Siebentes Kapitel

War hier der Weltlauf stehen geblieben? War es noch alles ganz wie

einst? Ein Drehorgelmann zog durch Wiblingen und blieb vor all den

alten Häusern stehen, und als er seine Lieder herausorgelte, da taten

sich die Fenster auf und die Haustüren, und Köpfe bogen sich heraus,

junge und alte, und Leute traten unter die Türen und suchten eine

kleine Münze heraus. Handwerker hielten einen Augenblick mit irgend

einer lärmenden Hantierung inne, und Lehrjungen suchten durch eine

Hintertür zu entwischen, um ein Stückchen hintendrein zu traben;

Großmütter und Mütter hüteten ihren Nachwuchs unter den Akazien des

Marktplatzes, aus allen Höfen, Häusern, Gassen und Gäßchen quoll es von

Kindern, -- es war alles ganz wie einst. Nur daß jetzt Sommer war und

die Akazien dichte, grüne und etwas staubige Kronen hatten; und daß es

nicht mehr jener grimmig-lustige Spielmann war, dessen einer Arm in

Frankreich begraben lag, sondern ein alter, mühseliger Blinder, der die

lichtlosen Augen, während er die Orgel drehte, sehnlich nach der Sonne

hob, weil ihm von ihr etwas wie ein ferner Lichtschein in seine Nacht

hineindrang. Ein großes, starkknochiges Weib zog ihn mit festem Griff

hinter sich drein, und ließ ihn hie und da los, um die Münzen, die aus

den Fenstern fielen, in der Schürze aufzusammeln.

Es war alles, wie einst, nur daß die Kinder von damals nun erwachsene

Leute waren, und die jungen Leute von damals ältere, gesetzte, biedere

Bürger, und die Alten, -- ja, von den Alten müssen wir hier ein wenig

reden. Wir wollen uns im Leben und im Buch nicht allzuweit von den

Alten entfernen. Denn sind sie nicht vor uns dagewesen, und haben

einen Zaun um uns geschlossen, daß wir aufwachsen konnten, ehe die

Unbilden des Lebens uns hart anließen? Haben sie uns nicht gegeben,

was sie zu geben hatten, und ist nicht jetzt noch manches von ihnen zu

holen, das wir zu unserer jungen, eigenen Weisheit hin gut und nötig

brauchen können? Sie könnten eines Tages nicht mehr da sein, wenn wir

nach Hause kommen. Sie könnten leise fortgegangen sein, wenn wir's uns

nicht versehen haben; ja, wenn wir uns in der weiten Welt umhertreiben

und aus allen Bechern trinken, und nach aller Weisheit suchen und aller

Kunst, -- es wäre doch möglich, daß wir darüber etwas versäumten, das

wir später nicht mehr wiederfinden.

Ja, so ist es uns mit Frau Anne gegangen, mit der Rektorin Cabisius.

Als wir fortgingen, saß sie noch in dem großen Lehnstuhl, den wir so

wohl kennen, und hatte noch ihre Freude am Leben und Dasein, und hatte

auch einiges daran auszusetzen, und einiges zu sorgen. Aber sie war

ganz unzweifelhaft da. Und nun --

Der blinde Orgelmann zog durch das Städtchen, und auch an des Rektors

Haus gingen die Fenster auf, und im Oberstock neigte sich horchend

ein weißer Kopf heraus und nickte lächelnd, als das »Ännchen von

Tharau ist's, die mir gefällt« von der zitternd-warmen Sommerluft hier

herauf getragen wurde. Ein paar kräftige Züge aus seiner Pfeife tat

der Rektor, dann wandte er sich der Stube zu: »Hörst du's?« Aber sein

Gesicht verschattete sich, und er strich sich mit der Hand über die

Stirn. Es geschah ihm hie und da, daß er sich einen Augenblick vergaß.

