ritterdiensten gemacht habe, möglichst

wirkungsvoll zu unterstreichen.

Wie dem auch sei, ich trug an diesem Tage ein, wenn auch nicht neues, so

doch neu beschlagenes Kleid mit halblangen, weit auslaufenden Ärmeln. Weiße

Besätze, federleicht und schwarz besäumt, schlossen sie am Ellbogen in zwei

Reihen ab. Zwischen ihnen lag wieder eine Spanne Stoffes, den sie ein wenig

heruntergezogen, denn so dünn ihr Gewebe war, durch ihre Fülle beschwerten

sie ihn doch. Beim Gehen glockten sie ganz leise ab und zu und hingen dann

still, bevor sie sich von neuem bewegten. Es war in der Tat ein sehr

rhythmisches und geglücktes Ärmelpaar. Vor allen Dingen aber -- andere

mögen dies gewiß auch schon beobachtet haben -- können wir von einer

»geistigen Schminke« angeflogen werden, chimärisch wie jene, welche die

Kosmetiker bereiten -- denn auch sie, wenn sie von uns fällt, läßt uns

fahler, aufgeriebener als zuvor. -- Indes gewährte ich den ausgestandenen

Nöten der vergangenen Tage ihr beredtes Schattenspiel, ja ein

selbstbewußter Schleier chiffrierte noch ein übriges dazu. Also gepanzert,

höchst intangibel und durchaus bestechend ging ich, die ihm zugedachte

Szene wohl im Kopf, gewandten Schrittes, als hätte ich soeben meine besten

Erfolge hinter mir, auf ihn zu.

Es gehört jedoch irgendwie mit zum Leben, daß im geringfügigen, wie im

großen die Dinge anders verlaufen, als man sie erwartete.

Zwar in der Tat eilte da Fortunio wie mit neubeschwingter Freundschaft mir

entgegen.

Seine Sympathie, erklärte er dabei, hätte nun wirklich die Feuerprobe

bestanden.

»Wie meinen?«

Da nicht einmal die desaströse Erklärerei im »Bunde« vermocht hätte, daran

zu rütteln. »Sie kennen die letzte nicht«, erwiderte ich mit der

erkünstelten und flackernden Würde einer Überrumpelten.

»Was!?« schrie er entsetzt und fuhr mit den Armen in die Luft. »Noch

eine?!« Unglücklicherweise mußte ich lachen, und da mir dies seit drei

Wochen nicht mehr vorgekommen war, hielt ich nicht sogleich inne, sondern

geriet ins lachen, wie einer ins laufen gerät, und ehe Fortunios Arme sich

wieder gesenkt hatten, war er angesteckt. Es gab kein Aufhalten mehr.

Lachraketen stiegen jetzt in die verblaute Luft, in einer vor Wonne

irrsinnigen Natur. Wäre ich zehnmal bedrückter noch gewesen, ich hätte

gelacht.

Bald fingen denn auch die Berge wieder an, ihre funkelnden Spieldosen

aufzuziehen. Nicht einmal nachts wollte diese Landschaft zum Ernste

gelangen; des Krieges selber schien sie zu spotten. Wer hatte denn recht,

wenn nicht die Bäume hier am Strand des Sees, die ihre Düfte einander

zuhauchten und vertauschten, und wenn sie welkten, wieder erblühten, und

wenn sie verdorrten, andere dafür erwuchsen. Es war mir ein Schlag ins

Wasser geglückt. Und was dann?

Ich zog Fortunio mit in den Kursaal, sah den Dämchen zu, wie sie tanzten,

gewann sechs Franken und verlor deren zwölf.

* * * * *

Und nunmehr ging ein Tag blitzender als wie der andere auf, und wie in

einer leuchtenden Schale der Vergessenheit zerfloß der See. Vergiß! Vergiß!

