Elftes Kapitel

Morgennebel wogten durch das Tal, von ferne rauschte der Neckar,

still lag die Stadt, es war noch früh. Still lag das Gasthaus zum

Lamm, nur der Hausknecht ging und öffnete die Haustür, und ein

halbwüchsiger Bube saß in einem blauen Schurz auf der Steinbank und

hatte eine Stiefelversammlung um sich und wichste darauf los. Es war

eine erfreuliche Beschäftigung; man hatte sein redliches Teil an der

Weltverbesserung, wenn man Stiefelputzer im Lamm in Tübingen war. Der

Bub pfiff denn auch drauf los, was er konnte, ihn freute sein Morgen,

das konnte man deutlich sehen. Aber nun unterbrach er sich, mitten im

Liede von der Leineweberzunft, und riß seine hellblauen Augen weit

auf. Es war aber auch kein Wunder. Wenn man vor Tau und Tag aufsteht,

damit an allen Türen zu rechter Zeit die glänzenden Stiefel stehen, und

da geht Nummer siebenundzwanzig in aller Gottesfrühe zum Haus hinaus,

und hat natürlich ungeputzte Schuhe an, und macht ein Gesicht, -- ein

Gesicht, so geisterhaft ernst, daß man gleich --, der Schuhputzer wußte

nicht, #was# man gleich konnte, etwas Erfreuliches sicherlich nicht.

»Nummer siebenundzwanzig hat die Schuhe nicht herausgestellt,« sagte

der Hausknecht; »und da hat man's nicht putzen können,« sagte der Bub,

und so fühlten sie sich beide unschuldig an dem Kummer von Nummer

siebenundzwanzig, und der Bub fuhr fort, das Leineweberlied zu pfeifen.

Es konnte ja einer nicht mehr tun, als seine Schuldigkeit.

Zum Haus hinaus und durch die morgenstillen Gassen schritt sie,

die im Lamm Nummer siebenundzwanzig war. Sie wollte gern irgendwo

hinkommen, wo keine Menschen und keine Häuser waren; es konnte

jemand erwachen und zu ihr kommen und sie fragen: »was ist dir?« --

und konnte sie zu trösten versuchen. Sie hatte die Nacht hindurch

auf den Morgen gewartet, bald schmerzhaft wach, bald, was schlimmer

war, in einem dämmernden Halbschlaf. Nun war sie auf den Füßen und

trug sich selbst hinaus aus dem Menschenbereich. Sie wußte nicht so

recht, wo es hinging; ihre ernsten Augen suchten einen Ausweg aus dem

Gäßchengewirre; sie machte wohl Umwege, aber endlich fand sie doch

eine schmale Steige, die aufwärts führte. So mag einst Noahs Taube

unsichere, suchende Flügelschläge getan haben, ob sie irgendwo in der

Wasserwüste einen Ort finde, da sie ruhe, und endlich die Bergspitze

gefunden habe, die über die unendlichen Wogen hinausragte.

Zwischen hohen Häusern, die eng aneinander standen, ging der Weg

aufwärts; dann traten die Häuser zurück, ein weiter und freier

Blick tat sich auf. Eine Linde hob ihre hohe und volle Krone in den

Morgenhimmel hinein, ein Steintor stand weit offen, fast mechanisch

ging Gertrud Cabisius hindurch. Dann stand sie im Schloßhof. Ein

zuckender Schmerz: den wollte Georg mir heute zeigen. Still. Nichts

denken jetzt. Sie ging durch den Hof und fand den Weg ins Freie, und

ging weiter, ohne viel nach dem Weg zu sehen, dann kam der Wald.

Frisch und still war es hier oben, weiße Morgenwolken hingen in dem

reinen Blau des Himmels, Tau lag auf allen Gräsern, leise rief der

Wald, vom leichten Morgenwind bewegt: komm. Aus leichten Nebelschleiern

traten die Berge der schwäbischen Alb und traten still in den Reihen

und schlossen den weiten Raum, in dem sich ein Menschenkind des

Alleinseins, der großen, großen Einsamkeit bewußt war. Rauschte der

Neckar aus dem Tale herauf oder fing die Stille an zu tönen?