Wenn man ein ganzes, langes Leben miteinander geteilt hat, dann gewöhnt

man sich nicht mehr leicht um. Sie war noch immer um ihn, trotzdem, daß

ihr Stuhl leer stand, trotzdem, daß auf ihrem Grab schon die weißen

Sommerlevkoyen blühten. Er meinte zu fühlen, daß sie ihm nahe sei.

Sie hatte sich ja, ehe der Vorhang zwischen ihm und ihr herabgelassen

wurde, noch einmal umgewandt: »So, Alter, also du kommst ja auch bald;«

als ob sie, wie in den ersten Jahren ihrer jungen Ehe, auf ein paar

Tage ins Elternhaus reise, und er nachkomme, sie abzuholen.

Ja, er konnte sie freilich nicht verlieren. Aber es war doch anders,

als vordem. Ach ja, es war doch anders. Die Welt wurde doch allmählich

ein wenig fremd und leer. Er hatte sein Stück Arbeit darin getan und

sein Stück Menschenleben, ja ein volles und großes Stück Menschenleben

darin gelebt, und seit ihm Frau Anne keine Antwort mehr gab, wenn er

mit ihr redete, seither kam es hie und da über ihn, wie es über die

Schwalben kommt, wenn es Herbst wird.

Aber als er nun wieder ans Fenster trat, nicht, um dem Orgelmann zu

lauschen, sondern um den weißen, schwimmenden Wölkchen in der fernen

Himmelsbläue nachzusehen: wohin sie schifften, und ob sie wohl eine

Botschaft mitnehmen könnten in ein fremdes, unbekanntes Land, da

vernahm er spielende Kinderstimmen auf der Straße, und das hohe,

klägliche Weinen eines Kleinen in seinem Wägelchen, und sah eine Mutter

aus dem Nachbarhaus treten und sich tröstend über das Kind beugen. Und

er sah Gertrud, seine Enkelin, wie sie mit einer Gießkanne und einem

großen Blumenstrauß aus dem Garten kam, und sein Herz kehrte zu ihr

zurück, wie sie so ernst und gelassen daherkam in ihrem schwarzen

Kleid, mit dem stillen, klugen Gesicht. Da freute er sich, daß die

Kinder auf sie zusprangen und um Blumen bettelten, und daß sie sich auf

die Staffel setzte und den kleinen Bettlern die Hände mit Balsaminen

und Reseden und Rittersporn füllte. Er war sein Leben lang so ehrlich

und ganz und mit liebendem Herzen in der Gegenwart gestanden, er hatte

auch jetzt noch Teil an Gottes Menschenkindern. Er hatte Teil an ihnen,

so lange er lebte. Nein, es gab keine Trennung zwischen der Welt, die

man sieht, und der, die man nicht sieht. »Ach, Anne,« sagte er, und

sagte es laut, und es war ihm, als nicke sie ihm zu, rasch und lebhaft,

wie in ihren besten Tagen: »Wir müssen so jung sein, als wir können,

Alter, für das Kind.«

Da klopfte er die Pfeife aus und stieg hinunter und wollte Gertrud

rufen: »Komm, wir tun noch einen Gang durch den Garten.« Die

Drehorgelmusik tönte fern verhallend vom Stadtgraben herüber. Dort

führte der Weg ins Nachbarort, Wiblingen hatte nun sein Gutes empfangen.

Als der Rektor hinunterkam, war Gertrud nicht mehr allein bei den

Nachbarskindern.

»Ja so,« sagte er, »ja so, der Herr Kandidat ist da. Grüß' dich Gott,

Georg. Steht Tübingen noch? Alles am alten Fleck, wie einst? Ja? Dann

wollen wir's uns überlegen, ob wir uns da hinwagen, Gertrud. Nächsten

Herbst, falls wir den erleben, zum Hausweihfest der Verbindung. Ich

bin der älteste von den alten Herren, Georg. Ich möchte mich wohl noch

einmal unter euch junges Volk hineinsetzen, so recht ins Volle.«

Georg stimmte eifrig bei. Er war zur Hochzeit seines Bruders Franz

hierhergekommen. Die sollte morgen sein. Vor zwei Stunden war er

angekommen.

