»Wenn ihn das nicht dazu bringt, die Fesseln zu sprengen, dann wäre ich
wirklich imstande, den anderen zu nehmen!« sagte sie rachsüchtig. »Dann
glaube ich an keine Liebe mehr! Dann ist mir das Leben einerlei, wie es
auch kommt!«
Sie schickte ihren Mohren, auf dessen Treue sie sich verlassen konnte,
ab, den Brief zu überbringen.
Mama Campanini aber, der sie das Anerbieten Crichtons mitteilte, war
vor Freude außer sich. Ihr Entzücken steigerte sich zum Triumph, als
ihr alter Feind Fossano sie aufsuchte, um sich neues Geld für seine
gesprengte Bank zu borgen, und sie ihm die große Neuigkeit auftischen
konnte.
Bald wußte es ganz London, zum großen Leidwesen Sir Josuahs, der
gehofft hatte, die Angelegenheit im stillen zu erledigen und die Welt
mit einem -=fait accompli=- überraschen zu können.
Die ganze City lachte. Lord Stuart grüßte Crichton nicht mehr, hob aber
die Verlobung nicht auf. Sir Josuahs gute Familie aber stellte ihm das
Irrenhaus in Aussicht, nachdem sie vergebens alles aufgeboten hatte, um
ihn zur Vernunft zu bringen.
Er entzog sich allen Beeinflussungen durch eine schleunige Abreise
nach Paris, angeblich, um dort die neuesten Modeerzeugnisse für die
Ausstattung seiner Tochter einzukaufen. Und dort traf er mit Barberina
zusammen, die sich über nichts so sehr freute als über den Eklat, den
die Sache ohne die geringste Betätigung von ihrer Seite gemacht hatte.
Sie hatte noch nichts von ihrem Beß gehört und auch keine Antwort auf
ihren Brief bekommen. Das machte ihr großen Kummer, denn sie fühlte
sich seiner Liebe sicher und konnte deshalb sein Stillschweigen nicht
verstehen.
In der Öffentlichkeit sah man sie niemals, außer bei ihrem Auftreten in
der Oper. Fama hatte diesmal gar nichts von ihren galanten Abenteuern
zu erzählen, um so mehr aber von ihren außerordentlichen Leistungen als
Künstlerin.
Die verlockendsten Anerbietungen wurden ihr von allen größeren Theatern
gemacht. Aber sie schlug sie alle aus. Ihre Mutter redete ihr zu, ein
Anerbieten des Königs von Preußen anzunehmen. Aber sie antwortete, sie
wolle sich frei halten, um, nach ihrer Verheiratung, der Kunst ganz zu
entsagen.
_=Sie=_ dachte dabei an Beß, auf dessen Ankunft sie immer noch hoffte.
Ihre Mutter aber an Sir Josuah, der immer dringender wurde und jetzt
die Festsetzung des Tages der Trauung kategorisch verlangte. Doch sie
hatte plötzlich das Interesse für seine Schätze verloren. Preußen war
ihr mehr wert!
Die gute Mama hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ein Königreich
zu erobern! Zweimal war ihr die Eroberung mißlungen. Das drittemal
sollte die Launenhaftigkeit ihrer Tochter sie nicht um die Siegespalme
bringen! Sie ließ sich vom preußischen Botschafter einen Vertrag geben,
aber Barberina unterschrieb nicht, sondern setzte den Tag für die
Trauung fest.
Sie machte sich aus Sir Josuah nach wie vor gar nichts. Aber ihr Beß
ließ nichts von sich hören. Und aufs äußerste darüber erregt, dachte
sie jetzt nur noch daran, sich an ihm zu rächen.
Am Morgen des Hochzeitstages kam ihre Mutter zu ihr herein, ein
Dokument in der Hand.