Gertrud trat in den Wald und ging noch eine kleine Strecke weiter

hinein und wußte nicht, was sie hier drinnen wollte. Die Menschen waren

ihr fremd geworden, mit einem Male alle. Sie hatte ihr Wesen von jeher

so einig und ungeteilt auf ihn zu entwickelt, den sie seit gestern

abend nicht mehr verstand. Wo war er hingekommen? Was war er ihr noch?

War das das Werde, auf das ihr lebensreifes Ich gewartet hatte?

Weit offen war es gewesen für die hohe, große Gemeinschaft, nun

standen die Hallen leer und öde, und ihre Seele fragte in die große

Stille hinein: Ist niemand, der zu mir gehört, niemand? Und sie ging

noch weiter hinein in die grüne Dämmerung, und schlang die Arme um

einen Baumstamm und legte den Kopf an das rissige Holz. Sie war kein

so starker Geist, daß sie allein stehen konnte, sie mußte etwas zu

umfassen haben. Aber der Stamm schlug ihrem klopfenden Herzen keine

Antwort. Da glitt sie an ihm nieder und sank in sich zusammen im Moos

und schloß die Augen vor der Außenwelt. Und ihre Seele machte sich

zitternd auf und rief mit ängstlicher Stimme in die Einsamkeit hinein,

ob nicht einer drinnen sei, mit dem sie reden könne.

* * * * *

Es war einmal ein kleines Kindlein gewesen, das war ganz allein auf der

Welt und wußte noch nichts von sich und nichts von der großen Weite,

die rings umher war. Das spielte mit Blütenblättchen und wollte sie

alle haschen und als sich einige zu weit von ihm entfernten, da -- wir

wissen es, machte sich das Kindlein auf den Weg, sie zu holen. Und da,

wer kann sagen, was ihm so die Augen auftat? -- erschauerte es zum

erstenmal vor dem Alleinsein. Es war aber Liebe um den Weg, die trat in

die Kluft, und des Kindleins Augen spiegelten sich in anderen Augen und

sein junges, erschrockenes Seelchen barg sich darinnen.

Und das Kindlein wuchs heran und lernte erfahren, daß die Welt viel und

reiches Leben berge, und gewann eine Liebe zu allem Lebendigen und sah

mit hellen und klugen Augen in die Runde und in die Tiefe und in die

Höhe, und lernte auf die Pulsschläge des Lebens horchen und hatte Teil

an dem allem, was da war, an der Oberfläche und unter der Oberfläche.

Auch war ihm gesagt, daß alles Leben aus einer starken, lichthellen,

unversieglichen Quelle fließe, die lernte das Kind staunend verehren,

und das je mehr, je größer es wurde.

Treue und liebreiche Hände hatten es so nah an diese Quelle geführt,

als das ehrfürchtige Menschen nur können, und es war schön, zu wissen,

daß wie die Sonne über der Erde eine reine, große Liebe, die aller

Weisheit und Kraft voll wäre, über allem Geschaffenen sei. Es war auch

schön, selber jung und stark und voll frischer, treibender Kräfte zu

sein und in ausbrechender Werdelust die Arme nach der ganzen Welt und

nach dem Gott, der sie geschaffen hatte, zu breiten. Und es war schön,

zu wissen, daß aus der Flut von gleichgeschaffenen Wesen eins ganz nah

und mit Willen zu einem gehörte. Wo blieb da jegliche Furcht? Wo jedes

Alleinsein?

Und nun war wieder ein Tag, da gingen dem Kind die Augen auf und es

sah, daß es in Wahrheit allein sei, und -- wir wissen nicht, ob es ein

größerer Schauer war, als das erste Mal, denn wir wissen nicht, was

eine kleine Kinderseele überflutet -- da streckte es wieder die Hände

aus. Bist du? wo bist du? halte mich. Es ist alles so leer, sie haben

mich allein gelassen. #Laß dich# finden.

Der Morgen war in den Vormittag übergegangen, als Gertrud Cabisius

wieder in die Stadt herunterkam. »Der alte Herr hat gesagt, Sie möchten

sich nur um elf Uhr an der Bahn einfinden,« sagte das Stubenmädchen.