Es hinderte nicht, daß ich Fortunio bei Gelegenheit das alte Leitmotiv

vernehmen ließ, solange Telramunds im Hintergrunde säßen, sei jede Aktion,

jeder Versuch, dem Haß entgegenzuwirken, im vornherein eine gescheiterte

Sache. Er ist für das »abwirtschaftenlassen« solcher Elemente, und ich

nicht. Denn bis sie abgewirtschaftet haben, ist ja zuviel verdorben,

aufgehalten, zugrunde gerichtet. Fortunio, in vielen Dingen weit

beschlagener als ich, sieht nicht, wo ich erfahrener bin als er. Gewiß sind

ihm die Götter hold. Taucht er unter, so fischt er gleich etwas Schönes,

hält's gegen das Licht, freut sich des Prismas und läßt sich von den Wellen

schaukeln.

Die paar Meinungen dagegen, die mir unverrückbar im Kopfe horsten, muß ich

zu Markte tragen, und habe keine Ruhe. Muße bleibt Müßiggang für mich,

solange ich sie nicht formulierte. Und die Aufgabe ist doch so schwer, daß

ich vor jedem Anlauf von neuem zögere. Bis mein Tagewerk gelingt, sofern es

mir gelingt, wird der Abend für mich herangebrochen und meine Gastrolle in

dieser zweifelhaften Welt ausgespielt sein. Sollten meine Bücher mich

überleben und ich selber wiederkommen, so lese ich sie vielleicht, und

vielleicht wird mir dabei etwas sonderbar zumute. Ein Dirigent möchte ich

dann werden. Regieren möchte ich!

Die erste Katze möchte ich sein, die keine Vögel mordet. Ich bin in diese

beiden Tiere vernarrt und wünschte, sie schlössen Frieden.

Um auf Fortunio zurückzukommen: darüber sei man sich vollkommen einig,

sagte er, wie Telramunds Verfahren mir gegenüber zu qualifizieren sei.

Warum ergriff denn keiner meine Partei?

Er zuckte die Achseln, wie jemand, der es aufgibt, etwas zu erklären.

Gerade dieses Achselzucken aber gab mir endlich voll und ganz zu verstehen,

mit welch unsäglich trübem Wasser in Politicis gekocht wurde; so zwar, als

müßte es so sein. Diese Notwendigkeit war es gerade, die ich mich

anzuerkennen weigerte.

Ich kann gar nicht aussprechen, wie grausam mich der Plan von einem

»Zusammenschluß der Geistigen« anlächert . . . Wie sollte ein

Zusammenschluß der Geistigen zustande kommen, da noch ganz und gar kein

Zusammenschluß gegen die Ungeistigen besteht? Ach, kennt ihr Geistigen die

Welt noch immer nicht? Was redet ihr groß von eurem Zusammenschluß? Sprecht

von Aufgebot, von einem Kampfesruf gegen den Zusammenschluß jener, denen

alle Waffen zu Gebote stehen, welche die Gemeinheit führt, dem einzigen

Zusammenschluß, der sich bisher verwirklichte, denn dort gebietet der

Verworfene über den Verworfeneren, und der Verworfenste ist es, der das

Zepter schwingt.

Sprecht von Ausschluß, sprecht von Sorge. Davon sprecht, daß es keine gute

Sache geben kann, solange schlechte Elemente sich zu ihr bekennen dürfen,

um sie zu untergraben, ist doch an ihrer eigenen nichts mehr zu verderben.

Zum Zerstören aber sind sie da.

Gelänge es mir, auf diese noch immer nicht genügend beachtete

Beschaffenheit der Dinge die Aufmerksamkeit zu lenken, ich hätte nicht

umsonst gelebt. Ich weiß ja, wie sehr mein Scharfblick auf Kosten von

Kurzsichtigkeiten geht. Welche Pein ist das! Ich stürme nicht voran, ohne

über das Nächstliegende zu stolpern. Von ausgemachter Selbstherrlichkeit,

wo ich meiner Sache sicher bin, unheilbar blöde, unheimlich schlau, so

harmlos, daß man kichert, so gerissen, daß man mir mißtraut . . .

