Sie verstehen die meinige nicht und ich die ihrige nicht.«

Ja, jetzt durften sie ihn nicht stören. Sie wußten es, daß er jetzt den

Sack, von dem er gesagt hatte, ausleere bis auf den Grund. Sie nickten

ihm nur zu, ermutigend: sprich nur, du kannst alles sagen.

'Du, Pfarrer,' sagte Franz heut zu mir, (er sagt immer schon 'Pfarrer',

obgleich kein Mensch weiß, ob es jemals so weit kommt), »du, Pfarrer,

du trägst so ein zugeschlossenes Gesicht herum. Ich kann dir aber

sagen, so duckmäusig sind nicht alle Studenten. Fritz Hornstein, der

studiert doch auch auf den Geistlichen, der kam an Ostern heim und

besuchte alle Bekannten. Und wohin er kam, da gab es lustigen Lärm

und Lachen. Er kam auch zu uns und drang bis in die Backstube vor. Da

machte er einen Gaul aus Milchbrotteig, mit vier bocksteifen Füßen. Den

mußten wir ihm backen und dann nahm er ihn mit sich nach Tübingen. Er

wolle ihn jemand verehren, sagte er. Ist der lustig, warum bist du es

nicht? Du mußt doch nicht Hunger leiden.

Und alle stimmten bei: Du mußt doch nicht Hunger leiden. Sie meinen es

gut auf ihre Art. Sie sind nur anders als ich, das ist alles.

Die Schwägerin -- Jungfer Liese ist begeistert von ihr, aber sie

fürchtet sie, glaub ich, in aller Stille ein wenig, -- sagt, daß Franz

noch eine Weinwirtschaft einrichten solle. In unsern Stuben, Gertrud.

Weißt du, wo die Gitterbettchen standen und das Himmelbett mit den

roten Vorhängen. Franz ist nicht übel einig damit. Der Vater auch.«

Er machte einen Versuch, zu scherzen, aber es gelang ihm nicht recht.

»Ich glaube, ich bin eifersüchtig. Franz und der Vater sind die besten

Freunde. Der Vater liest täglich drei Zeitungen. Aber ich verstehe

nicht viel von Politik, und das wenige sieht bei mir anders aus als

bei ihm. Da beredet er alles mit Franz, und sie streiten sich wacker

herum, haben große Mostgläser auf dem Tisch und schlagen mit der Faust

dazwischen. Die besten Freunde sind sie.

Ich aber sitze stumm daneben.

Und dann gehe ich in der Verzweiflung ans Klavier. Das ist immer noch

meine Zuflucht.

'Das ist recht, Pfarrer,' sagte Franz, als ich es heut öffnete. Und

Jungfer Liese ging gleich ans Fenster und machte einen Flügel auf,

damit die Nachbarschaft auch ihren Teil bekäme.

'Spiel' etwas Eigenes,' sagte Franz, 'spiel' etwas, das du selbst

gemacht hast.'

Da ließ ich mich verleiten. Ihr wißt, es ist mir hie und da etwas

eingefallen im letzten Jahr. Ich hätte es ihnen nicht vorspielen

sollen. Ich hätte wissen können, daß es nicht zu ihnen redet. Aber es

war ein starker Wunsch in mir, etwas mit ihnen zu teilen, das mich

angeht. Ja, vielleicht war auch ein wenig Großtuerei dabei, das kann

ich nicht sicher sagen.«

Denn Gertrud hatte ihm so einen Blick zugeworfen, der etwas ähnliches

andeuten mochte.

Er tat einen langen Atemzug. »Es ist mir nicht gut gegangen damit.

Ihr wißt, als Fritz Bauer beim Baden ertrank, -- ihr kennt ihn, er war

so ein lebensvoller, frischer Mensch, Neuphilolog, mein Bundesbruder,

da habe ich etwas komponiert, eine Totenklage, wenn ihr wollt. Ich

habe die Musik in mir gehört, eine ganze Nacht lang; ich stand um vier

Uhr auf und saß den ganzen Vormittag daran und es gelang mir, sie

festzuhalten. Ich habe sie in der Verbindung vorgespielt, als wir die

Trauerfeier hielten. Ich habe den Eindruck, als ob einige gefunden

hätten, daß etwas daran sei.

Also, das spielte ich heute vor und vertiefte mich ganz darein und

meinte, sie alle mit mir zu führen in die Stimmung: daß solch ein

junges Leben so jäh endigen müsse. Jetzt noch heiter und kräftig

und voll Frohmut, und junge Genossen dabei, und sonnige Ufer und

plätschernde Flußwellen, -- und dann der starre Tod, der ihn in die

Tiefe zog. Das hätt' ich alles mit Worten nicht so sagen können,

aber ich meinte, sie sollten es mit mir hören in den Tönen, die ich

anschlug. Aber als ich fertig war und mich nach ihnen umwandte, da

blieben sie alle still und sahen einander verdutzt an. Es war nicht das

beredte Schweigen, das einem so viel sagt, es war das lähmende, tote

Schweigen, bei dem nichts herüber und hinüber geht.