»Er ist ausgegangen, er kommt auch dorthin.«

Sie hatte dem Großvater einen Zettel hinterlassen, daß er sich nicht um

sie sorge. Sie wußte, sie durfte seinetwegen ruhig tun, wie sie mußte,

er würde sie nicht zuviel fragen.

Da, als sie eben in ihrem Zimmer einiges zusammenpackte und vor dem

Augenblick bangte, da Georg zu ihr käme, um ihr alles zu erzählen (denn

sie wußte, daß er das tue), da hörte sie seinen Schritt auf dem Gang

und dann sein Klopfen. Da war er schon.

»Hast du nicht Herein gerufen? Wo steckst du? Überall habe ich dich

gesucht. Gestern abend und heute früh. Ach, Gertrud.« Er war blaß und

erregt. Er trug ein Blatt Papier in der Hand. »Ich habe ein Telegramm

von Wiblingen. Mein Vater hat einen Schlaganfall bekommen. Ich muß nach

Hause. Ich will mit euch fahren. Ihr fahret doch nachher? Und ich, ich

war böse, daß er gestern kam. Wenn ich ihn nun nicht mehr sähe?« Er

hatte ein hilfloses und verstörtes Knabengesicht, und er hatte große

Lust, seinen Kopf in Gertruds Schoß zu legen. War das der Georg von

gestern Abend? Das war der, den sie kannte. Ach, hatte er sich nur ein

bißchen verlaufen und kam nun wieder?

Da aber hob der Schmerz wieder sein Haupt:

»Nein, nein, das ist Ernst. Sein Herz gehört nicht dir, das gehört ihr

-- Lore gehört es. Weißt du nicht mehr: »Du bist meine Königin, meine

ganz allein.«

»Gertrud, so weine doch nicht so. Du, warum weinst du? Wegen meines

Vaters? Aber er lebt ja noch.«

Ganz erstaunt sah er sie an. Sie hatte ja nie irgend eine Gemeinschaft

mit seinem Vater gehabt. Weinte sie aus Mitleid mit ihm? Er zog ihr

die Hände vom Gesicht: »Bleib bei mir; du bist mein Kamerad. Was auch

komme, Gertrud. Ich müßte dir so vieles sagen, aber ich bin jetzt so

verwirrt.«

Da trocknete sie ihre Tränen und sah ihn mit ihren guten Augen an und

zwang ein blasses Lächeln auf ihre Lippen.

»Sei still, red jetzt nichts. Ich bin -- ach, du kennst mich ja. Hole

dir, was du brauchst.« Da zitterte ihre Stimme wieder. Und sie wandte

sich ab und packte ihr Köfferchen fertig.

* * * * *

Er hatte nie viel nahen Zusammenhang mit seinem Vater gehabt. Sie waren

sich beide so unähnlich als möglich. Georg war mehr seiner Mutter Sohn

als seines Vaters.

Seine Mutter war einst als ein Sonntagskind, -- obgleich sie das

nicht von sich wußte -- ins Leben getreten, weich, lieblich und voll

wunderbarer Hoffnungen, und hatte ihre hellen Augen unter die Tür ihres

Hauses geschickt, um nach allen lichten und frohen und guten Geistern

auszuspähen. Die wollte sie zu sich einladen und sie gut bewirten.

Wie sie zu ihrem Mann gekommen war, das war ihr später selbst

unfaßlich. Sie war wohl noch nicht ganz wach und reif gewesen, als

ihr verständige Leute zugeredet hatten, daß er ganz vorzüglich zu

ihr passe; und sie hatte seine stattliche Gestalt und sein lachendes

Gesicht für Zeugen von Kraft und Lebensfreude gehalten. Da erfuhr sie

bald etwas, das war ihre erste Enttäuschung: sie konnten beide lachen,

aber sie lachten nicht über dasselbe und nicht auf die gleiche Weise.

Nachher, als das Unglück kam, da konnten sie auch nicht miteinander

weinen.

Sie gingen einander innerlich nichts an.

