Potsdam 7. August 1744.«

»Bis meine Herren Juristen Teutsch lernen -- das kann lange dauern! So

lange hat denn jenes armselige Geschöpf eine Gnadenfrist. -- Und wir

auch!«

Zufrieden, für heute über die Sache hinweggekommen zu sein, klingelte

er, ließ den Privatsekretär kommen, übergab ihm das Dokument, erledigte

auch die anderen Unterschriften und befahl die Audienzen.

Zunächst wurde der Staatsminister von Podewils vorgelassen, der ein

sehr bekümmertes Gesicht zur Schau trug.

Friedrich zog gleich scharfe Saiten auf.

»Nun, Podewils, woher die grämliche Miene? Wir stehen dicht vor dem

Losschlagen! Und Er schaut aus, als hätte Er einen Topf mit Senf

unter der Nase! Wir dachten, Er hätte sich an die üblen Gerüche aus

der politischen Hexenküche gewöhnt? Schöne Düfte werden uns da nicht

beschert! Nach Niederlage riecht's aber nicht! Und Er sieht aus wie ein

leibhaftes Debakel!«

»Majestät werden verzeihen, wenn die Sorge um die Wohlfahrt des

Vaterlandes --«

»_=Die=_ Sorge haben wir Ihm abgenommen, als wir uns entschlossen, das

Schwert zu ziehen! Er braucht sich deshalben nicht zu fatigieren! Wir

brauchen Seine Einwände heute nicht mehr! Daß Er ein Angsthuhn ist,

wissen wir! Hat Er ansonsten etwas zu berichten?«

»Auf die Gefahr der allerhöchsten Ungnade hin wage ich doch darauf

hinzuweisen, daß der Krieg noch zu vermeiden wäre!«

»Wenn unsere Herren Politiker so räsonieren, dann ist erst recht Not am

Mann! Da müssen wir darauf gefaßt sein, sofort zur Attacke blasen zu

lassen! Sonst haben wir die Kriegsfurie über Nacht im eigenen Lande.«

»Und doch muß ich einen Widerspruch darinnen sehen, wenn Eure Majestät

einen Krieg anfangen wollen, um einen Krieg zu vermeiden!«

»Er ist dreist! Doch Er glaubt wohl seine Pflicht zu erfüllen! Ich

will Ihm denn antworten! Zu vermeiden ist ein Krieg nicht mehr, den

_=wir=_ als unvermeidlich ansehen! So Er die Augen auftut, wird Er uns

beipflichten! Der Friede von Breslau gibt uns schon -- nach zwei Jahren

keine Sicherheit mehr! Wir schlagen also los, um den Krieg, der doch

kommen muß, zu der für uns günstigsten Zeit zu führen -- nicht erst,

wenn's dem Feind am bequemsten! Das Haus Habsburg duldet nicht, daß

ein Wittelsbacher die kaiserliche Krone trägt! Der Kurfürst von Bayern

ist aber -=recte=- zum Kaiser gewählt! Trete ich dann als reichstreuer

Fürst für den Kaiser ein, so kämpfe ich doch in erster Reihe für

Preußen gegen Österreich! Denn uns droht der nächste Schlag!«

»Der König von England lenkt aber ein und will seinen Einfluß

aufbieten, um die Königin von Ungarn zum nochmaligen feierlichen

Verzicht auf Schlesien zu bewegen!«

»Weil er weiß, daß ich jetzt schon losschlage!«

»Zunächst wohl aber auch aus dem ganz natürlichen Interesse für das

Wohlergehen Eurer Majestät, die die enge Verwandtschaft ihm nahelegen

muß!«

Friedrich lachte laut auf.

»Wahrlich, die großen Fürsten, die die Bande des Blutes respektieren,

sollen noch gefunden werden!«

Er setzte sich in das Sofa hinter dem Schreibtisch und blickte seinen

Minister spöttisch an.

»Er erschwert uns die Arbeit, Podewils, statt sie uns zu erleichtern!

