13
Seine Herrlichkeit Lord Stuart-Wortley-Mackenzie trat heute etwas
später als sonst seinen täglichen Spazierritt an.
Er zeigte seinem Sohn, der ihn begleitete, ein ungewöhnlich
aufgeräumtes Wesen und unterhielt sich lebhaft, fast freundlich, mit
ihm.
Der junge Lord war nicht wenig erstaunt darüber. Bis jetzt war er
gewohnt, von seinem alten Herrn mehr als ein notwendiges Übel behandelt
zu werden. Heute aber kam er sich vor, als sei er plötzlich ein gutes
und lohnendes Geschäft geworden -- ein reicher Gewinn im Spiel oder so
etwas!
Nach Beendigung des Rittes beliebte Seine Herrlichkeit einen andern
als den üblichen Weg einzuschlagen. Statt geradeswegs nach seinem an
der Südseite des Parks gelegenen Palais zu reiten, warf er sein Pferd
herum, lenkte es geradeswegs nach Piccadilly, bog in die Saint James
Street ein, kam nach Pall Mall, wo mehrere der reichen Kaufleute ihre
Wohnhäuser hatten, und hielt vor einem der reichsten und prächtigsten
an.
Ein wohlbeleibter, rotwangiger Hauswart in prunkvoller Livree trat auf
die Treppe heraus.
»Sir Josuah zu Hause?« fragte der Lord, stieg auf die bejahende Antwort
des Hauswarts vom Pferd, warf dem Groom die Zügel zu und betrat, von
seinem Sohn gefolgt, die geräumige, mit allerlei exotischen Trophäen
und Waffen geschmückte Halle.
Der Hofmeister, der ihnen auf der Treppe zur ersten Etage entgegenkam,
zeigte dem vornehmen Besuch unter vielen devoten Verbeugungen den Weg
und führte die Herren in die Bildergalerie, wo sie der Hausherr, der
sehr ehrenwerte Sir Josuah Crichton, Großreeder und Mitglied des Hauses
der Gemeinen, erwartete. Er empfing sie freundlich, aber würdevoll, und
stellte ihnen seine Tochter vor -- eine kleine, hübsche Blondine mit
dem üblichen, süßlich nichtssagenden Gesicht.
Die gebräuchlichen Phrasen über Wind und Wetter wurden gewechselt. Auch
erkundigte man sich, wie schicklich, nach dem derzeitigen Wohlbefinden.
Dann zogen sich die alten Herren auf Anregung Sir Josuahs nach der
Bibliothek zurück, um ihr »Geschäft« zu besprechen, und ließen die
beiden jungen Leute allein!
Das Geschäft betraf eben das Lebensglück jener beiden Menschenkinder,
die sich bis jetzt nicht gesehen hatten -- die aber, wenn die Herren
Väter einig wurden, ihre gegenseitigen Vorstellungen vom Lebensglück in
Einklang zu bringen haben würden -- ob's ihnen paßte oder nicht.
Zeit genug blieb ihnen dazu.
Denn die beiden alten Herren hatten gewichtige ideelle und materielle
Interessen gegeneinander abzuwägen. Sie waren beide darauf bedacht,
das Tauschgeschäft möglichst vorteilhaft zu gestalten. Und da ist ein
ehrlicher Kaufmann mit dem Anpreisen seiner Ware nicht im Handumdrehen
fertig! Seine Herrlichkeit gab sich auch redlich den Anschein,
möglichst wenig Interesse am Zustandekommen des Geschäfts zu nehmen.
Er schlug mit der Reitgerte den Staub von den Schößen seines
goldgestickten, grünen Rocks, legte sie nebst Hut und Handschuhen auf
den großen mit Büchern und Zeitschriften bedeckten Tisch, setzte sich
gravitätisch in einen großen Sessel und blickte etwas zerstreut den vor
ihm stehenden dicken Sir Josuah an, dessen kleine Äuglein ihm aus dem
hochroten, wohlgenährten Gesicht schlau entgegenblinzelten, indes er
sich vergnügt die Hände rieb.
»Sie finden mich hier, Sir Josuah«, begann Seine Lordschaft, »um die
zwischen uns schwebende Angelegenheit ein letztes Mal zu besprechen und
-- so oder so -- endgültig zu erledigen! -- Zunächst möchte ich Ihnen
eröffnen -- --«
»Ich bin ganz Ohr!« rief Sir Josuah lebhaft, zog einen Sessel näher
und setzte sich ebenso würdevoll zurecht. Aber beileibe nicht, um es
Seiner Herrlichkeit gleichzutun, sondern nur, um seine weiß gepuderte
Staatsperücke nicht gegen die Stuhllehne zu drücken. »Wenn Eure
Herrlichkeit also die Gnade haben wollen --«
»Sie wissen, daß das Haus der Stuarts von alters her zu den Stützen
der Torys gehört?! -- Mein Vater trat aus Überzeugung der Partei der
Whigs bei, was unserem Zweig des Hauses den Unwillen der ganzen übrigen
Verwandtschaft zuzog. Wir haben einiges darunter zu leiden gehabt!
Wir lassen uns aber nicht von unserer Überzeugung abbringen! Man
hofft es allerdings -- man gedenkt meinen Sohn wieder ins Torylager
hinüberzuziehen! -- Denn wenn der ältere Zweig ausstirbt, was sehr
bald zu erwarten ist, dann ist mein Sohn der Erbe des riesenhaften
Vermögens. Und das möchte die Partei der Torys, der ja mein Vetter
leider noch angehört, sich zunutze machen!
Das möchte ich verhindern. Ich will nicht nur ihn selbst fest an unsere
Sache ketten, ich möchte vor allem den Parteifreunden meines Vetters
schon jetzt möglichst klar zu Gemüte führen, daß sie in politischer
Hinsicht von uns nichts zu erhoffen haben. -- Sie verstehen, Sir
Josuah?«
Sir Josuah rieb sich die Hände.
»Gewiß, Mylord, ich verstehe, und ich freue mich über die
uneigennützige Treue Eurer Herrlichkeit unserer Partei gegenüber!«
Das Wort »uneigennützig« sprach Sir Josuah mit einer leichten
Anzüglichkeit aus, die Lord Stuart sofort in Harnisch brachte.
»Sie meinen das hoffentlich ernst, Sir Josuah?«
»Gewiß!«
»Schön! -- Ich hätte sonst die Unterredung abbrechen müssen! -- Geld
und Geldeswert haben bei den Entschließungen eines Stuart nie eine
Rolle gespielt! Ein Stuart war stets bereit, unter Hintansetzung aller
materiellen Vorteile dem Rufe der Ehre zu folgen! -- Wo Sie in der
Geschichte Englands hinblicken -- in der grauen Vorzeit -- bei den
Kreuzzügen, unter Wilhelm dem Eroberer -- in den Kämpfen der Roten und
der Weißen Rose -- bei der glorreichen Revolution -- überall sehen Sie
meine Ahnen das Banner ritterlicher Gesinnung hochhalten und ihr Blut
für die Ehre Englands vergießen! -- Unser Stammbaum wurzelt tief in der
Vergangenheit! Aus dem Clan der Stuarts sind Könige hervorgegangen! --
Unser Haus ist eins der wenigen, die, ohne den guten Geschmack und die
guten Manieren zu verlieren, die Periode der Heuchelei unter Cromwell
und seinen Rundhäuptern überlebt haben! -- Und wenn wir uns dann
entschlossen zu der Partei der Whigs schlugen, so war es keinesfalls,
um persönliche Vorteile einzuheimsen, sondern es geschah aus der
Überzeugung, daß bei den Whigs der Fortschritt liegt, und daß nur auf
dem von ihnen betretenen Wege die Größe und die Ehre Englands zu wahren
ist! -- Wenn Sie mich jetzt also bereit finden, in die Verehelichung
Ihrer Tochter mit meinem Sohne zu willigen -- --«
»Mylord verzeihen«, unterbrach ihn Sir Josuah, der sich durchaus nichts
vergeben wollte -- »Mylord verzeihen, wenn ich darauf aufmerksam zu
machen wage, daß eine solche für mich gewiß sehr ehrende Einwilligung
doch wohl vorher genau zu überlegen wäre!«
»Sie meinen?« -- Lord Stuart richtete sich in seinem Sessel auf. »Ihrer
Familie kann eine Verbindung mit dem Hause Stuart doch nur Ehre
bringen! Und was mich betrifft, so möchte ich nur bemerken, daß ein
Stuart nichts ohne reifliche Überlegung zu tun pflegt!«
»Ich bezweifle das durchaus nicht«, sagte Sir Josuah beschwichtigend.
»Aber trotzdem möchte ich Euer Herrlichkeit anheimstellen, sich
_=meine=_ Ahnen doch auch etwas näher anzusehen, ehe wir daran gehen,
unsere Stammbäume sozusagen in denselben Garten zu verpflanzen!«
»Sie belieben zu scherzen!«
»Durchaus nicht!«
»Wie soll ich das denn verstehen?«
»Beileibe nicht so, daß ich da irgendwie Vergleiche ziehen möchte!«
»Das will ich auch hoffen!«
»Wir haben es ja vorläufig nur bis zum Baronet gebracht! Mein Vater
war noch ein einfacher Gentry! Er hat sich nicht träumen lassen, daß
bereits ich mir einen Sitz im Hause der Gemeinen kaufen würde. Den
Luxus konnte er sich noch nicht gestatten! -- Für meine Person bin ich
denn auch am Ziel meines Ehrgeizes! Aber meinen Nachkommen möchte ich
noch nach Kräften den Weg ebnen! Und so sehr ich die _=Ehre=_ einer
Verbindung mit dem Hause Stuart schätze, die Vorteile, die sie realiter
mit sich bringt, sind mir, aufrichtig gesagt, bei dem Geschäft die
Hauptsache!«
»Sie schielen wohl bereits nach einem Sitz im Hause der Lords? Die
Krone eines Peers von England ist aber nicht um Geld zu haben!«
»Aber sie ist zu haben.«
»-=Par la grace de Dieu!=-«
»Die Gnade des Königs genügt mir! Und da reicht der Einfluß des Hauses
Stuart wohl bis an die Stufen des Thrones!«
»Der Einfluß unseres Hauses stand unseren Freunden und Verwandten stets
zur Verfügung! Also werden auch Sie mit ihm rechnen können -- hoffe
ich!«
»Für meine Person habe ich keine Wünsche! -- Ich habe aber einen Sohn!«
»Wenn Ihr Sohn sich ebenso wie sein Vater um England verdient macht,
findet er sicher den Einfluß meines Hauses auf seiner Seite! --
Übrigens aber wollten wir nicht von Ihrem Sohn, sondern von Ihrer
Tochter sprechen!«
»Ganz recht! Und nachdem ich Eurer Lordschaft Ansichten erforschen
und eine so befriedigende Erklärung entgegennehmen durfte, liegt
meinerseits nichts mehr im Wege, daß wir auch in dieser Beziehung die
Unterhaltung fortsetzen!«
Lord Stuart rümpfte die Nase! Die geschäftsmäßige Art gefiel ihm nicht.
Sir Josuah sah es, ließ sich aber nichts anmerken, sondern fuhr in
aller Gemütsruhe fort:
»Ich bin eben Nützlichkeitsmensch wie mein Vater und meine Vorfahren!
