Und dann: »-=Bon soir, mademoiselle!=-«

Nicht die erwartete, ihr so oft schon erteilte Einladung zum Souper im

Konfidenzzimmer! -- Ihr ganzer übermütiger, mit Rothenburg ausgeheckter

Racheplan war ins Wasser gefallen! Sie war gewiß gewesen, durch ihn

alles wieder einzurenken und seine gute Laune wiederherzustellen!

Und nun entzog er ihr die Gelegenheit, stellte sie auf die Stufe der

angestellten Künstlerin und kehrte den gnädigen Herrn und Gebieter

heraus, statt, wie so oft, den galanten Verehrer!

Sein Feldherrngenie hatte eben mit feinem Instinkt die Falle gewittert

und der Gefahr geschickt vorgebeugt.

»-=Bon soir mademoiselle!=-« hatte er gesagt und das Schlachtfeld

verlassen! Gleichzeitig aber es glänzend behauptet!

19

Im Hause des Grafen Rothenburg war eine glänzende Tafelrunde um

Barberina versammelt.

Die Koryphäen der Hofgesellschaft hatten sich Rendezvous gegeben. Graf

Algarotti, Chevalier du Chazot, Rothenburg selbst -- alle waren sie

da; selbstverständlich auch Pöllnitz, der nach dem Scheitern seines

Nürnberger Heiratsprojekts zurückgekehrt und vom König wieder in Gnaden

oder vielmehr in gnädigsten Ungnaden aufgenommen war.

Die erlesensten Speisen wurden aufgetragen -- der Champagner perlte in

den Kelchen -- die Stimmung war ausgelassen -- Scherze und Anekdoten

lösten sich ab. Und da hatte der unermüdliche Erzähler Pöllnitz, wie

immer, das große Wort.

»Er war ein Landsmann von Ihnen, Mademoiselle!« bemerkte er, die eben

angefangene Erzählung für einen Augenblick unterbrechend. -- »Er machte

am Hofe des Königs von Preußen Karriere wie Sie -- wenn auch in anderer

Weise! Er wurde General der Artillerie -- was Sie niemals erreichen

werden, und endigte am Galgen, vor dem Sie ein gnädiges Geschick

sicherlich bewahren wird!«

»Ich strebe auch nicht so hoch, Baron!« lächelte Barberina. »Mein

Ehrgeiz hält sich auf einem viel bescheideneren und weniger luftigen

Niveau!«

»Eine schöne Dame hängt man überdies hierzulande nicht, wie Sie als

Zeremonienmeister wohl wissen werden!« lachte Rothenburg.

»Man hängt ihr höchstens -- im Notfall -- einen Gatten an!« replizierte

Algarotti.

»Wie ungalant!« rief Chazot.

»Sie scheinen nicht zu wissen, daß mein Vertrag mir verbietet, an die

Freuden der Ehe zu denken?!« lachte Barberina.

»Wäre es indiskret, zu fragen, oh Sie Ihr Gelübde zu halten gedenken?«

»Sie, Graf Rothenburg, werden mich sicherlich nicht in Versuchung

bringen!«

»Ich werde jedenfalls alles aufbieten, um Sie vom Pfade der Tugend

abzubringen, Mademoiselle!«

»Von der Tugend steht nichts im Vertrag!« beeilte sich Pöllnitz

einzuwerfen. »Nur von der Ehe!«

»Und auch das war gänzlich überflüssig!« sagte Barberina. »Ich wüßte

jedenfalls keinen, dem ich meine Freiheit opfern möchte!«

»Und doch weiß Fama zu berichten, daß Mademoiselle unter Dero

berühmtesten Entrechats auch den Sprung in die heilige Ehe zu studieren

mit Erfolg bemüht waren!«

Barberina nippte an ihrem Glas und gedachte einen kurzen Augenblick

ihres entschwundenen Liebhabers.

»Die Zeit des Studiums ist vorüber!« sagte sie dann mit einem leichten

Seufzer. »Aber wir wollen unseren liebenswürdigen Baron nicht

unterbrechen! Erzählen Sie weiter von Ihrem illustren Abenteurer! Sein

Metier interessiert mich!«

»Sein Metier brachte ihm nicht so viel Schätze ein wie Ihnen das

Ihrige!«

»Der Ärmste!«

»Er war nämlich Goldmacher --!«

»Die Kunst haben Sie dann wohl bei ihm gelernt, Pöllnitz, nach Ihren

Reichtümern zu urteilen?« fragte Rothenburg sarkastisch.

»Ich habe sie gelernt! Wahrhaftig, ich nahm bei ihm Unterricht! Leider

aber lernte ich später auch die Kunst, Gold zu Papier zu machen, als

ich zu Zeiten Laws in Paris war! Und das rächt sich! Das gelbe Metall

verlangt vor allem Treue! Aber -- bleiben wir bei unserem Abenteurer!

Ich war noch ein junger Mann, als er an den Hof von Berlin kam!«

»Welchen Glauben hatten Sie damals gerade, lieber Baron?« fragte

Rothenburg süffisant.

»Den, den alle anderen Leute von Geist und Erziehung hatten! Ich

glaubte an den Stein der Weisen!«

»Und auch Sie -- haben ihn niemals zu sehen bekommen?«

»Doch! Ich habe ihn sogar in der Hand gehalten!« Er streckte die Rechte

aus. »In dieser meiner Hand!«

»Und -- trotzdem ist er ein Geheimnis geblieben?«

»Mein Fehler ist es nicht!« rief Pöllnitz lebhaft.

»Das glauben wir Ihnen aufs Wort!«

Alle lachten.

»Lachen Sie nicht! Wenn Sie, wie ich, mit Ihren eigenen Augen gesehen

hätten, wie sich ein Stück Silber in pures Gold verwandelte, würden Sie

nicht lachen!«

»Das hätten Sie gesehen?«

»-=Parole d'honneur=-, ich habe es gesehen! Und es war kein Traum! --

Ich ging zu ihm in sein Laboratorium! Ich war neugierig! Alle Welt

drängte sich ja dazu, sein Geheimnis zu erforschen -- er aber wies sie

sämtlich ab. Nur zu mir hatte er Vertrauen!«

»Er war ein Menschenkenner!«

»Zweifelsohne! Er lud mich also ein -- ließ mich feierlichst schwören,

das Geheimnis zu wahren --!«

»Sehen Sie!« rief Chazot. »Er wußte, daß er sich auf Ihr Plaudertalent

verlassen konnte!«

»Lieber Graf!« schmollte Barberina, »ich brenne vor Neugier! Reden Sie

doch dem armen Baron nicht ins Gewissen! Lassen Sie ihn doch weiter

erzählen!«

»Ich bemühe mich ja nach Kräften, ihn dazu zu bringen, den Schwur zu

brechen!«

»Nicht nötig, lieber Graf!« rief Pöllnitz lebhaft. »Ein Eid ist doch

nur dem Sinn nach zu halten! Wenn jemand mir ein Geheimnis unter dem

Siegel der strengsten Verschwiegenheit anvertraut, so tut er's doch nur

in der Absicht, ihm die größtmögliche Verbreitung zu verschaffen!«

»Ganz recht!« lachte Rothenburg, und alles lachte mit.

»Ich bitte Sie«, sagte Pöllnitz, »sonst würde er mir doch nicht das

Geheimnis verraten. Ich hab's denn auch ruhig weitergegeben, und --

wenn's Ihnen Vergnügen macht --«

»Aber sehr!« rief Barberina.

»Ich will also weitererzählen! Ich kam zu ihm in sein Laboratorium! Er

zeigte mir seine beiden Tinkturen -- die rote Tinktur -- die -=materia

prima=-, auch der Stein der Weisen genannt -- ein fleischfarben

schillerndes Pulver -- und ein weißes Pulver, das er die >weiße

Tinktur< nannte, mit der er Quecksilber in reines Silber verwandeln zu

können vorgab. Mit der -=materia prima=- aber wollte er nicht nur Gold

herstellen, sondern auch alle möglichen anderen Wunderdinge verrichten.

So zum Beispiel die Jugend wiederherstellen und das Leben mittels des

unfehlbar wirksamen und alleinseligmachenden >Jungfernpergaments<

verlängern -- --«

»Und von all dem Schönen haben Sie das schnöde Gold gewählt?«

»Man nimmt, was man nicht hat, Mademoiselle! Jugend hatte ich, und

an die Verlängerung des Lebens zu denken, schien mir noch verfrüht!

Gold aber ist, besonders bei einem jungen Mann von Welt, ein seltenes

Metall! Ich nahm also sein Anerbieten an, vorerst einen Taler in Gold

zu verwandeln! Das bewirkte er folgendermaßen: er breitete ein Stück

Pergament auf meiner Hand aus, streute Sand darauf, nahm dann ein Gran

seines kostbaren roten Pulvers, breitete es über dem Sand aus, legte

den Taler darauf, streute Sand über das Ganze und hieß mich die Hand

schließen! Ein seltsames Gefühl, als ob alle Lebenswärme meines Körpers

sich auf einmal in meiner Hand konzentrieren wollte, durchrieselte

mich! Ich schrie auf! >Nur ruhig!< sagte er und ergriff meine Linke und

fühlte den Puls. >Ich passe auf! Öffnen Sie die Hand nicht, ehe ich's

erlaube! Sonst ist's vertan!< Ich gehorchte! Ein gelblicher Rauch quoll

zwischen meinen Fingern hervor. Ich fühlte eine durchdringende Glut in

der Hand -- mein Atem stockte -- der Puls schlug immer schwächer und

schwächer -- der Angstschweiß trat mir auf die Stirn. -- >Genug<, rief

er dann plötzlich. >Machen Sie die Hand auf!< -- Ich tat's und -- hielt

in der Hand ein Stück puren Goldes! -- Es ist wahr, Rothenburg -- ich

schwör' es Ihnen! -- Eine Täuschung ist ausgeschlossen! Den Taler hatte

ich aus meiner eigenen Tasche genommen!«

»Wenn Sie das nicht gesagt hätten, lieber Pöllnitz«, sagte Rothenburg

ruhig, »so würde ich's ohne weiteres angenommen haben. So muß ich

glauben, daß Sie, in Ihrer bekannten Distraktion, sich im Wert des

Geldes oder -- sagen wir -- im Metall geirrt haben! Sie werden ihm ein

Goldstück gegeben haben!«

»-=Mais non!=- -- Wofür halten Sie mich?! Am Letzten des Monats -- bei

dem kargen Gehalt eines Kammerpagen! -- Wo hätte ich das Goldstück

hernehmen sollen? Der Taler war mein letzter! Der Goldklumpen, den mir

Don Caetano -- denn so nannte sich mein Abenteurer -- der Goldklumpen,

den er mir gab, rettete mir das Leben!«

»Und der Eid der Verschwiegenheit, den er Ihnen abnahm, machte ihn

berühmt! Denn Sie sangen natürlich sein Lob in allen Tonarten! Der Hof

wurde neugierig!«

»Ob der Hof neugierig wurde! Der König selbst -- weiland König

Friedrich der Erste, Gott habe ihn selig! -- interpellierte mich

höchstselbst über die Sache! Er ließ daraufhin den Goldmacher kommen!

Und Don Caetano hatte dann die Ehre, in allerhöchst Dero Gegenwart,

unter Beaufsichtigung des damaligen Kronprinzen, unseres späteren

Königs Friedrich Wilhelm des Ersten, selig, Quecksilber zu einem Pfund

puren Goldes zu tingieren! Der König war nicht undankbar! Er schenkte

ihm sein Bildnis in einem mit Brillanten besetzten Rahmen im Werte

von zwölfhundert Talern, und auch das Patent als Generalmajor der

Artillerie!«

»Und dann ließ er ihn aufhängen?«

»Nun ja. -- Der Goldmacher war ein Betrüger! Er verpflichtete sich,

dem König sechs Millionen Taler zu tingieren -- und er hielt sein Wort

nicht!«

»Und Sie, Baron, wie entgingen Sie dem Galgen?!«

»Ich fiel in Ungnade -- das war weit schlimmer als der Galgen! Ich ging

nach Paris!«

»Und hatten kein brillantenbesetztes Porträt des Königs zum Trost?«

»Das war mein Glück! Hätte ich das gehabt, dann wäre mir auch der

Galgen gewiß gewesen! Man soll sich vor königlichen Brillanten in acht

nehmen! Sie stellen immer die erste Phase der Ungnade dar --«

Ein Bedienter trat ein und meldete dem Grafen Rothenburg die Ankunft

des Königs. Rothenburg eilte hinaus, und bald darauf trat Friedrich

ein, von ihm und Jordan gefolgt.

Er grüßte gnädigst, küßte Barberina galant die Hand und nahm neben ihr

Platz.

»Sie haben uns heute durch Ihren Tanz exzeptionell divertiert!« sagte

er. »Hätten wir nicht noch verschiedenes zu ordnen gehabt, da wir

morgen abreisen wollen, so hätten wir Ihnen unser Wohlgefallen in der

Oper bezeugen können! Sie gestatten uns, es jetzt nachzuholen und Ihnen

dies Zeichen unserer königlichen Gewogenheit zu dedizieren!«

Er nahm aus der Tasche seines Uniformrockes ein Etui und legte ihr

selbst -- ein Armband von glitzernden Brillanten um! Eine seltene

Auszeichnung!

Barberina zuckte zusammen und blickte Pöllnitz an. Friedrich merkte es.

»Was haben Sie, Mademoiselle? Gefällt Ihnen unsere Gabe nicht?«

»Ich ersterbe vor Dankbarkeit ob der Gnade Eurer Majestät! Der Schmuck

ist wahrhaft königlich und selten schön!«

»Was haben Sie denn?«

»Baron Pöllnitz erzählte uns soeben die Geschichte eines anderen

Brillantschmucks -- eines Schmucks von schicksalsschwangerer Bedeutung!«

Friedrich lachte.

»Man soll sich von Pöllnitzens Aberglauben nicht gleich anstecken

lassen! Er wird Ihnen seine alte Geschichte vom Stein der Weisen

erzählt haben?«

»Ganz recht, Sire!«

»Und -- Sie werden alle trotzdem ebenso klug sein wie zuvor!«

»Ganz recht, Sire!«

»Das ist eben die Quintessenz von Pöllnitzens Weisheit!« scherzte

Friedrich. »Ihm ward es wie wenigen gegeben, den erlesensten

Lebensrätseln zu begegnen und -- blind zu bleiben! Er lernte nie

philosophisch denken! Deshalb begreift er nichts -- und glaubt an

alles!«

»Selig sind, die glauben und nicht sehen!« wagte Pöllnitz einzuwerfen.

»Der blinde Glaube mag gut sein -- für Subalterne«, sagte Friedrich.

»Eine gewisse Nützlichkeit ist ihm da nicht abzusprechen! Wer aber zum

Führer berufen ist, darf nicht auf die eigene Überzeugung verzichten!

Ich glaube, was ich greifen und begreifen kann, und lasse mir ohne

vollgültige Beweise nichts weismachen!«

Er wandte sich galant an seine Nachbarin.

»Ich glaube zum Beispiel fest an die unvergleichliche Kunst unserer

charmanten Barberina und bin durch ihre Leistungen von ihrem Genie

überzeugt! Ich werde aber trotzdem nicht darauf verzichten, sie erst

als Galathée zu sehen, ehe ich die Überzeugung ausspreche, daß sie in

der Rolle so außerordentlich sein wird -- wie ich hoffe!«

Barberina dankte mit einem Blick für das Kompliment. Die Tafelrunde

geriet in Bewegung.

»Sire, da spricht wohl nur der Wunsch Eurer Majestät nach einem

seltenen ästhetischen Genuß mit?« sagte Rothenburg.

»Mich überzeugten die Worte Eurer Majestät nur von allerhöchst Dero

Galanterie!« sagte Jordan ruhig und freimütig wie immer. »Majestät

werden noch dazu kommen, vor Dero Victorien sich die Karten legen

zu lassen! Denn Aberglauben ist's, und kein Glaube, der sich erst

überzeugen lassen muß!«

»Wärest du Pastor geblieben, Jordan, so würde ich vielleicht auf dein

Urteil in Glaubenssachen etwas geben -- wenn's gilt, über Aberglauben

zu reden! So gebe ich mehr auf das Feuer der schönen Augen unserer

charmanten Barberina! Das wäre schon imstande, mich gläubig zu machen,

wenn ich nicht fest in dem Aberglauben wäre, mich erst durch ihre

Leistung überzeugen zu lassen!«

»Wovon wollen Eure Majestät noch überzeugt werden -- wenn meine Kunst

schon das Glück hatte, heute die allerhöchste Anerkennung zu erringen?«

fragte Barberina.

»Von Ihrer Fähigkeit, das männlichste aller Probleme -- im Leben wie in

der Kunst -- zu erfassen und zu lösen! Denn das stellt meines Erachtens

der Pygmalionmythos dar! Ich will sehen, ob Ihr Wille nachgiebig genug

sein kann, ohne seine Elastizität zu verlieren! Ich will wissen, ob

Ihr weiblicher Instinkt Schwungkraft genug hat -- ob er mitkann --

oder zurückbleibt, wie bei den andern! Wird die Statue aus Stein im

Morgenrot einer männlichen Tat zu vollem, hingebendem Leben aufflammen?«

»Sire -- das hängt von der Sonne ab! Man kann in ihrem Glanz erfrieren

-- man kann auch von ihren Strahlen versengt werden, ehe man sich

seines Lebens recht bewußt wird! Ich fürchte fast, ich werde versagen!«

»Wir wünschen, daß Sie die Probe bestehen, Mademoiselle! Wenn der

Feldzug vorüber ist und die Truppen ins Winterquartier gehen, kehren

wir wieder und holen uns die Bestätigung! Wir werden dann Pygmalion

sehen und das Wunder seiner Schöpfung bestaunen!«

»Dem in der Phantasie Erschauten kommt die Realität des Kunstwerks doch

niemals auch nur entfernt nahe!« sagte Jordan.