»Sie können mich drüben nicht brauchen,« sagte er. »Jungfer Liese

hantiert mit der Schwägerin im Haus herum. Ich weiß mich nirgends hin

zu retten. Auch habe ich einen Sack voll zu erzählen. Ich weiß nicht,

wo anfangen.«

»An irgend einem Zipfel,« sagte Gertrud und lachte. Wenn sie lachte,

hatte sie gleich ein anderes Gesicht, ein junges, warmes. Sonst --

Georg hatte, als er kam, gedacht: »sonderbar ist es; sie ist so alt wie

Lore, aber sie ist so ernst und ruhig und klug. Sie ist etwas anderes,

etwas Gutes, Prächtiges; aber ein junges Mädchen ist sie nicht.«

Jetzt atmete er befreit auf, als sie lachte.

»Geht ihr beiden nur in den Garten,« sagte der Rektor. »Später komme

ich auch zu euch. Ich muß meine alte Freundin besuchen, Frau Judith.

Leicht geht es nicht mehr: Hundert und fünfzig Treppenstufen. Ich bin

nah an achtzig, Kinder. Aber es ist so eine Sache, sie ist mit mir jung

gewesen. Meister Nössel? ja, der auch. Aber Judith weiß noch mehr von

damals. Er sitzt dabei und horcht, wenn sie erzählt. Ja, das werdet ihr

auch noch erleben, wenn ihr alt seid, wie das tut, wenn noch irgendwo

ein Mensch aus der jungen Zeit da ist.«

Da lachten sie beide. Sollten sie jemals so alt werden? Breit und weit

lag das Leben vor ihnen.

»Wir kommen auch auf den Turm, übermorgen.« Das riefen sie dem Rektor

nach. »Frau Judith muß uns Märchen erzählen, bis ihr der Atem ausgeht.

Vom Rotkelchen Liebseelchen, und von Jorinde und Joringel.«

Er winkte, er wollte es ausrichten.

Ja, übermorgen! Wer hat übermorgen in der Hand?

* * * * *

Am andern Tag war die Hochzeit.

Die goldene Bretzel über der Ladentür des Ehrenspergerhauses prangte in

neuem Glanz. Festlich prangten schlanke Birken links und rechts von der

steinernen Staffel, festlich duftete das ganze Haus nach Gebackenem und

Gebratenem, festlich knirschte der Sand auf Treppe und Hausgang unter

den Tritten der Hausbewohner.

Die beiden Edelleute in der Ladenstube waren unvertrieben und sahen

nur von einer neuen blauen Tapete herab auf Franz den Jüngeren und

seine Braut. Sie mochten sich noch des Tages entsinnen, da vordem eine

junge Frau hier eingetreten war, ein liebes, feines Ding, ein wenig

schüchtern und ein wenig weich von Gemüt, mit hoffenden, hingebenden

Augen.

Die heutige Braut war anders. Sie war ebenso groß und breit und blond

als Franz, und hatte rasche, kräftige Bewegungen und von Unsicherheit

war nichts in ihrem Wesen. Sie war gleichfalls einem Bäckerhause

entwachsen und Jungfer Liese staunte, wie rasch sie sich in all' das

Neue fand.

Ja, Jungfer Liese. Sie hatte es ja wahrhaftig in ihren alten Tagen noch

zu einem Schwarzseidenen gebracht und ihr rotes, runzeliges Gesicht

sah aus einer hutähnlichen Haube mit lila Astern heraus. »Wie ein

bekränzter Truthahn,« sagte Müller Hensler. Aber Müller Hensler war

nicht der Allerfeinste, und Jungfer Liesens Würde konnte heute durch

nichts zerstört werden. War sie nicht so eine Art von Bräutigamsmutter?

