Neuntes Kapitel

Lore. Es wäre vielleicht mehr unsere als Georg Ehrenspergers Sache

gewesen, uns um ihr Werden und Wachsen, und um ihre Erziehung, zu

kümmern. Wir ließen sie alle ruhig nach Tübingen ziehen, wo ihre Mutter

dem Aufschwung huldigen wollte, wir, das heißt die Rektorin Cabisius

und Frau Judith, sandten einige sorgliche Gedanken hinter dem Kinde

drein: Was mag nun aus ihm werden? Dann aber hatten wir mit andern

Dingen zu tun.

Nun ist inzwischen aus dem schönen Kind ein schönes Mädchen geworden,

das, soviel haben wir schon gemerkt, auch noch andere Leute als uns

nötigt, die Augen aufzumachen in Staunen und Verwunderung, und das,

soviel haben wir gleichfalls gemerkt, gar nicht gleichgiltig dagegen

ist, ob die Leute auch wirklich die Augen aufmachen und was in ihnen zu

lesen ist.

Wir haben auch sonst noch einiges gesehen, was wir lieber vermißt

hätten, da es für Georg Ehrenspergers Seelenruhe und für sein Studium

zuträglicher gewesen wäre, wenn Lore -- kurz, wenn ihre Erziehung in

manchen Dingen anders ausgefallen wäre.

Aber eigentlich wissen wir doch nicht so viel von ihr, als wir billig

sollten.

Fragt ihre Mutter. Die reibt die Hände ineinander vor Vergnügen und

blinzelt mit den Augen: »Ja, ja, das ist ein Mädchen. Ich, als ich jung

war, sah ganz ähnlich aus. Geschickt ist sie auch, und flink, und so

ideal. Wenn Maute sie so sähe. Er sagte immer --,« ja, nun bekommen

wir den entwichenen Maute auf den Hals. Den schenken wir ihr. Sie hat

aber nebenbei ein klein wenig Furcht vor ihrer Tochter, und so wenig

uns ein solches Verhältnis gefallen könnte, so muß doch zu Lorens Ehre

gesagt werden, daß sie meistens #dann# mit dem Fuß aufstampft, wann

wir auch aufstampfen möchten. Vielleicht hat sie von jeher mehr damit

abgeschnitten, als wir ahnen.

Ja, und fragt die Nachbarn. Die Alten sehen einander zögernd an und

rücken nicht recht mit der Sprache heraus, denn sie sehen, daß wir ein

Interesse an ihr haben.

»Hm,« sagen sie, »das Mädchen wär ganz recht. Man muß ja eine Freud'

an ihr haben, wenn sie nur aus dem Haus kommt. Freundlich -- und immer

mit den Kindern voller Vergnügen, und dann, -- eine Augenweide. Aber

so« -- »ach, da ist die Mutter schuld, die putzt sie und streicht sie

heraus, und dann mit den Studenten. Man kann nichts Böses sagen. Nur

ein bißchen viel Getue und Eingeladenwerden und Mitmachen. Du lieber

Gott, das paßt doch nicht zu den Verhältnissen. Eigentlich ist es ein

Wunder, bei der Maute, ich meine, bei der Mutter, -- es hätt' eins

übler geraten können.«

Und fragt die Nachbarskinder. Nein, fragt sie nicht. Seht einmal zu. Es

fällt euch doch ein Stein vom Herzen, wenn ihr seht, wie sie einander

anstrahlen, die Kleinen und das große, schöne Mädchen. Sie macht ihnen

auch Puppenkleider und tanzt und spielt mit ihnen; sie muß doch noch

ein Kinderherz haben, wenn sie auch gern, sehr gern hört: Lore, du,

bleib einmal ganz ruhig. Jetzt scheint die Sonne auf dein Haar und dann

sieht es aus wie Gold. Ja, das hört sie freilich gern.

Die Studenten müßt ihr nicht gerade fragen. Die sind oft nicht so

zuverlässig in ihren Berichten. Manche sind zu enthusiastisch, manche

zu spöttisch, manche wissen auch, was sie wissen, nur vom Hörensagen.

Sie tanzen gern mit ihr und bewundern ihre Schönheit, und es ist auch

nicht nur einer, der sich in sie verliebt hat. Aber man weiß nichts

davon, daß auch nur einer, überhaupt ein Mensch, sie so recht lieb

gehabt hätte. Denn lieb haben, das ist immerhin etwas anderes, als

verliebt sein und hält auch länger.