Wir müssen hier Zeit und Mühe aufwenden, um unsere Minister zu

überzeugen, damit wir sicher sein können, daß sie nachher Ordre

parieren, wenn wir im Felde stehen! -- Nach dem Wormser Traktat

glaubt Er noch an England?! Hat England uns wohl von jenem Traktat

unterrichtet?! Nein! Aber im Breslauer Frieden hat sich der König

von England verpflichtet, uns sofort alle Bündnisse, die er eingeht,

mitzuteilen! Das hat er in diesem Falle nicht getan! Also geht das

Bündnis gegen uns!«

»Im Traktat von Worms steht kein Wort von Preußen!«

»Zwischen den Zeilen ist aber nichts als Preußen zu lesen! Preußen muß

vernichtet werden!«

»Der König von England ist aber auch Kurfürst von Hannover! Als

deutscher Fürst kann er nicht die Vernichtung Preußens wollen!«

»Die deutschen Fürsten, die ihre Königreiche anderswo haben, sind keine

deutschen Fürsten mehr! Der Kurfürst von Hannover hat sein Königreich

in England -- der von Sachsen seins in Polen! Ich allein habe mein

Königreich in Deutschland! Das gibt von Rechts und Billigkeit wegen

Preußen die Führung! Und das wollen die anderen Kurfürsten nicht! Wir

sind ihnen zu mächtig, daher die Wut! Daher der Neid! Sachsen ist

ärgerlich, weil wir im letzten Frieden ihm nicht Mähren zuschreiben

ließen! England tut freundlich, weil es erst seine in Schlesien

steckenden Gelder von uns haben will! Es intrigiert aber überall und

isoliert uns, wo es kann, damit wir von ihm allein abhängen sollen!

Beider Länder Herrscher aber sind nur insofern deutsche Kurfürsten,

daß sie dem Kurfürsten von Bayern nicht die Kaiserkrone gönnen! Weil

_=sie=_ sie nicht haben können, darum nur soll sie an Österreich

zurück! Wenn der Kaiser sie aber bezahlen könnte, wären sie für ihn

und ihre Armeen ebenso! So sind sie alle! Kein Geld -- kein deutscher

Fürst! Er weiß das ebensogut wie wir! Die Kurfürsten von Hessen,

Württemberg, Köln und von der Pfalz -- sie wollten sich doch sämtlich

schon unserer Aktion für den Kaiser anschließen! Warum taten sie's

nicht?! Weil wir nicht so viel Geld haben und Frankreich nicht das

nötige bewilligte! Gleich fingen die Herrschaften mit der Gegenpartei

zu schachern an!«

»Hessen geht ja mit uns!«

»Nun, da bot Frankreich eben mehr für Hessen als England! Dafür hat

aber der Herzog von Gotha den Seemächten seine Truppen verkauft! Die

paar Brocken machen übrigens den Kohl nicht fett! Meine preußischen

Grenadiere werden in Österreich das entscheidende Wort sprechen!«

»Österreich bedroht uns nicht, ich wiederhole es immer und immer

wieder!«

»Lese Er die Kopien des Briefwechsels der österreichischen Podewilse

mit den sächsischen Podewilsen, die wir Ihm aus Dresden besorgt haben!

