-=Fridericus Rex=-
16
Es war ein bitterkalter Januarmorgen im Jahre 1744. Vom Turme der
Garnisonkirche zu Potsdam schlug es fünf, und das Glockenspiel
klimperte seinen Choral ins Dunkel hinaus. Die Stadt schlief noch.
Im Stadtschloß war es aber schon seit einer Stunde lebendig. Von der
Brücke aus konnte man Licht in einem der ersten Fenster des linken
Flügels sehen, wo der König residierte.
Die Ofenheizer waren schon dabei, in den Kaminen Holz und Kohlen
aufzuschichten. Im Vorzimmer wartete der Kammerdiener Michaelis.
Als der letzte Schlag aus dem Turme verklungen war, trat er durch das
Schreibzimmer ins Schlafzimmer, gefolgt von den Heizern, die sich
sofort anschickten, das Feuer im Ofen anzumachen. Er ließ die Kerzen in
der Krone anstecken, öffnete die silberne Balustrade nach dem Alkoven,
zog die hellblauen Vorhänge auseinander und trat an das von einem
Baldachin überdachte Bett heran, dessen versilberte Schnitzereien im
Schein der Kerzenflammen fröhlich aufglänzten.
Der König schlief noch fest.
Rechts vom Bett stand die Tür zum kleinen, runden »Konfidenzzimmer«
halb offen, wo Friedrich seine intimen Soupers abzuhalten pflegte, bei
denen keine Bedienung anwesend sein durfte.
Über dem runden Tisch glimmte noch eine fast niedergebrannte Kerze in
der vielarmigen Bronzekrone und warf ihren flackernden Schein über das
kleine, intime, ganz in Rosa und Gold gehaltene Kabinett. Der Tisch war
mit den Resten des gestrigen Soupers bedeckt.
Schnell ging der Kammerdiener hinein, ließ die leeren Flaschen durch
die Öffnungen an den Seiten des Tisches hinuntergleiten, schob Geschirr
und Gläser auf die Mitte des Tisches zusammen und drückte auf einen
Knopf. Die Tischscheibe senkte sich lautlos mit allem, was darauf
stand, in das unten befindliche Kredenzzimmer hinab. Er zog noch
kräftig an einer Klingelschnur, um die Bedienung da unten aufmerksam zu
machen, löschte die hinsterbende Flamme aus, ging wieder in den Alkoven
hinaus und schloß lautlos die Tür. Feierlich trat er dann an das Bett
heran und hustete dreimal laut und vernehmlich.
Der Eroberer Schlesiens ließ sich nicht stören.
Der Kammerdiener streckte die Hand aus und berührte die Schulter des
Schlafenden. Umsonst.
Der König drehte sich auf die andere Seite und schnarchte weiter. Er
hatte den Schlaf offenbar sehr nötig heute, und es tat dem getreuen
Diener im Herzen weh, ihm die Ruhe nicht gönnen zu dürfen. Er hatte
aber bestimmte Befehle und hatte sofortige Entlassung zu gewärtigen,
wiche er nur einen Zoll breit vom Pfade des Gehorsams ab.
Seufzend trat er an die Waschtoilette heran, entnahm einem ihrer
Schubfächer eine zusammengefaltete Serviette, tauchte sie in Wasser und
legte sie dann auf das Gesicht des Schlafenden.
Fluchend setzte sich Friedrich auf, lachte aber laut, als er das
erschrockene Gesicht von Michaelis sah.
»Hast heute wieder zum Äußersten greifen müssen?« sagte er gähnend und
schielte nach der Tür des Konfidenzzimmers.
»Eure Majestät hatten streng befohlen -- --« stotterte der Diener
beklommen.
»Es wäre dir schlecht bekommen, hättest du da nicht Ordre pariert!«
sagte Friedrich gelassen und ließ sich die Strümpfe und die
schwarzsamtenen Hosen reichen. »Aber es ist schlimm, sehr schlimm! Wie
lange hast du heute Reveille geblasen?«
»Eine Viertelstunde!« antwortete Michaelis.
»Wir können nicht soviel Zeit verlieren! Das gestrige Souper hat zu
lange gedauert! Die Dame Cochois wird nicht mehr hierher befohlen!«
Er ließ sich die hohen Stiefel anziehen, trat aus dem Alkoven heraus
und nahm in einem Sessel am Feuer Platz.
Michaelis zog zweimal die Klingelschnur an der Wand und trat dann an
den König heran, um ihm die Haarpeitsche zu machen.
Ein Kammerpage kam mit einem Korb herein, in dem die soeben
eingegangenen Briefschaften lagen, kniete vor dem König nieder und
hielt ihm den Korb hin.
Friedrich entnahm ihm Brief für Brief, prüfte sorgfältig Aufschrift
und Siegel, warf diesen oder jenen ungeöffnet in den Ofen, machte die
anderen auf, las den Inhalt halblaut durch und schichtete die Briefe in
drei Haufen auf den neben ihm stehenden Tisch. Im ersten Haufen bekamen
die Briefe einen Kniff nach innen -- im zweiten einen nach außen und im
dritten einen nach innen und nach außen, je nachdem, ob sie abschlägig
beantwortet werden sollten oder nicht, oder ob die Antwort noch ungewiß
sei.
Einen einzigen Brief behielt der König heute auf den Knien. Der Inhalt
dieses Briefes mochte nicht angenehmer Natur sein. Denn nach Lesen
der ersten Worte hielt er unwillig inne, las den Rest gegen seine
Gewohnheit still durch und machte dabei so zornige Bewegungen, daß
Michaelis den Haarbeutel wiederholt neu binden mußte.
Ein scharfes: »Nimm dich besser in acht!« wurde ihm höchst ungnädig
zugerufen. Und der Kammerpage mußte mit dem geleerten Korbe wieder
abziehen, ohne vom König einen Blick, geschweige denn einen Gruß zu
erlangen.
Friedrich las den Brief noch einmal durch.
»Eine süffisante, kapriziöse Kreatur wie all die anderen Mamsells! Ohne
Gewalt nicht zur Räson zu bringen!«
Er warf den Brief zu den anderen.
Michaelis, der inzwischen mit dem Frisieren fertig geworden war,
öffnete eine Tür links im Alkoven und ließ den Kammerhusaren herein,
der ohne weitere Zeremonien das königliche Gesicht einzuseifen begann.
Er hatte keinen leichten Stand.
Friedrich war äußerst nervös und aufgeregt. Seine gewöhnliche Ruhe
und Überlegenheit schienen ganz geschwunden. Er saß keinen Augenblick
still. Der arme Kammerhusar bekam Angst, ihn zu schneiden; seine Hand
fing an zu zittern, und er mußte die ganze Ungeduld des Königs über
sich ergehen lassen.
»Er ist heute aber auch zu ungeschickt!« rief Friedrich, dem beim
Einseifen ein wenig Schaum in den Mund gekommen war. Er schielte
mißtrauisch nach dem Messer, das sein Getreuer über einen ledernen
Riemen hin und her gleiten ließ.
»Nehme Er sich zusammen! Kratzt Er mir nur die kleinste Ritze in die
Haut, so kommt Er noch heute nach Spandau!«
Der Kammerhusar setzte das Messer an und begann zu schaben, kam aber
nicht weiter als bis zur halben Wange, als Friedrich ihn -=sans façon=-
beiseiteschob und Michaelis winkte, der mit einem Waschbecken in
einiger Entfernung wartete.
»Winterfeldt!« befahl der König.
Michaelis stellte das Becken fort und ging, immer noch die Serviette
in der Hand, zur Tür des Schreibzimmers, öffnete sie und ließ den
Generaladjutanten herein.
»Den Rapport!« befahl Friedrich, den untertänigen Gruß seines Getreuen
kaum beantwortend, und setzte sich im Sessel zurecht.
Der Kammerhusar fing an weiterzuschaben, der Generaladjutant zu
berichten, und Friedrich, das Messer an der Kehle, mußte vieles über
sich ergehen lassen.
Zunächst lagen da militärische Angelegenheiten vor, Urlaubsgesuche und
so weiter, die Friedrich, den Kammerhusaren nochmals beiseiteschiebend,
kurz erledigte.
»Von jetzt ab wird kein Urlaub bewilligt! Die Beurlaubten sollen binnen
vier Wochen bei den Fahnen sein! Den Kommandanten der Artillerie ist
einzuschärfen, daß sie mit allem Fleiß dafür sorgen, mit Einbruch des
Frühlings die Geschützbespannungen vollständig zu haben!«
Damit überließ er sich wieder dem Messer. Aber da kam Winterfeldt mit
einem Gesuch um Heiratskonsens für einen Offizier, und die Hand des
Kammerhusaren wurde wieder beiseitegeschoben.
»Wird abgelehnt! Die Herren Offiziers denken nur an Mariage und sind im
Dienste danach!«
Winterfeldt versuchte einen schwachen Einwand. Die betreffende Braut
wäre reich und die Tochter eines angesehenen Bürgers! -- Da kam er aber
schlecht an.
»Wir halten nicht Soldaten zum Amüsement der Bürgertöchter! Wir
permittieren keine Mesalliancen! Überhaupt keine Offiziersmariagen! Das
gibt allemal Chagrin und böse Suiten! Und ich habe das Frauenzimmer auf
dem Hals, nachher, wenn's in die Kampagne geht und der Herr Offizier
tot bleibt! Kopulieret wird nicht!«
»Krieg in Sicht«, dachte Winterfeldt und hielt mit weiteren derartigen
Gesuchen zurück. Er schloß mit der Meldung, daß auf der heutigen Parade
Rekruten zur Besichtigung da sein würden, damit der König die für seine
Grenadiergarde geeigneten aussuchen könnte.
»-=Eh bien!=-« sagte der König. »Wer ist zur Audienz da?«
»Der Staatsminister von Podewils, der Finanzminister Boden, Baron von
Pöllnitz --«
»Der Schwätzer! Und Knobelsdorff? Ich hatte ihn heute befohlen!«
»Knobelsdorff hat sich krank gemeldet!«
»Das sind leere Exkusen! Er hat sich echauffiert, weil er mein
Sommerhaus draußen in den Weinbergen nach meinem Kopf bauen muß!
Geh Er hin zu ihm! Er soll mir heute bei der Parade seine Krankheit
präsentieren! Wir werden ihn höchstselbst kurieren! Zum Diner werden
heute befohlen: Pöllnitz, Maupertuis, der malade Knobelsdorff und Er
selbst! Lege Er die Liste der Herrschaften, so Audienz haben wollen,
draußen auf meinen Schreibtisch! -=Au revoir!=-«
Winterfeldt salutierte und ging.
»Nun kratz endlich zu! Sonst wirst du, meiner Seele, nimmermehr
fertig!« herrschte Friedrich den Kammerhusaren an. Und dieser kam denn
endlich dazu, seine kitzliche Arbeit ohne weitere Störungen zu beenden.
Friedrich musterte sein Gesicht genau im Spiegel. Er schien eher
ärgerlich als zufrieden damit zu sein, daß nicht die geringste Schramme
zu sehen war, und fertigte sein Faktotum ab mit einem kurzen: »Er kann
gehen!«
Darauf befahl er die Kabinettsräte, die die aufgeschichteten Briefe an
sich nahmen, kurz den Inhalt referierten und die Antwort des Königs auf
der Rückseite notierten. Sie entfernten sich dann, um die Antworten
ins reine zu schreiben, und ließen nur den einen Brief zurück, dessen
Inhalt den König so sehr geärgert hatte, und den er nochmals las und
wieder hinwarf.
Dann stand er auf, entnahm einem Etui auf der weitbauchigen Kommode
zwischen den Fenstern eine Flöte, ließ die beiden Windspiele, die die
letzte Nacht nicht in seinem Bett, sondern im Vorzimmer verbracht
hatten, ein und ging, von ihnen umwedelt, ins Schreibzimmer, um den
Kaffee zu trinken.
Der Kaffee mundete ihm heute nicht. Gegen seine Gewohnheit trank er
nur eine Tasse, nahm dann die Flöte und fing, auf und ab gehend, an
zu blasen. Aber die Hunde wollten nicht Ruhe halten. Sie witterten
die Nervosität und die Verstimmung ihres Gebieters und waren auch ob
der nächtlichen Zurücksetzung indigniert. Nach den ersten paar Takten
fühlten sie sich bemüßigt, auch ihrer Verstimmung in Tönen Luft zu
machen, und heulten brav mit.
»-=Tu beau=-, Biche!« rief Friedrich und blies weiter. Aber Biche war
nicht zu besänftigen, und auch Alkmene machte brav die Musik mit.
Halb belustigt, halb geärgert, legte Friedrich die Flöte fort, nahm
die Liste der im Audienzzimmer Wartenden in die Hand und las sie laut
durch, während er im Zimmer auf und ab ging. Einen Augenblick blieb er
stehen und blickte durchs Fenster in den grauenden Tag hinaus. Unter
der Linde draußen auf der Straße standen ein paar Leute und stampften
und froren ganz erbärmlich!
»Michaelis!« rief der König. »Laß den Leuten ihre Suppliken abnehmen!
Wenn sie da stehen sollen, bis ich Zeit für sie habe, frieren sie mir
fest und machen die Aussicht malproper! Und laß mir den Staatsminister
herein!«
Michaelis ging in das kleine ganz mit Zedernholz getäfelte Kabinett,
das das Schreibzimmer des Königs von den übrigen Gemächern trennte,
schickte einen Lakaien die von dort direkt nach dem Lustgarten führende
kleine Treppe hinunter, um den Befehl auszuführen, öffnete dann selbst
die Tür zum angrenzenden Musikzimmer, wo die zur Audienz Befohlenen
warteten, und machte dem Herrn Staatsminister feierlichst die befohlene
Mitteilung.
Podewils verfügte sich zu Friedrich hinein und mußte zu seinem
Schrecken wahrnehmen, daß sein allergnädigster Gebieter sich über Nacht
in das Gegenteil verwandelt hatte.
Friedrich saß im Sofa hinter dem Schreibtisch, den ominösen Brief in
der Hand, und lächelte seinen Staatsminister sarkastisch an.
»Exzellenz wollen sich bei uns nach dem Stand der auswärtigen
Angelegenheiten erkundigen? Das ist recht! Das ist brav! Als
Staatsminister müssen Exzellenz doch auch Bescheid wissen! Wir können
also wieder mit der alten Neuigkeit aufwarten, daß wir schlecht --
sehr schlecht -- bedient sind! Unsere Diplomaten taugen alle nichts!