»Noch ist es Zeit«, sagte sie. »Noch bist du frei! Bedenke, was du
tust! Entweder du unterzeichnest diesen Vertrag mit dem König von
Preußen oder den Ehevertrag mit jenem alten Gecken! Die Wahl sollte dir
nicht schwer sein! Drüben im Nebellande -- Reichtum und Vergessenheit;
in Preußen -- Ehren, Glanz und Ruhm und ein Königreich, das du mit
Leichtigkeit in die Tasche stecken kannst, wenn du nur von deinem
Eigensinn abläßt und dich meiner Führung anvertraust! Da -- überleg
nicht lange! Nimm die Feder und unterzeichne! Und wenn Sir Crichton
kommt, werde ich ihm den Standpunkt schon klarmachen.«
Sie reichte ihr eine Feder, und Barberina, die immer noch hoffte, daß
Beß eintreffen würde, unterschrieb, um Sir Josuah mit guten Gründen
hinhalten zu können und so wenigstens einen Aufschub zu erhalten. Käme
Beß, so wollte sie den Vertrag nicht einhalten! Käme er nicht, so müßte
Sir Josuah sich um die Lösung ihrer Verpflichtung bemühen! Und das
würde immerhin Zeit in Anspruch nehmen!
»Jetzt kann der alte Kerl sich in seinem Gelde begraben!« rief die
Mama erfreut und steckte das kostbare Dokument ein. »Jetzt gehört uns
Preußen! Und das wiegt mehr als zehn Castles in England!«
Sie begab sich schnurstracks zum preußischen Gesandten, dem Herrn von
Chambrier, und ließ ihre Tochter allein.
Dieser war es nicht ganz geheuer zumute! Sie hatte sich wieder
dem Theater verschrieben, obwohl sie das öffentliche Auftreten
verabscheute! -- Das Leben schien ihr nur an der Seite eines geliebten
Wesens Wert zu haben! Ihrer Liebe hätte sie alles opfern wollen! Bis
vor einer Minute hatte sie die Freiheit gehabt, es zu tun! Und jetzt
hatte sie sich wieder fesseln lassen!
Wenn Beß jetzt käme?
Kaum gedacht, war er schon da! Wie der Dieb in der Nacht schlich er
zu ihr hinein, nahm sie in die Arme und küßte sie ab! Und die Freude
war unbeschreiblich auf beiden Seiten! Dann ging es los mit Vorwürfen,
Fragen und Erklärungen.
Warum er nicht geschrieben hätte?
Wohl Hunderte von Briefen hätte er ihr geschickt! Sie hätte sie doch
bekommen müssen!
Keine Zeile! Kein Lebenszeichen von ihm die ganze Zeit.
Wo die Briefe geblieben waren, war nicht schwer zu erraten! Aber die
Familie sollte ihm keine derartigen Streiche mehr spielen! Er war jetzt
frei! Sein Onkel war tot, dessen riesiges Vermögen in seinen Händen!
Er hatte seinen Abschied genommen, war sein eigener Herr und konnte
tun, was er wollte! Aber sie?! -- Man hatte ihm von der Bewerbung Sir
Josuahs erzählt! -- Man wußte auch, daß dieser auf Erhörung rechnen
durfte! -- Ihr eigener Brief an ihn -- der einzige, den _=sie=_ ihm
geschrieben hatte, hatte ihn beunruhigt! War sie noch frei -- oder --?
»Ebenso frei wie Sie, Lord Stuart!« sagte sie und hob die Nase hoch.
»Wie soll ich das verstehen?«
»Daß ich mich auch anderweitig verlobt habe! Genau wie Sie!«
»Du hast ihm also dein Wort gegeben?!«
»Ich habe ihm mein Wort gegeben! Und ich werde es halten!«
Er fuhr zurück, als hätte ihn ein Peitschenhieb getroffen.
»Treulose!« rief er. »So bald vergißt du deinen Eid!«
Da wurde ihr gemeldet, Sir Josuah sei da, um sie zur Trauung abzuholen.
»Ich werde dich schon an den Eid erinnern!« rief sie, eilte hinaus und
kam zurück, gefolgt von Sir Josuah.
Die Überraschung der beiden Herren war von derartiger Komik, daß sie in
lautes Lachen ausbrach.
