Und jetzt hat sie gelacht. Es ist ein Gottessegen.«

Draußen ging der kurze Tag in die Dämmerung über. Es war ein

absonderliches Wetter für den Anfang Dezember. Grauweiße, schwere

Wolken hingen am Himmel, es konnten Schneewolken sein. Aber dabei

strich ein lauer Wind durch die Gassen, und wenn er stillstand, dann

war die Luft schwül, wie vor einem Gewitter.

Nun kam Gertrud herein. Ein pfeifender Windstoß fuhr mit ihr in die

Stube und draußen schlug das Gangfenster klirrend zu. »Ich will die

Kinder fortbringen,« sagte sie.

»Es zieht ein Wetter herauf. Merkwürdig ist das: Morgen ist der zweite

Advent, und heute streiten sich Sommer und Winter in der Luft.«

»Geh' nur.« Meister Nössel saß neben dem Rektor und beide hatten sich

eine Pfeife angezündet. »Wir sind hier gut versorgt, bis du wieder

kommst. Was können wir Alten anders tun, als uns bescheiden? Geh' nur.«

Da zog sie mit den drei Buben ab. Die hatten gestrickte Sturmhauben

über die kurzgeschorenen Köpfe gezogen und trabten, die Hände in den

Hosentaschen, lustig durch das Wetter. Heißt das, der Älteste und der

Jüngste taten so. Der Älteste war ein kräftiger, untersetzter Bub, der

schon den Bücherranzen auf dem Rücken trug und seine Stumpfnase keck in

die Welt streckte. Er machte gescheite Bemerkungen über alles und jedes

und der Jüngste, der sein verkleinertes Abbild war bis zu den etwas

krummen Füßen herunter, sah stolz zu ihm auf und mühte sich, mit ihm

Schritt zu halten. Der mittlere von den Brüdern ging dicht neben der

Patin, und nach einiger Zeit zog er eine Hand aus der Tasche und hielt

sich damit an Gertruds Rockfalten. Er war ein feines, blasses Bübchen

mit versonnenen Augen und etwas zaghaftem Wesen. »Ich weiß nicht, wie

ich zu dem komme, ich weiß gar nicht, wie ich ihn unterbringen soll,«

pflegte Frau Lieselotte zu sagen, wenn sie von ihren Buben sprach. »Er

gleicht weder meinem Mann noch mir im Geringsten, er hätte müssen ein

Mädchen werden, als Bub ist er völlig aus der Art geschlagen.«

Aber gerade diesen Zweiten hatte Gertrud besonders ins Herz

geschlossen. Die Freundschaft war gegenseitig und sie war in letzter

Zeit besonders gewachsen.

»Komm, Leonhard,« sagte Gertrud und nahm die kleine, warme Kinderhand

in die ihrige. »Guck, wie die Wolken fliegen; ganz tief hängen sie

herunter, schier um den Turm herum.«

»Wohin fliegen sie?«, wollte der Bub wissen. Aber das konnte die

Patin auch nicht sagen. »Wir steigen schnell hinauf, von droben aus

sieht man's besser, weit fliegen sie jedenfalls, über die Berge hin,

vielleicht bis ans Meer. Dort kommen sie her; sie werden wieder heim

wollen zu ihrer Mutter.«

»Komm.« Nun strebte Leonhard selber vorwärts, den Brüdern nach, die

schon im Turmeingang verschwunden waren. Man hörte ihre Stiefel

dröhnend poltern, die vielen Stufen der Schneckentreppe hinauf. Er

wollte auch heim zu seiner Mutter. Er hing an der heiteren, raschen,

lebhaften Frau, er konnte es nur nicht so zeigen, er war ein wenig

scheu. Seit sie aber krank war und im Bett lag, stahl er sich hie und

da zu ihr hin und strich über ihre Decke. Da nickte sie ihm dann ein

paar mal zu: »Du bist mein gutes Büble.« Dann war sein Herzlein voller

Glück. Das war früher nicht vorgekommen.

Jetzt waren sie oben. Vater Entenmann stand oben an dem hölzernen

Treppchen. »Leise,« sagte er, »es ist am besten, ihr geht gleich oben

hinauf in eure Kammer. Die Mutter hat's heute schwer gehabt und will

jetzt schlafen. Das Kleine schläft auch.« Da erblickte er Gertrud, die

hinter den Kindern drein kam. Sie sah, daß er Kopf und Schultern ein

wenig schlaff und müde trug und daß sein Gesicht sorgenvoll aussah.

Er nickte ihr zu, ernst und trübe. »Es ist ein Kreuz, es will gar

nicht besser kommen. Wo will das noch hinaus? Ich muß jetzt zum Läuten

gehen; ich wecke sie wieder auf damit; sie hat sich eben zum Schlafen

hingelegt.«

Da kam Frau Lieselottes Stimme aus der Stube; die Tür war nur

angelehnt: »Jammere doch nicht so, Mann. Die Kinder sollen mir gute

Nacht sagen. Herein, ihr Buben.«

Sie traten ans Bett und waren überfroh, daß sie noch hinein durften,

und daß die Mutter aussah, wie sonst, ja, noch ein wenig lachen konnte.

Sie wußten nicht, daß dieses kleine Lachen und jedes arme Wort, das sie

zu ihnen sagte, ein Stück Arbeit sei. Sie sollten es auch nicht wissen.