Doch ja, da ist jemand. Der wohnt im Dachstock neben den Magdkammern,

ebenfalls in einer Kammer. Der liebt sie und sie weiß es, obgleich

er es noch nie gesagt hat. Das ist der alte Kopist Riedesel, der den

Studenten Manuskripte abschreibt und kümmerlich davon lebt. Er hat

trübe, rotumränderte Augen und trägt eine große Stahlbrille; aber

hinter derselben hervor leuchtet es auf, und aus den Manuskripten

hebt sich der struppige Kopf, wenn ein rascher, leichter Tritt auf der

ausgetretenen Treppe hörbar wird. Nun noch ein paar Schritte, dann

knarrt nebenan die Tür; dort ist Mautes Kammer, eine Art von Magazin.

Da kramt Lore in den Schachteln. Sie singt dazu, eigentlich trällert

sie nur, leichte, kleine Liedchen. Dann steckt sie den Kopf zur Tür

herein. »Wie geht's?« Ach, es geht ihm gut, wenn Lore kommt. Und sie

kommt oft. Sie bringt Blumen mit und stellt sie auf das Fensterbrett.

Auf den Bettrand setzt sie sich selbst und spricht mit dem Alten. So

lieb ist sie da, so offen und so unschuldig. Sie erzählt ihm alles, er

weiß alles, versteht alles. Denn er liebt sie. Er sah sie heranwachsen,

groß und schön werden, er sah, wie sich die Leute nach ihr drehten,

er sah, wie die Mutter war. Gott behüte dich, Kind! Es geschah zum

Glück bald, daß sie anfing, ihm alles zu erzählen. Sie zeigte sich

ihm, als sie zum erstenmal ausging, um zu tanzen, sie war so fröhlich

über ihre junge Schönheit; er war es auch. Aber immer: Gott behüte

dich. Sie lachte über ihn, wenn er das so ernsthaft sagte. Aber sie kam

immer wieder. Sie kam nicht immer fröhlich. Manchmal hatte sie große,

ernsthafte Augen und sah still vor sich hin. Dann fragte er es aus

ihr heraus: Manche Leute hätten so eine schöne, friedliche Heimat, da

wären sie beisammen und hätten einander lieb. -- Oder anderes. Von der

Mutter, und daß sie, Lore, oft so unfreundlich gegen sie sei. Aber es

sei auch kein Wunder.

Es kamen auch Zeiten, da weinte sie hier oben. Da war einer abgereist,

von dem sie vorher so viel Schönes erzählt hatte. Der alte Kopist

kannte sie alle gut, die kamen und die gingen. Er neigte teilnehmend

den Kopf. Innerlich war er grimmig. Was machten sie aus dem Kind? Sie

war ihnen eine Weile gut zum Bewundern, aber sie wollten nicht das

Beste in ihr aufwecken. Ja, sie verderbten es geradezu. Die Mutter half

mit. O, die. Dumm war sie und eitel.

Er, wenn er jünger gewesen wäre! Aber sie hätte dann nichts von ihm

gewollt. Sie war zutraulich gegen ihn, sie mußte einen Ort haben, wo

sie alles hintragen konnte. Aber im übrigen. Da schickte sie ihre

schönen Augen aus nach einem glänzenden Glück. Die Mutter hatte es ihr

zu oft vorgesagt, es schien ihr allmählich so natürlich, daß es käme.

Und immer wieder klopfte es an, aber immer wieder war es ein neckisches

Spiel, wie der Wind mit einem Baumzweig an das Fenster klopft und

gleich ist es wieder still.

Da gewöhnte sich Lore an die Bewunderung, an das Staunen in den

Gesichtern der Menschen. Als sie nichts Besseres bekam, trank sie

begierig den leichten, perlenden Schaumwein der Tändeleien, der

Vergnügungen. Aber immer wieder gingen ihre Augen auf die Suche: wann

kommt das Schöne? kommt es bald?

Der Alte wußte es gut. Er hoffte mit ihr. Aber er fürchtete sich auch

davor. Denn wenn Lore ging, was hatte er dann noch in seinem Leben? Sie

war es, die seiner armen Kammer Glanz und Farbe gab.

Da fing sie auch an, ihm von Georg Ehrensperger zu erzählen. Das klang

anders, als bei den andern. Es kam unbewußt ein Stück ganz schuld- und

harmlose Kinderzeit mit zum Vorschein, als sie von ihm erzählte. Er

sah ihn auch selbst, den schmalen, feinen Menschen mit dem sonderbar

verträumten Gesicht.

