Zehntes Kapitel

Die drei Wiblinger fuhren mit ihrem Wägelchen bei einem alten Bekannten

vor, der einst mit dem Vater Ehrensperger auf der Wanderschaft gewesen

und somit auch eine Art Studiengenosse von ihm war, sozusagen, da es

heut schon so akademisch zuging. Jetzt hatte er einen Mehlhandel,

den indessen seine Frau besorgte und der ihm Zeit genug ließ, sich

einer kleinen Weinwirtschaft zu widmen, die er in einem niedrigen,

halbdunklen Loch von Wirtsstube hielt. Es verkehrten da hauptsächlich

Handwerksleute, die etwa einen Zwischentrunk unter die Arbeit hinein

tun wollten und die ganz ohne Umstände in Schurz und Hemdsärmeln kamen,

und solche, die sich zu einem stillen, dauerhaften Abendschoppen

versammelten. Ihnen allen widmete sich der frühere Wandergenosse auf

die Art, daß er sich sowohl zu den Morgen-, als zu den Mittags- und

Abendgästen fest und beharrlich hinsetzte und ihnen bei der Trinkung

seines Weines mit eigenem Beispiel voranging. Auch hielt er für den

allgemeinen Nießbrauch eine birkene Schnupftabaksdose von riesigen

Dimensionen im Umlauf, daraus konnte jeder Gast nach Belieben schnupfen

und sich so das Hirn erleichtern, das ihm irgendwie schwer war. An

diesem Tagewerk nun trafen die drei Wiblinger den Wirt und setzten sich

sofort zu ihm nieder, um die alte Bekanntschaft aufzufrischen. Franz

der Ältere und der Müller Hensler waren auch bald in einem Fahrwasser,

das ihnen ganz vertraut war, indem sie mit aufgestützten Ellbogen

an dem runden Tisch saßen und einmal übers andere mit dem früheren

Wandergenossen anstießen, im Übrigen aber vorläufig die Mitwelt sich

selbst überließen. Sie wurden noch um ein Weniges vergnügter und

bekamen, -- denn der Wirt war gleichfalls ein kurzer, breiter, dicker

Mann und von ähnlicher Beschaffenheit, wie die Wiblinger, -- alle drei

rote Köpfe, und saßen so wie drei Leuchtkugeln in dem dunklen Loch von

Wirtsstube.

Franz der Jüngere aber hatte sich ans Fenster gesetzt, um die

Vorübergehenden zu betrachten, und war nicht gesonnen, den schönen

Vormittag hier zu versitzen. Als er nun eine Weile so durch die

Scheiben gesehen hatte und eben bei sich erwog, wie er den Alten, die

ihm zu seßhaft wurden, für eine Weile davon und an den Schauplatz der

heutigen Festlichkeiten kommen könne, da sah er unvermutet seinen

Bruder Georg in der engen Gasse auftauchen. Er schritt einher, wie

einer, der wohl weiß, daß die Welt ohne ihn nicht ganz das wäre, was

sie nun ist, in festlicher Kleidung, mit Band und Mütze und mit einem

hellen, heiteren Gesichtsausdruck. Er schien in diesem Augenblick

der Aufmunterung nicht zu bedürfen, oder vielmehr schien er die

Aufmunterung, die ihm taugte, selbst mit sich zu führen. Denn rechts

und links von ihm gingen zwei Mädchengestalten, mit denen er in

eifrigem Gespräch begriffen war und alle drei schienen sich schon in

der erwünschtesten Feststimmung zu befinden, so verschieden sie auch

sonst von einander sein mochten.

Eins der Mädchen kannte Franz; das war Gertrud Cabisius. Sie trug ein

einfaches, hellgraues Kleid und schritt in ihrer bekannten, aufrechten

Haltung und mit festen Tritten, denen man übrigens die Elastizität,

die die Freude gibt, wohl anmerkte, neben Georg her. Franz sah aber

flüchtig über sie weg. Da war die andere, die er nicht kannte. Oder

doch? Oder sollte das die Lore sein? War so etwas möglich? Die war in

ein lichtes Festgewand gekleidet und schien die düstere Gasse ganz zu

erhellen, so leicht und hell und überaus anmutsvoll schwebte sie dahin.

Alle Wetter! sagte Franz und nahm seinen Hut vom Nagel. Es galt, er

mußte sich sputen, die drei gingen rasch die Straße hinab, er konnte

sie aus den Augen verlieren, wenn er säumte.

Die Alten sahen erstaunt hinter ihm drein. »Bleibt hier sitzen, bis ich

komme,« rief er noch unter der Tür. »Es ist der Georg, ich bringe ihn

dann mit.«

Da blieben sie denn sitzen. Es war geschickt so, sie hatten ohnehin

schon ihre Zweifel gehabt, wie der Student heut werde aufzufinden

sein. Denn sie mußten es sich ja gestehen, sie hatten es ihm nicht

mitgeteilt, daß sie kommen wollten.

»Glück muß der Mensch haben,« sagte der Müller Hensler, und darauf

stießen sie alle drei an. Nun konnten sie das Übrige vollends erwarten.

* * * * *

Georg Ehrensperger, der konnte heut einmal aus dem Vollen leben. Es war

kein Wunder, daß er aufgehellt aussah.

Rechts hatte er Gertrud Cabisius, und links Lore, und sie gingen wie

ein schönes Doppelwesen, das zu ihm gehörte, mit ihm. Er führte sie in

seine Stube und als er sie da hatte, da sah er von einer zur andern mit

stolzer Freude und hätte am liebsten aus drängendem innerem Vergnügen

heraus einen Purzelbaum geschlagen; aber das erlaubte dann wieder die

sieghafte Männlichkeit nicht, in der er sich neuerdings befand.

