Fünftes Buch

-=Virtuti Asylum=-

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Die Ehe Barberinas war nicht glücklich, dauerte aber um so länger --

trotz der häufigen Unregelmäßigkeiten, die sich der Herr Gemahl -=in

puncto=- Treue gestattete. Man nahm es ja nicht so genau mit derartigen

Dingen. Und die Hauptsache -- die gesellschaftliche Position -- hatte

sie ja erreicht, wenn auch nur in der Provinz. Sie war da als Gattin

des Regierungspräsidenten immerhin die erste Dame. Sie war an sich

reich und insofern von ihrem Mann unabhängig; sie durfte sich auch den

Luxus leisten, ein Schloß zu kaufen, wohin sie sich zur Erholung von

den Strapazen der ehelichen Langeweile zurückziehen konnte.

Nach zwanzigjähriger Ehe unternahm sie einmal zur Kräftigung ihrer

Gesundheit eine Reise nach den böhmischen Bädern.

In einem kleinen Ort wurde die Reise behufs Wechsels der Pferde

unterbrochen. Sie benutzte die Zeit, einen Spaziergang zu unternehmen

und sah sich dabei die Vorstellung einer Zigeunergesellschaft an.

Unter den Tänzerinnen, Taschenspielern und Jongleuren war einer,

der durch sein sonderbares Benehmen auffiel. Ernst und schweigsam

übte er sein Amt als Spaßmacher. Ohne eine Miene zu verziehen,

parodierte er Tänzer und Tänzerinnen mit einer Gewandtheit, die seine

Vorbilder in jeder Beziehung übertraf und auf eine weit über dem

Durchschnitt stehende Kunstfertigkeit hindeutete, aber zugleich mit

einem ans grotesk Schauerliche grenzenden Ernst, der den Späßen eine

ans Herz greifende Wehmütigkeit verlieh und Barberina aufs höchste

erschütterte. Voll Mitleid entnahm sie ihrer Börse ein Goldstück

und warf es ihm, als er vor ihr stand, in das Tamburin. Ein Zittern

durchfuhr ihn, er flüsterte: -=»Mille grazie, signora«=- und machte

seine eleganteste Verbeugung. Und -- da erkannte sie -- trotz der

Schminke und der ganzen Verkommenheit -- Fossano! Sie dachte an jene

längst verflossene Zeit, wo sie, ein junges Mädchen, auf der Straße

in Parma dem Tanz der Zigeunerin zugesehen hatte und er, der reiche,

übermütige, vom Glück verwöhnte Künstler, ihre Gedanken und Wünsche

erratend, ein Goldstück über ihre Schulter der Tänzerin in ihr Tamburin

geworfen hatte! Und es blitzte in ihren Augen auf.

Durch jenes leicht hingeworfene Goldstück war sie damals seine

Schuldnerin geworden. Das hatte die erste Verknüpfung ihres Schicksals

mit dem seinen gegeben. Seitdem besaß er ein gewisses, wohlerworbenes

Recht auf sie. Aber jetzt erst fiel es ihr ein, daß sie gerade durch

jene Zahlung in seine Gewalt geraten war. Ohne daß sie noch er sich

dessen bewußt waren, hatte er dadurch ihre Seele gekauft und war ihr

Herr und Meister geworden!

Und nun hatte das Schicksal es so gefügt, daß sie es ihm ohne Absicht

in der gleichen Weise hatte zurückzahlen können. Das letzte Band,

das sie noch miteinander verknüpfte, war gerissen. -- »Du bist es,

Fossano?« sagte sie halblaut.

Er verbeugte sich schweigend. In seinen Blicken war aber etwas wie eine

Bitte, seinem Elend die Larve nicht vom Gesicht zu reißen. Er schämte

sich seiner Verkommenheit.

»Erinnerst du dich noch, wie du einst für mich in derselben Weise

zahltest?«

Er nickte.

»Jetzt sind wir also quitt!« sagte sie, und um ihre Lippen zuckte es

scharf.