»Den nimmt sie nicht,« dachte er bekümmert. Sonderbar, er zweifelte

nicht, daß das von Lorens Belieben abhänge. Sie war ihm ja weit

überlegen, was Lebensklugheit, was »Helligkeit« betraf. Und doch war es

dem Alten: »Das ist ein Guter.«

Ach nein, es schien nicht, daß der Jugendgespiele etwas ändern sollte

an Lorens Lebensführung. Allzusehr war sie überzeugt, daß er noch

ein Knabe sei, allzuviel wußte sie zu spotten: »Er sieht nicht, was

um ihn her vorgeht. Mit der Nase muß man ihn auf die Dinge stoßen.

Mich? ja, mich sieht er wohl.« Aber das war selbstverständlich. Dann

klagte sie sich zuweilen an: »Abscheulich bin ich gegen ihn. Es reizt

mich so sehr, ihn ein bißchen zu necken. Dann sieht er so erschrocken

aus und wird rot. Ach, er ist ein lieber, guter Mensch. Ich will das

nächste Mal recht nett mit ihm sein.« So war sie dann das nächste

Mal, daß Georg verzückt nach Hause ging und dachte: »Das war heut ihr

eigentliches Ich, so ist sie. Das andere, das hängt noch so an ihr,

außen herum. Das muß noch abfallen.«

Aber es wurde mit der Zeit ein wenig anders. Immer öfter nahm der alte

Riedesel die Brille ab, wenn sie hereinkam, und ließ die angestrengten

Augen auf seinem Augentrost ausruhen. Denn sie war jetzt oft so

fraulich lieb, sanft und demütig.

Immer öfter wußte sie etwas von Georg Ehrensperger zu sagen.

»Er ist so gut mit mir. Viel zu gut und viel zu fein. Ich passe gar

nicht zu ihm. Ich nähme ihn nie. Ach, Unsinn, er nähme mich nie.

Ich und eine Pfarrfrau. Ich verstehe ihn auch gar nicht. Er sagt so

sonderbare Sachen. Er glaubt manches nicht, was man glauben muß, um

ein Pfarrer zu sein und das drückt ihn. Warum er es nicht glaubt,

versteh' ich nicht. Er wollte es mir erklären. Die Bibel sei etwas ganz

anderes, als man gewöhnlich meine. Er ist so klug und gibt sich so viel

Mühe mit mir, und gestern sagte er, ich solle ums Himmels Willen nicht

denken, er sei nicht fromm. Gerade weil er fromm sein wolle, könne er

nicht alles annehmen. Ganz bedrückt sah er aus. Ich habe ihn aber auf

andere Gedanken gebracht. Schließlich lachte er wieder und sah mich so

an, so -- ich glaube, er kann mich furchtbar gut leiden.«

Der alte Riedesel saß schon lang mit der Brille auf der Stirn. »Ja,

Kind, das glaube ich auch. Und wenn auch die andern flotter sind und

lebiger, so ist er um so getreuer. Ich meine« --

Aber da stand sie schon an der Tür: »Himmel, ich verschwatze mich

ganz. Ich muß mit dem Karton hinunter. Die Mutter wartet auf den Samt.

Heut abend bin ich zum Nachenfahren eingeladen. Ich ziehe mein blaues

Satinkleid an. Nein, nicht mit ihm.« Sie lachte. »Er ist viel zu

ernsthaft und zu schwerlebig für mich, und viel zu gut. Er will mich

auch gar nicht. Denke nicht daran.« Fort war sie.

Und es kam der Tag, an dem die drei Wiblinger gen Tübingen fuhren.

Jener Septembertag. Blau und golden stieg er herauf. Der alte Copist

saß früh an seiner Arbeit. Er hatte es eilig. Schon zweimal war der

Mediziner aus dem ersten Stock dagewesen: »Noch nicht fertig?« Er

wollte abreisen. Er war ein Sachse und er ging im Wintersemester an

eine andere Universität, wohl nach Leipzig. Und Riedesel saß, schrieb

und schrieb. Er hätte gern einiges da hineingeschrieben, das der

Empfänger nicht an den Spiegel stecken sollte. Der hatte sich gewaltig

mausig gemacht. »Fräulein Lore hier, Fräulein Lore da,« und sich selbst

eingeladen in die Ladenstube und so heimelich getan. Und nun ging er

weg und tat, als ob nichts gewesen sei. »Glaubt ihr denn, das Kind habe

kein Herz?« Er knurrte vor sich hin, wie ein guter, alter Kettenhund.

