»Ja,« dachte Gertrud, und ihre Augen gingen zwischen dem alten und dem
jungen Haupt hin und her, »aber manchmal begegnet uns doch auf diesem
stillen Wege, von dem du sagst, ein Mensch, der die gleiche Sprache
spricht oder doch die unsere in sich widerhallen läßt. Und dann geht
ein Grüßen von Seele zu Seele: Du Bruder, o du Bruder.«
Aber sie sagte es nicht laut.
Es ging etwas Neues durch sie hindurch, etwas, das sie nicht benennen
konnte. Das verschloß ihr den Mund.
»So, nun wollen wir zu Bett gehen.«
Der Rektor lehnte seine Pfeife an die Wand.
»So behüt dich Gott, Georg. Glück auf den Weg. Es gibt jetzt harte
Bretter zu bohren, ich weiß es. Es ist ein enges Tor, das Examen. Aber
dahinter ist das Leben. Du mußt dich nicht fürchten; es ist nirgends
etwas zu fürchten. Die Sonne steht über allen Wolken, und Gott über
allen Sonnen. Ich bin kein Dichter geworden, Georg. Du weißt es. Aber
es ist dennoch eine Harmonie durch mein Leben hindurchgegangen; es
hat sich dennoch gereimt. Ich habe nie aufgehört, die Rufe aus den
Menschenherzen und aus den Kinderherzen vor allen, und aus dem Leben
ringsumher zu vernehmen und zu verstehen. Das darf ich jetzt sagen. Es
wird sich bei dir auch reimen, da habe ich keine Sorge.«
Ja, er hatte keine. So fest überzeugt war Georg nicht davon. Er hatte
starke Zweifel in dieser Hinsicht. Er sah etwas unsicher nach der Ecke,
in der sonst die Rektorin saß. Er vermißte noch ihre Ermahnung: »Du
mußt dich zusammennehmen, mein Sohn. Und so weiter.«
Heute ermahnte ihn niemand. Er mußte es selbst tun, wenn es geschehen
sollte.
Da zog er seine langen Beine an sich und stand auf.
Gertrud leuchtete ihm die Treppe hinunter und stellte, als sie unten
waren, das Lämpchen in die steinerne Wandnische im Hausöhrn.
»Ich lasse dich zur hinteren Gartentür hinaus. So weit gehe ich noch
mit dir.«
Das tat sie meistens. Es war nichts besonderes, daß sie es heute tat.
Aber es war ihr anders zu Mut, als sonst. Sie hätte ihm so gern noch
etwas gesagt. Er sah so zwiespältig aus, so unsicher.
»Ach, sag mir alles, was dich unruhig macht. So wie sonst. Laß mich an
allem teilhaben.«
Aber sie dachte es nur, sie sagte es nicht.
* * * * *
Es war eine wundersame Nacht. Eine rechte, echte Sommernacht, voll
von schwerem Duft der Rosen und des Jasmin. Es war, als ob das Leben
nur leise schliefe und sich hie und da im Schlafe bewegte. Ein
Rotschwänzchen stieß einen leisen, zirpenden Laut aus, als Gertruds
Kleid an der Hecke streifte, in der sein Nest war. Von dem sogenannten
Feuersee, einem grün überwachsenen Wasserbecken, das draußen zwischen
den Krautgärten lag, scholl das überlaute Quaken der Frösche, im Grase
zirpten die Grillen, die Bäume rührten sich im leichten Nachtwind wie
im Traum. Am Himmel hielt der liebe Gott das silberne Licht der Nacht
in seiner ausgestreckten Hand und leuchtete damit über seine Welt hin.
Er hatte gesehen, wie Marie vor einer Stunde ihr glückliches Herz ins
Haus getragen hatte, und nun sah er, wie Gertrud schweigend dahinging,
sah, wie sie sich im Heben und Dehnen der Brust erst Raum schaffen
mußte zu gelassenem Leben und Atmen.
Sie streifte ihren jungen Genossen mit einem erwachenden Blick, so, als
sei sie seither in Träumen gegangen und es fiele ihr nun auf einmal
ein, was Wirklichkeit sei und was Traum. Und als sie ihn so ansah, wie
er groß und schlank neben ihr ging und ein feines Gesicht hatte, in dem
alle guten Geister wohnten, da kam es wie etwas Neues über sie, wie
etwas Schönes, Großes, das sie seither unbewußt mit sich herumgetragen
hatte und das nun die Augen aufschlug: Daß sie beide in ihrer frischen
Jugend miteinander durch den Garten gingen, und daß ihr Sein und Werden
so miteinander fortgehen müsse, durch Nacht und Tag hindurch und durch
die ganze Welt. Wie eine helle, weiße Straße lag das Leben vor ihr,
und auf der Straße gingen Gertrud Cabisius und Georg Ehrensperger, in
gleichem Schritt und Tritt und hielten sich an den Händen gefaßt und
sahen eins nach dem andern. Da strömte etwas Starkes durch ihre Adern,
und drang ihr bis ans Herz. Sie schauerte leise in sich zusammen. Sie
verstand sich nicht recht. Sie hätte es ihm sagen mögen, der da neben
ihr ging, aber statt dessen löste sie ihren Arm, der bisher in großer
Selbstverständlichkeit auf dem des Jugendfreundes gelegen war, und
wandte sich ab und beugte den braunen Kopf über einen Rosenstrauch, der
in voller Blüte stand. Eine volle, duftende, rote Rose drückte sie an
den Mund. Da drang ihr die Kühle der Blumenblätter sänftigend in das
wallende Blut.
»Was tust du, Gertrud?« fragte Georg. »Willst du die Welt umarmen?«
Aber sie gab keine Antwort. Sie bot ihm nur abschiednehmend die Hand.
»Gute Nacht, Georg.«
»Gute Nacht, Gertrud.« Er zögerte noch einen Augenblick. Wollte er auch
noch etwas sagen? Dann ging er in die Nacht hinaus. Das Pförtchen fiel
hinter ihm zu. Gertrud hörte seine Schritte verhallen.
Dann, im Hineingehen horchte sie auf Mariens Singen, das aus der Küche
kam. Dort saß sie nun an dem weißgefegten Tisch und nähte und sang dazu.
»Noch so fleißig, Marie?«
»Ja,« sie lachte. »Ich muß mich dran halten. Wenn man heiraten will.«
Die Unruhe des Glücks war ihr in die fleißigen Finger gefahren. Da
wurden sie noch fleißiger.
Gertrud erschrak.
»Jaso. Dann willst du uns verlassen?«
An diese Seite der Sache hatte sie noch nicht gedacht.
»Natürlich.« Was hatte das Mädchen für übermütige braune Augen. Sie
hatte bloße Arme bis über die Ellbogen. Die reckte sie und machte
eine zugreifende Bewegung mit beiden Händen, als ob sie sogleich ans
Einrichten zu gehen gedenke. »Natürlich. Es ist mir --« ach nein, sie
konnte nicht sagen, daß es ihr leid sei, hier wegzugehen. Es kam nichts
dagegen in Betracht, nichts.
»Im Spätherbst wollen wir heiraten.«
»Schon?«
»Ja, das ist alles ausgemacht.«
»Alles heut Abend da hinten unter dem Baum?«
»Ja. Nun müssen Sie auch bald --.« Marie lachte.
Sie durfte sich schon etwas erlauben.
»Gute Nacht, Marie.«
Gertrud stieg die Treppe hinauf. Aber in halber Höhe blieb sie stehen
und hörte ihr Herz schlagen. Was war dies für eine Nacht. Es wendete
sich alles um und um. Es sah alles anders aus als vordem.