Lore. Es wäre vielleicht mehr unsere als Georg Ehrenspergers Sache
gewesen, uns um ihr Werden und Wachsen, und um ihre Erziehung, zu
kümmern. Wir ließen sie alle ruhig nach Tübingen ziehen, wo ihre Mutter
dem Aufschwung huldigen wollte, wir, das heißt die Rektorin Cabisius
und Frau Judith, sandten einige sorgliche Gedanken hinter dem Kinde
drein: Was mag nun aus ihm werden? Dann aber hatten wir mit andern
Dingen zu tun.
Nun ist inzwischen aus dem schönen Kind ein schönes Mädchen geworden,
das, soviel haben wir schon gemerkt, auch noch andere Leute als uns
nötigt, die Augen aufzumachen in Staunen und Verwunderung, und das,
soviel haben wir gleichfalls gemerkt, gar nicht gleichgiltig dagegen
ist, ob die Leute auch wirklich die Augen aufmachen und was in ihnen zu
lesen ist.
Wir haben auch sonst noch einiges gesehen, was wir lieber vermißt
hätten, da es für Georg Ehrenspergers Seelenruhe und für sein Studium
zuträglicher gewesen wäre, wenn Lore -- kurz, wenn ihre Erziehung in
manchen Dingen anders ausgefallen wäre.
Aber eigentlich wissen wir doch nicht so viel von ihr, als wir billig
sollten.
Fragt ihre Mutter. Die reibt die Hände ineinander vor Vergnügen und
blinzelt mit den Augen: »Ja, ja, das ist ein Mädchen. Ich, als ich jung
war, sah ganz ähnlich aus. Geschickt ist sie auch, und flink, und so
ideal. Wenn Maute sie so sähe. Er sagte immer --,« ja, nun bekommen
wir den entwichenen Maute auf den Hals. Den schenken wir ihr. Sie hat
aber nebenbei ein klein wenig Furcht vor ihrer Tochter, und so wenig
uns ein solches Verhältnis gefallen könnte, so muß doch zu Lorens Ehre
gesagt werden, daß sie meistens #dann# mit dem Fuß aufstampft, wann
wir auch aufstampfen möchten. Vielleicht hat sie von jeher mehr damit
abgeschnitten, als wir ahnen.
Ja, und fragt die Nachbarn. Die Alten sehen einander zögernd an und
rücken nicht recht mit der Sprache heraus, denn sie sehen, daß wir ein
Interesse an ihr haben.
»Hm,« sagen sie, »das Mädchen wär ganz recht. Man muß ja eine Freud'
an ihr haben, wenn sie nur aus dem Haus kommt. Freundlich -- und immer
mit den Kindern voller Vergnügen, und dann, -- eine Augenweide. Aber
so« -- »ach, da ist die Mutter schuld, die putzt sie und streicht sie
heraus, und dann mit den Studenten. Man kann nichts Böses sagen. Nur
ein bißchen viel Getue und Eingeladenwerden und Mitmachen. Du lieber
Gott, das paßt doch nicht zu den Verhältnissen. Eigentlich ist es ein
Wunder, bei der Maute, ich meine, bei der Mutter, -- es hätt' eins
übler geraten können.«
Und fragt die Nachbarskinder. Nein, fragt sie nicht. Seht einmal zu. Es
fällt euch doch ein Stein vom Herzen, wenn ihr seht, wie sie einander
anstrahlen, die Kleinen und das große, schöne Mädchen. Sie macht ihnen
auch Puppenkleider und tanzt und spielt mit ihnen; sie muß doch noch
ein Kinderherz haben, wenn sie auch gern, sehr gern hört: Lore, du,
bleib einmal ganz ruhig. Jetzt scheint die Sonne auf dein Haar und dann
sieht es aus wie Gold. Ja, das hört sie freilich gern.
Die Studenten müßt ihr nicht gerade fragen. Die sind oft nicht so
zuverlässig in ihren Berichten. Manche sind zu enthusiastisch, manche
zu spöttisch, manche wissen auch, was sie wissen, nur vom Hörensagen.
Sie tanzen gern mit ihr und bewundern ihre Schönheit, und es ist auch
nicht nur einer, der sich in sie verliebt hat. Aber man weiß nichts
davon, daß auch nur einer, überhaupt ein Mensch, sie so recht lieb
gehabt hätte. Denn lieb haben, das ist immerhin etwas anderes, als
verliebt sein und hält auch länger.