Zu welchem Zwecke hätte Sachsen, das sich _=uns=_ versperrt, den

Österreichern freien Durchzug zugesichert? Gegen den Mond -- oder gegen

Preußen? Les' Er doch in dem Wormser Traktat genau die Stelle durch,

wo Sardinien sich verpflichtet, mit seinen Truppen die Lombardei zu

besetzen, damit Österreich seine Truppen -- in Deutschland verwenden

kann, und sage Er mir dann -- gegen wen? Gegen den Mond oder gegen

Preußen?! _=Wir=_ sind da nicht im Zweifel und warten deshalb nicht

erst ab, bis Österreich seine Truppen nach Berlin schickt! Und unsere

Minister werden uns da gnädigst pardonieren! Wir verhandeln nicht mehr,

Podewils -- wir _=handeln=_! Was Verhandlungen zu tun vermögen, haben

wir -- _=trotz Ihm=_ erreicht! Rothenburg kehrte mit dem französischen

Bündnisvertrag wieder! Gegen Schweden haben wir uns Rückendeckung

verschafft!«

»Rußland wird nicht ruhig bleiben, wenn wir Sachsen betreten!«

»Deshalb betreten wir es auch nur auf kaiserlichen Befehl! Die

kaiserlichen Requisitorialbriefe, die von Sachsen freien Durchzug für

Seiner Majestät preußische Hilfstruppen verlangen, sind bereits in

Dresden abgegeben worden!«

»Und Sachsen rüstet! Dresden wird befestigt! Man hat uns Drohbriefe

geschickt!«

»Dann fängt eben Sachsen den Tanz an! Wir nicht! Wir ziehen vorläufig

nur mit unseren Truppen durch das Land! Er soll sehen, wie hübsch

brav die Sachsen dann mit dem Säbelrasseln aufhören und uns noch

Brücken über die Elbe schlagen werden! Wenn nicht -- dann riskieren

wir eben die Ungnade Rußlands! Bis die Russen marschieren, haben wir

längst gesiegt! Nun gehe Er aber und lasse Er mich mit Seinen Bedenken

ungeschoren! Meine Befehle hat Er! Daß Er sie mir richtig exekutiert

und keine Minute mit unnützem Geschwätz verliert, weder vor mir noch

vor anderen, will ich nunmehro hoffen! Gott befohlen!«

Podewils ging, und der König ließ seine beiden Freunde Jordan und

Knobelsdorff rufen, die auch auf Audienz warteten.

Knobelsdorff überbrachte, wie befohlen, einige Detailpläne für

Sanssouci, die auch Jordan begutachten sollte. Und die drei Freunde

waren bald in die Betrachtung der Zeichnungen und Entwürfe vertieft

und ließen Politik Politik sein.

Die Bibliothek war endlich nach Friedrichs Wünschen, ebenso die

Schlaf-, Empfangs-, Musikzimmer und die beiden großen, runden

Pfeilersäle des Mittelteils, die als Speise- und Audienzsaal vorgesehen

waren. Um diese Säle und ihre Einrichtung hatte man schon viel hin und

her beraten -- heute lagen die endgültigen Entwürfe zur Genehmigung vor.

Die Zimmer des linken Flügels fehlten noch. Friedrich wollte sie als

Gastzimmer für seine Freunde herrichten lassen. Und da sollte das

letzte, das dem Bibliothekzimmer im rechten Flügel entsprach, als

besondere Ehrung für den von ihm vielbewunderten Voltaire eingerichtet

werden -- was wieder den beiden anderen Freunden überflüssig erschien!

Knobelsdorff sträubte sich energisch dagegen.

