Hogarth, der damals im Zenit seines Ruhms als rücksichtsloser

Sittenschilderer seiner Zeit stand, hatte längst ein Auge auf ihn

geworfen und ihn mehrfach als Prototyp eines Modegecken auf seinen

Stichen abkonterfeit.

Lord Albermale, weit entfernt, es ihm übelzunehmen, war stolz darauf.

Er hatte sogar eine ganze Menge Abzüge eines Stiches erstanden, auf

dem er als Präsident des bunt zusammengewürfelten Publikums eines

Hahnenkampfes dargestellt worden war, um sie seinen Freunden zu geben.

Er schloß sich eng dem Freundeskreis Hogarths an und verkehrte fast

täglich mit ihm, zum nicht geringen Ärger seiner Standesgenossen. --

Sie betrachteten ihn als das -=enfant terrible=-, das ihre kleinen

Menschlichkeiten dem treffsichern Grabstichel Hogarths preisgab

und diesen so in die Lage versetzte, sich an ihnen wegen ihrer

Geringschätzung seiner Malereien zu rächen.

Der gute Lord hatte auch nichts Eiligeres zu tun, als seinem guten

Freunde die näheren Details seines gloriosen Zweikampfes mit Lord

Stuart zu schildern. Und das war für Hogarth ein gefundenes Fressen.

Sein Zeichenstift schwelgte in karikaturistischen Orgien -- seine

Kupferstecher kratzten und schwitzten -- seine Pressen gingen Tag

und Nacht! Und eines schönen Tages überraschte er seine Verehrer

und Abnehmer mit einem neuen Stich, der reißenden Abgang fand und

ungeheures Aufsehen machte.

Der Stich war eine Travestie seines eigenen, wegen Albermales bereits

weitverbreiteten Stiches: »Der Hahnenkampf«.

Aber keine richtigen Hähne standen sich in der Arena gegenüber,

sondern Mitteldinge zwischen Federvieh und Dandy -- die Hahnenkämme zu

federgeschmückten Dreimastern angeschwollen -- die gerupften Körper in

den modisch geschwungenen Linien von Fechtern stutzerhaft posierend. So

standen sie einander gegenüber -- die linken Flügel halb an die Seite

gedrückt, die rechten gekreuzt -- das rechte Bein vorgestreckt! -- Die

Köpfe der Kampfhähne aber waren deutlich erkennbare Karikaturen von

Albermale und seinem jungen Gegner.

Um die zirkelrunde, tischförmige Arena herum rekelte sich die übliche

Versammlung von Spielern, Beutelschneidern und allerlei Gesindel

nebst ihren Opfern aus der besten Gesellschaft. Alle aber trugen

die Gesichter von bekannten Aristokraten, Parlamentariern oder

Großkaufleuten. Sir Josuah Crichton sowie sein edler Gönner Lord Stuart

waren auch da, und mit ihnen mancher ihrer Standesgenossen.

Von der Seite aber, wo für gewöhnlich der Besitzer des Kampfhahns von

dem ihm allein zustehenden Recht, den Fuß auf die Arena zu setzen,

Gebrauch zu machen pflegte, war eben in kühnem Satz eine Tänzerin

über die Häupter der Kämpfenden gesprungen. Man sah von ihr nur die

Beine über das Ganze schwirren und die Waffen der beiden Kampfhähne

auseinander schlagen. -- Diese und die Zuschauer starrten mit weit

offenen Mäulern und lüsternen Mienen dem über sie hinwegschwebenden

Wunder nach -- die Blicke an die Strumpfbänder gebannt, an denen eine

Unzahl kleiner Herzen aufgereiht war. -- Nur einer blieb teilnahmslos

-- der Mann am Eingang, dessen Züge eine sprechende Ähnlichkeit mit

dem berühmten Minister Walpole verrieten, und der, ganz wie sein

Ebenbild, mit dem Verkauf von Sitzen beschäftigt war. Wenn's auch

keine Parlamentssitze waren, so schien doch der Profit, nach seiner

vergnügten Miene zu urteilen, recht einträglich zu sein.

»Allerhöchst dero Pirouetten«, lautete die Unterschrift unter dem

Stich. Und trotz des hohen Preises von einer Guinee für jeden Abzug

ging er zu Tausenden ab.

Hogarth machte ein glänzendes Geschäft und konnte es sich leisten, sich

für einige Zeit zurückzuziehen, um an einem neuen Gemälde zu arbeiten,

das ihm wohl weder Gold noch Ehren einbringen würde!

Es konnte nicht ausbleiben, daß der Stich auch auf den Tisch Seiner

Herrlichkeit, des Lords Stuart, flatterte. Und auch unter den Fakturen

des Chefs des Hauses Crichton & Co. fand sich eines Tages ein Exemplar

eingeschmuggelt. Die beiden würdigen Vertreter der Ehre und des

Reichtums Englands hatten also das Vergnügen, sich selbst in gar nicht

würdevoller Weise unter den Zuschauern des Hahnenkampfes abkonterfeit

zu sehen, und vertieften sich in die Selbstbetrachtung, ohne eine Miene

zu verziehen.

Die Wirkung war aber bei den beiden verschieden.

Sir Josuah gab in aller Ruhe und im trockensten Tone den Befehl,

sofort eine Annonce aufzugeben, worin bekanntgemacht wurde, daß sein

Kontor alle nur erlangbaren Exemplare des Stiches zum doppelten

Preise aufkaufen würde. Er sandte seinen Prokuristen zu Hogarth und

ließ ihm ohne Feilschen den von ihm verlangten Preis für die Platte

und die noch nicht verkauften Exemplare auszahlen sowie ihm die

schriftliche ehrenwörtliche Verpflichtung abnehmen, keine weiteren

Vervielfältigungen des Stiches anzufertigen und die Originalzeichnungen

zu vernichten. Nach Erledigung dieses Geschäfts ging Sir Josuah

stillschweigend über die Angelegenheit zur Tagesordnung über und

vertiefte sich in eine Kalkulation über die Gewinnung von schwarzem

Elfenbein für Südamerika.

Lord Stuart dagegen trug nur äußerlich Ruhe zur Schau. Innerlich kochte

er vor Wut. Und die Wut eines Engländers nimmt manchmal sonderbare

Formen an. -- Bei Lord Stuart schlug sie sich gleich auf die Würde und

brachte eine eisige Unnahbarkeit hervor, die alles Leben um ihn lähmte.

Alles schlich auf den Fußspitzen um Seine Herrlichkeit herum und bot

den äußersten Scharfsinn auf, um die Ursache seines Mißvergnügens

ausfindig zu machen und ebenso unmerklich zu beseitigen, wie sie

entstanden war. Selbstverständlich ohne den Lord selbst darüber zu

interpellieren oder irgendwie damit zu belästigen. Denn Fragen zu

stellen, wo man selbst Augen und Ohren hatte, war im Hause Stuart zur

Zeit der Wut Seiner Herrlichkeit mehr als lebensgefährlich.

Gelang es, den Grund seines Zornes zu beseitigen, so war alles gut

und nahm von selbst wieder die gewohnten Formen an. Sonst konnte man

auf Überraschungen gefaßt sein. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel

sauste dann urplötzlich das Endergebnis der Entschließungen Seiner

Herrlichkeit auf das Haupt des damit bedachten Schuldigen oder

Unschuldigen nieder. Aber Mylord verzog dabei keine Miene und verharrte

in der Eisregion seiner unverletzlichen Würde.

Ein derartiges Einfrieren alles Lebens -- wie diese einer Eruption

entgegengesetzte Erscheinung wohl genannt werden darf -- bereitete

sich eben in der erlauchten Seele Seiner Herrlichkeit vor, als ihm der

Besuch Sir Josuah Crichtons gemeldet wurde.

Eine Neigung des Kopfes teilte dem Hofmeister mit, daß der Lord

empfangen wollte. Eine Handbewegung deutete ihm auch an, wo. Da er

nicht verstand, aber auch nicht wagte, nach der Bedeutung der Geste zu

fragen, so führte er Sir Josuah, zum Entsetzen Stuarts, der auf die

Ahnengalerie gedeutet hatte, geradeswegs ins Allerheiligste -- ins

Arbeitszimmer hinein, wo sonst nur Mitglieder der allernächsten Familie

empfangen wurden. Dieser Mangel an Distinktionsvermögen brachte ihm

einen kalten Blick unter mäßig gerunzelten Brauen ein. Zitternd zog er

sich zurück und ließ die beiden Herren allein.

Lord Stuart mußte also seinen Gast selbst in die Galerie hineinführen,

ehe er sich herablassen konnte, seinen Mund aufzutun. Denn nur im

Kreise seiner Ahnen konnte er so sprechen, wie's die Situation von

ihm, einem Peer von England, verlangte! -- Da allein war er sicher, es

mit der gebührenden Würde tun zu können, ohne Gefahr zu laufen, das

Gleichgewicht des Gemüts zu verlieren.

Mit einer Handbewegung stellte er seinem Gast alle die Stuarts vor und

lud ihn dann ein, unter ihnen Platz zu nehmen! -- Eine symbolische

Handlung, deren hohe Bedeutung Sir Josuah nicht gebührend zu schätzen

schien! Denn er lächelte belustigt und verstieg sich sogar zu der

respektlosen Äußerung: »Ich könnte Eurer Herrlichkeit allerdings nicht

mit derselben Ehrung aufwarten, falls ich bald einmal den Vorzug Ihres

Besuches haben sollte! -- Denn all die Heringstonnen, die ich dann

als Ahnengalerie vor Eurer Herrlichkeit Augen auffahren lassen müßte,

fänden in ganz Pall Mall keinen Platz!«

Eine Bemerkung, die die Würde Mylords auf den Gefrierpunkt brachte!

»Als Staatsvisite habe ich Ihren Besuch auch nicht aufgefaßt, Sir

Josuah!« sagte er, setzte sich zuerst und lud seinen Gast mit einer

Handbewegung ein, seinem Beispiel zu folgen. »Ich gehe wohl auch in der

Annahme nicht fehl, daß ein besonderer Anlaß Ihres Kommens vorliegt?«

»Sicher nicht!« sagte Sir Josuah und versenkte seine kugelrunde Gestalt

in einen ebenso prachtvollen Thronsessel wie den Seiner Herrlichkeit.