Er seufzte und blieb noch vor ihr stehen. In diesem Seufzer lag

mehr als eine verschämte Bitte. Der Blick, mit dem er den Seufzer

begleitete, gab ihm den Charakter einer Mahnung, die er nicht laut zu

äußern wagte, aber die doch ihre Berechtigung zum Ausdruck brachte.

Sie verstand ihn wohl. Als er alles und sie nichts war, hatte er sich

ihrer angenommen und ihr den Weg geebnet -- aus Eigennutz oder nicht,

aber er hatte es getan! Jetzt waren die Rollen vertauscht -- sie auf

der Höhe des Lebens und er in der Gosse. Jetzt war's an ihr, Schicksal

zu spielen. Es war aber auch die Gelegenheit da, sich zu rächen,

und sie ließ sie nicht ungenutzt vorübergehen. Hilflos, von Schmach

bedeckt, stand er vor ihr, und sie rächte sich, indem sie ihm Hilfe

schenkte -- weniger aus gutem Herzen als aus der grausamen Lust, ihn

wieder mit Füßen zu treten. Sie warf ihm noch ein Goldstück in das

Tamburin.

»Das erste hat meine Schuld an dich getilgt«, sagte sie. »Dies

Goldstück macht dich zu meinem Schuldner. Nimmst du es an, so bist du

mir verpflichtet wie ich bis jetzt dir.«

Er nahm es.

»Signora befehlen?« fragte er unterwürfig.

»Unsere Kunst, die du mich heilig zu halten lehrtest, will ich nicht

von dir durch die Gosse geschleift wissen«, sagte sie, und er zuckte

unter ihren Worten wie unter einem Peitschenhieb zusammen. -- »Ziehe

die Bajazzotracht aus! Und wenn du umgekleidet bist, komm in das

Gasthaus und hole dir meine Befehle, sofern du gedenkst, dich unter

meine Botmäßigkeit zu begeben!«

Sie winkte ihrer Begleiterin und ging.

Als er nach einer halben Stunde in seinen zerschlissenen Kleidern vor

ihr erschien, das von Entbehrungen und vom jahrelangen Lotterleben

durchfurchte Gesicht von Schminke und Malerei befreit, da stand ihr

Entschluß fest.

Sie brauchte seine Lebensgeschichte seit der Zeit, da sie ihn das

letztemal gesehen hatte, nicht in allen Einzelheiten zu hören -- ein

paar Worte genügten, um ihr darzutun, wie er, als Spion geächtet,

als Spieler verrufen, von Stufe zu Stufe gesunken war. Nachdem seine

Ersparnisse verzehrt waren, hatte er sich den Zigeunern anschließen

müssen, um da als Faktotum und Spaßmacher bei den Vorstellungen

kümmerlich sein Leben zu fristen. An ein erneutes Hochkommen war bei

ihm nicht zu denken. Selbständig würde er sich kaum einige Tage halten

können, ohne zu verbummeln. Aber er konnte ihr nützlich werden. Er

hatte ja Erziehung, Gewandtheit, Manieren, hatte Sprachkenntnisse und

war mit dem Leben und den Menschen vertraut. Und vor allem: er kannte

sie und würde ihr, wenn er wollte, ohne weiteres jeden Wunsch vom

Gesicht ablesen können.

Barberina bot ihm an, ihr Haushofmeister zu werden und sie sofort

auf der Reise zu begleiten. Und er nahm an, ohne mit den Wimpern zu

zucken. Eine Börse, die sie ihm spendete, setzte ihn in die Lage,

sich gleich mit dem nötigsten an Kleidung zu versehen und sich von

den Zigeunern frei zu machen. Und so begleitete er sie auf der Reise

und zurück nach ihrem Schlosse Barschau in Schlesien. Ein besonderes

Vergnügen machte es ihr dabei, daß Friedrich ihn des Landes verwiesen

hatte. Denn erstens war er so ganz von ihrer Gnade abhängig und sicher

nur, solange sie sein Inkognito bewahrte! Außerdem konnte sie so dem

König, wenn auch ohne dessen Wissen, ein Schnippchen schlagen! Jahraus,

jahrein waltete Fossano also seines Amtes, ohne auch nur durch eine

Miene zu zeigen, daß er früher andere Beziehungen zu ihr gehabt hatte

-- aufmerksam, korrekt und in strengster Beobachtung der übernommenen

Pflichten.