So hatte er sich das hundertmal ausgedacht: Da saßen sie beide

nebeneinander, Lore in ihrer funkelnden Schönheit und in guter,

freundlicher Stimmung, lieb und lachend, wie sie oft, aber nicht immer

war, und Gertrud in ihrer festen, geraden, klugen Art, die so sicher

und selbstverständlich zu ihm gehörte, und die heute noch von einer

festlichen Freude überglänzt war, so daß er sie nur ansehen mußte.

Es schien ihm, da er sie so beisammen hatte, alle Fülle unter sein Dach

eingekehrt zu sein; denn was er an der einen manchmal vermißte, das

hatte die andere an sich, und so bildeten sie ihm miteinander einen

reichen Hort von Holdseligkeit, Liebe, Freundschaft und ernster stiller

Klugheit, den er hätte am liebsten immer in erreichbarer Nähe behalten,

um bald das eine, bald das andere nach Bedürfen daraus zu entnehmen.

Das war nun zwar nicht wohl möglich. Da er die beiden aber wenigstens

zu dieser Stunde so erfreulich beisammen hatte, so konnte er sich für

den Augenblick aller weiteren Gedanken entschlagen und die schöne

Gegenwart genießen.

Er tat sein Möglichstes dazu. Er wollte so gern für heute, nur einen

Tag lang, alle ernsten Pflichtgedanken in den hintersten Winkel

seines Bewußtseins verschließen. Morgen, da mußte er sie ja wieder

hervorholen. Er warf einen scheuen Blick nach den Büchern, die auf

einem Tisch in der Ecke aufgestapelt lagen.

Dort drinnen lag ein ganzes Heer von Geistern und Geistchen

verschlossen, und sie waren ihm nicht alle freundlich gesinnt. Lange

nicht alle. Er hatte sie zum Teil etwas vernachlässigt, das ließen

sie ihn empfindlich fühlen. Manche schienen ihm so trocken, wie der

Wiblinger Feuersee an heißen Sommertagen, und manche so eigensinnig

und widerspruchsvoll wie ein alter Schafbock. Manche aber, das war das

Schlimmere, standen vor seinen Augen auf und wurden groß, immer größer

und sahen ihn streng und ernst an.

»Lehre,« sagten sie, »predige. Du weißt doch alles, was zu glauben

ist? Du glaubst es doch? Nicht? Du sollst aber. Eidlich sollst du

es versprechen. Vom Höchsten und Tiefsten sollst du reden, was es

gibt: von dem Gott, der in und hinter allen Dingen ist. Aber nicht so

geheimnisvoll. Klar und deutlich sollst du es sagen: Was? Das kann man

nicht? Das kann man wohl. Du tust, als ob es keine Offenbarung gäbe,

du. Du hast dich nicht mit uns auseinandergesetzt, wie du solltest.«

Ach nein, das hatte er nicht. Er hatte mit diesen Riesen nie recht

gerungen. Er war ihnen öfters davongelaufen, denn er fürchtete sie. Es

ging ihm, wie Mose, als er zum Ägypterkönig sollte: »Sende, welchen du

willst.«

Nur, Mose war dann schließlich doch gegangen. Er aber? Was wollte aus

ihm werden? --

»So, jetzt will ich mein Lied spielen. Hört zu.«

Als er mitten drin war, klopfte es und dann trat sein Bruder Franz

herein.

»Nein, aber ihr seid gelaufen. Ich verlor euch auf einmal aus den

Augen. Ein paar kleine Buben haben mir den Weg gezeigt. Grüß Gott

übrigens.«

Er lachte, vergnügt und halb verlegen, daß er so plötzlich da sei. Denn

hier fühlte er sich nicht so sicher, wie zu Hause. Er mußte hier den

Jüngeren gelten lassen, dessen Geist sozusagen um die Wände webte. Es

war doch ein anderes Verhältnis als in Wiblingen. Er fuhr sich mit

den Fingern durchs Haar. Er hatte immer noch einen steil aufstrebenden

Schopf.

»Der Vater ist auch hier und der Müller Hensler,« sagte er. »Wir haben

die Einladungskarte erhalten, da gedachten wir mitzufeiern.«

Bei diesen Worten sah Lore prüfend zu Georg hinüber. Ja, das hatte sie

wohl gedacht, er hatte richtig die kurze, gerade Falte zwischen den

Brauen. Die hatte er, wann er sich ärgerte.

Er dachte wohl, er hätte die Seinigen lieber an einem andern Tag

empfangen? Er sah so aus. Die Bemerkungen des Müllers Hensler

entbehrten oft eines gewissen Taktes, und die beiden Franze, Vater und

Sohn, -- nun ja, er hätte sie lieber ein andermal in dem neuen Haus

umhergeführt.

Aber dann warf er plötzlich den Kopf zurück und sein Blick begegnete

dem Lorens. Sein Lied, ja, das durften sie wohl hören; das war ja

gerade geschickt. Sie sollten nur staunen, wie er in Ehren stand unter

seinen Genossen. Und überhaupt, hinweg mit allem Ärger, heute sollte

alles hell und freudig sein und war es auch.

Lore nickte ihm zu; so warm und so ermutigend.

»Ach, sei nur zufrieden, das machen wir alles. Laß mich nur sorgen. Du

weißt, wenn ich will, -- und ich will, -- niemand und nichts soll dir

heut die Festfreude stören.«

Das sagte sie alles mit einem raschen Blick und dann wandte sie sich

triumphierend an Franz. Wie ehrlich entzückt der sie ansah. Er dachte

gar nicht daran, seinen Augen irgend einen Zwang anzutun.