»In diesem Falle glaube ich es sicher!«

»Dieser feste Glaube Eurer Majestät ist eben, was ich Aberglauben

nenne!«

»Der Aberglauben wird zur süßen Pflicht -- wenn eine so schöne

Dame sein Gegenstand ist!« lispelte Pöllnitz und blickte trotz der

Anwesenheit Friedrichs Barberina so verliebt an, daß sie ihm lachend

auf die Hand schlug.

»Pöllnitz wechselt eben den Glauben so oft wie den Gegenstand seiner

Verehrung!« sagte Friedrich. »Was die Frauen betrifft, so habe ich aber

den festen Glauben -- daß er immer Pech hat!«

»Sire, sagen Sie das nicht!« ereiferte sich Pöllnitz.

»Lesen Sie meine Memoiren -- lesen Sie meine Memoiren!«

»Wir brauchen sie nicht zu lesen, um uns davon zu überzeugen, wie sehr

Er darinnen nach Rache schnaubt -- Rache an dem schönen Geschlecht, das

so undankbar war, Seine Verehrung abzulehnen!«

»-=Mais non!=-«

»Sie werden uns Frauen in Ihren Memoiren schön zugerichtet haben,

Baron!« lachte Barberina.

»Seine Memoiren, ebenso endlos wie seine Abenteuer, lassen sich auf das

eine Wort Verachtung -- Verachtung für das Weib -- zurückführen!«

»Sire, ich protestiere -- --«

»Wenn man ihre Grundstimmung in Verse bringen würde, käme nichts als

ein Spottgedicht heraus --«

»Wenn Sie es in Verse bringen, Sire -- dann sicher!« seufzte Pöllnitz

in seinen falschesten Tönen.

»Ach, bitte, Sire, das dürfen Sie uns nicht vorenthalten!« lispelte

Barberina, mit einem Blick, als erwarte sie von ihm alles andere -- nur

keinen Spott. »Haben _=Sie=_ die Gnade, spenden Sie uns Pöllnitzens

Zorn königlich gereimt!«

»Wohlan, wir wollen den Versuch riskieren!« antwortete der König.

Alles wartete entzückt lächelnd. Er sann einen Augenblick nach und

begann dann:

»Als Gott in seinem Zorn

Den Teufel schuf,

Er nahm vom Bock das Horn,

Vom Pferd den Huf,

Und schuf ein Scheusal, garstig von Gesicht,

Dem Wesen nach ein rechter Bösewicht!

Er hüllte ihn in Lieblichkeit,

Gab ihm ein weiblich Auge,

Zum Liebeswerben stets bereit,

Und hieß ihm: >Geh und sauge

Den Männern ihre beste Kraft

Aus Herzen und aus Nieren!

Vergifte ihren Lebenssaft

Und mach' sie gleich den Tieren!

Kannst du das, sollst du gleich mir sein,

Honig und Manna essen,

Bleibt aber einer im Herzen rein,

Sollst ewig Staub du fressen!<

Dann schnitt er ihm die Krallen ab

Und gab ihm Lilienhände,

Ein voller Busen ward zum Grab

Für seine Teufelsbrände!

Er ließ ihn auf die Männer los

Als wundersüße Dirne!

Der Hölle Qualen birgt ihr Schoß,

Den Himmel täuscht die Stirne

Den armen Erdentoren vor,

Und rote Lippen lockten

Zum Küssen! -- Wer den Kopf verlor,

Wem _=da=_ die Pulse stockten,

Auf ewig in die Glut versank!

Unselig mußt' er leiden,

Weil er des Teufels Liebestrank

Nicht tat auf Erden meiden!«

»Bravo, bravo!« rief die ganze Gesellschaft, als er geendet hatte.

»Nun, Pöllnitz, haben wir da Seine Gefühle richtig getroffen?«

»Sire, ich würde nie im Leben zu beanspruchen wagen, als Urheber einer

so schönen Improvisation zu gelten!«

»Sie gaben uns doch den Anlaß!«

»Den äußeren vielleicht! Wenn Eure Majestät mir aber gestatten, offen

zu sprechen -- --?«

»Wir befehlen es sogar! Hier wollen wir uns doch keinen Zwang

auferlegen! Wir wollen auch nicht die Welt um das seltene Amüsement

bringen -- Pöllnitz offen sprechen zu hören! Also -=sans ceremonies=-,

Herr Zeremonienmeister!«

»Dann möchte ich mir gehorsamst zu bemerken erlauben, daß Eure Majestät

da nicht _=meinen=_ Gefühlen Ausdruck gegeben haben! So intensiv äußert

sich nur eigene Erfahrung!«

Friedrich runzelte die Stirn. Aber nur für einen Augenblick.

»Wir leugnen nicht, in amoureusen Dingen einige Erfahrungen gemacht zu

haben! Und waren sie nicht immer nach unserem Wunsch, so sind wir doch

jetzt persuadiert, eines Besseren belehrt zu werden!«

Er streichelte die Hand Barberinas.

»Die Hoffnung habe ich längst aufgegeben«, sagte Pöllnitz mit einem

affektierten Seufzer. »Ich ließ mir von jener in Lieblichkeit gehüllten

Teufelsbrut, von der Eure Majestät sangen, den Lebenssaft eben nicht

vergiften!«

»Himmelsbrut müßten Sie sagen, lieber Baron«, lispelte Barberina. »Gott

hat doch, wie Majestät so richtig sagten, auch den Teufel erschaffen!«

»Er hat aber auch Pöllnitz erschaffen!« lachte Friedrich. »Und Pöllnitz

blieb im Herzen rein!«

»Entsetzlich!« rief Pöllnitz. »_=Meiner=_ Reinheit halber müßte also

jenes höllische Ungeheuer Weib, dem Eure Majestät in dem soeben mit so

großer Kunst vorgetragenen Gedicht die Krallen abzuschneiden die Gnade

hatten, statt Honig und Manna >ewig Staub< fressen!«

»Geben wir uns besiegt, Mademoiselle! Wir kommen gegen Pöllnitzens

Logik nicht auf!«

»Majestät wollen nicht vergessen«, sagte Barberina, »daß unser lieber

Baron der einzige unter uns ist, der den Stein der Weisen in der Hand

gehabt hat!«

»Dagegen möchte ich protestieren!« rief Jordan lebhaft. »Jeder Mensch

hält einmal im Leben, wenn auch ohne es zu wissen, den Stein der Weisen

in seiner Hand, und damit die Macht, in dem Moment sein Schicksal

zu gestalten! Hat er Glück, so übt er, justement in dem Augenblick,

instinktiv seine Macht aus -- und wird sehend, nicht nur für sich,

sondern auch für die anderen!«

»Du hast recht, Jordan«, sagte Friedrich ernst. »Die Natur stellt

uns da auf die Probe, ob wir die empfangenen Fähigkeiten so weit zu

entwickeln imstande sind, daß wir unsere Bestimmung ahnen und danach

unsere Handlungsweise für alle Zukunft richten! Bestehen wir die

Probe, so werden wir nicht verworfen, und Fortuna hält in jeder Gefahr

schützend ihre Hand über unsere Person und unser Tun! Die Aufgabe,

die einem jeden dabei gestellt wird, fällt weniger ins Gewicht! Die

Hauptsache ist, daß man die Fähigkeit erlangt, schnell wie der Blitz

die Gelegenheit zu erfassen und zu benutzen! Die wird einem jeden,

der sie will! Sie geht ihm aber unwiederbringlich verloren, wenn er

nur _=ein einziges Mal=_ zaudert, im Entschluß zaghaft oder in der

Ausführung unsicher wird! Zäh an dem Glauben der Vorbestimmung unseres

Lebensschicksals festhalten -- das ist mein Glaube!«

»Selig macht dieser Glaube aber auch nicht! Und Enttäuschungen bringt

auch er«, entgegnete Jordan. »Also möchte ich das auch Aberglauben

nennen! Aber -- der Aberglauben des Genies!«

»Ob mein Glaube mich selig macht oder nicht, das wird nicht einmal

Jordan zu entscheiden haben!« lachte Friedrich. »Wir wollen hier nicht

dem Jüngsten Gericht präjudizieren!«

»Warum nicht, Sire«, sagte Barberina. »Es wäre doch amüsant, sich

eine Vorstellung des Hergangs zu machen! Ich bin wirklich begierig,

zu wissen, ob und wie wir, die wir hier um den Tisch sitzen, uns beim

Jüngsten Gericht wiedersehen werden!«

»Wenden Sie sich an Pöllnitz, Mademoiselle! Er ist der einzige von uns,

der mit zeremoniellen Dingen Bescheid weiß!«

»Majestät haben also die Gnade, anzunehmen, daß ich wenigstens als

Sachverständiger für die himmlische Seligkeit in Frage käme?«

»Das muß Er uns eben beweisen! Wie würde Er es zum Beispiel anstellen,

um für uns selbst die ewige Seligkeit zu beanspruchen?«

»Ein schwerer Kasus!« lachte Jordan.

»Um so mehr Reiz muß es für Pöllnitz haben!«

»Ich muß gestehen«, sagte Pöllnitz, »ich befinde mich da in einiger

Verlegenheit! Ich hatte noch nie einen König auf der Liste der von mir

zu erbittenden Audienzen. Wenn ich also am Himmelstor anklopfe, und

Sankt Petrus mir aufmacht --«

»Dann wird Er weder König noch Bettler, sondern den Menschen zu melden

haben, lieber Pöllnitz! _=Mich=_ melde Er also nur als den Fritz!«

»Zu Befehl! Ich melde also den Fritz! -- >Was will denn _=der=_ hier?<

wird der gestrenge Hüter des Himmelstors fragen. >Der hat schon auf

Erden seine Seligkeit -- im Ruhm gesucht! -- Der hat keine andere

gelten lassen! Hat der jemals Liebe empfunden? Hat er sich wie ein

wahrer Christ gedemütigt?! Hat er den rechten Glauben betätigt?! Er

will vor Gottes Thron erscheinen?! -- Ja -- hat er denn etwa -- er, der

stets die Gottheit mit den Lippen verleugnete -- im _=geheimen=_ doch

an sie geglaubt?< -- Was soll ich armer Erdenwurm dann auf so knifflige

Fragen antworten, Sire?«

»Mein lieber Zeremonienmeister«, sagte Friedrich, und es kam etwas

Straffes in seine Haltung und Festigkeit in seinen Blick, »frage Er

mich danach -- in der nächsten Schlacht, wenn die Kugeln uns um die

Ohren pfeifen und _=nicht treffen=_! Wenn Er mich _=dann noch=_ fragt

-- da werde ich Ihm auch zu antworten wissen!«

Es wurde still in der Runde. Aller Blicke senkten sich vor der

Majestät, die aus den Worten sprach. Barberina wagte zuerst die Stille

zu brechen.

»Und der Graf Rothenburg? -- Wenn Sankt Peter nach seinen Meriten fragt

-- was werden Sie sagen?«

Pöllnitz lachte boshaft auf.

»Da habe ich gar keine Angst! Wenn auch der Torhüter des Himmels beim

Lesen des Namens Rothenburg seinen silbernen Bart schüttelt und mich

unter buschigen Brauen barsch anglotzt und sagt: >Wie? Dieser Sybarit

-- dieser lockere Gesell bemüht sich auch um Eintritt? Ich sah ihn

noch nie auf dem schmalen Pfad der Tugend!< -- >Exzellenz<, werde

ich sagen, >der Graf hat sich zwar in Worten mit seinem Unglauben

gebrüstet, aber nur weil es Mode war! Seine eigene Tugend hat er stets

so gut zu verbergen gesucht, daß kein Mensch sie je in Gefahr bringen

konnte! Sein Leben lang lag er stets in inbrünstiger Anbetung auf

den Knien. Aus ganzer Seele verehrte er die Schönheit, die Anmut und

den Geist, die der Schöpfer in das Vollkommenste seiner Schöpfungen

niederlegte! Stets machte er die schönsten der Frauen zu Altären

seines Gottesdienstes! Sein Gebet war Poesie -- seine Beichte atmete

beseligende Liebe. -- -- Ehren, Auszeichnungen, Reichtum -- allem

entsagte er und legte es den Frauen zu Füßen! Gesundheit, Leben --

alles opferte er ihnen in zahllosen Duellen, und was hatte er davon?

Undank, Neid, Verleumdung, die grausamsten Qualen der Eifersucht! --

Kein Heiliger war öfter in Versuchung als er! Kein Heiliger wurde je

so schwer geplagt -- kein Heiliger fiel öfter als er -- und lernte die

Sünde so gut aus eigener Erfahrung kennen!< -- >Laß den braven Mann

eintreten!< wird Petrus sagen. >Als abschreckendes Beispiel -- als

bußfertiger Schlemmer -- als Prediger für die Wüstlinge wird er das

rechte Wort zu finden wissen!<«

»Fürwahr!« lachte Rothenburg, »wenn ich mit Sicherheit darauf rechnen

dürfte, daß Pöllnitz mir als Fürsprecher dienen würde -- mir wäre es

um die Seligkeit nicht bange! Denn er hat mehr und bessere Ausreden

als tausend Priester! Ich befürchte aber, daß er seine Gewandtheit in

höfischen Künsten mitsamt seiner übrigen Leiblichkeit hienieden lassen

wird, um im Stande der Unschuld da oben zu erscheinen!«

»Da wird nicht viel von ihm übrigbleiben!« lachte Friedrich.

»Er wird jedenfalls so viel Geist damit verbrauchen müssen, uns andere

hineinzuschmuggeln, daß er selbst nachher dumm draußen stehen muß!«

sagte Jordan.

»Mit Ihnen werde ich nicht viel Mühe haben, Jordan!« rief Pöllnitz.

»Bei Ihnen wird der Hinweis genügen, daß Sie Pastor waren und aufhörten

es zu sein! Die Tatsache, daß Sie schon bei Lebzeiten aufhörten, mit

dunklen Rätseln die Geister hienieden zu verwirren und so, wenn auch

negativ, zur Aufklärung beitrugen, wird beredter für Sie sprechen

als ich! Und wenn das nicht genügen sollte -- ich brauchte bloß

darauf hinzuweisen, daß Sie sich bei jedem Gewitter bekreuzigen und

Ihre lästerlichen Reden bei Tag durch allabendliche Gebete vor dem

Zubettegehen wieder gutmachen! -- Mit Ihnen werde ich es also leicht

haben! Weit mehr Sorge macht es mir, wie ich einen anderen, der hier

nicht anwesend ist, hineinbringe, denn er wird sicherlich zunächst dem

Könige auf meiner Liste stehen! Ich meine Voltaire! Ich wüßte nicht,

was ich Gutes über ihn vorbringen könnte!«

»Da wäre ich auch in Verlegenheit!« sagte Barberina, die auf die

in den Augen des Königs alles überragende Bedeutung Voltaires auch

eifersüchtig war. »Was würden Sie zum Beispiel antworten, wenn Petrus

Ihnen vorhielte, daß er durch Sklavenhandel Reichtümer sammelte?«

»Ich will Ihnen helfen, Pöllnitz«, rief Rothenburg.

»Ach bitte, tun Sie das!«

»Sagen Sie nur: wenn er sich mit Sklavenhandel befaßte, so tat er's

nur, um das Leben in seiner grausamsten und scheußlichsten Form

kennenzulernen. Denn das _=mußte=_ er als Sittenschilderer! Und wenn

er dadurch Reichtümer sammelte, so tat er's -- um frei und unabhängig

zu werden! -- Denn nur als freier Mann wird er sich den Luxus leisten

können, für die Rechte des Menschen einzutreten und aufklärend zu

wirken!«

»Wenn aber Petrus mir dann vorhält, Voltaire hätte das Heiligste

verspottet, da er sagte: >Wenn jener Jude mit seinen zwölf Aposteln

die christliche Religion zu stiften vermochte -- warum sollten nicht

_=ich=_ und zwölf ebenso gescheite Leute eine weit bessere Religion

machen können?< -- Denn das hat er gesagt!«

»Er hat aber keine gemacht!« sagte Friedrich ruhig. »Und wenn Sie

darauf hinweisen, wird es genügen! Denn schon die Tatsache, daß er der

Welt _=nicht=_ noch eine neue Religion bescherte, ist ein so ungeheures

Verdienst um den Frieden auf Erden, daß das allein da oben all seiner

Bosheit und seinem Spott zur Entschuldigung dienen würde!«

»Sire, wenn Eure Majestät da oben so gut Bescheid wissen -- dürfte ich

dann alleruntertänigst bitten, mir gnädigst zu sagen, unter welchem

Vorwand ich selbst hineingelangen würde?« fragte Pöllnitz. »Ohne

allerhöchst Dero Protektion geht's sicherlich nicht! Es gibt wohl

keinen Erdenwurm, der so viel Pech hat, wie ich -- -- keinen, dem so

viel Schlechtes nachgesagt wird! Wenn ich mit all dieser Sündenlast da

oben ankomme -- und überdies noch für Eure Majestät und die gesamte

Suite von Philosophen aufkommen muß -- dann wird man mir zu guter

Letzt sagen: >Pöllnitz, in die Hölle mit dir! -- Du verseuchst uns

den Himmel mit all den Freigeistern! Wenn unsere Leute hier oben zu

viel Aufklärung erhalten, dann glauben sie nichts mehr, dann werden sie

zu gescheit -- dann werden sie sagen, die Seligkeit hier oben _=ist=_

keine Seligkeit, und was weiß ich noch!«

»Sei Er unbesorgt, lieber Pöllnitz!« sagte Friedrich und leerte sein

Glas. »Dann wird Seine Flatterhaftigkeit und Sein loses Maul da oben

erst recht als Kontrast gebraucht, um das Gleichgewicht gegen uns

andere herzustellen. Und wenn Er wirklich all die Schlechtigkeit

mit heranschleppen würde, die man Ihm, mit Recht oder mit Unrecht,

hienieden nachsagt, und alle die Flüche, die Er in dem langen

Lotterleben auf Seinem sündigen Haupt angesammelt hat -- dann wird der

Herrgott, _=sofern=_ ich _=ihn kenne=_, laut auflachen und sagen: >Geh,

Pöllnitz, Er ist ein Schaf! Tret Er her und stelle Er sich zu meiner

Rechten!<«

Worauf er Barberina die Hand küßte, aufstand, den Hut lüftete und ging,

wie er gekommen war, von Jordan gefolgt und von Rothenburg unter vielen

tausend alleruntertänigsten Komplimenten bis an den Wagen geleitet.