27. APRIL. Ein Berliner Kriegsgewinnler, den Paxens von Wien her kennen,

meldete sich bei ihnen zu Besuch. Der erste, dem ich mit Bewußtsein

begegne. Nie habe man bei Hiller so gut gegessen, nie bei Borchard soviel

Champagner getrunken. Die Welt habe jetzt die deutsche Faust

kennenzulernen. Was Ludendorff befahl, sei _unbesehen_ das Richtige, und

keine Kritik gestattet; (das galt mir!) Gott, wie gemütlich man hier

beisammen säße, während die Völker einander schlachteten. (Dies sagte er,

wie man am warmen Kamin vom Schneesturm spricht, der draußen wütet.) Allen

könne es nicht gut gehen, bemerkte er auch. »Schweigen Sie«, rief Frau A.

H. Pax. Er guckte etwas verdutzt. »Das ist ja schrecklich mit unserer

Valuta«, lenkte er dann ein. »Und mit der geistigen erst!« fuhr A. H. Pax

dazwischen.

Kunstwerk der Zukunft.

28. APRIL. Heute früh bin ich in einer Messe gewesen. Aber welche Messe! In

einem sehr alten, dem See gegenüberliegenden und köstlichen Bau: Traumhafte

Fresken, das übrige mit roten, langverjährten, rosagewordenen Damasten

ausgeschlagen. So gut wie leer. Die Schellen, die der Ministrant in

Bewegung setzt, erklingen abgetönt und sind gewiß aus Silber,

Weihrauchwolken steigen vom Altar. Dunkel -- nein nicht dunkel, von einer

lichten Penombra wie eine bedeckte Vollmondnacht, ohne Orgel und Gesang,

und dennoch brausend, unendlich groß, ja wie zum Firmament -- (wie wurde

mir?) weitete sich das stille und verlassene Haus und schwamm im All.

Endlich wieder eine schöne Kirche. Die in Bern hatte ich aufgeben müssen,

denn so war die Messe wirklich nicht gemeint. Als ich aber jetzt durch die

schwerbehangene Türe ins Freie trat, auf den noch leeren Platz und den

besonnten Strand, wo die Platanen ihre eben erschlossenen Kronen so

bräutlich dem Licht entgegenhielten, da schien dies alles, diese Natur mit

den dekorativ vor und wieder zurücktretenden Wänden ihrer Berge und das

gekräuselte, wie in sich selbst verliebt hinziehende Gewässer, selbst der

Himmel, der darüber hing, schien nicht so weit wie der eben verlassene,

leicht zu umspannende Bau mit den damastenen Wänden von verblaßtem Rot.

2. MAI. Die Pforte, die ins Weglose führt, wurde bisher nur im Vorübergehen

angekreidet. Ziemt es sich doch nicht, es zu beschreiten. --

Diejenigen aber, welche solange über die Schiffbarmachung der Luft

gegrübelt haben, sind nicht dieselben, welche sich auf Äroplane schwingen,

sondern viele Jahrhunderte werfen ihre wilde Brandung zwischen sie. Und

doch, und doch . . .

Wie in der nunmehr erkrankten Luft die Menschheit eine infizierte oder

jedenfalls, auch ohne es zu merken, eine affizierte ist, wie vielleicht ein

Pesthauch so allmählich unseren Planeten umschichtet, daß wir es nicht

gewahrten, ebenso glaube ich, daß bei vielen unter uns der innere Sinn dem

lautlos tumultarischen drängen und wogen (wo gäbe es Worte?) der so zahllos

und so jäh entströmten Leben zugewandter ist, als sie es wissen. Da sind

Akzente, da sind Lockrufe, die noch nicht ergingen . . . Da treiben wehe

Schwingungen der Wonne von unaussprechlicher Pein, da greifen Klänge ans

Herz, zerspringen und ermatten wieder, ohne zu ertönen, und da sind uns

Zaubertränke hingehalten, als hätten wir geistige Lippen, sie zu genießen

. . .

Es war nicht mehr Nacht, aber der Tag dämmerte noch nicht. Ich schlief

nicht mehr und war noch nicht wach. Eine Gestalt, höchst eindrücklich in

ihrer Schattenhaftigkeit, erfüllte die Atmosphäre bis an den Rand, als

müsse diese wie ein zu voller Becher überfließen, das Zimmer sprengen oder

sich entflammen. Und schon war das Unnennbare ungegenwärtig, und es wäre

lächerlich unzureichend, wenn ich sagte, es hätte sich entfernt, so ganz

außer jeder Beziehung stand es zu Zeit und Raum.

