Der junge Mann aber sah fragend aus. »Jetzt kannst du lachen?«

Da lachte sie noch einmal und noch viel heller. »Ja, du, so bin ich.

Ich muß einmal lachen, wenn mir das Herz ganz voll ist. Das ist nicht

so leichtsinnig, wie du meinst. Ich kann's nur nicht sagen, wie es ist.

Du mußt mich eben nehmen, wie ich bin, ich kann nicht anders sein. Du

bist viel zu gut für mich, daß du's nur weißt.«

»Ach du, du bist lieber und schöner als du weißt. Komm, wir wollen

noch ein bißchen tiefer in den Wald gehen. Horch, wie es in den Bäumen

weht. Wir wollen ganz still sein und auf die Stille ringsum hören. Du

und ich miteinander. Kann denn so etwas wahr sein? Das ist über uns

hereingefallen, eh' wir uns versahen. Du, ist es denn wahr?«

»Natürlich ist es wahr. Wir dürfen aber nicht so lang da bleiben.

Wir müssen wieder zu den andern gehen. Ich will mich zwischen deinen

Vater und Franz setzen und mich mit ihnen anfreunden. Das ist jetzt

nötig, nicht? Wir sagen ihnen heut noch nichts, gelt? Ich meine von uns

zweien. Du mußt sie zuerst dafür gewinnen, daß du die Musik erwählt

hast. Ach, du mußt es mir zuerst selber erzählen, nur rasch, so in

der Kürze, wie du es angreifst. Also jetzt geht die Studiererei noch

einmal an; das ist nun plötzlich sicher. Auf einmal hast du es gewußt;

das mußt du mir noch sagen, wie das kam. Du gefällst mir so gut, wenn

du entschlossen bist. -- Nein, sei jetzt vernünftig. -- Wenn du so

bist, können sie dir nichts versagen. Du sagtest einmal, du habest

mütterliches Vermögen, das kannst du doch dazu --«

»Lore, liebe Lore, red' jetzt nicht davon. Wie kann man jetzt reden?

Das kommt ja alles in Ordnung. Ich muß es ja selbst überlegen.«

»So komm hinaus auf den Festplatz.«

»Nur ein Weilchen, ein kleines. Ich kann jetzt nicht gleich unter

Menschen sein. Wir sind wie das erste Menschenpaar hier, ganz allein.

Wir sind für einander geschaffen. Still -- -- --. Siehst du das

Stückchen blauen Himmel? Du, Lore« -- er sagte es leiser, »sieh, da,

zwischen den grünen Baumkronen, -- es ist wie im Garten Eden, am Anfang

der Bibel, da ging Gott im Garten spazieren. Es ist wie ein blaues

Auge, das da heruntersieht.«

»Ach, du Träumer. Das bist du immer gewesen.« Sie betrachtete ihn wie

etwas Neues, das man zum erstenmal sieht. »Du, du bist eigentlich doch

ein geborener Pfarrer. Er guckt überall heraus bei dir. Wem fiele sonst

so etwas ein?«

Da zuckte etwas wie ein scharfer Schmerz durch ihn durch. Verlor er

das Köstliche mit dem Schweren, das er abwarf? »Nein.« Das sagte er

laut, daß sie ihn verwundert ansah. Und dann nahm er die Mütze ab und

richtete sich hoch auf.

»Auch die Kunst hat ein Priestertum, Lore. Auch sie vermittelt das

Göttliche an die Menschen. Ich will, wahrhaftig ich will ihrer wert

sein.«

Es klang wie ein Gelöbnis. Sie sah ihn an und staunte über ihn. Und

nach einer Weile sagte sie, fast beklommen: »Ich glaube, wir kennen

einander noch nicht recht. Wenn du bei mir bliebest und ich sähe dich

jeden Tag, dann könnte ich mich in das alles hineinfinden. Dann

könntest du etwas aus mir machen. Glaub' mir's nur, ich spür's selber,

daß mir's an vielem fehlt. Ach, Georg, ich bin ein armes Kind gewesen.

Du weißt nicht, wie meine Mutter zuweilen war. Meine liebe Mutter.

Nein, nein, du darfst nichts über sie sagen. Sie hat mich über alles

lieb.«

Sie kehrte sich zu ihm und hatte die leuchtenden Augen voll Tränen.

Aber als er nach einem Wort suchte, um sie zu trösten, schüttelte sie

sich, daß die Tropfen sprangen und lachte mit nassen Augen.