Bis sie sich endlich, müde der schiefen Stellung, in die die

Mätressenwirtschaft ihres Mannes sie gebracht hatte, entschloß,

die Ehe, die schon lange kein Zusammenleben mehr gewesen war, nach

achtunddreißigjähriger Dauer auch formell zu trennen.

Sie residierte, wie fast immer in den letzten Jahren, allein auf ihrem

Schlosse Barschau, als die Nachricht von der endlich vollzogenen

Scheidung, die ihr Rang und Namen auch ferner sicherte, bei ihr eintraf.

Sie ließ ihren Freunden und Bekannten unter dem schlesischen Adel einen

Tag ansagen, an dem sie bereit wäre, Glückwunschbesuche zu empfangen.

Am frühen Morgen dieses Tages gratulierte ihr die gesamte Dienerschaft.

In feierlichem Aufzug zogen sie an ihr vorbei: Zofen, Kammerjungfern,

Türsteher, Lakaien, Köche und Gärtner machten ihre tiefsten Reverenzen

und brachten ihr Blumen aus dem Garten. Zuletzt der Haushofmeister, dem

als einzigem die Gnade zuteil wurde, ihr die Hand zu küssen.

Er tat es mit vollendeter Eleganz, richtete sich dann in voller Würde

auf, gab ein Zeichen, und die feierlich geschmückte Schar entfernte

sich. Auf steifen Beinen trat er dann nochmals vor, nahm seiner

Gebieterin die Blumen ab und begann sie in Vasen zu ordnen.

»Achtunddreißig Jahre ist es nun her«, sagte er dabei mehr für sich

selbst. »Achtunddreißig Jahre! Und heute erst --« Er seufzte.

»Ja, heute erst --« wiederholte die Baronin, ebenfalls seufzend, aber

auch sie vollendete den Satz nicht.

»Hja«, sagte der Hofmeister und steckte noch eine langstielige Rose

in die Mitte des Buketts. »Das Glück der heiligen Ehe haben Madame

reichlich genossen!«

Sie blickte ihn nicht an, sie kniff nur die dünnen Lippen zusammen und

sagte kurz:

»Gut, daß es vorbei ist!«

»Es wäre besser schon vor zehn Jahren vorbei gewesen!«

»Meinst du?«

»Mit Erlaubnis, ja! Madame haben viel Geduld gezeigt. Viel zuviel für

ein kurzes Menschenleben. Was nützt Madame jetzt noch die Freiheit?«

»Was hätte sein können, interessiert uns nicht. Was sein wird, ist

wichtiger. Nun haben wir die Scheidung und sind eines unerträglichen

Zustandes ledig!«

»Es ist aber nicht, was es hätte sein können«, sagte der Haushofmeister

eigensinnig. »Vor Jahren, als der Präsident, Dero Gemahl, anfing,

Madame offen seine Mißachtung zu zeigen und seine Mätresse in die

Gesellschaft einführte und bevorzugte, da hätten Madame die Scheidung

selbst beantragen müssen, statt abzuwarten, bis er es tat, um jene Dame

ehelichen zu können. Dann hätte es wenigstens den Anschein gehabt, als

wünsche Madame das Leben noch zu genießen -- und nicht, wie jetzt, als

sei Madame verstoßen!«

»Du bist dreist!« sagte die Baronin und stand auf. »Kümmere dich um

das, was deines Amtes ist! Wir werden viel Gäste haben. Der ganze Adel

wird sich jetzt wohl bei mir sehen lassen!«

»Ich fürchte, die werden ihre Glückwünsche lieber in Glogau bei der

neuen Frau Präsidentin des gleichen Namens vorbringen! Madame werden

nicht zu viele Gratulanten empfangen! Eine verstoßene Ehefrau ist den

Leuten keiner Beachtung wert!«

Sie blickte ihn scharf an.