Und nach einer Weile fing Franz an zu gähnen und sagte: 'Also das

wär's, so, so. Du, jetzt, jetzt spielst du noch etwas anderes. Jetzt

spielst du noch den Radetzkymarsch. Was, den kannst du nicht? Na, mach'

kein Gesicht. Ich glaube, ich kann ihn, wenn auch nur mit drei Fingern.

Laß mich einmal heran.'

Und die Schwägerin sagte: 'Ach ja, Franz, den Radetzkymarsch.' Den

hatte sie mit ihm gehört, als sie miteinander in Stuttgart bei der

Wachtparade waren.

Und er spielte ihn, und der Vater taktierte mit dem Kopf und versuchte,

mitzupfeifen. Jungfer Liese sah mich vorwurfsvoll an: »Siehst du? Der

Franz. Er hat nicht studiert und kann es doch. Das ist einer, der

Franz.«

Da kam es über mich, daß ich aufsprang und den Deckel zuschlug und noch

die Tür zuwarf, daß es knallte und in den Garten ging.

Nachher schämte ich mich und ging noch einmal hinein. Da waren sie ganz

harmlos und freundlich und Jungfer Liese sagte, ich müsse neue Hemden

haben und wir sprachen eingehend über die Hemden.

Aber davon wurde es nicht anders. Sie sind fremd in meiner Welt,

und ich bin fremd in der ihrigen. Und es führt kein Weg herüber und

hinüber. Ich hänge an ihnen; ihr wißt es. Und das ist mein Kummer, daß

ich anders sein muß meinem Wesen nach. Es ist nicht nur mein Studium,

es ist mein Wesen.«

»Das kenn' ich besser, als du denkst,« sagte der Rektor in seiner

verstehenden, linden Art.

»Das kenn' ich aus der Zeit, als ich, selber noch jung und meines

Wesens ungewiß, mit Schmerzen sehen mußte, daß ich anders sei als die,

zu denen mich Geburt und Kindheitsgenossenschaft gestellt hatte und zu

denen auch mein wachsendes Ich noch drängte. Ich weiß, wie das ist, was

du heut erlebtest. Ich habe es auch erlebt.«

Georg sah auf. Die alten Augen lagen liebend auf ihm und es wallte warm

in ihm empor.

Er war also auch nicht immer ein so harmonischer, klarer Mensch

gewesen? Er hatte auch seine Art durch Schmerzen und Zweifel hindurch

tragen müssen? Und war doch solch ein Mann geworden. Dann -- dann

verlohnte es sich also, daß man es versuchte, mit sich selber zu

hausen, wie man nun einmal war? Daß man versuchte, auch aus seiner Art

etwas Rechtes zu machen?

Gertrud nickte ihm zu. Hatte sie seine Gedanken verstanden? »Franz ist

Franz und du bist du. Laß dich's nicht so sehr anfechten. Das kommt

vielleicht noch, später. Siehst du, bei dir ist noch nicht alles so

klar und fertig. Sie sind schon, was sie werden müssen, du nicht. Es

geht noch so vielerlei hin und her in dir, nicht, du?«

Ach ja, das tat es freilich. Bis zum Überlaufen voll war er davon.

Er hatte ja heute mit ihnen davon reden wollen. Je näher das Examen

kam, je mehr fürchtete er sich davor. Nicht nur vor dem Examen selbst,

obgleich er auch dazu einige Ursache hatte; viel mehr vor dem Leben,

das darnach kam. Vor dem Amt. Wo war das knabenhaft ausgesponnene

Pfarrersideal hingekommen, das er eine Zeitlang gehabt hatte? Haus und

Garten auf dem Land, eine kleine, nette Dorfkirche, einfache, schlichte

Menschen, denen er alles Schöne, Fromme, Ewige vermitteln durfte. Er

selbst -- ach, wir kennen ja Georg Ehrensperger, -- er hatte sich

bereits gesehen, wie er durch die Gassen schritt und alle kannte und

grüßte, und alle ihn. Und wie er an stillen Sommernachmittagen die

Kirche aufschloß und -- dann brauste die Orgel durch den Raum. Ganz

deutlich hatte er das gewußt. Ach, wo war es hin? Je mehr er sich mit

den Wissenschaften auseinandersetzte, desto mehr zerfloß ihm alles,

was er unter Christentum verstanden hatte. Was blieb ihm noch? Was war

das Ewige, das Frohe, Heilige, das er den Menschen bringen wollte? Er

hatte ihnen nichts zu geben. Er hatte selber keinen festen Besitz.