»Ja, ja,« sagte sie und lachte. »Da ist nichts zu fragen und nichts

vorzustellen. Das sind wir, beide. Müssen wir »Sie« zueinander sagen?

Ich meine nicht. Wir sind doch Nachbarskinder gewesen, und dann sind

Georg und ich auch so gute Freunde.«

Ja, dagegen hatte Franz natürlich nichts einzuwenden. Es konnte ihm

nichts lieber sein. Mächtig gemütlich war das. Das war ein Mädchen.

Sie fing sofort an mit ihm zu plaudern. Und dann unterbrach sie sich

plötzlich: »Wir müssen still sein, denn nun spielt uns Georg sein Lied

vor. Fang noch einmal vorne an, Georg. Ja, du, Franz, heut müssen wir

stolz auf ihn sein. Das wißt ihr in Wiblingen wohl noch gar nicht?«

Nein, davon wußten sie in Wiblingen nichts. Sie waren hergefahren, um

ihn aufzumuntern. Er hatte doch sein Examen noch nicht gemacht? Worauf

denn stolz?

Und dann saß Georg wieder am Klavier und spielte. Wenn er aufsah, dann

fiel sein Blick auf Gertrud. Die hatte den Kopf vorgeneigt und horchte.

Den Arm hatte sie leicht auf das Klavier gestützt. Er sah, daß sie sich

mitfreute, als ob das Lied ihr eigenes wäre und daß sie alles verstand,

was er darin zum Ausdruck bringen wollte. Das belebte ihn so, daß er

sogleich fortfuhr und, wie er am liebsten tat, ein wenig phantasierte.

Hinter ihm saßen auf dem Sofa Bruder Franz und Lore. Zweimal ging die

Tür. Einmal kam Meister Riedel herein. Den hatte er im Heraufgehen

gebeten, zu kommen, denn er wollte ihn gern mit Gertrud bekannt machen.

Er hatte ein sauberes Wams angezogen und sein blauer Schurz war neu.

Er ließ sich dicht neben der Tür auf einen Stuhl nieder. Das zweite

Mal kam der Rektor Cabisius. Er winkte mit der Hand, Georg solle

fortfahren: »Wir sprechen uns dann nachher.« Ja, das dachte Georg

auch; aber unwillkürlich ging das auch in sein Spiel über, was er

nachher bereden wollte.

Gertrud verstand ihn auch jetzt. Sie hatte einen besonderen Sinn des

Verstehens für ihn.

Wie reich bin ich heut, -- sagte ihr sein Spiel. -- Alles ist um mich,

was in Wahrheit zu mir gehört, alles ist freudig und freundlich. Ach,

wie schön ist das Leben, eine Fülle hat es, auch für mich. Wo ist das

Öde geblieben, das Leere, Hungrige? Wo ist das machtlose Nichtkönnen?

Hohe, starke Wellen schlägt das Leben, und ich -- ich werfe mich in die

Fluten. Es trägt mich, -- ja, es trägt mich.

Dann schlug er weiche, leise Töne an.

Hilf mir, guter Geist, sagten sie. Was soll ich tun? Es ruft mich nach

zwei Seiten. O Gott, du frommer Gott, du Brunnquell aller Gaben. -- Ja,

da war wirklich die Choralmelodie dazwischen und rief nach einem Rat,

nach einer Klarheit.

Ich, -- ich sehe dich nicht, wie du bist. Aber ich will dir dennoch

dienen.

»Du Lieber,« dachte Gertrud, »versuch' es nur, fang nur an. Es wird dir

schon gelingen.« Sie dachte wohl an das Examen und das Pfarramt. Georg

sah plötzlich in ihr Gesicht, und irgend etwas drin reizte ihn. Sie sah

so mütterlich-verständig aus.

Und auf einmal brach die zarte Melodie ab, die wie das Rufen einer

Kinderstimme geklungen hatte: hilf mir, guter Geist, -- und es tat ein

paar rasche Schläge, hinunter -- hinauf, dann brach ein Wetter aus dem

Klavier.

»Ich will nicht immer sollen und müssen. Still. Laßt mich. Laßt mich

meiner Wege gehen. Ich will es ergreifen, das, was mein ganzes Wesen

will. Ich will es erreichen.«

Es war, als ob einer alles Schöne an sich risse mit einer drängenden

Leidenschaft des Lebens.

»Jetzt geht es mit ihm durch,« dachte Gertrud.

Sie war warm verständnisvoll mitgegangen bisher. Sie versuchte, auch

das zu verstehen. Denn er brach immer von Zeit zu Zeit einmal über

die Ufer, wie ein Bach im Frühling. Das war ihr so bekannt, daß sie

lächeln mußte, wie jemand, der plötzlich an einem bärtigen Mann das

Kindergesicht von ehemals wieder in irgend einem Zug entdeckt. Nur, es

war diesmal ein verzweifelter Ernst darin, vor dem sie dennoch erschrak.

»Was hat er im Sinn?« Mit einem jähen Aufschrei brach das Spiel ab. Da

sprang Georg auf. Meister Riedel bewahrte den Stuhl vor dem Umfallen

und dabei trafen seine Augen Gertruds Gesicht. Und er trat zu ihr und

bot ihr die Hand und sie hatten von diesem ersten Augenblick an ein

Wohlgefallen aneinander.

