Sie blickte ihn groß an. »_=Du=_ -- sagst mir das?!«

»Ein anderer würde genau dasselbe sagen! Es ist ein eigen Ding um

die Tugend! Man _=hat=_ sie, man _=verliert=_ sie -- man gewinnt sie

wieder!«

»Gewinnt sie wieder?! Das war mir neu!«

Sie lachte laut auf.

Er aber verzog keine Miene und verharrte in demselben trockenen, fast

geschäftsmäßigen Ton.

»Das ist die Karriere!« sagte er. Und sie lachte noch toller.

»Es ist mein Ernst, Madame«, sagte er dann, ohne sich von ihrer

Munterkeit anstecken zu lassen. »Nichts ist unwiederbringlich! Das

Leben neigt sich immer wieder seinem Anfang zu, wenn es die Mittagshöhe

überschritten hat, und da findet sich so manches verloren geglaubte Gut

aufs neue am Wege!«

»Auch die Tugend?!«

»Die vor allem! Man findet sie -- _=bei anderen=_ und hütet die neuen

Besitzer vor dem Schaden, den man selbst erlitt! Das ist die größte

Tugend!«

»Du wirst mich noch fromm machen wollen!«

»Madame waren als Kind sehr zur Frömmigkeit geneigt. Das Alter pflegt

sich gemäß der Kindheit zu gestalten. Das fügt sich ohne eigenes Zutun,

noch das anderer Leute!«

»Gott sei Dank! Sonst müßte ich noch befürchten, daß du mich dazu

bringen willst, ein Tugendasyl zu errichten!«

»Das Geld dazu hätten Madame! Und woher stammt es? Zweckmäßiger könnte

es nicht verwendet werden als zur Verstopfung seiner Quellen!«

Sie stand auf.

»Du wirst dreist!« sagte sie und ging an ihren Schreibtisch. »Es ist

aber gut, daß du mich an das Geld erinnerst; denn dafür muß noch

beizeiten gesorgt werden.«

»Madame wollen es doch nicht Dero geschiedenem Gatten vermachen?«

»Weder habe ich Lust dazu, noch würde er es brauchen! Als herrenloses

Gut will ich es aber auch nicht hinterlassen.«

»Würden Madame es dann nicht wenigstens so nutzbringend anlegen, daß

Ihnen daraus noch bei Lebzeiten ein Vorteil erwachsen könnte?«

»Wie meinst du das?«

»Ich denke, Madame könnte es zu irgendeinem wohltätigen Zweck zur

Verfügung stellen und daran Bedingungen knüpfen, die für Dero Person

die Folge hätten, die ehemalige Tänzerin und die geschiedene Frau

Präsidentin Cocceji vergessen zu machen, indem sie, in den Augen der

Welt, nicht nur rehabilitiert, sondern sogar erhöht würde!«

»Du denkst an eine Standeserhöhung!«

»Ganz recht, und an eine damit verbundene Namensänderung!«

Sie überlegte es sich einen Augenblick.

»Und denkst du, der König könnte dazu seine Einwilligung geben?«

»Wenn das Gesuch in Beziehung zu Dero Vermögen gebracht und in

ziemlicher Weise als gute Tat dargestellt wird, wird er es wohl tun!«

»Er kennt mich aber kaum noch!«

»Als Thronfolger hatte er reichlich Gelegenheit, Madame bewundern zu

lernen. Bei Dero großen Verdiensten um die Majestät des verstorbenen

Königs haben Madame auch wohl begründete Ansprüche, vom jetzigen König

estimieret zu werden -- wenn sich Madame, wie ich vorzuschlagen die

Ehre hatte, bei ihm in Erinnerung zu bringen verstehen!«

»Wie meinst du es?«

»Der König ist galant. Er gefällt sich in der Rolle eines

Beschützers des schönen Geschlechts! Er wird infolgedessen auch als

verschwenderisch angesehen! Geben ihm Madame die Gelegenheit, seine

schützende Hand über Dero Haupt zu halten, aber so, daß er auch dem

Ruf, er sei ein Verschwender, wirksam entgegentreten kann, indem er die

Gelegenheit wahrnimmt, dem Staate das große Vermögen, über das Madame

disponieret, zu erhalten, oder wenigstens zu verhindern, daß es außer

Landes geht! Stellen wir es für irgendeinen vom König zu bestimmenden

wohltätigen Zweck zur Verfügung!«

»Mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß es nicht, wie du anzudeuten

die Dreistigkeit hattest, zur Errichtung eines Tugendasyls verwendet

werde!« sagte Barberina energisch.