20

Das Opernhaus lag hell erleuchtet da, dicht umstanden von glänzenden

Equipagen, Dienern mit lodernden Fackeln und Hunderten von Neugierigen,

die der Winterkälte trotzten, um etwas von dem Glanz und der Pracht zu

sehen.

Der König war nach sechsmonatigem Aufenthalt im Felde wieder nach

Berlin zurückgekehrt und hatte einen Maskenball ansagen lassen. Und

alle, die irgendwie berechtigt waren, zugelassen zu werden, drängten

sich, ihn zu sehen und am Feste teilzunehmen.

Die Auffahrt des Hofes war beendigt, der Ball in vollem Gange. Da trat

aus einer Tür der dem Schlosse zugewandten Seite des Hauses eine

Gestalt heraus, den Hut tief in die Stirn gedrückt, den weiten Mantel

dicht zusammengezogen, drängte sich schnell durch die Schar der Gaffer

und entfernte sich nach dem Schlosse zu. Über die lange Brücke ging ihr

Weg und dann am Ufer des Flusses entlang, an dessen anderer Seite die

riesige Silhouette der Hohenzollernburg hoch zum Nachthimmel ragte.

Kein Licht war im ganzen Hause zu sehen, außer in der offenen

Wasserpforte, durch die dunkle Schatten heraus und hinein huschten,

schwere, verhüllte Gegenstände trugen und sie auf einen langen

Spreekahn verluden.

Der Wanderer blieb an der Brüstung stehen und schaute neugierig dem

geheimnisvollen Treiben zu, bis die Fackeln verloschen, das Tor

verschlossen wurde und der Kahn sich langsam in der Richtung nach der

Münze zu in Bewegung setzte. Dann ging der Wanderer weiter durch die

dunklen Straßen, stieg die Treppen eines alten Patrizierhauses hinauf

und trat in das geräumige Schlafzimmer im ersten Stock ein, das nur

schwach erleuchtet war.

Er trat an das Bett, aus dem beim Öffnen der Tür ein schwacher Husten

hörbar wurde.

»Du hast mich rufen lassen, Jordan! So geht es dir schlimmer?«

»Nicht schlimmer als sonst -- aber doch schlimm genug! Ich konnte

meiner Unruhe nicht Herr werden! Der Gedanke, daß ihr Feste feiert,

wenn um uns herum alles in Trümmer zu fallen droht, peinigte mich. Um

so mehr, da ich hier ohnmächtig liege und kein Wort der Warnung am

rechten Ort und zur rechten Zeit laut werden lassen kann! Den König

durfte ich nicht stören! Und so rief ich dich!«

Keyserlingk, denn er war es, schlug den Mantel zurück und setzte sich

in den Sessel am Bett.

»Wie du siehst, bin ich deinem Rufe gleich gefolgt! Ich mußte mich

aber beim König beurlauben und sagte ihm also von deinem Wunsch! Er

läßt dich grüßen und will selbst nach dir sehen! Ihm wird es auch darum

zu tun sein, des Freundes Stimme zu hören!«

»Wäre das der Fall, so würde er sich nicht mit Festen zu betäuben

suchen!«

»Andere will er betäuben, nicht sich! Er will keine Beunruhigung

aufkommen lassen, deshalb zeigt er sich der Menge froh und vergnügt! Du

kennst den Fritz doch ebensogut wie ich!«

»Ich _=kannte=_ ihn vielleicht besser als irgendeiner! Ich erkenne

ihn aber nicht wieder, seitdem er die großen Enttäuschungen dieses

so glorreich begonnenen Feldzuges erlebt hat! Kein Wort spricht er

darüber, er, der mir sonst alles anvertraute!«

»Du bist krank, und er will dich nicht beunruhigen!«

»Dann müßte er mir eben reinen Wein einschenken! Er fürchtet aber meine

Kritik! Voll Übermut zog er hinaus in den Krieg! Jetzt schämt er sich!«

»Du fieberst, sonst wärest du der letzte, solche Worte zu sprechen!

Wann ging er je einem offenen Wort aus dem Wege?! Er _=bedarf=_ deiner

Kritik nicht! Er steht mitten in seiner Tat und kennt sie besser als

irgendeiner! Alles, was du ihm sagen könntest, hat er sich selbst

gesagt -- und mehr noch dazu!«

»Mir ist es darum zu tun, zu helfen, nicht zu tadeln! Vier Augen sehen

mehr als zwei! Und jetzt, wo alles von ihm abfällt, wo er nicht mehr

weiß, auf wen er sich hier im eigenen Hause verlassen kann, täte es ihm

not, daß auch andere die Augen für ihn offen halten!«

»Wennschon, so bedarf er vor allem, daß man ihn nicht verstimme. Dem

geht er aus dem Wege, und da hat er recht!«

»Das tat er aber früher nicht!«

»Die sechs Monate haben ihn eben um Jahre der Erfahrung reicher

gemacht. In der Not lernt man die Menschen kennen! Wer was taugt,

entnimmt der Niederlage die Lehre für den Sieg! Anderer Lehren bedarf

er dann nicht!«

Jordan schwieg. Ein heftiger Husten erschütterte die kleine, dürre

Gestalt! Keyserlingk reichte ihm den auf dem Nachttisch bereit

stehenden Labetrunk und setzte sich wieder.

Jordan betrachtete ihn lächelnd.

»Ewiger alter Sausewind, der du bist! Wenn man dich so aufgeräumt,

heiter und lebenslustig dasitzen sieht, wäre man in Versuchung, zu

glauben, daß uns nichts etwas anhaben könnte! Leider sind nicht alle

so!«

»Das sind Schafsköpfe!« rief Keyserlingk übermütig. »Wo sie den Fritze

haben und wissen, wie er gleich dem Blitz dreinfahren kann, wenn's

gilt, müßten sie sich freuen, wenn sich recht schöne Gewitterwolken am

Horizont zusammenballen! Was schadet es, daß der Kaiser jetzt plötzlich

starb und die Süddeutschen abfallen und wieder die Kaiserkrone an

Österreich verschachern wollen! Preußen macht den Schacher nicht

mit -- und wir sind die Rücksicht auf die Verbündeten los! _=Die=_

Rücksichtnahme hat uns den Feldzug gekostet! Fritze hat am eigenen

Leibe gelernt, daß Bündnisse unter Menschen nur so weit reichen wie der

eigene Vorteil, und daß offene Feindschaft besser ist als hinterhältige

und säumige Verbündete! Wenn auch der Bund mit Frankreich noch hält --

Fritze wird auf die Wünsche Frankreichs keine Rücksicht mehr nehmen!

Er wird, wie er es selbst für gut findet, handeln! Hätte er das gleich

getan, hätte er nicht Böhmen wieder aufgeben müssen! Dann stünde er

jetzt vor Wien und hätte es nimmer nötig gehabt, noch mitten im Winter

zu kämpfen, um die Österreicher aus Schlesien herauszuwerfen!«

»Allein kann aber auch er nicht gegen eine ganze Welt an! England,

Holland, Sachsen, Österreich haben sich gegen ihn verbündet! Rußland

ist unsicher! Die Armee ist von Krankheiten dezimiert und immer noch

schwer heimgesucht. Die Magazine sind leer, das grobe Geschütz ist vor

Prag gänzlich verlorengegangen! Wir sind arm! Wo nehmen wir das Geld

her, um Soldaten, Munition, Ausrüstung und Proviant zu beschaffen?«

»Das -- Federikus Jordan -- laß nur ruhig meine Sorge sein!« sagte eine

Stimme an der Tür.

Keyserlingk sprang aus dem Sessel auf. Jordan richtete sich im Bett

empor.

»Sorge du nur dafür, daß mein lieber alter Jordan wieder gesund wird,

damit mir _=die=_ Sorge genommen wird. Dann ist alles andere auch gut!«

Der König trat an das Bett und nahm in dem Sessel Platz. Er ergriff die

Hand Jordans.

»Ein wenig Arzenei bringe ich dir mit, alter Querkopf!« sagte er und

ergriff seine Hand. Ȇber den Feldzug will ich nicht mit dir rechten!

Da genügt's, wenn wir einsehen, daß wir Fehler gemacht haben, und sie

bloß nicht wiederholen! Wenn's dich ansonsten beruhigen kann, so höre:

England, das mit den andern gegen uns verbündet ist, fängt an, mit

uns zu liebäugeln! Carteret, unser Feind, ist nicht mehr Minister!

Die Pelhams sind am Ruder! Sie sind uns wohlgesinnt! Und wenn auch

England noch an seine Traktate mit der Gegenpartei gebunden ist -- das

Doppelspiel verstanden die Krämer drüben immer gut! -- -- Aber setze

dich, Keyserlingk! Du wirst heute noch das Tanzbein zu schwingen haben!

Du bist wohl den Weg zu Fuß gegangen wie ich? Ich sah keinen Wagen vor

dem Hause!«

Keyserlingk bejahte die Frage -- und erwähnte dabei die geheimnisvollen

Vorgänge am Schloß, die er unterwegs beobachtet hatte, in der Hoffnung,

daß Friedrich seine Neugier befriedigen würde.

»Du hast wohl Gespenster gesehen!« sagte der König lächelnd. »Sonst

pflegst du deine Augen nur zu benutzen, wenn schöne Weiber im

Fahrwasser sind! Sollten wohl die Nixen eine Invasion gemacht haben?!«

»Das sah mehr nach Heiducken aus!« sagte Keyserlingk eifrig.

»Wenn's nur keine Russen waren, wie es Jordan geträumt hat!« lachte der

König. »Sei ruhig, Jordan -- nicht die Russen -- _=ich selbst=_ habe da

ein bißchen geplündert! Nicht, weil ich's nötig hätte -- nur damit du

wahr träumst! Denn -- auf die Plünderung kam's dir bei dem Traum wohl

an!«

Und er erzählte den Freunden, wie er all die silbernen Tischplatten,

Kandelaber und anderes Gerät, auch den großen silbernen Musikantenchor

aus dem Rittersaal, den sein Großvater, der erste König von Preußen,

hatte anfertigen lassen, nach der Münze schaffen ließ, um die Schätze

in harte Taler umzuprägen.

»Nicht aus Zwang der Not«, sagte er nochmals eilig, als er die

erschrockene Miene Jordans sah. »Wir haben Geld genug, den Krieg

weiterzuführen. Sechs Millionen Taler haben wir dem Schatz entnommen,

anderthalb Millionen haben die Stände hergegeben! Wir benutzen nur die

Gelegenheit, den alten geschmacklosen Plunder im Schlosse loszuwerden

und nutzbringend anzulegen. Wir verwandeln ihn in Soldaten, Pulver

und Blei, die uns in den Stand setzen, Viktorien zu gewinnen! Nachher

lassen wir ihn wieder auferstehen -- aber in veredelter, künstlerisch

wertvollerer Form! Die Künstler kriegen zu tun, und wir haben den

Gewinn! Jordan aber, dessen Traum von der Plünderung des Schlosses uns

auf den Gedanken brachte, hat die Verantwortung für den Schaden --

wenn's ein Schaden sein sollte!«

Er lachte kurz.

»Ich werde mich in acht nehmen«, sagte Jordan, »Eurer Majestät nochmals

meine Träume mitzuteilen! Reliquien sind Heiligtümer --«

»So viel Wert haben sie nimmermehr wie das Blut eines einzigen

meiner Grenadiere, das auch für die Sache fließen muß! -- -- Sag

einmal, Jordan, du Allerweltsbesserwisser -- was hältst du von den

Tanzmeisters?« fragte er dann, plötzlich auf ein anderes Gebiet

überspringend.

»Eure Majestät wollen gnädigst den Grafen Keyserlingk darüber

interpellieren! Er versteht sich auf das Ballett besser als ich!«

»Sicherlich!« lachte Friedrich. »Auch ich traue mir einiges Urteil

auf dem Gebiet Terpsichores zu. Nun fragte ich aber nicht wegen des

Tanzes! Ich möchte nur wissen, was du von denen Tanzmeisters -- _=als

Politikern=_ hältst!«

»Eure Majestät belieben zu scherzen!«

»Auch im Scherz suchen wir den Ernst! Diplomaten sind oft gute Tänzer,

aber zu weiter nichts zu gebrauchen! Warum sollte denn nicht ebensogut

ein Tanzmeister Pirouetten in der Diplomatie machen können? -- Da kam

uns jedenfalls neulich einer herangehüpft mit einer guten Idee, die

unserer Politik nützlich werden konnte! Wir griffen sie auf! Wir nahmen

die Invitation zum Tanz an -- wir streckten die Hand aus -- da macht

der Teufelskerl ein Salto mortale und läßt uns die Tour solo beendigen!«

»Wollen Eure Majestät die Gnade haben, zu erklären, um was der Tanz

ging?«

»Wenn wir mittanzen, geht's immer um die Krone, Jordan!«

»Um die -- --?«

»Um die Kaiserkrone, -=mon ami=-! Um eine andere wird hier im Lande

nicht getanzt! Die will man jetzt wieder dem Hause Österreich zu

tanzen! Wir wollen es aber nicht! Wir sehen sie lieber auf dem

Haupte des Kurfürsten von Sachsen -- obwohl er, als König von Polen,

eigentlich nicht in Frage käme! Rußland teilt unseren Wunsch und bietet

dem Grafen Brühl ansehnliche Summen, um ihn dazu zu bewegen, die

Kandidatur Augusts aufzustellen! Österreich, England -=e tutti quanti=-

haben ihm aber schon erhebliche Summen für das Gegenteil bezahlt! Und

Brühl hat also das Angebot Rußlands zu dem Versuch benutzt -- England

mehr Geld abzupressen!«

»Abscheulich!«

»Was willst du! Ohne Bestechung wird in der Politik nichts erreicht!

Brühl hat noble Passionen -- teure Passionen! Er verkauft aber auch

seinen erlauchten Herrn nur zu den höchsten Preisen! Seine Briefe in

dieser Sache an Carteret kannten wir dem Inhalt nach! Wir brauchten

aber die Originale, um sie in Petersburg vorlegen zu lassen und so das

Doppelspiel Brühls aufzudecken. Können wir das, dann wird sich Rußland

ruhig verhalten, wenn wir nicht ganz so sanft mit Sachsen umspringen!«

»Und die Originale?« fragte Keyserlingk.

»Die wurden unserem braven Klinggräff von einem ehemaligen Tänzer,

Chevalier Fossano, angeboten, dem sie -- da er auch Spielbankhalter

war -- als Pfand für eine Spielschuld einer der Kreaturen Charterets

in die Hand gegeben waren. Unser braver Klinggräff aber griff nicht

gleich zu! Der Preis war hoch -- er glaubte erst unsere Erlaubnis

einholen zu müssen! Und inzwischen tanzte der Ballettmeister mit seinem

interessanten Raub in die weite Welt hinaus! So wenig Wagemut haben

unsere Diplomaten! Sie sind unfähig oder ängstlich, hüben wie drüben!

Wir müssen alles selbst tun! Auch im Felde! Unsere besten Generale sind

gefallen, oder sie kehren uns schmollend den Rücken!«

»Wollen Majestät den General Einsiedel nicht pardonieren?«

»Nimmermehr! Er hat uns durch seine miserablen Manövers schon eine

halbe Armee gekostet!«

»Wenn aber dann der Feldmarschall Schwerin wiederkehrt?«

»So wird Schwerin nicht wieder angenommen! Wer seinem König Bedingungen

macht, wenn Not am Mann ist, den kann der König nicht gebrauchen!

Schwerin war unser bester Mann! Das mit dem Einsiedel hat er uns krumm

genommen und ist gegangen, weil wir ihm seinen Willen nicht tun! Wir

lassen uns aber nicht zwingen! Überdies ist ja Winterfeldt noch da! Und

den Alten Dessauer haben wir wieder ins Kommando berufen!«

»Eine harte Nuß!« lachte Keyserlingk.

»Aber doch noch zu knacken!« meinte der König. »Er ist ein Querkopf

wie Jordan -- aber ein General wie wenige! Schlesien hat er uns

bereits gesäubert! Er wird auch noch weiter gut funktionieren, wenn

sein Eigensinn mit dem Feinde so viel zu tun bekommt, daß er uns damit

ungeschoren lassen kann! Und dafür wollen wir sorgen! Wir sind aber

nicht gekommen, um über unsere Generale mit dir zu räsonieren! Es gibt

Leute, die uns weit schwierigere Probleme stellen!«

»Dürfte ich fragen, welche?«

»Wir sagten bereits -- die Tanzmeisters! Und auch die Tänzerinnen!«

Jordan warf sich im Bette zurück und blickte den königlichen Freund

lächelnd an.