»Sie werden wohl nicht -- wie du -- übersehen, daß er der schuldige

Teil war!«

»Sie werden Madame zum mindesten für mitschuldig halten. Und auch

denken, daß Madame sich reichlich lange Zeit zur Überlegung gegönnt

hätten, um Dero Einwilligung zur Scheidung zu geben!«

»Man verzichtet nicht vorschnell auf Rang und Einfluß -- das werden sie

alle wissen. Als Präsidentin von Cocceji war ich die erste Dame der

Provinz -- der ganze steifnackige Adel hatte sich mir zu beugen.«

Der Haushofmeister seufzte. -- »Die erste Dame der Provinz! Wenn ich

das höre und bedenke, daß Madame die erste Dame des Königreichs hätten

sein können -- wenn --«

»Wenn?« wiederholte sie und nahm dabei eine Haltung an, die jeden

anderen als Fossano sofort zum Schweigen gebracht hätte.

»Wenn Madame selbst gewollt hätten«, sagte er, ohne sich im geringsten

einschüchtern zu lassen. »Wenn Madame geruht hätten, sich im

entscheidenden Augenblicke etwas weniger gehen zu lassen!«

»Wer, wie du, in jenem entscheidenden Moment mitgeholfen hat, mich um

die Besinnung zu bringen, sollte mir nicht auch noch _=das=_ sagen! Du

bist aber ein boshafter Mensch, voll Schadenfreude und Scheelsucht!

Du bist ein Undankbarer! Du vergißt, daß ich dich aus dem Elend

herausgezogen habe, in dem du versunken warst! Du schätzt es zu gering

ein, daß ich dir zu einem ruhigen Alter verholfen habe!«

»Soll ich Madame so verstehen, daß ich mich durch meine Worte um

meinen Posten in Dero Dienst gebracht hätte?« fragte der Alte, und es

leuchtete unheimlich in seinen Augen auf.

»Das könnte so kommen, wenn du dich nicht in acht nimmst«, sagte sie

hart und setzte sich an ihren Sekretär. »Geh jetzt und sorge dafür, daß

alles bereit ist, wenn die Gäste kommen!«

»Zu Befehl!«

Der Haushofmeister stellte die Vase mit den Blumen vor ihr auf den

Schreibtisch. Er blickte seine Gebieterin furchtlos an und nahm noch

einmal das Wort:

»Auch auf die Gefahr hin, fortgejagt zu werden, werde ich meine Pflicht

tun und Madame meine Meinung sagen, wenn es not tut!« Und hiermit

machte er kehrt, ohne die Wirkung seiner Worte abzuwarten. Gerade und

steifbeinig stelzte er hinaus. Sie blickte ihm erstaunt nach.

Seitdem sie ihn in Dienst genommen hatte, war dies das erstemal, daß

er sich etwas gegen sie herausnahm. Stets aufmerksam, zuvorkommend,

wortkarg und pflichtbewußt durch die ganzen Jahre, dankbar für die ihm

erwiesenen Wohltaten, hatte er sich streng innerhalb der Grenzen seines

Amtes gehalten. Und heute kehrte er wieder den Lehrmeister heraus und

sah sie mit jenem überlegenen spöttischen Blick an, der sie früher

immer in Harnisch gebracht hatte. Und in seiner Stimme zitterte wieder

jener verächtlich überlegene Ton des Meisters, der sich herabließ,

seiner Schülerin eine Lektion zu geben!

Sie lachte laut auf! Ihr altes, steifbeiniges, verknöchertes Faktotum,

schon fast abgestorben vor Entbehrungen und Gebresten des Alters, maßte

sich an, wieder aufzuleben und noch einmal den eleganten, verwöhnten

Weltmann und Menschenverächter herauszukehren! Das konnte noch sehr

belustigend werden!