Und das ist _=mein=_ ganzer Stolz! -- Weit zurück reichen, wie ich
schon zu bemerken die Ehre hatte, bei uns die Ahnen von Geburt nicht!
-- Die haben wir uns erst geleistet, als sich auch bei uns die
Notwendigkeit einstellte, den von uns aufgebauten Teil des Wohlstandes
Englands auch nach außen hin mit dem gebührenden Glanz zu vertreten!
Aber unser Stammbaum ist darum nicht weniger alt! Er wurzelt genau so
tief in der grauen Vorzeit und in der Vergangenheit Englands wie der
Eurer Herrlichkeit!«
»Was Sie sagen!«
»Eurer Herrlichkeit Vorfahren schlugen sich für die Ehre und den
Glanz und hatten für anderes keine Zeit. Die Brosamen, die _=sie=_
verschmähten, sammelten _=meine=_ Ahnen ein, Krume für Krume. Das hat
lange gedauert! Dann aber -- als das erste Schiff gebaut werden konnte
-- dann ging's schneller. Der Heringsfang lohnte sich! Bald gingen
unsere Schiffe -- denn sie vermehrten sich rasch -- auf Robbenfang
aus, und jetzt hat unser anfangs so unansehnlicher Stammbaum tausend
Spitzen -- tausend Mastbäume --, die alle die Flagge Old-Englands über
die Meere tragen! -- Hunderte von Schiffen sendet meine Reederei heute
mit Gütern beladen nach allen Windrichtungen aus -- die meisten mit
Glück!«
»Ich weiß«, sagte Lord Stuart trocken. »Wenn Sie's für nötig halten,
dieses Thema zu berühren, so kann ich nicht umhin, zu sagen, daß Ihr
sonst gewiß sehr ehrenwertes Haus es sich wohl leisten könnte, auf
den Sklavenhandel zu verzichten! Mit Heringen und mit Robben kann man
handeln -- mit Menschen nicht! Sie kennen meine Ansichten in dieser
heiklen Frage?«
»Ich kenne sie und respektiere sie! Ich bin aber ein
Nützlichkeitsmensch, wie ich schon die Ehre hatte, zu sagen! Das Geld
ist mir gut, wo es auch herkommt! -- So lange Südamerika >schwarzes
Elfenbein< verlangt, wird die Ware beschafft; und da sehe ich nicht
ein, warum ich andern Leuten ein gutes Geschäft überlassen sollte, das
ich ebensogut selbst machen kann! Um so weniger, da die paar Schiffe,
die ich auf die Trade eingestellt habe, ebensoviel einbringen wie alle
die anderen zusammen!«
»Trotzdem sollten Sie damit aufhören!«
»Soll ich das so verstehen, daß Eure Lordschaft diese Forderung als
Bedingung aufstellen?«
Lord Stuart antwortete nicht.
»Ich würde auf die Bedingung nicht eingehen können«, sagte Sir Josuah
resolut. »Dank jenem schwarzen Elfenbein schloß ich im vorigen Jahre
mit einem Reingewinn von zweihunderttausend Pfund ab! Ich werde nicht
so dumm sein, auf das schöne Geld zu verzichten!«
»Sie wissen, daß unsere Partei eine Bill gegen den Sklavenhandel
eingebracht hat?«
»Ich weiß! Aber auch, daß es gewiß Jahrzehnte dauern wird, ehe eine
solche Bill Gesetz wird!«
»Ich hoffe doch nicht!«
»Ich schon! Aber wenn die Bill jemals Gesetz werden würde, _=davon=_
können Eure Lordschaft überzeugt sein, daß der derzeitige Chef des
Hauses Crichton & Co. sich dem Gesetze fügen wird!«
»Diese Versicherung beruhigt mich! Ich sehe, wir werden uns über den
Sklavenhandel einigen! Reden wir also weiter!«
»Dann möchte ich zunächst das gütige Anerbieten, auf Eurer Lordschaft
Besitz Mackenzie-Hill eine Hypothek begeben zu dürfen, mit Dank
annehmen!«
In den Augen Stuarts leuchtete es auf.
»Mackenzie-Hill muß ausgebaut werden«, sagte er zögernd. »Es soll der
Wohnsitz meines Sohnes nach seiner Verehelichung werden. Sie lassen
also die zwanzigtausend Pfund darauf eintragen?«
»Sobald wir im übrigen einig sind, liegt der Betrag zur Verfügung
von Eurer Herrlichkeit Gutsverwaltung. Meiner Tochter gebe ich
hunderttausend Pfund in die Ehe mit! -- Außerdem eine jährliche Rente
von zehntausend Pfund!«
»Wollen wir uns bei den Geldangelegenheiten nicht weiter aufhalten«,
sagte Stuart, um den Schein zu wahren. »Mein Haushofmeister wird das
alles mit Ihnen in Ordnung bringen! Es ist alles richtig so! Machen
Sie's nur, wie Sie soeben sagten! Sie werden es zu schätzen wissen, in
enge Beziehung zu unserem alten Hause zu treten!«
»So darf ich mir denn erlauben, Eurer Lordschaft Haushofmeister die
Dokumente zur Prüfung und Unterschrift zu geben?«
»Bitte, tun Sie das! Sobald er sie gutgeheißen hat, werde ich
unterschreiben, und die Sache ist in Ordnung!«
Während der Dauer dieser Präliminarien waren die beiden jungen Leute,
die durch jene Dokumente aneinandergekettet werden sollten, in der
Bildergalerie mit dem Studium ihrer werten Persönlichkeiten beschäftigt.
In sportlichen Angelegenheiten waren sie bald einig. Miß Betsy liebte
das Ballspiel ebenso leidenschaftlich wie der junge Lord »Beß«, wie er
in der Familie genannt wurde. -- -=In puncto=- Pferde waren sie auch
eines Sinnes und konstatierten mit beiderseitiger Genugtuung, daß die
Fuchsjagden auf den Gütern des Sir Josuah Crichton eine ebenso illustre
Gesellschaft zu vereinigen pflegten wie die Veranstaltungen Seiner
Lordschaft. An beiden hatten bereits Prinzen von Geblüt teilgenommen.
In der Poesie waren sie auch eines Sinnes, beide gleichbewandert in
den dichterischen Erzeugnissen, die zu kennen der gute Ton von ihnen
verlangte! -- Sie konnten überdies die alten Balladen rezitieren,
spielten beide vollendet die Laute und einigten sich bald darüber,
daß die Gavotte -=à la cour=- und das Menuett, wie sie am Hofe
des lebenslustigen Prinzen von Wales getanzt wurden, den steifen
altmodischen Tänzen am königlichen Hofe vorzuziehen seien.
Kurz: alle Bedingungen einer glücklichen Ehe waren vorhanden. Bis auf
eine Kleinigkeit. -- Miß Betsy hatte zu tief in die dunkelblauen Augen
eines jungen Landedelmannes geblickt und suchte in den hübschen Zügen
des jungen Lords vergebens nach dem hausbacken treuherzigen Ausdruck,
der ihr lieb geworden war, und von dem ihr Herz einzig und allein
eingenommen werden konnte! Und dem jungen Lord war wiederum _=sie=_
herzlich gleichgültig und ebenso uninteressant wie all die anderen
jungen Damen, die er kannte.
Was die würdigen alten Herren miteinander zu besprechen hatten, wußten
sie beide -- auch, daß sich daraus aller Wahrscheinlichkeit nach eine
Ehe zwischen ihnen ergeben würde! -- Daß das eine Sache war, die mit
der Liebe nichts zu tun hatte, wußten sie gleichfalls!
Dem jungen Lord war die Liebe nur eine modische Redensart, die ihm noch
nicht geläufig geworden war, und deren vergnügliche Seite er kaum erst
-=par renommée=- kannte! -- Insofern war er eine Merkwürdigkeit seiner
Zeit -- streng gehalten und noch jung an Jahren.
Sie war da weit gewitzigter! -- Ihr war das Eheproblem bereits bis zu
der Frage vorgeschritten: -- ob ihr zukünftiger Herr und Gebieter ihr
die Freiheit verstatten würde, auch als seine Gattin den ländlichen
Neigungen ihres Herzens zu folgen oder nicht? -- Eine Frage allerdings,
die vor der Trauung weder gestellt noch beantwortet werden konnte --
deren Lösung sie aber der ruhigen und höflichen, fast bescheidenen Art
des jungen Lords in für sich günstigem Sinne ohne weiteres entnehmen
zu können glaubte. Sie gedachte der Küsse ihres geheimen Verehrers und
ihres Treuschwurs, nur ihn zu lieben -- war aber im übrigen bereit,
sich als gehorsame Tochter dem väterlichen Entschluß zu fügen! -- --
In diesem Sinne verstattete sie sich sogar eine gewisse Annäherung,
führte ihren Zukünftigen aus der Galerie in den Palmengarten, zeigte
ihm ihre Papageien und Affen, lud ihn ein, auf ihrer Lieblingsbank
Platz zu nehmen und sang ihm da, zur Laute, das alte Lied »Robin Adair«
vor -- sang es mit viel Empfindung, und dachte dabei wehmütig an das
bitterböse Schicksal, das nicht jenem jungen Landedelmanne beschert
hatte, ein Lord zu sein -- den sie auch heiraten durfte!
»Treu und herzinniglich,
Robin Adair,
Tausendmal grüß ich dich,
Robin Adair,
Hab' ich doch manche Nacht
Schlummerlos zugebracht,
Immer an dich gedacht,
Robin Adair!
Mancher wohl warb um mich,
Robin Adair,
Treu aber liebt ich dich,
Robin Adair,
Mögen sie andre frein,
Will ja nur dir allein
Leben und Liebe weihn,
Robin Adair!«
So sang sie, und der junge Lord wurde dabei von einer ihm nicht recht
erwünschten Empfindung beschlichen.
Sie hatte ja eine ganz hübsche Stimme und sang mit viel Gefühl! -- Ihre
Augen wurden dabei feucht -- ihre Wangen glühten! -- Als wohlerzogener
Mensch konnte er nicht umhin, das Lied auf sich zu beziehen! -- Er
überlegte sich's schon in allem Ernst, ob er es nicht seinerseits auch
zu einer Annäherung kommen lassen müßte?! -- Ein Handkuß schien ihm
schon unumgänglich! -- Da, zum Glück, erschienen die beiden Väter, die
inzwischen einig geworden waren, und machten seiner Verlegenheit ein
Ende.
Das Lied -- das anscheinend intime Zusammensitzen der beiden -- alles
schien den alten Herren für eine glatte Abwickelung des Geschäfts zu
bürgen!
Schmunzelnd trat Sir Josuah auf seine Tochter zu, teilte ihr in aller
Form mit, daß Seine Herrlichkeit ihm die große Ehre erwiesen hätte, um
ihre Hand für seinen Sohn zu bitten, sowie, daß er seine Zustimmung
bereits gegeben hätte.
Seine Herrlichkeit hatte denn auch die Gnade, ihr die Stirn zu küssen
und sie als Tochter zu begrüßen, und zwar ohne sie um ihre Meinung zu
befragen. Er übergab ihr einen prachtvollen Schmuck, den er bereits
mitgebracht hatte, und legte dann ihre Hand in die seines Sohnes, der
sie gehorsamst annahm und sie formell küßte.
