»Bis meine Herren Juristen Teutsch lernen -- das kann lange dauern! So
lange hat denn jenes armselige Geschöpf eine Gnadenfrist. -- Und wir
auch!«
Zufrieden, für heute über die Sache hinweggekommen zu sein, klingelte
er, ließ den Privatsekretär kommen, übergab ihm das Dokument, erledigte
auch die anderen Unterschriften und befahl die Audienzen.
Zunächst wurde der Staatsminister von Podewils vorgelassen, der ein
sehr bekümmertes Gesicht zur Schau trug.
Friedrich zog gleich scharfe Saiten auf.
»Nun, Podewils, woher die grämliche Miene? Wir stehen dicht vor dem
Losschlagen! Und Er schaut aus, als hätte Er einen Topf mit Senf
unter der Nase! Wir dachten, Er hätte sich an die üblen Gerüche aus
der politischen Hexenküche gewöhnt? Schöne Düfte werden uns da nicht
beschert! Nach Niederlage riecht's aber nicht! Und Er sieht aus wie ein
leibhaftes Debakel!«
»Majestät werden verzeihen, wenn die Sorge um die Wohlfahrt des
Vaterlandes --«
»_=Die=_ Sorge haben wir Ihm abgenommen, als wir uns entschlossen, das
Schwert zu ziehen! Er braucht sich deshalben nicht zu fatigieren! Wir
brauchen Seine Einwände heute nicht mehr! Daß Er ein Angsthuhn ist,
wissen wir! Hat Er ansonsten etwas zu berichten?«
»Auf die Gefahr der allerhöchsten Ungnade hin wage ich doch darauf
hinzuweisen, daß der Krieg noch zu vermeiden wäre!«
»Wenn unsere Herren Politiker so räsonieren, dann ist erst recht Not am
Mann! Da müssen wir darauf gefaßt sein, sofort zur Attacke blasen zu
lassen! Sonst haben wir die Kriegsfurie über Nacht im eigenen Lande.«
»Und doch muß ich einen Widerspruch darinnen sehen, wenn Eure Majestät
einen Krieg anfangen wollen, um einen Krieg zu vermeiden!«
»Er ist dreist! Doch Er glaubt wohl seine Pflicht zu erfüllen! Ich
will Ihm denn antworten! Zu vermeiden ist ein Krieg nicht mehr, den
_=wir=_ als unvermeidlich ansehen! So Er die Augen auftut, wird Er uns
beipflichten! Der Friede von Breslau gibt uns schon -- nach zwei Jahren
keine Sicherheit mehr! Wir schlagen also los, um den Krieg, der doch
kommen muß, zu der für uns günstigsten Zeit zu führen -- nicht erst,
wenn's dem Feind am bequemsten! Das Haus Habsburg duldet nicht, daß
ein Wittelsbacher die kaiserliche Krone trägt! Der Kurfürst von Bayern
ist aber -=recte=- zum Kaiser gewählt! Trete ich dann als reichstreuer
Fürst für den Kaiser ein, so kämpfe ich doch in erster Reihe für
Preußen gegen Österreich! Denn uns droht der nächste Schlag!«
»Der König von England lenkt aber ein und will seinen Einfluß
aufbieten, um die Königin von Ungarn zum nochmaligen feierlichen
Verzicht auf Schlesien zu bewegen!«
»Weil er weiß, daß ich jetzt schon losschlage!«
»Zunächst wohl aber auch aus dem ganz natürlichen Interesse für das
Wohlergehen Eurer Majestät, die die enge Verwandtschaft ihm nahelegen
muß!«
Friedrich lachte laut auf.
»Wahrlich, die großen Fürsten, die die Bande des Blutes respektieren,
sollen noch gefunden werden!«
Er setzte sich in das Sofa hinter dem Schreibtisch und blickte seinen
Minister spöttisch an.
»Er erschwert uns die Arbeit, Podewils, statt sie uns zu erleichtern!