»Es liegen sogar ganz besondere Gründe vor!«

»Dürfte ich denn bitten?«

»Zunächst hätten wir einen Brief Ihres Herrn Sohnes --« Sir Josuah

holte seine große Hornbrille hervor, putzte die Gläser und hakte das

Ungetüm hinter den Ohren fest, faltete dann einen Brief auseinander und

hielt ihn hoch. »Dieser Brief, den ich die Ehre haben werde vorzulesen

-- --«

»Ich darf wohl hoffen«, unterbrach der Lord, »daß jenes Schreiben

nichts von Geld oder Geldangelegenheiten enthält? -- Denn ich müßte

sonst ablehnen, mich damit zu befassen und mich auf die Erklärung

beschränken, daß ich meinem Sohn ausdrücklich verboten habe, in

geschäftlichen Dingen irgend etwas ohne meine Erlaubnis zu unternehmen,

sowie, daß diese Erlaubnis weder von ihm nachgesucht, noch von mir

erteilt wurde!«

»Eure Herrlichkeit können in dieser Hinsicht ganz außer Sorge sein!

Der Brief betrifft nur eine Herzensangelegenheit!«

»Da gestatte ich mir zu bemerken, daß er wohl falsch adressiert worden

ist?«

»Durchaus nicht!« sagte Sir Josuah und zeigte ihm die Rückseite des

Briefes, wo die Adresse deutlich zu lesen war.

Lord Stuart geruhte hinzublicken, las die Aufschrift: »Sir Josuah

Crichton«, und sagte dann trocken: »Soviel ich weiß, haben wir meinen

Sohn in aller Form mit Ihrer Tochter verlobt?«

»Ich bin derselben Ansicht, Mylord!«

»Sonderbar! Wie kommt er denn dazu, seine Liebesbriefe an Sie zu

adressieren?«

Sir Josuah lachte kurz auf. Lord Stuart ignorierte es.

»Etwas weltfremd war mein Sohn ja immer! Das kommt aber von dem

Erziehungsplan seiner Mutter, der seligen Lady Stuart, den ich ihr auf

ihrem Sterbebette getreulich zu befolgen versprach und auch befolgt

habe! Er sollte vor den Verlockungen der Welt möglichst bewahrt werden!«

»Die selige Mylady muß eine seltene Frau gewesen sein!« sagte Sir

Josuah. »In unserer Zeit sieht man, besonders unter den Frauensleuten,

die Verlockungen der Welt nicht nur als gänzlich ungefährlich, sondern

als wünschenswert an. Und, unter uns gesagt, ist's auch so! Ein

junger Mann muß sich austoben, soll etwas Rechtes aus ihm werden!

Sonst speichern sich die gefangenen Lebenskräfte auf, es kommt im

ungeeignetsten Augenblick zur plötzlichen Entladung, und man wird von

irgendeinem Geschehnis überrascht, das alle Berechnungen über den

Haufen wirft! -- -- Sausen und brausen, solange die Säfte noch gären!

-- Das gibt im reifen Alter guten Wein! -- Meine Jungens sind mir alle

durch die Lappen gegangen! -- Weiß der Satan, wenn ich sie wieder

einfange! -- Aber Gott verdamm mich, wenn ich sie anders haben wollte!«

Lord Stuart rümpfte mehrmals die Nase bei den Ausführungen seines

Besuchers und nahm wiederholt einen Anlauf, sie zu unterbrechen. Aber

Sir Josuah ließ sich nicht stören. Als er endlich aufhörte, räusperte

sich der Lord ein paarmal laut und vernehmlich und sagte dann kurz und

scharf:

»Ich würde mir niemals erlauben, an der Lebensphilosophie meiner

seligen Gattin noch nachträglich Kritik zu üben! Ich billigte sie auch

schon im Leben! -- Wenn ich jene Lebensanschauungen trotzdem soeben

erwähnte, so tat ich es nur, um Ihnen den Grund für die Lebensfremdheit

meines Sohnes zu erklären! Und auch -- weil ich, wie ich sagte, mich

trotzdem über seine Distraktion wundere, seine Liebesbriefe _=an Sie=_,

statt an Ihr Fräulein Tochter zu adressieren!«

Sir Josuah lachte wieder kurz.

»Er wird schon wissen, wohin er sie adressiert!«

»Wie soll ich denn das verstehen?« fragte Stuart kopfschüttelnd.

»Sie hatten doch die Güte, zu bemerken, daß der Brief eine

Herzensangelegenheit betrifft!«

»So ist es auch!«

»Aber -- --«

»Mein lieber Freund«, sagte Sir Josuah, auf einmal alle Förmlichkeit

außer acht lassend, und blickte ihn über die Brille sarkastisch

an. »Mein lieber, guter Freund -- wir zwei brauchen uns wahrhaftig

nichts vorzumachen! Am allerwenigsten in dieser Sache! Soviel

ich weiß, handelt es sich zwischen unseren Familien um gar keine

Herzensangelegenheiten, sondern nur um die rein geschäftliche

Operation einer ehelichen Verbindung zwischen unseren Kindern! In dem

zwischen uns geschlossenen Vertrage steht gar nichts von zärtlichen

Empfindungen! Bei geschäftlichen Abmachungen pflegt es, soviel ich

weiß, auch nicht anders zu sein! Ich würde mich auch schön hüten,

das Herz meiner Tochter in Liebessachen beeinflussen zu wollen! Dann

käme sie mir am Ende gar mit Wünschen in dieser Beziehung, die mit dem

kindlichen Gehorsam, den ich von ihr verlangen muß, gar nichts zu tun

haben! Sie mag meinetwegen mit ihrem Herzen tun, was sie will! Aber

heiraten soll sie so, wie ich will! -- Das ist mein Standpunkt, und

daran ist nicht zu rütteln! -- Eben um Eurer Lordschaft zu versichern,

daß wir, _=was auch kommen mag=_, an der Verlobung festhalten werden,

bin ich hierhergekommen!«

»Ich wüßte nicht, daß ich jemals den geringsten Zweifel über die

Loyalität Ihrer Absichten geäußert hätte«, sagte Lord Stuart und

richtete sich im Sessel auf.

»Das erkenne ich durchaus an!«

»Ich darf wohl hoffen, daß Sie Ihrerseits keinen Zweifel uns gegenüber

hegen?«

»An Eurer Herrlichkeit guten Willen glaube ich schon!«

»Das möchte ich mir auch ausbitten! Und was meinen Sohn betrifft, wird

er Ihnen wohl sicherlich ebenso vertrauenswürdig erscheinen müssen!«

Sir Josuah antwortete mit einem Achselzucken. Lord Stuart blickte ihn

fragend an.

»Sie denken hoffentlich nicht an jene Albernheit -- jenen Stich

Hogarths, den Sie wohl auch gesehen haben? Derartigen Erzeugnissen

eines verwilderten Geschmacks können wir doch unmöglich irgendeine

Bedeutung beimessen!«

»So ganz ohne Bedeutung ist jener Stich in diesem Falle nicht, Mylord!«

Lord Stuart ließ einen seiner verächtlichsten Blicke seinen Gegenpart

streifen und schüttelte leise den Kopf.

»Mein lieber Sir Josuah«, sagte er dann gemessen. »Wer, wie ich oder

Sie, in der Öffentlichkeit steht, muß in solchen Sachen über jede

Empfindlichkeit erhaben sein! Man muß sich schon einiges gefallen

lassen! Es war stets das gute Recht des Mobs, unsereinen zu verspotten

-- notabene: wenn er uns dabei nicht die schuldige Ehrfurcht versagt!

Ich hätte nichts gegen jene Erzeugnisse des Grabstichels einzuwenden,

die an die Lachlust des Publikums appellieren, wenn sie nicht meistens

den guten Geschmack verletzten! -- Sehen Sie sich nur den Wisch da

genau an!« Er schob ihm einen Abzug des Stiches zu. »Sehen Sie ihn nur

an! Wie zum Beispiel hat der Zeichner mich dargestellt?! Sehen Sie nur!

Trage ich etwa jemals die Perücke schief?! Kann irgendeiner behaupten,

mich jemals so gesehen zu haben?!«

»Ich glaube kaum!« lächelte Sir Josuah.

»Und der Ordensstern! -- Jeder gebildete Mensch weiß doch, daß ich das

Großkreuz des Bathordens trage! Der Maler aber weiß nicht mal, wie der

Bathorden aussieht! -- Wie kommt er dazu, in den Stern den Steward

eines Porterhauses einzuzeichnen? Diese absurde Idee! Und -- die Geige!

Wann bin ich jemals mit einem derartigen Instrument in Berührung

gekommen? Haben Sie mich geigen sehen? Und gar öffentlich -- bei einer

derartigen Gelegenheit! -- Besuchen Sie etwa ein Hahnengefecht?«

»Heute nicht mehr!« sagte Sir Josuah. »Heute ist mein Platz da, wo die

_=Menschen=_ sich rupfen!«

»Aber trotzdem sind Sie auch dabei!« sagte der Lord und zeigte auf die

Zeichnung. »Und wie hat er Sie dargestellt?! Als einen Schlemmer --

einen Gourmand schlimmster Sorte! -- Sie lecken sich sogar den Mund!«

»Das könnte schon vorkommen!« schmunzelte Sir Josuah.

»Sagen Sie, was Sie wollen!« rief Lord Stuart entrüstet, »aber daß Sie

so schlechte Manieren hätten, könnte Ihnen nicht einmal Ihr schlimmster

Feind nachsagen!«

»Aber auch nicht, daß ich schlechten Geschmack hätte! Und da muß ich

sagen -- wenn mir einmal so'n paar hübsche Beine um den Kopf schwirren

würden, da könnte es schon sein, daß ich auch die guten Manieren außer

Gefecht setzte! Ich bin gewiß kein Kostverächter! Meine verstorbene

Frau könnte Ihnen da verschiedenes bestätigen, wenn sie noch am Leben

wäre!«

Das war zuviel für Seine Herrlichkeit. Seine Würde kochte bis zum

Gefrierpunkt hinunter.