Was aber war inzwischen nochmals vor mir aufgeschimmert? Locken? -- von

einer Gelocktheit, die es nicht gab, von einer goldenen Blondheit, die

nicht vorkommt, ein Licht, das ich nicht kannte, schärfer, und dabei nicht

so grell wie das des Tages. Geisterhaft? Aber es war ja von einer

schärferen, wärmeren, pulsierenderen Lebendigkeit gewesen, als wir sie

kennen. Wir sind nicht lebendig genug, dachte ich bestürzt, und schlug die

Augen auf. Draußen hatte sich ein Wind erhoben. Die Fenster sahen auf den

Garten; der Himmel ganz blaß, aber im vollen Staat. Kleine Wolken als

Vorreiter ausgesandt. Die Bahn war frei, die Vögel vollzählig, Brust

heraus, in Positur und einzustimmen bereit. Höchste Spannung in den Bäumen:

kommt sie schon? Blumengeflüster: ist sie schon da? -- Es war alles wie am

ersten Tag.

* * * * *

3. MAI. Sicher haben die Menschen ihr Hofzeremoniell dem Sonnenaufgang

abgelauscht. An sich gewiß eine hübsche Idee. Mit acht Jahren war ich im

Kloster Page der schönen Gelmini, die an Epiphania mit dem Beinamen die

Gerechte zur Königin ausgerufen wurde. Meine Haare wurden Tage hindurch im

Hinblick der zu drehenden Locken mit gezuckertem Wasser gedrillt. Dem

Hofnarren fielen sie aus der Schellenkappe tief ins Gesicht. Denn gelockt

standen wir alle am Tage unseres Umzugs. Gelmini wurde zweimal gewählt und

starb das Jahr darauf. Wie groß war mein Staunen, als ich später erfuhr,

eine erwiesene Larve könne ihr Lebtag lang unter Zimbeln und Trompeten als

»Majestät« aufziehen. Und welches Gelächter erntete meine Entrüstung! Aber

wie oft hat der verspottete recht! Jede Epoche hat ihren wahren

Fürstenkonzern. Wir verkannten dies ganz: darum sind heute unsere goldenen

Kutschen remisiert. Großherzogliche Hoflieferanten, Palast- und

Schlüsseldamen, wo seid ihr? Terror der Wiener Komtessen, wo bist du? Kurz,

kurz ist's her.

Abends im Kursaal bei Musik geschrieben. A. H. Pax will in der

»Friedenswarte« eine tongetreue Übersetzung meines Protestes bringen, und

da er zugleich einen Beitrag für das Maiheft wünscht, setze ich meinen

Apparat in Bewegung. Es ist, als träten ungeheure Wasserwerke in Kraft, um

einen Fingerhut voll zu kredenzen. Stirnrunzelnd sitze ich inmitten des Hin

und Her von Eisschokolade und Tangotänzen, um einige Sätze über die

elsässische Frage zu formulieren. Ich begann mit ein paar Anspielungen und

zitierte mich aus einem Essay, den ich über die Markgräfin von Bayreuth

geschrieben hatte: der Frau fehle es zwar nicht an literarischer Begabung,

wohl aber an literarischer Perspektive, und für die Realität des

geschriebenen Wortes wohne ihr auch nicht entfernt dasselbe scharfe Gefühl

inne wie dem Mann. Heute sei hinzuzufügen, fuhr ich fort, ihr Interesse und

ihr Verständnis für Presse- und Parteiwesen sei in der Regel gering, und

auf jene allerletzten Endes so gedankenlose Parole: right or wrong my

country, wäre die Frau nicht verfallen.

So wird sie denn, erzählte ich von ihr, und meinte _mich_, nur wenig von

bisheriger Politik verstehen, dafür um so mehr von der kommenden. Denn es

ist ganz gewiß falsch, zu behaupten, man dürfe Politik nicht mit dem Gefühl

treiben. Wie veraltet die ohne Gefühl betriebene sogenannte Realpolitik im

Grunde schon war, hätten die zuletzt auf dem Plan erschienenen

jugoslawischen Völker sehr wohl erkannt, als sie einst jenen brüderlichen

Balkanbund zu gründen beschlossen, welcher dann am Widerstand der

europäischen Kabinette gescheitert war.