»Kehr' dich nicht dran, was ich sage. Sag' lieber noch so etwas Schönes

wie vorhin, daß ich einen rechten Stolz auf dich haben kann. Wenn ich

stolz auf dich bin, dann habe ich dich am allerliebsten.«

»Ach du, ich bin auch stolz auf dich. Es ist, als ob du eine Quelle in

mir aufgeschlossen hättest und ich könnte gleich morgen, gleich heut

anfangen, zu komponieren. Wenn ich dich ansehe, dann tönt es gleich.«

»Weiter, das gefällt mir.«

»Siehst du, es ist etwas aus meiner Kindheit mit mir herübergegangen,

das muß mein schönstes und bestes Lebenswerk werden. Das läßt mich nie

mehr los. Es ist mir, als ob alles, was ich zu erleben habe, nur dazu

sei, daß es immer besser töne.«

Und er erzählte ihr die Geschichte von dem Geiger, der das schönste

Lied suchte, und einen Ton davon in allem Geschaffenen fand, da einen

und dort einen, und der es nie zur vollen Harmonie bringen konnte und

sie erst im Tode fand.

Er wurde warm dabei.

»Das möchte ich alles in Töne fassen, es ist mir, ich höre es schon.

Das ganze Menschenleben liegt darin, Lieb' und Leid, und was dahinter

steckt, alles Fromme und alles Arge, und die ganze Natur, bis hinauf zu

den Sternen. Alles hat seinen eigenen Ton. Dann, wenn ich das habe --«

»Ach, nun komm'. Das ganze Fest geht vorüber. Ich möchte noch einmal

mit Franz tanzen. Ich habe es ihm versprochen. Du, ich kann ihn gut

leiden, er ist so lebensfroh und so breit und stattlich. Das gefällt

mir. Du? Du bist ganz anders. Niemand ist, wie du. Darum will ich dich

gerade. Ich muß etwas ganz besonderes haben.«

Immer noch sangen die Flöten und Geigen. Ganz nah klangen sie jetzt

wieder, und zwischen den Büschen schimmerte es hell herein.

»Du, ich will sehen, was Gertrud für ein Gesicht macht, wenn sie es

erfährt. Nein, heute sagst du es ihr nicht mehr. Ich möchte es einen

Tag lang für uns behalten. Was ist mit der Falte auf deiner Stirn? Die

will ich heute nicht mehr sehen.«

»Gertrud soll ichs nicht sagen? Sie ist meine Schwester. Mein ganz

guter Kamerad ist sie. Ich habe immer alles mit ihr geteilt.«

»Das sollst du auch. Morgen oder übermorgen.« Sie sah ihn an, wie nur

#sie# konnte. Es durchrieselte ihn ganz.

Dann traten sie aus dem Wald auf die Wiese. Dort war noch alles, wie

zuvor.

* * * * *

»Ha, hollah, ihr Waldläufer,« rief der Müller Hensler und hob ihnen

sein Glas entgegen, »hierher gesessen; was habt ihr für Geheimnisse

miteinander auszubrüten? Ist das eine Art, wenn man Gäste hat?«

Georg staunte. Wie munter vermochte Lore jetzt zu sein. Als ob nichts

geschehen wäre. Er konnte kaum ein Wort sagen. Still saß er da und sah

in seinen Wein und schickte nur hie und da die Augen nach Lore hin. Am

liebsten wäre er zu Gertrud gegangen und hätte ihr alles erzählt. Wie

konnte er die Last seines Glückes und seines neuen Entschlusses tragen,

ohne sie mit ihr zu teilen? Dort drüben war sie und er war hier.

Lore aber trieb tausend Possen mit den beiden Franzen, dem alten und

dem jungen und tat sehr geheimnisvoll mit ihrem Waldgang: »Ja, das

möchtet ihr wissen, das läßt sich denken,« und neckte Georg: »Seht

ihr's, wie er sitzt und sein Geheimnis hütet? Ja, ihr wißt noch lange

nicht, was hinter ihm steckt.«

War es möglich, konnte sie darüber scherzen?

Aber der Müller Hensler hielt nun den Augenblick gekommen, wo er seine

Aufmunterungsgedanken anbringen konnte. (Er war auch selbst möglichst

aufgemuntert.)