Nachdem Lord Stuart die ganze Familie Crichton auf den heutigen
Abend zum Diner geladen hatte, verabschiedete er sich, nahm den
frischgebackenen Bräutigam mit, schritt würdevoll, wie er gekommen, die
Treppe hinab, bestieg sein Pferd und ritt denselben Weg zurück.
Unterwegs regte sich im Busen des jungen Lords so etwas wie eine
Empfindung, daß auch er ein Mensch für sich sei! -- Im Hydepark
angelangt, beurlaubte er sich plötzlich von seinem gestrengen Herrn
Vater, dem er glaubte für heute genügend Gehorsam gezeigt zu haben! --
Er wollte sich noch in den Alleen des Parks ergehen und erst später
nach Hause kommen.
Der Groom nahm sein Pferd am Zügel und folgte dem alten Herrn nach dem
Palais. Und Lord Beß war endlich allein mit seinen Gedanken.
Er schlenderte durch den Park, ohne Ziel, sah zerstreut dem bunten
Treiben zu und bog dann, ermüdet von dem Trubel, in einen entlegeneren
Weg ein.
Die Bäume gaben hier mehr Schatten und gestatteten keinen weiteren
Ausblick. -- Die Wege schlängelten sich zwischen dichtem Gebüsch hin.
Die Großstadt war hier kaum zu hören. Weit und breit war kein Mensch zu
sehen.
Beß dachte nicht mehr an das soeben Erlebte. Er war froh, für einen
Augenblick dem Zwang entschlüpft zu sein, in dem sein gestrenger Herr
Vater ihn bis jetzt unnachsichtlich gehalten hatte.
Das heutige Ereignis hatte für ihn keine andere Bedeutung, als daß
er die Fesseln der väterlichen Beaufsichtigung mit denen der Ehe
vertauschen sollte! -- -- Ein notwendiges Übel nur war's, das eine
wie das andere, und keines Gedankens wert! Für den Augenblick fühlte
er sich frei wie ein Schuljunge, der sein tägliches Pensum absolviert
hatte! Und das war ihm die Hauptsache!
Er trieb sich ohne Ziel herum und war eben im Begriff, den Weg nach
Hause einzuschlagen, als er plötzlich laute Hilferufe hörte. -- Schnell
lief er nach der Richtung, aus der die Rufe kamen, und sah auf einem
Seitenweg eine junge Dame, die von zwei Männern fortgeschleppt wurde.
In der Nähe hielt ein verschlossener Wagen.
Eine Entführung also am hellichten Tage!
Er lief hinzu, so schnell er konnte, zog den Degen und schlug auf die
Bösewichter ein, die ihr Opfer sofort freiließen und, ohne sich zur
Wehr zu setzen, eiligst an den Wagen liefen, den Pferden die Zügel
gaben und in vollem Trab davonjagten.
Beß wandte sich der Überfallenen zu, die noch keuchend vor Aufregung
dastand.
Es war ein reich gekleidetes, etwas fremdländisch anmutendes junges
Mädchen von hohem, schlankem Wuchs. Mit der Leichtigkeit einer
Sylphide, und mehr schwebend als gehend, kam sie auf ihn zu und reichte
ihm die Hand.
»Mein Herr, wie soll ich Ihnen nur danken können«, sagte sie in
gebrochenem Französisch, mit einer Stimme, in deren sonorem, etwas
verschleiertem Klang der überstandene Schrecken noch nachzitterte. --
-- »Sie haben mir das Leben gerettet!«
Er stand da, stumm, ohne etwas sagen zu können, und hielt die kleine
Hand fest, deren kaum fühlbarer Druck ihn wie ein elektrischer Schlag
durchzitterte. Er blickte in ein Paar schwarze, wundervolle Augen,
deren Glanz noch von den Tränen erhöht wurde, er sah ein jugendliches
Gesicht, frisch wie ein Pfirsich, sah die roten, schön geschwungenen
Lippen bezaubernd lächeln und schloß die Augen, um nicht der Versuchung
nachgeben zu müssen, sie sofort zu küssen! -- Was sie ihm sagte, hatte
er nicht gehört, nur den Klang ihrer Stimme vernommen, der noch wie
liebliche nie zuvor gehörte Musik in ihm nachzitterte und ihn in süße
Aufregung versetzte.
So stark war der Eindruck, daß er, von einem plötzlichen Schwindel
gefaßt, wankte und sich an einen Baum stützen mußte.
»Mein Gott! -- Fallen Sie nur nicht in Ohnmacht!« lachte die
silberhelle Stimme wieder. »Man könnte ja denken, nicht Sie hätten
mich, sondern ich Sie gerettet!«
»Das haben Sie auch!« rief Beß mechanisch und wiederholte mechanisch
wie im Traum: »Sie haben mich gerettet! -- Sie haben mich gerettet! --
-- Gott sei Dank!«
Die Liebe war wie ein Blitz des Himmels in seine Seele gefahren und
hatte sein ganzes Wesen in Flammen gesetzt. Vor einigen Minuten noch
ein Traumwandler, der sich von fremden Mächten hin und her treiben
ließ, war er jetzt zum selbständigen Leben aufgewacht! -- Er sah den
Weg und empfand zum ersten Male voll das Glück, da zu sein.
Sie sah seine Aufregung und zog ihre Hand aus der seinen.
»Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet, mein Herr!« sagte sie
nochmals. »Mein Leben lang werde ich Ihre Schuldnerin sein! Ich darf
Sie aber nicht länger aufhalten!«
»Tun Sie's nur! -- Tun Sie's nur!«
»Ich habe Verpflichtungen, die ich erfüllen muß!« sagte sie. »Die Zeit
eilt! Wenn Sie aber Ihre Güte noch so weit ausdehnen möchten, mich zu
meiner Sänfte zu begleiten, wäre ich Ihnen dankbar!«
Ohne seine Antwort abzuwarten, legte sie ihren Arm in den seinen und
führte ihn, mehr als er sie, den Weg zurück von der entlegenen Stelle
des Parks zu dem Platz, wo ihre Sänfte wartete.
Viel zu kurz dünkte ihn der Weg. Ehe er recht zur Besinnung kam, hatte
sie sich verabschiedet, sich in die Sänfte gesetzt und den Trägern ein
paar Worte zugerufen. Und er stand da und blickte ihr groß nach und war
nicht sicher, ob die ganze Begebenheit ein Traum war oder nicht.
In ihm jubelte es aber auf! Und um ihn war die ganze Natur wie
verwandelt. Noch niemals hatte der Garten so strahlend schön dagelegen
-- niemals zuvor war die Luft so voll von Wohlgerüchen oder das Atmen
so leicht! -- Und das Zwitschern der Vögel gab nur das Echo zu dem
Aufjauchzen in seinem Innern, verstärkte es und trieb es zu einem
einzigen Aufschrei unbändigster Lebenslust.
Ein anderer Mensch, kam er nach Hause.
Die Fesseln waren abgefallen. Was ihn bis jetzt beengt hatte,
existierte nicht mehr, oder war unwesentlich geworden! Wo er hinsah,
sah er nur das liebliche Bild, das ihm soeben begegnet war! -- Wo er
hinhörte, hörte er nur den silberhellen Klang ihrer Stimme! -- Es war
ihm unmöglich, einem Gespräch zu folgen, und nur mit Mühe konnte er
sich so weit zusammennehmen, daß er auf direkte Fragen Antwort gab.
Das Diner verlief einförmig. Lord Stuart freute sich, daß sein
Sprößling -- wie er dachte -- darauf bestrebt war, die Würde
seines Standes zu wahren. -- Die junge Braut war entzückt von der
vielversprechenden Gleichgültigkeit, die ihr zukünftiger Herr und
Gemahl ihr zeigte, und tat in ihrem Herzen das Gelübde, ihn nie auf
andere Gedanken zu bringen.
Nur Sir Josuah war unzufrieden. Er fand seinen zukünftigen Eidam mehr
als löblich dumm und überlegte noch, wie er sein gutes Geld gegen diese
geistige Minderwertigkeit schützen sollte.
Aber das Essen war glänzend, die Weine ebenso. Und ehe man sich
trennte, hatte man sich schon dahin geeinigt, die beiden Neuverlobten
am nächsten Tag miteinander ins Theater zu schicken, damit sie sich so
allmählich näher kämen!
Sir Josuah hatte bereits eine Loge im Coventgardentheater genommen,
und man sollte die große Sensation der Saison, die Tänzerin Barberini,
sehen.
Am folgenden Nachmittag holte Beß seine Braut ab. Er kutschierte selbst
das Sechsergespann und machte erst eine Spazierfahrt in den Park, um
sich auch da mit ihr öffentlich zu zeigen.
Kurz vor Beginn der Vorstellung langten sie in Coventgarden an und
suchten ihre Loge im ersten Rang auf.
Die Vorstellung begann, und da Beß ebenso gleichgültig und zerstreut
war wie beim gestrigen Diner, so konnte seine Braut sich ungestört dem
Zuhören widmen!
Die Vorstellung schien dem jungen Lord endlos zu sein. Er konnte es
kaum noch abwarten, die junge Dame wieder nach Hause bringen zu dürfen,
und wäre gern sofort aufgebrochen. Aber sie schien Vergnügen an der
Aufführung zu finden. Und seufzend fügte er sich in sein Schicksal!
Endlich kam das Ballett.
»Haben Sie die Barberini schon gesehen, Mylord?« fragte die junge Dame,
um einmal ein Wort zu sagen.
»Nein!« antwortete Beß, errötete aber dabei, als hätte er eine Lüge
gesagt. Warum, war ihm unfaßlich, denn er glaubte die Wahrheit
gesprochen zu haben! Aber jenes Gefühl kam wohl nur davon, daß diese
ihm höchst gleichgültige junge Dame an seiner Seite ihn durch ihre
bloße Anwesenheit irritierte! -- Er wußte in ihrer Gegenwart kaum noch
mit sich Bescheid und wünschte sie im stillen dahin, wo der Pfeffer
wächst!
Der Vorhang ging auf und machte allem Fragen ein Ende.
Der Regisseur trat vor und teilte dem Publikum mit, das pantomimische
Ballett müsse leider heute ausfallen, da Demoiselle Barberini noch
unter den Folgen ihres gestrigen Unfalles leide! Sie würde heute nur
ein Menuett, einen schottischen Tanz und eine Tarantella tanzen und
ließe um die Nachsicht des Publikums bitten.
Das Parterre knurrte und schien nicht übel Lust zu haben, dem Regisseur
auch tätliche Antwort zu geben! -- Die Apfelsinenmädchen machten
reißende Geschäfte und sahen in kurzem ihre Körbe leer von den auch als
Wurfgeschoß beliebten Früchten.
Aber die Ankündigung, daß John Rich, der alte Liebling des Publikums,
als Ersatz einen »-=Saylor boys=-« und ein paar seiner Grotesktänze
zugeben würde, verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Unruhe legte sich, und
die Vorstellung konnte weitergehen.
Anfänglich blickte Beß kaum hin, sondern saß im Hintergrund der Loge,
in Gedanken vertieft, und die gingen alle zurück zu dem Gegenstand des
gestrigen Abenteuers, von dessen Lieblichkeit er noch ganz erfüllt
war. Schließlich aber glitten seine Blicke auch nach der Bühne -- und
da, von den wiegenden Rhythmen getragen, schwebte ihm eine Erscheinung
entgegen, bei deren erstem Anblick ihm alles Blut zum Herzen strömte.
Sie -- _=sie=_ war's!