»Nun«, sagte Friedrich, »du zeigst mit deinem Lächeln, daß du recht

geraten hast! Wir meinten die Barberina! Die Dame hat Ehrgeiz! Sie

schien mir nicht nur in der Kunst eine Rolle spielen zu wollen! Wir

haben sie auf die Probe gestellt! Wir haben versucht, ob sie imstande

wäre, auch nur in der Kunst -- also auf ihrem eigenen Gebiet -- unseren

Intentionen Leben zu verleihen! Wir hofften das! Sie hat uns aber

enttäuscht! Wir waren mit ihrer Galathée sehr übel zufrieden! Du hast

sie doch auch gesehen?«

»Allerdings!«

»Wie gefiel sie dir?«

»Gut!«

»Wir fanden sie miserabel! Gekünstelt, gemacht, gewollt, berechnet!

Keine Spur von der unmittelbaren Natürlichkeit, die _=wir=_ wollten!

Die Poesie des ersten, zum Bewußtsein erwachenden Lebens empfand sie

nicht -- sie _=verstand=_ sie nur! Und deshalb gab sie nur Theater --

gut gemachte Pantomime -- aber keine wahre Kunst! Wir haben uns da in

der Kunst auch eine Niederlage geholt, Jordan! Und keine kleine! Das

Weib ist eben ein schwer zu behauptendes Schlachtfeld!«

»_=Das=_ Schlachtfeld verlangt eben eine ganz besondere Strategie!«

sagte Jordan lächelnd. »Wer vom Weib Empfindung haben will, muß sie zu

erwecken verstehen!«

»Und das meinst du, könnten wir nicht?«

»Das könnten Eure Majestät wohl auch! Eure Majestät haben es aber

vorgezogen, zu ihrem Verstand zu sprechen! Da kann sie sich doch nicht

herausnehmen, mehr zu geben, als von ihr verlangt wird! Nur das, was

man dem Weibe gibt, gibt es wieder heraus!«

»Sie ist aber nicht nur Frau, sondern auch eine große Künstlerin!

Die Aufgabe selbst muß zu ihrer Empfindung sprechen -- nicht der

Auftraggeber!«

»Ein echter Künstler empfängt vom Leben allein seine Aufgaben! Ein

königlicher Befehl löst keine Kunst aus, nur dienstliche Verrichtung!«

»Du kannst uns doch nicht zumuten, selbst bei ihr den Pygmalion zu

agieren?!«

»Im gewissen Sinne -- ja -- wenn Eure Majestät mehr als den bloßen

Dienst von ihr sehen wollen!«

»Die bloße künstlerische Anregung genügt da also nicht?«

»Vielleicht -- wenn sie richtig gegeben wird! Sie ist vor allem

ein Weib -- da liegt der Schlüssel zu ihrer Kunst! Sie ist nicht

mehr jung, sie hat das Leben schon ausgekostet! Sie ist vor allem

_=als Künstlerin=_ nicht mehr jung! Ihr Ehrgeiz hat alle gewünschte

Befriedigung gehabt, alle Triumphe gefeiert! Die Kunst _=allein=_ gibt

ihr nicht mehr den nötigen Reiz, um ihre Seele in Schwung zu versetzen!

Ihr Ehrgeiz richtet sich _=auf das Leben selbst=_, um da neue Nahrung

zu finden! Und da das Leben sie auf eine so hohe Stufe gestellt hat --

-- --«

Friedrich begann zu verstehen. Er blickte Jordan scharf an.

»Du hörst: wir haben sie auf die Probe gestellt! Wir sind aber nicht

Ludwig von Frankreich! Wir werden also dem Ehrgeiz der Damens, die auch

nach unserer Macht schielen, nur wenig Befriedigung bescheren! Unser

Tun ist unser Tun! Da teilen wir mit niemand. Uns kann sie nichts als

das Amüsement bieten! Da aber verlangen wir alles und echtes -- auch

wenn es sich nur um eine künstlerische Leistung handelt! Sie _=hat=_

das, was wir von ihr wollen! Und sie soll es hergeben -- -- wir zwingen

sie noch! Auch _=die=_ Schlacht gewinnen wir!«

»Wie wollen Eure Majestät das anstellen?«

»Frage mich, wie ich die Schlachten, die ich noch mit Österreich

auszukämpfen habe, gewinnen werde! Ich weiß, daß ich sie gewinne! Wann,

wo und wie, das ist Sache des Augenblicks! Ich lasse die Gelegenheit an

mich herankommen und benutze sie! -=Enfin!=- Gute Nacht, Jordan! Ruhe

dich aus! Morgen sehe ich noch nach dir!«

Er nahm Keyserlingk unter den Arm und ging mit ihm zu Fuß nach der

Oper, von wo er, nachdem er sich gezeigt hatte, unbemerkt fortgegangen

war, um seinen kranken Freund zu besuchen.

In seinem kleinen Salon hinter der Proszeniumsloge angekommen, legte er

Domino und Maske an. Keyserlingk folgte dem Beispiel, und sie mischten

sich unter die Schar der Tanzenden, die das Parkett und die Szene

füllten.

Das Menuett hatte eben begonnen. In feierlich graziösem Reigen wogte

die Menge hin und her.

Auf einer Erhöhung stand eine glänzende Gesellschaft und sah sich

das Treiben an. Eine Menge von eleganten Masken umdrängte eine reich

kostümierte, mit kostbaren Brillanten geschmückte Hirtin, in der

unschwer die gefeierte Königin des Balles, die Barberina, zu erkennen

war.

Friedrich, von Keyserlingk begleitet, näherte sich der Gruppe. Da trat

aus der Menge eine in einen schwarzen Domino gehüllte Gestalt vor

und richtete in reinstem Italienisch einige Worte an Barberina. Sie

stutzte, blickte ihn scharf an, zögerte einen Augenblick, reichte ihm

dann aber die Hand und trat zum Menuett mit ihm an. Die Menge machte

Platz und hielt im Tanzen inne, um Barberina zuzusehen, denn ein jeder

erkannte sie. Die kleine Halbmaske verbarg nur Stirn und Augen.

Noch niemals hatte Friedrich sie so tanzen sehen. Ein Feuer war auf

einmal über sie gekommen, ein Schwung der Linien, eine Poesie des

Ausdrucks! Der halboffene Mund atmete lauter Hingabe -- sie schien von

einem fremden Willen getrieben, von dem sie die Bewegung empfing! Nicht

auf dem Maskenball in der Oper tanzte sie -- fern, in einer anderen

Welt, die ihre Phantasie erschlossen, schwebte sie -- eine Elfe, ein

Wesen aus Mondschein und Nebel, flatterte sie über feuchtgrüne Wiesen

hin -- leicht, luftig, kaum noch imstande, mit dem Druck ihres Fußes

einen Grashalm zu biegen!

»So ist's recht, Psyche!« sagte die Maske plötzlich mitten im Tanze und

lachte kurz auf. »Nun laß noch den letzten Schleier fallen!«

Mit einem Ruck blieb sie stehen und griff sich keuchend an die Brust.

Dann, schnell wie der Blitz, streckte sie die Hand aus und versuchte

ihrem Partner die Maske vom Gesicht zu reißen. Er aber war schneller

als sie, er entrann dem Griff und verschwand schnell in der Menge, die

sie jetzt aufgeregt umwogte.

Friedrich aber verlor ihn nicht aus den Augen.

»Wir wollen uns jenen Zauberer näher ansehen!« sagte er und zeigte ihn

Keyserlingk. »Nimm du ihn fest, aber möglichst unbemerkt, und bring ihn

in unsere Loge!«

Keyserlingk winkte einigen maskierten Dienern, die dem König in

respektvoller Ferne folgten, drang, von ihnen begleitet, zu dem

Unbekannten vor, der sich jetzt unbemerkt glaubte und an der Brüstung

einer Loge lehnte. Sie nahmen ihn, wie zum Scherz, in ihre Mitte und

drängten ihn nach der Tür der königlichen Loge, die aufging und sich

dann sogleich hinter ihnen schloß.

Friedrich wollte zu Barberina -- aber er kam nicht rasch genug durch

die aufgeregte Menge. Ehe er bis zu ihr gelangte, sah er, wie sie den

Arm einer Maske nahm, in der er unschwer Rothenburg erkannte, und, auf

ihn gestützt, den Saal verließ, um sich nach ihrer Garderobe zu begeben.

Er wartete noch die Rückkehr Rothenburgs ab und ließ ihn dann zu sich

befehlen.

»Nichts Schlimmes!« antwortete Rothenburg auf die Frage des Königs nach

ihrem Befinden. »Sie wird bald wieder erscheinen!«

»Was hat sie denn so aufgeregt?«

»Wohl weiter nichts als einer der üblichen Maskenscherze! Eine

Mystifikation, der sie zum Opfer fiel!«

»Erkläre dich näher!«

»Wir standen im heiteren Gespräch mit ihr und belustigten uns über die

grotesken Krummsprünge der Masken. Da trat ein Domino an sie heran

und bekomplimentierte sie im reinsten Italienisch für ihren schönen

Schmuck! >Wären Sie aber auch vom Scheitel bis zur Sohle mit Brillanten

bedeckt, Mademoiselle -- so könnten Sie meine Blicke doch nicht

blenden, daß ich nicht imstande wäre, Ihren allerschönsten Schmuck zu

sehen, den Sie darunter verbergen!< -- >Welchen Schmuck?< fragte sie.

>Den einzigen, den Sie -- in Fontainebleau als Venus trugen!<«

Friedrich lachte.

»Wir kennen die Geschichte jenes Leberfleckens! Unser braver Chambrier

versäumt es niemals, uns von derartigen weltbewegenden Begebenheiten zu

berichten!«

»Ein Schönheitspflästerchen war's nur! -=Parole d'honneur!=-« rief

Rothenburg schnell!

»Du wirst es am Ende wissen!« antwortete Friedrich ruhig. »Und sie --

wie nahm sie jene delikate Anspielung auf?«

»Sie blickte den Fremden stechend an. -- >Die Stimme kenne ich!< rief

sie, >wer sind Sie?< -- >Wenn Mademoiselle mir die Ehre eines Tanzes

geben wollen, werden Sie's wissen!< lachte er. Kurz entschlossen nahm

sie seine Hand. Das Weitere haben Eure Majestät gesehen!«

»Wir werden bald zur Demaskierung blasen lassen«, sagte der König.

»Dann wird sich das Geheimnis aufklären. Geh zu ihr, sag ihr das von

mir. Und auch, daß ich sie bitten lasse, nach dem Ball mit mir zu

soupieren!«

Rothenburg ging, und der König begab sich nach seiner Loge.

Im kleinen Salon erwarteten ihn Keyserlingk und sein Gefangener, immer

noch maskiert. Friedrich legte Maske und Domino ab und nahm in dem Sofa

Platz.

»Wir haben Sie kommen lassen, um Sie zu bitten, uns aufzuklären«, sagte

er, sich an die Maske wendend: »Wir bekomplimentieren Sie übrigens!

Sie tanzen ganz ausgezeichnet! Und -- noch mehr -- Sie verstehen es

exzellent, Ihre Partnerin in den Rausch der Rhythmen zu versetzen, ohne

den der Tanz kein Tanz ist!«

»Eure Majestät überschätzen meine Wenigkeit! Die Signorina Barberina

ist eine der ersten Künstlerinnen unserer Zeit!«

»Ohne Zweifel! Sie hat viel Charme, eine unnachahmliche Grazie, viel

Kunstfertigkeit -- das geben wir zu! Ihr Tanz hat aber etwas Kaltes,

Kühles, Überlegenes -- in jeder Beziehung vollendet, aber stets ihrem

Willen untertan! So eruptiv -- so in Ekstase sahen wir sie -- seit

ihrem ersten Auftreten nicht!«

»Majestät -- wenn's so ist, dann muß auch ich selbst annehmen, einigen

Einfluß auf sie ausgeübt zu haben! Ich war selbst in Ekstase -- war

selbst von ihr berauscht!«

»Ich kenne wenige, die das nicht wären«, sagte der König langsam,

»aber keinen einzigen, dem es gelungen wäre, sie aus ihrer Reserve

herauszuholen! Wie haben Sie das bewirkt?«

»Die Erklärung ist nur bei ihr zu finden! Sie ist eine Frau im vollsten

Sinne des Wortes! Und eine Frau -- wenn sie wirklich eine ist -- öffnet

ihre Seele nur dem einen Auserwählten, der von der Natur für sie

bestimmt ist!«

»Wenn sie eine Frau ist?«

»Ja. _=Ehe=_ sie aber eine wird und vollbewußt als Frau empfindet --

dann _=vielleicht=_ öffnet sich die Knospe ihrer Seele dem _=ersten=_,

der es versteht, sie mit der Wärme des Lebens anzuhauchen!«

Friedrich schwieg. Einen Augenblick hielt er die Hand vor die Augen.

»Pygmalion!« flüsterte er leise vor sich hin. »Am Ende habe ich da den

Pygmalion gefunden, der imstande wäre, meiner steinernen Galathée Leben

einzuhauchen!«

Er blickte rasch auf.

»Wir sind weit entfernt«, sagte er, »die Gesetze des Mummenschanzes

aufheben zu wollen, obwohl wir uns in unserem eigenen Hause befinden.

Noch ist die Demaskierung nicht geboten! Wenn es Ihnen gefällt, bitten

wir Sie jedoch, die Maske abzunehmen!«

Der Fremde gehorchte, und Friedrich blickte in ein unbekanntes Gesicht.

Er stand auf.

»Wer sind Sie? Ihr Name?«

»Fossano!«

Friedrich blieb vor ihm stehen und blickte ihn scharf an.

»Unser Gesandter in London hat uns den Namen genannt! Sind Sie

jener Chevalier Fossano -- jener Spielbankhalter -- jener ehemalige

Tänzer, der uns seine Dienste angeboten hat, nur um uns an der Nase

herumzuführen?! Sie haben noch die Dreistigkeit, uns unter die Augen

zu treten?!«

»Ich bitte Eure Majestät, Gnade walten zu lassen! Jener Brief schien

mir zu kostbar, um ihn in eine dritte Hand zu geben! Ich bin gekommen,

um ihn selbst Eurer Majestät zu Füßen zu legen!«

Er zog ein zusammengefaltenes Billett hervor.

»Geben Sie her!«

Fossano überreichte den Brief. Friedrich öffnete ihn und erkannte die

Handschrift des Grafen Brühl.

»-=Très bien!=-« sagte er. »Es ist vielleicht besser so! Geben Sie Ihre

Wohnung an! Mein Schatzmeister wird Ihnen eine angemessene Belohnung

auszahlen!«

»Ich danke alleruntertänigst für die große Gnade! Ich muß es aber

ablehnen, Geld anzunehmen für etwas, was ich aus Ergebenheit für Eure

Majestät getan habe!«

Friedrich blickte ihn an.

»-=Eh bien!=-« sagte er kurz. »Wir lassen uns aber nichts schenken!

Wenn Sie nicht Geld wollen -- so bitten Sie sich eine andere Gnade aus!«

»So bitte ich alleruntertänigst darum, an der Oper in Berlin tanzen zu

dürfen!«

Friedrich lachte kurz auf.

»Wir glauben schon«, sagte er, »daß Sie in unserem -=Corps de ballet=-

Ihren Mann stellen würden! Wenn Sie aber auch die Gabe haben, die

Tänzerinnen derartig in Aufregung zu versetzen, wie wir es heute

gesehen haben, so sind wir nicht sicher, daß die Damen nicht plötzlich

fahnenflüchtig werden! Und das wollen wir vermeiden! Nach Ihrer eigenen

Erklärung des soeben Geschehenen müssen wir annehmen, daß Sie im Leben

der Dame Barberina entweder die Rolle des >Auserwählten<, wie Sie sagen

-- oder die des >Ersten< gespielt haben. Und auch, daß Ihre Rolle in

diesem Sinne beendigt ist! Denn sonst -- wenn es ihr angenehm wäre,

wären Sie wohl längst hier?«

»Eure Majestät haben nicht so unrecht!«

»Wollen Sie uns also über jene Beziehungen näher aufklären?«

»Gern!«

Und Fossano erzählte, wie er sie gefunden und unterrichtet, wie er sie

in die Welt eingeführt hatte -- er erzählte von Psyche, Hebe, Venus

und all den anderen Etappen ihrer Karriere. Und Friedrich, in die Ecke

seines Sofas zurückgelehnt, lauschte gespannt, und lachte nur dann und

wann kurz vor sich hin.

»-=Eh bien!=-« sagte er dann, als Fossano geendet hatte. »Sie sind

das, was wir suchen! Wir wollen Sie engagieren -- aber für die Oper in

Dresden!«

Fossano blickte ihn erstaunt an.

»Gehen Sie nach Dresden, melden Sie sich beim schwedischen Gesandten am

dortigen Hofe, Wulffenstjerna! Wir wollen ihn benachrichtigen. Er wird

das Weitere veranlassen! Suchen Sie das Vertrauen Brühls zu gewinnen,

schimpfen Sie auf uns! Wir pardonieren Sie im voraus -- nehmen Sie nur

kein Blatt vor den Mund! Wenn Sie sich als der verschmähte Geliebte

Barberinas ausgeben, wird er Ihnen Glauben schenken! Spielen Sie

Ihre Rolle gut. Bedienen Sie uns mit Fleiß. Wir wollen alles wissen.