»Du, Georg,« sagte er behaglich und knöpfte sich die Weste auf, »mach

nicht so ein Gesicht. Das kommt alles in Schick und Ordnung. Die -- die

Herren brauchst du nicht zu fürchten, die wissen selber nicht alles.

Was ein forscher Kerl ist« -- er blinzelte nach dem Bäcker Ehrensperger

hinüber, »nicht, du?«

»Ach,« lachte Lore, »wenn ihr glaubt, er fürchte sich. Er weiß nur noch

nicht, ob er nicht lieber Musikdirektor oder so etwas werden will. Wir

haben es beredet. Sie sind alle hinter ihm her.«

Da sah Georg groß auf und wollte etwas berichtigen. Aber sie blinzelte

ihm zu: »Nun, störe mich nicht.«

»Musikdirektor? Das wäre. Ja, kann man das nur so vom Fleck weg? Ist

das auch ein richtiges Brot? Er hat doch auf den Pfarrer studiert?« Sie

konnten der Sache nicht nachkommen. Nun fing die auch davon an.

Da ließ sie alle Raketen steigen, die sie hatte, und tat groß mit

Georgs verschwiegensten Träumen, als ob sie schon Wirklichkeit wären.

Vielleicht glaubte sie es selber, vielleicht dachte sie auch: Stark

auftragen hilft mehr. Die Mutter Maute nickte eifrig und sah mütterlich

nach Georg hin. Wenn es Lore sagte, die mußte es ja wissen.

»Was?« sagte Vater Ehrensperger und sah hilflos vom Müller Hensler zu

Franz und von Franz zu seinem Jüngsten hin, »der Tausendskerl, nun will

er noch #das# werden. Was? ich habe gemeint, die Musiker, die seien

lauter arme Hungerschlucker. Wenn es auch wahr ist? Und was wird das

noch kosten?«

Sein ohnehin schon roter Kopf war noch röter geworden.

»So sag doch auch etwas, Georg.« Lore stieß ihn ein wenig an, und alle

sahen auf ihn, der dasaß und schwieg.

Ach, hatte er je an dergleichen gedacht? Hatte er je glänzende

Pläne entworfen? Das hatte er nicht getan. Hatte ihn denn Lore #so#

verstanden? Sie baute ja Häuser darauf. Er mußte es ihr sagen, daß sie

es recht verstehe, er hatte sich die Zukunft noch nicht so praktisch

ausgedacht. Die Kunst -- und Lore. Weiter war er noch nicht gekommen.

Es würde schon einen Weg für beide zusammen geben. Da, als sie so

glänzende Bilder malte, stieg etwas wie eine Traurigkeit in ihm auf:

Wer den rechten Ton will finden, der muß in die Stille gehen und

allein sein und horchen.

Aber das konnte er ja nicht sagen.

Sie schüttelten die Köpfe. Nun gab er wieder keine Antwort, so war er.

»Er ist zu bescheiden,« sagte die Putzmacherin Maute. »Er macht nichts

aus sich. Wir haben es ihm oft gesagt. Zu bescheiden und zu ideal. Dies

war auch mein Fehler in meiner Jugend.

Maute sagte es immer: 'Henriette du bist viel zu ideal.' Aber das macht

sich später. Wenn man einmal Familie hat.«

Hi hi; sie lachte und sah sich im Kreise um.

»Das sag ich auch,« sagte der Müller Hensler. »Forsch muß einer sein

und auftreten.«

Er war nicht mehr so ganz auf der Höhe des Denkens. Er kniff Lore ins

Ohrläppchen. »Die da, das ist ein Tausendsasa. Familie? Wenn du die da

kriegen kannst, dann nimm sie nur. Die wird dich schon -- ja so, du

willst ja nun -- ach, man wird auch noch ein Wort sagen dürfen, das

flammt gleich zum Dach hinaus.«

Denn Georg war heftig aufgestanden. Eine jähe Blutwelle war ihm bis

unters Haar gestiegen. Nun redete der Müller auch noch #davon#. Wollten

sie ihm alles zerpflücken? Sollte nichts Schönes, Heiliges mehr

verschwiegen in ihm leben?

Ach, wäre er doch mit Lore allein im Walde und könnte ihr recht sagen,

wie er es meinte. Aber als er ihr in Gedanken seine Sorgen ausbreitete:

ob es gelingen werde? ob es nicht nur ein Schattenspiel sei? und daß

er ja noch gar nicht wisse, ob ihm die Kunst ein Haus bauen werde,

oder nur eine Hütte -- oder das auch nicht? -- und ob sie Schönes

#und# Schweres mit ihm teilen wollte? -- da nahm sie plötzlich Gertruds

Gestalt und Gesicht an.