Er hätte zu ihr hinunterspringen mögen, sich ihr zu Füßen werfen -- sie
in die Arme nehmen und forttragen -- irgendwohin, gleichviel wo, wenn
er sie nur den Blicken all dieser Leute zu entziehen vermöchte, die
sie mit ihrem Entzücken verfolgten, beleidigten, ja entweihten! Allein
wollte er sie anbeten, ihr in seiner Seele einen Tempel errichten, wo
sie allein herrschen sollte und er als ihr erster und einziger Diener
der Vermittler zwischen ihr und dem übrigen Leben auf dieser Erde sein
würde!
Er saß ganz still und wagte kaum zu atmen! Seine Blicke hingen wie
festgebannt an ihr. Jede Linie, jede Biegung des schmiegsamen Körpers
fesselte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt. -- Als sie aber wie
ein Schmetterling über die Bühne flatterte und fast in seine Loge
hineinfliegen zu wollen schien, da fuhr er auf und streckte die Arme
gegen sie aus. Und er hätte jenen Unhold, mit dem sie tanzte, ermorden
können, als er sie packte und mit seinem Raub davonstürmte.
Er schrie auf vor Wut ob der Beifallsstürme des Publikums!
Nur für ihn durfte sie da sein, nur für ihn tanzen! Ihm allein kam die
Anbetung und die Verehrung zu! Das schien ihm von allem Anfang an so
bestimmt! -- Der Himmel hatte sie ihm gesandt -- hatte ihr gegeben,
ihm die Augen zu öffnen, und zwar nur, um in ihr das Höchste und
Schönste im Leben zu verehren und daran selbst zur vollen Entfaltung
seines Selbst zu erblühen!
So heftig äußerte sich sein Unwille über die »Zudringlichkeit« des
Pöbels, daß es der Aufmerksamkeit seiner Gefährtin nicht entging. Um so
weniger, da sie selbst mit Eifer an den Beifallsäußerungen teilnahm.
»Sie mögen sie nicht?« fragte sie und blickte ihn erstaunt an. Und er,
der fürchtete, sich verraten zu haben, griff dankbar nach ihrer Deutung
seines Benehmens und antwortete mit einem bestimmten Nein!
»Das wundert mich«, sagte die junge Dame in geringschätzigem Ton.
»Ihresgleichen hat man, soviel ich weiß, noch niemals in London
gesehen! Sie ist ja ein Wunder von Anmut und Grazie und tanzt mit einer
Vollendung, die mich ganz entzückt!«
Zu dieser Belehrung schwieg Beß wohlweislich. Mehr als über deren
Inhalt freute er sich über den kühl überlegenen Ton, in dem sie
gegeben wurde! Und er nahm sich vor, sein möglichstes zu tun, um noch
mehr in ihrer Achtung zu sinken. Er war zu gut erzogen, um ihr zu
widersprechen, ließ aber auch kein Wort der Zustimmung laut werden.
Und das schon war in ihren Augen ein unverzeihlicher Mangel an der
schuldigen Galanterie.
Schweigend stand sie auf, ließ sich von ihm zum Wagen führen, sagte
unterwegs kein Wort und machte nicht Miene, ihn zu überreden, als er
die höfliche Einladung Sir Josuahs zum Souper ausschlug. Zum Erstaunen
ihres Vaters ließ sie ihn seines Weges gehen.
So waren sie bereits wegen Barberina entzweit, wenn auch in ganz
anderem Sinne, als es noch kommen sollte. Keinen Augenblick länger
mochte er in der Nähe eines anderen weiblichen Wesens weilen, am
allerwenigsten da, wo er zum Überfluß noch gebunden war.
Nach Hause mochte er aber auch nicht fahren.
Er wußte jetzt, wer seine Angebetete war -- er mußte aber auch mehr
wissen als den bloßen Namen. Und so entschloß er sich, trotz seines
Widerwillens gegen geräuschvolle Gesellschaften, zum erstenmal,
den Aufforderungen seiner jungen Standesgenossen nachzukommen, und
ließ sich nach einem Gasthaus fahren, wo die jungen Leute von Welt
zusammenzukommen pflegten.
Er wurde mit Begeisterung empfangen und sah sich bald als Mittelpunkt
eines Kreises junger Leute des höchsten Adels, die eine sehr angeregte
Unterhaltung führten, bei der ihre galanten Abenteuer hauptsächlich den
Gesprächsstoff abgaben.
Selbstverständlich wurde da auch der Name Barberinas genannt.
Allerdings mit einem gewissen Unterton von Enttäuschung! Denn keiner
der jungen Herren konnte sich rühmen, von ihr irgendeine Gunstbezeugung
erlangt zu haben. Und sie war schon die zweite Saison in London.
Man hatte sich alles mögliche über ihr Vorleben erzählen lassen. Der
junge Lord Albermale zeigte sich besonders gut unterrichtet -- er hatte
sein Wissen von Lord Arundel, der ihr in Paris -- wie man sagte --
nicht ohne Erfolg den Hof gemacht hatte! -- Er hatte sie sogar selbst
dort kennengelernt. Und wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn nicht
ihre plötzliche Abreise nach England ihm jede weitere Gelegenheit zu
einer Annäherung abgeschnitten hätte! Hier hielt sie sich ja hermetisch
abgeschlossen. Es sei aber ein gründliches Mißverständnis ihrerseits,
wenn sie dächte, dem englischen Geschmack dadurch entgegenzukommen, daß
sie sich zu einer Heiligen zu entwickeln suchte!
Man denke sich nur: -- eine Heilige, die, aus der Entfernung, mit den
Beinen predigte! Sie würde dem Himmel schwerlich Proselyten zuführen,
wenn sie sich nicht entschlösse, ihnen schon auf Erden eine Kostprobe
der Seligkeit zu geben!
Die lachende Zustimmung der übrigen verstummte, als zum allgemeinen
Staunen Lord Stuart für die gelästerte Schöne eintrat.
Er gebe nichts auf Verleumdungen -- er möchte Lord Albermale empfehlen,
auch diese Vorsicht walten zu lassen! Wer in der Öffentlichkeit
stünde und gar, wie die Barberini, ein Gegenstand der besonderen
Aufmerksamkeit des Publikums sei, entginge solchem Gerede niemals!
Es brauche deshalb nicht auf Wahrheit zu beruhen! Er sähe nicht ein,
warum eine junge Dame -- denn das sei die Tänzerin unzweifelhaft --,
warum sie nicht in Paris ebenso musterhaft gelebt haben sollte wie hier
in London! Auf das Gerede eines als eitlen Gecken und leichtsinnigen
Lebemann, wie Lord Arundel, bekannten Gentleman wäre nichts zu geben!
Und er könne Lord Albermale den Vorwurf nicht ersparen, wider besseres
Wissen diese, den Ruf einer jungen Dame kränkenden Gerüchte aus Ärger
wegen Nichterfüllung galanter Wünsche weiterzuverbreiten! Das wäre
zum mindesten nicht edel und vertrüge sich schlecht mit ritterlicher
Gesinnung! Er selbst wäre jederzeit bereit, für sie -- und zwar in
jeder Weise -- einzutreten! Er würde aber keinesfalls länger dulden,
daß über ihre Tugend und ihre Keuschheit lästerlich geredet würde!
Am allerwenigsten von jungen Leuten, deren persönliche Erfahrung
sie eigentlich zwingen müßte, ihr das glänzendste Tugendzeugnis
auszustellen, wenn ihre verletzte Eitelkeit sie nicht daran hindern
würde!
Diese ruhig, aber mit einer unter dem Ernst deutlich wahrnehmbaren
Leidenschaft vorgebrachte Rede Lord Stuarts bereitete der Fröhlichkeit
der jungen Dandys ein jähes Ende.
Alle blickten Lord Albermale an, dem es als Angegriffenem zukam, dem
jungen Herrn die gebührende Antwort auf seine Dreistigkeit zu geben.
Sie blieb nicht aus.
»Über die Tugend und Keuschheit der betreffenden jungen Dame hätte ich
längst aus eigener Erfahrung sprechen können, wenn nicht das unerbetene
Dazwischenkommen eines jungen Fants mich gehindert hätte!«
»Sie, Mylord, Sie waren es, der jenen Schurkenstreich gegen sie
plante?« rief Stuart -- »jene Entführung, die ich noch rechtzeitig
vereiteln konnte!«
»Ich war so frei«, sagte Albermale ruhig. »Aber auch ohne daß Sie
sich jetzt als unerbetener Retter zu erkennen gegeben hätten, würde
ich es nicht verabsäumen, von Ihnen volle Genugtuung für Ihre mich in
meiner Ehre verletzenden Worte zu verlangen! Ich empfinde aber die
Verpflichtung, Sie erst durch Tatsachen zu überzeugen! Ich will also
sofort den Beweis für die Wahrheit meiner Behauptungen führen!«
»Das wird Ihnen niemals gelingen!« rief Stuart heftig.
»Im äußersten Falle wird meine Degenspitze für das Gelingen zu sorgen
haben!« erwiderte Albermale ruhig. »Ich hoffe aber zuversichtlich, der
Mühe überhoben zu werden, einen jungen Edelmann, den ich sonst schätze
und achte, in solch empfindlicher Weise für einige unbesonnene Worte
zu züchtigen! Als Mann von Ehre werden Sie sich nicht versagen können,
die von mir gebotenen Beweise entgegenzunehmen und mir dann volle
Genugtuung zu geben!«
»Sie können überzeugt sein, daß ich Ihnen jede Genugtuung geben werde,
die Sie zu verlangen haben, soweit sie sich mit den Gesetzen der Ehre
verträgt! -- Es wird Ihnen aber nie und nimmer gelingen, mich zu
überzeugen!«
»Folgen Sie mir nur, und Sie werden eines anderen belehrt werden!
In Whites Schokoladenhaus wird zur Zeit von einem früheren Tänzer,
Fossano, Bank gehalten! Er weiß genau Bescheid über sie! Gehen wir zu
ihm!«
»Gehen wir!« -- riefen die anderen, denen die Abwechselung willkommen
war. Und Stuart folgte, obwohl mit Widerwillen. Denn auf das Zeugnis
derartiger Leute war seiner Ansicht nach nicht viel zu geben!
In Whites Schokoladenhaus trafen sie mit Spielern aus allen
Gesellschaftsschichten zusammen. Der Hochadel war zahlreich vertreten.
Söhne reichgewordener Kaufleute, die Beziehungen nach oben anknüpfen
wollten, suchten auf dem Nahweg durchs Spielhaus etwas rascher einige
Sprossen der gesellschaftlichen Leiter zu überspringen. Glücksritter
aller Nationalitäten, Spieler -=ex professo=-, machten sich die
Gelegenheit zunutze, den alten gefestigten Feudalbesitz zur Ader zu
lassen. Und die galanten Damen fehlten selbstverständlich auch nicht.
Es wurde viel und gut gegessen und getrunken -- das Eintrittsgeld war
auch danach bemessen. In einem größeren, dafür reservierten Saale
hatte der ehemalige Tänzer und jetzige Bankhalter seine Spieltische
aufgestellt.
Lord Albermale gelang es nach einigem Warten, mit seinen Freunden an
den Tisch heranzukommen, wo Fossano selbst Bank hielt. Sie stellten
sich ihm vor, nahmen Karten, und das Spiel begann.