Es läge auch ein vollkommen richtiger Instinkt einer Versinnbildlichung der

Nationen durch überlebensgroße Menschengestalten zugrunde: Marianne, John

Bull, Michel, Onkel Sam . . . Von hieraus zieht sich deutlich ein Weg zur

Einsicht, daß den Beziehungen zwischen hochstehenden Völkern genau

dieselben Grundsätze unterliegen sollten wie zwischen hochstehenden

Menschen. Statt sich zu überlisten und brutal zu übervorteilen, suchen sich

diese im Gegenteil an Schonung, Großmut und Rücksicht gegenseitig zu

überbieten. Der Wetteifer um den Rücksitz hat als Ergebnis, daß man sich

darin teilt; statt einander zu berauben, hilft man einander aus. Man

gesteht sein Unrecht und wird vernommen, statt verdammt. Wäre somit eine

solche Politik nicht auch die praktischere?

Ich hätte mir vorstellen können, fuhr ich fort, daß auf einer solchen

Grundlage hin ein Dialog zustande gekommen wäre zwischen Michel und der

unversöhnlich von ihm abgewandten Marianne. Ich könnte mir wahrhaftigen

Gottes vorstellen, daß er -- nach Art der Liebhaber -- zu ihren Füßen

hingerissen, die elsässische Frage vor ihr zur Sprache brächte; ich könnte

mir vorstellen, daß im Laufe dieses Dialogs endlich ein Wendepunkt sich

ergäbe, von wo ab beteuert würde, was verneint worden war . . . und in

dieser Tonart lange hin und wieder so beharrlich, bis die wunde Frage sich

zwischen ihnen isolierte, auf einen höheren Plan gehoben, langsam über

ihren Häuptern wie eine Morgengabe schillerte.

Aber den Realpolitikern dünkte die andere Alternative, der wir heute

zusehen müssen, die gerissenere. Spätere Europäer werden sich freilich an

den Kopf greifen; dann aber wird vermutlich das andere Schlagwort aufkommen

vom Antagonismus der weißen und der gelben Rasse; und dann wird sich der

Himmel verfinstern von den neuen Schrecknissen; und dann erst werden die

Überlebenden nicht mehr bestreiten, daß die europäische Psyche durch

Assimilierung der asiatischen die endliche Bereicherung, ja ihre letzte

Vollendung erführe.

Nicht allein, daß die grauenvollen Erfahrungen, die geopferten

Generationen, die vergeudeten Jahrzehnte, Jahrhunderte notwendig sind, um

diese Welt zu Anschauungen zu bekehren, welche sich der einfachen

Nachdenklichkeit aufdrängen, sondern all diese Kriege, und die gewesenen

sind nur Vorstufen zu einem letzten Kampf, dessen Stunde zugleich mit der

Stunde der Vergeltung schlagen wird für jene Elemente, welche von jeher die

schlechte Sache in der Welt betrieben oder die gute verdorben haben. Die

Leute also, schloß ich meinen Aufsatz, welche auf den ewigen Krieg

schwören, mögen zufrieden mit mir sein; denn bevor jene Elemente (und es

sind stets überall dieselben) nicht gekennzeichnet und untergeordnet

werden, glaube auch ich an keinen dauernden Frieden.

* * * * *

Um mich von der Anstrengung zu erholen, setzte ich zehn Franken und gewann

zwei. Plötzlich taucht der Kriegsgewinnler vor mir auf und fragt, ob er

mich nach Hause begleiten dürfe. Es war sehr spät, ja, er dürfe. Er

begleitet mich also, ich aber leuchte ihm heim. Und siehe da, in dieser

nächtlichen Weile scheinen ihm sehr andere Bilder vorzuschweben als die,

mit welchen er noch gestern renommierte. »Es geht uns ja so lausedreckig,«

jammerte er, »warum verfolgt ihr das in den Brunnen gefallene Kind?« »Also

so steht es«, rief ich. Mein fertiger Aufsatz stimmte mich frech. »So steht

es, und ihr blufft weiter mit Schwertfrieden und Grenzverbesserungen in Tod

und Ruin hinein. Ich sehe schon, was für Argumente ihr schmiedet, falls es

schief ausgeht mit eurem Verbrechen!« Es läßt sich gar nicht sagen, wie

weinerlich, wie persönlich gutmütig dieser eingepeitschte Alldeutsche sich

herausstellte; wahrscheinlich der beste Gatte und Vater dabei, ein

gewissenhafter Arbeitgeber vielleicht.