Doch ja, da ist jemand. Der wohnt im Dachstock neben den Magdkammern,
ebenfalls in einer Kammer. Der liebt sie und sie weiß es, obgleich
er es noch nie gesagt hat. Das ist der alte Kopist Riedesel, der den
Studenten Manuskripte abschreibt und kümmerlich davon lebt. Er hat
trübe, rotumränderte Augen und trägt eine große Stahlbrille; aber
hinter derselben hervor leuchtet es auf, und aus den Manuskripten
hebt sich der struppige Kopf, wenn ein rascher, leichter Tritt auf der
ausgetretenen Treppe hörbar wird. Nun noch ein paar Schritte, dann
knarrt nebenan die Tür; dort ist Mautes Kammer, eine Art von Magazin.
Da kramt Lore in den Schachteln. Sie singt dazu, eigentlich trällert
sie nur, leichte, kleine Liedchen. Dann steckt sie den Kopf zur Tür
herein. »Wie geht's?« Ach, es geht ihm gut, wenn Lore kommt. Und sie
kommt oft. Sie bringt Blumen mit und stellt sie auf das Fensterbrett.
Auf den Bettrand setzt sie sich selbst und spricht mit dem Alten. So
lieb ist sie da, so offen und so unschuldig. Sie erzählt ihm alles, er
weiß alles, versteht alles. Denn er liebt sie. Er sah sie heranwachsen,
groß und schön werden, er sah, wie sich die Leute nach ihr drehten,
er sah, wie die Mutter war. Gott behüte dich, Kind! Es geschah zum
Glück bald, daß sie anfing, ihm alles zu erzählen. Sie zeigte sich
ihm, als sie zum erstenmal ausging, um zu tanzen, sie war so fröhlich
über ihre junge Schönheit; er war es auch. Aber immer: Gott behüte
dich. Sie lachte über ihn, wenn er das so ernsthaft sagte. Aber sie kam
immer wieder. Sie kam nicht immer fröhlich. Manchmal hatte sie große,
ernsthafte Augen und sah still vor sich hin. Dann fragte er es aus
ihr heraus: Manche Leute hätten so eine schöne, friedliche Heimat, da
wären sie beisammen und hätten einander lieb. -- Oder anderes. Von der
Mutter, und daß sie, Lore, oft so unfreundlich gegen sie sei. Aber es
sei auch kein Wunder.
Es kamen auch Zeiten, da weinte sie hier oben. Da war einer abgereist,
von dem sie vorher so viel Schönes erzählt hatte. Der alte Kopist
kannte sie alle gut, die kamen und die gingen. Er neigte teilnehmend
den Kopf. Innerlich war er grimmig. Was machten sie aus dem Kind? Sie
war ihnen eine Weile gut zum Bewundern, aber sie wollten nicht das
Beste in ihr aufwecken. Ja, sie verderbten es geradezu. Die Mutter half
mit. O, die. Dumm war sie und eitel.
Er, wenn er jünger gewesen wäre! Aber sie hätte dann nichts von ihm
gewollt. Sie war zutraulich gegen ihn, sie mußte einen Ort haben, wo
sie alles hintragen konnte. Aber im übrigen. Da schickte sie ihre
schönen Augen aus nach einem glänzenden Glück. Die Mutter hatte es ihr
zu oft vorgesagt, es schien ihr allmählich so natürlich, daß es käme.
Und immer wieder klopfte es an, aber immer wieder war es ein neckisches
Spiel, wie der Wind mit einem Baumzweig an das Fenster klopft und
gleich ist es wieder still.
Da gewöhnte sich Lore an die Bewunderung, an das Staunen in den
Gesichtern der Menschen. Als sie nichts Besseres bekam, trank sie
begierig den leichten, perlenden Schaumwein der Tändeleien, der
Vergnügungen. Aber immer wieder gingen ihre Augen auf die Suche: wann
kommt das Schöne? kommt es bald?
Der Alte wußte es gut. Er hoffte mit ihr. Aber er fürchtete sich auch
davor. Denn wenn Lore ging, was hatte er dann noch in seinem Leben? Sie
war es, die seiner armen Kammer Glanz und Farbe gab.
Da fing sie auch an, ihm von Georg Ehrensperger zu erzählen. Das klang
anders, als bei den andern. Es kam unbewußt ein Stück ganz schuld- und
harmlose Kinderzeit mit zum Vorschein, als sie von ihm erzählte. Er
sah ihn auch selbst, den schmalen, feinen Menschen mit dem sonderbar
verträumten Gesicht.