Er strich sich übers Gesicht. Er atmete tief auf.

»Ich muß es ihr sagen. Gleich muß ich zu ihr hin. Sie muß dabei

bleiben, wie bisher.«

Aber Lore sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Nicht jetzt,« sagte sie

halblaut. Hatte sie seine Gedanken gelesen? Da setzte er sich wieder.

* * * * *

Und es wurde Abend und die drei Wiblinger fuhren heimzu und waren

weder über sich selbst noch über ihren Studenten so ganz im Klaren.

Festlich umnebelt waren ihre Köpfe und ihre Gemüter, aber dunkel war

ihr Wissen von der Zukunft. Eins stand fest: es mußte noch einmal

Geld herausgerückt werden; aber dafür schien denn auch etwas ganz

besonderes aus dem Jüngsten zu werden. Sie wollten es sich am Tag

noch einmal überlegen. Sie hatten doch wohl noch nichts Sicheres

versprochen? -- Doch, das hatten sie, Lore, das Hexenmädchen, hatte

mit ihnen darauf angestoßen, Franz der Jüngere wußte es noch genau.

»Wir wollen der Frau noch nichts davon sagen, heute noch nicht, sie --

sie ärgert sich sonst,« sagte er, als das Wägelchen über das Wiblinger

Pflaster rasselte. Er hatte den Tag über die häusliche Unlust ein

wenig vergessen, nun kam das Gewicht wieder. Was half ihn die goldene

Bretzel? Was half ihn die wachsende Habe, wenn nirgends eine Ruhe und

ein Behagen war? So hatte er es nicht gemeint, als er sich ein Weib

nahm.

»Was? Ich soll wohl die Junge fragen? Bin ich nicht mehr mein eigener

Herr?« Der Vater Ehrensperger wollte aufbegehren. Er konnte seinen

Jüngsten werden lassen, was er wollte, er war noch eben so forsch, als

er in seiner Jugend gewesen war.

Er konnte es sich leisten, wollte er meinen. Aber als er das sagte, sah

er die junge Frau mit einem Licht unter der Ladentür stehen, und er

machte sich etwas verlegen am Spritzleder des Wägelchens zu schaffen

und schwieg und suchte sein Lager auf, so bald er konnte.

* * * * *

»Wir wollen es ihr heute noch nicht sagen,« sagte auch Lore und meinte

Gertrud damit.

»Was sollen wir ihr sagen? Etwa, daß wir uns --,« sie lachte leise --

»es ist alles noch so unfertig. Sie ist so gescheit, sie würde uns für

törichte Kinder halten. Du, das #sind# wir auch, nicht? Später, da soll

sie alles erfahren, sie zuerst, meinetwegen. Nun sei nicht brummig.«

Ja, wie sollte er #das# erzählen? Aber es drückte ihn, daß er es nicht

konnte. Er hatte ihr noch nie etwas verhehlt. Er wollte Gertrud nicht

verlieren, das konnte er nicht, niemals.

Ach, wußten sie denn beide nicht, daß sie schon so vieles gesagt

hatten? Sie waren Hand in Hand gegangen, als sie in den Wald gingen,

und als sie wieder aus dem grünen Tor traten, da wetterleuchtete es

auf ihren Gesichtern, wie von einer heißen und großen Freude und wie

von einem neuen Erleben. Sie konnten es nicht verbergen und dachten

auch nicht daran, es zu tun. Die Wiblinger merkten es nicht, und die

Putzmacherin Maute -- tat, als ob sie es nicht merke.

Aber wußten sie denn nicht, daß Gertrud in ihren Gesichtern zu lesen

verstand? Dachten sie nicht daran, daß das Feuer ihrer Augen und die

Unruhe in Georgs Wesen und das übermütige Lachen in Lorens Gesicht eine

Sprache redete, die #sie# nicht mißverstehen konnte?

Sie dachten nicht daran. Aber darum war es doch so. Sie waren im

festlich erleuchteten Saale. In hohen Wellen ging die Festesfreude,

-- Gesänge erschallten, Trinksprüche wurden ausgebracht, Freund-

und Bruderschaften wurden geschlossen, es schäumte das Bier in den

Krügen, es funkelte alter Wein in den grünen Römern, es leuchtete die

Lebensfreude in jungen Angesichtern und in alten, jung gebliebenen

Augen.