»Ich will nicht hoffen, Sir Josuah«, sagte er in einem Ton, der auch

diesen in Harnisch brachte, »daß Sie mir zumuten wollen, mich noch

nachträglich in irgendeine Intimität mit Ihrer verstorbenen Frau

einzulassen!«

Und er schob den Stich, der zu so unliebsamen Erörterungen Anlaß

gegeben hatte, weit von sich.

»Die Intimitäten haben jetzt ihre Herrlichkeiten die Würmer zu

besorgen!« replizierte der unverbesserliche Sir Josuah, der durch

den bloßen Gedanken an diese »nachträgliche« Intimität seine gute

Laune sofort wiedergewann und sich spitzbübisch darüber freute,

Mylords Entsetzen noch mehr zu steigern. »Von dem guten Geschmack

Eurer Herrlichkeit -=in puncto=- Intimitäten war ich auch ohne diese

Erklärung hinlänglich überzeugt! Auch den allernächsten Angehörigen

gegenüber!«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Daß Eure Herrlichkeit meines Erachtens also wohl von den

Herzensangelegenheiten Ihres Sohnes ebensowenig Notiz nehmen wollen wie

ich von denen meiner Tochter!«

»Ich glaube, Ihnen bei der Verlobung hinlänglich Gelegenheit gegeben zu

haben, diese Überzeugung zu gewinnen! Sie werden nicht gemerkt haben,

daß ich meinen Sohn irgendwie um seine Ansicht gefragt habe!«

»Ganz recht! Und deshalb bedaure ich, Eure Herrlichkeit darum bitten zu

müssen, das nachzuholen!«

»Was Sie sagen!«

»Ich muß sogar dringend auf der Erfüllung dieses Wunsches bestehen

und hoffe, daß Eure Herrlichkeit dabei die ganze väterliche Autorität

aufbieten wollen!«

»Sie sind sehr kühn!«

»Der Inhalt dieses Briefes wird meine Kühnheit rechtfertigen!«

»So lesen Sie ihn doch endlich vor!«

Sir Josuah schob seine Brille zurecht, gab dem Briefbogen einen Klaps,

um ihm die nötige Strammheit beizubringen, und fing endlich an:

»Mein lieber Sir Josuah!

Als ein Mann von Ehre werden Sie einen Schritt billigen, den zu

tun mir _=meine=_ Ehre gebietet, auch wenn er Ihren Wünschen nicht

entspricht! Kurz und gut -- ich kann Ihre Tochter nicht heiraten! Ich

habe mein Herz einer anderen geschenkt und ihr die Ehe versprochen!

-- Ich gedenke dies Versprechen, das ihr und mir das Lebensglück

verbürgt, auch zu halten, trotz der Schwierigkeiten, die sich uns

entgegentürmen werden! -- Nichts wird mich davon abbringen! Werfen

Sie mir nicht vor, ich hätte dies als Ehrenmann vor der Verlobung

mit Ihrer Tochter erklären müssen. Ich war nicht in der Lage, es zu

tun! Ich wußte nicht mit mir Bescheid! Ich hatte keine Ahnung von der

großen Liebe, die jetzt mein ganzes Wesen erfüllt! Ich handelte wie

im Traum! -- Ich dachte mir die Ehe als etwas ganz Gleichgültiges,

das man mit in den Kauf nehmen und der Entscheidung fürsorglicher

Eltern überlassen muß! -- Es war ein Irrtum! -- Das Leben ist jetzt

zu mir gekommen! -- Ich habe gesehen, daß keiner außer mir die Macht

haben kann oder darf, mein Leben zu gestalten, wenn meine Neigung

mit im Spiele ist! Ich bitte das zu berücksichtigen und es mir nicht

nachzutragen oder es gar als Schimpf auffassen zu wollen, wenn ich die

Verbindung mit Ihrer Tochter hiermit löse. Aber auch wenn Sie mich

nicht entschuldigen wollen -- es könnte nichts an meinem Entschluß

ändern, oder an der Hochachtung, die ich für Ihr Fräulein Tochter und

für Sie selbst hege! Ich überlasse es Ihnen, die nötigen Maßnahmen zu

treffen, und bitte Sie, Ihr Fräulein Tochter von meinem Entschluß in

Kenntnis zu setzen!

In unabänderlicher Wertschätzung Ihr

Lord Stuart-Wortley-Mackenzie.«

»Mylord wollen sich selbst überzeugen?« sagte Sir Josuah nach

beendigter Vorlesung, legte den Brief auf den Tisch, nahm die Brille ab

und steckte sie in die Tasche. »Mylord wollen sich gütigst überzeugen,

daß ich richtig gelesen habe!«

Lord Stuart erhob sich feierlichst zu seiner ganzen Größe und schlug

zum erstenmal in seinem Leben mit der Hand auf den Tisch. Einmal

nur! -- Aber das genügte, um auch Sir Josuah aus der Tiefe seines

Thronsessels emporschnellen zu lassen. Mit dem Blick eines Imperators

verkündete dann Seine Herrlichkeit ihren Willen.

»Die Heirat findet statt! Der Junge hat da nicht mitzureden! Er wird

sich das abgewöhnen müssen! Morgen geht er nach Schottland zu seinem

Regiment, um Subordination zu lernen! Zur festgesetzten Stunde tritt

er zur Trauung an! Verlassen Sie sich darauf! Aber behalten Sie doch

Platz!«

Er setzte sich wieder, jetzt ganz Herr der Situation, und Sir Josuah

tat desgleichen. Einen Augenblick blieben sie so in feierlichem

Schweigen und blickten sich mehrmals hochachtungsvoll an.

»Die Hypotheken --« fing Sir Josuah an, um das Schweigen zu brechen.

»Eure Herrlichkeit wissen wohl bereits, daß alles in Ordnung ist?«

»Mein lieber Sir Josuah«, sagte der Lord langsam, »mein Haushofmeister

hat mir noch nichts darüber gesagt! Ich nehme aber ohne weiteres an,

daß der unüberlegte Schritt meines Sohnes auch daran nichts geändert

hat oder ändern wird!«

»Das wollte ich eben bemerken!« sagte Sir Josuah und schwieg eine

Weile, um dem Lord Zeit zum Auftauen zu lassen. Dann hustete er leicht

und fing wieder an.

»Ist Eurer Herrlichkeit nichts in dem Briefe aufgefallen?« fragte er.

»Ich kann nicht sagen! Die üblichen Redensarten in derartigen Fällen!

Finden Sie etwas daran?«

»Nein! Aber da fehlt etwas zur Vollständigkeit der Sache!«

»Was denn?«

»Der Name der betreffenden Person, die Ihr Herr Sohn heiraten will!«

»Ganz recht! Wissen Sie, wer die Dame ist?«

»Nein. Aber ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich sie in Beziehung zu

jenem Stich bringe!«

Lord Stuart nahm den Stich und sah ihn prüfend an.

»Ja -- wenn wir _=danach=_ gehen wollten!« sagte er und warf ihn wieder

auf den Tisch. »Man sieht da ja von ihr bloß die Beine!«

»Allerdings!« sagte Sir Josuah. »Aber man weiß auch, wem diese Beine

gehören!«

»Meinen Sie?«

»Ja! Jenes Duell, das auf dem Stiche so lustig persifliert wird, hat

wirklich stattgefunden!«

»Mein Sohn hätte sich also geschlagen?«

»Regelrecht geschlagen!«

»Was Sie sagen! Mit wem denn?«

»Mit Lord Albermale!«

»Mit dem? Nun -- der ist ja immer gleich bereit! Hoffentlich hat mein

Sohn ihm einen Denkzettel verabreicht!«

»Ich weiß über den Verlauf des Duells nichts -- nehme es aber ohne

weiteres an! Man hätte sonst wohl von einer Verwundung gewußt und

gesprochen.«

»Und der Anlaß jenes Duells?«

»Eben die Besitzerin jener Beine, die Eure Herrlichkeit soeben auf dem

Stiche bewundert haben!«

»Wer ist diese Dame?«

»Die Tänzerin Barberina vom Coventgardentheater.«

»Eine Tänzerin? Wegen einer Tänzerin hätte er sich mit Albermale

geschlagen? Ich kenne den Albermale! Er ist wohl zu jedem tollen

Streich imstande! Aber er hat Geschmack! Und eine Tänzerin! Wegen einer

solchen Person fängt ein Peer von England keine Ehrenhändel an!«

»Sie ist sehr schön. Und Lord Albermale ist ein großer Don Juan!«

»Nun, ich will hoffen, daß mein Sohn sich von dem Albermale nicht

ausstechen läßt!« sagte der Lord selbstbewußt, merkte aber dann, daß

er sich verplappert hatte, und fügte noch rasch hinzu: »Das heißt: ich

hoffe, mein Sohn wird wissen, was sich gehört! Oder sollten Sie den

Brief auf jene Tänzerin beziehen?«

»Es bleibt mir nichts anderes übrig! Man hat sie zwar niemals

öffentlich mit Ihrem Sohne zusammen gesehen! Aber wenn er sich schon

ihretwegen duelliert hat --«

»Da will ich Ihnen gleich etwas sagen, Sir Josuah: -- Werfen Sie jenen

Brief nur in den Ofen! Der hat gar keine Bedeutung! Wenn es sich um

eine erste Liebschaft handelt, da fangen die jungen Leute schon gleich

mit dem Eheversprechen an! Und nach vierzehn Tagen denken sie nicht

mehr daran! -- Ein Rausch, wie wir ihn alle einmal gehabt haben; weiter

nichts! -- Der wird sich austoben und ebenso schnell vergehen, wie er

kam!«

»Auch meine Meinung!« sagte Sir Josuah. »Aber aus dem Briefe spricht

eine Entschlossenheit und eine gewisse Überspanntheit, die mir doch

zu denken geben! Ihr Sohn scheint mir ganz anders geartet als andere

junge Leute seines Alters! Und deshalb wäre es meine Bitte an Eure

Herrlichkeit, ihn in aller Form darauf aufmerksam machen zu wollen, daß

diese Liaison nur als vorübergehender Rausch zu betrachten sein darf!«

»Verlassen Sie sich darauf, Sir Josuah! Jener >Rausch< ist schon

vorüber! Mein Sohn geht morgen nach Schottland zu seinem Regiment!«

»Das wäre wohl doch zu grausam!«

»Schadet nichts! Er bekommt auf die Weise seinen Kopf frei -- sie nimmt

sich inzwischen einen anderen! In Schottland hat er keine Gelegenheit,

Ihre Tochter so auffallend zu vernachlässigen wie jetzt hier! So wird

sie es auch weniger merken!«

Am anderen Ende der Galerie wurden Stimmen laut. Lord Stuart schwieg

und blickte um die Rücklehne seines Sessels herum.

