Die Wiblinger Stadtgemeinde war nicht mehr so ganz überzeugt von ihrer
Sicherheit, seit Meister Nössel allein auf dem Turm wohnte. Er war
doch allmählich ein hinfälliger, alter Mann geworden. Man konnte nicht
wissen, was nächtlicherweile unten in der Stadt geschah, wann der
Schlaf zu ihm kam, oder wann sein sehnliches Gemüt hinter den Gedanken
drein ging, die in ferne Zeiten wanderten, in vergangene und künftige.
So wurde die Turmwächterstelle mit ihren dreihundertundfünfundsiebenzig
Mark Einkünften nebst freier Wohnung und Öl für die Laterne neu
ausgeschrieben und dem Flickschuster und seitherigen Fabriknachtwächter
Konrad Entenmann übertragen, dem Mann der heiteren, raschen, lebendigen
Frau Lieselotte, von der wir wissen, daß sie einst von der Rektorin
Cabisius geschult und herangezogen worden war. Also blieb der Turm
sozusagen »in der Freundschaft«, wenigstens für Gertrud, die nun schon
drei kleine Entenmänner über den Taufstein gehalten hatte. Sie zog denn
auch hier oben mit ein; wenigstens brachte sie am Abend des Einzugstags
die drei Buben auf den Turm, die sie heut gehütet hatte und besah
sich das Wunder: wie in der einzigen Stube für zwei große und drei
kleine Menschen Platz geschaffen war. An Frau Judiths Fenster stand
der Schustertisch samt dem Schemel davor. Ob wohl in Zukunft auch so
wunderbare Dinge von hier aus zu erschauen sein würden? Einmal, Frau
Lieselotte neigte nicht zum Geheimnisvollen, und -- nein, und ihr Mann
auch nicht. Nun zeigte sie ihr neues Reich, und sah es mit #ihren#
Augen: »Die Kleiderkästen habe ich auf den Glockenboden gestellt;
und draußen vor der Tür, siehst du, Gertrud, da habe ich so etwas wie
eine Küche eingerichtet, zwei Schritte lang und drei breit, neben der
Treppe. Ein Petroleumherdchen und ein Küchenkasten. Und oben, es geht
eine Hühnerleiter hinauf, hast du je den Verschlag gesehen? Das gibt
eine Schlafkammer für die beiden größeren Buben, wann sie zu lang
werden für das Gitterbettchen.« Sie drehte sich um und um. »Ich muß
mich erst daran gewöhnen, so hoch oben zu sein. Mann, du mußt morgen
früh eine Gattertür an die Stiege machen. Handumkehr fällt einer von
den Buben hinunter. Buben, das sag' ich euch, wenn einer da ausrutscht
und fällt,« sie schauderte und nahm den Jüngsten auf den Arm und
drückte den zweiten an sich, »dann, dann hau' ich euch, bis es genug
ist. Jawohl, ihr dummen Kinder, das geht hinunter, hinunter, kein
Mensch kann sagen, wie weit.«
Sie hatten es nicht im Sinn; sie drängten sich um die Mutter und
guckten mit großen Augen das dunkle Treppchen hinunter. Eben war
der Vater gegangen, sechs Uhr zu läuten. »Bscht, seid still.« Frau
Liselotte kam sich nun doch auch ein bißchen wie etwas Regierendes
vor. Das war ihr Mann, der die Glocke über die Stadt und das ganze Tal
hinrufen ließ, und alle andern Menschen waren da unten und horchten.
»Gute Nacht, Gertrud. Ich dank' dir schön. Gelt, du steigst auch wieder
da herauf, du weißt ja den Weg.«
Ja, den wußte sie. Aber es war ihr, als ob sie nicht allzu oft käme.
Es war, als ob man aus einem schattigen Hain mit lockenden Pfaden und
rieselnden Quellen einen Küchengarten gemacht hätte. Es war ein braver,
wackerer Küchengarten, es war gar nichts an ihm auszusetzen, als daß
es eben der alte Hain nicht mehr war. Sie mußte sich erst umgewöhnen.