»Knobelsdorff wurmt's«, sagte der König, »daß er in meinem Hause

nicht die übliche Schloßkapelle bauen darf! Nicht, weil ihm daran

gelegen wäre, Gotteshäuser zu bauen! Bloß -- wegen der dekorativen und

architektonischen Aufgabe, die ihm so entgeht! Die Baumeisters sind wie

die Pfaffen! Heuchler alle miteinander! Die _=Sache=_ gilt ihnen stets

weniger als das, was drum und dran ist!«

»Nein, nein!« rief Knobelsdorff aufgeregt, »an meiner Person ist mir

wahrhaftig nichts gelegen!«

»Und wenn du auch selbst das Gegenteil glaubst -- dir ist es doch nur

um Befriedigung deines künstlerischen Ehrgeizes zu tun -- auch wenn

du Kirchen baust! Da ist's dir, wie all den anderen, ganz gleich, ob

der Bau den Menschen andere Empfindungen eingibt als Bewunderung für

eure Leistung! Daß sie drin veranlaßt werden sollten, durch all das

Schöne, womit ihre Sinne umgaukelt werden, die Gottheit zu verehren,

daran denkt ihr nicht -- das Wunder zu bewirken traut ihr euch eben

nicht zu! Ebensowenig, wie die Pfaffen glauben, die Menschen durch

ihre Worte von der Wahrheit dessen zu überzeugen, was sie ihnen

predigen! _=Beweisen=_ können sie nichts -- deshalb verlangen sie,

man soll _=glauben, blind=_ glauben, und erschleichen sich so eine

Autorität, die denen Strohköpfen nicht zukommt! Man soll ihnen aufs

Wort glauben, man soll an _=sie=_ glauben -- das ist der geheime Sinn

ihrer dunklen Rede! Tut man nur _=das=_ -- dann mag man im Herzen über

das jenseitige Leben denken und glauben, was man will. Sie erziehen zur

Heuchelei! Dem wollen wir keinen Vorschub leisten! Und deswegen lassen

wir die Baumeisters in unserem Hause keine Kapellen zur Befriedigung

ihrer künstlerischen Eitelkeit oder zur Befestigung der pfäffischen

Autorität einrichten! Für unseren persönlichen Gebrauch haben wir

keine besonderen Gebetzimmer nötig. -- Im Speisesaal verkehren wir mit

geistreichen Männern -- im Musiksaal hat die Kunst das große Wort -- in

der Stille der Bibliothek finden wir allein und ohne Pfaffen die nötige

Erbauung! Als Huldigung für den Geist der Aufklärung aber richten wir

dem größten zeitgenössischen Geist eine Wohnung ein!«

»Die er doch niemals bewohnen wird! -- Wie oft haben Eure Majestät ihn

schon in der schmeichelhaftesten Weise eingeladen! Und er läßt sich

immer noch bitten, trotz des glänzenden Empfangs bei seinem letzten

Besuch! Er wird niemals ganz nach Potsdam kommen! Ihn wird's immer

wieder nach Cirey zu seiner geliebten Marquise ziehen!«

»Die Marquise du Chatelet ist nicht unsterblich! Ihre Reize werden auch

einmal welk! Ihr Geist mag noch so viele Künste der Verführung haben,

_=dagegen=_ kommen wir sicherlich zehnfach auf! Nicht wahr, Jordan --

du glaubst doch auch, daß er kommen wird?«

»Ich glaube schon, daß er eitel genug ist, nicht zu widerstehen, wenn

er von der besonderen Ehrung erfährt, die ihm durch diesen Bau zuteil

wird! Er wird jedenfalls aus Neugier herkommen und da Wohnung nehmen!

Ob er _=bleibt=_? -- Ich wage es zu bezweifeln! Zwei so geistvolle

Menschen können es sicherlich nicht auf die Dauer vertragen, so intim

zu verkehren, daß ihre kleinen Menschlichkeiten ihnen nicht mehr

verborgen bleiben!«

»Die kleinen Menschlichkeiten nehme ich ohne weiteres bei ihm an,

wie er wohl bei mir! Ebenso aber genügend Geistesgröße, um sie zu

ignorieren!«

»_=Die=_ Art Größe war noch nie auf Erden da!« rief Jordan. »Verehrung

braucht Distanz! Die Götter müssen über den Wolken, im Verborgenen,

thronen! Hat man sie im Hause, so schlägt man sie, wie die Wilden ihre

Götzen!«

»Sein Affentum hat mich nur amüsiert, als er hier war, weiter nichts!«

»Auch die Affen sind nur amüsant -- in sicherer Ferne! Läßt man sie

zu nahe heran, dann beißen sie manchmal! Das schmerzt -- man wehrt

sich -- man schlägt sie! -- Und so wandelt sich das Amüsement in sein

Gegenteil!«

»Mit dir ist nicht auszukommen!« rief der König, »du behältst immer

das letzte Wort! In der _=Sache=_ aber behalte ich's, denn ich habe

die Macht dazu, indem ich der Bauherr bin! Knobelsdorff soll seine

kirchenbauerische Phantasie im Dombau austoben! _=Hier=_ aber soll er

mir einen Rahmen für Voltaire schaffen, der nicht nur ihn zwingt, zu

bleiben, sondern schon durch die Aufmachung seinen Geist dazu bringt,

seine kleinen Menschlichkeiten im Zaum zu halten und seine Würde

zusammenzunehmen!«

»Ich hab's!« rief Knobelsdorff, und seine kleinen Augen leuchteten.