Da -- husch, das flog nur so, kaum hatten die alten Bretter auf dem

Vorplatz Zeit zu knarren, so flüchtig gingen die Tritte darüber hin.

»Herein.« Er hob den Kopf. Kam sie so früh? »Holla, da ist sie. Und

schon geschmückt, wie der junge Tag. Blau und golden.«

Ja, so war es. Die Morgensonne schien ihr gerade ins Gesicht und übers

Haar. Und das Festkleid, das sie anhatte, war lichtblau.

Er blinzelte nach ihr hin. Die Augen taten ihm weh. Aber hier war

etwas, an dem sie ausruhen konnten. Keine Spur irgend eines Kummers im

Gesicht. Nun, ihm konnte es recht sein. Gestern abend war es anders

gewesen. Er hatte nur zu trösten gehabt. »Ich gehe fort, sich will

nicht mehr hier bleiben. Ich geh' in eine Stelle; zu mindestens sieben

Kindern.« Alles wegen dieses langen und breiten Sachsen, der so viel --

na ja, Lore hatte sich seine Huldigungen ja gern gefallen lassen. Aber

wer hatte sie daran gewöhnt, wer?

Und nun heute früh das taghelle Gesicht. »So ist's recht.« Er legte die

Feder hin. »Geht die Sache so bald los? Alle Achtung.« Das war so eine

Art von Besitzerstolz, was ihm aus den Runzeln seines alten Gesichts

lachte. Die würden heut wieder die Augen aufmachen.

Da saß sie schon auf dem Bettrand. Vorsichtig hatte sie das Kleid

glatt gezogen. Sie war zum Hausweihfest geladen. Darum war sie so

geschmückt.

»Ich -- ich fürchte mich halb und halb,« sagte sie. Fürchten? Seit wann

fürchtete sich Lore Maute vor einer Festlichkeit?

»Ja, vor dieser Gertrud Cabisius. Die kommt gleichfalls dazu und ihr

Großvater, der Rektor Cabisius, auch. Der muß nun steinalt sein. Er war

schon schneeweiß, als ich ihn das letzte Mal sah. Das ist nun dreizehn

Jahre her. Was der noch bei dem Fest will? Und dann -- Gertrud. Sie muß

so überaus gescheit geworden sein. Sie kann alle alten Sprachen und

hat alle Bücher gelesen, die es gibt, und daneben scheint es, daß sie

ein Ausbund ist von allen Tugenden. Hu. Und dann ich daneben.« Sie sah

vor sich hin. Aber dann meisterte sie mühsam ein Lächeln, das ihr von

innen heraus übers ganze Gesicht ging. Es half nichts, es wurde doch

ein Lachen daraus. Riedesel verstand das Lachen.

»Ach, was habe ich zu fürchten?« sagte es. »Gescheit mag sie sein,

obgleich ich auch nicht dumm bin, und meinetwegen alles andere dazu.

Ich aber, seht mich nur an. Ich brauche es ja gar nicht zu sagen, was

ich voraus habe. Das wiegt einiges andere auf, mein' ich.«

Aber dann wurde sie wieder nachdenklich. »Ich will nur sehen, was es

heut' alles gibt. Als die Mutter aufstand, mußte sie dreimal niesen.

Nun sagt sie, es sei etwas Besonderes in der Luft. Was das wohl ist?

Ich -- es ist mir auch so sonderbar. Nämlich, Georg Ehrensperger -- mit

dem geht etwas vor. Er läuft herum, als ob er jetzt erst jung geworden

sei. Das macht, er hat ein Lied komponiert, ein Festlied, das soll

heut abend beim Kommers gesungen werden. Vorgestern abend war Probe. Da

sind sie nachher alle auf ihn zugekommen und haben ihm zugetrunken und

sind ganz stolz auf ihn. Das ist so neu. Bisher ging er immer zwischen

den andern herum, so -- fast schüchtern, daß er überhaupt da sei. Und

jetzt ist das so.«

Sie wurde ganz warm. Ihr alter Freund und Liebhaber mußte sie nur

ansehen. Unten rief die Mutter: »Lore, wo bleibst du? Komm herunter,

der Herr Georg ist da.« »Ja, gleich.«

Da knarrte es auf der Stiege und gleich nachher kam der, von dem sie

sprachen, ebenfalls in die Kammer herein. Er war schon vor längerer

Zeit einmal dagewesen. Nein, wie verändert sah er aus. Größer und

stattlicher, und den Kopf trug er hoch und frei. Im Sammetrock, das

Band über der Brust, die Mütze in der Hand.