Der Mann läutete auch anders, als Meister Nössel, so schien es ihr.
Zu schnell und ein wenig unruhig. Als Gertrud an ihm vorbeiging, um
hinabzusteigen, sagte er, mitten unters Läuten hinein: »Jetzt heult
der Fabrikhund, mein alter Hilfsnachtwächter, zum Erbarmen. Immer beim
Läuten heult er. Das kann er nicht ertragen.« Bam, bam, fielen die Töne
dazwischen. »Es ist sonst ein braves Tier, es tut ihm ahnd nach mir,
ich weiß es.« Bam, bam, bam.
Wenn das Georg gehört hätte! Gertrud stieg die Treppen hinunter.
Meister Nössel, der vollbrachte das Läuten wie eine heilige Handlung.
Wie ein Priester oder ein Künstler. Ernst und still war er dabei und
niemand durfte ihn anreden und ein Ton glich dem andern und jeder war
ein Rufen nach den Menschenseelen.
Das wußte Gertrud nicht, als sie rasch und unmutig zu sich selber
sagte: »So lernts der Entenmann nie, er kann nicht so läuten, weil er
nicht so #ist#,« daß Meister Nössel draußen in Hollermanns Hütte, die
er gestern bezogen hatte, auch auf das Läuten horchte. Und daß er leise
sagte: »Du wirst ihn lehren, wie du mich gelehrt hast. In Lieb' und
Leid, in Gemeinschaft und im Einsamsein, in Sehnsucht und Befriedigung,
in eigener Not und über fremde Schmerzen hin habe ich die Glocken
geläutet. Da haben sie die Welt und mich gesegnet.«
Er lächelte verstehend, als die hastigen, ungleichen Töne niederfielen.
Sie taten ihm nicht weh. Er wußte wohl, daß #sein# Werk getan sei,
und das der Glocken an ihm, und daß das beides bei diesem Mann erst
anfange.
Stapfte da Frau Judiths Krücke?
Nein, es klopfte jemand mit dem Stock ans Fenster, und als er öffnete,
stand sein alter Freund, der Rektor draußen und streckte seinen weißen
Kopf herein:
»Komm Leonhard, es ist ein schöner Abend und wir haben alle Freiheit,
zu feiern. Wir setzen uns aufs Bänkchen, hinten am Haus, gegen die
Felder hin. Hörst du die Amsel? Hörst du, wie sie flötet? Als ob
Hollermann in der Nähe wäre. Aber ich glaube, das ist er auch. Nein,
wir wollen es nicht bereden. Wir setzen uns hin und horchen. Nachher
kommt das Kind, die Gertrud, und holt mich ab.«
Da saßen sie beisammen, bis die Abendschatten niedersanken. Der Rektor
hatte es wohl gewußt, daß ihn sein alter Schulkamerad heute brauche.
Aber sie sprachen nicht viel. Sie kannten einander allmählich so gut,
daß sie miteinander schweigen konnten. Es war ein warmer, schöner
Abend im Juli. Es war gerade ein Jahr seit Frau Judiths Tod. Die
weiße Kapelle schimmerte im letzten Abendstrahl. Hinten am Horizont
erglänzten weiße Wolken mit purpurnen Säumen wie Gefilde der Seligen.
* * * * *
Er nannte sie immer noch das Kind. Aber sie war kein Kind mehr. Sie war
schon lange wachen und regen Geistes gewesen und nun war das noch hinzu
gekommen, daß sie sich selbst entdeckt hatte, wie sie jung und kräftig
war und aufsteigenden Saft in sich hatte, wie ein starker, gesunder
Baum. Es hob ein Fragen in ihr an: wozu, für wen? Und sie reckte die
Arme aus gegen das weite Leben und begehrte sich zu füllen mit großen,
schönen, reichen Gütern, und sah die Menschen, die rings um sie her
waren, und verlangte, warm und nah zu ihnen zu gehören. Auf dem Grunde
ihrer Seele aber war das andere: Das Du, das zu ihrem Ich gehörte.