»Den nimmt sie nicht,« dachte er bekümmert. Sonderbar, er zweifelte
nicht, daß das von Lorens Belieben abhänge. Sie war ihm ja weit
überlegen, was Lebensklugheit, was »Helligkeit« betraf. Und doch war es
dem Alten: »Das ist ein Guter.«
Ach nein, es schien nicht, daß der Jugendgespiele etwas ändern sollte
an Lorens Lebensführung. Allzusehr war sie überzeugt, daß er noch
ein Knabe sei, allzuviel wußte sie zu spotten: »Er sieht nicht, was
um ihn her vorgeht. Mit der Nase muß man ihn auf die Dinge stoßen.
Mich? ja, mich sieht er wohl.« Aber das war selbstverständlich. Dann
klagte sie sich zuweilen an: »Abscheulich bin ich gegen ihn. Es reizt
mich so sehr, ihn ein bißchen zu necken. Dann sieht er so erschrocken
aus und wird rot. Ach, er ist ein lieber, guter Mensch. Ich will das
nächste Mal recht nett mit ihm sein.« So war sie dann das nächste
Mal, daß Georg verzückt nach Hause ging und dachte: »Das war heut ihr
eigentliches Ich, so ist sie. Das andere, das hängt noch so an ihr,
außen herum. Das muß noch abfallen.«
Aber es wurde mit der Zeit ein wenig anders. Immer öfter nahm der alte
Riedesel die Brille ab, wenn sie hereinkam, und ließ die angestrengten
Augen auf seinem Augentrost ausruhen. Denn sie war jetzt oft so
fraulich lieb, sanft und demütig.
Immer öfter wußte sie etwas von Georg Ehrensperger zu sagen.
»Er ist so gut mit mir. Viel zu gut und viel zu fein. Ich passe gar
nicht zu ihm. Ich nähme ihn nie. Ach, Unsinn, er nähme mich nie.
Ich und eine Pfarrfrau. Ich verstehe ihn auch gar nicht. Er sagt so
sonderbare Sachen. Er glaubt manches nicht, was man glauben muß, um
ein Pfarrer zu sein und das drückt ihn. Warum er es nicht glaubt,
versteh' ich nicht. Er wollte es mir erklären. Die Bibel sei etwas ganz
anderes, als man gewöhnlich meine. Er ist so klug und gibt sich so viel
Mühe mit mir, und gestern sagte er, ich solle ums Himmels Willen nicht
denken, er sei nicht fromm. Gerade weil er fromm sein wolle, könne er
nicht alles annehmen. Ganz bedrückt sah er aus. Ich habe ihn aber auf
andere Gedanken gebracht. Schließlich lachte er wieder und sah mich so
an, so -- ich glaube, er kann mich furchtbar gut leiden.«
Der alte Riedesel saß schon lang mit der Brille auf der Stirn. »Ja,
Kind, das glaube ich auch. Und wenn auch die andern flotter sind und
lebiger, so ist er um so getreuer. Ich meine« --
Aber da stand sie schon an der Tür: »Himmel, ich verschwatze mich
ganz. Ich muß mit dem Karton hinunter. Die Mutter wartet auf den Samt.
Heut abend bin ich zum Nachenfahren eingeladen. Ich ziehe mein blaues
Satinkleid an. Nein, nicht mit ihm.« Sie lachte. »Er ist viel zu
ernsthaft und zu schwerlebig für mich, und viel zu gut. Er will mich
auch gar nicht. Denke nicht daran.« Fort war sie.
Und es kam der Tag, an dem die drei Wiblinger gen Tübingen fuhren.
Jener Septembertag. Blau und golden stieg er herauf. Der alte Copist
saß früh an seiner Arbeit. Er hatte es eilig. Schon zweimal war der
Mediziner aus dem ersten Stock dagewesen: »Noch nicht fertig?« Er
wollte abreisen. Er war ein Sachse und er ging im Wintersemester an
eine andere Universität, wohl nach Leipzig. Und Riedesel saß, schrieb
und schrieb. Er hätte gern einiges da hineingeschrieben, das der
Empfänger nicht an den Spiegel stecken sollte. Der hatte sich gewaltig
mausig gemacht. »Fräulein Lore hier, Fräulein Lore da,« und sich selbst
eingeladen in die Ladenstube und so heimelich getan. Und nun ging er
weg und tat, als ob nichts gewesen sei. »Glaubt ihr denn, das Kind habe
kein Herz?« Er knurrte vor sich hin, wie ein guter, alter Kettenhund.