»Mein Sohn!« sagte er. »Er scheint jemand in der Galerie herumzuführen!«

Sir Josuah blickte auch, so gut es ging, um die Lehne seines Sessels

herum, sank aber gleich wieder zurück.

»Sie ist es!« rief er.

»Wer? -- Sie meinen doch wohl nicht jene -- -- jene Tänzerin?!«

»Sie ist es!«

»Diese Dreistigkeit!« -- Lord Stuart richtete sich in seiner ganzen

Würde auf und saß kerzengerade da, die Hände auf die Stuhllehnen

gestützt, und wartete den Schicksalsschlag mit der Ruhe eines alten

Römers ab.

Es waren wirklich Beß und Barberina, die am anderen Ende der riesigen

Galerie hereingekommen waren und sich langsam näherten. Sie blieben

hier und dort stehen. Er gab die nötigen Erläuterungen zu den Bildern,

und sie lauschte neugierig.

Die Sessel der beiden alten Herren standen so, daß sie sie nicht sehen

konnten. Sie glaubten sich allein und unterhielten sich zwanglos und

vertraulich, plauderten vergnügt und tauschten manchen Händedruck

aus. Schließlich blieben sie vor einem Bilde stehen und blickten

es lange an. Es war das Porträt einer blonden, schlanken Dame von

außergewöhnlicher Schönheit, deren große tiefblaue Augen dem Betrachter

melancholisch entgegenblickten.

»Meine Mutter!« sagte er.

»Wie schön!«

»Nicht wahr? -- Was gäbe ich darum, wenn sie noch am Leben wäre! Sie

hätte dich gleich liebgewonnen!«

»Glaubst du?«

»Wie wäre etwas anderes möglich?«

Er schloß sie plötzlich in die Arme und küßte sie leidenschaftlich. Am

anderen Ende der Galerie wurde ein heftiger Husten laut.

»Mein Vater!« flüsterte er und ließ sie schnell los. Rasch entschlossen

nahm er sie dann bei der Hand und führte sie zu dem alten Lord, der

steifnackig dastand und die Begleiterin seines Sohnes mit einer kaum

merkbaren Neigung des Kopfes grüßte.

»Ich wußte nicht, daß du Besuch hattest!« sagte der alte Herr und auf

Sir Josuah deutend: »Wie du siehst, habe ich auch welchen! Du mußt mich

also entschuldigen!«

Er blickte Barberina prüfend an und mußte vor sich selbst zugeben, daß

sie es mit jeder Dame der höchsten Aristokratie an Haltung und Eleganz

aufnehmen konnte.

Die schlanke, biegsame Gestalt war eingehüllt in ein Kleid von neuester

Pariser Mode aus heller, geblümter Seide. -- Um die halbentblößten

herrlichen Schultern hatte sie eine Mantille aus echten Spitzen -- um

den Hals das Diamantkollier König Ludwigs. Die Haare waren gepudert,

aber weder Schminke noch Mouches auf den blühenden Wangen; die Augen

sprühten von jugendlichem Übermut und Lebenslust.

»Mein Vater, Lord Stuart«, stellte Beß vor. »Sir Josuah Crichton!« Und

Sir Josuah machte sein schönstes Kompliment.

»Mademoiselle interessieren sich für alte Gemälde?« fragte Stuart der

Ältere und trat auf sie zu. »Da haben Sie in London gute Gelegenheit!

Wir haben hier eine Reihe vorzüglicher Privatsammlungen. Aber --

gestatten Sie mir, Sie auf einige Perlen meiner Galerie aufmerksam zu

machen? Mein Sohn wird Sie etwas flüchtig geführt haben!«

Er bot ihr den Arm und führte sie von den beiden anderen Herren fort,

um ihnen Möglichkeit zur Aussprache zu geben.

Sir Josuah versäumte nicht, die Gelegenheit auszunutzen. Er machte

es dem Herrn Schwiegersohn klar, daß er wohl geneigt wäre, bei einer

kleinen Unbesonnenheit durch die Finger zu sehen, keinesfalls aber ohne

weiteres gesonnen sei, den Schimpf anzunehmen, den eine Lösung der

Verlobung bedeuten würde.

Barberina hörte von alledem nichts.

Der alte Lord schien ganz bezaubert von ihr zu sein und entwickelte

eine Liebenswürdigkeit, daß seinem Sohne angst und bange wurde und Sir

Josuah vor Schadenfreude ganz aus dem Häuschen geriet.

Er zeigte ihr ein vom Alter geschwärztes Bild.

»Der Ritter hier«, sagte er, »gilt als Stammvater unseres Hauses --

obwohl wir schon vor ihm, unter Eduard dem Bekenner, Stuarts nachweisen

können. Er kämpfte mannhaft bei Hastings gegen die normannischen

Eroberer und wurde, nach unserer Niederlage, später von Wilhelm dem

Eroberer enthauptet.«

Barberina lachte.

»Gleich der Stammvater hat den Kopf verloren? Seitdem tun's die Stuarts

wohl immer?«

»Ich möchte es nicht behaupten!« antwortete der Lord, auf den Spaß

eingehend. »Ich kann aber nicht leugnen, daß die Neigung dazu oft

vorhanden war -- wenn sie einmal zu tief in schöne Frauenaugen

blickten! Sie wußten aber stets den Weg zur Pflicht zurückzufinden und

werden es hoffentlich auch künftig so halten!«

Die letzten Worte sprach er mit besonderem Nachdruck aus.

Barberina ließ sich aber nicht beikommen. Sie zuckte leicht mit

den Schultern, blickte den Lord spöttisch an und fragte in leicht

verächtlichem Ton:

»Was waren denn das für Frauen?«

»Schöne Frauen -- geistreiche Frauen! Oft von feinen Sitten, aber nicht

von gleichem Rang mit uns!«

»Hängen hier Bilder von ihnen?«

Der Lord schüttelte den Kopf.

»Die Galerie enthält nur Mitglieder unseres Hauses. Und nur einer von

diesen Damen gelang es, der Ehre teilhaft zu werden!«

»Zeigen Sie mir ihr Bild!«

Er zog den Vorhang von einem schwarz verhüllten Bildnis zur Seite.

»Warum ist es verhängt?«

»Sie brachte Unglück über unser Haus. Durch ihre Untreue machte sie

ihren Mann zum Mörder und brachte ihn um Ehre und Leben! Er war

der erste Protestant in unserer Familie! Sein und ihr Sohn war ein

Verschwender und ein Konspirateur! Er schloß sich den Aufrührern an,

die Johanna Grey auf den Thron setzten --«

»Wer war diese Dame?«

»Sie war neun Tage Königin von England. Jung und schön und unglücklich!«

»Aber Königin!« sagte Barberina, und ihre Augen blitzten.

»Das mußte sie mit dem Leben bezahlen! Und mit ihrem Haupte fielen die

Köpfe ihrer Anhänger -- auch der meines Vorfahren! Seine Güter wurden

konfisziert. Königin Elisabeth gab sie uns wieder. Und seitdem sind sie

in unserem Besitz geblieben!«

»Und die Stuarts haben seitdem nie wieder eine Nichtadlige geheiratet?«

»Nein. Das war die erste und hoffentlich letzte Mesalliance in unserem

Hause!«

Barberina blickte ihn spöttisch an und zog ihn mit sich von Bild zu

Bild, stets die Porträts der Frauen mit besonderer Neugier betrachtend.

»Gott, wie gelangweilt sehen sie aus! Wenn ich nicht annehmen würde,

daß die Stuarts auch damals Geist hatten, ich würde die armen Ladys

bedauern! Am Ende liegt's an den Malern?«

»Wir haben stets die ersten Maler der Zeit beschäftigt! Hier sind auch

mehrere van Dycks unter den Bildern!«

»Was treibt denn solch eine vornehme Dame ihr Leben lang? Sie vegetiert

wohl nur -- in den Stadtpalästen -- auf ihren Landschlössern -- geht in

die Kirche -- sorgt für fromme Stiftungen -- gebärt die Stammhalter --

verzieht sie -- verwelkt und stirbt? -- Nicht wahr?«

»Sie haben nicht so unrecht!«

»Und nachher wird sie hier aufgehängt!«

Es fröstelte sie leicht. Sie zog die Mantille um ihre Schultern

zusammen.

»Ich möchte nicht hier hängen! Weiß Gott, ich möchte keine solche Lady

sein!«

»Wenn ich nicht irre, hat Ihr Ehrgeiz bereits -- und zwar mit großem

Erfolg -- andere Wege eingeschlagen! Ich habe mir auch sagen lassen,

daß die Kunst die Hingabe ihrer Adepten so voll und ganz verlangt, daß

ihnen weder Zeit noch Neigung für die Ehe übrigbliebe!«

Barberina lachte laut auf -- so silberhell, so bestrickend, daß der

alte Herr gegen seinen Willen einstimmen mußte.