Aber das mußte noch schweigen. Das war immer da und sah sie mit großen
Augen an: »Du, wenn wir einmal ganz beisammen sind, -- immer. -- Du,
ach, alles, was ich habe, das gebe ich dir. Du, du.« Da füllte sie ein
großer, mächtiger Lebensdrang. »Georg,« sagte sie. Und dann schloß sie
die Augen und deckte noch die Hand darüber. »Still.«
In dieser Zeit bat sie oft den Großvater, wenn sie mit ihm durch den
Garten ging oder bei der Lampe saß: »Erzähl mir aus der Zeit, als du
jung warest. Als du die Großmutter kennen lerntest. Erzähl mir von
meiner Mutter, als sie zum erstenmal zu euch ins Haus kam.«
Da lächelte er und ließ dichte Rauchwolken steigen: »Von deiner
Mutter? Ja, ich weiß nichts neues mehr. Es ist mir, als wäre es erst
kürzlich gewesen. Sie war gleich zu Hause bei uns, sie hatte eine so
warme, sonnige Art. Sie konnte lachen, daß die alten Stuben und Gänge
widerhallten, man mußte mitlachen. Hier, in den Augenwinkeln, da saß
ihr der Schelm.«
Er sah nachdenklich vor sich hin. Er sah wohl die längst vergangenen
Gestalten vor sich aufsteigen?
»Sie war das, was man anmutig nennt,« sagte er. Dann sah er seine
Enkelin prüfend an. »Du gleichst ihr nicht; du gleichst deinem Vater.
Der war groß und breit wie du, und hatte so ernste, feste Züge und eine
hohe, breite Stirn wie du, -- ja und die Nase, die hast du auch von
ihm. Sie aber war klein und zierlich und hatte Grübchen im Gesicht,
eins in der linken Wange und eins im Kinn. Nein, du gleichst ihr nicht.«
Er wußte wohl nicht, daß er zu einem jungen Mädchen sprach? Sie war ihm
im Lauf der Jahre so etwas wie ein Kamerad geworden. Er beredete alles
mit ihr, so, wie es Georg Ehrensperger auch tat. Und daneben war sie
ihm das Kind, das letzte, das ihm geblieben war.
Sie aber besah ihr Gesicht nachher in ihrer Stube im Spiegel und wurde
vor sich selber rot, daß sie es tat.
»Ach, das ist ja einerlei. Ich bin jung und gesund. Still. Ja, ich bin
ein wenig braun und eckig und ein wenig ernsthaft bin ich auch. Es
liegt nicht viel zu lachen vor. Aber das schadet nichts. Darum bin ich
doch -- ach, still.« Und sie zwang ihre Gedanken zu ernsthafter Arbeit,
und senkte den braunen Kopf über dicke, schwere Bücher, die redeten von
längst vergangenen Zeiten und Völkern und von vieler Weisheit alter
Tage, und manche von ihnen in lang verklungenen Sprachen.
Stieg zwischen den Blättern jener Wintertag auf, an dem sie ihre
Fußtapfen neben die ihres Kameraden gesetzt hatte: Ich werde ebenso
groß und stark und gescheit, wie du? Begehrte sie in gleichem Schritt
mit ihm zu gehen auch von Weitem? Oder hungerte sie nach dem Wissen
selbst? Es war wohl beides.
Das Lernen füllte sie ein wenig. Aber es war nicht genug. Und sie
ging in den Garten und schaffte sich müde und konnte doch nicht alle
ihre Kraft verbrauchen. Und holte sich Nachbarskinder und spielte mit
ihnen, aber sie konnte es nicht so recht; etwas Weiches, Lachendes
fehlte ihr, so stark und mütterlich ihr Herz empfand. Einmal brachte
ihr der Großvater einen Schüler, den sollte sie auf das Gymnasium
vorbereiten. Das tat sie während dreier Frühlingsmonate und brannte
vor Eifer und riß den Buben mit sich und brachte ihn richtig dazu, daß
er in der Stadt mit seinen Altersgenossen fortkam. Vorher war er ein
träger, unlebendiger Schlingel gewesen. Das Interesse, das hatte sie
ihm eingeflößt. Aber nun war er fort. Und sie besuchte ihre Freundin,
das lahme Mädchen, das seine ganze Jugend auf einem Fleck versitzen
mußte. Dort wurde sie mit leuchtenden Augen empfangen. Sie hatte
zuweilen Lust, ihren Kopf in dem Schoß des stillen, feinen Mädchens zu
verstecken und zu klagen, daß sie eine Unruhe in sich habe, ein Drängen
nach etwas Großem, das doch nirgends sei. Aber sie konnte es nicht.