Lore war zu gleicher Zeit aufgesprungen. Wie Feuer brach es aus ihren

Augen, sie atmete rasch und erregt. »Du,« sagte sie, und achtete nicht

auf die andern und streckte Georg beide Hände hin, »du bist anders als

ich meinte. Du bist auf einmal aufgewacht. Du führst das alles aus,

was du dir vornimmst. Das Letzte, das war schön. Das hab' ich ganz

verstanden.«

Jetzt war nichts Vorsätzliches, Bedachtes in ihr. Das

Leidenschaftliche, das hatte sie aus allen Gedanken gerissen.

Ach, wie schön erschien sie ihm so. Und sie hatte ihn verstanden. Georg

hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Es sprangen Funken herüber

und hinüber, aus ihren Augen in die seinigen, aus einer Seele in die

andere.

Und in diesem Augenblick geschah es, daß Georg Ehrensperger mit Wissen

und Willen eine neue Richtung in seinem Leben einschlug. Er ist sich

sein Lebenlang der merkwürdigen Vorgänge dieses Augenblicks bewußt

geblieben, da es ihm vor den Augen flimmerte und in Hirn und Herzen

brauste vor dem Wogen und Wallen seines aufgestörten Blutes, und da

doch unten in seiner Seele ein klarer, kühler Entschluß aufstieg: ich

tue es.

Wie in einem Spiegel sah er sich: es ist nicht nur die Scheu, von

inneren Dingen zu reden und nicht nur der Mangel an rechtmäßigem,

erforderlichem Glauben, der dich abhält, in das Pfarramt zu treten,

sondern noch viel mehr ein starker Zug in das weite und breite Leben

hinaus, dessen Beschaffenheit du noch gar nicht kennst, und ein Wille,

die reiche Welt ans Herz zu nehmen und ihren Pulsschlag zu erlauschen,

auch da, wo sie nicht von geistlichen Dingen redet.

Zugleich aber fühlte er den starken Trieb, männlich in die Reihen zu

treten und doch auch etwas zu leisten, das die Welt ohne ihn nicht

hätte, etwas, das ganz und wahrhaftig seinem eigenen Wesen entspräche

und also auf Wahrheit beruhe von innen heraus.

Es schien ihm, als ob aller Zweifel und alle Unklarheit seines

Wesens von diesem Augenblick an abgetan sei, da er sich entschlossen

hatte, die Gabe, die ihm als seine eigenste vorkam, zur Aufgabe und

Führerin zu machen, koste es, was es wolle. Freilich sah er das alles

zusammengefaßt als in einem Brennpunkt in den leuchtenden Augen des

schönen Mädchens, das ihm darum von der Minute an so sicher und fest

zu seinem neuen Weg gehörte, wie ein glänzender Stern, nach dem ein

Wanderer die Richtung einhält.

Er bedurfte aber nicht so lang, um dies alles von sich zu wissen, als

es Zeit braucht, es zu erzählen. Sondern in wenige Sekunden drängte

sich die neue Erkenntnis zusammen, die ja freilich vorbereitet in ihm

gelegen war. Es war, als ob jemand ein brennendes Streichholz an ein

sorgfältig aufgeschichtetes Feuerholz gehalten hätte. Es flammte auf

und brannte sogleich, hell und ohne Einhalt und gab nur wenig Rauch.

Er hörte zu, was der Rektor Cabisius sagte, gab über dies und das

Bescheid, und wußte nicht, daß sein junges, offenes, erregtes Gesicht

so gar nichts verbergen konnte.

»Ich will hingehen und sie für mich gewinnen. Es ist ein Wunder, daß

ich es kann. Sie ist für mich gewachsen, ich weiß es seit dieser

Stunde. Und wenn ich sie habe, dann habe ich auch Melodien. Lauter

Lieder von Freude, Jugend, Leben und Liebe habe ich dann. Lauter Lieder

von der Schönheit. Wie ein quellender Brunnen wird sie für mich sein,

aus dessen blinkender Flut ich unaufhörlich schöpfen kann. Und Gertrud.

Gertrud geht mit uns beiden, wie bisher mit mir. Sie ist mein bester

Kamerad. Das wird ein Leben.« So dachte er und das trat ihm in die

Augen, das machte sein ganzes Gesicht warm und glücklich.

»Du Lieber,« dachte der Rektor, »du bist mir wie ein Sohn. Ich darf

dich nicht halten. Ich muß dich dein Leben selbst erleben lassen.

Schwer ist es. Ich möchte dir weite Umwege ersparen, denn das machst

du. Aber ich darf nicht. Du möchtest dich sonst noch schlimmer

losreißen. Ach, möchte ich noch für dich da sein, wenn die hohe Flut

verlaufen ist. Siehst du, du willst alles mitnehmen. Satt trinken

willst du dich an der Freude. Schaffen willst du und meinst es zu

können, weil die Saiten deiner Seele zittern von Liebe und Leidenschaft

und Begeisterung. Aber das Große, Echte, das wird nicht so leicht

geboren. Und du bist nicht mit dem Geringeren zufrieden, du kannst es

nicht sein, dazu ist dein Geist zu hungrig und zu tief.«

So waren der Beiden Gedanken, und daneben sprachen sie von dem neuen

Haus und den Bundesbrüdern und kamen auch auf das Examen. Und auf

einmal sah der Jüngere, wie warm und liebend die alten Augen auf ihm

lagen, und er faßte die Freundeshand.

»Ach, ich möchte dir so viel sagen, alles.«

Da trat Gertrud zu ihnen.