Sie ging zum Spiegel und blickte hinein. Ein volles, reifes

Frauengesicht, in das die Jahre ihre Falten gegraben hatten -- die

Augen schwarz und stechend, die Figur mehr als üppig, nichts mehr

von der übermütigen Tänzerin, die einer ganzen Welt ein Schnippchen

geschlagen hatte. Eine große Dame, an Wohlleben, Behaglichkeit und Ruhe

gewöhnt, und ohne Drang zu Abenteuern! Sie brauchte wahrlich weder

Führung noch Schutz! Sie war frei, unabhängig, reich; und die Tage, die

ihr noch beschieden waren, würde sie hier auf ihrem schönen Landschloß

in vertrautem Verkehr mit lieb gewordenen Standesgenossen verleben!

Aber die Standesgenossen kamen nicht! Sie war mit der Ehescheidung

aus ihrem Kreise getreten; der Kreis schloß sich wieder -- um ihre

Nachfolgerin, die ihren Namen und ihre Stellung geerbt hatte. Sie war

jetzt draußen und wurde ignoriert. Das hatte sie nicht erwartet. Trotz

ihrer Oberflächlichkeit hatte sie an die Echtheit der Gefühle geglaubt,

die man ihr zeigte, und wurde jetzt bitter enttäuscht!

Sie ließ es sich aber nicht anmerken. Sie wahrte die Würde und behielt

ihrer Umgebung gegenüber die Haltung. Nur den Hofmeister blickte sie

ein paarmal fragend an, als er das Mittagessen servierte. Er aber tat,

als merke er nichts, war korrekt bis in die Fingerspitzen, versah

seinen Dienst und wartete, bis er gefragt wurde.

Lange brauchte er nicht zu warten.