Die Freundin empfing ja ihren Anteil vom Außenleben durch sie; ihr war
Gertrud Cabisius das Beste, Reichste, Klügste, das es gab. Sollte sie
etwas zu klagen haben?
Nein, Gertrud fuhr fort, ihr Bücher zu bringen und ihr zu erzählen, was
der Tag so mit sich brachte und was sie nun wieder gelernt hatte und
sah die geduldigen, hingebenden Augen und die blassen, feinen Züge auf
sich gerichtet, und hörte, wie aus der Tiefe dieses leidenden Lebens
die Sehnsucht sprach, die auch für sich ein Genügen begehrte. Und es
war ihr, als müsse sie für sich und für die Freundin noch etwas finden,
etwas Großes, Neues, Füllendes.
»Aber,« dachte sie mitleidig, »für sie wird es doch nicht kommen. Sie
kann kein volles Menschenleben leben. Warum muß es Kranke geben und
Schwache?«
Da fühlte sie, wie ihr das Blut frisch und warm durch die Adern
rann. Ach, es würde schon alles kommen. Es war auch jetzt schön. Die
Hoffnung, die liebliche Märchenerzählerin, die winkte mit der weißen
Hand: Du aber, du wirst das alles erleben, du bist lebenswillig und
lebenskräftig.
Ja, das war sie.
* * * * *
»Großvater, bist du noch da? Wir haben uns ganz verschwatzt. Du glaubst
nicht, was Veronika sich zusammendenkt, wenn sie so sitzt und näht.
Ich glaube, sie stattet sich Himmel und Erde auf ihre Weise aus. Du
solltest wieder einmal zu ihr gehen. Ich glaube, du bist ihr das
Höchste, was ein Mensch sein kann.«
Gertrud lachte leise.
»Ich streite es ihr nicht ab. Jetzt komm, jetzt müssen wir heim. Völlig
dunkel ist es geworden.«
Da hatte er seine Freude an ihr, Freude und keine Sorge.
Sie aber ging neben ihm her und faßte ihn nach Kinderweise an der Hand
und war doch längst kein Kind mehr.
* * * * *
Es gibt eine Geschichte von einem, der im Wachen viel Hunger zu leiden
hatte. Er hatte aber die Gabe, daß er vom Essen träumen konnte, so oft
er wollte, und wenn ihm der Magen gar zu arg knurrte, so suchte er
wohl auch mitten im Tag irgend ein verschwiegenes Eckchen auf, um dort
in der Schnelligkeit ein kleines, bescheidenes Träumlein zu träumen,
nur so gegen den gröbsten Hunger. Er konnte es freilich nie so weit
bringen, daß er sich wirklich satt vorkam, das stand ihm noch aus;
indessen konnte er sich doch einbilden, nahe daran zu sein, und das war
immerhin etwas.
Er war aber ein besinnlicher Mensch und dachte sowohl über sich
selbst als auch über den Lauf der Welt fleißig nach, und als er seine
Augen bei den andern Menschen herum gehen ließ, da fand er, daß sie
alle irgend ein Eckchen hatten, in dem sie vom Essen und vom Sattsein
träumten, die einen so, die andern anders, und daß der Hunger so
vielgestaltig auf Erden sei, als das Menschenschicksal selbst, und das
Sattwerden etwas Seltenes.
Franz Ehrensperger der Jüngere, der schien nicht zu den Hungrigen zu
gehören und auch kein Träumer zu sein.