»Wollen wir nun gehen? Es wird Zeit sein. Wir wollen doch dabei sein,

wann der Schlüssel übergeben wird.«

* * * * *

Im Glanz der Septembersonne lag das neue Haus. Es war ein Stück weit

den Österberg hinangestiegen, um besser auf die alte Stadt, auf den

schimmernden Fluß und auf das sonnige Tal heruntersehen zu können. Die

neue Fahne in den Verbindungsfarben wehte, von einem leichten Lüftchen

bewegt, die hellen Fensterscheiben glänzten; Kränze und Girlanden

hingen an allen Türen und Fenstern.

Der Baumeister übergab den Schlüssel. Die Rechnung übergab er ein

anderesmal. Der Rektor Cabisius als der älteste der alten Herren

steckte den Schlüssel ins Schloß und öffnete die Tür, und sagte, was

ihm der Augenblick eingab, als er alle die jungen und die alten Männer

sah, die bereit waren, über die neue Schwelle zu schreiten.

Davon redete er, daß das Haus ein gemeinsamer Hort für sie alle sein

solle, in dem sie sich zusammenfinden könnten, um sich immer neue Lust

und neuen Mut zu allem Großen und Guten beieinander zu holen. Gott und

den Menschen wollten sie dienen, jeder mit seiner Gabe; keiner sei nur

für sich selbst da; auf jeden warte die Menschheit irgendwie. Kein

Pfund solle vergraben, keine Kraft vergeudet, keine Fähigkeit ungenützt

gelassen werden. Dazu wollten sie sich in Freundschaft verbinden.

Er sagte noch mehreres, worauf die Alten den Jungen und die Jungen

einander die Hände reichten. Es war viel froher und ernster Mut zu

starkem und rechtem Tun beisammen zu dieser Stunde. Und darauf floß

der Strom der Verbrüderten und ihrer Gäste über die Schwelle. Gesänge

erschallten, Scherz und Lachen und fröhliches Staunen füllte die Räume,

Freude blitzte aus den Augen, Freunde fanden sich zusammen, sowohl

junge als alte. Gertrud Cabisius stand dicht neben ihrem Großvater.

Leise schob sie ihre Hand in seinen Arm. Wie schön war das alles. Wie

weitete es ihr das Herz. War nicht Freundschaft, die sich in allem

Großen und Guten fand, das Schönste, was es geben konnte? Da kam er,

der ihr Freund und Bruder gewesen war, seit sie denken konnte, auf sie

zu: »Was sagst du dazu, Gertrud? Was sagst du zu dem allem?« Er hatte

zwei oder drei Studenten bei sich und machte Gertrud mit ihnen bekannt.

»Ihr wißt von ihr, ihr kennt sie; sie ist gescheiter, als wir alle. Sie

ist meine ganz gute Freundin.«

Was sie dazu sagte? Es war, als ob das große Studentenbild in des

Großvaters Stube lebendig geworden sei und sich hier herum bewege.

Diese Menschen kannte sie alle. Sie hatte keinen von ihnen je

gesehen, aber darum kannte sie sie doch. Sie, die nie dazu gekommen

war, Mädchenfreundschaften zu pflegen (die lahme Kameradin aus der

Volksschule ausgenommen), sie hatte das Gefühl, als ob sie diesen

allen wesensverwandt sei. Hoch und stark klopfte ihr das Herz. »So

gefällst du mir,« sagte Georg zufrieden. »Du warst vorhin so finster.«

»Finster?« »Ach nein, nicht gerade, aber so ausgelöscht. Ich sehe es so

gern, wenn du ein vergnügtes Gesicht machst.«

»So?« Sie lachte. Ja, das war vorhin auch nicht schön gewesen, was ihr

geschwind übers Herz gekrochen war, als sie Georg und Lore miteinander

beobachtet hatte. Eine ganz ungewohnte Empfindung. Eifersucht? Gertrud

Cabisius und eifersüchtig? Ach, Unsinn. Sie brauchte es ihm zum Glück

nicht zu sagen und wischte die noch einmal aufsteigende Erinnerung

daran hinweg, wie einen Staubfleck vom Kleide. Das fehlte noch.

Einer der jungen Männer trat zu ihr hin und es stellte sich heraus,

daß es ein alter Bekannter von der Wiblinger Lateinschule war und

daß Gertrud mit ihm auf den Bänken gesessen hatte -- einst: Fritz

Hornstein, den sie hinter seinem Bart nicht mehr erkannt hatte.

Natürlich sprachen sie von Georg, und natürlich sprachen sie von ihrer

gemeinsamen Kindheit. Georg und immer Georg.

»Wie warm sie wird,« dachte Fritz Hornstein. »Wie natürlich und offen

sie ist. Es ist kein Wunder, daß er stolz auf sie ist. Sie ist ein

feines Mädchen.«

Als sie sich trennten, gab er ihr die Hand. Er hoffte, sie heute noch

öfter zu sehen.

Ja, das hoffte sie auch. Es sollte sie freuen. Sie war nicht im

mindesten befangen oder schüchtern, sie, die nie sonst in Gesellschaft

kam.

»Ach, Großvater, ich wollte, ich wäre einer von diesen.« Sie hing sich

an seinen Arm. »Sind sie nicht glücklich?«

»O, Kind.« Er strich ihr sachte über das Haar. Warum mußte ein Becher

voll bittern Leides auf sie warten, da sich ihr Herz so willig

jeglicher Freude erschloß? Er sah es kommen, daß sie von diesem Fest

nicht so fröhlich heimging, wie sie gekommen war. Aber er hatte keine

Macht, irgend etwas zu verhindern, was geschehen sollte. Er wußte, daß

man das nicht konnte. Gott allein wußte, wie der Menschen Wege gehen

sollten; er wußte, wo sie irren und sich täuschen und sich vergebliche

Mühe machen mußten.