Der Mann schalt und polterte eine Zeitlang und ging dann seiner Wege;

die Frau aber, die immer noch nach dem Lichten, Hellen ausgesehen

hatte, -- ihre Kinder an der Hand, da der Mann nicht mitgehen wollte --

die wurde nun plötzlich von düsteren Riesen niedergeworfen, von Schmerz

und Schuld und Verzweiflung, und in ein enges, dunkles Gefängnis

geworfen und da ihr Lebenlang behalten. Sie schickte aber, wie wir

wissen, aus diesem Gefängnis beständig nach Boten aus, da sie so sehr

nach Licht und Liebe hungerte und wurde schließlich von einem unter

ihnen nach Hause geführt. Von dieser Frau nun hatte Georg Ehrensperger

ein Erbe überkommen, das war schön und schwer zugleich.

Das war die Sehnsucht nach allem Schönen, das im Leben liegt, sowohl

in und hinter den Dingen, als außen an ihnen, und der starke Drang, es

alles in seinem Leben zu vereinigen.

Es war so ein hungriger Mensch und er träumte, wie jener, viel vom

Sattwerden. Er glaubte aber jetzt auf dem Wege dazu zu sein.

Nun saß er in dem lederbezogenen Großvaterstuhl neben seines Vaters

Bett und spürte plötzlich, daß auch dieser ihn etwas anging und langte

nach der Hand, die schwer auf der Decke lag und hätte gern etwas zu ihm

gesagt. Aber unten am Fußende saß der Müller Hensler und sah auf einmal

aus, wie ein alter Mann, da er gestern noch ein feuriger Jüngling

gewesen war, und schüttelte den Kopf, einmal ums andere; und neben ihm

stand Franz und hatte die Augen voll Tränen, denn er war von seines

Vaters Art und stand ihm menschlich nahe. Auch war er neben aller

Neigung zu kräftigem und sorglosem Lebensgenuß weich von Gemüt und floß

leicht über.

Da konnte Georg nichts sagen. Er war eben angekommen und war noch

verwirrt und bedrückt von dem raschen Wechsel: Gestern Lebensfülle

und ein Klingen aller Saiten -- und heute die ernste Schnitterarbeit

des Todes. Da, als er so saß und in seinem Innern bewegt war und nach

einem Ausdruck dafür suchte, geschah etwas, das ihn gegen seinen Willen

komisch berührte, also daß er das Gesicht zwischen Lachen und Weinen

verzog, wie wenn einer niesen will und nicht kann: Nämlich der Müller

Hensler hob halb unbewußt an, sachte die Daumen umeinander zu drehen,

als ob er seinem alten Freund diese seine gewohnte Beschäftigung nun

abnehmen und weiter führen müsse. Und dazu sagte er wehmütig vor sich

hin: »Ja der Wein, -- ja, ja. Sein Lebenlang hat er ihm nichts getan,

das kann ich bezeugen. Noch nie. Und nun auf einmal.«

Es war nämlich schon lange eine Streitsache zwischen dem Wiblinger

Doktor und dem Bäcker Ehrensperger gewesen. Der Letztere hatte um

ein Mittel gebeten, da ihn öfters ein Engsein am Halse und dazu ein

Flimmern vor den Augen und ein Sausen in den Ohren befiel.

Aber der Doktor hatte ihm kein Mittel gegeben. Fußbäder sollte er

nehmen, und Wasser trinken -- und dann das Weinverbot.

Aber um des Weinverbots willen ging der Doktor der Hochachtung des

Bäckers Ehrensperger verlustig.

-- »Wenn er sonst nichts weiß. Wozu die studieren, das möcht ich

wissen. Mir hat der Wein noch nie etwas getan. Aber man ist verkauft,

sobald man einen Arzt frägt. Krank ist man von dem Tage an.«

Denn der Doktor hatte kurz und trocken den Schlagfluß in Aussicht

gestellt, falls seine Vorschriften nicht befolgt würden.

Schwer war es. Wenn man sich zur Ruhe gesetzt hat und will noch ein

paar gute Tage haben in seinem Alter und hat das Geld dazu. Was soll

man dann mit sich anfangen? Nicht einmal trinken soll man.

Man brauchte ja dem Doktor nicht alles zu glauben. Aber unbehaglich

war es von nun an doch. In jedem Krug voll roten Heilbronners saß ein

Ungetüm, es konnte einem alles entleiden.