Da -- husch, das flog nur so, kaum hatten die alten Bretter auf dem
Vorplatz Zeit zu knarren, so flüchtig gingen die Tritte darüber hin.
»Herein.« Er hob den Kopf. Kam sie so früh? »Holla, da ist sie. Und
schon geschmückt, wie der junge Tag. Blau und golden.«
Ja, so war es. Die Morgensonne schien ihr gerade ins Gesicht und übers
Haar. Und das Festkleid, das sie anhatte, war lichtblau.
Er blinzelte nach ihr hin. Die Augen taten ihm weh. Aber hier war
etwas, an dem sie ausruhen konnten. Keine Spur irgend eines Kummers im
Gesicht. Nun, ihm konnte es recht sein. Gestern abend war es anders
gewesen. Er hatte nur zu trösten gehabt. »Ich gehe fort, sich will
nicht mehr hier bleiben. Ich geh' in eine Stelle; zu mindestens sieben
Kindern.« Alles wegen dieses langen und breiten Sachsen, der so viel --
na ja, Lore hatte sich seine Huldigungen ja gern gefallen lassen. Aber
wer hatte sie daran gewöhnt, wer?
Und nun heute früh das taghelle Gesicht. »So ist's recht.« Er legte die
Feder hin. »Geht die Sache so bald los? Alle Achtung.« Das war so eine
Art von Besitzerstolz, was ihm aus den Runzeln seines alten Gesichts
lachte. Die würden heut wieder die Augen aufmachen.
Da saß sie schon auf dem Bettrand. Vorsichtig hatte sie das Kleid
glatt gezogen. Sie war zum Hausweihfest geladen. Darum war sie so
geschmückt.
»Ich -- ich fürchte mich halb und halb,« sagte sie. Fürchten? Seit wann
fürchtete sich Lore Maute vor einer Festlichkeit?
»Ja, vor dieser Gertrud Cabisius. Die kommt gleichfalls dazu und ihr
Großvater, der Rektor Cabisius, auch. Der muß nun steinalt sein. Er war
schon schneeweiß, als ich ihn das letzte Mal sah. Das ist nun dreizehn
Jahre her. Was der noch bei dem Fest will? Und dann -- Gertrud. Sie muß
so überaus gescheit geworden sein. Sie kann alle alten Sprachen und
hat alle Bücher gelesen, die es gibt, und daneben scheint es, daß sie
ein Ausbund ist von allen Tugenden. Hu. Und dann ich daneben.« Sie sah
vor sich hin. Aber dann meisterte sie mühsam ein Lächeln, das ihr von
innen heraus übers ganze Gesicht ging. Es half nichts, es wurde doch
ein Lachen daraus. Riedesel verstand das Lachen.
»Ach, was habe ich zu fürchten?« sagte es. »Gescheit mag sie sein,
obgleich ich auch nicht dumm bin, und meinetwegen alles andere dazu.
Ich aber, seht mich nur an. Ich brauche es ja gar nicht zu sagen, was
ich voraus habe. Das wiegt einiges andere auf, mein' ich.«
Aber dann wurde sie wieder nachdenklich. »Ich will nur sehen, was es
heut' alles gibt. Als die Mutter aufstand, mußte sie dreimal niesen.
Nun sagt sie, es sei etwas Besonderes in der Luft. Was das wohl ist?
Ich -- es ist mir auch so sonderbar. Nämlich, Georg Ehrensperger -- mit
dem geht etwas vor. Er läuft herum, als ob er jetzt erst jung geworden
sei. Das macht, er hat ein Lied komponiert, ein Festlied, das soll
heut abend beim Kommers gesungen werden. Vorgestern abend war Probe. Da
sind sie nachher alle auf ihn zugekommen und haben ihm zugetrunken und
sind ganz stolz auf ihn. Das ist so neu. Bisher ging er immer zwischen
den andern herum, so -- fast schüchtern, daß er überhaupt da sei. Und
jetzt ist das so.«
Sie wurde ganz warm. Ihr alter Freund und Liebhaber mußte sie nur
ansehen. Unten rief die Mutter: »Lore, wo bleibst du? Komm herunter,
der Herr Georg ist da.« »Ja, gleich.«
Da knarrte es auf der Stiege und gleich nachher kam der, von dem sie
sprachen, ebenfalls in die Kammer herein. Er war schon vor längerer
Zeit einmal dagewesen. Nein, wie verändert sah er aus. Größer und
stattlicher, und den Kopf trug er hoch und frei. Im Sammetrock, das
Band über der Brust, die Mütze in der Hand.