Halten Sie sich dann bereit, hier an unserer Oper zu tanzen, wenn wir

Sie rufen lassen! Aber kein Wort davon im voraus! Ihr Auftreten hier

behalten wir uns vor -- als Surprise!«

Fossano verbeugte sich.

»Ich stehe Euer Majestät zu Diensten und werde mich bemühen, das in

mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen!«

»Wir glauben es! Reisen Sie also morgen früh nach Dresden. Zeigen Sie

sich heute nicht mehr auf dem Ball!« Er lachte kurz auf. »Apropos!«

sagte er. »Da Sie doch nach Hause gehen, brauchen Sie Ihren Domino

nicht mehr! Sie können ihn hier lassen!«

Fossano blickte Friedrich verständnisvoll lächelnd an, legte dann

Domino und Maske auf das Sofa, küßte ehrerbietig die ihm gnädigst

gereichte Hand des Königs, empfahl sich und ging.

Draußen im Saal wogte das Treiben der Masken hin und her. Der Trubel

hatte seinen Höhepunkt erreicht.

Da auf einmal schmetterten die Trompeten eine Fanfare, die Masken

drängten sich nach der königlichen Loge, vor der sie sich in einem

Halbzirkel aufstellten.

Allen voran, am Arm des Grafen Rothenburg und von unzähligen Verehrern

umschwärmt, die Barberina.

An der Brüstung der königlichen Loge erschien Friedrich, unmaskiert --

an seiner Seite jener schwarze Domino, der mit Barberina getanzt hatte.

Auf einen Wink des Königs schmetterten die Trompeten noch einmal, und

sämtliche Masken fielen -- auch die des schwarzen Dominos an seiner

Seite.

»Keyserlingk!« rief die Barberina enttäuscht und blickte zu dem

pausbäckigen, lebenslustigen Grafen hinauf, dessen Augen ihr lustig

entgegenlachten. »_=Er=_ war's? -- Nicht möglich!«

Und sie wollte sich nicht davon überzeugen lassen, so viel Mühe

Rothenburg sich auch gab, als er sie langsam durch das Gedränge führte,

um sie nach dem Speisesaal des Königs zu begleiten, wo das Souper sie

erwartete.

Friedrich aber war sehr aufgeräumt und gab Keyserlingk den Auftrag,

schon am nächsten Tage seinem Freund Jordan zu berichten, die schwerste

Schlacht in dem zu eröffnenden Feldzuge wäre bereits halb gewonnen!

21

Hohenzollernwetter in Berlin! Strahlender Sonnenschein, kalte, klare

Winterluft mit Frostkristallen und Rauhreif über Baumstämmen und Ästen

-- einer der seltenen herrlichen Wintertage mit klarblauem Himmel

und rosig-goldenen Wolken, mit weißem Schnee auf gefrorenem Boden,

glitzernden Fensterscheiben und hastendem Hin und Her von aufgeräumten,

lustig der Kälte trotzenden, siegesfrohen Menschen, die ihre Freude

austobten und vor Begeisterung aufjauchzten, weil sie endlich den

schweren Alp los waren, der seit Beginn des nun über ein Jahr dauernden

Krieges auf den Gemütern gelastet hatte.

Der Sieg war da! Und heute hielt er seinen feierlichen Einzug in Berlin.

Alles, was Leben und Atem hatte, jung und alt, drängte sich auf den

»Linden« zusammen, um den Einzug des Hofes zu sehen und den Siegern von

Hohenfriedberg und Soor zuzujubeln.

Pomphaft nahte der Zug in der Mitte der Straße vom Brandenburger Tor

her, dessen beide Zollhäuser mit Fahnen und Girlanden von Tannengrün

geschmückt waren.

Zuerst die Eskorte -- Dragoner in glitzernden Kürassen auf prächtig

aufgezäumten Pferden, die, wie heraldische Wappentiere aufgeputzt,

stolz einherschritten und ihren heißen Atem mit Kraft in die kalte Luft

bliesen, wo er gleich zu weißem Dunst wurde, der sich wollig weich

seitwärts ringelte, den ganzen Zug von Rossen und Reitern mit einer

einzigen, vorwärts gleitenden Wolke umschloß, aus der nur die Köpfe der

Pferde, die bunt gestickten Schabracken und die darauf paradierenden

Sieger emportauchten.

Hinter ihnen her die königlichen Karossen, mit Spitzenreitern und

Läufern in prachtvollen Livreen -- die Pferde mit bunten Troddeln und

silberbeschlagenem Geschirr geschmückt --, hinter den von goldenem

Schnitzwerk eingefaßten Spiegelscheiben gepuderte, diademgeschmückte

Köpfe, am Wagentritt Pagen in großer Gala und auf dem Brett zwischen

den hoch geschwungenen Wagenfedern goldbetreßte Lakaien in königlichen

Livreen!

Dann ein Wald von mächtig wallenden Fahnen, deren schwere, buntseidene

Pracht sich majestätisch im Sonnenschein entfaltete und auf ihren

Tüchern und Fahnenbändern, stolz flatternd, die Wappenzeichen der

Besiegten zeigten -- die Ehrenzeichen der österreichischen und

sächsischen Regimenter, im heldenhaften Kampf erbeutet und jetzt als

Trophäen vom Sieger in seine Residenz eingebracht.

Und hinter ihnen, zu Pferde, an der Spitze einer glänzenden Schar von

Generalen und Obersten, die kleine, jugendlich schlanke Gestalt des

Königs in seinem blauen Uniformrock mit den roten Aufschlägen, den

Stern auf der Brust, den Dreimaster auf dem hocherhobenen Kopf, die

wundervollen, tiefen Augen strahlend vor Siegesglück! Immer wieder

mußte er, mit dem Degen salutierend, für die begeisterten Zurufe der

Menge danken, die sich in Huldigungen nicht genug tun konnte und ihren

jugendlichen Helden stürmisch feierte -- ihren »alten Fritzen«, wie

sie ihn schon mit dem ihm von seinen Kriegern beigelegten Ehrennamen

liebkosend nannten.

Die Menge drängte sich dicht um sein Pferd -- allen voran die

Straßenjungen, die ihre Mützen in die Luft warfen! »Hoch!« und »Hurra!«

und »Vivat, Fritze!« schrien sie und sangen die Melodie mit, die er

selbst gemacht hatte -- die die voranziehenden Trompeter in die Luft

hinausschmetterten, und die fortan, für alle Zeiten, nach der schönsten

Viktorie Fritzens benannt, die Preußen zum Siege führen sollte.

_=Hohenfriedberg=_ -- wundervolles Aufjauchzen jugendlichen

Draufgängertums -- Frühlingssieg altpreußischen Heldentums --

unwiderstehliches Aufbäumen unbezwinglichen Kraftbewußtseins --

unverwelklicher Ruhmeskranz aufgehender Sonne, in den kurzen Stunden

eines herrlichen Hochsommermorgens glorreich errungen! -- -- Wem

schwillt nicht die Brust, wem klopfen die Pulse nicht höher -- wer wird

nicht wieder jung bei den Gefühlen, die der bloße Klang deines stolzen

Namens in der Brust eines jeden Deutschen wachruft! -- -- Da knüpfte

sich für immer der Sieg an Preußens Fahnen -- da weihte der Herr der

Schlachten Preußens Schwert zum steten unbeugsamen Kampf ums Dasein --

da stählte sich die Manneskraft zum Machtbewußtsein -- da keimte zuerst

die Ahnung von der großen Aufgabe Preußens, zu einigen, zu reinigen, zu

befreien -- da hob sich zuerst das Banner im vollen Siegesglanz, das

einst das ganze Deutschtum zum Siege führen sollte!

In Nacht und Nebel, in Demütigung und Niederlagen, in tiefster

Bedrängnis fremden Knechttums -- wo auch die Schicksalsschläge am

schwersten fielen -- tief im innersten Herzenswinkel bliebst du als

unentreißbarer Besitz -- als kostbares Juwel! Und wo die Töne deiner

Jubelfanfaren schmetterten, da wallten wieder Siegesfahnen in den

Lüften, und ihnen voran zog wieder der jugendliche Held, vorwärts zum

Kampf, und der Wille zum Sieg war wieder wach, der Furor teutonischer

Kraft unbezwingbar am Werke!

»Ich will meine Machtstellung behaupten oder untergehen und alles,

selbst den Namen Preußen, mit ins Grab nehmen! -- -- Entweder ich werde

keinen einzigen Mann nach Berlin zurückführen, oder wir werden Sieger

sein!«

So schreibt nur, wer den festen Glauben an sein Glück und die

Schwungkraft seines Genies hat, die Überlegenheit seiner Führung kennt

und den unbeugsamen Mut seiner Krieger!

Der Sieg gab ihm recht.

Und als er da am schönen Novembertag an der Spitze seiner Helden in

seines Reiches Hauptstadt einzog, wo er auch -- »wie sich's schickte«

-- hatte »tedeumieren« lassen -- da mochten seine Gedanken wieder

zurückeilen zu dem schönen Junimorgen am Striegauer Wasser, wo der

Feind, trotz dem glänzenden Patrouillenritt Zietens und der dadurch

bewirkten Wiedervereinigung des Heeres des Markgrafen Karl mit der

Hauptarmee, ihn im Rückzug auf Breslau wähnte -- wo die feindlichen

Führer ruhig auf dem Galgenberge bei Hohenfriedberg tafelten und Fritz

wie ein losbrechendes Gewitter auf sie niedersauste, sie mit einer noch

in der Entwicklung begriffenen Schlachtordnung angriff -- erst den

rechten Flügel, dann das Zentrum, dann trotz schwierigen Flußübergängen

im Kampfe auch den linken Flügel warf -- wo der in den Annalen des

Krieges einzig dastehende Ritt der Bayreuther Dragoner unter Keßler

Dutzende von Bataillonen wie eine Windsbraut vor sich herfegte,

zusammenhieb und jene stolzen Siegeszeichen erbeutete, die ihm jetzt

unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches voranflatterten bis ans

Zeughaus, wo die Ruhmeszeichen von Fehrbellin auf sie warteten!

Dort wurde Halt geboten, zur Parade angetreten und dann die Trophäen

am König vorbei, und von ihm, dem Hofe und der Suite gefolgt, in den

Ehrenhof eingebracht.

Vor den Fahnen nahmen die Generale und Obersten Aufstellung, allen

voran der alte Fürst von Anhalt-Dessau und der bravouröse Reiterführer

und Günstling des Königs, Winterfeldt.

In kurzen, kernigen Worten dankte ihnen Friedrich, wies auf die

Bedeutung des Tages hin, an dem die Trophäen erbeutet wurden, und auf

den glorreichen Frieden, der mutmaßlich bald daraus resultieren würde!

Und bestimmte, in welchen Kirchen die Siegeszeichen aufgehängt werden

sollten.

Dann empfing er die Gratulationen der fremden Gesandten, auch Englands,

das sich jetzt als Friedensvermittler hervortat, nachdem es sich nach

Kräften bemüht hatte, vorher den Brand zu schüren, um auch so im trüben

fischen zu können.

Den Gesandten Schwedens, Rudenskjöld, dem er besonders zugetan war, zog

er dann in ein Gespräch, das sich zum Erstaunen der Anwesenden sehr in

die Länge zog und, ohne Rücksicht auf Zeit und Ort und den wartenden

Hof, immer eifriger und aufgeregter wurde.

Schließlich faßte ihn der König am Knopf seiner Weste und sagte so

laut, daß alle es hören konnten:

»Die Kugel, die mich treffen soll, ist noch nicht gegossen! Er hat sich

düpieren lassen! Und Sein Freund Wulffenstjerna auch!«

Er ließ ihn los, machte ein paar Schritte gegen das Gefolge, kehrte

dann um und sagte noch halblaut zu Rudensköld:

»Ich will Ihm etwas sagen -- aber es bleibt unter uns: der Kerl, vor

dem Er mich warnt, _=tanzt heute im Ballett mit=_! Will Er in meinem

Gefolge sein, so kann Er sich die Pirouetten meines Quasimörders aus

nächster Nähe mit ansehen! Für die politischen Nachrichten, die Er

mir gab, danke ich Ihm -- wenn auch sie nicht sehr erfreulicher Natur

waren!«

Darauf wandte er sich zu den Generalen.

»Messieurs!« sagte er laut. »Wir feiern hier Viktorien und gebärden

uns, als wäre das Spiel schon gewonnen und weiter nichts zu tun, als

die Friedenstraktate auszutauschen! Das ist ein Irrtum! Den Hauptschlag

müssen wir noch führen, schnell und mit Wucht, sollen sich unsere

Viktorien nicht in Niederlagen verwandeln! -- Wir bitten Euer Liebden«,

fuhr er fort, sich an den Fürsten von Anhalt-Dessau wendend, »uns

sofort ins Schloß zu folgen, um mit uns und unserem Staatsminister die

zu ergreifenden Maßnahmen zu beraten! Messieurs --!«

Und er lüftete den Hut und begab sich, von der nächsten Umgebung

gefolgt, nach dem Schloß.

Die Generale und Würdenträger sahen sich an! -- Die Mitteilungen,

die der König vom schwedischen Gesandten empfangen hatte, waren also

ernstester Natur! -- Und äußerst dringlich -- da er ganz gegen alle

Gewohnheit eine Beratung zusammenberief! Er, der seine Pläne sonst

stets selbst in größter Verschlossenheit auszuarbeiten und sie niemand

anzuvertrauen pflegte, ehe die Ausführung heranreifte!

Im Schlosse ließ Friedrich noch vor der Tafel die beiden Herren und

auch den Generaladjutanten Winterfeldt in sein Arbeitszimmer bitten.

Zuerst trat der »Alte Dessauer« ein. Beim ersten Blick auf die alte,

knorrige Kerngestalt sah Friedrich, was ihm bevorstand, und bereute

fast, ihn gerufen zu haben.

Der eigenwilligste Mensch in der ganzen preußischen Armee -- ein

Querkopf und Rechthaber, auf langjährige Diensterfahrung pochend, auf

alten, wohlerworbenen Kriegsruhm und unvergängliche Verdienste um

die preußische Armee gestützt, neidisch auf die alles überstrahlende

Glorie des Jüngeren und gekränkt durch -- wie er fand -- unverdiente

Zurücksetzung!

Beim Vater des Königs von allmächtigem Einfluß, von Friedrich aber

sofort beim Regierungsantritt auf den rein militärischen Dienst

beschränkt und auch da kaltgestellt -- das waren Erfahrungen, die

seines Erachtens in keinem Verhältnis zu seinen langen und treuen

Diensten standen und die den Groll immer noch wachhielten! Der Erste

Schlesische Krieg wurde unternommen, ohne ihn um Rat zu fragen oder

seine Erfahrung in Anspruch zu nehmen! Der zweite ebenso! Und erst,

als es schief ging, wurde er berufen, um alles wieder einzurenken! Und

jetzt wollte man gar seinen so lange verschmähten Rat haben! -- Auf den

Augenblick hatte er gewartet!

Er nahm stillschweigend den ihm gebotenen Sessel ein und wartete ohne

ein Zeichen der Neugier ab, welche Mitteilungen der König ihm machen

würde.

»Wir hätten Euer Liebden gern vergönnt, nach dem langen Feldzug Dero

-=otium=- in Dessau zu pflegen! Noch vor Weihnachten werden wir aber

Euer Durchlaucht Dienste wiederum in Anspruch nehmen müssen! Wir haben

heute überraschend schlimme Kunde bekommen!«

Der alte Fürst räusperte sich, sagte aber nichts.

»Der schwedische Botschafter überbrachte uns heute Nachrichten -- --«

Da hakte der Alte Dessauer ein.

»Nachrichten, Majestät, sind für gewöhnlich wie Spatzen! Sie flattern

hin, und sie flattern her und machen ein groß Geschrei! Gelingt es

aber, eine zu packen, so ist meistens nicht viel daran! Mir schien die

Jagd nach solchem Wild immer wenig lohnend!«

Der König richtete sich auf und blickte den Redner scharf an.

»Wenn wir aber trotzdem Euer Liebden dahin informieren, daß Sachsen

und Österreich im Begriff sind, uns meuchlings zu überfallen und ihre

Armeen über Nacht auf Berlin marschieren lassen werden -- --«

»So war das nicht ein Spatz, sondern eine fette Ente! Meines Wissens

sind wir doch in Friedensverhandlungen mit den genannten Staaten und

haben durch den Vertrag von Hannover seitens England die Zusicherung

bekommen, es wollte seinen ganzen Einfluß auf die Verbündeten geltend

machen, um einen baldigen Friedensschluß herbeizuführen!«

»Englands Einfluß ist gleich Null, seitdem der Prätendent, Karl Eduard,

in Schottland einfiel und den König zwang, seine hannoverschen Truppen

in England zu verwenden! Das wissen Euer Liebden ebensogut wie wir!

Wir haben heute ganz bestimmte Kunde erhalten von dem Plan Brühls, die

Armee des Prinzen von Lothringen durch Sachsen gehen zu lassen, um,

mit der sächsischen Armee vereint, auf Berlin zu marschieren! Man ist

so sicher, uns zu zerschmettern, daß man schon die Beute geteilt hat.

Sachsen soll Magdeburg, Halberstadt und Halle mit Umgegend erhalten --

Österreich Schlesien --«

»Ich wette meinen Fürstenhut gegen die Sturmhaube eines Kürassiers, daß

das ein Ammenmärchen ist!«

Friedrich sah ihn scharf an.