»Lore, ich wollte dir nur sagen, daß ich jetzt an die Bahn gehe.

Nachher komme ich mit Gertrud hier vorbei und hole dich ab. Dann gehen

wir in meine Stube und ich spiele euch mein Lied vor, vielleicht auch

sonst noch etwas. Ich wollte dir sagen, daß du dich bereit haltest.

Aber du, du bist ja schon fix und fertig.«

Er sah sie lachend an und sie ihn.

Dann ging er wieder.

Und Lore stieg hinter ihm drein die Treppen hinunter. Sie dachte jetzt

nicht an sich, sie dachte an ihn, der so treulich sein Erleben mit ihr

teilte. Sie war so viel Schwankendes, Unechtes gewöhnt geworden, so

viel leichtes Obenhinleben. Bei ihm aber stieg alles aus einem tiefen

Grund heraus. Alles. Er war so ganz er selbst, ob er nun Freude empfand

oder Druck und Sorgen. Er spielte nie etwas, er war immer so, wie

er war. Ach, wie oft hatte sie ihn darum ausgelacht, daß er alles so

ernsthaft nahm. Hatte ihn noch ausgelacht, schon als es ihr längst

nicht mehr so war. Sie wollte das Neue, Ungewohnte, das Innige, das

sich in ihr regen wollte, hinweglachen. Wie sie es als Kind in Frau

Judiths Stube hatte weglachen wollen.

Aber nun konnte sie nicht mehr damit fortkommen.

Es saß etwas im Winkel ihrer Seele, das breitete die Arme aus nach --

ja, nach was denn? Vielleicht nach Liebe. Jedenfalls nach etwas ganz

Echtem.

Sie stand am Fenster und sah ihm nach, wie er über die Neckarbrücke

schritt. Wenn nun alles anders wurde mit Georg Ehrensperger? »Ich kann

nie eine Pfarrfrau werden. Dazu passe ich nicht ein bißchen. Ganz

anders muß mein Leben aussehen. Ach -- tralala, er wird ja gar kein

Pfarrer.« Es hatten schon so viele Theologen umgesattelt, gerade noch

vor Torschluß. Das wissen die Mädchen in den Universitätsstädten gut.

Warum sollte er es nicht auch können? Er trug ja so schwer an der

Theologie. Da reihte sich plötzlich in heiterem Farbenspiel Bild an

Bild vor ihren Augen. Ein heiteres, behagliches Heim, nicht glänzend,

wie sie vordem oft gedacht hatte, aber freundlich und ohne Sorgen

und mit ihm, der dort so aufgerichtet hinging; in den Kreisen guter,

angesehener Menschen, und sie selbst, Lore, dazwischen, fleißig und

häuslich, gut und lieb. Sie dachte an das Rektorhaus in Wiblingen. --

Was? Ein Tropfen auf dem schönen Kleid? Wahrhaftig, noch einer. »Ich

glaube gar, ich stehe hier und flenne. Das fehlte noch. Tralala. Ein

bißchen eleganter muß es schon sein. Die Rektorin. Ich danke für solche

Hauben und so weiter.«

Da steckte Frau Maute den Kopf zur Tür herein, fast schüchtern: »Lore,

was soll ich nur tun? Ich habe gestern Abend das Paket für unsern Herrn

vergessen. Es sollte auf die Post. Nun liegt es noch da. Der wird schön

schelten. Könntest du nicht auf den Laden acht geben? Ich mache mich

fertig und trage es hin.«

»Das tu' ich, Mutter.« Sie sagte es ganz freundlich. »Ich ziehe den

Regenmantel über das Kleid. Nein, laß nur. Ich habe schon noch Zeit.«

Die Neckargasse ging sie hinauf, dann an der Stadtkirche vorbei. In

der schmalen Gasse, die nach der Stadtpost hinunter führt, gingen zwei

Studenten dicht hinter ihr. »Der Ehrensperger, der hat's in sich.«

Sprachen sie von Georg? Ihr feines Ohr fing den Namen sogleich auf.