»Auf Barberina!« rief Albermale übermütig und warf eine Handvoll
Goldstücke auf Pik-Dame.
»Vorsicht, Mylord!« lachte Fossano. »Eure Herrlichkeit werden
verlieren! -- Die Dame Barberina hat noch niemand Glück gebracht --
außer dem Bankhalter!«
Albermale verlor auch prompt. Die Pik-Dame echappierte mit seinem Gold!
»Ihr Zeuge läßt Sie böse im Stich, Mylord!« sagte Stuart trocken.
»Wieso?«
»Die von Ihnen benannte Dame hat doch eklatant gezeigt, daß sie für
Geld nicht zu haben ist!«
»Das hängt ganz vom Betrag ab!« tröstete Fossano, strich die verlorenen
Einsätze ein, zahlte aus, wo zu zahlen war, und gab neue Karten.
»Auf die Summe soll's mir nicht ankommen!« erwiderte Albermale und
warf eine ganze Börse hin. Er verlor nochmals.
»Ich wiederhole es, Mylord -- die Gegenliebe dieser Dame ist nicht für
Geld zu haben!« sagte Stuart noch nachdrücklicher. »Bei ihr ist der
Einsatz das Leben!«
»_=Der=_ Einsatz wird hier nicht angenommen!« entgegnete Fossano.
»Und -- bei ihr wird er auch nicht verlangt! -- Genügend Geld und gut
gemachte Gelegenheit waren bis jetzt alles, was nötig war!«
»Du lügst!« schrie Stuart, der auf einmal die Selbstbeherrschung verlor.
»Mein junger Herr, ich weiß nicht, wie Sie dazu kommen, mit mir in dem
Tone zu reden! -- Sie wissen von ihr nichts! Wenn irgendeiner, muß
aber ich mit ihr Bescheid wissen! Denn ich war ihr Lehrer! -- Ich habe
sie ausgebildet -- in der Kunst des Tanzens wie in all dem anderen!
-- Ich habe sie in die Welt eingeführt -- ich habe sie an den Hof von
Frankreich gebracht -- sie war meine Geliebte -- sie wurde vom Prinzen
von Carignan, von Lord Arundel und von vielen anderen ausgehalten -- --«
»Sie hören, Lord Stuart?«
»In der kurzen Zeit von zwei Monaten hatte sie schon vierzehn
Liebhaber, von denen man wußte!«
»Du lügst, du Hund von einem Falschspieler!« rief Stuart außer sich.
Und im Übermaß seiner Aufregung warf er den Tisch um, daß Geld und
Karten auf dem Fußboden rollten, zog den Degen und schwang ihn im
Kreise um sich herum.
»Wer noch ein Wort über sie spricht, ist des Todes!« schrie er.
»Ich fürchte den Tod nicht«, sagte Albermale ruhig, »und bin sicherlich
imstande, mich meines Lebens zu wehren, wenn's sein muß! Ich stehe
Ihnen zur Verfügung! Hier ist aber nicht der Ort, wo Edelleute ihre
Händel auszutragen pflegen! -- Wollen Sie nur die Güte haben, Ihre
Zeugen zu benennen. Ich werde desgleichen tun. Und das Weitere werden
diese Gentlemen dann vereinbaren!«
»Ich sende sie Ihnen«, sagte Stuart, »und hoffe, Sie schon morgen
bereit zu finden! Es geht aber auf Leben und Tod! Denn wer, wie
Sie, aus verletzter Eitelkeit die Ehre einer Dame durch den Schmutz
schleift, verdient kein Erbarmen!«
»Sie haben die Beweise gehört!«
»Das Wort jenes Glücksritters, der sein ritterliches Wappen Gott weiß
wo gestohlen hat, gilt mir nichts!«
»Reisen Sie nach Paris, junger Herr«, sagte Fossano, »überzeugen Sie
sich!«
»Und wenn ganz Paris und ganz London aufstünden, um gegen sie zu zeugen
und zu erklären, ihre Gunst genossen zu haben, so erkläre ich, Lord
Stuart, sie alle für Lügner und Betrüger! -- Diese Dame ist rein wie
ein Engel des Himmels! -- Ich brauchte ihr bloß ein einziges Mal in
die Augen zu blicken, um zu wissen: -- hier, in dieser Seele, wohnt
die Tugend, der kein Erdenschmutz etwas anhaben kann, wie nahe er ihr
auch kommt! -- Speit eure schmutzigen Verleumdungen über sie aus! --
Ertränkt sie in all dem Unrat eurer Seelen -- sie wird aus dem Schlamm
emportauchen wie ein Schwan, rein und makellos und ohne Flecken auf dem
weißen Gefieder! Zieht sie nur mit Gewalt zu euch hinab! _=Ihr=_ kann
das nichts anhaben -- sie bleibt keusch und unberührt trotz allem! --
Sie hat sich noch niemand wahrhaft ergeben, dafür setze ich die Ehre
meines Namens als Pfand ein und verteidige ihre Ehre mit meinem Leben!«
Und damit ging er.
Die anderen folgten. Gespielt wurde sowieso nicht mehr nach der
unliebsamen Unterbrechung. Fossano ließ Geld und Karten einsammeln,
rechnete mit seinen Markören ab und ging gleichfalls.
Er vergaß aber nicht, sich vorher Kunde zu verschaffen von Zeit und Ort
des bevorstehenden Zweikampfes, dessen Details Lord Albermale noch auf
der Stelle mit zweien seiner Freunde geordnet hatte.
Mit dieser großen Neuigkeit wartete er gleich am anderen Morgen der
Mama Campanini auf.
»Freut Euch, Signora!« rief er gleich in der Tür. »Eure Tochter wird
endlich auch hier in London ihren Weg machen!«
Die Mama sah von ihrem »Gebetbuch« auf, in das sie vertieft war,
und dessen Zahlenreihen sie eben zum soundsovielten Male zärtlich
beäugelt hatte. -- In so dichten Kolonnen marschierten sie nicht auf
wie in Paris. Aber immerhin mächtig genug, um dem Leben jeden Wunsch
abzutrotzen.
»Sie wissen doch, Signore --« begann sie von oben herab --
»Chevalier --« korrigierte er mit Nachdruck.
»Meinetwegen auch Marquis«, sagte sie trocken. »Auch wenn Sie sich
vergolden lassen, so ändert das nichts daran, daß wir Sie hier zu Hause
nicht zu sehen wünschen! Meine Tochter hat nicht den Willen, noch
irgendwie mit Ihnen in Berührung zu treten! -- Und da das Haus ihr
gehört, muß ich mich danach richten! Wir müssen unsere Geschäfte wie
sonst abwickeln!«
»Trotzdem konnte ich mir nicht das Vergnügen versagen, Ihnen heute die
große Neuigkeit brühwarm zu servieren! Und obwohl es nicht der Erste
des Monats ist, bringe ich Ihnen heute schon Ihren Anteil am Gewinn
mit!«
Er hielt ihr einen wohlgefüllten Beutel hin und ließ das Geld darin
klirren. Der Klang des Goldes verfehlte seine Wirkung nicht. Die Alte
nahm ihn, schüttelte ohne weiteres das Geld aus, zählte es durch und
trug die Zahlen in ihr »Gebetbuch« ein.
»Ihr solltet mir Euer ganzes Vermögen anvertrauen, Signora«, sagte
Fossano. »Bei mir verzinst es sich besser als in der Bank von England!«
»Mag sein!« antwortete sie. »Aber in der Bank von England liegt es
sicherer! Euch traue ich nicht über den Weg, das wißt Ihr! Gebe ich
Euch alles, so verschwindet Ihr auf Nimmerwiedersehen! Jetzt riskiere
ich nur das, was wir zur Not entbehren können, obwohl Ihr's eigentlich
gar nicht verdient, daß ich Euch irgendwie aushelfe!«
»Ihr verkennt mich, Signora«, lachte Fossano, »um Eure Hilfe ist's mir
nicht zu tun, wenn ich Euch etwas bei mir verdienen lasse! Ich empfand
so etwas wie Reue, als ich Euch das Anerbieten machte!«
»Ihr?!«
»Ja! Mein Dazwischentreten in Paris hatte die gewiß nicht beabsichtigte
Wirkung, Eure Tochter auf die Bahn der Tugend zu drängen! Ich hielt es
für eine Schrulle, eine augenblickliche Laune, als sie im ersten Ärger
mit allen ihren Adorateuren brach! Aber es scheint mir doch ihr Ernst
gewesen zu sein! Und so war es ja nur meine Pflicht, Euch den durch
mich verursachten Ausfall an Einnahmen wieder hereinbringen zu helfen!«
»An Eure gute Absicht glaube ich nimmermehr!« sagte die Mama, die jetzt
mit dem Nachzählen des Geldes fertig war. Sie stand auf, schloß den
Beutel in ihren Sekretär ein und wandte sich wieder an ihn. -- »Ihr
brauchtet eben mein Geld, um Eure Spielbank einzurichten!«
»Geld hatte ich genug!«
»Dann wolltet Ihr also nur mit uns in Verbindung bleiben, um Euch
gelegentlich an uns rächen zu können! -- Ihr haßt meine Tochter! Ihr
schreibt ihr Eure Niederlage in Paris zu, die Eurer Laufbahn als Tänzer
ein Ziel setzte! Ihr wollt nicht einsehen, daß Ihr fertig wart -- da
Ihr, alt und verbraucht, nur noch an Eurem großen Namen zehrtet!«
»Weder alt noch verbraucht! Wenn ich aufrichtig sein soll, ich hatte
die ganze Sache satt!«
»Ihr wart eben nicht mehr der erste! Ihr wurdet von meiner Tochter in
den Schatten gestellt, so ist es! Und nun, wo sie sich mit ihrer ganzen
Leidenschaftlichkeit ihrer Kunst widmet und ganz dem Vergnügen entsagt,
nun schleicht Ihr hinter uns her und sucht nur nach Gelegenheiten, uns
zu schaden -- oder wartet zum mindesten darauf, daß ihr ein Unglück
zustoßen wird, damit Ihr Euch freuen könnt!«
»Da brauche ich nicht lange zu warten«, lachte Fossano, »wenn, wie Ihr
sagt, das meine ganze Sehnsucht ist! Wenn nicht alle Zeichen trügen,
steht ihr jetzt etwas bevor, das ihr bald jede Lust an der weiteren
Ausübung ihrer Kunst benehmen wird! Nun bin ich aber nicht so bösartig,
wie Ihr denkt! Ich bin sogar gekommen, um ein Unglück zu verhüten!«
»Sieh nur!« sagte die Alte und blickte mißtrauisch zu ihm hinüber! »Das
schöne Märchen wollt Ihr mich glauben machen!«
»Hört nur zu! Der Galan Eurer Tochter -- --«
»Meine Tochter hat keinen Galan! Das wißt Ihr ebensogut wie ich!«
»Ich weiß jedenfalls: es war Euch sehr schmerzlich, daß sie vorgab,
allen galanten Abenteuern entsagen zu wollen! Sie macht das Geschäft
eben ohne Euch!«
»Ihr lügt!« rief die Signora empört.