»Wir glaubten unseren Feldmarschall -- unseren lieben Vetter, des

Fürsten von Anhalt-Dessau Durchlaucht, vor uns zu haben, zu ernster

Beratung mit uns befohlen, und gekommen, um von uns ein Kommando zu

empfangen! Euer Liebden aber scheinen zu glauben in die Zeiten des

Tabakskollegiums zurückversetzt zu sein!«

Der Verweis wirkte. Der alte Herr wurde glutrot und zupfte heftig an

seinem Schnurrbart.

In dem Augenblick trat Podewils ein, entnahm seiner Mappe einige Briefe

und reichte sie dem König.

Der König entfaltete sie und gab sie dem Fürsten von Anhalt.

»Da haben Euer Liebden die Beweise! Aus den Briefen geht hervor,

daß General Grünne bereits nach zwei Tagen mit seinem Korps zu Gera

eintrifft, um bei Leipzig zu den Sachsen zu stoßen. Auch, daß die

Sachsen bereits in der Lausitz Magazine errichten für die Armee des

Prinzen von Lothringen. Alles, während man mit uns verhandelt, damit

wir möglichst lange untätig bleiben!«

Der Fürst von Anhalt legte die Briefe wieder hin.

»Ich halte trotz dieser Briefe auch jetzt noch das Ganze nur für

einen Schreckschuß, um die Verhandlungen günstig zu beeinflussen und

von Eurer Majestät bessere Bedingungen zu erlangen! Man soll nicht

leichtgläubig alles für bare Münze nehmen. Brühl fühlt sich beleidigt

durch die scharfe Abfuhr, die ihm in dem Manifest Eurer Majestät zuteil

wurde! Aber es wäre doch widernatürlich, wenn er -- ein geborener

Sachse -- bloß aus Rachsucht und Übermut vier Armeen in Sachsen

einziehen ließe und so das Land dem Untergang preisgäbe!«

»Podewils!« rief der König.

»Ich gestatte mir ganz gehorsamst, der Ansicht des Fürsten von Anhalt

Durchlaucht beizupflichten!« beeilte sich Podewils einzuwerfen. »Graf

Brühl ist nicht der Mann, ein so keckes Unternehmen ins Werk zu

setzen!«

»Podewils denkt, alle anderen Minister müssen ebenso ängstlich sein

wie er!« rief Friedrich ärgerlich. »Wir aber entnehmen dieser schönen

Beratung die Lehre, uns nie wieder mit einer derartigen, gänzlich

überflüssigen Aktion zu behelligen! Wir wollten Eure Ansichten hören

_=über die Maßnahmen=_, die jetzt so schnell wie möglich ergriffen

werden sollen, um dem Unheil zuvorzukommen! Und müssen uns von langen

und unnützen Erörterungen aufhalten lassen, ob die Tatsachen, die

_=wir=_ bereits als solche anerkannt haben, _=auch wirklich wahr=_

sind! Das war unser Wunsch nicht! Wir schließen solche Beratung auf

der Stelle und verordnen und befehlen: Er, Podewils, soll sofort

Depeschen an die auswärtigen Höfe abfertigen, worinnen die Anschläge

Sachsens und unser Entschluß, denen zuvorzukommen, mitgeteilt werden.

Des Fürsten von Anhalt-Dessau Durchlaucht befehlen wir, das Kommando

über unser bei Halle zusammengezogenes Heer zu übernehmen! Noch heute

reisen Eure Durchlaucht ab, um für dessen Unterhalt Sorge zu tragen

und sofort gegen Leipzig und Torgau zu operieren. Winterfeldt kehrt

unverzüglich zur schlesischen Armee zurück, die sich an der Grenze der

Lausitz zusammenzieht und bereit hält! -- Wir selbst nehmen dort den

Oberbefehl! Hat Er noch etwas da?« wandte er sich an Podewils, der noch

in seiner Mappe kramte.

»Eine Mitteilung des russischen Gesandten: die Kaiserin, seine erhabene

Souveränin, ließe die Hoffnung aussprechen, Eure Majestät wollten davon

Abstand nehmen, Sachsen anzugreifen -- weil ihre Allianz mit dem König

von Polen sie verpflichte, für diesen Fall Hilfstruppen zu senden!«

»Das soll sie ruhig tun!« rief Friedrich. »Ihrer Majestät ist zu

erwidern, wir wollten gern mit allen Nachbarn in Frieden leben! Wenn

wir aber angegriffen werden, wie jetzt, soll uns keine Macht auf

Erden -- auch nicht die ihrer russischen Majestät -- hindern, uns zu

verteidigen und unsere Feinde zusammenzuhauen! Messieurs, Ihr habt

Eure Ordres!«

Er lüftete seinen Hut. Der Fürst von Anhalt und der General von

Winterfeldt salutierten militärisch und gingen. Podewils sammelte seine

Papiere und folgte ihnen.

Friedrich rief den Kammerdiener, fragte, ob der Intendant der Oper

draußen warte, und befahl, ihn hereinzuführen.

»Wir haben«, rief er, als der Baron Sweerts eintrat, »heute eine

Surprise für die Barberina bereit -- Er muß uns damit helfen! -- Sie

ist als Galathée langweilig! Wir haben daher einen neuen Partner für

sie kommen lassen, der den Lany als Pygmalion remplacieren soll --

den berühmten italienischen Tänzer Fossano! Er ist heute aus Dresden

angekommen und befindet sich im Hause des schwedischen Gesandten

Rudenskjöld, bereit, uns zu Diensten zu sein. Nebenbei hat er den

Auftrag, uns zu ermorden«, setzte er geheimnisvoll flüsternd hinzu.

»Erschrecke Er nicht und verrate er dies große Geheimnis niemand --

am allerwenigsten der Polizei, damit uns _=wirklich=_ kein Unheil

passiert! -- Stelle Er nur -- Scherzes halber -- rechts und links

von der Bühne je einen -=sergeant d'armes=- hin! Die sollen auf ihn

achtgeben! Aber keinen Ton davon verraten, daß er tanzen wird, lieber

Sweerts! -- Lany darf, bei Strafe meiner Ungnade, nichts sagen! --

Der neue Tänzer wird ohne Aufhebens ins Theater geführt und in seiner

Rolle instruiert! -- Barberina vor allem darf nichts ahnen! Höre Er --

bei seinem Kopf -- ehe sie als Statue dasteht, darf sie von dem Tausch

nichts wissen! Der Coup darf nicht mißlingen! Wir freuen uns schon auf

ihr Erwachen! Gehe Er, lieber Sweerts, besorge Er mir das prompt, und

Er kann auf meine Gewogenheit rechnen!«

Der Intendant ging, und der König befahl, das Diner servieren zu

lassen.

»Ich zwinge die Canaille noch!« sagte er halblaut auf dem Wege nach

dem Speisesaal. »Ich reiße ihr durch den Coup die Maske vom Gesicht!

-- Ihre Seele will ich nackt und unverhüllt vor mir sehen! Ich will

wissen, wer sie ist! Dann vielleicht revidieren wir noch unsere

Ansichten über die Damens!«

Er lachte laut auf bei dem Gedanken daran, daß Brühl, ahnungslos,

gerade _=seinen eigenen Spion=_ als Spion gegen ihn engagiert und

hergesandt hatte! Und gar noch -- als Werkzeug seiner persönlichen

Rache!

»Zu plump!« sagte er halblaut und ging in der Erinnerung noch die

Erzählung Rudenskjölds durch. Bei der Spielpartie im Hause Brühls,

unter der Nachwirkung eines lukullischen Diners, hatte Brühl mit

seinem überlegenen diplomatischen Geschick glänzen wollen und seinem

Freunde, dem schwedischen Gesandten, gegenüber einige Äußerungen von

dem geplanten Überfall auf Preußen fallen lassen -- auch von den vielen

-- glücklichen oder unglücklichen -- Zufällen, die die Geschicke der

Völker über Nacht verändern könnten -- wie zum Beispiel neulich das

am Anfang des Jahres erfolgte Hinscheiden des Kaisers! -- -- »Auch

andere Potentaten sind sterblich!« hatte er hinzugefügt, rasch aber

das Gespräch unterbrochen. Wulffenstjerna hatte sofort den Eindruck

gehabt, daß etwas gegen die Person des Königs von Preußen geplant

sei, und ließ die Bemerkung fallen, das plötzliche Verschwinden solch

eines hervorragenden Fürsten, wie Friedrichs, wäre noch geeigneter,

das Gesicht Europas gründlich zu verändern! Brühl hatte das Spiel

unterbrochen, ihn lange angesehen und dann bedeutungsvoll gesagt: »Auch

Schweden hätte seinen Vorteil davon, da es schon so viele Provinzen an

Brandenburg verloren hat!« und Trumpf-As ausgespielt. Am folgenden Tage

wäre dann Fossano bei Wulffenstjerna aufgetaucht, als sei er geschickt,

und hätte ihm mitgeteilt, er wäre zum Gastspiel in der Berliner Oper

befohlen! Der Graf Brühl hätte ihm den Urlaub von der Dresdener Oper

verschafft und ihm auch besondere Aufträge gegeben! Der schwedische

Botschafter möge ihm nur auch in Berlin seine Protektion leihen und für

seine Sicherheit sorgen! -- Wulffenstjerna hatte getan, als verstünde

er Halbausgesprochenes, und ihm Empfehlungen an den schwedischen

Gesandten in Berlin mitgegeben und diesem noch im geheimen von seinem

Verdacht geschrieben, mit der Bitte, den König zu warnen! -- So weit

Rudenskjölds Erzählung heute im Zeughause.

Friedrich blieb stehen.

»Wir selbst haben den Mann beauftragt, in Dresden so zu tun, als ob

er uns wegen der Barberina tödlich hasse! Er wird seine Rolle gut

gespielt haben, wenn er das Vertrauen Brühls dermaßen gewonnen hat!

Wulffenstjerna hat sich auch von der Komödie düpieren lassen, obwohl

er ihn selbst bei Brühl eingeführt hat! Brühl wird nicht so dumm sein,

derartige Anschläge gegen uns zu versuchen!«

Er sann einen Augenblick nach.

»Als unser Spion hätte _=er selbst=_ uns sofort Mitteilung von der

Sache machen müssen! Er hat aber nichts gesagt! Entweder -- und das

wird wohl die Wahrheit sein -- existiert kein Anschlag! Oder -- er

hat's übernommen, uns den Streich zu spielen, und schweigt deshalb!

Aber warum? Geld bekommt er auch von uns! Sollte der Kerl uns die Ehre

antun -- auf uns -=jaloux=- zu sein?! -- Nun -- um so temperamentvoller

wird er tanzen!«

Er trat in den Speisesaal, wo die befohlenen Gäste warteten, und aß und

trank mit gutem Appetit, scherzte und war guter Laune wie immer, wenn

sein Entschluß gefaßt war und er Großes vorhatte.

Am Abend saß er allein in seiner Loge in der Oper.

Er hätte viel darum gegeben, heute Jordan da zu haben, mit dem er so

oft das Thema »Weib«, insbesondere das Problem Barberina, diskutiert

hatte. Aber Jordan war während des vergangenen Feldzuges plötzlich

gestorben, Freund Keyserlingk war ihm einige Monate später in den Tod

gefolgt! -- Der jähe Verlust seiner beiden intimsten Jugendfreunde

hatte Friedrich verschlossen gemacht. Unter all den anderen war

niemand, der ihm so nahegekommen wäre, um tief in sein Innerstes

hineinblicken zu dürfen! Keiner, der, wie die zwei, ihm helfen durfte,

den Lebensrätseln, von der Geburt der ersten Idee an, nachzugehen und

sie gestalten zu helfen! Das mußte er fortan allein tun! Und dazu war

er geschaffen! Heute aber regte sich nochmals die Sehnsucht danach, ein

anderes menschliches Wesen zu finden, eine Seele, der seinen gleich an

Tiefe, Empfänglichkeit und fruchtbarer Triebkraft -- regte sich zum

letzten Male mit voller Gewalt! Die Welt würde er aus den Angeln heben

können, wenn er das fände!

Der Vorhang hob sich.

Auf dem Postament in der Werkstatt Pygmalions erhob sich sein

Meisterwerk, seine Galathée, im vollen Glanz jugendlicher Schönheit --

in einer Anmut der Linien und einer Weichheit der Formengebung, wie sie

in der Kunst nur ganz selten und im Leben kaum jemals -- außer dieses

eine Mal -- gesehen wurde!

Bläulichgrünes Licht gab dem Körper die Färbung des Steins.

Pygmalion stand in seliger Verzückung vor seinem vollendeten Werk.

Mit aller Inbrunst der Liebe hatte er daran geschaffen, seinen ganzen

Drang, seine Sehnsucht nach Erhörung mitschaffen lassen, in dem holden

Wahn, daß es ihm gelingen würde, der erschaffenen Gestalt noch den

belebenden Funken einzuhauchen! Er zündet Räucherwerk an, opfert der

Göttin Venus Rosen, fleht sie an, ihm Erhörung zu schenken und ein

Wunder geschehen zu lassen.

Und das Wunder vollzieht sich. Auf rosigen Wolken schwebt die Göttin

der Liebe herab. Auf ein Zeichen ihrer Hand erhebt Amor die Fackel,

schwingt sie über die Statue -- der ganze Raum strahlt in goldig warmem

Licht, das die steinerne Gestalt mit der Glut des Lebens überflutet

-- sie erhebt die Arme, öffnet die Augen, erblickt ihren Schöpfer --

zieht, mechanisch, die herabgeglittene Hülle um den entblößten Leib,

gleitet vom Postament und steht vor ihm, die Arme halb geöffnet, die

Blicke erstaunt, fragend -- das Lächeln voll der süßesten Verheißung,

bereit, in seine Arme zu sinken, um für das empfangene Leben zu danken

-- --

So weit entwickelte sich das Drama folgerichtig wie immer! Da geschah

das Unerwartete -- das was Friedrich herbeiführen wollte -- und

versetzte den ganzen Zuschauerraum in die größte Aufregung!

Die Barberina hatte, wie immer, ihre Rolle mit dem äußersten

Raffinement der Bewegung -- aber ohne jede innere Teilnahme ausgeführt.

Sie haßte diese Aufgabe! Sie hätte sie mit der ganzen Glut ihrer Seele

lösen können! Aber ihr ganzes Empfinden lehnte sich dagegen auf,

_=auf Befehl=_ eines Mannes, und sei's eines Königs, Empfindungen

_=darzustellen=_, die sie gern und freiwillig gegeben hätte, wenn er

ihr mit Gleichem entgegengekommen wäre -- statt sie, wie stets, durch

eine fortgesetzte Kette von Demütigungen auf ein niedrigeres, ihm

untergeordnetes Niveau hinabzudrücken!

Dazu kam ein Gegenspieler, der ihr widerwärtig war -- trotz allem Glanz

des Auftretens und aller Virtuosität des Könnens! Eine ganz äußerliche,

eitle, von ihrer eigenen Vollkommenheit überaus eingenommene Natur --

ihr auch als Mann zuwider!

Ekel und Abscheu war alles, was sie empfand, als sie auf dem Postament

stand und er um sie herumhantierte, ihr seine Verliebtheit mit leeren

Gesten und ausgedörrter Phantasie vormimte! Sie war froh, solange sie

noch die Lider geschlossen halten konnte, denn sie wußte -- sobald

sie sie auftäte, um ihn anzublicken, würde in ihr nichts mitsprechen!

Ebenso leer und nichtssagend wie in ihm würde es in ihrem Innern

aussehen, weil er ihr nicht die Wärme entgegenbrachte, die ihre Seele

zum Mitschwingen geschwungen hätte!

Ein ebenso leeres Theater wie er würde sie denn auch machen und die

Bestätigung des Mißlingens den kalten Blicken aus der königlichen Loge

entnehmen können.

Heute, wie immer, empfand sie es so; sie tat auf das Stichwort ihre

Augen auf, ihre Blicke irrten, suchend, ihrem Schöpfer entgegen und

fanden statt Lany -- _=Fossano=_!

Sie mußte sich Gewalt antun, um nicht laut aufzuschreien!

Ihr ganzes Leben, vom Augenblick ihrer ersten Begegnung mit ihm an bis

jetzt, zog mit Blitzesschnelle durch ihr Gehirn!

Sie sah ihn vor sich, wie er ihr mit der Kunst feinster Menschlichkeit

den Ausblick in das Höchste und Erstrebenswerteste öffnete --

hörte noch die einschmeichelnden Worte, die betörenden Töne seiner

Stimme, deren bloßer Klang sie in einen derartigen Rausch der ersten

überschwenglichen Begeisterung versetzt hatte, daß ihre Seele, keusch

und unberührt, sich zum erstenmal auftat, aber nur, um statt dem

erhofften Himmelslicht -- der Glut der Hölle Einlaß zu geben, die ihr

alles Zarte, Duftige versengen und die Keime der höchsten Entwicklung

verdorren machen sollte!

Der Spender des ersten Lebens -- und _=dessen Räuber=_ war er, der

ihrem unberührten Sinn zuerst und für immer sein Siegel aufgedrückt

und sie sich hörig gemacht hatte, daß sie keinen anderen -- sei's dem

Herzensgeliebten, sei's dem alles überragenden Genius des großen Königs

-- etwas anderes bedeuten konnte -- als _=das=_, wozu dieser Mensch sie

gemacht hatte!

Wäre er nicht gewesen; wäre einer von jenen ihr mit derselben Macht

genialen Schöpfertums genaht -- wie anders hätte sich ihr Leben

gestaltet -- zu welchen Höhen hätte nicht ihr Genius an solcher Hand

schreiten können!