Da hatte er sich nun gestern entschlossen, da, als sie bei der Ausfahrt

im Wagen den Uhlbacher tranken, sich nur auch einen Tag lang der

unangenehmen Gedanken zu entschlagen und »zu leben, wie ein Junger«, so

sagte er.

Das hatte er auch getan in seiner Weise.

Aber nun mußte er die Rechnung bezahlen.

Es war in der Nacht noch geschehen. Niemand wußte, wann und wie der

Schlaganfall gekommen war. Als der Vater nicht herunterkam, ging Franz

hinauf und sah nach ihm und fand ihn, halb im Bett und halb außer dem

Bett, mit offenen, unruhigen Augen und schwerem Atem. Das ließ sich

Georg alles erzählen und verwand rasch das Komische, das ihm angeflogen

war, und war fast froh, daß er etwas wie Trauer empfand und hätte sie

gern noch tiefer gespürt. Eine Stunde, nachdem Georg gekommen war, hob

der Kranke den Kopf ein wenig und zwinkerte dem Müller Hensler zu, und

sah seine Söhne an und formte mit den Lippen undeutliche Worte. Sie

verstanden nur weniges: »Immer gutes Brot gebacken -- der Kleine, der

will -- ich bezahl's -- Franz, du -- nein, nicht die Junge --.« Er

hatte einen Pik auf seine Söhnerin. Und dann sah er sich mit dem Müller

Hensler unterwegs und der ging ihm zu schnell und er mußte keuchen, um

mitzukommen: »Immer -- langsam -- voran, -- die -- die Jüngsten sind

wir -- auch nicht mehr.«

Da kam der Anfall noch einmal und machte ein Ende.

Und er war ein geruhlicher, starker und dicker Mann gewesen, und

hatte auch ein geruhliches Leben geführt und hatte nicht viel Hunger

gelitten, so viel man weiß. Sie begruben ihn aber an der Seite der

Frau, die ihm so lang vorangegangen und ihm so unähnlich gewesen war,

und als es Zeit war, da setzten sie ihnen beiden miteinander einen

Stein, und schlossen das Grab mit einem Gitter ein und es war nun

weiter kein Unterschied zwischen ihnen beiden zu sehen.

Ihre Söhne aber trugen, ein jeder in seinem Teil, ihre Art weiter, und

suchten und fanden ihren Weg durchs Leben, der eine leichter, der

andere schwerer, und werden einmal ein jeder ein Ziel erreichen.

* * * * *

Wer aber ist nun besser gefahren? sagt es, ihr Schläfer.

Es ging ein alter Mann durch den Garten des Todes, es war in einer

Dämmerstunde, wenige Wochen nachdem sie den Bäcker Ehrensperger

begraben und ihm viele und teure Kränze auf den Hügel gelegt hatten.

Er kam von etlichen Gräbern her, die er liebend besucht hatte. Es

waren solche darunter, die längst eingesunken und nur mit langem

Kirchhofsgras bewachsen waren, und solche, die noch in guter Hut und

Pflege standen. Er stand nun still vor dem neuen Grab und dachte an

einen, der seinem Herzen teuer war und der vor wenig Tagen einen neuen

Weg eingeschlagen hatte, um, so es ginge, einer edlen Kunst Meister zu

werden.

Das sänftigt das Herz und stillt die Gedanken, wenn man die langen

Reihen der Schlafenden grüßt und ihrer Wege und ihres Ruhens gedenkt.

Ihr, die ihr Lasten truget und Hunger littet und wunde Füße bekamet von

steinigen Wegen; ihr, die ihr euch sehntet nach Freude, nach Licht und

nach vollem Leben; ihr, die ihr brennende Herzen hattet und stürmisches

Verlangen, sagt, habt ihr etwas von dem gefunden, das ihr erhofftet?

Hat euch jemand in Empfang genommen, als ihr müde nach Hause kamet?

Habt ihr nun gesehen, was des Hungers und der Sehnsucht allertiefster

Grund war und ist euch eine Stillung dafür geworden? Ihr schweiget,

soviel wir auch fragen mögen.

Wie, oder habt ihr andern recht gehabt? Ist es genug, zu nehmen, was

am Wege liegt und an der Oberfläche? Reut es euch nicht, daß ihr

meintet, das Beste sei, gut zu essen und gut zu schlafen und sich keine

überflüssigen Gedanken zu machen?