»Ich verstehe und würdige Madames Aversion, den ausgetretenen Weg

alternder galanter Damen zu gehen«, sagte Fossano. »Wenn aber Madame

jenen Wunsch zur Bedingung machen, müßten Madame es sich versagen,

andere Bedingungen zu stellen, um nicht zu riskieren, als unbescheiden

eine Zurückweisung zu erhalten!«

»An was für eine >andere< Bedingung denkst du?«

»An die hauptsächliche -- an die Verbesserung von Dero

gesellschaftlicher Stellung, damit Madame Dero früherem Bekanntenkreis

gegenüber wieder den nötigen Rückhalt gewinnen!«

»Die Standeserhöhung also?«

»Eben das! Belieben Madame vom Könige nichts zu erbitten als die

Erhebung zur Gräfin und das Prädikat Exzellenz, und im übrigen seiner

Gnade die Verfügung über das Vermögen zu irgendeinem Seiner Majestät

genehmen wohltätigen Zweck anheimzustellen!«

Sie sann ein wenig nach.

»Ich werde mir den Vorschlag überlegen«, sagte sie dann. »Nun geh! Ich

bedarf für heute deiner Dienste nicht mehr!«

Fossano verbeugte sich und ging.

Barberina nahm ein Blatt Papier aus dem Schubfach ihres Sekretärs und

schrieb, ohne viel nachzudenken, folgenden Brief:

»Sire!

Eine arme, alte Fremde, die das Glück hat, Eure Untertanin geworden

zu sein, wirft sich zu Euren Füßen, Euch anzuflehen, mir in der

Verlassenheit, in die mein Gatte mich gestoßen, die Gnade zu erteilen,

einen anderen Namen tragen zu dürfen als den, welchen ich bis jetzt

hatte. Ich wage es sogar, so kühn zu sein, Eure Majestät zu bitten,

mir den Rang einer Gräfin verleihen zu wollen.

Da ich keine Kinder habe und meinem Leben wohl nur noch wenige Tage

beschieden sind, hoffe ich, daß Eure Majestät meine untertänigste

Bitte erfüllen werden. Mein Mann hat auf mein ganzes Vermögen

verzichtet, so daß ich darüber disponieren kann, wie es mir gefällt.

Da ich aber keine Verwandten in Italien habe, ist es meine Absicht,

ein Institut für die Armen Schlesiens zu gründen, und ich würde

glücklich sein, wenn dieser Plan Eurer Majestät wohlgefallen würde.

Ich bin in tiefster Ergebenheit, Sire, Eurer Majestät sehr untertänige

und gehorsame Dienerin

_=Barberina de Cocceji=_.

_=Barschau=_, 6. August 1789.«

Sie las das Schreiben durch und verschloß es in ihrem Portefeuille.

Am folgenden Tage versiegelte sie es und übergab es Fossano mit dem

Befehl, für die sofortige Beförderung zu sorgen.

24

Friedrich Wilhelm der Zweite sprach -- und aus der Tänzerin Barberina

wurde eine Gräfin Campanini. Das Prädikat »Hochwohlgeboren« wurde ihr

ausdrücklich zugestanden, und die Stempelgebühren wurden ihr in Gnaden

erlassen. Das Diplom bekam sie aber auf ausdrückliche Anordnung des

Königs erst ausgeliefert, nachdem sie alles zur »vorgebenden Errichtung

des Armen-Fräulein-Stifts Erforderliche völlig in Richtigkeit« hatte.

Denn die Errichtung eines solchen Stiftes wurde ihr vom König zur

Bedingung gemacht und von ihr widerspruchslos angenommen.

Der neugebackenen Gräfin wurde ein wunderschönes Wappen, »nur selbiges

solange Sie lebt zu führen«, zugeteilt, mit grünen Myrtenkränzen,

»italienisch quer geteiltem« Herzschild, goldenen Glocken mit

Klöppeln, springenden Pferden, Kranichen mit Edelsteinen in den

erhobenen Krallen, mit himmelblauer Farbe, Turnierhelmen und allerlei

daran baumelnden Kleinodien und, was die Hauptsache war, einem am

Wappenschild hängenden achteckigen Kreuz, zwischen dessen Spitzen

vier schwarze schlesische Adler zu sehen waren, und daran in goldenen

Lettern die Devise: »-=Virtuti Asylum=-«.