Das alles stürmte auf sie ein, mit einer Gewalt, als müsse sie jäh

zerspringen, und spiegelte sich in tausend schillernden Reflexen auf

ihrem Antlitz wider. Entsetzen, Angst, Enttäuschung, Bitterkeit,

Rachsucht und bodenloser Haß loderten ihm aus ihren Blicken entgegen,

so daß er erschreckt wurde von jenem eruptiven Aufflammen der

geknechteten Leidenschaft. Er wich zurück und sah sich nach einer

Zuflucht um.

Einen Augenblick stand sie so entflammt, in voller Raserei, keuchend,

die Hände gegen den Busen gepreßt! Dann stürzte sie mit erhobenen

Händen auf ihn zu, wie um ihn in Stücke zu reißen -- ein paar Schritte

nur -- und dann fiel sie wie vom Blitz getroffen nieder -- und lag ihm

leblos zu Füßen!

Starr vor Entsetzen stand er da, ohne zu begreifen, ohne eine Bewegung

machen zu können, um ihr zu helfen.

Da stürzte aus der, der königlichen gegenübergelegenen Proszeniumsloge

ein junger Mann auf die Bühne, nahm sie auf seine Arme und trug sie in

die Kulisse hinaus!

Der Vorhang fiel rasch, die Musik hörte auf, ein aufgeregtes

Stimmengewirr erhob sich im Zuschauerraum!

In seiner Loge saß Friedrich, in seinen Sessel zurückgelehnt, die Hand

vor den Augen.

Er hatte alles gesehen, alles miterlebt -- in den kurzen Minuten ein

ganzes Menschenschicksal vor sich ablaufen sehen, und er wußte jetzt

Bescheid!

_=Ein=_ Weib nur wie die anderen -- _=eine mehr=_, aber nicht _=das=_

Weib! Sie hatte das Zeug dazu, wie wenige von all denen, die er gekannt

hatte! Und weil sie es voll und ganz hatte -- deshalb war sie ihm voll

und ganz verlorengegangen! Denn der erste, der sich ihr genaht und sie

mit dem Leben gerufen hatte, _=war der Unrechte=_ gewesen -- der nicht

für sie Bestimmte -- aber von der gleich genialen Kraft, sie voll in

Besitz zu nehmen! Und deshalb konnte sie nie einem anderen das sein,

was sie ihm sonst hätte werden können -- _=auch nicht dem Rechten=_ --

sei er Bettler oder König!

Er -- der König -- hatte sie heute zum vollen Bewußtsein ihres

verlorenen Paradieses geweckt! Er hatte ihren Schöpfungsakt da

fortgesetzt, wo sein Vorgänger, Fossano, aufgehört hatte! Der Haß,

der gegen jenen so jäh zum Ausbruch gekommen war, würde beim Erwachen

lebendig bleiben und sich gegen _=ihn=_ richten, der ihr die letzte

Hülle von der Seele gerissen hatte!

»Sie wird sich ärgern, den verhaßten Kerl vor sich zu sehen!« hatte er

gedacht, als er ins Theater fuhr. »Taugt sie etwas, dann wird sie wohl

fühlen, daß der Streich von mir kommt und dem Scherz mit gutem Humor

begegnen! Sonst taugt sie eben nichts -- und kann mir nichts sein!«

Sie taugte eben nichts! Das wußte er jetzt! Ihre Leidenschaft hatte ihn

in ihrem gewaltsamen Aufbrausen frappiert! Aber etwas anderes als Haß

würde sie ihm nicht entgegenbringen können!

Er ging in den kleinen Salon hinaus. Da erwartete ihn der Intendant,

Baron Sweerts, um, falls es erwünscht wäre, die nötigen Aufklärungen zu

geben.

Friedrich sah ihn kalt an.

»Die Geschichte haben wir jetzt satt! Es gelingt uns nicht, aus dieser

Pantomime das herauszubekommen, was wir gewollt haben! Jedesmal

kommt etwas anderes heraus! Die Dame fühlt ihre Ohnmacht der Aufgabe

gegenüber! Das ist ihr auf die Nieren gegangen! Sie hat sich heute

gar zu sehr alteriert! Wir entbinden sie davon, weiter in der Rolle

aufzutreten, und befehlen, den Pygmalion vom Spielplan abzusetzen! --

Apropos -- Knobelsdorff braucht einige Panneaus für unser neues Haus!

Schaffe Er den ganzen Appareil in das Atelier Pesnes! Der kann uns die

Geschichte malen! Die Dame soll ihm dafür posieren! Aufzutreten braucht

sie dann nicht mehr als Galathée!«

Der Intendant verbeugte sich und fragte den König, ob er den fremden

Tänzer zu sehen wünsche?

»Laß Er ihn kommen!«

Fossano wurde vorgelassen. Er war noch blaß von der Aufregung und

außerstande zu sprechen, aber auch unfähig, sich die gebührende

Selbstbeherrschung aufzuerlegen. Er begriff die Situation voll und

ganz, und daß er nur das Werkzeug in der Hand eines größeren Meisters

gewesen war. Sein Selbstgefühl bäumte sich auf; aus seinen Blicken

loderte etwas wie Wut.

Friedrich sah es, schenkte dem aber keine Beachtung. Er wußte aber

jetzt auch, woran er mit ihm -- in jeder Beziehung war, und was zu

geschehen hatte.

»Mein Kompliment, -=monsieur=- -- Er hat seine Sache gut gemacht --

fast zu gut! Die Galathées sind zerbrechliche Dinger und können's nicht

vertragen, wenn das Leben zu ungestüm auf sie einstürmt! Da tut eine

behutsame Hand not! Er hat aber einen schönen Eifer gezeigt! Auch in

_=der anderen Aufgabe=_, die wir Ihm in Dresden gaben! Aber auch da

viel zu gut! Wir befahlen Ihm, sich da als unser Feind aufzuspielen!

-- Sein Spiel hat andere verführt, hat aber -- wie mir scheint -- auch

Ihn selbst zu sehr hingerissen! Da kann aus dem Spiel nur zu leicht

Ernst werden! Und das wäre gefährlich -- für Ihn! Wir wollen Ihn davor

bewahren, wollen Ihn davor schützen -- _=uns zu nahe zu kommen=_! Geh

Er -- warte Er draußen unsere weiteren Befehle ab!«

Fossano verbeugte sich und ging.

»Der Mann ist sofort auf acht Tage nach Spandau zu senden!« sagte

Friedrich dann zum Intendanten. »Direkt von der Oper aus! Wenn wir im

Felde sind, zahle Er ihm dreihundert Taler aus und schicke ihn unter

sicherer Bewachung über die Grenze!«

»Zu Befehl!«

»Wer war's, der die Dame Barberina von der Bühne trug?«

»Der Sohn des Großkanzlers, der Geheime Rat Cocceji!«

»Dem Geheimen Rat ist zu bedeuten, daß er sich in die Angelegenheiten

unserer Oper nicht zu melieren hat! Auf unserer Bühne haben nur unsere

Komödianten zu agieren, unsere Geheimen Räte nicht! -- Gute Nacht,

lieber Sweerts! Er braucht uns nicht an den Wagen zu geleiten!«

22

In seinem Schlafzimmer in Sanssouci saß der König am Schreibtisch.

Er war allein. Die Morgenarbeit war beendigt, die Post erledigt, die

täglichen Empfänge desgleichen.

Die Vorhänge des Alkovens hinter der Balustrade waren zugezogen.

Durch die hohen, bis zum Fußboden reichenden Fenster fiel grell die

Frühlingssonne und zeichnete die Konturen der Fensterrahmen auf den

Teppich. Die Tür nach der Terrasse stand offen und ließ die Düfte der

Gärten und das betäubende Vogelgezwitscher herein. Die Schritte des

Wachtpostens draußen auf der Terrasse knarrten auf dem Kies, verloren

sich in der Ferne und kamen wieder näher, mit der Regelmäßigkeit eines

Uhrwerks.

Auf dem Tisch vor dem König lag ein Brief, den er bei der Erledigung

der Post weder geöffnet noch fortgeworfen hatte. Die Schrift war ihm

wohlbekannt, der Inhalt sicherlich nicht geeignet, ihn in gute Laune

zu versetzen. Er nahm ihn, drehte ihn um, besah wieder genau Schrift

und Siegel und warf ihn wieder hin. Stand dann auf, pfiff den Hunden

und ging in die nach Norden gelegene lange Bildergalerie, um das Modell

eines Denkmals, das er dem Andenken des »Alten Dessauers« errichten

wollte, zu besichtigen.

Er ging ein paarmal hin und her durch den langen, schmalen Raum,

besah sich einige neugekaufte französische Gemälde und die antiken

Skulpturen, die er mit großen Kosten angeschafft hatte.

Schließlich blieb er vor dem Modell des Denkmals stehen, das man an

einem Fenster aufgestellt hatte. Er schüttelte den Kopf.

Gut gemacht! -- Aber der alte Trotzkopf war das nicht, dessen

Widerborstigkeit ihm im letzten Kriege mehr Mühe gemacht hatte als die

Österreicher und die Sachsen!

Er hatte seine liebe Not mit ihm gehabt!

War der alte Herr bei den Beratungen schwierig gewesen, so hatte er

sich in der Ausführung der ihm gegebenen Ordres ebenso saumselig wie

eigensinnig gezeigt. Er wollte alles besser wissen als sein junger Herr

und Gebieter und gefährdete geradezu den ganzen Feldzug!

Da half nur eins: seine Eigenliebe in rücksichtslosester Weise zu

kitzeln!

»Ich kann nicht leugnen«, hatte Friedrich ihm schreiben müssen, »daß

ich gar übel von Ihro Durchlaucht Manövres zufrieden bin! Sie gehen so

langsam, als wenn Sie sich vorgenommen hätten, mich aus meiner Avantage

zu setzen. Weil diese Sachen ernsthaft sind, so rate ich Ihnen, solche

mit mehr Vigeur zu tractieren, meine Ordres ponctueller zu executieren,

sonsten ich mir gezwungen sehe, zu Extremitäten zu schreiten, die ich

gern evitieren wollte!«

Das brachte den alten Haudegen ganz aus der Haut! Er zog vom Leder und

hieb los, als gälte es, nicht nur die Sachsen, sondern auch Himmel und

Hölle in die Pfanne zu hauen. In solcher Berserkerwut, wie er war,

schien ihm nicht einmal der Herr der himmlischen Heerscharen geheuer!

-- »Besser, _=der=_ hält sich neutral!« dachte er und rief ihm vor

Beginn der Schlacht laut die Parole zu: »Hilf mir heute -- und tust

du's nicht, so hilf auch nicht dem Feind, dem Schurken, sondern _=sieh

zu, wie's kommt=_!«

Und dann schlug er seinen Schlag mit Wucht, erfocht bei Kesselsdorf den

größten und schönsten Sieg seines Lebens und gewann seinem König den

Feldzug!

Jetzt war er längst ins Jenseits alles Heldentums eingezogen und sollte

für seine Heldentat sein Denkmal haben. Aber -- und das hatte sich

Fritz vorgenommen -- auch für seinen Eigensinn!

»Der Bildhauer taugt nichts!« entschied Friedrich und kehrte dem

Denkmal den Rücken. »Um den Querkopf richtig zu treffen, müßte er so

viele Renkontres mit ihm gehabt haben wie wir!«

Er ging in das Schlafzimmer zurück, nahm den Brief vom Tisch und begab

sich dann in die danebenliegende kreisrunde Bibliothek, setzte sich

in das Sofa hinter dem Schreibtisch und ließ die Blicke durch das

gegenüberliegende Fenster schweifen. Vom Fenster gerade hinaus streckte

sich eine von Schlingpflanzen überwucherte Pergola mit einem durch

die Sonne grell beleuchteten Rondell abschließend, dessen Mitte ein

betender Knabe in Bronze einnahm.

Eine Weile saß der König da, die Ruhe und die absolute Stille

genießend. Die endlose Perspektive, in die er hineinblickte, wirkte

hypnotisierend auf ihn. Die hin und her wogenden Gedanken legten sich

zur Ruhe. Der vom Sonnenschein beleuchtete dunkle Körper des bronzenen

Adoranten mit den nach oben gerichteten Blicken und Händen zwang

mechanisch auch das Sehnen und Trachten des Beschauers mit hinauf zur

Quelle des Lebens! Licht, Klarheit, Wärme brauchte auch er -- wie alles

Lebende -- und Anregung von außen, um den Geist geschmeidig zu erhalten

und ihn fähig zu machen, selbst zu geben.

Er war aber allein. Von Freunden umgeben, die nur von ihm empfingen,

aber ihm wenig zu geben hatten, außer höfischer Schmeichelei und leerem

Adorantentum! Der eine, der ihm an Geist gleichkam, an dem er deshalb

mit begeisterter Hingabe hing, war nicht zu bewegen, zu ihm zu kommen!

Eine Einladung nach der anderen hatte er an Voltaire geschickt. Aber

dieser fand von seiner Egeria in Cirey nicht fort und verschob sein

Kommen unter allerlei Ausreden. Er stellte auch Bedingungen materieller

Natur, die Friedrich übrigens anstandslos bewilligte. Geld, Orden,

Hofamt -- alles wurde ihm zugesagt. Aber -- er machte sich trotzdem rar

und war unerschöpflich in Ausreden! So mußte auch die bevorstehende

Niederkunft der Marquise du Châtelet zu dem Zweck herhalten.

Friedrich schrieb ihm: »Sie sind keine Hebamme, also kann die Marquise

ihre Niederkunft ohne Sie abhalten!« -- Und dann: »Wahrscheinlich

befiehlt Ihnen Apollon, als Gott der Medizin bei der Niederkunft

der Marquise zugegen zu sein.« Und: »Da Madame du Châtelet Bücher

verfertigt, so wird sie aus Zerstreutheit niederkommen. Sagen Sie ihr,

daß sie sich etwas beeilt, denn ich muß Sie bald sehen. Ich fühle, daß

ich Ihrer sehr bedarf, und daß Sie mir großen Beistand leisten werden!«

Nichts half. Voltaire blieb, bis das große Ereignis, an dem er,

nebenbei gesagt, keinerlei persönliche Schuld hatte, eingetreten

war. Und als die Dame seines Herzens jäh daran starb, kam er wieder

nicht, sondern richtete sich in Paris häuslich ein, nach der Gnade der

Pompadour schielend und von ihrer Protektion mehr erhoffend als von der

des Königs von Preußen.

Da griff Friedrich zu seiner alten, bewährten Methode, die er

seinerzeit beim Alten Dessauer so erfolgreich erprobt hatte, und packte

Voltaire bei der Eitelkeit!

Er sandte nicht ihm, sondern einem jungen, ihm von Voltaire als

Sekretär empfohlenen Dichter eine Einladung nach Berlin, nebst einem

Gedicht, worin er Voltaire als die untergehende -- _=ihn=_ aber als

eine aufgehende Sonne bezeichnete. Das half!

Voltaire, grün vor Eifersucht und Wut, machte endlich Ernst. Heute

war ein Brief von ihm eingegangen, worin er seine Bereitwilligkeit

aussprach, sofort nach Potsdam zu kommen, wenn der König ihm noch

viertausend Taler, die er unumgänglich zur Reise benötige, schicken

wollte.

Friedrich hatte nichts anderes von ihm erwartet, konnte aber nicht

umhin, ihn zu verspotten.

Er nahm den Gänsekiel und schrieb -- wie sich's für einen Jünger Apolls

gebührte -- die Antwort in Versen:

»Für eine wunderschöne Jungfrau,

Die seine wilden Sinne reizte,

Verstand es Jupiter, mit Würde

Aus reicher Hand zu schenken!

Da regnet's Gold, das magisch wirkt

* * * * *

Auf dich soll auch ein goldner Regen strömen,

Wie einst auf Danae -- -- -- -- --

Aber, da der Herr Mettra einen Wechsel in Versen zurückweisen könnte,

so lasse ich einen förmlichen durch seinen Korrespondenten abgehen;

derselbe wird mehr ausrichten als mein Geschwätz. Sie gleichen dem

Horaz; Sie vereinen gern das Nützliche mit dem Angenehmen. Ich bin der

Meinung, daß man das Vergnügen nicht hoch genug bezahlen kann, und ich

glaube einen sehr vorteilhaften Handel zu schließen. Ich bezahle eine

Mark Geist nach Verhältnis wie der Wechsel steigt.«

Dies und noch mehr schrieb er, faltete den Brief zusammen und

versiegelte ihn eigenhändig.

Dabei fiel ihm der am Morgen eingegangene, ungeöffnete Brief, der noch

dalag, wieder in die Hand. Ungeduldig riß er ihn auf und entfaltete

ihn.

Der Brief war unterzeichnet: »Barberina von Cocceji« und enthielt einen

Appell an die Gnade und »die väterliche Güte« des Königs und die Bitte

an ihn, befehlen zu wollen, daß alle Verfolgungen wegen ihrer Heirat

eingestellt werden möchten. Nebenbei auch die Mitteilung, daß sie bald

»den Staaten« Seiner Majestät einen Untertan zu schenken hoffte!

Der Brief stellte den vorläufigen Abschluß eines Romans dar, der

mit der Vorstellung in der Oper angefangen hatte, wo der von seiner

Leidenschaft hingerissene junge Cocceji auf die Bühne stürzte und

die Ohnmächtige forttrug. -- Ein Roman, der dem König viel Ärger und

Verdruß einbrachte und ihm, da er nicht umhin konnte, tätig in ihn

einzugreifen, auch die Erkenntnis gab, wo die Grenze seiner Macht lag.