Ihr hattet nichts, wonach ihr euch sehnen mußtet, ihr seid satt

gewesen. Seid ihr das noch? Sagt, seid #ihr# besser gefahren?

Und auch ihr schweiget, soviel wir auch fragen mögen. Es bleibt uns

nichts, als selber unseres Weges zu gehen, dem Drange nach, der in

unserer Brust lebt. Wir müssen etwas suchen, das wir nun nicht haben;

wir können nicht anders. Wir verfehlen es oft dabei und gehen nicht

immer gerade aus und verstehen uns selber nicht immer recht. Aber wir

gehen dennoch weiter. Und wenn wir hie und da meinen, uns im Kreise

zu drehen und umsonst zu suchen, was unsres Herzens Verlangen ist, so

fällt es uns tröstlich ein, daß einer, auf den wir viel halten, und

der etwas von Menschenseelen verstand, gerade die Hungrigen und Armen

und Verlangenden glücklich, ja selig pries, weil irgendwo eine Fülle

für sie sei. Und dann fangen wir von neuem an, zu suchen, und fangen

am Kleinen an und werden nicht satt davon und suchen das Größere. Aber

es ist etwas in uns, das will das Größte und gibt sich anders nicht

zufrieden.

* * * * *

Der Rektor Cabisius hatte etwas getan, was er selten tat, er hatte ein

Machtwort gesprochen. Er hatte so lang als möglich damit gewartet. Wie

damals, als seine Enkelin klein war und ihren ersten Schritt wagte,

hatte er zugesehen, was da werden wolle. Aber als es Zeit war, streckte

er die Hand aus und sagte: »Doch, Georg, du machst nun dennoch das

Examen. Ja, ja, ich rede dir nicht drein. Ein gezwungener Pfarrer,

ein Mußtheologe, davor behüt' uns Gott. Das Höchste und Schönste darf

man nicht unwillig tun. Wenn Jesus einen seiner Zwölfe hinter sich

hergeschleppt hätte, -- nein, nein, ich versteh' dich. Gut versteh'

ich dich. Aber das Examen machst du dennoch. Ich sage dir: Verweht

und verloren kämest du dir vor, wie einer, der allerlei angreift und

nichts zu Ende führt, wenn du #so# davongingest. Nun ja, mach' kein

so bedenkliches Gesicht. Du wirst keine Glanznummer davontragen. Es

wird nur gerade reichen. Aber das ist ja nicht so wichtig. Du wirst

an mich denken, wenn einmal Schwierigkeiten kommen, -- die kommen

überall, Georg, es wäre nicht gut, wenn sie nicht kämen, -- und du dich

daran erinnerst, daß du nicht als Hasenfuß in die Weite gelaufen bist,

sondern als ein Mann, der wußte, was er wollte.«

Georg Ehrensperger hatte es nicht für so nötig gehalten. Aber wenn

der Rektor #so# sagte. Da ging er richtig hinein und hielt eine

Probepredigt, über die einige der Herren staunten: »Der will umsatteln?

