Es blieb eine Weile still. Die Buben horchten begierig hin. Aber beim
nächsten Blitzen sahen sie in ein helles, warmes Gesicht.
»Nein, ich fürchte mich nicht. Es ist nirgends etwas zu fürchten.
Zornig? ach nein, das ist er nicht. Er muß nur so laut reden, daß die
Leute auf ihn horchen sollen; sie vergessen ihn sonst und sind selber
so laut. Er ist stärker als alles und größer als alles. Aber man
vergißt es so oft.«
Vergaß sie, daß sie zu den Kindern redete? Sie dachte an ihre eigene
Furcht und Not. Aber sie war ja auch ein Kind, nur daß ihr die Furcht,
die atemraubende, große, ein wenig vergangen war.
»Und mit dem hellen Licht, das er in die Nacht hineinwirft mit seiner
Hand, -- es fährt durch die ganze Welt, schneller als Wind und Wolken,
viel schneller, -- da, habt ihr's gesehen? -- damit leuchtet er in
alles Dunkle hinein und grüßt uns: Nun seid still. Das bin ich. Ich
kenne euch alle, ich weiß von euch allen. -- Seht ihr? So ist das. Da
ist nichts zu fürchten.«
Da waren sie zufrieden. Das durfte der liebe Gott wohl. Er leuchtete
stark in die Kammer herein; eigentlich tat man am besten, die Augen
zuzumachen. Dote Gertrud war ja da, die konnte über alles Auskunft
geben, was die drei Entenmänner betraf. Ernst, Leonhard und Gotthilf
hießen sie, und drunten war noch ein kleiner Bruder namens Johann, den
die Mutter immer Hanselmann nannte. Der liebe Gott würde aber wohl
den rechten Namen wissen wollen. Auch redete er nun schon ein wenig
leiser. Es war aber dennoch gut, den Kopf noch eine Weile unter der
Decke zu lassen. Was mochte es sein, daß er so laut in die Welt hinein
rief? »Dote Gertrud!« Aber sie gab keine Antwort mehr. Sie hatte selber
zu horchen. Sie strich leise mit der Hand über das blonde Haar, das
an ihrer Brust lag, aber ihre Augen sahen in die Weite. Wer will die
Gedanken anhalten, die mit den Wolken fliegen, über die Berge hin,
ins weite Land hinaus? Suchten sie einen, der dort war, etwa in der
Richtung der Tannengruppe auf dem Bühel, die jetzt eben in hellem
Lichte stand, nur weit, weit dahinter? Was mochte er jetzt tun? Wie
mochte es ihm ergehen? Es trieb ihr etwas unruhig das Herz um. Er
hatte dieser Tage geschrieben, an den Großvater und sie miteinander;
er vermißte sie, bat um Briefe, es ging kein froher Ton durch sein
Schreiben hindurch.
Gertrud konnte den Brief fast auswendig. Es stand auch von Lore darin.
»Habt sie lieb um meinetwillen. Gertrud, du, besonders du. Du bist
immer meine Schwester gewesen, mein ganz guter Kamerad. Bleib es uns
beiden. Du bleibst es doch? Ich -- ach es ist von weitem schwer zu
sagen, ich wollte, ich könnte einen Abend bei euch sitzen. Auf der
Truhe, auf meinem alten Platz.«
Ach, wie sollte sie das machen? Wie konnte sie ihm eine Schwester sein?
Das war sie nicht. Nein, sie hatte Lore nicht lieb, sie konnte sich
nicht helfen. Kam es nun wieder? Hob der Schmerz aufs neue sein Haupt?
Hilflos sahen ihre Augen in das Blitzen und Wettern und Toben hinein.
»Ich will ja. Ich will wollen. Es ist, als ob ich in Nesseln griffe,
so weh tut das. Aber worum er mich bittet, das muß ich tun. Ich -- ich
will es versuchen. -- -- --«
»Du Starker, Gewaltiger, Großer, nein, ich will mich nicht vor dir
fürchten, so hart du hereingreifst in mein Leben. Was willst du aus mir
machen? Du mußt es wissen.«
Wie die Wolken flogen vor seiner Hand, wie er allem auf den Grund
leuchtete mit seinem Blitz, wie sein Sturmwind alles Schwüle, Schlaffe,
Weichliche hinausfegte!
»Und hältst doch die Welt an deinem Herzen. Das mußt du, aus dir selbst
heraus mußt du das. Du hast sie gemacht. Auch mich. Ein Recht haben wir
an dich. Du mußt uns Leben schaffen, denn du riefst uns.«
Schwächer rollte der Donner, fernehin zog er und verhallte, leise fing
es an zu regnen und hörte bald wieder auf und es wurde stiller. Es war,
als ob jemand dem geschlagenen Kind, der Erde, die Tränen abtrocknete,
und zu dem Donner und dem Wind sagte: Nun ist es genug, nun laß sie
schlafen. Fernehin zogen die Blitze, ein paarmal noch zuckte es auf,
drüben am Horizont; es war, als würde das Licht weiter getragen, um nun
in eine andere Kammer zu leuchten. Zwischen den Wolken hervor drängten
sich ein paar Sterne, stille, friedlich brennende Lichter der Nacht:
Nun schließt getrost die Augen, ihr Menschen, nun sind wir da und
wachen.