Wir müssen hier Zeit und Mühe aufwenden, um unsere Minister zu
überzeugen, damit wir sicher sein können, daß sie nachher Ordre
parieren, wenn wir im Felde stehen! -- Nach dem Wormser Traktat
glaubt Er noch an England?! Hat England uns wohl von jenem Traktat
unterrichtet?! Nein! Aber im Breslauer Frieden hat sich der König
von England verpflichtet, uns sofort alle Bündnisse, die er eingeht,
mitzuteilen! Das hat er in diesem Falle nicht getan! Also geht das
Bündnis gegen uns!«
»Im Traktat von Worms steht kein Wort von Preußen!«
»Zwischen den Zeilen ist aber nichts als Preußen zu lesen! Preußen muß
vernichtet werden!«
»Der König von England ist aber auch Kurfürst von Hannover! Als
deutscher Fürst kann er nicht die Vernichtung Preußens wollen!«
»Die deutschen Fürsten, die ihre Königreiche anderswo haben, sind keine
deutschen Fürsten mehr! Der Kurfürst von Hannover hat sein Königreich
in England -- der von Sachsen seins in Polen! Ich allein habe mein
Königreich in Deutschland! Das gibt von Rechts und Billigkeit wegen
Preußen die Führung! Und das wollen die anderen Kurfürsten nicht! Wir
sind ihnen zu mächtig, daher die Wut! Daher der Neid! Sachsen ist
ärgerlich, weil wir im letzten Frieden ihm nicht Mähren zuschreiben
ließen! England tut freundlich, weil es erst seine in Schlesien
steckenden Gelder von uns haben will! Es intrigiert aber überall und
isoliert uns, wo es kann, damit wir von ihm allein abhängen sollen!
Beider Länder Herrscher aber sind nur insofern deutsche Kurfürsten,
daß sie dem Kurfürsten von Bayern nicht die Kaiserkrone gönnen! Weil
_=sie=_ sie nicht haben können, darum nur soll sie an Österreich
zurück! Wenn der Kaiser sie aber bezahlen könnte, wären sie für ihn
und ihre Armeen ebenso! So sind sie alle! Kein Geld -- kein deutscher
Fürst! Er weiß das ebensogut wie wir! Die Kurfürsten von Hessen,
Württemberg, Köln und von der Pfalz -- sie wollten sich doch sämtlich
schon unserer Aktion für den Kaiser anschließen! Warum taten sie's
nicht?! Weil wir nicht so viel Geld haben und Frankreich nicht das
nötige bewilligte! Gleich fingen die Herrschaften mit der Gegenpartei
zu schachern an!«
»Hessen geht ja mit uns!«
»Nun, da bot Frankreich eben mehr für Hessen als England! Dafür hat
aber der Herzog von Gotha den Seemächten seine Truppen verkauft! Die
paar Brocken machen übrigens den Kohl nicht fett! Meine preußischen
Grenadiere werden in Österreich das entscheidende Wort sprechen!«
»Österreich bedroht uns nicht, ich wiederhole es immer und immer
wieder!«
»Lese Er die Kopien des Briefwechsels der österreichischen Podewilse
mit den sächsischen Podewilsen, die wir Ihm aus Dresden besorgt haben!