Der hat keine Freude an der Sache? Ich wollte, sie wären alle so

frisch dran hin.« Aber die so sagten, wußten nicht, daß dem Prüfling

die frische Luft der Freiheit zur offenen Kirchentür hereingeblasen

hatte, als er seinen Text verlas und daß ihn heimatlich anrührte, was

ihn nicht binden und verpflichten wollte. Auch hatten sie ihm einen

Text gegeben, der ihm ein Stück Sphärenmusik war und über den er am

liebsten auf der Orgel gepredigt hätte: »Eine andere Klarheit hat die

Sonne, eine andere Klarheit hat der Mond, eine andere Klarheit haben

die Sterne. Und ein Stern übertrifft den andern an Klarheit.« Das

übrige, das ja freilich die Hauptsache war und himmlische und irdische

Körper, verklärte und natürliche Leiber miteinander verglich, kam -- es

muß gestanden sein, -- etwas kurz dabei weg. Es war mehr ein Lobpreis

nach der Weise des alten Liedes, das er einst von Hollermann gelernt

hatte: »Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist verfaßt in dir

allein,« und war eine Kandidatenpredigt, wie andere auch. Aber es ging

ein warmer Zug von Gottesbegeisterung hindurch, so daß die Herren,

auch die, die über einen pantheistischen Anklang darin leise den Kopf

schüttelten, nicht anders konnten, als freundlich zu gestehen, daß

Georg fähig gewesen wäre, und nicht nur mit knapper Not, verwendet zu

werden. In der Kinderlehre ging es nach dem Spruch: »Ich bin gekommen,

daß ich ein Feuer anzünde, und was wollte ich lieber, denn es brennete

schon?« Aber die Buben und der Herr Kandidat blieben miteinander an

der Beschreibung eines Bismarckfeuers hängen, in das ein jeder von

den Studenten seine Fackel warf, und eh' der Kandidat zu der sehr

tiefsinnigen Nutzanwendung kam, ein jeder müsse dazu beitragen, daß das

Höhenfeuer durch die Nacht leuchte, war die Zeit um. »Die Herren aber

hatten nur gesehen, daß,« sagte einer, »der Kandidat selber noch ein

Kindskopf sei.« Es wurde ihm aber nicht übel vermerkt. »Denn,« fuhr der

vorgenannte Professor fort, »immerhin wußte er die Kinderköpfe, die vor

ihm saßen, anzufassen und das ist mehr als nichts.«

Alles in allem, obgleich die eigentlichen Wissenschaften nicht gut

wegkamen und im Schriftlichen hie und da ein schönes, leeres Blatt

Georg Ehrenspergers Namen trug, gedieh das Ganze nicht #so# übel,

als sich der Kandidat vorher in schwarzen Stunden ausgedacht hatte.

»Und es ist nur schade,« sagte der Müller Hensler, wenn er darauf zu

sprechen kam, »daß er das Forsche erst jetzt angefangen hat, wo er

nach den Herren nichts zu fragen hat.« Er wußte ja freilich nicht, daß

das, was er Forschheit nannte, nur aus dem neuen, frischen Gefühl der

Freiheit herkam.

* * * * *

Der Wind trug halbverwehte Töne auf seinen Flügeln daher. -- -- »behüt

dich Gott, Philisterhaus.« -- »Horch,« sagte Georg, »sie singen einen

hinaus. Heut abend kommt's an mich. Ich weiß nicht, soll ich lachen

oder weinen, nun ich Tübingen Lebewohl sage. Ich bin den ganzen Morgen

durch die Straßen gewandert und bin auf dem Schloß gewesen und habe

alles mit den Augen gestreichelt.

Es ist so eine Sache. Die andern, die bisher mit mir gegangen sind, die

fangen nun an, zu amten. Ich aber -- manchmal kommt es über mich, Lore:

Nun habe ich so viel schöne Zeit verstudiert, und« --

»Verstudiert?« Lore lachte. »Das geht an. Es ist nicht so übermäßig

gewesen, gelt? Du, was hast du nur immer getan?« Sie saßen in dem

schmalen Mauergärtchen, an dem der Neckar vorüberfloß. Astern und

Dahlien blühten darin und rotviolette Malven; Herbstfäden waren von

einem Stengel zum andern aufgespannt und hie und da glänzte ein lichter

Tropfen an dem zarten Gespinste, wie eine Träne. In den Kronen der

Platanen drüben in der Allee wühlte der Wind. Er spielte auch mit dem

Haar des schönen Mädchens und legte eine der rötlichen Locken auf

die Stirne herein. Georg griff darnach und zog sie spielend über die

Finger.

»Was ich getan habe? Du weißt es. Ich habe mich nicht so

zusammengerafft, wie ich gesollt hätte. Es war mir immer, als ob ich

das Rechte, das mich ganz füllen sollte, noch nicht hätte; da suchte

ich es überall. Einmal, da half ich einem Weingärtner, draußen in der

Neckarhalde, Erde tragen, wohl zwei Stunden lang. Er ließ sich die

Hilfe gefallen, aber er hielt meine Arbeit doch für einen Studentenulk;

er dachte, es komme noch irgend ein Unsinn hintendrein und sah sich

zuweilen mißtrauisch um.