Tiefe, lange Atemzüge. Gertrud kam mit ihren Sinnen in die Kammer
zurück und wurde gewahr, daß Leonhard schwer in ihrem Arm lag und
die Augen geschlossen hatte und schlief, und daß die beiden Brüder,
drüben in dem großen Bett, auch schliefen. O, ihr Kinder. Sie mochte
sich nicht rühren. Wie warm und traut war es, die Ärmchen um den Hals
zu fühlen, wie tief und friedlich kam der Atem aus der kleinen Brust
herauf. Aber nun machte sie sich doch leise los. »Bleib bei mir,« das
kam aus tiefem Schlaf heraus, dann ein Seufzer, nun lag der Blondkopf
auf dem Kissen und schlief weiter.
»Es ist doch schön, wenn jemand 'bleib bei mir' sagt, und wenn es auch
nur ein Kind ist. Und wenn es auch nicht meines ist. Ich will gehen
und Frau Lieselotte gute Nacht sagen, und will ihr sagen, daß ich
mich um die Kinder, -- ach nein, ich will ihr nichts sagen, sie soll
gesund werden und ihren Reichtum behalten; heimgehen will ich und den
Großvater pflegen. Wer ist so gut und liebreich, wie er? Und will für
ihn -- für Georg will ich --«
Da dröhnte das Treppchen von Vater Entenmanns schweren Tritten. »Still,
sie schlafen alle. Ich komme. Das war ein Wetter. Aber nun ist es
vorüber.«
»Ich wollte längst nach euch sehen, aber ich konnte nicht abkommen. Das
Kleine schrie, und die Frau brauchte mich. Es ist ein Leid, Gertrud;
sie trug uns alle, so lang sie gesund war, es gibt keine so frische,
heitere Frau mehr wie sie. Nun liegt sie so da.«
»Sie trägt euch noch immer; sie hat Mut und Vertrauen, das ist es;
das hat sie auch jetzt noch. Sie weiß, daß es uns nicht ziemt, Ihm
Vorschriften zu machen, wenn wir's uns auch freilich manchmal anders
wünschen, als es kommt. Ich wußte nicht, was an ihr ist, ich weiß es
erst, seit sie krank ist.«
Er ließ den Kopf sinken. »Es ist nicht leicht. Und dann das Wetter heut
abend. Das ist so ungewöhnlich um diese Zeit. Er bedeutet sicher etwas
Schlimmes. Es ist nicht genug an dem, was schon ist, es muß noch mehr
kommen. Die Wolken hingen so tief herunter, fast zum Fenster herein. Um
den zweiten Advent, Gertrud. Was sagst du dazu?«
»Was ich sage? Wir sollten es machen wie die Kinder. Du solltest sie
schlafen sehen. Unter Blitz und Donner sind sie eingeschlafen, weil ich
sagte, es sei nichts zu fürchten. Was wissen wir von Zeit und Unzeit?
Ich glaube nicht, daß etwas zur Unzeit über uns kommen kann. Wenn wir
das sicher wüßten, dann bedeutete alles etwas Gutes.« Er mußte sie
ansehen. Als er ihr die Treppen hinableuchtete und der Strahl seines
Lämpchens ein paarmal ihr Gesicht traf, staunte er, wie es ernst und
doch froh war, und wie sie den Kopf und die ganze Gestalt aufrecht
trug, hoch und sicher, und doch so warme, kindliche Augen hatte.
»Ein wenig besonders war sie immer, aber nicht so wie jetzt. Schön
kann man sie nicht heißen,« -- Konrad Entenmann, Flickschuster und
Nachtwächer, hatte so gut wie andere Leute seine besondere Anschauung
über die menschliche Schönheit, -- »das nicht, aber es ist etwas an
ihr. Ich weiß aber nicht, was es ist.«
Er wußte nicht, daß die Freude an ihr Herz getreten war und es leise
angerührt hatte. Die rechte, echte Freude, die nichts bringt, als
sich selbst, die an das Leben glaubt und in sich selber Teil daran
hat, obgleich sie nichts zu besitzen scheint, die aus ewigen,
unversieglichen Quellorten kommt. Noch war sie zaghaft und still, noch
stritt das Heer der dunklen Geister um den Vorrang. Aber zuweilen stieg
sie aus dem Grund der Seele empor und trat bis in die Augen, da kam
ein warmes Leuchten hinein. Da freute sich, wer hineinsah; wie sich
einer freut, der im Tal wohnt, wo noch die Schatten liegen und der hoch
am Berg ein Fenster aufblitzen sieht wie von Feuer, weil die ersten
Sonnenstrahlen darein geflogen sind.