Was er hatte, das lag zu tiefst innen und sah kaum aus wie Religion.

Man konnte es nicht in Worte kleiden und nicht lehren. Es war ein

Verlangen, sich hinzugeben, sich brauchen zu lassen, etwas zu sein

für die Menschen, und ein Verlangen darnach, an den Quell des Lebens

hinzudringen, der unter allem Sichtbaren seine Fluten hinschickt. Und

er wußte es noch nicht, damals noch nicht, daß er hundert Jahre lang zu

leben und zu predigen gehabt hätte aus dem einen Verlangen seiner Seele

heraus: »Gebt euch hin an Gott, gebt euch hin an die Menschen.« Allen

Glauben und alle Liebe konnte man da hineinfassen. Aber er verstand

sich selbst noch nicht.

Arm und unklar kam er sich vor. Was sollte ein solcher wie er ins Amt

treten? Er konnte über diese Dinge nicht mit den Genossen reden, er war

zu scheu, sie in sich hineinsehen zu lassen. Und er konnte sich auch

nicht bei den Professoren Rats erholen, wie manche taten.

Und immer öfter kam die Angst über ihn: »Wo hinaus mit mir? wenn nun

die Zeit da ist, was dann?«

Zweierlei war, an dem er sie hie und da vergaß.

Lore. Wenn er bei ihr war und sie sah, so blühenden Lebens voll, dann

kam es über ihn, wie von frischer Märzluft angeblasen, daß das Leben

denn doch nicht nur eine Sache des Nachdenkens sei, und daß Jugend und

Schönheit auch gute Gaben seien. Wenn er sie gut antraf, so scherzte

sie ihm die schweren Gedanken hinweg: »Ach du, du nimmst alles so

schrecklich ernst. Weißt du, was gut ist gegen das Traurigsein?

Frohsein, du.« Dergestalt rief sie ihm nach außen.

Nach innen rief ihn die Musik. Ans Klavier trug er die Unruhe, die ihm

die Wissenschaft machte. Die Musiker, das schienen ihm die wahren

Propheten und Lehrer zu sein von dem allerinnerlichsten, das es gab.

Sie konnten trösten, froh machen, die Herzen erheben. Sie konnten der

Seele auf den Grund leuchten und alles Gute mit Namen rufen, daß es

lebte, und alles Niedrige erschüttern.

Aber das konnte ihn nichts helfen, daß er das wußte. Er mußte selber

etwas zu geben haben, etwas Eigenes. Es wollte etwas in ihm leben, und

suchte eine Sprache; da horchte er und suchte sie zu finden.

Die Bücher und Kollegien kamen nicht gut weg dabei.

Denn je länger er Musik machte, desto kälter wehte es ihn aus den

Büchern an. Ja, freilich -- er durfte es sich nicht verhehlen, es waren

nicht immer gerade die reinsten Triebe, die ihn ans Klavier zogen. Er

mußte es sich gestehen, zuweilen floh er nur dahin vor den langweiligen

Pflichten, zuweilen war es reine Zerstreutheit, daß er da saß und

spielte. Gertrud kannte ihn wohl, als sie sagte: »Es geht noch so

vielerlei hin und her in dir.«

Von dem allem hatte er heut reden wollen. Er hatte es sich fest

vorgenommen. Aber die friedlichen Geister dieser Stube lösten so manche

Unruhe, noch ehe sie in Worten an die Oberfläche kam. Mußte denn alles

gesagt sein? Es war so wohltuend, eine Weile still dazusitzen. Die

beiden verstanden ihn auch so, das wußte er. »Hier bin ich daheim, das

macht es.« Und als er sich dessen aufs neue versichert hatte, da wuchs

ein neuer Mut in Georg. »Warum sollte ich's im Ehrenspergerhaus nicht

auch sein können? Es ist nicht so leicht, aber es muß doch zu machen

sein. Ich will mich morgen mit Franz und dem Vater an den Vespertisch

setzen und -- ja, und will ihnen von mir erzählen. Ich will es so

einfach tun, als ich kann. Ich will nicht fremd werden in meinem

Vaterhause.«

Als er das beschlossen hatte, sah er froher aus, als zuvor.

In die Stille hinein sagte der Rektor: »Man muß auch nicht mit Gewalt

verstanden sein wollen. Man muß zuweilen den Mut fassen, sich in sich

selbst zu bergen, bis etwas Sicheres und Gewordenes von innen heraus

kommt. Das wirft uns dann kein Kaltsinn und kein Mißverstehen um.