»Warum sollte sie auch nicht?! -- Ihr könnt ihr ja doch nicht ewig
beistehen! Eure Tage sind gezählt! -- Sie muß sich beizeiten daran
gewöhnen, auf eigenen Füßen zu stehen! Sie macht es auch sehr geschickt
-- das muß man ihr schon lassen! Wenn nicht einmal Ihr etwas davon
gemerkt habt -- --!«
»Sagt mir's geradeheraus, was Ihr wißt!«
Fossano lächelte. Es machte ihm Vergnügen, sie zu quälen, und so zeigte
er gar keine Eile, ihre Neugier zu befriedigen.
»Daß Ihr getäuscht wurdet, wundert mich nicht!« sagte er. »Ein ganzes
Jahr in London, ohne daß Fama das geringste über ihr Leben zu berichten
wüßte! Das war gut gemacht! Und wie geschickt sie ihre Tugend in
Szene zu setzen wußte! Mit welchem Eklat! Kaum hier angelangt, hat
sie Gelegenheit, sich beim Feste des Prinzen von Wales einzuführen!
Alle Welt war gespannt, sie im »Urteil des Paris« zu sehen -- alles
wußte von der bekannten Vorstellung in Fontainebleau! Jener famose
Schönheitsfleck war auch hier schon zu einer gewissen Berühmtheit
gelangt! Seine Königliche Hoheit selbst war äußerst gespannt -- die
Pantomime stand auf dem Programm des Abends -- -- und sie weigert sich,
nackt zu tanzen! -- Sie versteift sich darauf, nur ihre italienischen
Bauerntänze vorzuführen! Alles war schokiert! Ganz London sprach
monatelang von nichts anderem als von ihrer Kühnheit, einen Wunsch
von so hoher Stelle zu ignorieren! Ihr Ruf war gemacht -- aber ihre
Karriere bei Hofe war hin! Auch hier! Und Ihr weintet! Leugnet es
nicht! Blutige Tränen habt Ihr geweint! Obwohl der Prinz von Wales so
gnädig war, sie nur durch ein kostbares Geschenk dafür zu bestrafen,
weil sie das nicht zeigen wollte, wodurch sie den allerchristlichsten
König in solche Aufregung versetzt hatte!«
»Wir können den Hof von England entbehren!« sagte die Mama und setzte
die Nase hoch.
»Saure Trauben! Das kennen wir! Euch wäre der Hof von England schon
recht! Obwohl ich nicht leugnen will, daß man hier in England
Künstlerinnen ihres Ranges so gut bezahlt, daß sie königliche
Gnadengeschenke entbehren können!«
»Ihr erkennt also ihre große Künstlerschaft doch an!«
»Ohne weiteres! Sie hat gut an sich gearbeitet! Sie ist eine große
Künstlerin geworden! Ihre Leistungen sind über jede Kritik erhaben!
Aber es war stets etwas in ihrem Tanze, wovon sie heimlich getrieben
wurde! Ich habe sie genau beobachtet! Sie schien mir jemand zuliebe
zu tanzen, dessen Bild sie insgeheim im Herzen trug! Das gab ihr die
Schwungkraft, das gab ihr den Sieg! Ohne das kann sie nun ein für
allemal nichts! Das weiß ich! Auf die Art habe ich sie doch abgerichtet!
Wer dieser Jemand wäre, gelang mir bis jetzt nicht zu ermitteln! Seit
gestern aber weiß ich's! Weiß aber auch, daß sie Gefahr läuft, ihn
zu verlieren! Und da ist es auch um ihre Kunst geschehen! Um das zu
verhüten, bin ich eben hergekommen -- --«
Er schwieg. Denn vor ihm stand Barberina, die im Nebenzimmer seine
letzten Worte gehört hatte und nun hereinkam.
»Ich glaube schon«, rief sie, »daß Ihr hinter mir her seid, um
Nachteiliges zu erkunden und weiterzuverbreiten! Wenn Ihr aber glaubt,
irgendwelche geheimen Beziehungen aufgespürt zu haben, die mich fesseln
würden, so seid Ihr im Irrtum!«
»Sollte es möglich sein?« lachte Fossano gallig. »Sollte es wirklich
möglich sein?! -- Zwei Sprossen der edelsten Geschlechter Englands
stehen im Begriff, Euretwegen die Klingen zu kreuzen -- und Ihr wüßtet
nichts davon?! Ihr wollt den Mann nicht kennen, der sein Leben zur
Verteidigung Eurer Ehre einsetzt?!«
»Meine Ehre verteidige ich selbst! Niemand gab ich den Auftrag, für
mich einzutreten! Ich wüßte auch nicht, wer sich erdreisten könnte, so
aufdringlich zu sein!«
»Ganz London weiß es -- und Euch sollte es unbekannt sein?!«
»Ich sag's ja, ich weiß von nichts! Es interessiert mich auch nicht im
geringsten! Meinetwegen können sich die jungen Dandys hier die Nasen
gern abschneiden, wenn sie nichts Besseres zu tun wissen!«
»Sonderbar!« sagte Fossano, der nicht umhin konnte, zu merken, daß sie
die Wahrheit sprach. »Soll ich den Namen jenes jungen Herrn nennen?«
»Mir ist's gleich! Wenn's Euch aber ein Vergnügen macht --!«
»Es ist der junge Lord Stuart-Wortley-Mackenzie!«
»Ich kenne ihn nicht!« sagte sie kalt. »Auch der Name ist mir völlig
unbekannt!«
Fossano blickte sie staunend an.
Das ging doch über alle Begriffe! Die Leidenschaftlichkeit des jungen
Lords konnte doch nur einer persönlichen Bekanntschaft entspringen! Er
schüttelte den Kopf.
»Seine eigenen Worte bezeugen mir aber, daß er Euch gesehen hat, und
zwar nicht nur aus der Ferne!«
»So führt ihn her, damit ich ihn der Lüge zeihen kann!« rief Barberina
entrüstet.
»Das steht nicht in meiner Macht! Wohl aber kann ich Euch dort
hinführen, wo der Zweikampf stattfinden wird, damit Ihr in der Lage
seid, das Unglück zu verhindern!«
»Das interessiert mich nicht! Den Platz mögt Ihr mir aber nennen! Denn
jener Lüge möchte ich entgegentreten und ihr ein für allemal den Garaus
machen! Für Eure Begleitung aber danke ich!«
Fossano gab die verlangte Auskunft und ging.
Und Barberina ließ ihre Sänfte kommen, warf eine Mantille um und begab
sich dann schnurstracks ohne jede weitere Begleitung an Ort und Stelle!
An einer der entlegensten Stellen des Hydeparks, an einem kleinen,
verlassenen, von Efeu überwachsenen Hause, das seit alters her da stand
und als pittoreske Ruine belassen worden war, ließ sie halten. Sie
kannte die Ruine. Sie hatte sie bei ihren Spaziergängen oft aus der
Ferne gesehen, war aber noch niemals hingegangen, da jener Teil des
Parks von umherstreichendem Gesindel besucht wurde und als unsicher
galt.
Hinter dem Hause hörte sie Stimmen und Waffengeklirr.
Sie war also nicht zu früh gekommen! -- Wer weiß, vielleicht schon zu
spät?!
Sie eilte um das Haus herum.
Auf dem offenen, nach allen Seiten von hohen Bäumen umschlossenen
Rasen sah sie im Sonnenscheine zwei jugendliche Gestalten ohne
Röcke und Hüte, die mit leichten Degen nach allen Regeln der Kunst
gegeneinander fochten. Ein Sekundant stand mit dem Degen bereit, den
Kampf abzubrechen -- ein anderer, die Uhr in der Hand, zählte die
Minuten. Ein Waffengang wurde eben beendigt. Aus dem Hemdärmel des
einen Kämpfers tröpfelte Blut!
»Macht nichts!« rief er und grüßte den Gegner mit dem Degen. »Bis zur
Kampfunfähigkeit, Mylord -- so lautete die Bedingung! Ich bin noch
lange nicht fertig!«
»Wie Sie wollen«, sagte Lord Albermale ruhig. »Ich dachte aber, der
Denkzettel genüge! Sie sind auch nicht ruhig genug, mein Lieber! Sie
machen es mir gar zu leicht! Aber wie Sie wollen!«
Er stellte sich in Positur, der Sekundant hob seinen Degen, der Kampf
begann wieder.
Barberina, die von der Mauerecke aus den Vorgang beobachtet hatte, lief
jetzt kurz entschlossen hinzu. -- Ohne die Gefahr zu bedenken, lief sie
in die gekreuzten Degen hinein, faßte die Klingen mit beiden Händen und
bog sie auseinander.
Die beiden Gegner ließen in der Überraschung die Griffe los, und
Barberina blieb so zwischen ihnen stehen, die Degen in den Händen.
»Entwaffnet!« rief sie übermütig lachend.
»Sie, Mademoiselle?!« rief Albermale. »Mein Kompliment! -- Der Coup
war ausgezeichnet! -- Welchem glücklichen Zufall verdanken wir diese
angenehme Überraschung?«
»Keinem Zufall, Mylord«, antwortete sie und warf einen schnellen
Blick auf den anderen Kämpfer, der wie ein ertappter Schuljunge
dastand. »Man hatte mir mitgeteilt, daß diese Auseinandersetzung
meiner Wenigkeit galt, und da war ich so frei, mich auch zur Stelle zu
begeben! Mich dünkt, ich habe da ein Wort mitzureden!«
»Gewiß, Signorina«, sagte Albermale. »Ich gestehe Ihnen ohne weiteres
das Recht zu! -- Obwohl die Auseinandersetzung einen mehr -- wie soll
ich sagen -- rein akademischen Charakter hat!«
»Wie soll ich das verstehen?« fragte sie scharf und bog die dünnen
Klingen in ihren Händen.
»Sehr einfach! Es handelt sich um Ihren Tanz!«
»_=Nur=_ um meinen Tanz, will ich hoffen? -- Nicht auch um meine
Person?«
»Ihre Person ist von Ihrem Tanz untrennbar, Mademoiselle! Sie erfüllen
Ihren Tanz mit so viel Poesie -- mit so viel Reiz der Persönlichkeit --
kurz, Sie sind so entzückend --«
»Auf Komplimente verstanden Sie sich immer gut, Mylord! Das sah
ich schon in Paris! Ich wußte aber nicht, daß Sie solchen leicht
hingeworfenen Nichtigkeiten mit der Waffe Nachdruck zu verleihen
pflegen!«
Albermale biß sich auf die Lippen.
»Geradeheraus gesagt, Mademoiselle -- es handelt sich um Ihre
Tirolienne, die Sie neulich tanzten!«
»Wirklich?«
»Ich hatte die Kühnheit, zu behaupten, daß Sie die Erotik, die in jenem
Tanze steckt, mit einer Vollkommenheit zum Ausdruck bringen, daß einem
dabei Hören und Sehen vergeht!«
»Sie sind sehr kühn!«
»Sie hatten selbst eine Aufklärung gewünscht! Ich kann Ihrem Befehl
nur so nachkommen, daß ich Ihnen die mir von Ihren Tänzen eingeflößten
Empfindungen getreulich wiedergebe! -- Lord Stuart dagegen -- aber Sie
kennen ihn doch?«
»Ich hatte noch nicht den Vorzug!« sagte Barberina, die wohl ihren
Retter von neulich erkannte, aber sich hütete, es zu verraten. Sie
grüßte ihn mit einer knappen Neigung des Kopfes und blickte ihm mit so
viel schelmischer Unbefangenheit in die erstaunten Augen, daß der arme
Beß den Kopf gänzlich verlor.