»Lore, ich wollte dir nur sagen, daß ich jetzt an die Bahn gehe.
Nachher komme ich mit Gertrud hier vorbei und hole dich ab. Dann gehen
wir in meine Stube und ich spiele euch mein Lied vor, vielleicht auch
sonst noch etwas. Ich wollte dir sagen, daß du dich bereit haltest.
Aber du, du bist ja schon fix und fertig.«
Er sah sie lachend an und sie ihn.
Dann ging er wieder.
Und Lore stieg hinter ihm drein die Treppen hinunter. Sie dachte jetzt
nicht an sich, sie dachte an ihn, der so treulich sein Erleben mit ihr
teilte. Sie war so viel Schwankendes, Unechtes gewöhnt geworden, so
viel leichtes Obenhinleben. Bei ihm aber stieg alles aus einem tiefen
Grund heraus. Alles. Er war so ganz er selbst, ob er nun Freude empfand
oder Druck und Sorgen. Er spielte nie etwas, er war immer so, wie
er war. Ach, wie oft hatte sie ihn darum ausgelacht, daß er alles so
ernsthaft nahm. Hatte ihn noch ausgelacht, schon als es ihr längst
nicht mehr so war. Sie wollte das Neue, Ungewohnte, das Innige, das
sich in ihr regen wollte, hinweglachen. Wie sie es als Kind in Frau
Judiths Stube hatte weglachen wollen.
Aber nun konnte sie nicht mehr damit fortkommen.
Es saß etwas im Winkel ihrer Seele, das breitete die Arme aus nach --
ja, nach was denn? Vielleicht nach Liebe. Jedenfalls nach etwas ganz
Echtem.
Sie stand am Fenster und sah ihm nach, wie er über die Neckarbrücke
schritt. Wenn nun alles anders wurde mit Georg Ehrensperger? »Ich kann
nie eine Pfarrfrau werden. Dazu passe ich nicht ein bißchen. Ganz
anders muß mein Leben aussehen. Ach -- tralala, er wird ja gar kein
Pfarrer.« Es hatten schon so viele Theologen umgesattelt, gerade noch
vor Torschluß. Das wissen die Mädchen in den Universitätsstädten gut.
Warum sollte er es nicht auch können? Er trug ja so schwer an der
Theologie. Da reihte sich plötzlich in heiterem Farbenspiel Bild an
Bild vor ihren Augen. Ein heiteres, behagliches Heim, nicht glänzend,
wie sie vordem oft gedacht hatte, aber freundlich und ohne Sorgen
und mit ihm, der dort so aufgerichtet hinging; in den Kreisen guter,
angesehener Menschen, und sie selbst, Lore, dazwischen, fleißig und
häuslich, gut und lieb. Sie dachte an das Rektorhaus in Wiblingen. --
Was? Ein Tropfen auf dem schönen Kleid? Wahrhaftig, noch einer. »Ich
glaube gar, ich stehe hier und flenne. Das fehlte noch. Tralala. Ein
bißchen eleganter muß es schon sein. Die Rektorin. Ich danke für solche
Hauben und so weiter.«
Da steckte Frau Maute den Kopf zur Tür herein, fast schüchtern: »Lore,
was soll ich nur tun? Ich habe gestern Abend das Paket für unsern Herrn
vergessen. Es sollte auf die Post. Nun liegt es noch da. Der wird schön
schelten. Könntest du nicht auf den Laden acht geben? Ich mache mich
fertig und trage es hin.«
»Das tu' ich, Mutter.« Sie sagte es ganz freundlich. »Ich ziehe den
Regenmantel über das Kleid. Nein, laß nur. Ich habe schon noch Zeit.«
Die Neckargasse ging sie hinauf, dann an der Stadtkirche vorbei. In
der schmalen Gasse, die nach der Stadtpost hinunter führt, gingen zwei
Studenten dicht hinter ihr. »Der Ehrensperger, der hat's in sich.«
Sprachen sie von Georg? Ihr feines Ohr fing den Namen sogleich auf.