»Ich baue ihm einen vergoldeten Affenkäfig! Da sperren Majestät ihn

ein, wenn er beißen will!«

»Wir können wieder beißen, wenn's sein muß, und haben keine andere

Abwehr nötig! Aber tob dich in der Einrichtung aus, soviel du willst,

um seine Eitelkeiten zu geißeln! Bring das ganze Tierreich an -- der

Papagei darf nicht fehlen! Gieß Hohn und Spott und Satire aus vollen

Schalen über ihn aus! -- Nur mach's geistreich! Und schaff dir gute

Handwerker zur Ausführung! Mach mir einen Entwurf und lege ihn mir vor,

wenn ich wieder da bin! Spätestens zu Weihnachten! Denn im Frühjahr

legen wir den Grundstein, ob der Krieg vorüber ist oder nicht!«

Knobelsdorff packte seine Zeichnungen ein. Die beiden Freunde

verabschiedeten sich und wollten gehen. Da packte Friedrich noch Jordan

so heftig am Rockzipfel, daß der kleine dürre Mensch fast umgefallen

wäre.

»Du mußt mir noch ein Amt und eine rein praktische Tätigkeit für

Voltaire finden!« sagte er. »Mit dem mache ich's wie mit den Pfaffen!

Ich lasse keinen Pfaffen ins Amt, der sich nicht vorher verpflichtet,

Obstbäume zu pflanzen und im Gartenbau vorbildlich zu wirken! Der

Gartenbau veredelt und besänftigt! -- So wirken wir der Entstehung von

Fanatikern entgegen und haben nebenbei auch fürs zeitliche Leben einen

kulturellen Gewinn der priesterlichen Tätigkeit!

Mit Voltaire wollen wir's ebenso machen! Auch er soll hier im Lande von

Amts wegen pflanzen und säen, damit sein unruhiger Geist keine Zeit zum

Extravagieren hat! So bleibt er uns sicher, und wir haben keine Mühe,

ihn zu bändigen! Denk darüber nach! -=Au revoir!=-«

Die beiden Freunde gingen. Friedrich ließ sich den Degen umschnallen,

nahm die Handschuhe, pfiff seinen Hunden und ging hinaus, um noch vor

dem Essen die Exerzitien anzusehen!

Nachmittags um sechs war, wie befohlen, das Konzert!

Ausnahmsweise spielte der König heute nicht selbst. Die Hauptnummer

füllte diesmal ein Tanzdivertissement von Barberina und Lany aus.

Wie sich's im intimen Rahmen des Musikzimmers von selbst ergab, mußte

auf größer angelegte Nummern verzichtet werden.

Man beschränkte sich auf Schäfertänze, zierliche -=pas de deux,=-

-=allemagnes=-, und zuletzt kam eine mit hinreißender Bravour von der

Barberina getanzte Tarantella!

Es waren nur einige wenige Eingeladene, vor allem die zur Beratung

Befohlenen, der Intendant Baron Sweerts, Graun und der Maler Pesne,

die Friedrich noch vor Beginn des Konzerts über seine Pläne orientiert

hatte.

Kein Beifall durfte laut werden. Aber in den Blicken der Zuschauer,

die alle von der Leistung Barberinas hingerissen wurden, war helle

Begeisterung, und Entzücken in allen Zügen.

Nur der König saß sinnend da und sah zerstreut dem Tanze zu. Er war

noch ganz erfüllt von den vielen künstlerischen Entwürfen, die seinen

Geist beschäftigten! Denn auch die Politik, und insbesondere der

Krieg, stellte ihm künstlerische Aufgaben, die er sich mit der ganzen

Schwungkraft seines leidenschaftlichen Ehrgeizes zu bewältigen bemühte.