»Du freust dich wohl?« sagte sie plötzlich und blickte von ihrem Teller

auf. »Du freust dich wohl, weil du recht behalten hast?«

»Wie meinen Madame?«

»Sagtest du nicht heute früh, daß, nach deiner Meinung, meine Freunde

es vorziehen würden, statt hier bei mir im Hause meines ehemaligen

Mannes zu gratulieren?«

»Ja. Ich nahm an, sie würden nicht anders sein, als die Menschen

meistens sind. Aber ich für meine Person gestatte mir keinesfalls,

irgendwelche Meinung zu äußern -- weder Freude noch Schadenfreude!«

»Ich schätze es, daß du dich auf deinem Platze hältst. Aber -- wir

kennen uns zu lange -- der Anteil, den du früher an meinem Leben

genommen hattest, war zu einschneidend, als daß ich an eine gänzliche

Teilnahmslosigkeit denken könnte!«

»Der Anteil, den ich an Dero Leben zu nehmen die Ehre hatte, gehört der

Erinnerung an und ist längst von dickem Staub bedeckt, so daß ich ihn

nicht mehr ohne weiteres zu sehen vermag. Es wird Madame nicht anders

gehen! Ein >Interesse< habe ich nur noch für meinen Dienst! Und zu

meinem Dienst gehört es nicht, mich mit dem Abstauben der Nippes und

Bijouterien aus Dero Vergangenheit zu befassen! -- Wenn aber Madame es

mir ausdrücklich befehlen, weigere ich mich nicht, behilflich zu sein,

sie aus den Behältern von Dero Gedächtnis hervorsuchen zu helfen, wenn

es auch Madame keine besondere Freude bereiten dürfte!«

»Du bist frech!« sagte Barberina gereizt. »Du nimmst dir einen Ton

heraus, der deutlich zeigt, daß ich auch für dich von heute ab weiter

nichts bin als die ehemalige Tänzerin Barberina!«

»Von heute erst?! Pardon, wenn ich da zu widersprechen wage! Das sind

Madame von dem Augenblick an gewesen, als Madame den Geheimen Rat und

jetzigen Regierungspräsidenten von Cocceji ehelichten! Da hörte die

Barberina auf zu sein! Da war die Laufbahn ihres Gestirns unter den

Horizont gesunken! _=Jetzt=_ könnte es wieder emporsteigen!«

»Du meinst, daß ich jetzt noch die unterbrochene Laufbahn fortsetzen

könnte? Du siehst das Silber, das sich schon in meine Haare schleicht,

siehst, daß auch die Jugend längst eine Erinnerung ist -- und redest

noch von einem neuen Aufstieg meines Gestirns? Du nimmst dir heraus,

mich zum besten zu halten!«

»Durchaus nicht! Ich bin so frei, der Ansicht zu sein, daß der Aufstieg

zu dem glanzvollen Abschluß eines einzig dastehenden Schicksals jetzt

zu beginnen hätte!«

»Wie meinst du das?«

Er schüttelte den Kopf.

»Meines Amtes ist es nicht, Schicksalsfragen zu enträtseln! Wenn Madame

mir aber befehlen, das, was war, wieder ins rechte Licht zu rücken,

damit Madame _=selbst=_ sehen können, dann wollen Madame nur auf den

betreffenden Gegenstand des hohen Erinnerns deuten! Und wenn ihn

der Staub der Zeit zu dicht bedecken sollte, ich helfe gern, ihn zu

entfernen!«

Barberina blickte die alte, dürre Gestalt an, die kerzengerade vor ihr

stand, ohne einen anderen Ausdruck im Gesicht als den der gehorsamsten

Pflichterfüllung, und zuckte mit den Schultern.

»Nun, so sag mir deine Meinung über die Rolle, die ich am Hofe des

verstorbenen Königs hätte spielen können -- wenn ich es nicht verpaßt

hätte!«

»Dieselbe Rolle wie überall und in jedem Abschnitt des Lebens!

Madame tanzten um die Krone herum -- und verschmähten es im rechten

Augenblick, nach ihr zu greifen!«

Sie lächelte.

»Ich hätte das verpaßt?«

»Zu Befehl, ja!«

»Wann denn?«

»Eben das letztemal, als wir einander auf der Bühne gegenüberstanden

als Pygmalion und Galathée!«

Sie stand auf, heftig bewegt.

»Du wagst es, mich daran zu erinnern?«

»Ich hatte den gnädigsten Befehl! Keinesfalls wollte ich die Rolle

meiner Wenigkeit dabei in Erinnerung bringen!«

»Du hättest allen Anlaß, das zu vermeiden; denn du bist schuld an dem,

was sich damals zutrug!«

»Schuld an seinem Schicksal kann der Mensch nur selbst haben. Hätten

Madame bei jener Gelegenheit die Geistesgegenwart bewahrt -- wer weiß,

wie es dann gekommen wäre --«

»Wie denn, meinst du?«

»Ich meine, daß bei der Gelegenheit Madame der Krone so nahe waren

wie nie wieder in Dero Leben. Sie schwebte dicht über Ihrem Haupte,

aber Madame sahen es nicht, Madame empfanden nicht, daß der König

nichts sehnlicher suchte als die selbstlose Hingabe eines anderen

Menschen an sein Wollen. Er _=wollte=_ immer nur seine große Sache

und glaubte damals noch der schöpferisch empfangenden Liebe eines

gleichempfindenden Menschen zu bedürfen -- er wünschte sie zu gewinnen

und neigte sehr zu der Annahme, sie bei Madame finden zu können. Er

ahnte die Möglichkeit, erkannte aber auch die _=Unmöglichkeit=_, als

Madame bei der entscheidenden Probe ihrem persönlichen Temperament die

Zügel ließen und alles andere darüber vergaßen. Ich sollte ihm helfen,

Madame die Maske vom Gesicht zu reißen.«

»Ja, du warst stets bereit, mich bloßzustellen!«

»Wer das weiß und sich doch Blößen gibt, darf keinem als sich selber

Vorwürfe machen! Ich hatte nicht die Macht, Zwang auszuüben, damals

ebensowenig wie jetzt. Als aber die Maske fiel und das wahre Gesicht

unverhült zur Schau trat -- aber in leidenschaftlichster Aufwallung

verzerrt --, da sah jener suchende Blick aus der königlichen Loge wohl,

daß das, was er suchte, wirklich da, wo er's ahnte, zu finden gewesen

wäre -- wäre es nicht bereits verlorengegangen!«

»Durch wen?« fragte Barberina stechenden Blickes.