»Ja, der. Stille Wasser -- und so weiter. Ich hätt's nicht hinter ihm

gesucht. Der Hornstein, der auch am liebsten irgendwo hinaus möchte, wo

kein Loch ist, nur nicht ins Pfarramt, der sagte gestern Abend zu ihm,

ich hab's mit angehört: »Mensch, wenn ich du wäre, ich hielte nie eine

andere Predigt, als so eine. Was? Musik ist auch eine Predigt.«

»Jetzt geht,« sagte der erste Sprecher wieder, »der Mensch drei Jahre

unter uns herum. Ein guter Kerl, aber ein bißchen, na -- soll ich

sagen, langweilig? Und jetzt zum Schluß noch so ein Glanz. Der läßt

noch von sich hören, denk' an mich.«

»Du, aber mit seiner Musik ist er immer wieder aufgetaucht. Man hat ihn

nur nicht so ankommen lassen. Heut freilich« --, da bogen sie rechtsum

und Lore mußte links gehen.

Das war aber noch der Mühe wert gewesen, auf die Straße zu gehen. Das

wollte sie meinen. Nun, er sollte es zu spüren bekommen, daß sie in

Zukunft mehr Respekt vor seiner Kunst haben wollte. Denn, sie mußte

es gestehen, sie hatte ihn oft leer abziehen lassen, wenn er etwas

von ihr begehrte, ein Zuhören, ein Mitschwingen. »Ach, schaff' etwas

anderes, etwas rechtes,« hatte sie oft gesagt und manchmal nur, um ihn

zu ärgern. Aber das kam nun anders, holla.

Konnten ihn seine Kameraden ehren, -- sie konnte es gleichfalls und

noch ein bißchen besser.

Sie rief in Gedanken das ganze Ehrenspergerhaus, das sie so gut kannte,

zum Zuhören auf. Lauter Wohlklang war es, was die beiden vorhin gesagt

hatten.

Es schoß ihr eine Blutwelle bis unters Haar, als es ihr einfiel:

im Frühling, als das letzte Semester anfing, da hatte er daheim in

Wiblingen davon geredet, daß er am liebsten jetzt noch umsatteln und

Musik studieren wolle.

Er hatte es ihr erzählt. Wie sie da gelacht hatten und gewettert und

sich geschüttelt: »sonst weißt du nichts mehr? ein Musikant? aber das

konnte man kommen sehen. Immer zuviel den Willen hat man dir gelassen;

rein überspannt bist du geworden.«

Jungfer Liese lebte damals noch und schüttelte den Kopf: »all' das

verstudierte Geld.« Und die Schwägerin: »du denkst wohl, das finde man

hier auf der Gasse?« Und der Müller Hensler: »Kopf hoch, Bub, wenn man

noch so sagen darf. Jetzt hast auf den Pfarrer studiert und jetzt wirst

einer. Trink eins; das sind Grillen, die muß man fortschwemmen.«

Sie wußte es wohl noch, sie, Lore Maute, hatte mit eingestimmt, als er

es sagte: »Ach, das wirst du doch nicht im Ernst wollen? Du sinnst dir

auch Sachen aus. Aber so bist du immer gewesen. Ganz recht haben deine

Leute.« Er aber hatte darauf, halb zaghaft und halb trotzig geschwiegen

und war bisher im alten Gleise weitergegangen. Es war nur eine Scheu

vor dem einen, eine Sehnsucht nach dem andern in ihm, keine stürmende

Gewalt, ein Möchten, kein Müssen.

Aber nun war es auf einmal, als breche sich etwas mächtig Bahn.

»Nur schnell, nur schnell nach Hause. Denn ich muß da sein, wann er

kommt. Ich will mich weder vor Gertrud, noch vor sonst jemand scheuen.

Ich habe viel hereinzuholen, und das will ich auch.«

Ging da der Mieter, der lange Sachse? Er sah über die Straße herüber

und grüßte und sah sich noch ein paarmal nach ihr um. Das sah sie mit

einer Viertelswendung des Kopfes. Ein kleiner Stich ins Herz -- ach,

so lauf doch. Sie hatte ihn ja nie ganz ernst genommen. Sie hatte nie

zuvor irgend jemand ganz ernst genommen, es war immer ein wenig Spiel

dabei gewesen trotz manches Kummers und mancher Wünsche und Hoffnungen.

Aber so blieb es nicht immer. Nein, so blieb es nicht immer.

Alle guten Geister...: Roman · 第 36 / 53 题