Aber darum hatte er doch auch einiges ausstehen, was ihm zum Sattsein
erforderlich war.
Als er sich ein Weib genommen hatte, da hatte er geglaubt, nun mit ihr
so recht ins helle, heitere, behagliche Leben zu treten. Er sah es
gern, daß sie praktisch und sparsam und rührig sei, aber so überaus
rührig hatte er sie sich doch nicht gedacht, als sie sich nun in der
Folge zeigte. Er hatte große Lust, ein wenig gemütlich zu sein, und hie
und da eine Weile vertraulich mit ihr zusammen zu sitzen und auch etwas
Gutes mit ihr zu essen, das sie ihm etwa aus Liebe gekocht hätte, und
hatte große Lust, öfter einmal den Arm um ihre stattliche, kräftige
Gestalt zu legen: »Du, wir wollen wieder einmal über Land fahren. Was
sagst du dazu? Wir sind jung; das ist man nur einmal. Wir wollen uns
des Lebens freuen.«
Aber da kam er nicht so gut an.
»Was ich dazu sage? Wir sind jung und müssen schaffen. Laß mich los.
Wenn man es zu etwas bringen will, muß man sich rühren.« Da sah er
verdutzt drein.
Sie trieb Haus und Geschäft um, daß es eine Art hatte. Sie war nicht
schuld, wenn die Habe nicht wuchs, so lange sie am Ruder war. Sie
verschwendete nichts, weder Geld, noch Zeit, noch Zärtlichkeiten.
Sie hatten richtig eine Weinwirtschaft eingerichtet und die junge
Frau war eine umsichtige Wirtin und versorgte die Gäste, ohne viele
Worte mit ihnen zu machen, und zog nur die Brauen zusammen, wenn der
Schwiegervater gar zu seßhaft an einem der grünen Tische wurde, und
mehr noch, wenn Franz ihm hie und da ein bißchen dauerhaft Gesellschaft
leistete.
Dann rief sie ihren Mann wohl hinaus und hatte dies und das über
das Geschäft mit ihm zu verhandeln, und trieb ihn durch ihre eigene
Geschäftigkeit hin und her und er kam nicht recht zum Gemütlichsein.
Das war das erste, was ihn ein bißchen hungrig ließ und was er sich
anders ausgedacht hatte.
Dann kam eine Zeit, bald, da wünschte er sich einen Sohn und dachte
sich hie und da aus, wie das würde, wenn wieder ein kleiner Franz da
sei, und wie dann die Frau wohl oder übel mehr ins Weiche, Mütterliche
hineinkommen müsse, und wie sie miteinander vergnügt sein wollten.
Sie aber hatte in dieser Zeit nur noch mehr den Trieb, zu schaffen,
zu treiben, zu sparen und auszunützen, also daß selbst Jungfer Liese
in einer Mischung von Bewunderung und leisem Unbehagen den Kopf
schüttelte. -- Das war eine Frau. Die brachte es zu etwas. Aber
freilich, so überaus behaglich dabei zu sein war es nicht. -- Sie
durfte aber nichts dazu sagen, denn die junge Frau hatte ihr einst kurz
bedeutet, daß sie alles, was die unteren Regionen betreffe, vollständig
übernommen habe und auch gut versehen könne. (Mit Ausnahme, fügte sie
hinzu, der wenigen Tage, die sie dann im Bett zu liegen habe, wenn die
Zeit herankomme, da solle Jungfer Liese dann für sie eintreten.)
Aber als die Nähterin in der Ladenstube saß und die letzten Stiche
an den kleinen Sachen tat, die so einfach als möglich angeschafft
worden waren, und die Wiege, die alte Wiege der Ehrenspergersöhne zum
Reparieren beim Schreiner war, da stieg die junge Frau eines Tages in
den Keller, weil sie neuerdings der Magd nicht recht trauen konnte,
und hatte es gewaltig eilig und stolperte über eine Kartoffel, die auf
einer Stufe lag. Da glitt sie aus und stürzte die ganze Stiege hinunter
und stand wieder auf und kam mit schmerzhaft verzogenem Gesicht herauf.