Friedrich Wilhelm wußte, was sich gehörte. Und -=nolens volens=-

mußte also die Barberina auf ihre alten Tage den Weg alles sündigen

Fleisches gehen und die Maske der Frömmigkeit anlegen. Sie wurde selbst

die erste Äbtissin ihres »Schlesischen adeligen Fräuleinstiftes« und

trug als solche auf ihrer Brust eine Nachbildung des an ihrem adeligen

Wappen baumelnden Kreuzes, auf dem die Devise »-=Virtuti Asylum=-«

von Brillanten umgeben prangte. Die Brillanten entnahm sie den von

ihren Liebhabern ihr so reichlich gespendeten Schätzen und wurde dabei

von ihrem dienstbeflissenen Haushofmeister und Begleiter durch alle

Wirrsale des Lebens, Fossano, getreulich beraten.

Bei dieser Gelegenheit hatte sie auch die Gnade, ihn mit dem Statut der

Stiftung bekannt zu machen.

Er bekam also zu wissen, daß das Stift achtzehn adlige Fräulein,

nicht unter sechzehn Jahre alt, und eine Superiorin, sämtliche aus

dem schlesischen Adel, neun von römisch-katholischer und neun von

protestantischer Religion, unterhalten sollte. Dazu wurden die

sämtlichen Güter Barberinas hergegeben.

»Die Herrschaften, die die geschiedene Baronin Cocceji mieden, werden

wohl nicht umhin können, den Weg zu der von der königlichen Gnade

umstrahlten Äbtissin Gräfin Campanini zu finden«, sagte er gelassen.

»Insofern hätten Madame ihr Ziel erreicht!«

Barberina blickte ihn über die Schulter an.

»Sie werden zu Kreuze kriechen, darin hast du recht. Sie werden nicht

umhin können, einer Dame, in deren Obhut sie ihre Töchter geben, mit

der gebührenden Auszeichnung zu behandeln!«

»Der Gedanke an das Schicksal ihrer Töchter wird ihnen dabei sicherlich

nicht allzu lästig werden«, sagte Fossano.

»Meinst du?«

»Ich bin so frei. Wer die Führung seiner Kinder auf dem Pfade der

Tugend und der guten Sitte fremden Händen anvertraut, denkt wohl an

nicht viel mehr, als daß er selbst die Last und die Verantwortung los

sein will. Um so größer ist die Verantwortung, die Madame auf sich

nehmen!«

Sie sah ihn wieder scharf an. »Meinst du, ich wäre nicht imstande,

diese Verantwortung zu tragen?«

»Oh«, beeilte er sich zu antworten, »vor dem Straucheln werden Madame

die Fräulein besser als irgendeine bewahren können. Ich wüßte nicht, wo

man ein größeres Sachverständnis in dem, worum es sich hier handelt,

finden könnte!«

Sie biß sich auf die Lippen, antwortete aber nicht. Kühn geworden, fuhr

Fossano fort:

»Die Herrschaften werden keinesfalls nach so schwerwiegenden Gründen

suchen, um wieder der Gastfreundschaft von Madame genießen zu können.

Sind sie nach der Scheidung ausgeblieben, so geschah es, weil die

Schicklichkeit es gebot. Die passende Gelegenheit, zurückzukehren und

zu tun, als wäre gar keine Trübung der guten Beziehungen eingetreten,

haben Madame den Leuten gegeben. Sie werden auch neugierig sein.

Sie werden auf das Vergnügen nicht verzichten wollen, die ehemalige

Tänzerin in der klösterlichen Tracht einer Äbtissin bewundern zu

dürfen. Die Tracht wird Madame übrigens vorzüglich stehen!«

»Meinst du?«

»Ich bin so frei! Nur die Farbe gefällt mir nicht recht. Das Aschgrau

erinnert zu sehr an Buße. Und was für ein Grund zur Buße liegt denn

darin, daß man _=gelebt=_ hat? Seine Majestät der König, der dem Leben

huldigt, kann doch unmöglich -- --«

»Ich selbst habe die Farbe gewählt!« sagte sie kurz. »Lassen wir das!