* * * * *

Melide. Fortunio hat drei Elsässer getroffen. Im Schein der Windlichter

schlage ich ihm die Karten, er dagegen liest mir aus der Hand. Die

Edeljüdin hat ein rotes Tuch umgeschlagen, und wir sind vergnügt. Doch oh,

die Nachtigall, die wir am Heimweg schlagen hören. Mein Herz hing sich an

sie und drang in den Busch zu ihr. Ich hätte mich so gern nicht mehr von

der Stelle gerührt.

Der Himmel blieb die ganze Zeit über so blau, daß sich die Wolken in meinem

Gemüt angesichts soviel Sonne nicht behaupten konnten. Der erste bedeckte

Tag war auch der unserer Abfahrt. Ich nahm den Frühzug mit Paxens und

steckte meine Post gerade noch zu mir. Fürs erste galten dann meine Blicke

nur dem schwindenden See und den schnell sich verstellenden Bergen.

In Bellinzona trennten wir uns. A. H. Pax wünschte die Mitarbeit der Gräfin

Reventlow, und ich sollte sie zu ernsterer Arbeit ermuntern. Es stellte

sich aber heraus, daß nur 40 Minuten in Locarno blieben, so depeschierte

ich ihr auf gut Glück und fuhr dann durch das breite, lange Tal zum Lago

Maggiore. Sie stand am Bahnhof. Wir erkannten einander, ohne uns je gesehen

zu haben, und gingen mit einer Art von kalter Vertraulichkeit hinab zum

See. Ihr Zynismus kannte keine Grenzen, doch immer alles mit Grazie. Vom

Schreiben wollte sie nichts mehr wissen und hatte eine Übersetzung

unternommen. Bei jeder Seite freue ich mich, daß ich das nicht selber

geschrieben habe, sagte sie. Ich drängte sie zu größerem Fleiß, ohne

Anklang zu finden. »Mein Ideal wäre die Leitung eines großen Hotels«,

versicherte sie. Ihre Augen waren wunderschön. Ich sprach von ihren

Schriften, und daß keine Bücher dieses leichten Kalibers mit ähnlicher

Qualität geschrieben worden seien, so blaß, so spöttisch, so geistreich.

Aber sie schüttelte den Kopf: es sei zu schwer.

Wir gingen in der Mittagsschwüle den bergigen Weg zur Station zurück.

Einige Wochen später sollte sie in Konstanz ihrem Sohn zur Desertion

verhelfen. Heute amüsiert sie die Geisterwelt mit ihrem Witz. Schreiben

werden wir beide kein zweites Mal.

Ich hatte gerade Zeit, in den Zug zu springen: er bewegte sich schon, wir

riefen uns noch einmal auf Wiedersehen zu, bevor wir einander für immer aus

den Augen verloren. -- Zu lesen hatte ich gar nichts mehr, mit Ausnahme

einer französischen Zeitung, die unter meiner Post gewesen war. Sie

enthielt auf der zweiten Seite einen Angriff gegen mich: Erbitterte Zeilen

mit dem deutlichen Wunsch, mich zu verletzen. Fürwahr, dachte ich, das ist

wirklich zu unverdient. Aber der Verfasser täuscht sich: es ist mir egal.

Ich legte die Zeitung weg und sah in die Gegend hinaus. Merkwürdig

durchdrang mich da ganz und gar die Weite des Tals. Wie ein prächtiger

Festsaal der Natur, gemeint, als sei er auch bei Nacht zu erglänzen. Als

fehlten nur die Riesenkandelaber an den gleichmäßigen und feierlichen

Wänden der Berge.

Zarastro: Westliche Tage · 第 2 / 8 题