Am andern Tag wurde ein totes Mädchen geboren und die Mutter schwebte
in Lebensgefahr. Da konnte nun Jungfer Liese noch einmal ihr altes Amt
versehen und das neue einer Wirtin dazu.
Aber das dauerte nicht allzulange. Denn die junge Frau war überzeugt,
daß alles den Krebsgang gehe, so lange sie hier liege und sich pflege,
und wollte es erzwingen, wieder selbst auf den Füßen zu sein, und ließ
sich weder durch des Doktors noch ihres Mannes Gebot länger halten, als
sie es selbst für unumgänglich nötig hielt. Da verdarb sie sich und
schleppte sich so hin, und lag bald auf dem Sofa, bleich und mager und
fast verblüht, und war bald hinter dem Gesinde her mit scharfer Stimme
und scheuchenden Worten.
Sie wollte aber nicht nachgeben und zwang es auch wirklich, das
Hauswesen wieder in die Hand zu bekommen, obgleich sie erschöpfter war,
als sie zeigen wollte und obgleich niemand bei diesem Regiment recht
aufatmen konnte; denn sie suchte mit Drängen und Treiben einzubringen,
was sie mit eigener Hand nicht mehr vollbrachte.
So kam es, daß eh' ein Jahr vorbei war, seitdem die Flöten und Geigen
der Hochzeit verstummt waren, aus der jungen, blonden Braut ein
reizbares, kränkelndes Weib mit scharfen Zügen und scharfem Wesen
geworden war, hinter dem die einen die Köpfe zusammenstreckten: »Der
Ehrensperger, der hat auch sein Hauskreuz,« und die andern: »gar zu
lang wird er's nicht haben, denk' ich.«
Und so kam es, daß, wie oben gesagt, Franz Ehrensperger noch einiges
ausstehen hatte, das ihm zum Sattsein gehörte, und daß er sich hie
und da des Gedankens nicht erwehren konnte, er habe sich das Ganze
anders vorgestellt. Er ging in jener Zeit ein wenig gedrückt umher und
saß zuweilen in der Backstube auf einem Mehlsack und nickte da ein,
anstatt sich oben einen behaglichen Ruhesitz zu suchen. Jungfer Liese,
die hatte wohl auch an das Teil der Güter gedacht, das ihr gehöre. Sie
war nicht unbescheiden, wir wissen es. Sie hatte nur davon geträumt,
nun mit dem Herrn Vetter in Ruhe und Frieden im Oberstock zu wohnen,
für ihn und sich gut zu kochen und mit einem Strickzeug am Fenster zu
sitzen und zu sehen, wie die Kunden im Laden aus- und eingingen. Das
war ja schon mehr, als sie in ihrer Jugend hatte hoffen dürfen. Dann
wollte sie ein Auge auf das Glück und Gedeihen der jüngeren Generation
haben und sich in dem Gedanken sonnen, daß sie dieses Gedeihen durch
eine Reihe von Jahren gefördert hatte.
Aber ehe sie das genannte Auge so recht hatte darauf werfen können,
schloß ihr der Tod beide Augen, nachdem sie nur wenige Tage krank
gewesen war, und so ging sie aus der Zeitlichkeit, ohne nur auch
an ihrem bescheidenen Gericht von der Lebensmahlzeit sich recht
sattgegessen zu haben. Den Herrn Vetter aber ließ sie so hilflos und
unbehaglich zurück, wie er sich in vielen Jahren nicht gefühlt hatte,
und das hatte Jungfer Liese auch in aller Bescheidenheit vorausgesehen,
und es hatte ihr die letzten Lebenstage bitter und süß zugleich
gemacht. Denn wer ist, der nicht gerne vermißt werden und der nicht
irgendwo nur auch ein schmales, kleines Lücklein hinterlassen möchte,
wenn er von dannen geht?
Das ist das Zeugnis über ein Leben, ob es wirklich gelebt worden sei,
ob irgend ein Werk oder ein Mensch hinter ihm drein sagt: nun muß ich
ohne dich sein.