»Madame verzeihen, wenn ich mit einer Gegenfrage antworte. Wer bahnte

Ihnen den Weg, wer führte Sie zu jenen Höhen, wo es die Gelegenheit

gab, Großes zu leisten?«

»Wer _=verführte=_ mich auf Abwege, solltest du lieber fragen!«

»Führen und verführen sind kaum auseinander zu halten! Es kommt

darauf an, der Führung zu folgen und der Verführung zu widerstehn!

Danach gestaltet sich der Weg des Lebens! -- Madame ließen in jenem

höchsten Moment von Dero Laufbahn sich wiederum zu sehr gehen, und das

entschied! Das Spiel um die Krone war verloren! Was dann folgte, war

ein eigenwilliges Einsargen des eigenen Lebens -- ein jahrzehntelanges

Modern bei lebendigem Leibe im Grabe der Ehe. Jetzt hat sich das Grab

aufgetan. Madame sind wieder draußen.«

»Und was da draußen Wert hatte, ist tot! Wozu uns darüber aufhalten?

Laß uns weitergehen!«

»Wohin befehlen Madame?«

»Finde du den Weg!«

»Immer noch?« sagte Fossano kopfschüttelnd. »Das Ziel soll sich der

Mensch selbst stecken. Madame ließen sich aber stets vom Zufall

überraschen und von anderen führen!«

»Von anderen als von dir, meinst du wohl? Denn du wolltest stets die

treibende Kraft sein und merktest nicht, daß du selbst dabei getrieben

wurdest! Am meisten da, wo du glaubtest, am mächtigsten in mein Leben

eingreifen zu können -- in Paris! Leider aber gehen einem immer erst

die Augen auf, wenn's zu spät ist.«

»Das ist der Lauf der Welt. Das schönste Porzellan bekommt bei

unachtsamer Handhabung Sprünge! Man merkt's nicht gleich; man stellt es

aus der Hand! Nachher, beim Abstauben, kommt der Schaden an den Tag,

und man sieht, wie schön es hätte sein können -- wenn es nicht kaputt

gegangen wäre! -- Paris hätte märchenhaft schön sein können! Madame

hätten dort im Reiche der Grazie und der Schönheit aus dem vollen

schöpfen können -- Madame hätten _=geherrscht=_ -- --«

»Ohne >selbstlose Hingabe an das Wollen< eines Herrschers?«

»So war's! Madame hätten die Allgewalt gehabt -- wenn sich Madame nicht

voreilig meiner Führung entzogen hätten, um sich Leuten anzuvertrauen,

deren Übereifer alles verdarb. Das gab dem Ganzen, das sich so

märchenhaft zu gestalten begann, gleich zu Anfang einen Riß! Die

Geschichte bekam einen Schönheitsflecken -- die Krone Frankreichs glitt

in andere Hände, die gierig danach griffen!

Und so war's bei jedem Königreich, das sich Madame auftat! Die

Gelegenheit war stets da und war immer günstig -- aber immer wurde sie

verpaßt!«

»Auch in England?«

»In England hätten Madame unbeschränkt gebieten können, wären Madame

nicht so naiv gewesen, gerade da Dero Herz die Hauptrolle spielen

zu lassen. Das Herz Englands ist aber der Geldsack! Der regiert

unumschränkt! Und der lag Madame schon offen zu Füßen!«

»Gottlob, daß ich meinem Herzen folgte und ihn liegenließ! So habe ich

wenigstens etwas vom Leben gehabt!«

Der Haushofmeister seufzte.

»Madame haben viel vom Leben gehabt! Liebe, Haß, Ehren, Verleumdungen,

Reichtum, Armut! Fast alles! Es bleibt nur noch -- die Tugend!«

Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen · 第 23 / 26 题