»Es muß ein Sinn in dem allem liegen, den wir nicht verstehen. Das

Leben ist wie ein Gewebe, dessen Rückseite so verworren aussieht. Und

alles, was wir tun können, ist: zu vertrauen, daß es von vorne klar und

schön sei und daß der Weber keinen Webfehler machen werde.«

»Ja,« schloß er sein Selbstgespräch, »und vielleicht wird es uns eines

Tags von vorne gezeigt.«

Das letzte hatte er halblaut gesagt.

»Großvater, was willst du von vorne sehen?«

Gertrud machte ein fragendes Gesicht.

Aber nun bekam sie keine Antwort.

* * * * *

Sonne überall. Sonne über der ganzen alten Stadt, Sonne auf der Straße

nach Niedernau, Sonne über dem Reitertrupp, der dahinsprengte, auf

einigen braven, wackeren Gäulen und auf einigen alten, dürrbeinigen

Kleppern, Sonne über den offenen Wagen, die nach einander hinausfuhren,

alle voll fröhlicher, festlicher Menschen, Sonne über dem grünen

Wiesenplan, Sonne auf den Angesichtern und in den Herzen.

Wer wird an einem solchen Tag an Schatten denken? Alles ist voll Licht

und Farben, alles ist in Bewegung. Bunte Mützen und Bänder, helle

Mädchenkleider, helles Mädchenlachen, Musik erklingt und fließt über

die Wiese hin, auf der Wiese tanzen fünfzig Paare, nein, mehr. Wer hat

sie gezählt?

Der Müller Hensler tanzt auf kurzen, flinken Beinen zwischen all' den

jungen Leuten herum; er hält die Putzmacherin Maute umfaßt, die ein

Stück größer ist als er und in einer grünseidenen Bluse steckt. Alle

Wetter, sie tanzt wie ein junges Mädchen, er muß ihr einmal auf den

Rücken klopfen, um ihr seine Bewunderung zu zeigen. »Ja, das hat schon

Maute immer gesagt. Henriette, hat er gesagt, wenn du sonst nichts

könntest, tanzen, das kannst du.«

Ja, das wollte der Müller Hensler meinen, das konnte sie. Und Franz ist

dazwischen und tanzt mit Lore, das heißt, wenn er sie bekommen kann;

denn sie geht aus einem Arm in den andern. Herrlich sieht sie aus, jede

ihrer Bewegungen ist Leben und Lust und Grazie, und sie wird weder heiß

noch rot vom Tanzen. Leicht und ruhig atmet sie, sicher und überlegen

geht sie mit den jungen Leuten um; aber wenn sie zu Georg kommt, dann

ist sie anders. Dann sagen ihre Augen: »Siehst du mich? siehst du, daß

ich schöner bin als alle? Das bring ich alles dir; ja, ja, staune nur;

wage nur, frage nur.«

Und andere junge Mädchen sind da und gleiten über den Rasen, einfache,

warmherzige, frische Geschöpfe, Schwestern der jungen, oder Töchter

der alten Bundesbrüder, Lust und Frohsinn in den Augen, Lachen

auf den Lippen. Und es kommt auch die Alten an und siehe da, der

Rektor Cabisius erinnert sich noch eines Maienfestes vor sechzig

-- oder beinah sechzig Jahren, an dem er ein kleines Schulmädchen

herumgeschwenkt hat, ein mageres, braunes Ding mit einem langen Zopf.

»Wissen Sie noch, Frau Oberamtspfleger? Was meinen Sie, wir könnten's

noch einmal probieren.«

Wie sie sich wehrt, die alte Frau mit dem runzeligen Gesicht, und wie

ihr Gatte, der rund und klein ist und engatmig, lacht und sie antreibt,

und wie schließlich -- »es ist ja nur zur Erinnerung,« und anders ist

es auch nicht -- die beiden alten Leute ein Tänzchen machen. Wie sie

junge, rührend junge Gesichter bekommen, alle beide. Wer hat zugesehen

und hatte ein Mißfallen daran? Ach, niemand, niemand als der dürre,

vertrocknete Professor Kauz, der die Lippen zusammenkniff und den Kopf

schüttelte und sagte, daß das Alter zu ernst sei für solchen Tand. Er

ist aber wohl niemals so recht jung gewesen, der Arme.

Und da waren außer den Tanzenden noch viele, viele Menschen, die

zusahen. Sie saßen an Tischen und aßen und tranken, und gingen umher

und unterhielten sich und taten, wie ihnen gefiel. Unter ihnen war

Gertrud Cabisius. Wie ihr die Jugendlust durch die Adern strömte. Wie

sie alle diese hellen Bilder in sich hinein gehen ließ. Ach, war sie

denn seither nicht jung gewesen? Hatte man vergessen, ihr zu zeigen,

wie junge Mädchen leben? Hatte sie selber nicht gewußt, daß sie ein

junges Mädchen sei? Schlicht und glatt zurückgekämmt trug sie ihr

Haar, einfach, fast schmucklos war ihr graues Kleid, ernsthaft, schwer

und verständig ihr Denken, pflichtbewußt ihr Sinn. Hohe Ideale trug

sie in sich, groß und weit war ihr Anschauen von Welt und Menschen, in

wenige, starke und tiefe Züge faßte sich ihr Gemüts- und Herzensleben

zusammen. Wo aber war das Weiche, Lachende, Harmlose der Jugend, das

Zierliche, Leichte, Beschwingte, das diese Mädchen alle dahintrug, wie

es ihr schien?