»Ja, der. Stille Wasser -- und so weiter. Ich hätt's nicht hinter ihm
gesucht. Der Hornstein, der auch am liebsten irgendwo hinaus möchte, wo
kein Loch ist, nur nicht ins Pfarramt, der sagte gestern Abend zu ihm,
ich hab's mit angehört: »Mensch, wenn ich du wäre, ich hielte nie eine
andere Predigt, als so eine. Was? Musik ist auch eine Predigt.«
»Jetzt geht,« sagte der erste Sprecher wieder, »der Mensch drei Jahre
unter uns herum. Ein guter Kerl, aber ein bißchen, na -- soll ich
sagen, langweilig? Und jetzt zum Schluß noch so ein Glanz. Der läßt
noch von sich hören, denk' an mich.«
»Du, aber mit seiner Musik ist er immer wieder aufgetaucht. Man hat ihn
nur nicht so ankommen lassen. Heut freilich« --, da bogen sie rechtsum
und Lore mußte links gehen.
Das war aber noch der Mühe wert gewesen, auf die Straße zu gehen. Das
wollte sie meinen. Nun, er sollte es zu spüren bekommen, daß sie in
Zukunft mehr Respekt vor seiner Kunst haben wollte. Denn, sie mußte
es gestehen, sie hatte ihn oft leer abziehen lassen, wenn er etwas
von ihr begehrte, ein Zuhören, ein Mitschwingen. »Ach, schaff' etwas
anderes, etwas rechtes,« hatte sie oft gesagt und manchmal nur, um ihn
zu ärgern. Aber das kam nun anders, holla.
Konnten ihn seine Kameraden ehren, -- sie konnte es gleichfalls und
noch ein bißchen besser.
Sie rief in Gedanken das ganze Ehrenspergerhaus, das sie so gut kannte,
zum Zuhören auf. Lauter Wohlklang war es, was die beiden vorhin gesagt
hatten.
Es schoß ihr eine Blutwelle bis unters Haar, als es ihr einfiel:
im Frühling, als das letzte Semester anfing, da hatte er daheim in
Wiblingen davon geredet, daß er am liebsten jetzt noch umsatteln und
Musik studieren wolle.
Er hatte es ihr erzählt. Wie sie da gelacht hatten und gewettert und
sich geschüttelt: »sonst weißt du nichts mehr? ein Musikant? aber das
konnte man kommen sehen. Immer zuviel den Willen hat man dir gelassen;
rein überspannt bist du geworden.«
Jungfer Liese lebte damals noch und schüttelte den Kopf: »all' das
verstudierte Geld.« Und die Schwägerin: »du denkst wohl, das finde man
hier auf der Gasse?« Und der Müller Hensler: »Kopf hoch, Bub, wenn man
noch so sagen darf. Jetzt hast auf den Pfarrer studiert und jetzt wirst
einer. Trink eins; das sind Grillen, die muß man fortschwemmen.«
Sie wußte es wohl noch, sie, Lore Maute, hatte mit eingestimmt, als er
es sagte: »Ach, das wirst du doch nicht im Ernst wollen? Du sinnst dir
auch Sachen aus. Aber so bist du immer gewesen. Ganz recht haben deine
Leute.« Er aber hatte darauf, halb zaghaft und halb trotzig geschwiegen
und war bisher im alten Gleise weitergegangen. Es war nur eine Scheu
vor dem einen, eine Sehnsucht nach dem andern in ihm, keine stürmende
Gewalt, ein Möchten, kein Müssen.
Aber nun war es auf einmal, als breche sich etwas mächtig Bahn.
»Nur schnell, nur schnell nach Hause. Denn ich muß da sein, wann er
kommt. Ich will mich weder vor Gertrud, noch vor sonst jemand scheuen.
Ich habe viel hereinzuholen, und das will ich auch.«
Ging da der Mieter, der lange Sachse? Er sah über die Straße herüber
und grüßte und sah sich noch ein paarmal nach ihr um. Das sah sie mit
einer Viertelswendung des Kopfes. Ein kleiner Stich ins Herz -- ach,
so lauf doch. Sie hatte ihn ja nie ganz ernst genommen. Sie hatte nie
zuvor irgend jemand ganz ernst genommen, es war immer ein wenig Spiel
dabei gewesen trotz manches Kummers und mancher Wünsche und Hoffnungen.
Aber so blieb es nicht immer. Nein, so blieb es nicht immer.