Sie sind, wie immer, nur unsere Briefträger! Wir selbst müssen jeden
Schritt der Herren dirigieren -- müssen an alles denken! Da schwätzt
uns unser Botschafter in Paris eine Tänzerin auf! Den Vertrag hat
er wirklich zustande gebracht! Das ist aber auch alles! Der gute
Chambrier wird senil! Wir werden ihn rappellieren müssen! Wir lassen
jene Tänzerin zur Dienstleistung hierher befehlen! Und was tut sie?
-- Sie weigert sich! -- Es konveniert ihr, in Venedig ihren Amouren
nachzulaufen! Und in Venedig kennt man den König von Preußen nicht!
Man kennt nicht einmal Podewils -- unseren unvergleichlichen Podewils!
Seiner höflichen Bitte, die leichtfüßige Schöne festzunehmen, setzt
man ein unverblümtes >Nein< entgegen! -- Wir müssen uns echauffieren!
Wir nehmen unseren Podewils vor! Wir waschen ihm den Kopf! Wir fragen
ihn: >Podewils, wozu haben wir unsere Verbündeten?! Wozu haben wir
Spanien, wozu haben wir Frankreich?!< -- Und Podewils, der exzeptionell
gescheite Podewils, setzt Spanien, er setzt Frankreich in Bewegung!
Die Botschafter der Großmächte werden in der hochwichtigen Sache
vorstellig! Und Venedig sagt >nein<! -- Wir lassen -- immer noch durch
Podewils -- unseren Ambassadeur in Wien ersuchen, sein diplomatisches
Genie zu unserem Faveur in dieser fatalen Sache zu betätigen! Wir
denken: Dohna, der es so gut verstand, Maria Theresia warm zu halten,
wird uns auch jenes obstinate Frauenzimmer zur Räson zu bringen wissen!
Er wird sich noch lange nicht pensionieren lassen wollen! Und Dohna,
galant wie immer, unterliegt dem einen Unterrock wie dem anderen! Dohna
schreibt uns -- -- aber lese Er selbst den Wisch!«
Er warf ihm den Brief zu. Podewils las ihn und legte ihn dann
achselzuckend auf den Tisch.
Friedrich blies inzwischen ein paar Passagen auf der Flöte. --
Biche sekundierte, prompt wie ein alter routinierter Kapellmusiker
einsetzend. Ärgerlich warf Friedrich die Flöte hin und blieb vor
Podewils stehen, der sein Entzücken ob des Doppelkonzerts kaum
verbeißen konnte.
»Wir sind nicht gesonnen, uns von einem Frauenzimmer auf der Nase
herumtanzen zu lassen -- sei's die Königin von Ungarn -- sei's die
regierende Mätresse von Frankreich -- sei's eine verlaufene Tänzerin!
Er soll dem Senat von Venedig beibringen, dem Könige von Preußen
gefällig zu sein! Jene Tänzerin soll hier in unserer Oper vertragsmäßig
ihre Pirouetten exequieren! Das ist unser Wille! Und können meine
Herren Ambassadeurs nicht einmal das durchsetzen, so sollen sie alle
miteinander in Spandau über die Künste der Diplomatie nachsinnen!
Schreibe Er das sofort an Dohna!«
»Zu Befehl!« sagte Podewils und steckte den Brief Dohnas in sein
Portefeuille, dem er noch einige Dokumente entnahm, um sie dem König
zur Unterschrift vorzulegen.
Friedrich flog rasch den Inhalt der Schriftstücke durch, nahm
den Gänsekiel und kratzte mit seiner feinen Handschrift einige
Randbemerkungen hinein, unterschrieb und blickte wieder seinen
Staatsminister an.
»Daß Er sich aber nicht noch einen Korb holt! Weder vom Senat von
Venedig, noch von jener Tänzerin!«
»Majestät geruhen gnädigst zu entschuldigen, aber das Ballett ist für
mich eine -=terra incognita=-! Da wäre wohl eher der Zeremonienmeister,
Baron von Pöllnitz, zuständig?!«
»Pöllnitz ist ein -=mauvais sujet=-, ein Plappermaul! Immerhin hat er
mehr Esprit als mancher Staatsminister!«
»Wollen Majestät nicht geruhen, ihm den Auftrag zu geben? Er wartet
draußen!«
»Wir pflegen uns präzise auszudrücken, Podewils, und wollen unsere
Befehle, wie gegeben, auch exekutieret wissen! Er hat gehört! Lege Er
mir morgen das Schreiben an Dohna vor! Und nun: Gott befohlen!«
Podewils verbeugte sich und ging.
Friedrich befahl, den Baron von Pöllnitz vorzulassen. Und herein
tänzelte mit unnachahmlicher Grazie dessen wohlgenährte Gestalt und
machte seine allerschönsten Reverenzen vor dem Herrn und Gebieter.
»Pöllnitz -- Er soll den erbetenen Abschied haben!« rief der König ihm
zu, und der Angeredete blickte hocherfreut auf. »Er soll seine Witwe in
Nürnberg haben! -- Er soll wieder katholisch werden dürfen! -- Er soll
die achtzigtausend Taler für Sein Seelenheil einsacken dürfen, obwohl
es keinen Groschen wert ist! Aber nur unter einer Bedingung!«
»Und die wäre?«
»Daß Er mir die Tänzerin Barberina aus Venedig hierher besorgt, und
zwar mit allergrößter Schnelligkeit! Die Sache dauert mir schon zu
lange!«
Der König erzählte ihm den Zusammenhang und fügte hinzu: »Zeige Er,
daß er mehr vermag als die gesamte europäische Diplomatie! Verdiene Er
seine Witwe! Keinen Widerspruch! -- Beim Diner werden wir die -=Ordre
de bataille=- gemeinsam entwerfen! Bis dahin kann Er auf Rat sinnen!«
Mit einer schnellen Handbewegung verabschiedete er den verdutzten
Höfling, ging in sein Schlafzimmer zurück, ließ sich das Haar pudern,
den blauen Uniformrock mit dem Stern anlegen, den Degen umschnallen und
trat in den Musiksaal hinaus, um die weiteren Audienzen zu erledigen.
Die Minister standen im Kreis da und harrten des Gebieters. Friedrich,
den Hut auf dem Kopf, den Krückstock in der Hand, trat zu ihnen hin,
musterte sie alle scharf der Reihe nach und blieb dann vor seinem
Justizminister Cocceji stehen.
»Heute sind wiederum Briefe eingelaufen, worin über eine verdorbene
Justiz in meinen Landen geklagt wird! Ich kann nicht länger dazu
stilleschweigen!« sagte er ärgerlich. »Wenn ich mich selbst darein
melieren muß, so befehle ich Ihm denn, an alle meine Justizkollegien
eine nachdrückliche Ordre ergehen zu lassen, worinnen diese angewiesen
werden, bei Vermeidung hoher Bestrafung darauf zu arbeiten, daß
jedermann ohne Ansehen der Person eine solide Justiz administrieret
wird. Die Ordre ist mir morgen vorzulegen!«
Sprach es und drehte Cocceji, der noch niemals ein hartes Wort von ihm
zu hören bekommen hatte, den Rücken und wandte sich an den nächsten
mit einer kurzen Anfrage über den Stand der Hafenbauten in Swinemünde
sowie über die Arbeit an dem Oder-Spree-Kanal, bekam aber, statt
klaren Bescheid, eine ausweichende Antwort, die anzunehmen er heute am
wenigsten gesonnen war.
»Herr, Seine Entrepreneure sind Tagediebe und faule Bäuche!« sagte er
barsch und klopfte dem Minister mit der brillantierten Krücke seines
Stockes auf die Schulter. »Der Kanal muß ohnfehlbar und sonder einiges
Räsonieren ganz und gar fertig und in brauchbarem Stande sein! Das
merke er sich!«
Bei jedem Worte fiel die Krücke seines Stockes immer energischer auf
die Schulter des Herrn Ministers, der kein Wort zu erwidern wagte und
keine Miene verzog.
Dann wandte er sich an den Finanzminister Boden, nahm ihm den Rapport
aus der Hand und las ihn halblaut durch. Seine Züge klärten sich
beim Lesen auf, und er nickte wiederholt befriedigt. Nur bei einem
Voranschlage schüttelte er den Kopf und wies auf die betreffende
Stelle in dem Aktenstück.
»Wird gestrichen!« resolvierte er kurz. »Sternwarten sind gut und
nützlich, vorläufig aber der Bauverwaltung der Luftschlösser zu
überweisen! Den Akademikern ist zu schreiben, der König gründe vorerst
Bauernansiedlungen! Wenn für diese gesorgt sein wird, wird man an die
Sterne denken! Unser eigener Stern geht vor!«
Eine Handbewegung -- ein kurzes Lüften des Hutes, eine tiefe Verbeugung
der Exzellenzen -- die Audienz war erledigt! Der Privatsekretär nahm
den Herren die noch nicht abgegebenen Rapporte ab und ging. Friedrich
blieb allein.
Am Fenster hatte man ein eben abgeliefertes Gemälde Meister Pesnes, die
Tänzerin Cochois darstellend, zur Besichtigung aufgestellt. Friedrich
besah es sich genau, nickte befriedigt und rief Michaelis.
»Hänge Er mir die Mamsell dort an den Nagel!« befahl er kurz. »Als
dekoratives Detail immerhin noch zu gebrauchen! Und degoutiert so nicht
durch ihr dummes Plappern! Ruf mir dann Fredersdorf!«
Michaelis hängte das Bild auf und rief Fredersdorf, den ehemaligen
Kammerdiener und jetzigen Hoftrésorier, der auch so schön das
Hautbois und die Flöte traktieren konnte und daher schon seit der
Kronprinzenzeit in Ruppin das besondere Vertrauen Friedrichs genoß.
»Dem Meister Pesne sollst du den doppelten Preis für das Bild zahlen!«
befahl ihm Friedrich, »und ihm den Gruß von uns bestellen, seine
Malerei sei exquisiter als das Modell -- seine Kunst charmiere uns weit
mehr als die Mamsell! Und wir wollen bald Neues bestellen! -- Apropos!
Jene neue Tänzerin, Fredersdorf, die uns der brave Chambrier aufgehalst
hat, sie häsitiert noch mit dem Dienstantritt! Sie _=will=_ nicht! --
Was sagst du dazu?«
»Ich gestatte mir, Eure Majestät in aller Untertänigkeit darauf
aufmerksam zu machen, daß die Oper uns auch ohnehin teuer zu
stehen kommt! In den zwei Jahren seit der Eröffnung kostet sie der
Privatschatulle bereits achthunderttausend Taler!«
»Eine artige Summe!« sagte Friedrich nachdenklich. Und Fredersdorf
hielt gleich den Augenblick für günstig, um mit Vorschlägen zu kommen.
»Wenn Eure Majestät zu befehlen geruhen möchten, dem Publikum den
Eintritt nur gegen Entgelt zu gewähren --?«
»-=Impossible!=- Der Eintritt ist frei zu geben! Wir sind es unserer
Reputation schuldig! Wenn jedermann das Recht hätte, für Geld
hereinzukommen, dann wären wir ja nicht mehr in der Lage, nur die
Würdigsten einzuladen!«
»Ein Glück, daß jene Tänzerin nicht kommt; denn«, seufzte Fredersdorf,
»die Damens kosten das meiste Geld! Und Tänzerinnen hätten wir genug!«
»Die Mamsell wird tanzen! -- Wegen der paar Taler mehr brauchst du dich
nicht zu echauffieren! Siehst ansonsten schlecht genug aus! Was macht
deine Leber?«
»Danke alleruntertänigst für gnädige Nachfrage! Es steht nicht zum
Besten!« seufzte Fredersdorf, dessen Teint schon eine Färbung ins
Gelbliche hatte.
»Sollst die Doktors zum Teufel jagen! Die sind keinen Schuß Pulvers
wert! Mach endlich ein Ende mit deinem närrischen Quacksalbern, sonst
krepierste meiner Seele aus purem Übermut!« warf Friedrich kurz hin,
pfiff seinen Hunden und trat, von ihnen gefolgt, in den Marmorsaal, wo
die Generale und Kommandanten harrten, um ihn in den Lustgarten zur
Parade und Abnahme der Rekruten zu begleiten.
Draußen wartete schon sein dicker Freund Knobelsdorff, in dichtes
Pelzwerk wohlverhüllt. Friedrich ließ ihn aber lange stehen, ehe er
geruhte, seine Anwesenheit zu bemerken.
Endlich, nach beendigter Besichtigung der Rekruten, blickte Friedrich
ihn an und freute sich im stillen, als er ihn frieren sah.
»Nun, wir sind malade? -- Wir haben immer noch Chagrin ob unserer
verunglückten Baupläne?! Komm, -=mon ami=-, wir wollen dich kurieren!
Gehen wir zu Fuß nach unserem Weinberg Vigne hinaus, wo das Haus gebaut
werden soll! Suchen wir den Platz aus!«
»Jetzt, bei Schnee und Kälte?!« rief Knobelsdorff entsetzt.
»Der Schnee ist weiß wie das weißeste Papier! Da kannst du deine Linien
recht sichtbar ziehen! Und die Fußtour wird deiner Krankheit gut tun!«
Knobelsdorff folgte seufzend. Und der König hatte seine Freude daran,
zu sehen, wie er stöhnte und schwitzte.
»Das Schwitzen ist gut vor die Gicht!« sagte er hämisch. »Mir setzt die
Krankheit viel schlimmer zu. Ich habe sie mir aber im Kriege geholt und
nicht am Schreibtisch wie du!«
Und er fing vom Bau der neuen Bibliothek in Berlin an.
»Da hielt unser guter Jordan neulich eine lange Dissertation, um uns
darzutun, daß unser Lateinisch lauter Arabisch sei, und daß die von uns
gewählte Devise auf der Fassade nichts tauge!«
Friedrich blieb stehen und stieß mehrmals mit dem Krückstock auf den
gefrorenen Boden.
»Wir suchen den Klang und das rhythmische Gleichgewicht! Eine Fanfare
und ein Programm! Davon verstehen aber die Herren Lateiner nichts! Ob
die Devise richtig ist oder nicht, hingehauen wird sie! Es soll mich
freuen, wenn sie den gelahrten Herren recht weh in den Ohren tut! Und
wäre meine Devise noch so schlecht -- ich wette, sie wird sich länger
behaupten als das meiste von dem Geschreibsel, was _=die=_ in dem Hause
aufhäufen werden. Mehr gelesen wird sie auch werden! -=Nutrimentum
spiritus=- -- das ist eben _=mein=_ Latein!«
Sie waren inzwischen nach dem Weinberg hinausgekommen, blieben auf der
Anhöhe stehen und blickten über die Stadt hin, die sich hinter den
Bäumen verkroch und aus allen Schloten Rauchsäulen kerzengerade in die
klare Winterluft hinaufsandte.