Zu welchem Zwecke hätte Sachsen, das sich _=uns=_ versperrt, den
Österreichern freien Durchzug zugesichert? Gegen den Mond -- oder gegen
Preußen? Les' Er doch in dem Wormser Traktat genau die Stelle durch,
wo Sardinien sich verpflichtet, mit seinen Truppen die Lombardei zu
besetzen, damit Österreich seine Truppen -- in Deutschland verwenden
kann, und sage Er mir dann -- gegen wen? Gegen den Mond oder gegen
Preußen?! _=Wir=_ sind da nicht im Zweifel und warten deshalb nicht
erst ab, bis Österreich seine Truppen nach Berlin schickt! Und unsere
Minister werden uns da gnädigst pardonieren! Wir verhandeln nicht mehr,
Podewils -- wir _=handeln=_! Was Verhandlungen zu tun vermögen, haben
wir -- _=trotz Ihm=_ erreicht! Rothenburg kehrte mit dem französischen
Bündnisvertrag wieder! Gegen Schweden haben wir uns Rückendeckung
verschafft!«
»Rußland wird nicht ruhig bleiben, wenn wir Sachsen betreten!«
»Deshalb betreten wir es auch nur auf kaiserlichen Befehl! Die
kaiserlichen Requisitorialbriefe, die von Sachsen freien Durchzug für
Seiner Majestät preußische Hilfstruppen verlangen, sind bereits in
Dresden abgegeben worden!«
»Und Sachsen rüstet! Dresden wird befestigt! Man hat uns Drohbriefe
geschickt!«
»Dann fängt eben Sachsen den Tanz an! Wir nicht! Wir ziehen vorläufig
nur mit unseren Truppen durch das Land! Er soll sehen, wie hübsch
brav die Sachsen dann mit dem Säbelrasseln aufhören und uns noch
Brücken über die Elbe schlagen werden! Wenn nicht -- dann riskieren
wir eben die Ungnade Rußlands! Bis die Russen marschieren, haben wir
längst gesiegt! Nun gehe Er aber und lasse Er mich mit Seinen Bedenken
ungeschoren! Meine Befehle hat Er! Daß Er sie mir richtig exekutiert
und keine Minute mit unnützem Geschwätz verliert, weder vor mir noch
vor anderen, will ich nunmehro hoffen! Gott befohlen!«
Podewils ging, und der König ließ seine beiden Freunde Jordan und
Knobelsdorff rufen, die auch auf Audienz warteten.
Knobelsdorff überbrachte, wie befohlen, einige Detailpläne für
Sanssouci, die auch Jordan begutachten sollte. Und die drei Freunde
waren bald in die Betrachtung der Zeichnungen und Entwürfe vertieft
und ließen Politik Politik sein.
Die Bibliothek war endlich nach Friedrichs Wünschen, ebenso die
Schlaf-, Empfangs-, Musikzimmer und die beiden großen, runden
Pfeilersäle des Mittelteils, die als Speise- und Audienzsaal vorgesehen
waren. Um diese Säle und ihre Einrichtung hatte man schon viel hin und
her beraten -- heute lagen die endgültigen Entwürfe zur Genehmigung vor.
Die Zimmer des linken Flügels fehlten noch. Friedrich wollte sie als
Gastzimmer für seine Freunde herrichten lassen. Und da sollte das
letzte, das dem Bibliothekzimmer im rechten Flügel entsprach, als
besondere Ehrung für den von ihm vielbewunderten Voltaire eingerichtet
werden -- was wieder den beiden anderen Freunden überflüssig erschien!
Knobelsdorff sträubte sich energisch dagegen.