Das wurde Jungfer Liese zuteil.
Denn der Herr Vetter fühlte sich weder in seinem Hause noch in seiner
Haut, die beide unter ihrer Obhut gestanden waren, mehr recht wohl.
Er ging in dieser Zeit fleißig mit dem Müller Hensler, der immer noch
der feurige Knabe von ehedem war, mit kurzen, eilfertigen Schritten
über den Markt und zum Städtlein hinaus, -- (Franz der Jüngere stand
dann wohl einen Augenblick unter der Ladentür und sah ihnen nach und
wäre gern mitgegangen) -- und sie kehrten miteinander in irgend einem
Wirtshaus ein.
Da saßen sie und tranken einen oder etliche Schoppen Roten, und wenn
sie ganz unter sich waren, so vertrauten sie einander an, wie vielfach
die vergangene Zeit der jetzigen vorzuziehen sei, hielten eine kleine,
einträchtige Klatscherei über »Die Junge«, und lobten Jungfer Liese
über den Schellenkönig, so sehr sie vordem auch ihre Mängel gehabt
hatte. So sehr lobten sie sie, daß ihr das linke Ohr, das man das
Klingohr nennt, hätte läuten müssen, wenn einem im Grabe überhaupt die
Ohren läuten könnten.
Das taten sie einige Wochen, vier oder sechs. Dann zogen sie eines
Tages auch zu dreien aus: Die beiden alten Schulkameraden und Franz
der Jüngere, alle drei in stattlichen Sonntagsgewändern, jeder eine
Nelke von Jungfer Liesens Lieblingsstock im Knopfloch, in dem sauberen,
neulackierten Wägelchen des Kronenwirts. Es war an einem strahlend
schönen Septembermorgen. Die Fahrt ging nach Tübingen. Sie wollten
miteinander ihren Studenten besuchen, so lang er noch einer war. Das
zählte nur noch nach Wochen. Das Examen war vor der Tür. Er mochte
so verschieden von ihnen sein, als er wollte, darum war er doch ihr
Student und sie waren stolz auf ihn.
»Man muß ihn nur aufmuntern,« sagte der Müller Hensler. »Er kann
sicherlich den ganzen Krempel, der verlangt wird, aber er ist
schüchtern, das ist es. Bei den Professoren da ist es wie bei meinem
Tyras, dem Kukukskerl. Wenn er sieht, daß einer Angst vor ihm hat, so
fährt er ihm an die Waden. Wer kecklich auftritt, dem tut er nichts.
Was? Die Herren sind auch keine Herrgötter, sag' ich. Man muß ihn nur
aufmuntern, den Georg.«
Also fuhren die drei nach Tübingen, um den jüngsten Ehrensperger
aufzumuntern.
Sie hatten einen Gugelhopf unter dem Spritzleder des Wägelchens und ein
paar Flaschen Uhlbacher in den Rocktaschen.
Den Gugelhopf lieferten sie unverkürzt ab, den Uhlbacher aber tranken
sie selbst. Das war nicht programmgemäß, indessen wurden sie sehr
vergnügt davon. So eigneten sie sich um so besser zur Aufmunterung.
Sie hatten den heutigen Tag mit Bedacht gewählt. Die Verbindung,
zu der Georg gehörte, hatte sich ein Haus gebaut, das wurde heute
eingeweiht. Zu dem Hausbau aber hatte der Vater Ehrensperger
beigesteuert, ein Heidengeld, wie er selber sagte. Und darum hatte er
beschlossen, der Einweihung beizuwohnen. Er kam sich so ein bißchen wie
ein Gönner vor. Wie einer, der ein Recht auf jegliche Ehrung hat.
Als die Stadt in Sicht kam, tranken die drei den letzten Schluck. Sie
tranken ihn mit Hochgefühl. Die leere Flasche warfen sie in die Weiden
am Neckarufer. Sie selbst setzten sich in Positur. Sollte ihnen einer
kommen. Sie waren von Wiblingen. Dort durfte man nach ihnen fragen.