Gertrud konnte nicht tanzen und sie wagte auch nicht es zu versuchen,

so oft auch einer der jungen Männer kam und sie bat. Nein, das konnte

sie ja doch nicht. Sie war keins dieser leichten, heiteren Wesen, sie

war anders als sie alle. Georg hatte es oft genug gesagt, aber nun sah

sie es auch.

Doch, was schadete das? Noch war es Zeit, sich zu freuen, noch war

sie ja jung, noch war nichts versäumt. Es brannte etwas in ihr. Heran

mit der Freude und herein. Gertrud Cabisius tut ihr die Tore ihres

Herzens auf. Es wartet etwas in ihr auf ein großes Werde, wie die Erde

am Morgen auf den Sonnenaufgang wartet. Aber schickt die Sonne nicht

das Morgenrot voraus? Färbt sie nicht die tausend kleinen mutwilligen

Lämmerwölkchen rosig und golden? Es ist ein großer Augenblick, wann

die Sonne kommt. Aber es geht nicht in der ganzen Natur so überaus

feierlich und ernsthaft zu dabei. Es ist Raum für alles Frohe,

Leuchtende, Lachende.

»Ja, das ist ja wahr,« sagte der Großvater, »das Tanzen, das hast du ja

nie gelernt. Rein vergessen hat man das.« Er sah ein wenig hilflos aus.

Zu Hause hatten sie nie an dergleichen gedacht.

»Vielleicht könntest du es doch, wenn du es nur versuchen wolltest.

Meine Schwestern, als sie jung waren, pflegten miteinander auf dem

Speicher zu tanzen, nur nach einer Mundharmonika, die mein Bruder zu

blasen verstand. Sie hatten es in sich. Das liegt ja im jungen Blut.«

Ja, aber nicht in dem ihrigen. Das war doch wohl zu schwer dazu. Die

Jugendlust hatte sie mit ihren Schwingen gestreift, und etwas in

Gertruds Wesen antwortete ihr. Aber darum konnte sie nun doch nicht

sogleich auffliegen. Das muß auch geübt sein.

Doch, zu dem allem war ja noch Zeit.

Fritz Hornstein kam und brachte noch einen Freund mit, Ernst Daxer,

und da sie beide keine Lust hatten, »noch länger herumzuspringen«,

wie sie sagten, so richteten sie sich gemütlich zum Zusehen ein und

kamen auch bald in ein lebhaftes Gespräch, da konnte Gertrud denn von

Herzen mittun. Und der Rektor Cabisius kam dazu und brachte seine alte

Jugendbekannte mit und der Gatte der Jugendbekannten kam und wollte

sich seine Frau nicht entführen lassen, und hatte in jeder Rocktasche

eine Flasche Wein. Da lagerten sie sich an einem grünen Rain, fast am

Waldrand und wurden so angeregt, daß Georg Ehrensperger, als er nach

einiger Zeit auf der Suche nach Gertrud hierherkam, fast eifersüchtig

sagte: »Hier geht's ja herrlich ohne mich. Hier werde ich ja wohl gar

nicht vermißt?«

Doch, das wurde er. Und Gertrud war zu einfach, um es nicht zu sagen.

Sie hatte ihm immer nachgesehen, so lange er sich mit Lore im Reigen

gedreht hatte, und so lange er an dem Tisch der Wiblinger gesessen war.

»Du bist nur so in Anspruch genommen,« sagte sie.

Da war er froh, daß sie ihn vermißt hatte. »Das bin ich,« sagte er.

»Ich weiß nicht, wo anfangen. Ich bin froh, daß ihr über Nacht bleibet.

Denn ich muß noch mit dir reden. Jetzt? Ja, jetzt kann ich nicht. Ich

bin jetzt nicht ruhig genug dazu. Ich bliebe ja gern hier.«

Da stand schon Lore neben ihnen.

»Ach, es ist jammerschade, Gertrud, daß du nicht tanzen kannst. Wärest

du nur früher gekommen, ich hätte es dich gelehrt.«

Sie schlug Georg leicht auf den Arm.

»Dich hab' ich's auch gelehrt, nicht? Es ist schade, Gertrud.«

Das war es, das dachte sie auch. Aber als sie sich besann, da war es

doch nur darum, weil sie nicht mit Georg tanzen konnte. Nun hatte sie

immer alles mit ihm geteilt, alles Ernsthafte, Pflichtgemäße, alles

Große, Starke, alles Schwere, Drängende, Hungrige. Mußte sie nun auf

der Seite stehen, wenn er leicht und froh und heiter war? Mußte sie

andern überlassen, mit ihm fröhlich zu sein? Das war einen Augenblick

ein bitteres Gefühl. Aber hinweg damit.

»Ich bin das alles nicht gewöhnt. Ich komme völlig aus dem

Gleichgewicht. Ich will froh sein, wenn Georg nach dem Examen zu uns

kommt. Das soll schön werden. Dann wollen wir auf unsere Art vergnügt

sein.«

Sie nickte beiden freundlich zu, als sie nach einiger Zeit wieder

abzogen. »Er gehört dennoch zu mir, sein Lebenlang tat er das schon. Es

ist keine Frage.«

* * * * *

»Du, höre, was ist diese Gertrud für ein Mädchen geworden?

Unaussprechlich brav und gescheit und ein bißchen langweilig.«

Lore schüttelte den schönen Kopf. Sie ging neben Georg her nach dem

Tisch der Wiblinger.

»Sag nichts über Gertrud. Sie ist -- ach, du kennst sie nicht. Sag kein

Wort über sie.« Er sagte es fast rauh.