Der Rektor Cabisius saß mitten im Saal und war der Jüngsten einer und

trug das Band über der Brust und sein weißes Haar glänzte wie Silber.

Das Festlied war durch den Saal geflutet; der junge Komponist fühlte

sein Herz schwellen vom Glück der Gegenwart und vom verheißenden

Leuchten der Zukunft. Was war schön, wenn es nicht diese Stunde war?

Sie stießen mit ihm an, sie tranken ihm zu. Und Lore trat zu ihm,

rasch und leicht kam sie durch den Saal auf ihn zu. Sie war stolz und

froh. Fing sein Stern schon an, zu glänzen? Sie wollte ihren Teil

daran. »Du,« sagte sie, »Du bist der König.« Er ließ seine Augen auf

ihr liegen. »Deiner?« fragte er, und sie nickte lachend: »auch, aber

nicht nur meiner.« Da zuckte er zusammen und hob die Hände und ließ sie

wieder sinken. Zu Fäusten ballte er die niederhängenden Hände, damit

er sie ihr nicht vor aller Welt um den Hals lege. »Und du, du bist die

Königin,« sagte er. »Deine?« sie fragte es mit einem trunkenen Leuchten

ihrer Augen. »Ja, meine ganz allein. Morgen gehn wir noch einmal in den

Wald, da setze ich dir ein Krönelein auf.«

Ach, wußten sie nicht, daß hinter ihnen Gertrud an einer Säule stand?

Sie war von der andern Seite her durch den Saal gekommen. Sie war immer

zu Georg gestanden, wenn er Wichtiges erlebt hatte. Und sie wußte, daß

ihm sein Lied wichtig sei.

Ja, da kam sie gerade bis an die Säule, und sie hörte und sah, und

konnte keinen Schritt mehr vorwärts tun und konnte kein Wort sagen, und

wußte nicht, wo sie hinsehen sollte, um ihre Not zu verbergen.

Und als die beiden weitergingen, da wandte sie sich leise um und ging

mit schweren Tritten zu ihrem Platz zurück. Nun war das alles, was

ringsum flutete, farb- und tonlos geworden. Nun waren es fremde, lauter

fremde Menschen, die sich da herumbewegten. Was sollte sie unter ihnen?

Sie war allein mit sich, und etwas in ihr schrie auf.

Still, daß es niemand hört.

»Großvater, bleibst du noch lang da? Ich -- ich bin müde.« Sie zwang

sich, zu lächeln: »Ich bin das alles nicht gewöhnt. Feste feiern, das

muß man auch üben.«

Er sah auf, er sang eben aus Herzensgrund mit. »O alte

Burschenherrlichkeit, wohin bist du verschwunden?« Die alten Herren,

das heißt, die Alten unter ihnen, hatten sich zusammengesetzt und die

Geister ihrer Jugend waren bei ihnen.

»Ist es schon so spät? Du siehst blaß aus, Kind. Ja, ich wollte, -- das

heißt, natürlich begleite ich dich nach Hause, wenn du willst. Oder, ja

so,« er sah sich suchend um, »das darf ich ja nicht, das will ja wohl

der Georg, das ist sein altes Recht. Der ist ja wohl heut Hans in allen

Hecken, nicht?«

Sie nickte, schwer und freudlos. Er hätte es sonst zu allen Zeiten

gesehen, aber er war jetzt gerade ein wenig geblendet. Es ging so ein

Klang aus alten, schönen Zeiten durch den Saal rund durch den Rektor

Cabisius hindurch.

»Nun, da kann ich ja wohl noch ein bißchen bleiben? Soll ich dir den

Georg holen? Nicht? Siehst du, da kommt er schon. So ein langer Mensch,

er ragt über alle andern hinaus.«

Er nickte ihr zu. »Gute Nacht, Kind. Schlaf gut, morgen ist auch noch

ein Tag.«

Da floh sie aus dem Saal. Was sollte sie noch hier?

Sie fand ihren Weg allein. Es war nicht so weit nach dem Gasthof zum

Lamm. Und wenn es weit gewesen wäre, sie hätte sich nicht gefürchtet.

Was gab es, das nun noch zu fürchten war? Ein schweres, schweres

Steingewicht trug sie in sich, das wollte sie langsam und stumm zu

Boden drücken.

Alle guten Geister...: Roman · 第 38 / 53 题