Die Leidenschaft des jungen Cocceji war unbezwinglich. Ebenso der

Eigensinn Barberinas, die sich vorgenommen hatte, in der Gesellschaft

Berlins eine Rolle zu spielen, und, da sie nicht die Erste sein konnte,

wenigstens an zweiter Stelle, als Schwiegertochter des Großkanzlers,

glänzen wollte!

Der König hatte nichts unversucht gelassen, um die Heirat zu

hintertreiben. Er entließ die »perfide und verführerische Kreatur«

sofort ihres Dienstes und bedeutete ihr, daß sie wohl daran tun

würde, seine Lande zu »quittieren«, da sie »durch ihre Conduite sich

seiner Protektion ganz unwürdig gemacht« hätte! Um zu verhindern,

daß der liebestolle junge Cocceji ihr außer Landes folgte, um sie zu

heiraten, befahl Friedrich gleichzeitig dem Kommandanten von Berlin,

den »gedachten jungen Cocceji« unter gute Aufsicht zu nehmen, um

»seinen würdigen Eltern dergleichen Chagrin und seiner Familie sothane

Prostitution« zu ersparen -- ihn nötigenfalls zu arretieren und

»wohlverwahrt zu halten«, damit er nicht »echappieren« oder »einigen

Connex« mit der Barberina haben könnte! Das sollte so lange dauern, bis

der junge Herr sein »ohnvernünftiges Betragen erkenne« oder sich der

»ihm so sehr unanständigen Passion entschlagen« haben würde!

Ein wenig spielte wohl das Rachegefühl dem bevorzugten Nebenbuhler

gegenüber mit sowie die Freude, dies Gefühl mit einem Schein von Recht,

wegen der Rücksicht auf die »würdigen Eltern«, unter Zuhilfenahme der

königlichen Gewalt befriedigen zu können.

Wer verliebt ist, ist nicht der Mann, darin ein »ohnvernünftiges

Betragen« zu erkennen.

»Gedachter« junger Cocceji wurde also »gantz in der Stille« arretiert

und weggebracht und mußte anderthalb Jahre als unfreiwilliger Gast auf

einem der entlegensten königlichen Schlösser verbringen.

Als er endlich freikam, quittierte er für die königliche

»Gastfreundschaft« dadurch, daß er Barberina, die inzwischen von einem

längeren Ausflug nach England zurückgekehrt war, aufsuchte und sich

sofort mit ihr trauen ließ.

Jetzt lag als Abschluß der jahrelangen Kampagne der Brief Barberinas da

vor dem König auf dem Tische und teilte ihm die Tatsache mit, sowie,

daß sein eifrigster und längster Feldzug auf dem amourösen Gebiet mit

einer Niederlage geendigt hatte.

»Wird nicht beantwortet!« sagte er halblaut und warf den Brief hin.

»Unterfängt sie sich, gegen meinen Willen zu tun, so wird eben der

Generalfiskal scharf mit ihr verfahren!«

Er klingelte und befahl den Hoftresorier vorzulassen.

Fredersdorff kam. Der König übergab ihm den Brief an Voltaire.

»Sofort zu bestellen!« befahl er. »Du sollst ihm einen Wechsel über

viertausend Taler senden! Der Herr de Voltaire tritt jetzo in unsere

Dienste! Du sollst ihm aus unserer Privatschatulle ein Jahresgehalt von

fünftausend Talern bereit halten! Er wird im Schlosse wohnen, freie

Tafel, Dienerschaft, Equipage und alles nötige haben! Das Patent als

Kammerherr und Ritter des Ordens -=Pour le mérite=- nimmst du für ihn

in Empfang! Er bekommt die Auszeichnungen erst, wenn er hier ist! --

Folge mir in den Garten, da können wir das Weitere besprechen!«

Fredersdorff verbeugte sich schweigend, meldete dann, daß das Gemälde

Pesnes, Pygmalion und Galathée darstellend, eingetroffen und im

Musikzimmer aufgestellt wäre, um vom König besichtigt zu werden.

Friedrich machte eine ungeduldige Gebärde. Die Darstellung Pesnes der

Pygmalionlegende mißfiel ihm ebensosehr wie deren Aufführung in der

Oper! Immer wieder hatte er etwas daran auszusetzen gehabt. Immer

wieder wanderte das Bild in das Atelier des Meisters zurück, wo es den

größten Teil der Zeit verbrachte, die der Liebesroman Barberinas mit

dem jungen Cocceji dauerte.

Jetzt war es wieder so weit, vom König besichtigt und dann refüsiert zu

werden. Der Brief Barberinas genügte dem König aber für heute.

»Man soll uns mit jener perfiden Kreatur nicht mehr behelligen!« rief

er unmutig.

»Befehlen Eure Majestät also, das Bild zu entfernen?«

Friedrich dachte einen Augenblick nach.

»Wegen Pesnes werden wir es wohl -- nachher erst ansehen müssen! Er ist

ein großer Künstler und hat uns treu gedient! Vor ihre Cochonnerien

kann er nicht! -- Vorerst wollen wir aber das schöne Frühlingswetter

genießen!«

Er ließ sich den Krückstock geben -- den Hut hatte er stets auf -- und,

von Fredersdorff gefolgt und von den Windspielen umwedelt, trat er auf

die Terrasse hinaus.

Die Hunde schnupperten und kläfften und schienen etwas Ungehöriges zu

wittern. Der König gab nicht acht darauf, sondern ging langsam auf

der Terrasse auf und ab. Er vertiefte sich schließlich in den von

modisch gestutzten Hecken und Bäumen beschatteten Garten und gab seinem

getreuen Fredersdorff alle möglichen Verhaltungsmaßregeln wegen der

Reise Voltaires und seines Empfanges.

Plötzlich blieb er stehen. An der Biegung des Weges vor ihm tauchte

eine weibliche Gestalt auf, eine alte, dicke, auffallend ausgeputzte

Matrone, die beim Anblick des Königs ein so tiefes Kompliment machte,

daß sie halb in die Erde zu versinken schien.

»Ridicule!« rief Friedrich ungehalten und stieß wiederholt mit dem

Krückstock auf die Erde. »Heute passiert es uns schon zum dritten Male!

Sooft wir an Voltaire denken oder von ihm reden, muß uns das alte Weib

über den Weg laufen! Man frage sie, wer sie ist, und warum sie in

unseren Gärten marodiert!«

Fredersdorff ging zu der alten Frau hin und kehrte mit dem Bescheid

zurück, es wäre die Mutter Barberinas, die Signora Campanini. Und sie

bäte um die Gnade, den König sprechen zu dürfen.

Friedrich konnte die Alte nicht leiden. Sie war ihm widerwärtig, und

er hatte sie nie der Ehre einer Ansprache gewürdigt. Jetzt war es

ihm recht, an ihr seine Galle auszulassen. Er ging rasch auf sie zu,

beachtete ihren Gruß nicht, stieß heftig mit dem Krückstock auf den

Boden und rief ihr in ärgerlichem Ton zu:

»Sie hat ihre Tochter schlecht erzogen, Signora! Sie ist eine schlechte

Mutter gewesen! Ihre Tochter ist eine ungehorsame und undankbare

Kreatur! Unser Generalfiskal wird aber die renitente Canaille schon zur

Räson zu bringen wissen!«

Die Alte stammelte eine demütige Bitte, er möge Gnade walten lassen und

von rigourösen Maßnahmen Abstand nehmen.

»Was sie gefehlt hat, soll sie büßen!« sagte Friedrich kurz.

»Wenn sie auch das Unglück gehabt hat, Eure Majestät zu erzürnen«,

sagte die Alte, die allmählich den Mut wiederfand, »ein strafwürdiges

Verbrechen war es nicht, dem Gebot ihres Herzens zu folgen!«

»Ihre Tochter _=hat=_ kein Herz! Sie ist lauter Koketterie und kalte

Berechnung! Bei uns aber sind ihre Manövers mißlungen! Die Ehe mit dem

Geheimen Rat Cocceji wird ihr weder Freude noch Ehren bringen -- dafür

wollen wir sorgen! Unerlaubte Ehen estimieren wir nicht!«

»Die Ehe ist in aller Ordnung geschlossen, Sire!«

»So wird sie auch in aller Ordnung gelöst werden! Wir dulden nicht,

daß eine hergelaufene Person die Köpfe der jungen Leute verdreht, sie

zu Ungehorsam gegen ihre Eltern verleitet und uns die ersten Familien

des Landes prostituieret. Machen Sie sich darauf gefaßt, mitsamt Ihrer

sauberen Tochter von unserer Polizei über die Grenze spedieret zu

werden, falls Sie sich nicht bescheidet und gutwillig unsere Lande

quittiert! Gehe Sie!«

Die Mama machte einen noch tieferen Knicks als vorher, ging aber nicht,

sondern sagte mit siegesgewissem Grinsen:

»Meine Tochter hat ein großes Vermögen nach Preußen gebracht! In die

Hunderttausende geht es! Wollen Eure Majestät verantworten, die schöne

Summe Geldes außer Landes gehen zu lassen?«

»Wir wollen von dem Schürzengeld Ihrer Tochter nichts wissen!« rief

Friedrich noch heftiger. »Gehe Sie sofort!«

Aber die Alte ging nicht. Die Gelegenheit, den König persönlich zu

attackieren, kam nie wieder, und sie hatte noch einen Pfeil im Köcher.

»So wollen Eure Majestät auch nichts von Allerhöchst Dero eigenen

Briefen an meine Tochter wissen?! Wenn man sie draußen in der Welt zu

lesen bekommt und von dem strengen Gericht über sie wegen ihrer Liebe

zu einem anderen hört, so wird man sich schon den Vers darauf machen!

Sie sind -- in sicherem Gewahrsam!«

Friedrich blickte sie, wutentbrannt über solche Keckheit, an. Dann

winkte er Fredersdorff.

»Man schaffe uns das Frauenzimmer aus den Augen«, rief er. »Wir haben

hier kein Konventikelhaus für alte Weiber gebauet! Das sage Er mir dem

Hofgärtner! Und daß er auf Wasser und Brot nach Spandau kommt, wenn er

uns noch von denen losen Schürzen in die Gärten läßt!«

Worauf er ihr den Rücken drehte und wieder nach dem Schloß zurückging.

Die Treppen der Terrassen waren aber viele und wurden trotz seiner Wut

nicht weniger. Als er sie hinaufgestiegen war, war der Zorn verraucht.

Und als er in sein Arbeitszimmer eintrat, lachte er über die Szene.

»Wir haben an Wichtigeres zu denken!« sagte er schließlich. »Mag die

Dirne laufen! Sie soll ihren Willen haben! Viel Freude wird sie in der

Ehe mit jenem Brausekopf nicht haben! Das mag ihr zur Strafe gereichen!

Sie hat's selbst so gewollt!«

Er klingelte, ließ den Privatsekretär kommen, übergab ihm den Brief

Barberinas und diktierte ihm einige Zeilen an den Generalfiskal, worin

er »resolvierte« und ihm befahl, nicht weiter »wider gedachte Barberina

zu agieren«, sondern die Sache »gäntzlich fallen zu lassen«!

Dagegen sollte der Fiskal herauszubringen suchen, _=wer der Geistliche

gewesen war=_, der sich unterstanden hatte, die Liebenden zu

kopulieren! Das wurde jetzt die Hauptsache.

Dem Pfaffen wollte Friedrich »recht scharf zu Halse gehen und -=à la

rigeur=-« sein Verbrechen untersuchen! Denn er sei »intentionieret,

denen Geistlichen nachdrücklich zu deklarieren«, daß sie, wenn sie

sich unterfingen, »ohne vorherige Approbation« Leute heimlich zu

kopulieren, »auf Lebenszeit nach einer Festung gebracht und bei Wasser

und Brot gehalten werden sollten«!

»Den Brief an den Generalfiskal überbringst du ihm persönlich und sagst

ihm noch mündlich von uns: Er möge sehen, unsere Briefe an jene Person

in seine Hände zu bekommen und ihr bedeuten, das sei die Bedingung,

gegen die wir uns dahin resolvieret haben, Gnade vor Recht gehen zu

lassen!«

Der Sekretär ging, um die Briefe auszufertigen. Der Kammerdiener trat

ein und meldete, daß der Großkanzler von Cocceji draußen warte und

dringend um Audienz bitten lasse.

»Laß ihn vor!« sagte Friedrich, der darauf gefaßt war, auch _=seine=_

Suppliken in jener heiklen Angelegenheit anhören zu müssen.

»Haben wir uns damit inkommodieret, der Mutter der einen Partei den

Kopf zu waschen, so müssen wir wohl -- von Rechts wegen -- dem Vater

der anderen Partei dieselbe Gnade erweisen!«

Der Großkanzler trat ein, das Gesicht von unermeßlichem Gram

durchfurcht, verbeugte sich tief und fing in ehrerbietiger und

wohlgesetzter Rede sein häusliches Unglück zu bejammern an.

Friedrich hörte geduldig zu, ließ die Klage des alten Herrn über die

Passion »seines unglücklichen Sohnes mit der berüchtigten Barberina«

über sich ergehen, wegen deren »übler Conduite« der König, wie der

Großkanzler sagte, ja selbst »Höchstdero Indignation« mit wohlverdient

scharfen »Expressions« bereits verschiedentlich »bezeigt« hatte!

Er gab dem König zu bedenken, daß er es ihm nicht verübeln könne, wenn

er seine durch den König »fundierte« Familie vor Schaden zu sichern

bestrebt sei, da der König geruht hätte, ihn »zu hohen Ehrenämtern

zu erheben«; und erbat sich die Erlaubnis, die Sache durch den »Weg

Rechtens« auszumachen, um so die Ehe, die ohne seine väterliche

Erlaubnis geschlossen war, rückgängig zu machen, oder, wenn der

König besondere Ursachen hätte, sein diesbezügliches Gesuch nicht zu

deferieren, ihm wenigstens die Gnade zu erweisen, »jene Leute an einen

anderen Ort zu versetzen«!

»Ich habe«, schloß er, »diesen Sohn alle Tage vor Augen, wenn ich

in den Geheimbden Rat gehe, und kann ihn ohne Alteration nicht mehr

ansehen. Eure Majestät werden nicht zugeben, daß ich meine grauen Haare

mit Herzeleid in die Grube trage!«

Friedrich antwortete ihm nach kurzer Überlegung, daß er in eine

Versetzung seines Sohnes einwillige, jedoch auf eine billige Art

und so, daß er dabei weder verliere noch gewinne. Er betonte aber

ausdrücklich, daß es nur aus »Faiblesse« gegen den Großkanzler

geschehe! Denn sein Sohn hätte in königlichen Diensten nichts versehen

und wäre also nicht zu bestrafen, da dessen »unbesonnene Heirat«

eigentlich »den Dienst nicht affiziere«! Diesbezügliche Vorschläge

könne ihm der Großkanzler selbst machen.

»Wir haben«, schloß der König, »zur Verhinderung jener Eheschließung

bereits so viel getan, daß kein Mensch sagen kann, wir hätten unsere

gewesene Liaison durch Einheiratung in eine hochangesehene Familie

entschädigen und mit einem vornehmen Namen ausstatten wollen. Wenn

wir aber noch weitergehen, würde man denken können, wir würdigten

uns so weit herab, wegen einer hergelaufenen Tänzerin -=jaloux=- zu

sein! Deshalb bleibt die Ehe, die ja -=recte=- geschlossen wurde,

bestehen! Er wird sich wohl mit der Zeit darüber hinwegsetzen können!

Sowohl Er wie wir haben an Wichtigeres zu denken! Das Leben hat uns

andere und höhere Ziele gegeben, hinter denen unsere persönlichen

Wünsche verschwinden müssen! Gehe Er, und sei Er unserer königlichen

Gewogenheit gewiß, jetzo wie immer!«

Er reichte ihm die Hand. Der Großkanzler küßte sie schweigend,

verbeugte sich und entfernte sich, wie er gekommen war, in gemessener

Würde.

Dann ging der König in das Musikzimmer hinaus und besichtigte das

Gemälde Pesnes. Er blieb lange davor stehen.

»Das, was wir wollten, ist's immer noch nicht! Am Ende wollten wir

etwas Verkehrtes! Wir ließen uns von einem unerfüllbaren Traum leiten!

Die antike Legende stellte die Sache auf den Kopf! Die Tat Pygmalions

war nichts als eine schöne Phantasmagorie! Das Leben macht's umgekehrt:

Nicht der Stein wird zu Fleisch -- _=das Fleisch wird zu Stein=_;

so ist's gewesen, und so hat's Meister Pesne auch ganz richtig

hingepinselt!«

Er rief seinen Kammerdiener.

»Hänge Er mir die Mamsell an den Nagel!« befahl er. Und so schloß auch

der Liebesroman Friedrichs des Großen -- der letzte seines Lebens!

Er hatte andere und höhere Ziele als sein persönliches Glück. -- Wie

er aber in harter Arbeit mit eiserner Energie das ihm anvertraute Amt

erfüllte und den Staat aufbaute, als dessen erster Diener er sich stets

fühlte -- wie er diesen Staat vergrößerte und dessen Großmachtstellung

gegen den Ansturm einer ganzen Welt von Feinden verteidigte und

ruhmvoll behauptete -- seine Großtat, auf der die heutige Größe

Deutschlands beruht, das gehört der Geschichte als heiligstes

Vermächtnis an und hat im Roman keinen Platz!

Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen · 第 22 / 26 题