»Man hat Sie sicher hinters Licht geführt, Mylord!« sagte sie

spöttisch. »Ich kann mir ganz gut denken, daß ich verliebt genug sein

könnte, um meiner Kunst zu entsagen und dem Manne meines Herzens zu

leben! Aber beileibe nicht, um ihm zu helfen, irgendwelche vermodernden

Familientraditionen aufrechtzuerhalten! Eher um sie auf den Kopf zu

stellen! Das würde mir sogar viel Spaß machen!«

»Sie sind gefährlich!«

»Sie fürchten sich hoffentlich nicht?«

»Mein Alter stellt mich leider außerhalb des Wettbewerbs«, lächelte

er, küßte ihr dabei aber so galant die Hand, daß es den guten Beß

kalt überlief. »Wenn ich noch jung wäre und eine schöne Dame liebte,

die derartige Absichten hegte, würde ich jedenfalls alles tun,

um sie zu bekehren! Denn wir Stuarts bleiben unweigerlich dabei,

auch in Liebessachen die glorreichen Traditionen unseres Hauses

aufrechtzuerhalten!«

»Mit mir hätten Sie da kein Glück! Wenn ich jemand mein Herz schenke,

muß er meinetwegen ganz den Kopf verlieren! Meinetwegen muß er von

allem fortgehen, nur um mit mir zu leben und irgendwo glücklich

zu sein, wo die Sonne scheint und wo's weder englische Nebel noch

hochvornehme Urteile gibt! Seinetwegen gäbe ich denn auch gern alles

auf! Und, Mylord, wenn ich mir vornehme, jemand so den Kopf zu

verdrehen, dann führe ich es auch sicherlich durch! -- -- Ich darf

aber Ihre Güte nicht länger in Anspruch nehmen! -- Es war sowieso

eine Dreistigkeit von mir, ohne weiteres herzukommen! Ich war aber

neugierig! Ihr Herr Sohn hatte mir so viel von seiner Mutter erzählt,

daß ich begierig wurde, ihr Bildnis zu sehen! -- Ich danke Ihnen für

Ihre gütige Nachsicht! -- Und nun gestatten Sie wohl --?«

Sie legte ihren Arm in seinen und ließ sich zu den beiden anderen

Herren zurückführen.

»Sie werden wohl die Güte haben, mir den Weg zu zeigen?« sagte sie zu

Beß, der auch sofort bereit war. Aber sein Vater kam ihm zuvor.

»Es sind für dich Befehle deines Regiments da, die keinen Aufschub

erleiden! Deine Anwesenheit in deiner Garnison scheint erwünscht zu

sein! Du wirst wohl morgen früh abreisen müssen! -- Gestatten Sie,

Mademoiselle, daß ich Sie selbst zu Ihrem Wagen geleite?«

Er bot ihr galant den Arm. Und Barberina, ohne mit einer Miene zu

zeigen, wie sehr sie von der bevorstehenden Abreise ihres Geliebten

betroffen war, nahm lächelnd Abschied und folgte dem alten Herrn, immer

noch lustig lachend und plaudernd.

Beß stand da und vermochte kein Wort hervorzubringen.

»Hoffentlich hast du gutes Reisewetter, mein Sohn!« sagte Sir Josuah in

seinem freundlichsten Ton.

»Ich lasse mich nicht fortschicken!« rief Beß heftig. »Ich bin kein

Kind mehr! Ich nehme meinen Abschied! Aber ich gehe nicht von London

fort! Am allerwenigsten jetzt!«

»Das wirst du dir wohl doch erst überlegen!«

»Keinesfalls! Mein Entschluß ist gefaßt!«

»Da mußt du eben einen neuen Entschluß fassen! -- Schließlich --

Schottland ist hübsch! Das Garnisonleben hat auch seine Reize! Und --

zur Hochzeit kommst du ja wieder her!«

»Aus der Hochzeit wird nichts!« schrie der junge Mann.

Aber Sir Josuah pflegte sich grundsätzlich nie auf Diskussionen

längst erledigter und bereits als Tatsachen feststehender Geschäfte

einzulassen. Er antwortete also nicht, sondern besah sich den Stich

Hogarths noch einmal, legte ihn gelassen aus der Hand und sagte:

»Schade, daß sie's so eilig hatte! Ich hätte sie zu gern über den Stich

interpelliert! Es hätte mich interessiert, auch ihre Kritik zu hören!«

Beß riß den Stich an sich, zerknüllte ihn und warf ihn in die Ecke. Sir

Josuah tat, als bemerke er es nicht.

»Na, schließlich kann ich mir eine Loge im Theater nehmen!« sagte

er gelassen. »Sie wird mir den Stich am besten -- mit den Beinen

erläutern!«

»Sie hat Geist und Witz!« sagte der alte Lord Stuart, der wieder

hereintrat. »Wirklich, sie hat viel Liebreiz und wird es in ihrem Beruf

sicherlich weit bringen. -- Wäre ich selbst jung -- ich wäre imstande,

mir von ihr den Kopf verdrehen zu lassen! -- Nun -- es wird ihr schon

nicht an Anerbietungen fehlen!«

»Sicher nicht!« sagte Beß. »Aber sie nimmt keine an, die nicht ernst

gemeint sind! -- Und was meine Verlobung betrifft -- --«

Ein eisiger Blick des alten Herrn unterbrach ihn jäh.

»Über deine Verlobung möchte ich mich jetzt nicht mit dir unterhalten!«

sagte er mit Nachdruck. »Nachher, wenn wir allein sind, haben wir

allerdings verschiedenes miteinander zu bereden! Das Arrangement deines

zukünftigen Hauswesens und so weiter! Denn morgen wirst du keine Zeit

mehr dazu haben!«

»Dann möchte ich nicht länger stören!« sagte Sir Josuah rasch, um der

Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn aus dem Wege zu gehen. »Eure

Herrlichkeit gestatten wohl, daß ich mich empfehle?«

»Leben Sie wohl, Sir Josuah! Sagen Sie Ihrer Tochter, daß mein Sohn

sich noch von ihr verabschieden wird!«

»Ich werd' sie schonend darauf vorbereiten!« sagte Sir Josuah

schmunzelnd und ließ die beiden allein.

15

Beß wagte es, seinem Vater zu trotzen. Er ließ die Braut sitzen und

machte seinen Abschiedsbesuch -- bei Barberina, noch am gleichen Abend,

in ihrem Ankleidezimmer im Theater.

Er verabredete mit ihr, nach einigen Tagen mit ihr nach Paris zu gehen,

um sich dort mit ihr trauen zu lassen.

Ihr Engagement in London ging sowieso in einigen Tagen zu Ende, und sie

war noch nicht anderweitig verpflichtet. Von Paris und Dublin hatte sie

Anerbietungen. In Dublin hatte sie im ersten Jahre ihres englischen

Aufenthaltes Triumphe gefeiert und Schätze angesammelt. Trotzdem wollte

sie vorgeben, daß sie in Paris annehme und -- sich frei halte!

Am Tage nach dem Besuch ihres Geliebten saß sie im Ankleidezimmer und

wartete auf ihn, als es an die Tür klopfte.

Sie rief »herein!« -- Und herein trat -- nicht Beß, sondern Sir Josuah

Crichton!

Sie blickte erstaunt auf und wollte ihn zunächst hinausweisen, nahm

aber an, daß sein Besuch in irgendwelcher Beziehung zu ihrem Geliebten

stehe, und ließ es also.

»Verzeihen Sie, Mademoiselle, daß ich so -=sans façon=- bei Ihnen

anklopfe --«

»Ich war allerdings nicht auf den Besuch gefaßt --!«

»Ich hätte mich ja melden lassen können! Aber -- am Ende wäre ich dann

nicht empfangen worden --?«

»Ich gestehe, daß ich nur meine ganz intimen Bekannten hier zu sprechen

pflege!«

»Das nahm ich auch an! Da Sie also sicher ohne weiteres >herein< rufen

würden, zog ich es vor, unangemeldet anzuklopfen! Denn ich konnte mich

nicht abweisen lassen!«

»Ich wüßte nicht, was wir zwei miteinander zu besprechen hätten!«

»Werden's schon merken!« schmunzelte Sir Josuah.

Sie blickte die kugelrunde, selbstgefällig posierende Gestalt an, und

es leuchtete schelmisch auf in ihren Augen.

»Wenn Sie wußten, daß ich jemand hier erwartete, der darauf ein Recht

hat -- wie konnten Sie annehmen, daß er nicht bereits hier bei mir

wäre, und daß Sie also doch hätten an der Tür umkehren müssen?«

»Weil ich wußte, daß jener Bevorzugte nicht kommen konnte!«

»Was ist ihm denn geschehen?« rief sie unüberlegt.

»Weiter nichts, als daß er nach Schottland unterwegs ist!«

»Das weiß ich besser! -- Ich nehme an, Sie reden von Lord Stuart?«

»Ganz recht!«

»Er ist noch in London! Er wird überhaupt nicht nach Schottland gehen!«

»Er hatte allerdings die Absicht, hierzubleiben! Er machte sich also

des Ungehorsams gegen einen dienstlichen Befehl schuldig. Und da läßt

man hier in England nicht mit sich spaßen! -- Notabene, wenn der Herr

Papa nicht seinen Rang und seine Beziehungen für ihn betätigt! Und der

Herr Papa war über seinen Trotz am meisten erzürnt und verlangte, daß

man mit aller Strenge gegen ihn vorgehe! So wurde er denn heute früh

verhaftet --!«

»Verhaftet?« Barberina erblaßte und verlor auf einmal ihre sonstige

Überlegenheit.

»Ja, verhaftet und unter militärischer Bedeckung nach seinem

Garnisonsort gebracht! Man wird ihn aber sicherlich schonend behandeln.

Bis zur Hochzeit wird er sich allerdings dort gedulden müssen!«

»Bis zur -- --«

»Sie wissen doch Bescheid? Er wird Ihnen sicherlich nicht verheimlicht

haben, daß er meine Tochter heiraten soll?«

»Sie irren sich in Ihrer Annahme nicht!« sagte Barberina kurz. »Und --

jene große Begebenheit -- wann findet die statt?«

»In sechs Wochen!«

»Wie schade!« sagte sie übermütig lächelnd, »daß er gerade für die

Zeit ein Rendezvous mit mir in Paris verabredet hat! Er wird nicht zur

Hochzeit kommen können!«

»Sie glauben?« -- Sir Josuah lachte kurz.

»Gewiß! -- Er wird sich nicht teilen können! Und er wird sicherlich

Paris vorziehen!«

Sir Josuah ließ sich aber auch nicht mit einer schönen Dame auf

Diskussion über eine abgemachte Sache ein. Er zog es vor, die

Unterhaltung lieber auf ihre Person zu lenken.

»Sie wollen uns verlassen?«

»Ja! Man setzt mir in Paris sehr zu! Die Königliche Akademie der Musik

macht mir die verlockendsten Anerbietungen!«

»Wie schade, daß wir Sie verlieren müssen! -- Ich bin ganz außer mir!

Ich habe Sie heute mit der größten Bewunderung gesehen und habe nur

bedauern können, daß ich mich durch meine Geschäfte abhalten ließ,

früher zu kommen! Von heute ab gehe ich aber jeden Abend ins Theater,

sooft Sie tanzen! Ich bin wirklich charmiert!«

Barberina neigte zum Dank für das Kompliment leicht den Kopf.