»Sie scheinen sich nicht zu kennen, meine Herren?!« rief sie. »So
gestatten Sie mir denn vorzustellen: Sir Josuah Crichton, mein
Verlobter -- Lord Stuart, _=mein Gemahl!=_«
Sie legte dem erstaunten Beß die Hand auf den Mund, um ihn am Sprechen
zu hindern. »Wir sind vor Gott getraut, Sir Josuah! Daran ist nichts zu
ändern! Sie und Ihre Tochter müssen eben das Nachsehen haben!«
Sir Josuah brach in die heftigsten Vorwürfe aus. Die Ehe wäre ungültig
und würde wieder gelöst werden! -- Lord Stuart wäre nicht mündig und
könne ohne Einwilligung seines Vaters keine Ehe eingehen -- außer der,
zu der ihn sein Vater bereits verpflichtet hatte! Und was sie beträfe,
so hätte sie doch _=ihm=_ ihr Wort gegeben!
»Ich habe Ihnen versprochen, Ihnen zum Altar zu folgen, Sir Josuah,
weiter nichts! Wenn Sie's verlangen, werde ich mit Ihnen den
Spaziergang machen! Aber nie und nimmer, um mich mit Ihnen trauen zu
lassen!«
»Sie haben mich getäuscht!«
»Durchaus nicht! Sie sollen aber keinen Schaden an mir haben! Das
Landhaus an der Themse steht Ihnen wieder zur Verfügung. Die Luft
ist mir dort zu feucht! Beim Ballett können wir keinen Rheumatismus
gebrauchen! Den Negerprinzen aber, die ich immer noch nicht bekommen
habe, können Sie in meinem Namen die Freiheit schenken! Um Ihren Tanz
tut es mir aber leid! Ich habe Sir Josuah ausgebildet«, wandte sie sich
an Beß. »Er hat sich in der choreographischen Kunst sehr bewährt! Man
könnte ihn schon für Geld zeigen! Nicht wahr, Sir Josuah?«
Aber Sir Josuah hörte nicht. Er war längst davongelaufen, und die
beiden Liebenden blieben laut lachend zurück, um sich über den
gelungenen Streich zu freuen.
»Alle Heiligen!« rief Barberina plötzlich. »Den König von Preußen habe
ich ja vergessen! Wie werde ich den nun los?«
»Dem hast du doch nicht auch die Ehe versprochen?!«
»Weit schlimmer! Ich habe mich von ihm anwerben lassen!«
»Au weh!«
»Wo fliehen wir nun hin?«
»Nach Italien! Da kommen seine Werber nicht hin!«
Sie war sofort bereit. Noch ehe die Mutter nach Hause kam, war der
Vogel ausgeflogen, und sie hatte das Nachsehen. Eine kurze Nachricht,
daß sie mit ihrem Gemahl nach Venedig gereist sei, und daß der
»Gemahl« nicht Sir Josuah, sondern sein entlaufener Schwiegersohn in
spe sei, war alles, was Barberina ihr hinterlassen hatte! Und -- eine
Aufforderung, bald nachzukommen!
Sie folgte den Flüchtigen auf den Fersen, mit dem verschmähten Vertrag,
aus dem _=sie=_ ihre Tochter gewiß nicht entlassen wollte!
Sir Josuah aber kehrte nach London zurück und war von seiner
Liebestollheit gründlich geheilt. Er einigte sich mit dem alten Lord
Stuart dahin, dem jungen Herrn Beß Zeit zu lassen, sich auszutoben,
was der heiligen Ehe nur zuträglich sein würde! -- Die Hochzeit müsse
allerdings verschoben werden. Aber die Verlobung bliebe bestehen!
Denn was ein Gebieter der City von London ausgemacht, verbrieft und
besiegelt hatte, daran war nicht zu rütteln! Eher müsse die Welt
untergehen!
Lord Stuart war ganz seiner Meinung. Und grüßte ihn wieder, wenn auch
mit gemessener Würde.