Sie sollten ihre heitere Mutter sehen, so lang es sein konnte.

»Sie haben schon gegessen,« sagte Gertrud. »Reisbrei mit Zucker

und Zimt,« sagte Ernst, der Älteste und verzog das Gesicht in der

Erinnerung zu einem Lachen, das ihn seiner Mutter ähnlich sehen ließ.

»So? Dann geht zu Bett. Dann wollen wir alle schlafen. Seht ihr's? Das

Kleine schläft schon.«

Sie legte sich müde hin. Da gingen sie auf den Zehen hinaus, aber das

konnten sie nicht verhindern, daß es dennoch polterte, besonders, als

sie die leiterartige Stiege zu dem Verschlag erklommen, in dem sie

schliefen, alle drei.

Droben wehte der Wind durch den engen Raum, rüttelte an den zwei

kleinen, vergitterten Fenstern, die gleich über dem Boden angebracht

waren, suchte sich seinen Weg zwischen den Dachziegeln und Sparren

durch, nahm so recht die Backen voll, huh --, als Gertrud die Tür

öffnete und die Kinder hineinschob. Sie sah etwas bedenklich drein:

hier sollten sie schlafen? Im Sommer hatte sie nie etwas daran

gefunden; es war ein prächtiges Schwalbennest, so hoch oben, weit über

den Glocken. Aber nun; würde es die Schwälbchen nicht fortwehen heut

Nacht bei dem Unwetter? Den Buben kam es lustig vor, auf drei steckten

sie schon unter der Decke, nur die Stumpfnasen und die hellen Augen

guckten heraus. Der Große und der Kleine lagen beieinander in einem

großen Bett, Leonhard allein in einem Gitterbettchen. »Still, der Vater

läutet.« Da rührte sich nichts mehr. Alle vier horchten sie still.

Der Sturm brauste durch die Lüfte, er sang und pfiff und orgelte und

riß die Wollen herum, daß sie angstvoll flogen, flogen wie scheue,

gejagte Vögel. Und dazwischen fand die Glocke ihren Weg. Sie hatte

ihren ganz eigenen, starken Ton in dem großen Konzert, das über das

Städtlein hin hallte. Wie eine einzige Singstimme, die über einem

ganzen Orchester liegt. Gertrud neigte den Kopf horchend vor. Wie

anders läutete der Mann, als vor zwei Jahren noch. Oder lag das an

ihrem Zuhören? »Aus tiefer Not laßt uns zu Gott von ganzem Herzen

schreien.« Hieß so der Choral, den die Glocke in den Sturm hinein sang?

Oder war auch etwas Freudiges dabei? Etwas Starkes, Ausweitendes einmal

sicherlich. Gertrud fühlte es, o das war gut, das war besser als alles

Weiche, Laue. Da fuhr eine Helle durch die Kammer. Unter die Decke mit

den Bubenköpfen, alle drei in einer Sekunde. Aber sie streckten sie

sofort wieder hervor. »Es hat geblitzt.« Ja, das hatte es. Nun kam auch

schon der Donner. Von fern, fernher kam er auf schwerem Wagen gefahren.

Nun war er über ihren Häuptern, da schien er zu bleiben. Wollte er denn

nicht mehr aufhören? War das eine Stimme. Riesenhaft überschrie sie

den Sturm: horchet alle, ihr da unten. Still, wenn ich zu reden habe.

In der Kammer war es dunkel geworden, schon während des Läutens. Aber

nun kam ein Meer von Helle herein, ganze Lichtfluten, die warfen sich

gegen die Wände, und zogen sich wieder zurück, und kamen wieder, hell

-- dunkel -- hell -- dunkel. Und darüber die machtvolle Stimme, vor der

der Sturm zu schweigen schien.

»Dote, komm zu mir.« Leonhard saß mit großen, angstvollen Augen in

seinem Bett. Als sie sich zu ihm herunterbeugte, schlang er beide Arme

um ihren Hals: »Bleib da, bleib bei mir.«

Er barg sein Gesicht an ihrem Hals. Da durfte es auch bleiben. Sie

kniete an dem Bettchen nieder: »So, du kleiner Kerl, komm.« Da sahen

sie miteinander in das Wetter hinein und war keines von ihnen allein

und der blonde Kopf wühlte sich nur fester in die beschützenden Arme

hinein, wenn der Donner stark und neu seine Stimme erhob.

Das war ein Blitzen, grell und hell. Die ganze Stadt und die Berge

ringsum und der Wald, alles lag sekundenlang taghell da. Es wollte

nicht regnen, so tief die Wolken hingen, nur hie und da fielen einzelne

Tropfen, wie schwere, zornige Tränen. Als ob die ganze Natur, wie ein

gescholtenes, trotziges Kind, mit dem Fuß aufstampfe und das Weinen

verbisse.

»Dote, du, hör, ist es wahr, daß der liebe Gott zornig ist und zankt,

wenn es donnert? Ich -- ich fürchte mich ein bißchen.« »Ich auch,« das

kam aus dem großen Bett, in dem die beiden andern Brüder einander fest

umschlungen hielten, aus Not, nicht aus Zärtlichkeit. Unter der Decke

hervor kam es, kläglich und halb erstickt von dem Federgebirge, das sie

sich über den Kopf gezogen hatten.

Alle guten Geister...: Roman · 第 44 / 53 题