»Hier oben ist der Platz! Wie ich's dir aufgezeichnet habe, so wird's
gebaut! Einstöckig; und wenn dich die Gicht dabei noch so sehr
plagen sollte! Wir wollen keine babylonischen Türme! Wir mögen das
Treppensteigen nicht! Aber in die Sonne wollen wir sehen! Ein Haus
mit allen Gemächern nach Süden gelegen -- das ist doch kein Problem
für einen Baumeister wie dich! Und willst du partout Palastwirkung --
meinetwegen holz nur den Hügel ab, gliedere ihn in Terrassen, so viele,
wie da Platz haben, mit Gewächshäusern und Tausenden von Glasfenstern,
die in der Sonne glitzern! So bleibt's, wie ich's will -- und wirkt
doch, wie du willst, und wir sind alle beide zufrieden! Da oben, auf
der obersten Terrasse, baust du mir aber neben meinem Tuskulum mein
Grabgewölbe gleich hin, damit ich weiß, wo ich Ruhe vor den Sorgen der
Welt haben werde, wenn ich sie nicht in meinem Hause finden sollte!
Immerhin haue mir die Worte >Sans-Souci< auf dem Hause ein, damit die
Leute meinen Willen wissen! Schaden wird's nichts!«
Langsam gingen sie den Weg nach dem Stadtschloß zurück, Knobelsdorff
versöhnt und der König weniger nervös als vorhin.
Die Uhr ging auf zwölf, und für zwölf war das Diner angesagt.
Der Speisesaal war ein großer, freundlicher Raum zwischen dem
Marmorsaal und dem Teezimmer und hatte Fenster nach dem Schloßhof wie
auch nach dem gegenüberliegenden Lustgarten.
Der runde Tisch inmitten des Saales war für fünf gedeckt. An einem
der Fenster nach dem Schloßhof erwartete der Tafeldecker die Rückkehr
des Königs. Im Teezimmer plauderten schon die eingeladenen Gäste: der
Generaladjutant Winterfeldt, der Zeremonienmeister Baron von Pöllnitz
und der neuernannte Präsident der Akademie, Maupertuis, ein prätentiös
aussehender, etwas auffallend gekleideter Herr voll herablassender
Würde. Schließlich meldete man ihnen die Ankunft des Königs, der,
von Knobelsdorff begleitet, über die große Treppe hereintrat und
sich direkt in den Speisesaal begab, ohne sich erst umzukleiden. Der
einfache blaue Uniformrock mit den roten Aufschlägen und die hohen
Stiefel kontrastierten seltsam gegen die prächtigen Hoftrachten der
anderen Herren.
Friedrich nahm sofort Platz, lud mit einer Handbewegung die Gäste ein,
seinem Beispiel zu folgen, und fing gleich an, den Baron von Pöllnitz
über die Tagesneuigkeiten auszufragen. Insbesondere interessierten ihn
die neu angekommenen Fremden, und da wußte Pöllnitz, der über eine
schier unerschöpfliche Personalkenntnis verfügte, stets gut Bescheid.
Berlin hatte allerdings schon hunderttausend Einwohner, aber trotzdem
gelang es keinem illustren Reisenden, lange unbemerkt zu bleiben.
Der Kurier, der die täglichen Briefschaften des Königs nach Potsdam
brachte, hatte auch einiges von Interesse mitzuteilen gehabt, was
Pöllnitz selbstverständlich gleichfalls längst wußte. Er konnte also
aufwarten.
Friedrich ließ ihn, gegen seine Gewohnheit, berichten, ohne ihn zu
unterbrechen, aß dabei mit gutem Appetit von seinem Leibgericht, einer
stark gewürzten Polenta, und lauschte aufmerksam.
Als Pöllnitz in seinem Resümee den Namen Capello nannte, legte
Friedrich die Gabel fort.
»-=Capello -- qu'est ce que c'est?=-«
»Der Gesandte Venedigs in London, Sire! Ein exzellenter Kavalier! --
Ein alter Bekannter von mir!«
»Und der befände sich hier in meinen Landen?«
»Ja! Er ist gestern, auf der Durchreise nach Hause, gemeldet. Wenn
Majestät befehlen, werde ich ihn zu veranlassen suchen, hier in Berlin
Station zu machen!«
»Wir wollen Ihm die Mühe abnehmen!« sagte Friedrich und flüsterte dem
hinter seinem Stuhl stehenden Lakaien einen Befehl zu. Dann wandte er
sich wieder zu Pöllnitz.
»Weiter, lieber Pöllnitz!«
Der Baron fuhr in seinem Resümee fort. Alles lauschte gespannt und
höchst angeregt, und niemand schien zu bemerken, daß der König
schnell einige Zeilen auf ein ihm vorgelegtes Blatt Papier warf, die
Schriftzüge mit Sand bestreuen ließ, das Papier zusammenfaltete und es
einem an der Tür wartenden Jäger gab.
»Sofort durch Extrakurier dem Staatsminister von Podewils zu senden!«
Dann rieb er sich vergnügt die Hände, trank ein Glas Mosel und nötigte
den Zeremonienmeister, zu essen, was jener über seinem Erzählen zu
seinem Leidwesen bis jetzt nur oberflächlich hatte besorgen können.
Er nahm ihn aber dabei, in einem plötzlichen Anfall von übermütigster
Laune, zur Zielscheibe seines Witzes, was den Appetit der anderen Gäste
stets zu würzen pflegte und den guten Pöllnitz keineswegs störte.
»-=Mon cher=-«, sagte er und wandte sich an Maupertuis. »In Ihrem
geistreichen Buche >-=Vénus physique=-< legen Sie die amüsanten
Resultate Ihrer hochinteressanten Kreuzungsversuche vor! Bei der
nächsten Edition könnten Sie noch einiges hinzufügen!«
»Und das wäre, Sire?«
»Die Kreuzung zwischen Pöllnitz und einer katholischen Predigerwitwe!«
»Ich gestehe, Sire, wenn Eure Majestät mich über die
Kreuzungsmöglichkeit zwischen Papagei und Affe zu interpellieren geruht
hätten -- ich könnte in keiner größeren Verlegenheit um die Antwort
sein!«
»Sehr gut!« lachte Pöllnitz, den Mund voll Geflügel, wischte sich die
fettglänzenden Lippen und nippte an dem Burgunder, der in einem schönen
Kristallglase vor ihm stand. »Mein Kompliment, Maupertuis!«
»Sie halten also nichts davon?« fuhr der König fort, sich wiederum an
Maupertuis wendend.
»Sire, ich würde einen Versuch zwischen so verschiedenartigen Gattungen
kaum riskieren! Wenigstens mit meinen Tieren nicht!«
»Die Gattungen sind allerdings sehr verschieden!« lachte der König.
»Aber es interessiert mich doch sehr, in Erfahrung zu bringen,
wie Pöllnitz, der an gar nichts glaubt, es anstellen würde, den
protestantischen Glauben gegen den katholischen umzutauschen!«
»Der Kasus ist schwierig!« lachte Maupertuis.
»Aber von großem Reiz! Ich möchte das Experiment anstellen und erteile
denn unserem Freunde schweren Herzens den erbetenen Abschied aus meinen
Diensten, auf daß er sich dem Witwenstand widme!«
Pöllnitz hörte zu essen auf und blickte Friedrich mit offenem Munde an.
»Majestät hätten wirklich die Gnade?«
»Ich muß wohl, lieber Pöllnitz, da Sie so prompt die Ihnen gestellte
Bedingung erfüllen!«
»Ich -- ich hätte --?«
»Sie haben mir soeben ein unfehlbares Mittel in die Hand gegeben, den
Senat von Venedig zu zwingen, mir in der Angelegenheit der Tänzerin
Barberina zu Gefallen zu sein!«
»Nicht, daß ich wüßte --!«
»Sie sind eben ein Genie, lieber Pöllnitz! Sie haben Eingebungen, ohne
zu wissen woher! Sie geben sie weiter, ohne zu wissen wie!«
»Sire, wenn ich um die Gnade bitten dürfte, mir zu erklären --!«
»Später, lieber Pöllnitz! Sobald die Sache spruchreif ist, werden Sie
der erste sein, der sie weitererzählen darf! Wer weiß -- vielleicht
schon beim heutigen Konzert! Sie machen mir doch das Vergnügen?«
Pöllnitz bedankte sich überglücklich, denn seine Neugier war größer als
sein Abscheu gegen Musik. Das Diner nahm seinen Fortgang. Friedrich
war in der heitersten Stimmung, er machte seinem Küchenchef nicht
die geringste Änderung in dem ihm vorgelegten Küchenzettel für den
nächsten Tag und hob die Tafel erst gegen drei Uhr auf, um sich in sein
Schlafzimmer zurückzuziehen und einer kurzen Mittagsruhe zu pflegen.
Nach einer halben Stunde erhob er sich, setzte sich an den kleinen
Schreibtisch am Fenster und las laut und bedächtig die frisch
geschriebenen Blätter eines französischen Manuskripts von seiner
Hand durch. Es waren die »Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses
Brandenburg« (»-=Mémoires pour servir à l'histoire de la maison de
Brandenbourg=-«). Er war eben im Begriff, die Geschichte seines Vaters
abzuschließen, und mußte noch einiges über dessen häusliches Leben
hinzufügen. Das wurde ihm schwer.
Tagelang stockte die Arbeit bei diesem Punkt. Er fühlte sich nicht
unbefangen genug. Wenn er sich wieder in die Vergangenheit vertiefte
und die ganzen Leiden seiner Kronprinzenzeit durchlebte, geriet er
in eine Aufregung, die ihm den Blick zu trüben drohte. Das ganze
gewaltsame Zurückdrängen seiner Neigungen -- seine Verzweiflung -- sein
vereitelter Fluchtversuch, die Leiden im Gefängnis, die Hinrichtung
seines Freundes Katte -- alles stand ihm wieder lebendig vor Augen, und
nicht minder die lange Zeit der allmählichen Aussöhnung mit dem Vater,
das schrittweise Eingehen auf dessen Intentionen und das Verheimlichen
der eigenen -- wobei es bei aller guten Absicht nicht ohne einige
Unaufrichtigkeit gegangen war!
Das alles gehörte mit ins Bild! Vergebens rang er seit Tagen mit sich
selbst, um sich darüber zu erheben und die unumgängliche Objektivität
zu erlangen!
Heute wollte er die Sache zu Ende bringen. Er war nicht der Mann des
geduldigen Harrens und Sinnens! Er war der Mann der Tat!
»Wir dürfen der neidischen Mitwelt nicht den Schlüssel unserer
Seele ausliefern! Wir leben nicht nur für uns, sondern für das
Land! Da dürfen wir nur Taten zeigen, die die Zukunft schaffen --
nicht Reflexionen über die Vergangenheit liefern, die's dem Feinde
erleichtern, unser Lebensrätsel zu deuten und unsere Taten zu
hintertreiben!«
Er tauchte den Gänsekiel ein und setzte ihn zum Schreiben an. Legte ihn
aber plötzlich aus der Hand und ging ein paarmal durchs Zimmer, setzte
sich dann entschlossen hin und schrieb kurz und gut:
»Wir haben die häuslichen Verdrießlichkeiten dieses großen Fürsten mit
Stillschweigen übergangen. Man muß in Anbetracht der großen Tugenden
eines solchen Vaters für die Fehler der Kinder einige Nachsicht haben!«
Das war alles!
Die Erinnerung seiner Leiden war verblaßt und in nichts zerflossen
neben dem Bewußtsein, machtvoll in das Leben seiner Zeit eingreifen
zu können, und neben der Dankbarkeit gegen den Vater, dessen große
Tüchtigkeit ihm das ermöglicht hatte. Dieses Mannes Sparsamkeit, sein
Ordnungssinn, sein unermüdlicher Fleiß und sein organisatorisches Genie
hatten das Preußen geschaffen, das Friedrich zum Sieg führen durfte!
Ein wohlgefüllter Staatsschatz, ein streng geordnetes Staatsgebilde,
eine schlagfertige Armee -- alle Vorbedingungen zur großen Tat hatte
Friedrich von ihm empfangen. Der fruchtbare Nährboden künftiger Größe
und gloriosen Ruhms war da, wohlgeackert und in gutem Stand! Das wog
alles andere auf!
Schon hatte er Schlesien erobert, die Karte Europas umgestaltet -- er
hatte Österreich niedergerungen, das Ansehen seines Hauses gehoben --
er hatte schon Geschichte gemacht!
Er griff noch einmal zur Feder.
»Machen wir Geschichte, so sollen die Federfuchser sie uns nicht
verderben! Wir haben selbst alle Fäden in der Hand! Können sie also
selbst am besten entwirren!«
Er schrieb den Titel: »-=Histoire de mon temps=-«, ließ dann aber die
Feder wieder sinken.
Noch war's zu früh! Die Tat war getan! Aber noch wob der Neid der
andern sein Fangnetz immer dichter um ihn her! Noch stand er Gewehr bei
Fuß, um seine Eroberung zu schützen! Sicherlich würde er noch um sie zu
kämpfen haben!
»-=Eh bien!=-« sagte er, »zweimal erobern! Dreimal, wenn's sein muß!
Aber nur einmal beschreiben!«
Er warf das Blatt beiseite, schlug auf die Tischglocke und befahl dem
Lakaien, den Privatsekretär zu rufen.
Dieser trat ein, nahm an dem anderen Schreibtisch Platz, spitzte seinen
Gänsekiel und legte ein Blatt Papier zurecht.
Der König ging auf und ab, blieb dann und wann stehen und diktierte
einen Abschiedsbrief an den jungen Herzog Karl Eugen von Württemberg,
der die letzten Jahre bei ihm gelebt hatte und jetzt, sechzehn Jahre
alt, für mündig erklärt wurde und in sein Land zurückkehrte.
»Denken Sie nicht, das Land Württemberg sei für Sie geschaffen,
sondern glauben Sie, daß die Vorsehung Sie hat geboren werden lassen,
um das Volk darin glücklich zu machen. Ziehen Sie immer den Wohlstand
desselben Ihren Vergnügungen vor. Wenn Sie schon in Ihrem zarten Alter
Ihre Wünsche dem Wohl Ihrer Untertanen aufzuopfern wissen, so werden
Sie nicht nur die Freude Ihres Landes, sondern auch die Bewunderung
der Welt sein --«
So weit kam er im Diktat, da klopfte es an der Tür, und der Kurier trat
ein, machte Honneur und überreichte dem König auf dem Hut einen Brief.