Ich mache dich mit dem Statut nicht bekannt, um deine Ansicht zu hören,

sondern nur, damit du deine Obliegenheiten kennenlernst!«

»Madame hatten also die Gnade, meiner Wenigkeit einen Platz in Dero

Heiligtum einzuräumen?« fragte er einigermaßen überrascht.

»Der dir gebührende Platz im Rahmen des Ganzen ist vorgesehen. Dessen

sei gewiß. Du wirst es gleich sehen. Erst aber höre, was die Statuten

im wesentlichen weiter bestimmen, damit du siehst, welche Aufgaben

dir erwachsen. Jede, die in das Stift aufgenommen werden will, muß

feierlich versprechen und angeloben, sowohl innerhalb als außerhalb

des Stiftes ein tugendhaftes, regelmäßiges und anständiges Leben zu

führen!«

Fossano räusperte sich.

»Das werden sicherlich alle geloben und versprechen«, sagte er. »Aber,

Hand aufs Herz -- geben Madame wirklich etwas auf Versprechungen in

solchen Dingen?«

Sie biß sich auf die Lippen -- ihm schien es fast so, als wolle sie ein

Lachen verbergen.

»Ich gebe ein Statut«, sagte sie dann kurz. »Und das Statut bestimmt

sofortige Ausschließung eines jeden Fräuleins, das sein Versprechen

durch ausschweifendes Leben verletzt.«

»Eine ganz überflüssige Bestimmung«, sagte Fossano. »Ich bin bald

achtzig Jahre, ich habe viel vom Leben gesehen -- noch niemals aber ist

mir eine Dame vorgekommen, der man die Verletzung ihres Tugendgelübdes

nachweisen konnte. Wir Männer waren immer galant genug, ihnen das

zu besorgen und ihnen jede Schuld abzunehmen. Und wir leisten gewiß

keinen Meineid, wenn wir darauf schwören, daß die holden Schönen am

unschuldigsten sind -- wenn sie's nicht mehr sind!«

Barberina verbiß sich wieder ein Lachen. Fossano sah es.

»Das ist das erste Gebot der Galanterie!« sagte er.

»Der Galanterie wird im Rahmen meiner Stiftung kein Spielraum gegeben«,

sagte Barberina, »wir haben dem einen Riegel vorgeschoben!«

»Vorgeschobene Riegel lassen sich gewöhnlich auch zurückschieben«,

entgegnete Fossano.

»Hör nur zu! Das Statut verbietet den Stiftsdamen ausdrücklich, ohne

Erlaubnis der Äbtissin auszugehen und Besuche anzunehmen, insbesondere

heimliche Besuche von Mannspersonen!«

»Pardon«, sagte Fossano, »wenn ich mir eine Frage gestatte, hat der

König _=das=_ sanktioniert?«

»Du siehst seine Unterschrift!«

»Ja, es hat seine Richtigkeit«, sagte er dann kopfschüttelnd. »Genau,

wie ich dachte!« Er wiederholte leise: »Das Statut verbietet, ohne

Erlaubnis der Äbtissin heimliche Besuche von Mannspersonen anzunehmen!

-- _=Mit=_ Erlaubnis der Äbtissin wären also solche heimlichen Besuche

gestattet!«

Sie schlug auf den Tisch. Er ließ sich aber nicht erschrecken.