Er wurde dadurch kühner.

»Gestatten Sie mir, noch hinzuzufügen«, sagte er, »daß ich es als einen

Vorzug und eine Ehre betrachten würde, Sie künftig nicht nur aus der

Ferne bewundern zu dürfen. Ihre Unterhaltung bietet so viel Reiz, daß

ich mich glücklich schätzen würde, ihrer öfters teilhaft zu werden!«

»Sie tun mir viel zuviel Ehre an, Sir Crichton!«

»Sagen Sie Sir Josuah, bitte!«

»Nun denn, Sir Josuah! Sie, ein hochmögender Mann, ein Mitglied des

Hauses der Gemeinen -- und ich, die ich gar nichts von Politik verstehe

--!«

»Das tue ich, bei meiner Seele, auch nicht! Ich bin nur aus

repräsentativen Rücksichten im Parlament! Sonst aber gehe ich ganz in

meinem Geschäft auf!«

»Von Geschäften verstehe ich aber auch nicht das geringste!«

»Das würde im Verkehr mit mir bald kommen!«

»Ich bezweifle es! Ich bin ganz Künstlerin! Die Unterhaltung müßte sich

also auf das Gebiet meiner Kunst beschränken! Und da -- nehmen Sie's

mir nicht übel, aber --«

Sie lachte laut auf.

»Warum lachen Sie?«

»Ich mußte mir eben sagen, daß Sie als Adept der Tanzkunst keine gute

Figur machen würden!«

»Ich traue Ihrer Kunst zu, auch das Wunder noch zu bewirken! Befehlen

Sie, und ich mache sofort die tollsten Kapriolen!«

»Nein, Sir Josuah, nein! Ich würde vor meinem Gewissen keine Ruhe mehr

haben!«

»Sie geben mir also einen Korb? Ah, Sie sind grausam!«

Er legte die Hand aufs Herz und seufzte schmerzlich.

Die Barberina lachte, daß ihr die Tränen in die Augen kamen. Die

Allüren eines Liebhabers standen dem eingebildeten alten Dickwanst zum

Entzücken komisch! Ihm den Kopf zu verdrehen, mußte eine wahre Wonne

sein! »Sir Josuah«, sagte sie, »ich gebe Ihnen Unterricht!«

»Daran tun Sie recht!« sagte er. »Dann werde ich Sie auch geschäftlich

ausbilden!«

»Wozu?«

»Damit Sie lernen, wie sehr Kunst und Geschäft eins ist!«

»Dann muß Mama diesen Unterricht nehmen! Mit dem Geschäftlichen befasse

ich mich nicht!«

»Sie werden viel Mühe mit mir haben!«

»Ich glaube schon!«

»Ich werde mir denn erlauben, der Frau Mama für den Tanzunterricht bei

Ihnen tausend Pfund anzubieten!«

»Aber _=nur=_ für den Tanzunterricht!«

»Selbstverständlich nur dafür! -- Ich bitte aber außerdem, mir die

Gnade erweisen zu wollen, diese kleine Gabe anzunehmen als Zeichen,

daß Sie mich des Vorzugs würdigen, mich auch als Ihren Freund zu

betrachten!«

Er entnahm seiner Tasche ein Etui, öffnete es, und vor ihren Augen

glitzerte ein herrlicher Brillantschmuck.

Barberina liebte die Brillanten, und diese waren von auserlesener

Schönheit. Die Glut der Hölle schien mit dem Leuchten des Himmels in

ihrem Funkeln vereinigt zu sein! Als sie aber den Schmuck in die Hand

nahm, schossen aus ihm blaue Blitze hervor wie aus den Augen ihres

Geliebten, als er von der ihm aufgezwungenen Verlobung erzählte!

Sie klappte das Etui zusammen, stellte es auf den Tisch und blickte Sir

Josuah scharf an.

»Wie ich Ihnen bereits sagte, verstand ich bis jetzt nichts von

geschäftlichen Dingen! Es scheint mir aber, daß Ihre bloße Anwesenheit

genügt, mir die Augen zu öffnen! Ich fange schon an, ein wenig zu

begreifen!«

»Sehen Sie!«

»Da Sie wohl aber von den zwischen mir und Lord Stuart bestehenden

Beziehungen ebensogut unterrichtet sein werden wie von den gewaltsamen

Maßnahmen, uns zu trennen, möchte ich Ihnen gleich sagen, daß meine

Empfindungen -- oder vielmehr der Verzicht darauf -- nicht käuflich

sind!«

»Wer wird denn gleich so häßlich denken? Dieser Schmuck sollte nur ein

Zeugnis von meiner aufrichtigen Bewunderung für die große Künstlerin

ablegen, und von der Verehrung, die ich für Ihre Person empfinde! --

Sie werden mir doch nicht den Schmerz antun, ihn zurückzuweisen?«

»Die Annahme verpflichtet mich also zu gar nichts?«

»Keinesfalls! Sie würde nur mich auf alle Zeit als Ihren Freund und

gehorsamsten Diener verpflichten!«

»Gut! Ich nehme ihn denn an! Aber unter einer Bedingung!«

»Und die wäre?«

»Sie dürfen mir gegenüber niemals meine Beziehungen zu Lord Stuart oder

seine Verlobung mit Ihrer Tochter auch nur andeuten!«

Sir Josuah zögerte.

»Warum verlangen Sie das?« fragte er schließlich etwas betroffen.

»Aus gar keinem anderen Grunde«, antwortete sie, kokett auflachend,

»als weil ich's nicht gewohnt bin, daß ein Mann mir -- von den

Empfindungen _=eines anderen Mannes=_ für mich spricht!«

»Von meinen eigenen Empfindungen für Sie dürfte ich also sprechen?«

»Soviel Sie nur wollen!« lachte Barberina, die sich jetzt vornahm, dem

alten Mann den Kopf gehörig zu verdrehen. »Und wenn es Sie beruhigen

kann, will ich Ihnen noch versprechen, keinen Finger zu rühren, um Lord

Stuart Ihrer Tochter abspenstig zu machen!«

»Abgemacht!« rief Sir Josuah und küßte ihre Hand.

»Wenn Sie galant wären, hätten Sie antworten müssen, daß ich das nicht

nötig hätte!« schmollte sie und entzog ihm die Hand.

»Üben Sie Gnade!« rief er. »Ich bin eben in galanten Dingen ein

Anfänger und wußte nicht, daß man Selbstverständliches sagen müßte!«

»Sie werden sich eben bessern müssen!«

»Nachdem Sie die Gnade hatten, mir zu gestatten, Ihnen möglichst viel

von meinen eigenen Empfindungen für Sie zu erzählen, bezweifle ich es

nicht -- wenn Sie mir nur Gelegenheit geben!«

»Sooft Sie wollen!«

»Dann erlaube ich mir, Ihnen den Vorschlag zu machen, schon heute mit

mir zu soupieren!«

»Mit Vergnügen -- wenn Mama Ihre Einladung annimmt!« antwortete

Barberina und stellte ihm die Signora vor, die eben zur rechten Zeit

hereinkam, um ja zu sagen.

Und so kam es, daß Fossano, der sich noch hinter den Kulissen

umhertrieb, sehen konnte, wie Barberina am Arme Sir Crichtons das

Theater verließ, um mit ihm und ihrer Mutter in dessen Wagen Platz

zu nehmen. Eine Entdeckung, die er nicht zögerte, Lord Albermale

zuzuflüstern, der die große Neuigkeit denn auch prompt nach Schottland

weiterbeförderte, damit sein Freund Beß nicht denke, seine Geliebte

stünde ganz verlassen da.

Das Souper verlief sehr vergnügt. Sir Josuah war von der Konversation

Barberinas entzückt und verlor gleich am ersten Abend total den Kopf.

Kein Tag verging dann, ohne daß er ihr seine Aufwartung machte. Er

brachte ihr Blumen und machte ihr Geschenke aller Art. Barberina sah

sich bald im Besitz eines Landhauses an der Themse -- das Bankguthaben

der »Mama« schwoll an, und Sir Josuahs Hoffnungen auf Erfolg ebenso

-- wenn er sich auch gedulden mußte. Denn Barberina selbst erlaubte

ihm nicht die geringste Vertraulichkeit und verstand es geschickt,

jedem seiner Annäherungsversuche auszuweichen -- jedoch ohne ihm diese

förmlich zu verbieten.

Eines Tages schenkte er ihr einen kleinen, hübschen Mohren zu ihrer

persönlichen Bedienung, was ihr einen Ausruf des Entzückens entlockte.

»Wo haben Sie den her?« fragte sie neugierig.

»Eins meiner Schiffe brachte ihn von der letzten Reise mit. Die

Negerknaben sind sehr begehrt für den intimeren persönlichen Dienst bei

den Damen der feinen Welt! Ich kann kaum so viele anschaffen, wie man

von mir verlangt!«

»Sie handeln auch mit Menschen?!« rief Barberina schaudernd.

»Wer tut das denn nicht!«

»Schrecklich!«

»Wieso? Der Mensch wird doch immer gehandelt! Geschäft war doch stets

mit den Transaktionen in Menschenfleisch verbunden!«

»Wie können Sie?!«

Sir Josuah lächelte.

»Das ist nicht meine Erfindung! Und übrigens -- am Theater werden Sie's

gesehen haben!«

»Verlassen Sie mich!« -- Barberina stand plötzlich kerzengerade vor

ihm und zeigte auf die Tür. Er war aber nicht aus dem Gleichgewicht zu

bringen.

»Beruhigen Sie sich, Mademoiselle«, lächelte er, »ich handle nur mit

Schwarzen! Die zählen ja kaum noch zu den Menschen! Sie sind aber als

solche gut zu gebrauchen! Sie lernen schnell und sind verschwiegen! Die

besten Hüter der Boudoirgeheimnisse, die man sich wünschen kann!«

Barberina wandte sich ab, um ein Lächeln zu verbergen. Er sah es und

beeilte sich, hinzuzufügen:

Ȇbrigens versetze ich sie aus einem halb tierischen Zustande in

menschenwürdige Verhältnisse! Ich bin also geradezu ihr Wohltäter! Sie

werden ihn doch gut behandeln?!«

»Sicher! Wo haben Sie ihn gekauft?«

»Ich kaufe nicht! Ich bediene mich nicht der Sklavenhändler. Ich rüste

selbst Expeditionen aus, führe Krieg, mache Gefangene und verkaufe sie

dann dort, wo ihre Arbeitskraft benötigt wird!«

Er fing zu erzählen an und gab ihr rasch einen Einblick in die

Geheimnisse des echt englischen Geschäfts mit »schwarzem Elfenbein«.