»Von Seiner Exzellenz dem Staatsminister von Podewils!«
Friedrich nahm den Brief, las ihn rasch durch, hieß den Kurier gehen
und wandte sich dann an den Privatsekretär.
»Du sollst an unseren Gesandten in Wien, den Grafen Dohna, privatim
schreiben, er soll dem Gesandten Venedigs sofort in unserem Auftrage
mitteilen, wir hätten den Gesandten der Republik am Hofe von England,
der sich auf der Durchreise in unseren Staaten befindet, aufheben und
festnehmen lassen mitsamt seinem Gepäck! Er möge es dem Senat von
Venedig mitteilen! Weiter ist nichts nötig! Der Kurier geht noch heute
ab!«
»Zu Befehl!«
»Der Senat wird sich beeilen, unser Wohlgefallen wiederzugewinnen«,
sagte Friedrich halb für sich selbst und blieb dann stehen.
»Weiter den Brief an den Herzog Karl Eugen!«
Der Sekretär legte das angefangene Blatt wieder zurecht und tauchte
seine Feder ein. Friedrich diktierte weiter.
»Sie sind das Oberhaupt der _=bürgerlichen=_ Religion in Ihrem Lande,
die in Rechtschaffenheit und allen sittlichen Tugenden besteht! Es ist
Ihre Pflicht, die Ausübung derselben, besonders der Menschlichkeit, zu
fördern, welche die Haupttugend jedes denkenden Geschöpfes ist. Die
_=geistliche=_ Religion überlassen Sie dem höchsten Wesen! In diesem
Stück sind wir alle blind und irren auf verschiedenen Wegen. Wer unter
uns wäre so kühn, daß er den rechten Weg bestimmen wollte! Hüten
Sie sich also vor dem Fanatismus in der Religion, der Verfolgungen
bewirkt!«
Dann noch die üblichen Höflichkeitsphrasen -- die Unterschrift im
Stehen hingekratzt, und der Sekretär wurde entlassen.
Die Kabinettssekretäre traten ein mit den fertigen Antworten auf die am
Morgen eingegangenen Briefe und legten sie dem König zur Unterschrift
vor. Und dann war die Arbeit des Tages beendigt.
Michaelis meldete, daß alles zum Konzert bereit sei, und half dem
König, sich zurechtzumachen. Friedrich nahm seine Flöte, suchte die
Noten zusammen und ging durch das Schreibzimmer in den Musiksaal
hinaus, wo eine kleine, aber auserlesene Gesellschaft wartete, vom
Schein der unzähligen Kerzen des Kronleuchters überflutet.
Er verteilte die Stimmen unter die Musiker, tauschte ein paar
scherzhafte Worte mit Meister Graun aus, der am Flügel saß, ging an
sein Pult und gab das Zeichen zum Beginn.
Alles lauschte andächtig -- die alten Generale ganz gehorsamst, als
gälte es eine -=Ordre de bataille=- zu empfangen. Pöllnitz litt
unsägliche Qualen.
Nach Beendigung des Konzertes ging Friedrich hin und klopfte ihm mit
der Flöte auf die Schulter.
»Nun, Pöllnitz, habe ich auch einen Ohrenschmaus für _=Ihn=_! Seinen
Freund Capello, den Er so gern in Berlin sehen wollte, habe ich
aufheben und in festen Gewahrsam bringen lassen! Das war eine gute Idee
von Ihm!«
»Von mir?« rief Pöllnitz entsetzt, »Majestät verzeihen, aber --«
»Ich weiß«, unterbrach ihn Friedrich, »Er hat mich nicht direkt darum
gebeten. Vorsichtig wie immer, hat Er sich mit Andeutungen begnügt! --
Ich glaube sogar, Er hat weiter nichts als seine Durchreise erwähnt!
Das genügt aber, damit ich weiß, was ich tun soll! Er hat mich also
gut bedient! Denn jetzt werden wir bald das Vergnügen haben, die
Pirouetten der schönen Barberina hier zu bewundern -- dank Seiner
Findigkeit, Pöllnitz!«
»Ich versichere aber --«
»Gebe Er sich keine Mühe! Ich glaube Ihm doch keine Seiner
Versicherungen! Er hat aber Pech, daß Er nicht dabeisein kann! Als
Connaisseur und Verehrer Terpsichores würde Er sicher auf Seine Kosten
kommen! Nun -- Er hat ja Seine reiche Witwe! Wer weiß, was für Sprünge
die Ihm macht!«
Und damit drehte er dem Zeremonienmeister den Rücken, legte die Flöte
auf sein aus Schildpatt und Perlmutter angefertigtes Notenpult nieder
und befahl das Souper.
17
Es dauerte nicht lange, da ging vom Gesandten Preußens in Wien, dem
Grafen Dohna, ein Bericht ein.
Chevalier Contarini, der Gesandte Venedigs am kaiserlichen Hofe, hätte
ihm im Auftrag seiner Regierung mitgeteilt, der Senat von Venedig habe
sich beeilt, die Tänzerin Signorina Campanini verhaften zu lassen, um
Seiner Königlichen Majestät gefällig zu sein, und hielte sie der Krone
Preußen zur Verfügung. Graf Dohna erbat sich Instruktionen.
Ob ihr einfach befohlen werden solle, sich nach Berlin zu begeben, um
ihr Engagement anzutreten, ober ob es nicht ratsamer wäre, sie als
Gefangene zu transportieren?
Friedrich überlegte sich die Sache nicht erst lange.
Die »Mamsell« hielte ja ihre geschriebenen und verbrieften
Verpflichtungen nicht ein! Sie hatte ihm, dem Könige von Preußen, zu
trotzen gewagt! -- Sie würde sich den Teufel um den Befehl des Senats
von Venedig kümmern!
Der König verfügte kurz und gut, die Sylphide inhaftiert zu lassen und
sie unter guter und sicherer Bedeckung nach Wien zu bringen, von wo
aus sie über Schlesien nach Berlin weitergebracht werden sollte!
Der Senat, der die Grausamkeit gehabt hatte, Barberina aus den Armen
ihres geliebten Stuart zu reißen, um sie bis zum Eintreffen der Antwort
Friedrichs in Haft schmachten zu lassen, hatte nichts Eiligeres zu
tun, als sie in eine Gondel zu setzen, um sie mitsamt ihrer über das
Abenteuer hocherfreuten Mutter und trotz ihren Tränen nach Mestre zu
spedieren, von wo aus die Fahrt dann unter Bedeckung einer starken
Kavallerieeskorte nach der österreichischen Grenze ging.
Dort wurde sie von einem alten Hausmeister Dohnas, namens Mayer,
in Empfang genommen, der dem venezianischen Offizier den »Habenden
Schein« über den richtigen Empfang instruktionsgemäß »extradierte«
und die Tänzerin, ohne sie zu sehr zu fatigieren und unter richtiger
Berechnung und »tunlichstem Menagement« des mitgegebenen Geldes
weitertransportierte.
Anzunehmen ist, daß es sich der gute Mayer instruktionsgemäß auch
angelegen sein ließ, ihr unterwegs »auf alle Weise zu flattieren« und
ihr klarzumachen, wie sehr sie sich eigentlich freuen müßte, in die
schöne Stadt Berlin, an einen großen Hof und in die Dienste eines
gnädigen Königs zu kommen!
Anzunehmen ist aber auch, daß Barberina die große Gnade, als eine
Kriegsgefangene wochenlang durchs Land geschleppt zu werden, nicht
besonders hoch einschätzte, sowie, daß sie unaussprechliche Qualen ob
der jähen Unterbrechung ihres Liebesglücks litt.
Jedenfalls machte ihr Geliebter unterwegs einen vergeblichen Versuch,
sie zu befreien. Und Mayer bekam somit Anlaß, von seiner Instruktion
Gebrauch zu machen, auf Grund einer ihm von der Königin Maria Theresia
ausgestellten Vollmacht »benötigten Falls von den K. Hungarischen und
Böheimbschen Gouverneurs oder Magistraten der Städte und Dörfer um
eine kleine Eskorte von Ort zu Ort zu ersuchen«.
Graf Dohna konnte also seinem Souverän berichten, daß die so
heißbegehrte Schöne unterwegs sei und im »besten Zustande« bald
ankommen würde. Und Friedrich hatte die Befriedigung, einmal seine
»überflüssige« Diplomatie für ihre »Briefträgerdienste« loben zu können.
Wochenlang dauerte die Reise. Mayer hatte, um den Nachstellungen des
»völlig rabiaten« Galans zu entgehen, die Reiseroute geändert und
hatte seine liebe Not, mit seiner Tänzerin durchzukommen. Denn, wie er
sich zu berichten veranlaßt sah, war sie »etliche Tage vor Liebe und
Chagrin« krank. Aber es ging. Und Anfang Mai langte er mit der teuren
Last in Berlin an.
Einige Tage später wurde Friedrich gemeldet, daß der Gesandte Englands,
Lord Hyndford, um Audienz bitten lasse.
Er empfing ihn sofort.
Der Vertreter Albions fand den König in seinem Schreibzimmer vor dem
Modell eines aufgetakelten Kriegsschiffes stehen.
»Sehen Sie hier, Mylord! Wie gefällt es Ihnen?«
»Ein hübsches Spielzeug! Wohl französische Arbeit?«
»Ganz recht! Wir sind eben in Verhandlung mit einer französischen
Werft! Man ist etwas unbescheiden mit dem Preis! Aber wir werden uns
das Spielzeug wohl trotzdem bauen lassen!«
»Eure Majestät wollen eine Flotte ins Leben rufen?!«
»Den Anfang dazu werden wir wohl machen müssen! Seitdem wir
Ostfriesland haben und uns in Emden eine Ostindische und eine
Bengalische Kompanie errichten, müssen wir auch bereit sein, unsere
Kauffahrteischiffe zu schützen! Wenn England in den Kreis unserer
Feinde tritt --«
»Eure Majestät belieben zu scherzen!«
Friedrich blickte ihn an, und vor dem durchdringenden Glanz seiner
tiefblauen, großen Augen mußte der Engländer zur Seite sehen.
»Allerdings liebe ich den Scherz! Nur möchte ich nicht selbst dessen
Ziel sein! Und das mutet mir Ihre Regierung zu!«
»Darf ich mir alleruntertänigst erlauben, feierlichst zu erklären --«
»Mein lieber Lord Hyndford, auf Erklärungen geben wir nichts, wenn sie
mit den Tatsachen nicht übereinstimmen! In dem mir sehr wohlbekannten
Vertrage von Worms hat England der Kaiserin und Königin ihren Besitz
_=vor=_ dem Jahre 1739 feierlichst garantiert! Obwohl wir ihr _=nach=_
besagtem Jahre Schlesien abgenommen haben! Es ist genau so, als ob mein
Onkel, der König von England, ihr noch nachträglich den Besitz ihrer
Unschuld garantieren wollte, die sie zweifelsohne besaß, ehe sie ins
Brautbett stieg! Und -- von dem gleichen Effekt! Denn weder Schlesien
noch ihr Jungferntum kriegt sie wieder!«
Lord Hyndford lachte diskret.
»Ich freue mich, Eure Majestät bei so guter Laune zu finden!«
»Freuen Sie sich, Mylord! Denn wenn die Sache nicht zum Lachen wäre,
fürwahr, wir wären in Versuchung, als guter Neffe die Anregung
Frankreichs zu befolgen und Ihrem König, meinem Onkel, sein Erbland
Hannover zu nehmen! Die Gelegenheit wäre günstig! Mit Frankreich
stehen wir dank der Gewogenheit der regierenden Mätresse gut. Rußland
akzeptiert die Tochter unseres Feldmarschalls, des Grafen von
Anhalt-Zerbst, als Gemahlin des Thronfolgers. In Schweden wird unsere
Schwester einstmalen regierende Königin! Sie sehen, wir haben gut
vorgesorgt! Wir haben in allen politischen Schlafzimmern Alliierte! Und
bleiben selbst wach! Was will das tugendhafte Albion dagegen tun?«
»Eurer Majestät seine Bewunderung und seine Freundschaft aussprechen!«
»Soll das die Kapitulation bedeuten?«
»Sire, wenn Eure Majestät so viel Unterröcke gegen uns ins Feld führen,
bleibt kaum noch etwas anders übrig, als standhaft zu kapitulieren!«
»Echt englisch geantwortet! Schöne Phrasen als Verzierung der Fassade
und irgendwo für alle Fälle eine offene Hintertür! Gegen den Unterrock
helfen aber die Künste der Politik wenig!«
»Eure Majestät haben uns durch Allerhöchst Dero Siege das Gegenteil
glorreich bewiesen!«
»Nun«, sagte Friedrich, »mit einer Armee von hundertvierzigtausend
Mann kann man sich einiges in betreff der Unterröcke Europas erlauben!
Aber reden wir von etwas anderem! Mylord haben sich sicherlich nicht
hierher bemüht, um uns mit politischen Schlafkammerangelegenheiten zu
unterhalten!«
»Allerdings nicht! Aber der Gegenstand meines Besuches steht doch in
einiger Beziehung zu diesem Thema!«
»Also doch! Am Ende möchten Sie auch uns den Besitzstand garantieren,
den wir vor unserer Eroberung Schlesiens hatten?«
»Den Besitzstand _=nach=_ jener glorreichen Eroberung, Majestät!«
»Wie soll ich das verstehen? England will Österreich Schlesien
wiedergeben -- aber gleichzeitig uns gnädigst gestatten, es zu
behalten?!«
»Das nicht! Eure Majestät werden sicherlich auch ohnedem danach
trachten, das zu behalten, was Eure Majestät erobert haben!«
»Sie irren sich nicht!«
»Trotzdem ich dieser Überzeugung bin, möchte ich mir doch
alleruntertänigst die Frage erlauben, ob Eure Majestät nicht auch in
einem _=anderen=_ Falle denselben festen Willen bekunden möchten?«
»Es handelt sich also nicht um Schlesien?«
»Nein -- nur um die Tänzerin Barberina!«
Friedrich lachte laut auf, ging einmal auf und ab, setzte sich dann ins
Sofa und blickte den Lord ironisch an.
»Ach, sieh nur, auch in _=der=_ Angelegenheit will England mitreden?!«
»England nicht! Nur meine Wenigkeit! Ich wollte mir alleruntertänigst
erlauben, in betreff jener Dame um eine Gnade zu bitten!«
»Sie wissen, Mylord, daß wir Ihnen persönlich gewogen sind, und daß Sie
sich jederzeit eine Gnade von uns erbitten können! Was jene Tänzerin
betrifft, so möchten wir Sie aber ersuchen, keine Fürbitte zu tun! Sie
erleidet ihre gerechte Strafe! Sie hat gewagt, uns zu trotzen! Wir
haben sie also als eine Gefangene hierher transportieren lassen, damit
sie sieht, daß man dem König von Preußen nicht ungestraft auf der Nase
herumzutanzen sucht! Sie ist jetzt hier. Das ist alles, was wir wollen!