»Knobelsdorff wurmt's«, sagte der König, »daß er in meinem Hause
nicht die übliche Schloßkapelle bauen darf! Nicht, weil ihm daran
gelegen wäre, Gotteshäuser zu bauen! Bloß -- wegen der dekorativen und
architektonischen Aufgabe, die ihm so entgeht! Die Baumeisters sind wie
die Pfaffen! Heuchler alle miteinander! Die _=Sache=_ gilt ihnen stets
weniger als das, was drum und dran ist!«
»Nein, nein!« rief Knobelsdorff aufgeregt, »an meiner Person ist mir
wahrhaftig nichts gelegen!«
»Und wenn du auch selbst das Gegenteil glaubst -- dir ist es doch nur
um Befriedigung deines künstlerischen Ehrgeizes zu tun -- auch wenn
du Kirchen baust! Da ist's dir, wie all den anderen, ganz gleich, ob
der Bau den Menschen andere Empfindungen eingibt als Bewunderung für
eure Leistung! Daß sie drin veranlaßt werden sollten, durch all das
Schöne, womit ihre Sinne umgaukelt werden, die Gottheit zu verehren,
daran denkt ihr nicht -- das Wunder zu bewirken traut ihr euch eben
nicht zu! Ebensowenig, wie die Pfaffen glauben, die Menschen durch
ihre Worte von der Wahrheit dessen zu überzeugen, was sie ihnen
predigen! _=Beweisen=_ können sie nichts -- deshalb verlangen sie,
man soll _=glauben, blind=_ glauben, und erschleichen sich so eine
Autorität, die denen Strohköpfen nicht zukommt! Man soll ihnen aufs
Wort glauben, man soll an _=sie=_ glauben -- das ist der geheime Sinn
ihrer dunklen Rede! Tut man nur _=das=_ -- dann mag man im Herzen über
das jenseitige Leben denken und glauben, was man will. Sie erziehen zur
Heuchelei! Dem wollen wir keinen Vorschub leisten! Und deswegen lassen
wir die Baumeisters in unserem Hause keine Kapellen zur Befriedigung
ihrer künstlerischen Eitelkeit oder zur Befestigung der pfäffischen
Autorität einrichten! Für unseren persönlichen Gebrauch haben wir
keine besonderen Gebetzimmer nötig. -- Im Speisesaal verkehren wir mit
geistreichen Männern -- im Musiksaal hat die Kunst das große Wort -- in
der Stille der Bibliothek finden wir allein und ohne Pfaffen die nötige
Erbauung! Als Huldigung für den Geist der Aufklärung aber richten wir
dem größten zeitgenössischen Geist eine Wohnung ein!«
»Die er doch niemals bewohnen wird! -- Wie oft haben Eure Majestät ihn
schon in der schmeichelhaftesten Weise eingeladen! Und er läßt sich
immer noch bitten, trotz des glänzenden Empfangs bei seinem letzten
Besuch! Er wird niemals ganz nach Potsdam kommen! Ihn wird's immer
wieder nach Cirey zu seiner geliebten Marquise ziehen!«
»Die Marquise du Chatelet ist nicht unsterblich! Ihre Reize werden auch
einmal welk! Ihr Geist mag noch so viele Künste der Verführung haben,
_=dagegen=_ kommen wir sicherlich zehnfach auf! Nicht wahr, Jordan --
du glaubst doch auch, daß er kommen wird?«
»Ich glaube schon, daß er eitel genug ist, nicht zu widerstehen, wenn
er von der besonderen Ehrung erfährt, die ihm durch diesen Bau zuteil
wird! Er wird jedenfalls aus Neugier herkommen und da Wohnung nehmen!
Ob er _=bleibt=_? -- Ich wage es zu bezweifeln! Zwei so geistvolle
Menschen können es sicherlich nicht auf die Dauer vertragen, so intim
zu verkehren, daß ihre kleinen Menschlichkeiten ihnen nicht mehr
verborgen bleiben!«
»Die kleinen Menschlichkeiten nehme ich ohne weiteres bei ihm an,
wie er wohl bei mir! Ebenso aber genügend Geistesgröße, um sie zu
ignorieren!«
»_=Die=_ Art Größe war noch nie auf Erden da!« rief Jordan. »Verehrung
braucht Distanz! Die Götter müssen über den Wolken, im Verborgenen,
thronen! Hat man sie im Hause, so schlägt man sie, wie die Wilden ihre
Götzen!«
»Sein Affentum hat mich nur amüsiert, als er hier war, weiter nichts!«
»Auch die Affen sind nur amüsant -- in sicherer Ferne! Läßt man sie
zu nahe heran, dann beißen sie manchmal! Das schmerzt -- man wehrt
sich -- man schlägt sie! -- Und so wandelt sich das Amüsement in sein
Gegenteil!«
»Mit dir ist nicht auszukommen!« rief der König, »du behältst immer
das letzte Wort! In der _=Sache=_ aber behalte ich's, denn ich habe
die Macht dazu, indem ich der Bauherr bin! Knobelsdorff soll seine
kirchenbauerische Phantasie im Dombau austoben! _=Hier=_ aber soll er
mir einen Rahmen für Voltaire schaffen, der nicht nur ihn zwingt, zu
bleiben, sondern schon durch die Aufmachung seinen Geist dazu bringt,
seine kleinen Menschlichkeiten im Zaum zu halten und seine Würde
zusammenzunehmen!«
»Ich hab's!« rief Knobelsdorff, und seine kleinen Augen leuchteten.