Vor ihren entsetzten Augen rollten sich grausige Bilder auf von Mord

und Raub und gewaltsamem Zerreißen aller menschlichen Bande. Sie

sah in der Phantasie das Treiben auf den Menschenmärkten, wo der

Gatte der Gattin, die Kinder den Eltern genommen wurden -- sah in

engen Schiffsräumen zusammengepferchte menschliche Leiber, in Ketten

geschlossen, von Hunger verzehrt, von Krankheiten dahingerafft --

die Überlebenden zu Skeletten abgemagert, dem traurigsten Schicksal

entgegengeführt. -- Und alles, damit England groß und mächtig werde,

indem jener dicke, feiste Kerl, der da vor ihr stand, und viele

seinesgleichen sich die Taschen mit Gold füllten!

Sie begriff auf einmal, daß er sich auch noch erdreistete, mit seinen

plumpen Händen in die Poesie ihres eben erwachten Empfindungslebens

eingreifen und kalten Blutes über das Glück zweier Menschen

hinwegschreiten zu wollen, nur um seine geschäftlichen Interessen zu

fördern! Keine Strafe schien ihr da schwer genug! Sie schauderte ob der

selbstgefälligen Nonchalance, mit der er sein schandbares Gewerbe als

durchaus ehrenwert und verdienstvoll hinzustellen wagte, und rief voll

Entrüstung:

»Ein Räuber sind Sie! Ein Mörder!«

»Ich bin ein Kaufmann, Mademoiselle, weiter nichts!«

»Nennen Sie's, wie Sie wollen, aber schandbar ist es! Und noch

schandbarer, daß es geduldet wird! Legt man Ihnen denn gar keine

Hindernisse in den Weg?«

»Doch! Das Metier hat auch seine Unannehmlichkeiten! Das gebe ich zu!

Die Neider zum Beispiel! -- Da kam vor kurzer Zeit ein Franzose --

ein -=homme de lettre=- -- über den Kanal, angeblich, um englisches

Wesen und englische Zustände zu studieren und ein Buch darüber zu

schreiben. Er schnüffelte auch bei mir herum. Und ich, in meiner

Harmlosigkeit, tat ein bißchen dick und ließ ihn mehr wissen als nötig

war. Da wurde er gleich Feuer und Flamme und wollte sein Geld in meinem

Niggergeschäft mitarbeiten lassen -- angeblich nur aus Neugier und

um praktische Erfahrung zu gewinnen! Ich habe mich aber gehütet! Da

ist er gleich zu einem meiner Nebenbuhler gelaufen und hat ihm alles

verraten, was er bei mir gelernt hatte! Und nun machen die mir schwere

Konkurrenz. Ein Vermögen hat er schon damit verdient! Nichts habe ich

so sehr bereut wie das!«

Das waren seine ganzen Bedenken! Menschliche Gefühle schienen bei

ihm nicht vorhanden zu sein! Und doch versuchte er den Liebhaber

herauszukehren! Sie lachte laut auf.

»Warum lachen Sie?«

»Weil Sie so ganz anders aussehen, als Sie müßten!«

»Wie müßte ich denn aussehen?«

»Nun -- einen Menschenfresser hätte ich mir jedenfalls ganz anders

vorgestellt! Man müßte vor Ihnen Grauen empfinden können!«

»Sie werden noch von mir verlangen, daß ich hier vor Ihren Augen den

kleinen Negerjungen mit Haut und Haaren verspeise!«

»Ich will überhaupt nichts von ihm wissen! Nehmen Sie ihn zurück!«

»Ich bitte Sie --!«

»Wenn ich ihn sehe, würde ich an all das Schauderhafte denken müssen,

was Sie mir erzählt haben! Ich würde böse Träume bekommen!«

»Dann nehmen Sie ihn nur an! Er wird Ihnen süße Wiegenlieder singen! Er

ist musikalisch! Er spielt schon sehr gut die Laute!«

»Am Ende tanzt er auch?«

»Sie werden ihm das Tanzen jedenfalls leicht beibringen! Die Schwarzen

haben ein angeborenes rhythmisches Gefühl und eine natürliche

Empfindung für den Tanz! -- Übrigens ist er ein Prinz!«

»Wer's glaubt!«

»Ganz gewiß! Sein Stammbaum ist allerdings drüben in den Urwäldern

Afrikas geblieben! Aber Sie können mir aufs Wort glauben!«

»Also, Sie handeln auch mit königlichen Hoheiten! -- Das ist

zum mindesten originell! Das versöhnt mich ein wenig mit Ihrem

Elfenbeinhandel!«

Sie lachte plötzlich auf.

»Mir fällt was ein! Die Schwarzen müßten auch anfangen, mit weißen

Sklaven zu handeln! Ich möchte zu gern unsere gepuderten Prinzen in

ihren seidenen Strümpfen und Spitzenjabots als Sklaven der schwarzen

Schönen sehen!«

»In Wirklichkeit werden Sie's kaum erleben! Vielleicht aber auf dem

Theater!«

»Da geben Sie mir eine Idee! Daraus lasse ich mir ein pantomimisches

Ballett machen! Das wird entzückend! Eine Nummer, die ich allein habe!«

»Sie werden damit Triumphe feiern!«

»Ohne Zweifel! Sie müssen mir aber richtige Negerprinzen dazu besorgen!

Eine ganze Schiffsladung!«

»Welche absurde Idee!«

»Sie sagen, daß Sie mich lieben, Sir Josuah, und Sie finden einen

Wunsch von mir absurd?! Sie lieben mich eben nicht!«

»Ich bete Sie an!«

»Schweigen Sie! Ich glaube nichts von Ihren Beteuerungen! Kein Wort

glaube ich Ihnen!«

»Sie töten mich!«

Er warf sich auf die Knie, so gut es ging, und suchte ihre Hand zu

erhaschen. Sie stieß ihn aber zurück.

»Wie hieß jener Franzose, der Ihnen Ihre geschäftlichen Kniffe

ablauschte?«

»Warum fragen Sie?«

»Die Franzosen sind galant! Wie heißt er?«

»Voltaire!«

»Er soll mir meine Negerprinzen besorgen!«

»Mademoiselle, Sie töten mich! Ich liebe Sie ja!«

»Kein Wort von Ihren Empfindungen, bitte!«

»Üben Sie Gnade!«

»Wollen Sie mir hoch und heilig versprechen, daß ich bald eine ganze

Schiffsladung schwarzer Prinzen mir zu Füßen haben werde?«

»Sie sollen Ihren Willen haben!«

»Schwören Sie's!«

»Ich schwöre!«

»Stehen Sie also auf! Nein, nein -- stehen Sie auf! Ich kann Sie nicht

so daliegen sehen! Sie versetzen mich in die tödlichste Angst um Sie!

Denken Sie doch an Ihr Embonpoint! Ich kann's nicht dulden, daß Sie

Ihr mir so kostbares Leben aufs Spiel setzen! Wer würde mir dann meine

Schwarzen besorgen!«

Sie lachte wie ein ausgelassenes Kind.

Er stand etwas begossen auf.

»Setzen Sie sich dahin! Und ganz artig stillsitzen! Wenn Sie brav sind,

dürfen Sie mir auch die Hand küssen!«

Sie reichte ihm die Hand, die er sofort begierig ergriff.

»Ich will also Ihren schwarzen Prinzen annehmen! Ich ernenne Sie auch

zu meinem Sklaven! Aber nur unter einer Bedingung!«

»Und die wäre?«

»Daß Sie -- in meinem Negerballett mittanzen!«

Sir Josuah fuhr auf. Seine Züge verfinsterten sich. Sie ignorierte es.

»Sie sollen einen französischen Prinzen darstellen, den ich für

schweres Geld gekauft habe und den Häuptlingen meines Stammes in seinen

nationalen Tänzen vorstelle! Die französischen Prinzen sind alle dick

wie Sie! Sie tanzen alle gut!«

»Sie halten mich zum besten!«

»Durchaus nicht!«

»Bedenken Sie doch, was Sie von mir verlangen! Ich, ein Baronet von

England, Mitglied des Hauses der Gemeinen, Chef eines der größten

Handelshäuser --«

»Diesen Herrn kenne ich nicht! Ich kenne nur meinen Sklaven Josuah, der

mir unbedingt gehorchen muß oder zu den Toten geworfen wird! Entweder

-- oder!«

»Mademoiselle, ich beschwöre Sie!«

»Gehen Sie, Sir Josuah, ich will nichts von Ihnen wissen! Wie oft

haben Sie mir nicht geschworen, Sie wollten mir zuliebe alles tun! Und

gleich den allerbescheidensten Wunsch schlagen Sie mir ab! Ich hätte

Indiens Schätze verlangen können und verlangte nur einen Tanz! Ich war

im Begriff, um Ihretwillen den einzigen Mann zu vergessen, den ich je

geliebt habe! Und Sie -- wollen meinetwegen nicht einmal die Beine

bewegen! -- Abscheulich! -- Sie sollten sich schämen!«

Und Sir Josuah schämte sich wirklich.

»Alles, was Sie wollen, will ich tun! Aber Sie verlangen das Unmögliche

von mir! Ich kann nicht tanzen!«

»Was man nicht kann, kann man lernen! Ich werde Sie unterrichten!

Keinen Widerspruch!«

»Wohlan denn! Aber ich werde nicht sehr gelehrig sein! Sie werden nicht

viel Freude an mir haben!«

»O doch! Sehr viel!« lachte Barberina, die sich den Spaß göttlich

vorstellte. »Und sollten Sie's wirklich nicht so weit in der Tanzkunst

bringen wie bis zum französischen Prinzen im Ballett, so will ich Gnade

üben und von Ihrer Mitwirkung in meinem schwarzen Ballett absehen! Aber

erst dann! Erst müssen Sie Ihren guten Willen zeigen --«

»Und dann?« fragte Sir Josuah sehnsüchtig und ergriff wieder ihre Hand.