Aber freilich,« -- er lächelte und sah die beiden jungen, horchenden

Gesichter an, -- »das Wartenkönnen, auf sich selbst und auf andere, das

will auch erst gelernt sein.

Siehst du, Georg, ich habe einst gemeint, ich sei ein Dichter, weil

alles Geschaffene in einer eigenen Schönheit und stillen Sprache zu

mir redete. Und manchmal fand ich auch das Wort, es wieder zu sagen.

Da sammelte ich nach und nach einen kleinen, heimlichen Schatz von

Gedichten, gereimten und ungereimten an. Sie waren zum Teil mangelhaft

in der Form, ich weiß es. Es war oft ein Stammeln von einer innerlichen

Welt, für die ich des klaren Ausdrucks nicht mächtig war. Aber sie

waren ein Teil von mir und waren mir teuer.

Da ließ ich mich einmal in einer aufgeschlossenen, warmen Stunde

hinreißen und zeigte sie meinem Bruder. Der war Arzt, ein frischer,

heiterer, allgemein beliebter Mensch, und ich liebte ihn mehr, als

er wußte. Zuweilen aber kam es mich an, daß ich in meiner heimlichen

Gedankenwelt von ihm verstanden sein wollte. Dann ging es mir wie

jenem, der alles wollte und nichts bekam.

Er sah hinein, las wohl auch in den Blättern. Am andern Tag gab er

mir sie wieder: 'nett, zum Teil ganz nett. Ein bißchen versonnen.'

Er lachte und gab mir einen Schlag auf die Achsel: »Du bist immer ein

Sinnierer gewesen, Joachim.«

Siehst du nun, daß ich weiß, wie es ist, Georg?

Er konnte wohl nicht anders; er sagte, wie es ihm ums Herz war. Aber

mir war das leichthin geredete Wort wie ein Schlag ins Gesicht. -- Das

war alles? Da kam wieder so leer zurück, was ich aus mir heraus gegeben

hatte und ich stand da und schämte mich, daß ich meine Seele so nackt

hatte sehen lassen, und hätte sagen mögen: »gib's wieder zurück, mach's

ungeschehen, daß du mich gesehen hast. Und dann zog ich mich in mich

selbst zurück, so weit ich nur konnte.«

Der Rektor ließ ein paar große Rauchwolken steigen, die bildeten im

Mondlicht einen schmalen hellen Streifen wie eine Brücke, darauf die

Gedanken des alten Mannes in seine Jugend zurückgingen.

»Ja, heute versteh ich das alles; damals --, er sah es, daß er mich

arm gelassen hatte. Und er meinte, ich habe mehr Lob erwartet und sei

nun verschnupft, daß es mager ausgefallen sei, und erklärte mir, -- er

klopfte mir nochmals dazu auf die Achsel, daß ja wirklich ganz nette

Sachen darunter seien, aber daß es ja natürlich viel bedeutendere Leute

gebe und daß ich nicht erwarten dürfe, mit ihnen zusammengestellt zu

werden.

Da packte ich mein Büchlein wieder ein. Nein, das hatte ich nicht

erwartet. Etwas anderes. Was denn?

Ach, einen aufblitzenden Funken, der von seiner Seele zu meiner

spränge, es hätte kaum ein Wort gebraucht, es hätt's ein Blick getan,

ein Händedruck, oder auch ein Schweigen.

Da hast du recht, Georg, es gibt ein beredtes Schweigen.« Georg saß

und horchte. Den Kopf lehnte er an die Wand und die langen Beine

streckte er weit in die Stube hinein. Die Uhr tickte friedlich und

gelassen: still -- still -- still -- still. Bis die Stille redete. Ach

wie friedlich war es hier.

Es war keine Unterbrechung dieser Stille, als der Rektor wieder anfing:

»Das ist's, was wir suchen und begehren: Gemeinschaft, Verstehen, nicht

Lob. Ein Wort, das unserem verborgenen Leben eine Erlösung gibt, eine

Befreiung. Aber wir dürfen das Wort von keinem verlangen. Es muß über

uns kommen, wie ein Wunder. Es muß von einer verstehenden, liebenden

Seele kommen. Und wir dürfen zu niemand sagen: sei du mir das, ich

bitte dich.

Aber wie wir still hingehen und es tragen, daß wir einsam sind unter

denen, von denen wir geliebt sein möchten, wächst eine Macht in uns,

selber zu lieben und zu verstehen. Die den Armen das Evangelium

verkünden wollen in irgend einer Weise, die müssen selber arm gewesen

sein, arm in sich selbst vor allem.

Alle guten Geister...: Roman · 第 33 / 53 题