»Madame haben da eine bequeme Hintertür offengelassen -- Madame haben

es sich leicht gemacht, unter Umständen auch menschlich zu sein. Die

Stiftsdamen werden nicht klagen können!«

»Darüber zu befinden ist nicht deines Amtes!«

»Pardon, wenn ich danach frage -- aber was wäre denn im Rahmen des

Ganzen mein Amt?«

»Nur Geduld! Wir kommen jetzt zu den Domestiken!«

»Domestiken?!«

Er fuhr zurück. Sie sah, daß der Hieb saß, freute sich sehr und fuhr

in gelassenem Ton fort: »Das Statut sieht von männlichen Domestiken

vor: einen Koch, einen Gärtner, einen Förster und einen Bedienten, der

schreiben und rechnen kann. -- Du kannst ja vorzüglich schreiben und

rechnen!«

»Pardon«, sagte er scharf und richtete sich auf. »Madame wollen mich

wohl zum besten halten? Es kann nicht Dero Ernst sein, _=mir=_ diese

Stellung eines Bedienten --«

»Es ist mein Ernst, dir diese Stellung zu geben. Eine andere ist

im Institut nicht vorhanden. Und schließlich, was wäre dagegen

einzuwenden? Du hast dein ruhiges Leben, wirst ausreichend bezahlt; ob

du dich dabei Hofmeister oder Bedienter nennen darfst -- das ändert an

der Sache nicht das geringste! Um Titel warst du ja nie besorgt. Und

schließlich -- eine Schar der entzückendsten jungen Damen zu bedienen,

das muß dir doch zusagen; du hast ja immer so viel für galantes Wesen

übrig gehabt!«

»Ich danke«, sagte er kurz; »um mich mit jungen Mädchen abzugeben, bin

ich zu alt. Möge Madame sich da andere Helfershelfer suchen. Ich bin

nicht dafür zu haben! Ich gehe.«

»Du gehst von mir fort?«

»Ja -- meine Rolle bei Madame ist ja sowieso ausgespielt! Ich hatte

hier nur noch eine wesentliche Pflicht zu erfüllen!«

»Nicht, daß ich wüßte!«

»Eine Pflicht, die mir das Leben auferlegt hat -- nicht du«, sagte er

und duzte sie zum erstenmal wieder. -- »Ich hatte dich verführt, ich

hatte dich von der Bahn der Tugend abgebracht -- jetzt habe ich dich

der Tugend wiedergegeben, so gut es ging -- ich habe meine Schuld

bezahlt! Ich gehe!«

»Du willst doch nicht zum Bettelstab greifen, jetzt noch?«

»Das habe ich nicht nötig. Ich habe Ersparnisse gemacht. Und -- wenn

ich noch in Dienst wollte -- an Anerbietungen von sehr exzellenter

Seite fehlt es mir nicht! Madame brauchen sich darüber keine Sorge zu

machen!«

Er ging nach der Tür. Dort wandte er sich noch einmal um, und in seinen

Augen leuchtete es teuflisch, als er ihr den letzten Hieb versetzte,

mit dem er sich für all die Jahre der Schmach rächen wollte, in denen

sie ihn mit Füßen getreten hatte.

»Pardon«, sagte er kurz und ganz von oben herab, »fast hatte ich

vergessen -- der Kammerdiener Seiner Exzellenz des Staatsministers

Grafen Hoym schrieb mir gestern über die Antwort des Königs auf das

Gesuch von Madame, Dero Gräfinnentitel das Prädikat >Exzellenz<

hinzufügen zu dürfen!«

»Du brauchst dir keine Mühe zu machen -- der Staatsminister hat mir

selbst darüber geschrieben!«

»Der Staatsminister ist galant und hat es wohl verstanden, die bittere

Pille zu überzuckern, wie ich aus seinem Briefe ersehen konnte, als

ich den gnädigen Papierkorb leerte, wohin Madame ihn in Höchstdero

Ärger geworfen hatten. -- Der Bescheid des Königs war aber nicht so

höflich!«

Sie starrte ihn mit offenen Augen an.

»Der König schrieb geradeheraus: >Ich bin nicht geneigt, ihr den Titel

Exzellenz zuzugestehen, weil ich es -=ridicule=- finde, daß eine

gewesene Theatertänzerin dieses Prädikat führe!< So schrieb der König.

Und nun wissen Madame, daß die >gewesene Theatertänzerin< noch nicht

ausgetanzt hat, trotz Gräfinnenprädikat, Tugendasyl und in frommen

Stiftungen angelegtem Sündengeld. Ich tanze aber nicht mehr mit!«

»Wenn du denkst, daß ich es tue, irrst du dich!« rief Barberina zornig.

»Ich werfe lieber alles hin! Wenn der König so undankbar ist, mache ich

die ganze Schenkung wieder rückgängig!«

Fossano, der sich gar keine Mühe gab, seine Schadenfreude zu verbergen,

sagte: »Ich glaube schon, daß Madame das möchten! Ich weiß aber auch,

daß es zu spät ist. Was der Fiskus einmal hat, das behält er. Wovon

wollten Madame leben? Jugend, Schönheit, Talent -- das ganze vom Leben

mitgebrachte Kapital ist verbraucht oder wird zum mindesten nichts

mehr abwerfen. Den bisherigen Ertrag haben Madame unwiederbringlich

auf dem Altar der Tugend geopfert! Madame sind eben auf Lebenszeit

der Tugend verfallen und sitzen nun fest! Daran ist nichts zu ändern!