»So gestatten Sie denn, daß ich ihn Ihnen vorstelle?« sagte Albermale,
dem es doch zu bunt wurde, daß der junge Mensch wirklich rein
»akademisch«, wie er dachte, für eine ihm gänzlich Unbekannte sein
Leben in die Schanze schlug. »Lord Stuart neigte mehr zu der Ansicht,
daß in jener Tirolienne, die Sie mit so viel Anmut zu tanzen pflegen,
eine Apotheose der Tugend und der Keuschheit zu sehen sei -- ja, daß
es Ihnen überhaupt unmöglich sei, etwas anderes auszudrücken! Unsere
Ansichten waren eben nicht in Einklang miteinander zu bringen! So
mußten denn die Waffen entscheiden!«
»Mylord«, sagte Barberina spitz, »Ihre Darstellung entbehrt nicht der
Pikanterie! Ich verstehe wohl den Ernst, der sich dahinter verbirgt,
von dem Spiel der Worte zu unterscheiden! Ich möchte auch weder gegen
die eine, noch gegen die andere Auffassung meine Stimme erheben! Es
steht Ihnen ja frei, meine Herren, meinem Tanze all die Empfindungen
abzugewinnen zu suchen, die Ihnen eben geläufig sind! Das ist stets
die Angelegenheit des Publikums und geht die Tänzerin nichts an! Ich
bemühe mich nur, nach bestem Können den Empfindungsgehalt des Tanzes
bildlich darzustellen und bin gern bereit, neben der Stimme meines
Gewissens auch ein sachverständiges und parteiloses Urteil zu hören!
Über meine _=Person=_ aber, die, wie Sie, Mylord, so richtig sagten,
von meinem Tanz untrennbar ist, gestatte ich keinem fremden Urteil so
laut zu werden, daß es mein Ohr berührt! Das entspricht nicht meinen
Gepflogenheiten! Sowohl gegen Angriff wie gegen unerbetene Verteidigung
meiner Person werde ich mich zu wehren wissen! Sie, meine Herren, haben
gar kein Recht, um meiner Person willen handgemein zu werden! Sie
werden also sicherlich nichts dagegen haben, meinen Wunsch zu erfüllen
und von jeder Auseinandersetzung mit den Waffen aus diesem Grunde
Abstand zu nehmen!«
Sie blickte die beiden Kämpfer an, die noch unschlüssig dastanden, und
brach in ein helles Lachen aus, in das sie -=nolens volens=_ einstimmen
mußten.
»Geben Sie sich die Hände zum Frieden!« rief sie übermütig, »sonst --
ich schwöre es -- tanze ich nie wieder, weder Tirolienne noch irgend
etwas anderes!«
»Großer Gott«, lachte Albermale, »dies Unglück muß verhütet werden! Um
jeden Preis! -- Mylord Stuart -- da meine Hand! Ich nehme alles zurück!
Ich gebe mich besiegt und bitte Sie um Entschuldigung!«
»Die nehme ich gern an«, sagte Stuart, dem die Situation peinlich
wurde. »Ich bitte Sie ebenfalls, meine beleidigenden Worte zu
vergessen!«
Er nahm die dargebotene Hand an.
»So ist's recht«, sagte die triumphierende Schöne. »Und nun, da der
Friede geschlossen ist, werde ich mich entfernen! Diese Trophäen
aber« -- sie hob die Degen hoch -- »nehme ich mit als Wahrzeichen der
Versöhnung und als Erinnerung an den Kampf!«
»Unsere Degen wie unsere Herzen legen wir Ihnen zu Füßen, Mademoiselle
--«
»Dann werde ich aber auch nie wieder tanzen können! Denn ich möchte
weder meine Füße verwunden noch Ihre Herzen zertreten!«
»Mein Herz hält etwas aus!« rief Albermale. »Versuchen Sie's nur ruhig!
Überlegen Sie sich's nicht erst lange!«
»Ich werde es mir sehr überlegen!« sagte sie spöttisch. »Ich glaube
sogar bestimmt versichern zu können, daß jener Tanz für mich gar keinen
Reiz haben wird! Ich verzichte -- das wird schon das beste sein!«
Und wie sie gekommen war, so verschwand sie und ließ die überraschte
Gesellschaft stehen.
Lord Albermale und seine Freunde verabschiedeten sich von Stuart, der
noch träumend dastand und der verschwundenen Erscheinung in Gedanken
nachging.
Er hörte nicht die Aufforderung seiner Freunde, mitzukommen. Ihre
spöttischen Bemerkungen drangen nicht bis an sein Bewußtsein. Er merkte
nicht, daß er allein auf dem Platze blieb, und daß es still um ihn
wurde.
Er liebte -- er hatte für sein Liebstes das Leben gewagt! Und er würde
es noch tausendmal wagen! Gegen eine ganze Welt wollte er das Heiligtum
verteidigen, das er in seinem Herzen aufgebaut hatte! Nichts -- auch
nicht, daß sie selbst sich es als eine Zudringlichkeit verbat, konnte
ihn davon abbringen!
Mechanisch ging er seines Weges, und, war's Zufall, war's Absicht --
seine Schritte führten ihn langsam nach der Gegend des Parks, wo er sie
zum ersten Male gesehen hatte.
Barberina dagegen, kaum, daß sie in der Sänfte saß, fühlte so etwas wie
Reue.
Jener junge Mann, mit dem sie kaum ein Wort gesprochen hatte, dem sie
nur einmal begegnet war -- der sie aus großer Gefahr gerettet hatte,
er war der Verleumdung, der üblen Nachrede der Welt entgegengetreten!
-- Ohne Bedenken hatte er für ihren guten Namen sein Leben eingesetzt
und sein Blut vergossen! Er hatte sie von dem Schmutz, in dem sie
versunken war, mit seinem Blute reinwaschen wollen! -- Niemals hatte
sie sich vorher einen Gedanken über ihr Leben gemacht, sondern es
hingenommen als etwas Selbstverständliches, als ein ihr obliegendes
Lebensschicksal! -- Jetzt aber gingen ihr die Augen dafür auf, wie
elend ihr ganzes Dasein bis jetzt gewesen war, und auch dafür,
wie unwürdig sie sei, jenes große, ihr von dem reinsten Empfinden
dargebrachte Opfer anzunehmen!
Und wie hatte sie ihm dafür gedankt?
Aber wollte sie Herrin ihrer selbst bleiben, so hatte sie nicht
anders sprechen können! Sie hatte eben so gesprochen, wie ihr der
Schnabel gewachsen war, und die jungen Dandys ob ihrer Dreistigkeit
zurechtgewiesen! Denn eine Dreistigkeit war's, das eine wie das andere!
Weder hatte Albermale den geringsten Grund, schlecht von ihr zu
sprechen, noch hatte sie Lord Stuart zu ihrem Retter erkürt!
Sie hielt inne.
Nicht sie -- aber das Schicksal, das sie zusammengeführt hatte, hatte
ihn erkürt! Er war im Recht! Sie sah noch seine großen erstaunten
Augen, als sie sich seine Verteidigung verbat -- die er als seine
heiligste Pflicht empfunden hatte! Sie sah, wie er sie nicht verstand
-- sah unermeßliche treue Liebe in seinen Blicken -- sah, was mehr war
-- den Glauben an sie, trotz allem!
Und wie hatte sie's ihm gedankt?!
Sie zog die Schnur und ließ die Sänfte halten, stieg aus und wollte
zurück zu ihm, wollte ihm sagen, wie wenig sie solche Verehrung
verdiene, und ihn um Verzeihung bitten!
Sie eilte rasch den Weg vorwärts. Da, fast auf derselben Stelle, wo er
sie vor einigen Tagen gerettet hatte, sah sie ihn kommen, langsam und
traumverloren!
Sie eilte auf ihn zu, und mit der ganzen Glut der Südländerin umschlang
sie ihn, küßte seine Augen, die sie so vorwurfsvoll angesehen hatten,
küßte ihn, glühend heiß, mitten auf den Mund!
Ehe aber der Überraschte die Besinnung wiederfand, ehe er sein Glück zu
fassen vermochte, war sie fort, schneller als Sie gekommen war! Er sah
nur noch ihre Sänfte an der Biegung des Weges verschwinden.
In der Sänfte aber saß sie in einer Ecke zusammengekauert, das
Taschentuch an die Augen gepreßt, und schluchzte, als ob ihr das Herz
brechen wollte.
14
Sie war plötzlich zum Leben erwacht. Und es war ihr, als hätte sie bis
jetzt nur geschlafen und geträumt -- wüst geträumt!
Was sie bis jetzt erlebt hatte, war kein Erlebnis! Was sie gehofft
hatte und immer noch hoffte, war keines Gedankens wert!
Vom Strome getrieben, hatte sie sich willenlos hin und her zerren
lassen, bald von diesem, bald von jenem Strudel angezogen! Jetzt fühlte
sie zum ersten Male so etwas wie festen Boden unter den Füßen! Sie
hatte etwas gefunden, woran die Wurzel ihres Wesens sich anklammern,
wachsen und erstarken konnte!
Die Sonne schien ihr zum erstenmal bis in die Seele hinein! -- Sie
fühlte die Wärme des Lebens in sich pulsieren! Alle Triebe erwachten
und drängten zur Entwickelung! Die Seele, deren Knospen die äußere
Gewalt roher Hände bis jetzt gewaltsam beschleunigt hatte, auf die
Gefahr hin, sie noch vor der Entfaltung völlig zu vernichten -- ihre
arme, getretene Seele trieb jetzt selbst zur Entfaltung! Die äußere
vergewaltigte Hülle fiel! Und rein und unberührt, in voller Unschuld,
trotz alles Schlamms, durch den sie emporgetrieben war, entfaltete
sich die Blume ihres Seelenlebens, in tausend Farben des reichsten
Empfindens schillernd und stark und lieblich duftend!
Die große Liebe war da und hob sie mit ihrer Allgewalt aus dem
Sumpf. Und alles, was ihr bis jetzt das Leben gewesen war, wurde
ihr gleichgültig! Ohne Bedenken wollte sie es wegwerfen, nie wieder
auftreten, nie wieder tanzen, sich ganz vom Getriebe der Bühne
zurückziehen!
Sie sah nur ein Paar tiefblaue Augen, die sie anblickten -- naiv, groß
--, wie wenn ein Kind in einen bunten Traum hineinblickt! Sie hörte nur
den Klang einer tiefen, sonoren Männerstimme -- sie empfand die ganze
Jugendfrische eines Heldentums, das sich ohne Bedenken bereit fand, um
ihretwillen alles von sich zu werfen und, ohne Rücksicht auf Familie,
Namen oder das Gerede der Welt, aus Liebe zu ihr sein Leben für sie
einzusetzen!
Psyche war wieder frei!
Aber die Wandlung war zu schnell gekommen! Die Fesseln waren gelöst,
aber sie lagen noch zu ihren Füßen. Sie sah sie noch -- sah ihr
bisheriges Leben --, sah, was ihr unwiederbringlich verlorengegangen
war und wie man an ihr gesündigt hatte! -- Sie war wieder frei. Aber
die Schwungkraft ihrer Flügel erlahmte! Vom jähen Glück wie vom Unglück
gleichermaßen erschüttert, brach sie zusammen!