»Ich baue ihm einen vergoldeten Affenkäfig! Da sperren Majestät ihn
ein, wenn er beißen will!«
»Wir können wieder beißen, wenn's sein muß, und haben keine andere
Abwehr nötig! Aber tob dich in der Einrichtung aus, soviel du willst,
um seine Eitelkeiten zu geißeln! Bring das ganze Tierreich an -- der
Papagei darf nicht fehlen! Gieß Hohn und Spott und Satire aus vollen
Schalen über ihn aus! -- Nur mach's geistreich! Und schaff dir gute
Handwerker zur Ausführung! Mach mir einen Entwurf und lege ihn mir vor,
wenn ich wieder da bin! Spätestens zu Weihnachten! Denn im Frühjahr
legen wir den Grundstein, ob der Krieg vorüber ist oder nicht!«
Knobelsdorff packte seine Zeichnungen ein. Die beiden Freunde
verabschiedeten sich und wollten gehen. Da packte Friedrich noch Jordan
so heftig am Rockzipfel, daß der kleine dürre Mensch fast umgefallen
wäre.
»Du mußt mir noch ein Amt und eine rein praktische Tätigkeit für
Voltaire finden!« sagte er. »Mit dem mache ich's wie mit den Pfaffen!
Ich lasse keinen Pfaffen ins Amt, der sich nicht vorher verpflichtet,
Obstbäume zu pflanzen und im Gartenbau vorbildlich zu wirken! Der
Gartenbau veredelt und besänftigt! -- So wirken wir der Entstehung von
Fanatikern entgegen und haben nebenbei auch fürs zeitliche Leben einen
kulturellen Gewinn der priesterlichen Tätigkeit!
Mit Voltaire wollen wir's ebenso machen! Auch er soll hier im Lande von
Amts wegen pflanzen und säen, damit sein unruhiger Geist keine Zeit zum
Extravagieren hat! So bleibt er uns sicher, und wir haben keine Mühe,
ihn zu bändigen! Denk darüber nach! -=Au revoir!=-«
Die beiden Freunde gingen. Friedrich ließ sich den Degen umschnallen,
nahm die Handschuhe, pfiff seinen Hunden und ging hinaus, um noch vor
dem Essen die Exerzitien anzusehen!
Nachmittags um sechs war, wie befohlen, das Konzert!
Ausnahmsweise spielte der König heute nicht selbst. Die Hauptnummer
füllte diesmal ein Tanzdivertissement von Barberina und Lany aus.
Wie sich's im intimen Rahmen des Musikzimmers von selbst ergab, mußte
auf größer angelegte Nummern verzichtet werden.
Man beschränkte sich auf Schäfertänze, zierliche -=pas de deux,=-
-=allemagnes=-, und zuletzt kam eine mit hinreißender Bravour von der
Barberina getanzte Tarantella!
Es waren nur einige wenige Eingeladene, vor allem die zur Beratung
Befohlenen, der Intendant Baron Sweerts, Graun und der Maler Pesne,
die Friedrich noch vor Beginn des Konzerts über seine Pläne orientiert
hatte.
Kein Beifall durfte laut werden. Aber in den Blicken der Zuschauer,
die alle von der Leistung Barberinas hingerissen wurden, war helle
Begeisterung, und Entzücken in allen Zügen.
Nur der König saß sinnend da und sah zerstreut dem Tanze zu. Er war
noch ganz erfüllt von den vielen künstlerischen Entwürfen, die seinen
Geist beschäftigten! Denn auch die Politik, und insbesondere der
Krieg, stellte ihm künstlerische Aufgaben, die er sich mit der ganzen
Schwungkraft seines leidenschaftlichen Ehrgeizes zu bewältigen bemühte.