Wir haben unseren Willen durchgesetzt und werden sie jetzt laufen
lassen!«
»Wollen Eure Majestät sie nicht tanzen sehen?«
»Tänzerinnen haben wir genug! Wir sind nicht neugierig!«
»Sie soll aber eine hervorragende Künstlerin sein -- und sehr schön!«
»Die Person interessiert uns nicht im geringsten!«
»Eure Majestät haben sie eben nicht tanzen sehen!«
»Wir werden ihr auch nicht die Ehre antun! Wir sagten Ihnen, warum wir
sie haben herbringen lassen, und auch, daß sie uns gleichgültig ist!
Sie glauben doch nicht, wir hätten es nötig, die ganze europäische
Diplomatie -- wegen einer Tänzerin in Bewegung zu setzen? Um das
Ansehen des Königs von Preußen war es uns zu tun -- um weiter nichts!
Die Krämers an der Adria hatten es gewagt, uns zu verhöhnen, als wir in
einer gerechten Sache an ihre Justiz appellierten! Sie hatten uns die
Sottise an den Kopf geworfen, unser Vertreter, Graf Cattaneo, hätte
kein Recht, in unserem Namen zu sprechen, obwohl wir ihn schickten --
weil er schon sein Abberufungsschreiben überreicht hatte, als jene
Tänzerin frech wurde. Sie haben uns zu Gegenmaßregeln gezwungen! Mein
Botschafter in Wien hat es sich viel Geld und Mühe kosten lassen und
auch den Sukkurs der Königin von Ungarn erbitten müssen! Und das alles
wäre nur wegen einer Tänzerin geschehen? Glauben Sie das wirklich?«
»Nein! Ich glaube aber: wenn Eure Majestät sie gesehen hätten, dann
wäre auch das möglich!«
»Er ist dreist!«
Friedrich stand auf, ging an das Fenster und trommelte an der Scheibe.
Plötzlich wandte er sich um.
»Sage Er mir -- kennt Er einen gewissen Lord Stuart?«
»Er ist mein Neffe!«
Friedrich lachte kurz.
»Da fange ich an, Seine Manövers zu begreifen! Er möchte wohl, daß ich
wegen Seines Neffen die Mamsell in meinen Diensten behalte?«
»Wenn ich mir gestatten dürfte, eine Bitte auszusprechen --?«
»-=Mais non!=- Das gestatten wir Ihm nicht! Der Stuart ist Sein Neffe!
Er ist in jene Tänzerin vernarrt! -- Sie scheint auch nicht klüger zu
sein! Da -- seh Er nur, was mir der junge Herr schreibt!«
Er reichte Hyndford einen Brief.
»Mein Neffe hätte gewagt --?«
»Er hat um Audienz gebeten! Sein Stand und Rang erlauben ihm das schon!
Er scheint aber ganz außer Rand und Band zu sein! Er will sie zur Frau
haben! Er bietet sich an, uns eine andere Danseuse zu stellen, die ihre
Sache ebensogut macht! Er will uns die Kosten ersetzen! Er fleht uns
an, ihm die Mariage mit ihr zu gestatten!«
»Die möchte ich eben verhindern! Eine Person von solch niedriger Geburt
kann nimmermehr in unsere Familie aufgenommen werden! Da bitte ich Eure
Majestät, mir die große Gnade erweisen zu wollen, seine Bitte rundweg
abzuschlagen!«
»Mein lieber Lord, wir haben genug zu tun, um unsere eigenen jungen
Leute vom Adel davor zu bewahren, sich zu mesalliieren! Wir haben keine
Neigung, uns auch in die amoureusen Affären der Herren Engländer zu
melieren! Mag Sein Neffe sich mit der Mamsell kopulieren lassen oder
nicht -- uns tangiert das nicht im geringsten! Wenn sie bezaubernd
schön ist, wie Er sagt, so riskiert Seine gute Familie höchstens,
das abgestandene Blut ihrer Ahnen aufzufrischen! Wir wollen England
darinnen gerne begünstigen!«
Hyndford gab den Brief zurück und verbeugte sich schweigend.
»Er braucht mir das nicht krumm zu nehmen! Er kann sich dafür eine
andere Gnade ausbitten!«
»Wie dürfte ich es wagen, nachdem ich so unglücklich war, Eure Majestät
mit dieser geringen Bitte zu mißfallen!«
Friedrich dachte einen Augenblick nach.
»Er ist ein Querkopf! Er ist mir aber trotzdem persönlich wert! Wenn
ich nun ihm persönlich zu Gefallen in Seine Bitte einwillige -- sage Er
mir, will Er mir dann auch persönlich zu Diensten sein?«
»Majestät brauchen nur zu befehlen!«
Friedrich ging ein paarmal auf und ab und blieb dann vor dem Modell des
Kriegsschiffes stehen!
»Seh Er, solch ein Spielzeug kostet Geld -- viel Geld! Wir haben
ja eine wohlgefüllte Schatzkammer, haben aber auch Aufgaben, die
dringlicher wären! Wir möchten es nicht schon jetzt nötig haben,
eine Kriegsflotte zu bauen! Will Er mir persönlich damit dienen,
das Mißtrauen Seiner Regierung und Seiner Landsleute gegen meine
Handelsunternehmungen in Emden zu zerstreuen? Will Er drüben ernstlich
zu verstehen geben, daß wir, _=wenn nötig=_, gleich daran gehen werden,
Kriegsschiffe zu bauen! Das heißt, wenn man nicht einsieht, daß die
Erde so groß ist, daß auch wir von deren Reichtümern profitieren
können, ohne das Geschäft Seiner Landsleute zu verderben? Er versteht
mich?«
»Eure Majestät können überzeugt sein, daß ich alles aufbieten werde,
um ein gutes Einvernehmen im Sinne von Eurer Majestät Intentionen
herzustellen!«
Friedrich blickte ihn durchdringend an.
»-=Eh bien!=- Da will ich auch Ihm persönlich einen Gefallen tun!«
Er setzte sich ins Sofa hinter den Schreibtisch, nahm einen Gänsekiel
und kratzte unter den Brief des jungen Stuart eiligst ein paar Zeilen
hin, deren Inhalt er beim Schreiben laut vor sich hin las.
»Wird nicht beantwortet! Der junge Lord Stuart wird beordert, sofort
und auf dem kürzesten Wege meine Staaten zu verlassen! -- -- Ist Er
jetzt zufrieden?«
Lord Hyndford verbeugte sich, küßte dankbar die ihm gereichte Hand des
Königs, und entfernte sich auf den Wink, daß die Audienz beendet sei.
Inzwischen war Barberina in Berlin angelangt.
Ihre Reise durch Österreich und Schlesien war nicht gerade ein
Triumphzug gewesen. Die Wege waren jetzt im Frühjahr miserabel, das
wochenlange Schütteln darauf eine schwere Strapaze! Dazu kam noch die
seelische Aufregung wegen der Trennung von ihrem Geliebten! Alles in
allem Umstände, die nicht zu ihrem Wohlbefinden beitrugen.
»Mama« vertrug die Reise besser, trotz ihrer Jahre und dank ihrer
Eitelkeit. Das Aufgebot der europäischen Diplomatie um ihretwillen --
die militärische Eskorte -- die aufmerksame Fürsorge der mit ihrem
Transport betrauten Beamten machte sie das körperliche Ungemach der
langen Fahrt ganz vergessen.
Sie blähte sich wie ein Puter -- sie kam sich zum mindesten so vor wie
eine eroberte Provinz jenes Königreiches, das ihre Tochter wohl bald
darstellen würde!
Berlin gefiel ihr ausnehmend gut. Es war kein solcher von allem
möglichen Geschmeiß kribbelnder Ameisenhaufen wie London -- nicht
so atemberaubend wie das berauschende Paris, sondern solid, neu und
proper gebaut, mit geraden Straßen und nicht zuviel Menschen! Gerade
der richtige Rahmen für ihr gesetztes, dem ruhigen Genuß zuneigendes
Matronentum.
Sie saß vor dem Spiegel in einem Zimmer des Gasthauses, wo sie
abgestiegen waren, und war bemüht, ihr Exterieur mit dem neuen Rahmen
einigermaßen in Einklang zu bringen.
Leicht war das nicht. Die scharf gebogene Nase, die stechenden
schwarzen Augen unter buschigen Brauen, die etwas aufgeschwemmten
Formen muteten gar zu orientalisch an! Aber die Damen hier waren auch
wohlbeleibt, und gepuderte Frisuren trugen sie auch! Und wennschon das
landesübliche Blau der Augen nicht herzustellen war -- das Schwarze
würde um so mehr Effekt machen!
Man würde sich schon einleben!
Freilich -- ihre Tochter dachte anders! Sie war sogleich am ersten Tage
zum Intendanten der Oper, Baron Swerts, gegangen, um sich vorzustellen,
sich über die ihr zugefügte Unbill zu beklagen und um eine Audienz beim
König zu bitten.
Dem König wollte sie dann den zerrissenen Vertrag vor die Füße werfen
und erklären, daß sie ihrem »Gemahl« Lord Stuart, der gleichfalls hier
eingetroffen war, bis ans Ende der Welt zu folgen gedenke. Berlin wäre
noch lange nicht das Allerletzte! Und sie würde hier nicht tanzen! --
Sie ließe sich überhaupt nicht zwingen!
Mit den Worten war sie gegangen! -- _=Die=_ Worte würde sie wenigstens
nicht wiederfinden! Das beruhigte die Mama ein bißchen! Man ist zu
Hause, den Angehörigen gegenüber, stets mutiger als angesichts des
Feindes! -- Ihre Tochter hatte auch um nichts auf der Welt Venedig
verlassen wollen! Trotzdem war sie jetzt hier!
Es würde auch so weitergehen! Der König würde schon Mittel und Wege
finden, seine Eroberung zu befestigen! -- Wenn er Babara erst sähe! --
-- Mama brachte ihm in dieser Hinsicht großes Vertrauen entgegen! Die
unwiderstehliche Gewalt der Reize Babaras und ihre Lebenslust waren ihr
da unschätzbare Verbündete! Lord Stuart war allerdings da und im Wege!
Aber Beständigkeit in Liebessachen war nie die Sache Babaras gewesen.
Sie würde bald auch ihn, den so heiß Begehrten, satt haben!
Mama blickte prüfend ihr Spiegelbild an. Die Runzeln des Gesichts
waren schon unter der geschickt aufgelegten Schminke verschwunden! Ein
paar Mouchen erhöhten die Zartheit des gut gemalten Teints! Man könnte
vielleicht noch ein wenig Rot riskieren!
Sie setzte ihre Malerei fort und lächelte wohlgefällig beim Gedanken
an die vielen kräftigen, jungen Kavaliere, die ihr hier in Berlin
aufgefallen waren und deren frisches, frohes und unverhüllt zur Schau
getragenes Draufgängertum ihrem alternden Herzen wohltat!
Da wurde ihr Lord Stuart gemeldet, der auch gleich hereintrat und etwas
enttäuscht war, Barberina nicht anzutreffen.
»Sie wird bald da sein, Mylord -- und, so Gott will, _=auch da
bleiben=_!« beschied ihn die »Mama« und deutete auf einen Sessel.
Stuart nahm Platz und bemerkte so nebenbei, daß wegen des »Dableibens«
zwischen ihm und Babara ganz andere Vereinbarungen getroffen wären.
»Das war auch in Venedig der Fall«, antwortete die Alte kalt. »Und
trotzdem befinden wir uns heute hier! Unser Kommen hätte sich
allerdings angenehmer gestalten können, wären Sie nicht gewesen!«
Stuart machte eine ungeduldige Miene. Aber »Mama« ließ ihn nicht zu
Worte kommen.
»Wir _=beklagen=_ uns durchaus nicht deswegen«, sagte sie schnell.
»Die diplomatische Aktion -- die Gefangennahme -- der Transport
unter militärischer Bedeckung -- das hat ohne Zweifel in ganz Europa
gewaltiges Aufsehen geweckt! Wir sind dadurch noch berühmter geworden,
als wir es schon waren. Man wird sich sagen, daß wegen der ersten
besten nicht ein derartiger Apparat in Bewegung gesetzt zu werden
pflegt!«
»Dann wären Sie mir eigentlich zu Dank verpflichtet!«
»Nun, es _=hätte=_ ja anders kommen können! Man hätte sich hier
kurzerhand mit Babaras Eigensinn abfinden und auf ihre Dienste
verzichten können, wenn der König, zum Glück, nicht so eigensinnig
gewesen wäre, auf seinem Recht zu bestehen! Das war nicht Ihr
Verdienst, Mylord! Sie hätten uns kalten Blutes die schöne Karriere
verderben können, die sich uns hier bietet!«
»So Gott will, werde ich das auch tun!«
»Dazu sind Sie uns also bis hierher gefolgt?«
»Um ihr und mein Glück vor Vernichtung zu schützen, dazu bin ich hier!«
»Über _=Ihr=_ Glück, Mylord, will ich mit Ihnen nicht streiten! Was
aber meine Tochter betrifft, so wird sie kaum so töricht sein, das
sogenannte »Glück« an Ihrer Seite der Gewogenheit eines großen Königs
vorzuziehen!«
Lord Stuart wurde durch die Ankunft Barberinas verhindert, zu
antworten. Und die Zärtlichkeit, mit der sie ihn begrüßte, strafte die
Worte ihrer Mutter Lügen.
Sie war aber sonst sehr schlecht gelaunt.
Der Intendant hatte sie zwar sehr höflich empfangen und mit ihr das
Programm für ihr erstes Auftreten besprochen, aber die erbetene
Audienz wurde ihr rundweg abgeschlagen. Er hatte ihr die Antwort
Friedrichs auf die Eingabe mitgeteilt, und die war in ihrer Kürze nicht
dazu geeignet, sie zu beruhigen.
Was die »Mamsell« zu sagen hätte, sollte sie mit den Beinen vorbringen!
Dazu wäre sie engagiert, keineswegs aber zu anderer »Konversation«
befohlen! -- So ungefähr hatte der Bescheid gelautet!