Da sah sie ihn an mit diesem Blick, dem er nie zu widerstehen

vermochte, aus Schelmerei und Zärtlichkeit gemischt: »Ach, ich tu ihr

nichts. Gewiß nicht. Ich bin nur so ein törichtes, nichtsnutziges Ding

neben ihr. Ich bin nur neidisch auf sie.« Da hatte sie ihn wieder

gewonnen. Wie hatte er sonst oft nach einem solchen Blick verlangt;

früher, da pflegte sie ihn andern zu schenken. Und nun flog einer um

den andern zu ihm.

»Du, du wirst ausreißen, ich sehe es. Du wirst es durchsetzen, das, was

du jetzt anfängst. Heute hast du mich vollends aufgeweckt, heute morgen

in deiner Stube, als es dich so fortriß. Du sollst mir berühmt werden,

du.«

»Mir?« Er sah rasch nach ihr hin. »Mir, sagst du?«

»Ja.« Sie lachte. »Ich habe es alles nie so verstanden, das mit deiner

Musik, und daß dich das Studieren nicht so anzog. Aber das ist nun

anders. Ich habe heute früh ein Gespräch mitangehört. Zwei sagten

zueinander: 'Du, der Ehrensperger, der hat's in sich.' Siehst du, das

denke ich auch. Pfarrer? ach, das kann jeder werden. Du sollst mir --

au, du drückst mich. Du tust mir weh.«

Sie entzog ihm lachend ihre Hand, die er gepreßt hatte, daß es knackte.

»Komm in den Wald. Wir gehen nachher zu den andern. Hier sind wir

schon dran. Ich -- ich muß dir etwas sagen.« Er atmete schwer.

»Was du wohl sagen willst? Muß das heute sein?«

Sie lachte, aber unsicher. Sie wußte wohl, worauf es hinauslaufen

werde. Das Herz klopfte ihr. Wurde es nun Ernst?

»Ja, ich muß mit dir über das alles reden, heute noch. Und überhaupt.

Komm.«

Da traten sie in die grünen Hallen ein. Still ging sie neben ihm, fern

von den andern, und ihre herabhängende Hand lag leicht in der seinigen.

Die grünen Büsche schlugen hinter ihnen zusammen.

Die Buchen wölbten sich über ihren Häuptern.

Von draußen herein sangen die Geigen und Flöten.

»Lore, ach Lore. Daß du so sagst. Was ist das für ein Tag heute. Es

wendet sich alles um und um. Ich muß das nicht tun, wovor mir so angst

war. Es ist mir, als sei ich frömmer seit dem Augenblick. Es war so

eine Quälerei, immer ein Wollen und Nichtkönnen. Das ist auf einmal

von mir abgefallen. Jetzt sollst du sehen, daß ich dennoch ein Ziel

erreiche. Ich will Schönes schaffen, Wahrhaftiges, etwas, das mein

eigen ist. Alle sollen sich mit mir freuen. Du besonders. Das ist das

Schönste, daß du daran glaubst.« Er sah ihr in die Augen. Tat sie es

wirklich? Ja, da stand es groß geschrieben.

»Lore, du warst noch nie so, wie heut. Es ist, als ob ich dich zum

erstenmal sähe. Komm, laß dich ansehen. Du, was habe ich mich gequält,

ja, auch um dich. -- Nein, laß es mich sagen. Es ist ja wie ein

Märchen. Das hat immer alles so hoch gehangen, was ich wollte. Wenn ich

darnach griff, schnellte der Zweig zurück, an dem es hing. Wenn es in

mir brannte, daß ich dem nachgehen müsse, was in mir tönen wollte, und

ich versuchte es, dann kam wieder die Mutlosigkeit: du kannst es doch

nicht. Und du darfst auch nicht. Du mußt am Wege bleiben. Du darfst

nicht darnach greifen. Alles Schöne, nach dem mein Wesen verlangte, war

wie Sünde. Heut nicht. Ist heut ein Wunschtag? Du kommst -- ach, Lore,

sieh mich nicht so an -- und beugst mir den vollen Zweig herunter und

sagst: du kannst. Und mir ist, ich könne. Ich will -- -- du, -- du mußt

dabei bleiben, -- du mußt mit mir gehen, -- ach, komm.«

Da schlug es über ihnen zusammen wie weiche, warme Wellen. Da vergaßen

sie Reden und Denken über dem, was eins in des andern Augen geschrieben

fand.

»Du, du.« Sagten sie das Wort heut zum erstenmal?

»Du.« Da schloß Lore die Augen, wie geblendet von einem großen Glanz

und lehnte den Kopf an seine Brust, und sein Arm umfaßte sie. Sie aber

rührte sich nicht darin.

* * * * *

Ein Rotkehlchen hüpfte von Ast zu Ast und sah aus hellen Augen zu, wie

den beiden jungen Menschen die Hände von den Schultern und ineinander

glitten und wie sie darauf nebeneinander her gingen, schweigend. Auf

einmal erschrak es und flatterte hinauf in den Wipfel einer jungen

Buche. Denn das Mädchen hatte gelacht, ein so zwitscherndes, helles

Lachen, daß das Vöglein aus einiger Entfernung sehen mußte, was darauf

erfolge. Das Mädchen hatte ja doch seinen Genossen bei sich und

brauchte ihn nicht zu rufen und ein solches Gezwitscher bedeutete in

der Vogelsprache einen Lockruf. Da fiel dem Rotkehlchen sein eigenes

Liebchen ein, das ein bißchen weiter drin im Wald wohnte und es

breitete seine Flügelein aus und rief: ich komme.

Alle guten Geister...: Roman · 第 37 / 53 题