»Dann will ich Ihnen erlauben, mir alles zu sagen -- was Sie mir heute

nicht sagen dürfen!« antwortete sie und entzog ihm die Hand.

»Und was werden Sie mir dann darauf antworten?«

»Tanzen Sie hübsch brav, Sir Josuah, und Sie werden mit der Antwort

zufrieden sein!«

Sie ließ den Worten einen ihrer betörendsten Blicke folgen. Und so kam

es, daß Sir Josuah die folgenden Tage in ihrem, ihr von ihm geschenkten

Landhause unter ihrer Leitung die schwersten Pas seines Lebens --

seine »Fauxpas«, wie sie sagte -- einstudieren mußte. Er vergaß darob

das ganze Parlament von England und versäumte gröblich sein ganzes

großes Handelsunternehmen, um seine Baronie, statt mit der ersehnten

Lordschaft, mit der vergoldeten Papierkrone eines französischen

Theaterprinzen von Geblüt zu schmücken.

Sie hatte ihre helle Freude daran, den verliebten alten Gecken wie

einen Tanzbären zu dressieren. Zu den Unterrichtsstunden mußte er in

vollem Habit antreten -- in engen seidenen Hosen, Spitzenjabot, Schuhen

mit brillantenen Schnallen und federgeschmücktem Dreispitz, das Gesicht

rot und weiß getüncht, die Haare gepudert und einen koketten Degen an

der Seite.

Als Zuschauer wurde nur der Mohr zugelassen, der auf der Laute den Tanz

begleiten mußte.

Sie mußte ihrem Schüler recht geben. Er hatte nicht das geringste

Talent, und was er leistete, grenzte ans Groteske. Aber sie hütete

sich, es ihm zu sagen. Es machte ihr Vergnügen, ihn zu quälen. Seitdem

er ihr triumphierend die Verhaftung ihres Geliebten mitgeteilt hatte,

haßte sie ihn mit der ganzen Glut ihres südländischen Temperaments.

Sie nahm sich vor, ihm den Kopf zu verdrehen und ihn vor aller Welt so

lächerlich zu machen, daß der alte Stuart genötigt sein würde, auf die

Verbindung zu verzichten.

Bald hatte sie ihn so weit.

Eines Tages, nach einem ermüdenden endlosen Studium der Gavotte -=à la

cour=-, blieb Sir Josuah mitten in einem Kompliment stehen und wischte

sich die von Schminke gefärbten Schweißtropfen aus dem Gesicht.

»Habe ich mich nun genug blamiert?« fragte er stöhnend.

»Noch nicht!«

»Ganz London lacht über mich!«

»Die ganze Welt muß lachen!«

»Sie wollen mich vernichten!«

»Ich will Sie lancieren, weiter nichts! Sie sind aber wie alle

Debutanten -- das Lachen macht Sie nervös! Freuen Sie sich doch! Wenn

man lacht, haben Sie Erfolg! Wenn Sie auf der Bühne stehen, werden

Sie's begreifen!«

»Auf der Bühne?! Das verlangen Sie auch noch?!«

»Als Beweis Ihrer Liebe, ja!«

»Fordern Sie jeden anderen Beweis! Treiben Sie's nicht zu weit! Sie

richten mich zugrunde! Man hält mich bereits für verrückt! Meine

eigenen Angestellten lassen es an der schuldigen Achtung fehlen! Wo ich

mich zeige, fängt man zu flüstern an! Wenn ich jemand anrede, wendet er

sich achselzuckend ab! Meine nächsten Freunde werfen mir vor, ich wäre

auf meine alten Tage ein Geck geworden! Und sie haben recht! Wie sehe

ich denn aus? -- Angestrichen wie die Fassade meines eigenen Landhauses

-- geputzt wie ein Affe! -- Ich, der einstige Stolz der City! Und

warum? -- Weil ich wahnsinnig in Sie verliebt bin -- weil ich an nichts

anderes denken kann als an Ihre schwarzen Augen -- weil ich ganz in

Ihrer Gewalt bin und dazu verdammt, jede Ihrer Launen zu befolgen!

Hätte ich nur das geringste davon, ich würde kein Wort sagen! Gern

opfere ich Ihnen alles! Aber Sie machen mir kaum Hoffnung! Sie zeigen

mir nicht die geringste Gegenliebe! Jetzt mache ich das nicht mehr mit!

Jetzt habe ich genug!«

Erschöpft von diesem Energieanfall, sank er auf einen Sessel nieder und

fächelte sich mit dem Hut Kühlung zu.

»Sie vergessen Ihren Eid, Sir Josuah!«

»Ich vergesse ihn nicht! Aber ich breche ihn! Ich erkläre Ihnen hiermit

in allem Ernst: wenn Sie sich nicht jetzt entschließen, die Meine zu

werden, so gehe ich und kehre nicht wieder, obwohl ich weiß, daß es

mein Tod sein wird!«

»Sie lieben mich also nicht?«

»Sie sehen mich hier in diesem Zustande und fragen noch? Sie haben

keinen Funken von Mitleid für mich und erst recht keine Liebe!«

»Sie können überzeugt sein, daß ich mit meinen Gefühlen für Sie im

reinen bin!«

»Wenn das wahr ist, müssen Sie mir jetzt eine Antwort geben.«

»Fragen Sie!«

»Gut! Ich frage Sie also: Wollen Sie von mir eine Jahresrente

von fünftausend Pfund annehmen? Wollen Sie in einem fürstlich

eingerichteten Hause in jeder erdenklichen Weise mit allem, was das

Leben angenehm macht -- als meine Geliebte residieren?«

Barberina blickte ihn unter den halbgesenkten Lidern prüfend an,

lächelte dann verschmitzt und fragte, als hätte sie gar nichts gehört:

»Sagen Sie mir, Sir Josuah, wo bleibt meine Schiffsladung von

Negerprinzen?«

»Sie ist unterwegs mit sämtlichen Stammbäumen und Ahnentafeln! -- Wo

bleibt aber die Antwort auf meine Frage?«

»Auch unterwegs!« lachte sie.

»Sie sind eine Kokette!«

»Mag sein! Damit Sie aber einsehen, daß ich auch mehr sein kann,

will ich Ihnen gleich in allem Ernst etwas sagen: Auf solche Fragen

antwortet die Barberina nicht!«

»Warum nicht?«

»Weil es unter ihrer Würde wäre!«

Sir Josuah sperrte den Mund auf. Eine Ballettdame und Würde?! Bei

fünftausend Pfund Jahresrente?! Seine Ehre als Krösus stand auf dem

Spiel!

»An mir soll's nicht liegen!« sagte er, nicht ohne einen leichten

Seufzer. »Wenn's sein muß, verdoppele ich die Jahresrente!«

Barberina blickte ihn kalt an.

»Ich wäre bereit«, sagte sie, »mich Lord Stuart ohne irgendeine

Zusicherung hinzugeben -- weil ich ihn liebe! Er könnte mir aber alle

Schätze der Welt anbieten, und ich würde doch nicht die Seine werden

-- wenn's gegen mein Gefühl wäre! Ich bin kein Kind mehr, das man durch

glitzerndes Spielzeug lockt. Ich kenne das Leben und weiß mit ihm

Bescheid!«

»Ich müßte Sie also zum Altar führen?!«

»Wenn ich überhaupt an eine Verbindung mit Ihnen dächte, wäre das der

einzige gangbare Weg!«

Sir Josuah kämpfte mit sich selbst. Das würde seiner Torheit die Krone

aufsetzen und ihn erst recht unmöglich machen! Er sah sich von aller

Welt gemieden, von seiner Familie als ein altersschwacher Tor kaum

noch geduldet, sah die Verbindung mit den Stuarts unmöglich gemacht,

die Lordschaft immer ferner gerückt. Aber es half alles nichts. Seine

Leidenschaft war unüberwindlich!

»Nun denn«, sagte er endlich, »so bitte ich Sie, meine Gattin zu

werden!«

Und somit hatte Barberina ihn da, wo sie ihn haben wollte, und konnte

ihm am eigenen Leibe zeigen, wieviel ein Eheversprechen wert war!

»Der Entschluß ehrt Sie«, sagte sie, »und verdient immerhin ernst

genommen zu werden. Ich will aber die Situation nicht mißbrauchen.

Überlegen Sie sich den folgenschweren Schritt erst reiflich, und wenn

es Ihnen Ernst ist, so kommen Sie in zwei Wochen nach Paris, wohin

ich morgen gehen muß, um mein Engagement anzutreten. Wenn Sie Ihr

Anerbieten dann wiederholen, so glaube ich Ihnen versichern zu können,

daß ich Ihnen zum Altar folgen werde!«

Sie reichte ihm die Hand, die er küßte.

»Bis dahin werden wir uns aber nicht mehr sehen«, sagte sie noch. »Ich

nehme jetzt Abschied von Ihnen!«

Sir Josuah versicherte ihr, daß er gar keine Zeit zur Überlegung

brauche. Sie könne ebensogern heute wie nach zwei Wochen »ja« sagen

und auch auf ihr Pariser Engagement ohne weiteres verzichten. Aber

sie war unerbittlich. Und er mußte ihr ihren Willen lassen. Seufzend

verabschiedete er sich, warf sich in seinen Wagen und fuhr nach London

zurück.

Und Barberina setzte sich an den Schreibtisch, um ihrem Beß zum ersten

Male seit der Trennung zu schreiben.

»Ungetreuer!

Nicht genug, daß Du ohne Abschied fortgingst -- keinen Gruß, keine

Zeile Deiner Hand ließest Du mir diese ganze lange Zeit zukommen! So

hast Du mich denn vergessen! Ich verlasse jetzt England, um in Paris

meine Kunst weiter auszuüben! Aber nicht auf lange Zeit -- denke ich!

Der recht ehrenwerte Sir Josuah Crichton hat mir die Ehe angetragen!

Und da Du wohl kaum etwas unternehmen wirst, um das zu verhindern,

wirst Du mich bald, statt als Deine Frau, als Deine Schwiegermutter

begrüßen können! Bis dahin lebe wohl!

Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen · 第 17 / 26 题