Aber es war nur das drängende Verlangen, etwas zu tun, das der Mühe

wert wäre, getan zu werden. Begreifst du das? Es kommt manchmal mit

Gewalt über mich. Ich möchte der Welt etwas geben, das sie ohne mich

nicht hat, etwas Großes, Schönes.«

Aber sie schüttelte lachend den Kopf.

»Ach, du denkst dir immer so sonderbare Sachen aus. Weißt du nichts

anderes mit mir zu reden? Nun hast du doch, was dir noch gefehlt hat,

nicht? Neulich sagtest du es.«

Sie sah ihm tief in die Augen, lockend und verheißend: da hast du mich,

das wolltest du doch?, und lehnte den Kopf an seine Schulter.

»Nun rede von etwas anderem. Du mußt dich beeilen, daß du etwas recht

Schönes schaffst, ich will nicht zu lange warten. Du mußt sehr oft

hierher kommen. Du sagst, wenn du neben mir sitzest, fallen dir die

schönsten Melodien ein. Das gefällt mir. Sag noch so etwas Hübsches.«

Sie sah ihn mit glänzenden Augen erwartungsvoll an. Da strich er ihr

weich und zärtlich über das Haar: »Du Liebste, du mußt mich ein wenig

trösten. Nun bin ich fast vierzehn Tage zu Hause gewesen und habe

Gertrud fast gar nicht zu sehen bekommen. Sie war so anders als sonst,

so still und ernst. Ernst war sie immer, aber nicht so wie jetzt. Und

immer in Tätigkeit. Den ganzen Tag mit etwas Dringendem beschäftigt,

und immer in der Dämmerung bei den Turmwartsleuten, wo die Frau krank

ist. Und nie ein rechtes Gespräch mit ihr. Was das nur ist? Sie war in

ihrem Leben noch nie launisch. Nun sagte der Rektor, als ich es ihm

klagte: 'Du mußt sie jetzt gewähren lassen. Man hat Zeiten im Leben, da

kann man nicht mit den andern gehen, da muß man für sich sein.' -- Ich

verstehe es nicht. Was sagst du dazu, Lore?«

Aber sie hütete sich wohl, zu sagen, was sie davon dachte.

Tausenderlei Dinge fragte sie und zog ihn spielend in ihre

Gedankenkreise. Da vergaß er, was ihn drücken wollte.

Und dann kam Frau Maute aus dem Hause und war sehr mütterlich, und

Georg mußte das über sich ergehen lassen, obgleich er immer ein

gewisses Grauen davor hatte. Er hatte sich nicht in Lorens Mutter

mitverliebt. Aber da war nun nichts zu machen. Er mußte von Franz

erzählen, den beide Frauen ins Herz geschlossen hatten, und von seinem

Examen, und von seinen Plänen für das neue Studium. Und darauf bekam

er eine Menge Ermahnungen, sich ein wenig zu beeilen, und -- sagte

Frau Maute, auch ans Praktische zu denken. Allzu ideal, das sei für

die ersten Jugendjahre gut, aber -- hi hi -- wenn man einmal -- sie

blinzelte nach Lore hin --, da stand Georg auf.

Es brannte etwas in ihm, aber nicht für Frau Maute.

Morgen ging er nach München. Und übermorgen wollte er anfangen,

zu arbeiten, zu lernen, dann selber zu schaffen, das drängte ihn

am meisten. Auf der Neckarbrücke stand er still und winkte nach

dem Mauergärtchen hin. Mußte er nicht umkehren? Wie konnte er nur

fortgehen? Würde ihm Lore von weitem das sein können, was er in der

Gegenwart von ihr hatte? Am liebsten hätte er sie mitgenommen. Aber

dazu war ja keine Möglichkeit; jetzt noch nicht. Weiter! »Streck dich

nach vorn aus allen Kräften, im Zeitstrom, der vorüberrauscht.«

Wo hatte er nur das gelesen? War es nicht bei Gertrud gewesen? Er wußte

es nicht mehr. Aber nun klapperten es die Räder des Zugs, unaufhörlich

dasselbe, es nahm eine Melodie an, eine monotone: »Im Zeitstrom, der

vorüberrauscht.«

Alle guten Geister...: Roman · 第 39 / 53 题