Nach allen Seiten suchte sein Geist Expansion -- von allen Seiten

stürmten die Aufgaben auf ihn ein -- er war in vollem Kampf mit der

Materia -- voller Eroberungslust und dem Schöpferdrang, ihr Bewegung,

Schönheit, Ruhm, Macht und geistige Werte abzuringen.

Was sich da vor seinen Augen, beim Tanze Barberinas, in schönen Linien

und Rhythmen bewegte, war ihm weiter nichts als leidenschaftlich

bewegte Materia -- _=sein=_ Material: das lebendige Fleisch und

Blut, das er seinen Ideen dienstbar machen wollte, um es in neue

künstlerische Werte umzubilden, wenn auch nur für die Lebensdauer

einiger Minuten.

Die Materia in höchster Vollendung, in schönster Belebung -- weiter

nichts!

Was die Barberina gab -- was sie seinen Augen und seiner Phantasie

darbot, war ihm nur insofern wert, als es ihn sehen ließ, was aus ihr

herauszuholen wäre! Keinen anderen Reiz hatte ihr Tanz im gegenwärtigen

Augenblick für ihn, der, von seinen Plänen ganz erfüllt, wie ein

Vulkan vor der Eruption zitterte.

Noch lange, nachdem der Tanz beendigt war, saß er so, in Sinnen

versunken, und bemerkte weder die fragenden Blicke seiner Gäste, die

auf ihm ruhten, noch die Enttäuschung der Künstler, die, wegen des

Ausbleibens der gnädigen Komplimente, ganz vernichtet dastanden.

Nur Barberina ließ so etwas wie Trotz in ihren Augen aufleuchten! Und

das empfand er.

Zögernd stand er auf, kam langsam auf sie zu, ergriff ihre Hand und

berührte flüchtig ihre Fingerspitzen mit den Lippen.

»Charmant!« sagte er galant. »Sie haben viel Grazie und echte Passion

bewiesen! Aber was Sie tanzten, das sind Spielereien! Sie sind eine

große Künstlerin, voll schöpferischer Intuition. Sie müssen lernen,

Ihrer würdige Sujets zu eruieren! Sie bedürfen darin noch der Führung!

Wir haben Anlaß genommen, Ihnen ein Ballett komponieren zu lassen,

worinnen Sie alle Ihre exzellenten Vorzüge zu voller Geltung bringen

können! Meister Graun wird es in eine der auf dem Spielplan stehenden

Opern einfügen. Die Idee stammt von uns selbst! Meister Pesne fertigt

die dekorativen Entwürfe an -- unser Intendant hat die Anweisung,

an nichts zu sparen, sondern alle Kräfte unserer Oper aufzubieten.

Alle Schwesterkünste Terpsichores werden Ihnen dienstbar gemacht --

Schönheit, Grazie, Leidenschaft haben Sie auch zur Verfügung Ihres

eminenten Könnens! -- Wir wollen eine Apotheose der durch den Geist

belebten Materia -- die Geburt der Bewegung -- des Lebens selbst wollen

wir durch Ihre Person in Erscheinung treten lassen! Sie sollen Galathée

darstellen, Mademoiselle, die unter den Händen Pygmalions zu leben

beginnt! Das können Sie, darauf vertrauen wir fest, wie keine andere!

So wollen wir Sie -- _=in Ihrer Kunst=_ -- verehren! -- -=Bon soir,

mademoiselle! -- Bon soir, messieurs!=-«

Er hob den Hut leicht, neigte den Kopf gegen die Anwesenden und ging in

seine Gemächer!

Wie ein General nach beendigter Parade Kritik hält oder, vor einer

Schlacht, die -=ordre de bataille=- erläutert -- so hatte er

gesprochen! Auch das Lob kurz bemessen und dienstlich knapp!

Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen · 第 21 / 26 题