Ein heftiges Nervenfieber warf sie nieder und fesselte sie für Wochen
ans Krankenlager. Die »Mama« war wie verwandelt. In ihr erwachte so
etwas wie böses Gewissen. Die Gefahr, in der die Tochter schwebte,
hatte es geweckt. Sie sah, wie schwer sie sich aus Eigennutz an
ihrem Kinde versündigt hatte, und gelobte dem Himmel, nie wieder ein
männliches Wesen an sie heranzulassen, wenn es ihr bloß vergönnt würde,
sie dem Leben zu erhalten! Sie nahm die berühmtesten und teuersten
Ärzte, streute ihr Geld mit vollen Händen aus -- alles umsonst!
Jäh, wie Barberinas Gestirn emporgeschnellt war, war es auch vom
Firmament verschwunden.
Ganz London interessierte sich für ihr Schicksal. Die tollsten Gerüchte
wurden in Umlauf gesetzt, man glaubte nicht an ihre Krankheit, und die
Theaterleitung hatte dem Publikum gegenüber einen schweren Stand.
Das Fieber ließ nicht nach. Barberina wurde täglich schwächer und
schwächer, ihre Fieberphantasien immer verworrener.
Der junge Lord Stuart suchte vergebens zu ihr zu gelangen. Ihre Tür
blieb ihm wie jedem andern hermetisch verschlossen. Tag für Tag
besuchte er das Theater, um zu fragen, wann sie wieder auftreten würde.
Er ging in den Spielsaal Fossanos und suchte durch diesen Kunde zu
gewinnen -- vergebens! -- Man wußte, daß sie krank war -- das war alles!
Eines Tages ging er wieder zu ihrer Wohnung, bestürmte die alte Signora
mit Bitten, ihn doch an das Krankenlager zu lassen, bot ihr Geld, bot
ihr die Ehe mit ihrer Tochter an, begegnete aber nur kalter Abweisung
und mußte unverrichtetersache wieder seines Weges gehen.
Als er auf die Straße heraustrat, wurden von reichgekleideten Trägern
eben zwei Sänften vor dem Hause abgesetzt.
Zwei würdige Herren entstiegen ihnen und betraten das Haus nach langem
Komplimentieren wegen der Ehre des Vortritts.
Er schlich ihnen nach, eilte die Treppe hinauf und blickte durch die
angelehnte Tür des Empfangszimmers hinein.
Die Signora war zu der Kranken hineingegangen, um sie auf den Besuch
vorzubereiten. Die beiden Herren waren allein. Stuart kannte sie wohl.
Es waren der berühmte Arzt Sir William Westmore und der nicht minder
beliebte Modearzt -=Dr.=- Petit, dessen Wunderpillen ihm die Gunst des
vornehmen Publikums erobert und den Haß seiner englischen Kollegen
zugezogen hatten.
Die beiden Herren konnten sich nicht ausstehen, hüteten sich aber wohl,
es merken zu lassen, und bewahrten auch im persönlichen Verkehr eine
bewaffnete Neutralität, bereit, jede Blöße des Gegners auszunützen,
wenn er sich durch irgendeine mißratene Kur als Scharlatan entpuppen
würde. Wie ungern sie sich auch begegneten, so war es ihnen doch
stets willkommen, an dasselbe Krankenlager berufen zu werden. Denn
da hatten sie Gelegenheit, einander zu belauern. Jeder tat also sein
Bestes, um den Argwohn des Kollegen zu entkräften, und bot seine ganze
Geschicklichkeit auf -- was dem Publikum nicht entging und es auch
veranlaßte, sie beide kommen zu lassen, um seines Lebens sicher zu
sein. Ein jeder konnte sich nicht den Luxus leisten, durch so berühmte
Hände in die Ewigkeit hineinbefördert zu werden. Mama Campanini aber
konnte es. Und so wurde die arme Barberina in die Hände dieser beiden
Gewaltigen gegeben, die denn auch ihr möglichstes taten, um ihre
Krankheit am Leben zu halten.
Doktor Petit, mager, gelenkig und lebhaft, nahm kunstgerecht eine Prise
aus seiner goldenen Schnupftabakdose, um sein Geruchsorgan von den bei
anderen Kranken empfangenen Eindrücken zu »reinigen«, empfahl seinem
entsetzten Kollegen dasselbe Verfahren, steckte die Dose ein, bürstete
den Schnupftabak von der Weste, goß dann aus einem Glas das »Sekret«
der Kranken in ein Glasrohr, mischte einige Tropfen einer Tinktur bei,
hielt die Mischung an das Licht, roch daran, schüttelte den Kopf und
reichte die Glasröhre Sir William, hütete sich aber, seine Meinung zu
sagen.
Sir William, dessen dicker, stämmiger Körper den ganzen Sessel füllte,
roch auch an der Röhre, stellte sie fort, schüttelte auch den Kopf, daß
die Perücke wackelte, und verschloß die Lippen mit dem goldenen Knopf
seines spanischen Rohres.
»Bedenklich, nicht wahr?« fing der Franzose an.
»Allerdings! Aber durchaus nicht hoffnungslos!«
»Hab' ich auch nicht behauptet!«
»Wenn wir aber der Kranken heute etwas Blut ablassen -- --?«
»Unter keinen Umständen, Sir William! Unter keinen Umständen! Keinen
Tropfen Blut mehr -- keinen Tropfen! Höchstens durch eine gelinde
Reinigung des Darms ihr einige Erleichterung verschaffen!«
»Das hält sie noch weniger aus!«
»Sir William, ich gestatte mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß
auch gestern dieselbe Meinungsverschiedenheit zwischen uns bestand! Ich
habe dann aus reiner Kollegialität nachgegeben! Wir haben sie dann zur
Ader gelassen! -- Mit welchem Erfolg?! -- Nun, Sie haben eben daran
gerochen!«
»Mein lieber und verehrter Herr Konfrater«, antwortete Sir William mit
all der Würde, die seine fette Stimme aufbringen konnte, »wenn Sie
gestern meiner Ordination den Vorzug gaben, so tat ich vorgestern Ihren
Pillen dieselbe Ehre an! Ich neige auch zu einer leichten Reinigung
des Darms, um ihn von den vorgestern eingenommenen Pillen zu säubern
-- aber nur auf dem einzig richtigen Weg eines milden Klistiers! Ich
weiche aber nicht von meiner Ansicht, daß auch ein Aderlaß unbedingt
nötig ist, und habe deshalb die Blutegel gleich mitgebracht!«
»Blutegel? Niemals!« rief der Franzose, entsetzt bei dem Gedanken,
daß der Nebenbuhler seine Blutegel verkaufen würde. »Diese wilden
Tiere sind sehr mit Vorsicht zu gebrauchen! Bei dem Schwächezustand
der Patientin wäre das geradezu ein Frevel! Ein Tropfen zuviel könnte
da eine Katastrophe herbeiführen! Wir haben es nicht in der Hand, die
Raubgier jener Tiere nach Wunsch zu dirigieren! Ich schröpfe immer!
Da weiß ich am besten die zu entnehmende Blutmenge genau zu bemessen!
Ich willige in den Aderlaß ein, Sir William, aber nur, wenn Sie mich
schröpfen lassen!«
»Wenn Sie mir zugestehen, auch mein Klistier in Anwendung zu bringen,
so verzichte ich auf die Blutegel und akzeptiere das Schröpfen!« sagte
Sir William phlegmatisch.
»Einverstanden!« rief der Franzose und fing sofort an, sein Arsenal
auszupacken und sich zum Angriff bereit zu machen. Sein Mitbruder tat
desgleichen. Da ereilte sie die Strafe des Himmels!
Stuart, der hinter der Tür der Unterhaltung mit wachsendem Entsetzen
gelauscht hatte, warf die Tür auf und stürzte hinzu, schlug
ihre Flaschen und Röhren in Scherben und bearbeitete die beiden
Wunderdoktoren so nachdrücklich mit dem spanischen Rohr des dicken Sir
William, daß sie schreiend und hilferufend die Treppen hinunterliefen,
sich in ihre Sänften warfen und sich eilends forttragen ließen.
Schröpfköpfe und Blutegel, Pillen und Klistier waren in die Flucht
geschlagen! -- Die Liebe behauptete das Schlachtfeld. Sie sollte auch
fernerhin siegreich bleiben!
Der alten Signora, die bestürzt aus dem Krankenzimmer herauskam,
erklärte der Sieger rundweg, daß er sie und sich auf der Stelle töten
würde, wenn sie ihn nicht sofort an das Krankenlager ihrer Tochter
führe!
Seine Entschlossenheit machte ihr jeden Widerstand unmöglich. Sie
öffnete die Tür und ließ ihn eintreten.
Barberina, von dem Lärm und dem Wortwechsel aufgeschreckt, machte einen
schwachen Versuch, sich im Bette aufzurichten. Als sie den Geliebten
in der Tür sah, glitt ein frohes Lächeln über ihr Gesicht. Mit einem
dankbaren Blick empfing sie seinen Gruß und sank dann in die Kissen
zurück.
Er stürzte hinzu, ergriff die vom Bettrand herabhängende Hand und
bedeckte sie mit glühenden Küssen. Lange kniete er am Bette, die Lippen
auf ihre Hand gepreßt. Als er wieder emporblickte, lag sie da, ganz
still, mit geschlossenen Augen. Sie schlief und atmete ruhig, von
schönen Träumen umgaukelt. Lange saß er so, immer noch ihre Hand in
der seinen haltend. Und die Alte, die die beruhigende Wirkung seiner
Anwesenheit sah, ließ ihn gewähren.
Das Fieber wich allmählich; die Gefahr war vorüber, und so hatte er sie
zum zweiten Male aus Räuberhänden befreit.
Sie genas in ganz kurzer Zeit und konnte bald das Bett verlassen. Er
besuchte sie täglich und genoß in vollen Zügen das Glück, sie zu sehen
und an ihrer Seite zu weilen. Sobald sie völlig wiederhergestellt war,
wollten sie heiraten und sich ganz vom Getriebe der Welt zurückziehen.
Sie wollte das Theater verlassen und er die ihm aufgezwungene Braut.
Während er mit ihr Zukunftspläne schmiedete, zogen sich
gewitterschwangere Wolken über seinem nichtsahnenden Haupt zusammen.
Das Duell mit Lord Albermale hatte ein gewaltiges Aufsehen erregt,
um so mehr, als es von dem plötzlichen Verschwinden Barberinas von
der Schaubühne begleitet wurde. Gänzlich davon abgesehen, wurde jene
Begebenheit aber auch aus anderem Grunde zum Gegenstand des Spottes und
der allgemeinen Lachlust. Der unverbesserliche Lord Albermale gab auch
dafür den Anlaß.
Unter anderem war er nämlich auch ein leidenschaftlicher Verehrer des
Hahnenkampfes und versäumte keine Gelegenheit, diesem in England so
eifrig betriebenen Sport zu frönen.
So sah man Seine Lordschaft sich oft mit der übelsten Gesellschaft
um die Arena drängen, wo irgendein berühmter Hahn sein Leben in
die Schanze schlug. Die tollsten Wetten wurden von ihm eingegangen
und verloren. Und wie wüst die Kämpfer sich auch zerzausten -- der
am meisten Gerupfte war am Ende stets der Lord! -- Aber es machte
ihm Spaß, sein Geld zu verlieren. Und so war er nicht nur in der
Lebewelt, sondern auch unter dem Gesindel Londons eine der populärsten
Persönlichkeiten.