Aber -- das ist ja nicht so tragisch zu nehmen! Die Bequemlichkeit hat

ja was für sich, wenn man über die Jahre der Aufregungen hinaus ist.

Und -- schließlich haben Madame sich ja so geschickt eine Hintertür

offengelassen! -=Votre serviteur!=-«

Er verbeugte sich mit ausgesuchter Galanterie, machte kehrt und ging,

hoch aufgerichtet, auf alterssteifen Beinen, aber mit der ganzen

Grandezza des ehemaligen Tänzers, hinaus. Sie sah ihn nicht wieder.

25

Ihr blieb Zeit genug, sich des Besitzes der wohlerworbenen Tugend zu

erfreuen. In der Stille und Ruhe des Landlebens vergingen ihre letzten

Jahre ohne erhebliche Erlebnisse, aber auch ohne Aufregungen.

Eines schönen Sommernachmittags -- zehn Jahre, nachdem sie ihr Amt als

Äbtissin angetreten hatte -- fand man sie tot auf einem der Wege im

Park ihres Schlosses. Man sagt -- -- --

Aber -- was sagt man nicht alles beim Tode einer Berühmtheit!? Mit

rechten Dingen geht's dabei ja niemals zu.

Eine getreue Schilderung der letzten Todesminute müßte zum mindesten

die bekannte Pendüle vorführen, die gerade, als sie starb, stehenblieb

-- einige »letzte Worte« prägen, oder meinetwegen auch, nach Art der

beliebten mittelalterlichen Darstellung, zeigen, wie Leib und Seele

voneinander scheiden und nicht nur die Engel Gottes, sondern auch die

Teufel dabei fleißig sind!

Angenommen, sie hätte dabei getanzt -- sie hätte beim letzten

Spaziergang im Park zu dem vom Sonnenuntergang rosig gefärbten Himmel

emporgeblickt, und hoch oben, wie Sommerblüten in den Wolken, alle

die seligen Gestalten Correggios gesehen, die ihr winkten und sie zu

sich hinaufriefen, wie damals in ihrer Kindheit im Dome zu Parma! Und

Psyche wäre der Abstieg geglückt, die Todeszuckungen ihrer sterblichen

Hülle hätten sich in eine Art Tarantella umgesetzt! Schauerlich schön,

wenn auch grotesk, wäre es ja, hier darzustellen, wie die alte Matrone

plötzlich angefangen hätte, draußen in der Abenddämmerung zu tanzen,

die Arme hoch gen Himmel gestreckt, so daß die Enden der grauen

Schleier sich wie riesengroße Flügel ausgebreitet hätten. Dann ein Hin-

und Herflattern hinter den Gebüschen, wie wenn ein zu Tode getroffener

Riesenvogel noch mit dem Element kämpft, das ihn bis jetzt willig

trug, und sich mit Aufbietung seiner letzten Kraft müht, aufwärts zu

kommen, ehe er für immer kraftlos zur Erde sinkt und erstarrt...

Hinauf zu wollen, aber unten bleiben zu müssen -- das ist auch in der

Todesminute der Tanz des Lebens. Über Höhen, durch Niederungen führt

er zum Gipfel des Glücks und wieder hinab zur bitteren Entsagung, im

Rausch der Bewegung hier wie dort, niemals aber zu voller Befriedigung

des innewohnenden Dranges. Bis der Tanz für immer aus ist. Da gelingt

der Abflug. Und unten bleibt, was an den Boden fesselte, sinkt in den

Staub und zerfällt, bis kaum noch die Erinnerung dessen übrigbleibt,

was war.

Fährt dann der Wind des Lebens darüber hinweg, dann kann es sein, daß

er den Staub der Vergangenheit zum Tanz aufwirbelt und ihn wieder zu

Gebilden fügt, die der suchenden Ahnung das längst Verblichene, im

Spiel der Phantasie, vorgaukeln und es zu neuem Leben erwecken.

Über den Tod hinaus zu wollen, hieße denn -- die Erzählung wieder von

vorn anfangen. Da schließt sich also der Ring des Geschehens.

Notizen des Bearbeiters:

Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen · 第 24 / 26 题