»Ich werd's ihm schon >vorbringen<, daß er's merkt! _=Fußtritte=_ werde
ich ihm tanzen! Ihm und seinem ganzen Hof! Wenn er mich dann nicht
entläßt, werde ich keinen Schritt mehr auf die Bühne tun! -- Setze
dich, ich will's mit dir probieren!«
Sie drückte ihn auf einen Sessel nieder und fing einen ihrer wilden
italienischen Bauerntänze an, den sie für ihr erstes Auftreten als
Einlage gewählt hatte.
»Nun aufgepaßt, wie ich das machen werde!« rief sie. »Ich tanze mit
meinem Geliebten ein zärtliches -=pas de deux=- und denke dabei an dich
-- tanze von rechts oben nach links unten, wo die kleine Loge des
Königs ist. Du kannst dir denken, wie erfüllt ich dabei von dir sein
werde -- und auch, wie deutlich ich es zur Schau tragen will! Wenn er
die geringste Ahnung von Tanz hat, wird er's verstehen! Dann aber,
wenn mein Partner -- in meinen Augen du -- vorn an der Rampe mir
zu Füßen liegt und ich ihn auf die Stirn küsse, schleicht sich aus
der vorderen Kulisse ein Kobold hervor, wirft mir unvermerkt eine
Rosenkette um den Leib, und wie wir dann beglückt davontanzen, läßt er
die Kette, die ich immer noch nicht merke, ablaufen, bis wir, du und
ich, miteinander hinaustanzen wollen. Dann zieht er sie wieder ein,
langsam und unwiderstehlich. Mit immer größerem Widerstreben folge ich,
kämpfe dagegen, anfangs vergeblich, bis er mich ganz eingefangen hat.
Dann, beim Anblick seines häßlichen Gesichts, bäumt sich alles in mir
auf, die Wut gibt mir Kraft, ich zerreiße die Fessel und schleudere
sie ihm ins Gesicht! -- Sei sicher, ich schleudere sie in die Loge
des Königs -- und fliehe dann! Er natürlich hinterher und versucht,
mich mit Gewalt zurückzuhalten! -- -- Aber so mach's doch! -- Schnell,
ich will's mit dir probieren! -- Du umfassest mich also -- ich mache
mich frei -- -- du packst mich wieder -- -- aber nicht so tolpatschig!
Dreist zugreifen, Mylord! -- So war's gut! -- -- Ich entwinde mich der
Umklammerung -- er verfolgt mich über die ganze Bühne -- dann mache ich
kehrt und treibe ihn mit einer ganzen Kette von Luftsprüngen zurück --
so!«
Und mit einer Serie der wütendsten Entrechats trieb sie ihren Geliebten
vor sich her und verfehlte nicht, ihm dabei immer wieder mit viel
Grazie die Fußspitze auf die Nase zu applizieren. Er versuchte
vergebens, den Fuß zu erhaschen und zu küssen.
»So ist's gut!« rief sie, im Tanzen lachend. »Wenn Lany das mimisch
ebenso ausdrucksvoll macht wie du, wird sich das Theater vor Lachen
wälzen!«
Und sie versuchte, ihm einen letzten Tritt zu versetzen, den aber die
Mama, hinter die er sich rasch flüchtete, zu ihrer großen Entrüstung,
auf höchst ihrer eigenen Nase zu fühlen bekam.
»Nichts für ungut, Mama!« rief Babara immer übermütiger. »Das war für
den König von Preußen bestimmt, dessen Majestät zu vertreten du jetzt
die Ehre hattest! -- Bis in seine Loge hinein treibe ich den Lany! Und
so, daß der König schon merkt, für wen die Fußtritte bestimmt sind!
-- Dann wirbele ich zurück über die Bühne und verschwinde da, wo ich
gekommen bin, eile aus dem Theater hinaus und in den Wagen, den _=du=_
mir bereit halten wirst, Beß! Und das Weitere wird sich finden!«
»Das denke ich auch«, sagte die Mama mit Ruhe. »Denn ebenso, wie Mylord
_=tatsächlich=_ die für den König bestimmten Fußtritte bekam -- ebenso
sicher wird er sie für sich allein behalten! Der König ist nicht
der Mann, dem man auf der Nase herumtanzt! Das, glaube ich, hätte er
uns wohl ausdrücklich genug bewiesen! -- Für den Wagen aber nach der
Vorstellung sorge ich! Mylord brauchen sich da nicht zu bemühen!«
Zu ihrem Erstaunen entgegnete die sonst widerspenstige Tochter nichts.
Sie war betroffen von der Deutung, die die Mutter ihrem Tanz gegeben
hatte! Ebenso ging es ihrem Geliebten, der, wie alle Engländer, etwas
abergläubisch war. Als eine böse Vorahnung stieg gleichzeitig dasselbe
Gefühl in ihren Herzen auf. Müde und verdrossen warf Babara sich aufs
Kanapee.
Ihre Mutter hatte die Wahrheit gesagt! -- Das Band, das sie an Berlin
fesselte, ließ sich nicht durch einen bloßen Scherz zerreißen! --
Anfangs leicht wie Spinnwebsfaden, als sie sich's in Paris anlegen
ließ, hatte es sich als unzerreißbar erwiesen und war zur eisernen
Kette geworden, die sie in jeder Beziehung unfrei machte! Und weswegen?!
Sie blickte schnell zu Beß hinüber!
Seinetwegen hatte sie das alles durchmachen müssen! -- Gewiß, sie
liebte ihn -- er war ihr mehr wert als die meisten! Aber doch trat die
Sättigung mit dem erlangten Besitz ein! -- Es fing schon an langweilig
zu werden! -- --
Sie fuhr auf. Das Gewissen schlug ihr. Sie ging hin und gab ihm einen
Kuß.
»Kümmere dich nicht darum, was sie auch sagt! Die Mama ist ehrgeizig!
Sie ist ja auch stolz auf mich! Laß ihr das! Denk nur an mich! Ich
liebe dich ja!«
Aber die Verstimmung wich nicht. Man empfand es allseitig wie eine
Erlösung, als ein Bote ihr einen Brief des Intendanten brachte, in dem
ihr mitgeteilt wurde, daß sie am folgenden Tage, am 13. Mai, die Ehre
haben würde, zum ersten Male in der Oper vor dem Könige zu tanzen.
Das gab ihr alle Hände voll zu tun, um mit den Vorbereitungen fertig zu
werden.
Stuart wurde fortgeschickt und für den nächsten Tag nach der
Vorstellung zum Souper bestellt.
Er ging nach seinem Quartier, um zu sehen, ob die Antwort auf sein
Audienzgesuch eingetroffen sei! Und fand da -- einen Polizeibeamten
vor, der den Auftrag hatte, ihn zu sofortiger Abreise zu veranlassen
und ihn im Falle der Widersetzlichkeit festzunehmen und mit Gewalt über
die Grenze zu schaffen!
Der Staatsminister Podewils hatte strenge Ordres gegeben. Er hatte
genug Scherereien und Ungemach wegen der Liebelei dieses jungen Dandys
gehabt und Zeit und Mühe verloren, die seines Erachtens einer besseren
Sache wert waren! Jetzt machte er Schluß!
Stuart mußte gehorchen, so sehr er sich auch sträubte! Es wurde ihm
nicht gestattet, erst von der Geliebten Abschied zu nehmen! Keine Zeile
durfte er ihr schicken -- keine mündliche Botschaft hinterlassen! Seine
Bitte, erst seinen Vetter, den Lord Hyndford, besuchen zu dürfen, wurde
ihm auch abgeschlagen. Wie er ging und stand, mußte er in die bereit
gehaltene Postkutsche steigen, und der freundliche Polizeibeamte hatte
noch die Güte, ihm das Geleit zu geben.
Am folgenden Tage rollten die Karossen der vornehmen Welt die Linden
entlang und hielten an der Paradetreppe des langgestreckten neuen
Opernhauses, das der König auf dem freien Platz dem Zeughause gegenüber
erbaut hatte.
Man war beim Könige zu Gast! Er ließ seinen Märkern französische
Komödie vorspielen. Aber zahlen durften sie nicht! Kommen auch nur,
wenn ihre gesellschaftliche Stellung oder ihr Rang ihnen ein Anrecht
auf eine Einladung gab.
Kritik wurde nicht geübt. Die Gazetten durften nicht genieret werden,
so hatte der König wohl im ersten Jahre seiner Regierung geboten.
Sie durften aber auch nicht genieren -- dafür sorgte er auch! -- Jede
Besprechung öffentlicher Angelegenheiten, insbesondere militärischer
Dinge, war rundweg verboten, und jede Zuwiderhandlung mit hoher
Geldstrafe oder Entziehung der Konzession belegt.
Das Theater war des Königs Privatangelegenheit. Man schrieb also
Berichte, erwähnte kurz, wer dagewesen war, was man gespielt und wer
die Ehre gehabt hatte, aufzutreten. Aber man enthielt sich jedes
Urteils. Dies wurde aber um so mehr bei den Vorstellungen laut. Und
die Besprechungen erfolgten bei den gesellschaftlichen Veranstaltungen
der feinen Welt -- wenn auch mit der durch die Furcht vor Spionage
gebotenen Reserve.
Der König wollte heute die Komödie besuchen.
Das genügte, um zu bewirken, daß alles sich nach der Vorstellung
drängte.
In den Logen sah man, außer einigen distinguierten Fremden, deren
gepuderte Lockenköpfe und modische Trachten das Aufsehen weckten, die
ganze offizielle Welt.
Der Staatsminister Podewils war da, und mit ihm die meisten seiner
Amtsbrüder. Die Herren vom Generaldirektorium, die hohen Justizbeamten
und, sehr vornehm und distinguiert in den Sesseln ihrer Loge thronend,
die Herren Akademiker. _=Die=_ hatten aber oft das Pech, weder gesehen
zu werden, noch sehen zu können.
Vor ihrer Loge weitete sich das Parterre, und das war gedrängt voll von
Soldaten, die hier das Vorrecht hatten, und die ihre Weiber mitnahmen
und sie sich gelegentlich auf die Schulter setzten, damit sie besser
sehen könnten. Wobei es nicht immer ohne derbe Späße zuging und
Gekreisch und Lachsalven einander ablösten.
Endlich kam der König, von seinem Freunde Keyserlingk, dem Grafen
Algarotti und Chevalier Chazot begleitet.
Am Vormittag war er aus Potsdam angelangt, hatte das Diner bei der
Königinmutter, Sophie Dorothea, im Schlosse Monbijou eingenommen und
sich von dort in die Komödie begeben.
Man spielte das Hirtenspiel irgendeines modischen Franzosen. Als
Zwischenspiel kam dann die große Sensation des Tages, das erste
Auftreten Barberinas, um deren Haupt Fama schon den Schimmer der
Romantik gegossen hatte, und über deren Person zahlreiche galante
Legenden kursierten.
Sie hatte einen rauschenden Erfolg mit ihren wilden Bauerntänzen --
nicht zum mindesten bei dem Parterre, wo die Begeisterung wohl nicht
mit Zuhilfenahme der geschniegelten Salonmythologie, aber um so
urwüchsiger und derber laut wurde.
»Dunnerschlag -- _=die=_ Schenkel!« rief ein bärtiger Musketier, als
sie ihre Luftsprünge machte.
»Een Paradetritt jibt se her!«
»Beene hat se wie'n Pandur!« bemerkte ein anderer.
»Schwerenot -- wenn _=das=_ dem Fritze nich jefällt!«
»Der macht se noch zum Flügelmann bei de Jrenadiere!«
»Der Fritze wird wissen, wo er se läßt! Hab man keene Sorge nich!«
Immer und immer wieder mußte sie vortreten, um die Huldigung des
Publikums zu empfangen. Und nachher wurde sie in die königliche Loge
befohlen.
Sie hatte mit der ganzen Wut getanzt, die sie über die ihr angetane
Gewalt empfand, und dabei -- trotz aller Grazie -- eine Verve
entwickelt und ein Temperament bewiesen, das alles bezwang! Man hatte
etwas anderes erwartet -- eine Explikation ihrer Meisterschaft in der
hohen Tanzkunst -- und stand vor einer entfesselten Naturgewalt, die
frappierte und jede Regung einer Opposition unmöglich machte! Sie hatte
gehofft zu verletzen -- hatte aber nur angenehm überrascht und fand
schrankenlose Bewunderung in allen Blicken der lächelnden Gesichter.
Bei einem einzigen aber war diese Bewunderung mit solch überlegener
Ironie gepaart, daß sie unwillkürlich den Trotzkopf beugte und von
einer Anwandlung von Reue beschlichen wurde.
Eine unwiderstehliche Gewalt ging von der kleinen, eleganten, in reiche
französische Tracht gekleideten Gestalt aus, die vor sie hintrat. Der
große Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht, das sarkastische Lächeln --
die Freiheit von jeder Pose und, vor allem, das unergründliche tiefe
Blau der großen Augen machte sie alles andere vergessen. Der Genius
einer Zeit lebte in dieser unscheinbaren Gestalt! -- Vor ihm versank
alles andere und wurde zu nichts! -- Ihre Kunst, und erst recht ihre
persönlichen Wünsche, schienen ihr so unsagbar klein! Und als die
Erscheinung mit einer menschlichen Stimme menschliche Worte an sie
richtete -- da war Staunen die erste Empfindung. Bis sie antworten
mußte. Da regte sich ihr eigenes Genie, und sie gewann ihre Keckheit
wieder.
»Nun, Mademoiselle, Sie hatten den Wunsch geäußert, mich zu sprechen!
Was hatten Sie mir zu sagen?«
»Ich habe mich bemüht, Sire, es nach bestem Können in der mir gnädigst
anbefohlenen Sprache vorzubringen!«
»Sehr gut!« lachte Friedrich.
»Hatten Eure Majestät auch die große Gnade, meine Dissertation so, wie
sie gemeint war, aufzufassen?«
»Sie haben -- mit den Beinen -- _=sehr entgegenkommend=_ gesprochen«,
sagte Friedrich, der wohl das Zielen ihrer Entrechats nach seiner Loge
bemerkt hatte. »So wollen wir es auch gern auffassen! Wir haben es
wohl verstanden, daß Sie das Bedürfnis empfanden, Ihr Temperament in
der neuen und ungewohnten Umgebung auszutoben -- sich sozusagen Luft
zu machen -- sich Platz zu bereiten! Das nächste Mal hoffen wir Sie in
der seriösen Kunst bewundern zu können! Sie werden uns bald in der
Pantomime Pan und Syrinx vortanzen!«
Er gab ihr die Hand, die sie ehrerbietigst küßte.