Nach allen Seiten suchte sein Geist Expansion -- von allen Seiten
stürmten die Aufgaben auf ihn ein -- er war in vollem Kampf mit der
Materia -- voller Eroberungslust und dem Schöpferdrang, ihr Bewegung,
Schönheit, Ruhm, Macht und geistige Werte abzuringen.
Was sich da vor seinen Augen, beim Tanze Barberinas, in schönen Linien
und Rhythmen bewegte, war ihm weiter nichts als leidenschaftlich
bewegte Materia -- _=sein=_ Material: das lebendige Fleisch und
Blut, das er seinen Ideen dienstbar machen wollte, um es in neue
künstlerische Werte umzubilden, wenn auch nur für die Lebensdauer
einiger Minuten.
Die Materia in höchster Vollendung, in schönster Belebung -- weiter
nichts!
Was die Barberina gab -- was sie seinen Augen und seiner Phantasie
darbot, war ihm nur insofern wert, als es ihn sehen ließ, was aus ihr
herauszuholen wäre! Keinen anderen Reiz hatte ihr Tanz im gegenwärtigen
Augenblick für ihn, der, von seinen Plänen ganz erfüllt, wie ein
Vulkan vor der Eruption zitterte.
Noch lange, nachdem der Tanz beendigt war, saß er so, in Sinnen
versunken, und bemerkte weder die fragenden Blicke seiner Gäste, die
auf ihm ruhten, noch die Enttäuschung der Künstler, die, wegen des
Ausbleibens der gnädigen Komplimente, ganz vernichtet dastanden.
Nur Barberina ließ so etwas wie Trotz in ihren Augen aufleuchten! Und
das empfand er.
Zögernd stand er auf, kam langsam auf sie zu, ergriff ihre Hand und
berührte flüchtig ihre Fingerspitzen mit den Lippen.
»Charmant!« sagte er galant. »Sie haben viel Grazie und echte Passion
bewiesen! Aber was Sie tanzten, das sind Spielereien! Sie sind eine
große Künstlerin, voll schöpferischer Intuition. Sie müssen lernen,
Ihrer würdige Sujets zu eruieren! Sie bedürfen darin noch der Führung!
Wir haben Anlaß genommen, Ihnen ein Ballett komponieren zu lassen,
worinnen Sie alle Ihre exzellenten Vorzüge zu voller Geltung bringen
können! Meister Graun wird es in eine der auf dem Spielplan stehenden
Opern einfügen. Die Idee stammt von uns selbst! Meister Pesne fertigt
die dekorativen Entwürfe an -- unser Intendant hat die Anweisung,
an nichts zu sparen, sondern alle Kräfte unserer Oper aufzubieten.
Alle Schwesterkünste Terpsichores werden Ihnen dienstbar gemacht --
Schönheit, Grazie, Leidenschaft haben Sie auch zur Verfügung Ihres
eminenten Könnens! -- Wir wollen eine Apotheose der durch den Geist
belebten Materia -- die Geburt der Bewegung -- des Lebens selbst wollen
wir durch Ihre Person in Erscheinung treten lassen! Sie sollen Galathée
darstellen, Mademoiselle, die unter den Händen Pygmalions zu leben
beginnt! Das können Sie, darauf vertrauen wir fest, wie keine andere!
So wollen wir Sie -- _=in Ihrer Kunst=_ -- verehren! -- -=Bon soir,
mademoiselle! -- Bon soir, messieurs!=-«
Er hob den Hut leicht, neigte den Kopf gegen die Anwesenden und ging in
seine Gemächer!
Wie ein General nach beendigter Parade Kritik hält oder, vor einer
Schlacht, die -=ordre de bataille=- erläutert -- so hatte er
gesprochen! Auch das Lob kurz bemessen und dienstlich knapp!