»Mein Kompliment, Mademoiselle«, sagte der König noch gnädig. »Mit
einem Charme haben Sie die Ketten zerrissen, mit denen sie der Faun zu
fesseln versuchte -- mit einem Furor, daß man denken müßte: da halten
keine Ketten stand! -- Es gibt aber Ketten, die nicht zu zerreißen
sind! -- -=Bon soir, mademoiselle!=-«
Und damit war die Audienz zu Ende.
Noch ganz wirr von dem überwältigenden Eindruck der ersten Begegnung,
ging sie auf die Bühne zurück und folgte ihrer Mutter nach dem Wagen,
ohne überhaupt daran zu denken, nach ihrem Beß zu sehen. Sie fragte
nicht einmal nach ihm, als beim Souper sein Platz leer blieb.
Am folgenden Tage wurde ihr ein hoher Ministerialbeamter gemeldet,
der ihr einen definitiven Vertrag vorlegte. Der Vertrag enthielt die
ausdrückliche Bestimmung, daß sie während dessen Dauer, vorläufig drei
Jahre lang, nicht heiraten dürfte -- ließ aber den Platz für das Gehalt
leer, denn sie sollte ihn nach Belieben ausfüllen dürfen. Sie schrieb
5000 Taler hinein -- eine Summe, die der König sofort auf 7000 erhöhte.
Außerdem wurde ihr, im Auftrage des Königs, bedeutet, sie möge in der
Komödie tanzen, wann es ihr beliebe. Nur in den Opern oder im Ballett
sei sie an das Repertoire gebunden.
Und -- so ließ der König gnädigst ansagen -- bei Gelegenheit ihres
nächsten Auftretens wollte er sich das Vergnügen geben, in ihrer
Garderobe den Tee einzunehmen.
18
Man durfte des Königs Hunde nur per »Sie« und mit dem Hut in der Hand
anreden. Die königlichen Lakaien hatten den exzellenten Vierfüßlern
gegenüber einen schweren Dienst und konnten auf keine Gnade rechnen,
wenn sie es an Aufmerksamkeit fehlen ließen.
Wenn der König spazieren fuhr, folgten ihm die Hunde oft in einer
zweispännigen Karosse, sie selbst auf dem Hauptsitz, die aufwartenden
Lakaien auf dem Rücksitz. So auch eines schönen Sommermorgens,
als der König von Charlottenburg, wo er bis zur Beendigung der
Hochzeitsfeierlichkeiten für seine Schwester Ulrike residiert hatte,
nach Berlin hineinfuhr.
An seiner Seite im vierspännigen Wagen saß der Generaladjutant
Winterfeldt. Sie kamen im tiefen Sande der Charlottenburger Chaussee
nur langsam vorwärts. Das schöne Sommerwetter machte indessen die sonst
einförmige Fahrt erträglich. Der König war gut gelaunt. Und als sie
beim königlichen Tiergarten anlangten, wo er eine Menge neue Spazier-
und Fahrwege hatte aufnehmen lassen, befahl er, vom »Großen Stern« nach
dem »Zirkel« an den Zelten einzubiegen, wo die elegante Welt sich um
diese Zeit Rendezvous zu geben pflegte.
An dem Ufer der Spree hatte der König dort einen freien Platz abholzen
lassen. Im weiten Bogen zog sich der breite Fahrweg hin, von Promenaden
umfaßt, wo unter schattigen alten Bäumen die Spazierenden sich ergehen
konnten, während auf dem Damm in doppelter Kavalkade Fuhrwerke und
Reitende sich in beiden Richtungen bewegten.
Am Wasser hatten einige, in Bereitung von Erfrischungen aller
Art kundige französische Emigranten, von denen es seit den
Religionsverfolgungen in Frankreich in Deutschland wimmelte, die
Konzession erhalten, ihre Waren in Zelten feilzubieten.
Von den Wiesen jenseits der Spree wehte der laue Sommerwind die
Düfte der Blüten herüber; durch das Laub der hohen Bäume rieselte
der Sonnenschein herunter auf die bunten Farben der Trachten. Das
goldene Schnitzwerk der zwischen hohen Federn aufgehängten Karosserien
glänzte und glitzerte. Drinnen, auf schwellenden Kissen schaukelten
schöne Damen in rauschenden Gewändern, lieblich grüßend, lächelnd,
nickend. Die Augen glühten unter sauber gepinselten Brauen -- die
gepuderten Locken erhöhten durch ihr Mattweiß das duftige Rot der schön
geschminkten Wangen, deren Reiz durch die Kontrastwirkung der schwarzen
»Mouches« eine erhöhte Wirkung bekam.
Zwischen den Wagenreihen tummelten die Offiziere stolz ihre mit
goldbestickten Schabracken verzierten Pferde, schlossen sich öfters an,
um mit ihren in den Wagen thronenden Göttinnen verstohlen verliebte
Gespräche zu führen. Auf dem Flusse glitten langsam Kähne vorüber,
die Segel geschwellt -- an den Zelten wehten Wimpel und Flaggen im
bunten Spiel -- Flöten und Geigen ließen ihre zarten Tonwellen steigen
und hinsterben -- das Lachen der silberhellen Stimmen -- das Gesumm
der Gespräche, das Wiehern der Rosse -- alles floß zusammen zu einer
Symphonie der Lebenslust -- leise, zart, graziös und liebenswürdig
--, die die Sinne der Teilnehmer bestrickend umfing, ihre Gedanken
zerstreute und ihren Seelen Erholung brachte.
Berlin holte Atem. Als die königlichen Equipagen in die Kavalkade
einschwenkten, ging eine Bewegung durch die Reihen. Aber nur für
einen Augenblick. Weit entfernt, das Getriebe zu lähmen, spornte die
Gegenwart des Königs die Fröhlichkeit an und hob die Stimmung noch mehr.
Friedrich unterhielt sich mit seinem Adjutanten, grüßte nach allen
Seiten, schaute sich einmal nach dem Wagen seiner vierbeinigen
Lieblinge um, winkte dann gnädigst einen vorbeireitenden Offizier
an den Wagenschlag heran und richtete einige kurze Fragen an ihn. Er
freute sich des luxuriösen Treibens seiner aufblühenden Hauptstadt,
das, unter seinem Vater in strenge Zucht zurückgedämmt, sich jetzt
wieder ans Licht wagte.
Plötzlich kam etwas Scharfes in seinen Blick, und seine Haltung
straffte sich etwas.
In die Reihe der Entgegenfahrenden war eine prachtvolle, schön
verzierte Karosse eingeschwenkt, von vier Schimmeln mit Vorreitern
gezogen. Das vergoldete Schnitzwerk der Karosserie glänzte und
glitzerte; die schön gedrechselten Speichen der hohen Räder drehten
sich wie die Blitze des Sonnenrades; hinten auf dem Tritt, zwischen den
hohen, schön geschwungenen Federn, standen in prachtvollen hellblauen
und silbernen Livreen zwei Lakaien, stolz die Dreimaster auf den
gepuderten Perücken balancierend. Ein fast königlicher Aufzug! Und im
Wagen, auf schwellenden Kissen ausgestreckt, eine Königin der Anmut
und der Schönheit -- die Barberina! Neben ihr ihre Mutter, von Stolz
gebläht und freundlich lächelnd den Gruß Friedrichs auf sich beziehend,
als die Wagen sich begegneten.
Drüben, auf der anderen Seite des »Zirkels«, schloß sich ein Reiter
ihnen an -- es war der Gesandte Englands, dem die schnell intim
gewordenen Beziehungen Barberinas zum König wohlbekannt waren, und der
sich als Macher der Sache jetzt großtat und sie umschmeichelte, um
vielleicht so etwas politisch Wertvolles durch sie zu erfahren.
Friedrich sagte rasch einige Worte zu seinem Adjutanten. Dieser winkte
einen der Läufer, die dem königlichen Wagen voranschritten, herbei
und erteilte ihm einen Befehl, den der Läufer dem folgenden Wagen
übermittelte.
Dann schwenkte der königliche Wagen aus der Reihe und setzte die Fahrt
nach Berlin fort.
Als aber der Wagen Barberinas, immer noch den englischen Gesandten am
Schlage, nochmals vorbeikam, da bog der Wagen der königlichen Hunde
dicht vor ihrem Wagen in die Reihe ein, und sie mußte ihm auf Schritt
und Tritt folgen. So ging's einmal die Runde herum, als hätte der König
dem Publikum das Rangverhältnis unter seinen Lieblingen recht deutlich
-=ad oculus=- demonstrieren wollen. Dann setzten auch die Hunde ihre
Reise nach der Stadt fort -- Berlin hatte seinen Gesprächsstoff,
die Neider der königlichen Favoritin bekamen Nahrung für ihre
Schadenfreude, und Barberina hatte ihren Ärger, den man ihr jedoch
unter der Schminke nicht anmerken konnte.
Sie tat, als hätte sie den Vorfall gar nicht bemerkt; sie unterhielt
sich noch mit einigen ihrer Bekannten, lud ein paar befreundete
Offiziere zum Besuch bei sich ein und kehrte dann nach ihrer Wohnung in
der Behrenstraße zurück.
Dort fand sie einen Befehl des Intendanten vor, am nächsten Tage beim
Konzert im Stadtschlosse zu Potsdam zu tanzen, und sie freute sich.
Denn bei dem nachfolgenden Souper mit dem König wollte sie schon ihre
Rache nehmen.
Der König aber hatte sich dazu bereit gefunden, noch unterwegs im Wagen
seinem Adjutanten einige erklärende Worte zu sagen.
»Wir lieben die Mätressenwirtschaft bei unseren Gegnern und
Verbündeten! Die Herren Politiker irren aber, wenn sie glauben, _=uns=_
auf diesem ausgetretenen Pfade der irrenden Tugend beikommen zu können!
Und was die Mamsells betrifft, so sollen sie amüsant sein und Charme
haben, aber weiter nichts! Sie wollen aber alle erst belehrt sein, die
rechte Distanz zu halten!«
Er freute sich nicht wenig, als ihm nachher berichtet wurde, daß
der englische Gesandte bei seinem Versuch, die Hunde des Königs zu
streicheln, von ihnen sehr übel abgefertigt worden war. Biche hatte
sogar nach ihm gebissen.
»Die Biche weiß, was sich gehört! Sie versteht die Kunst, naseweisen
Diplomaten Edukation beizubringen! Hört sie Geheimnisse mit an, so
versteht sie sie nicht! Und was sie winselt, versteht kein Mensch! Das
hat sie den Mamsells voran! Treu ist sie auch! -- Sei er ruhig!« sagte
er, da Winterfeldt schmunzelte. »Das verlange ich ja nicht von den
Damen! _=Die=_ müssen ihre Amouren haben! Sie sind Schmetterlinge und
müssen hin und her flattern! Wenn sie bloß mit ihrer Buntheit das Auge
entzücken -- wenn sie graziös sind, Witz, Esprit, Charme zeigen und uns
nicht mit zuviel Sentiment belästigen, sind wir zufrieden und widmen
ihnen gern zur Erholung von unserer freien Zeit! -- An unserem ernsten
Tun aber können sie keinen Anteil haben! Und unsere Würde dürfen sie
auch nicht mit einem Blick antasten wollen! Da hört jedwede Galanterie
auf! Da geht der Hund vor!«
Friedrich sprach noch bei der Königinmutter vor -- besichtigte den
Dombau, von Knobelsdorff begleitet, befahl ihm, am nächsten Tage die
Pläne seines Sommerschlosses in Potsdam vorzulegen, und reiste nach
seiner Havelresidenz ab.
Am Abend soupierte bei Barberina der Graf Rothenburg, ein eleganter,
liebenswürdiger und geistreicher Kavalier, der soeben aus Paris
zurückgekehrt war, wohin ihn eine wichtige politische Sondermission
Friedrichs geführt hatte.
Er wußte ihr viel vom Hofe in Versailles zu erzählen -- von der alles
beherrschenden Stellung der derzeitigen Favoritin Ludwigs, der Herzogin
von Châteauroux, deren Ehrgeiz und Stolz die Politik Frankreichs immer
mächtiger auf die Bahn der kriegerischen Ehre zu treiben bemüht war und
aus Ludwig gar einen Helden machen wollte.
Er wußte nicht genug des Lobes über ihre große Liebe zur Kunst
vorzubringen und das unermüdliche Mäzenatentum, das sie den Dichtern
gegenüber betätigte.
»Sie könnte für Frankreich eine große Zeit herbeiführen, denn in ihr
wohnt der Geist der Größe! Aber sie reibt sich auf. Die Glut ihrer
Seele verzehrt sie innerlich! Wie ein leuchtender Meteor, der plötzlich
auftaucht, blendet, imponiert und alles in Staunen versetzt, um ebenso
plötzlich zu verschwinden, so kommt sie mir vor! Immerhin -- sie
herrscht jetzt! Und sie hat das größte Verständnis für unsere Ziele! Es
war leicht, mit ihr Politik zu machen! Wenn Frankreich jetzt mit uns
ist -- ihr ist es zu verdanken!«
Barberina dachte mit einiger Bitterkeit an die Rolle, die _=sie=_ hier
spielte, und wurde einen Augenblick ernst.
Rothenburg wußte von der Begebenheit bei der heutigen Spazierfahrt und
beeilte sich, die Sache zu überzuckern.
»Allerdings -- _=hier=_ könnte _=sie=_ niemals zur Geltung kommen! Hier
trägt das Genie selbst die Krone! Jeder Versuch einer Beeinflussung
müßte an dem stolzen Selbstbewußtsein scheitern, das wir bewundern und
dessen Ehrgeiz wir schon so viel Ruhm verdanken! Um bei Friedrich etwas
zu sein, muß man eine große Künstlerin wie Sie sein! Das Epikureertum
des Geistes will die Anregung der Schönheit, der Grazie, des Esprits!
Ihm _=die=_ geben zu dürfen, ist mehr, als der ganzen übrigen Welt
Gesetze zu diktieren! Das zu können ist beneidenswerter als Reichtum
und Macht! Das ist Ihnen geworden! Und jetzt, nachdem Sie diese große
Aufgabe verstehen lernten, jetzt werden Sie schon zufrieden sein, daß
man Sie, wenn auch mit sanftem Zwang, dazu brachte!«
Barberina lachte laut auf. Das nannte er noch »sanft«: von den Häschern
Venedigs wie eine Verbrecherin aufgehoben und eingekerkert zu werden,
um dann unter wochenlangen Mühseligkeiten und militärischer Bewachung
hierher geschleppt zu werden!
»Sie sind ein Heuchler!« rief sie.
»Und Sie entzückend!« replizierte er und küßte ihr die Fingerspitzen.
»Viel zu entzückend -- viel zu charmant, um in der Langeweile einer
englischen Ehe zu verkommen! Geben Sie's nur zu -- das Ganze war nur
eine Marotte -- eine augenblickliche Laune!«
»Sie kennen eben Lord Stuart nicht!«
»Ich kenne _=Sie=_, und das genügt! Ich glaube schon, daß es sich im
Falle Stuart um eine echte, tiefe Empfindung handelte, wie sie einem
Menschen nur in den seltensten Fällen zuteil wird. Und ich glaube auch,
Sie waren so sehr davon ergriffen, daß Sie meinten, jener Empfindung
alles andere opfern zu müssen, um nur ihr zu leben! Die Flamme der
Liebe loderte so heftig und so klar auf, daß im ersten Augenblick
alles daneben verblaßte! Wie alles andere aber, ist auch sie nur zu
vergänglich! Der Funke ewigen Lebens, der Ihnen mit dem Genie gegeben
wurde, kann aber nie erlöschen! Der glüht noch unvermindert, wenn
alles andere zu Asche wurde! Die Sucht, zu glänzen und zu leuchten,
wird zum Ehrgeiz, etwas zu leisten und in der Leistung den eigenen
Geist zu verfeinern und groß und geschmeidig zu machen! Geben Sie's
nur zu -- Sie sind nicht unzufrieden, daß sie wieder auf die Bahn
der Kunst getrieben worden sind -- sei's auch mit Gewalt! Vor den
großen Aufgaben, die Ihnen hier wurden, verblaßt doch die kleine
Unannehmlichkeit, die sie mit sich brachten?«
Barberina antwortete nicht. Sie empfand die Wahrheit dessen, was er
sagte. Ihr Gefühl trieb sie zu ihrem Beß -- ihr Herz schlug noch
für ihn. -- Aber die Kunst hielt sie stärker gefangen. Sie sah die
glanzvolle Laufbahn, die sie dachte für immer verlassen zu haben,
offen und jetzt weit leuchtender vor sich liegen. Sie dachte dabei
an den Vormittag im Hause Stuart und die trübe Aussicht, nach
langer Vergessenheit dort als eine Nummer mehr in der Sammlung der
Ahnengalerie hängen zu dürfen. Ein leichter Schauder ergriff sie.
Rothenburg sah es, und mit seinem Instinkt half er ihr, die Formel zu
finden, mit der sie ihr Gewissen abtun könnte.
»Ihr Erlebnis mit Stuart war ein Glück, für das Sie dankbar sein
können! Das war eine seelische Bereicherung -- und Ihr Gewinn daraus:
die Entfaltung Ihres Gefühlslebens zu voller Blüte! -- Das mußten Sie
vor allen anderen haben, eben, um eine wahre Künstlerin zu werden! Das
kann Ihnen nimmermehr genommen werden! Er aber mußte Ihnen genommen
werden -- weil er Ihrer Kunst im Wege war! Sie sehen es! Sie waren der
Kunst untreu geworden! Die Kunst hat sich gerächt! Sie tritt jetzt
gebieterisch vor und verlangt als Strafe, daß Sie ihr zuliebe auf Ihre
Liebe verzichten! Und da gibt's nur eins -- gehorchen!«
»Um -- hinter den königlichen Hunden zu rangieren!«
»Das nur -- wenn Sie sich das gefallen lassen!« lachte Rothenburg. »Der
König hat Geist, und nichts ist ihm lieber, als wenn man ihm geistreich
antwortet! Nur nicht schmollen! Nur nicht sentimental werden! Scharf,
witzig, pointiert die Klinge zur Parade bereit halten! Den Kampf
aufnehmen, wie er angeboten wurde! Das ist das einzige! Rächen Sie
sich, wenn Sie wollen -- aber geistreich und amüsant, und Sie werden
gewonnenes Spiel haben!«
»Sie sind der geborene Konspirateur! Helfen Sie mir, einen Feldzugsplan
zu entwerfen! Ich muß für die heutige Schmach Rache nehmen!«
»Die werden Sie haben!« sagte Rothenburg und erhob sein Glas, in dem
der Champagner perlte. »Auf treue Bundesgenossenschaft!«
»Auf treue Bundesgenossenschaft!« erwiderte sie und erzählte ihm dann
den Vorfall, dem sie, nach ihrem Dafürhalten, die soeben erlittene
Demütigung verdankte.
Es war beim letzten intimen Souper mit dem König gewesen, im
»Konfidenzzimmer« des Potsdamer Schlosses. In übermütigster Laune hatte
sie sich da einen Scherz erlaubt, der besser unterblieben wäre. Aber
in der Situation sah sie in dem König nur noch den galanten Mann und
vergaß ganz, daß man auch in Stunden, wo die königliche Würde nicht
mittafelt, die Finger von ihr zu lassen hat.
Mit ihren rosigen Fingern hatte sie nach der Krone aus Kandiszucker
gegriffen, die, wie immer, den Aufbau der Konfitüren krönte, hatte sie
aufgehoben und hoch über ihren Kopf gehalten. Mit lachenden Blicken
hatte sie gefragt:
»Warum wird die Krone nicht auch einmal verspeist?«
»Das ist hier in Preußen nicht üblich, Mademoiselle!« hatte er
geantwortet mit einem Blick und in einem Ton, die gerade in _=dem=_
Moment ihren Übermut zum Trotz aufflammen ließen.
»Wenn man aber gerade danach Appetit hat?« hatte sie gefragt.
»So wäre es doch nicht anzuraten! Sie würde Ihnen nur schwer im Magen
liegen!«
»Trotzdem wage ich den Versuch! Heute abend wollen wir sie gemeinsam
verspeisen!«
»Nein!« hatte er etwas gereizt gerufen und versucht, ihr das zuckerne
Kleinod zu entreißen. Lachend wehrte sie's ab. Beim Kampfe bröckelte
ein Stück von der Einfassung ab und blieb in ihrer Hand. Als sie es
aber rasch in den Mund stecken wollte, entwand er ihr den Raub, fügte
das Stück rasch wieder an seinem Platz ein und stellte die Krone auf
den Tisch zurück.
»-=Je suis fatigué, mademoiselle=-«, hatte er dann kurz gesagt, den
Glockenstrang gezogen, ihren Wagen befohlen und sich kühl von ihr
verabschiedet!
»Das war alles!« sagte sie.
»Aber gerade genug!« lachte Rothenburg, trank sein Glas aus und fing
sofort an, sie eine bessere Taktik zu lehren.
»Nie -- auch nicht im Scherz -- an das rühren, was er hochhält!
Sonst aber können Sie sich fast alles erlauben! Persönlich duldet er
jede Anspielung, jeden Scherz, wenn er nur geistreich und amüsant
ist! Da gestattet er sich selbst die größte Ausgelassenheit, und
uns anderen auch, weil es ihn nur anregt und ihm zum Spott und zur
Satire Anlaß gibt! In boshaften Ausfällen ist er jedem gewachsen! Da
stellt er seinen Mann und kämpft mit ebensoviel Bravour wie auf dem
Schlachtfelde! -- Also packen Sie ihn nicht bei der Krone! -- Necken
Sie ihn lieber mit der Thronfolge! Da werden Sie etwas erleben! --
Fragen Sie ihn, warum _=er=_, der große Held, der überlegene Geist --
der männlichste unter uns allen -- keine männlichen Leibeserben hat! --
Fragen Sie ihn, ob das immer das Ergebnis seiner galanten Abenteuer zu
sein pflegt! -- Fragen Sie nach der Tochter, die er von der Frau des
Obersten Wreech hat! Fragen Sie, warum er, der mit lauter gekrönten
und ungekrönten Frauen in Fehde liegt -- warum gerade er eine Frau in
die Welt setzt? -- Er wird sagen, die Weiber wären heutzutage unfähig,
Männer zu gebären -- die Männer, die sie auf die Welt brächten, wären
alles alte Weiber! Er wird Anlaß haben, seine Bosheit gegen die
sämtlichen Evastöchter weidlich loszulassen, und dann wird er Ihnen die
Hand küssen und guter Dinge sein und viel Galantes sagen! Nicht aber,
um seine Sottisen zu überzuckern! Sondern nur aus Erkenntlichkeit, weil
Sie ihm halfen, jene Sottisen zur Welt zu bringen! Tun Sie's recht
boshaft, recht dreist, und Sie werden gewonnenes Spiel mit ihm haben!«
Damit war sie gleich einverstanden! Schon am nächsten Tage, nach dem
Konzert, beim Souper, zu dem sie wohl, wie üblich, aufgefordert werden
würde, wollte sie's ins Werk setzen und ganz gehörig Rache nehmen!
Sie stieß nochmals mit dem Grafen an. Unter Lachen und Scherzen verging
so der Abend, und das Bündnis gestaltete sich immer intimer.
Am folgenden Tag in aller Frühe rollte sie also in ihrer eleganten
Karosse nach Potsdam, um ihren Dienst zu versehen.
Der König war an dem Tag schlechter Laune. Die Erledigung der täglichen
Post hatte ihm mehr Mühe als sonst gemacht. Die Politik nahm ihn völlig
in Anspruch. Der Horizont Europas war umwölkt -- das Gewitter konnte
jeden Augenblick losbrechen, und der Entschluß, bei der Entladung die
Rolle des Blitzes zu spielen, stand bei ihm fest.
Trotz dieser vielfachen Inanspruchnahme seines Gemüts hatte er Zeit für
künstlerische Pläne. Die bildnerische Wiedergabe einer künstlerischen
Idee beschäftigte ununterbrochen seinen Geist. Die unwiderstehliche
Lust, den Drang nach Schönheit in bildnerische Tat umzusetzen --
die Materia zu bezwingen und ihre Starrheit in Bewegung auszulösen,
durchtobte sein Gehirn, bald in Versen, bald in zeichnerischen
Entwürfen, bald in Tönen nach Ausdruck ringend! -- Aber vergebens! --
Alles mißfiel ihm! -- Immer wieder wurde das Begonnene vernichtet!
-- Und doch deuchte es ihn so einfach! Die unwiderstehlich belebende
Wirkung des künstlerischen Dranges selbst zu gestalten -- gewissermaßen
die Geschichte des eigenen künstlerischen Werdens im Kunstwerke
auszudrücken -- im kalten Stein das Leben nachbilden, aber so, daß der
Stein selbst zu leben anfängt und zu warmem, schwellendem Fleisch wird!
»Pygmalion!« rief er -- »Pygmalion ist's! Das Altertum hat für jede
Regung des Geistes die treffende Formel gefunden! Was könnten wir
wollen, was nicht schon die Alten in ihren Legenden zum treffenden
Symbol erhoben hätten? -- Nachbeten -- nachbilden -- nachempfinden --
dazu sind wir verurteilt! So arm sind wir heutigen Menschen!«
Er sann darüber nach, wie die Legende zu gestalten sei.
In Worten -- in Versen -- in glatt und zierlich dahintrippelnden
Rhythmen?
Unsinn! -- Das Wort versagte, wo es nicht die Macht hatte, durch
ein kurzes: »Es sei!« das Gewollte auch handgreiflich vor den Augen
entstehen zu lassen!
In Tönen?
Unsere Sehnsucht geben, ja! -- Unsere Freude über das Erreichte
aufjauchzen -- unsere Trauer über die Enttäuschung ausklingen -- nie
aber das innerlich Erschaute in Formen und Farben so aufleben lassen,
daß die Mitwelt es mit dankbarem Staunen empfangen könnte.
In Marmor aushauen? -- Und wenn der Meißel noch so geschickt zu
arbeiten verstünde -- erstarrte Bewegung war alles, was dabei
herauskam! Die Bewegung -- das Leben selbst aber niemals! Und der
Anfang -- die Entstehung der ersten Bewegung -- das war der Vorwurf,
den es zu gestalten galt!
Einzeln vermochten die Künste nichts!
»Wohlan, so treten die Musen zum gemeinsamen Sturmangriff an!
Terpsichore kommandiert die Attacke! So geht's! Im Ballett stellen
wir's dar! Malerei, Musik assistieren -- der Mensch, aus toter Materia
gebildet, wird, vom künstlerischen Schöpferwort beseelt, vor unseren
staunenden Blicken zum Leben erwachen! So wollen wir's versuchen! Es
sei!«
Er schellte. Dem herbeieilenden Kammerdiener befahl er, die Herren
Graun und Pesne sowie den Intendanten der Oper zum Konzert zu befehlen,
wo er sie zu sprechen wünsche.
Dann wieder allein, warf er die Papiere auf seinem Schreibtische
durcheinander, um ein leeres Blatt zu finden und rasch das Bild zu
entwerfen, daß er vom Meister Pesne nachher als Vorlage ausführen
lassen wollte, nach der die Ballettszene gestellt werden könnte.
Plötzlich blieb er sitzen, ein Dokument in der Hand, und starrte
es entsetzt an. Es war -- ein ihm zur Unterschrift vorgelegtes
Todesurteil! Tagelang hatte er es liegenlassen und die Entscheidung
verschoben! -- Und gerade jetzt mußte es ihm unter die Augen kommen!
Sein Geist rang mit dem Chaos, um aus dem Nichts Leben entstehen zu
lassen! Fast glaubte er sich des Sieges gewiß -- glaubte sich Herr und
Gebieter des Lebens!
Und da hielt er es schwarz auf weiß in der Hand! -- Herr über Tod und
Leben! Aber wie anders! Nicht _=Schaffen! Vernichten=_ war ihm gegeben!
Dazu hatte er die Macht! Er vor allen anderen!
Er seufzte und warf das Papier hin.
»So armselig sind wir! Weiter reicht menschliche Gewalt nicht -- nicht
einmal in eines Königs Hand!«
Er nahm das Papier und las es aufmerksam durch. -- Ein nach Recht und
Gesetz gefälltes Todesurteil über eine Kindesmörderin! Ein Kasus, wo
er keine Gnade walten lassen durfte -- wo die Pflicht ihm gebot, die
mitleidige Regung des Herzens zurückzudämmen und als höchster Richter
den Stab zu brechen.
Er seufzte, tauchte den Gänsekiel ein und schrieb. Da stand es:
»-=Fridericus Rex.=-« -- Die starren Worte der Justiz hatten Leben
gewonnen! Der Federstrich seiner Hand gab ihnen die Gewalt, das
Henkersbeil in Bewegung zu setzen!
Er las es nochmals durch. Sein künstlerisches Gefühl empörte sich --
sein gesundes natürliches Denken ebenso!
»Das seyndt verworrene Köpfe -- verknöcherte Paragraphendrescher,
die uns den Wisch zusammengereimt haben! Das sollen wir mit unserem
Namenszug sanktionieren?! Nimmermehr!«