War nicht sie es eigentlich, die Franz den Jüngeren an seine junge

Frau abgab, und die zugleich mit ihm den Laden und die Ladenstube, den

unteren Stock und die lederne Geldtasche an das neue Regiment abtrat?

Denn Franz der Ältere nahm sich der Sache nicht so recht an, und

Jungfer Liese war die letzte, die es ihm zumuten wollte. Friedlich saß

er, das behaglich gediehene Bäuchlein von einer gestickten Sammetweste

übersponnen, einen Strauß im Knopfloch, im Großvaterstuhl unter den

beiden Edelleuten. Friedlich drehte er und ohne Hast die Daumen

umeinander und wartete, wie sich die Dinge entwickeln würden, und als

sich der Müller Hensler zu ihm gesellte, da saßen sie, wie ein paar

brave Knaben, die warten können, beisammen, und saßen auch nach dem

Kirchgang an ihren Plätzen an der Festtafel im Hirschen beisammen, fest

und sicher, wie angewachsen. Und als der Abend kam, da konnte jedermann

es hören, was für flotte Kerle sie in ihrer Jugend gewesen seien, und

daß der Nachwuchs im Ganzen nicht viel tauge.

Es war eine stattliche Hochzeit, und Georg Ehrensperger war ein

stattlicher Brautführer und fühlte sich als den Glanzpunkt der

Gesellschaft und es war ihm kein unangenehmes Gefühl. Er führte eine

Wiblinger Bürgerstochter am Arm, ein großes, bräunliches Mädchen mit

einem vollen Rosenkranz in dem krausen Haar und mit weißen Handschuhen

an den breiten, schaffigen Händen. Und er tat sein Möglichstes, »Leben

in die Sache zu bringen.« Aber als er gegen Abend am Klavier saß und

den Hochzeitsmarsch aus Mendelssohns Sommernachtstraum spielte, kam

von einer Seite her Müller Hensler und schlug ihm kräftig auf die

Achsel und fragte: »Eigenes Mehl?« und versicherte den Umstehenden:

»Das ist ein Tausendkerl, das macht er alles selber, der Heimtücker,

der Pfarrer;« und von der anderen Seite her kam sein Bruder Franz und

sagte: »Da kann man nicht drauf tanzen, du. Spiel etwas lustiges,

spiel: Als wir jüngst in Regensburg waren, oder einen Walzer.«

Da ließ Georg für heute das Musikmachen sein und nach einiger Zeit kam

es über ihn: Er mußte eine kleine Weile in den Garten hinaus. Er mußte

eine Weile allein sein. Der Mond stand am Himmel, die Bäume rauschten

leise im Abendwind. Aus dem Saal klangen die Geigen und Flötentöne; da

ging er noch ein Stück weiter vom Hause weg.

Er war doch wohl anders, als die da drinnen. Wer aber gehörte zu ihm

und seiner Art? Er war doch auch ihres Blutes. Wie hatten Franz und

sein junges Weib einander vorhin angesehen, als sie, vom Tanz veratmend

neben einander standen. Lachend, frohlockend, verheißend, eines aus

des andern Augen trinkend. Und sie waren nicht die tiefsten Menschen.

Das war nur, weil sie gleicher Art waren und sich zusammengeschlossen

hatten. Und es kam etwas Drängendes über ihn, daß er, während er von

den Menschen wegging, sich nach ihnen sehnen mußte.

* * * * *

Zur selben Stunde schien der Mond in die Turmstube und füllte sie

bis in den hintersten Winkel mit seinem silbernen Licht. Die beiden

alten Menschen, Frau Judith und ihr Bruder, saßen feiernd an ihren

Fensterplätzen und schwiegen einträchtig miteinander und nach einiger

Zeit stand Meister Nössel auf und ging, Betzeit zu läuten. Er kam lang

nicht mehr. Er hatte es seit einiger Zeit stark mit den Gedanken, oder

vielmehr sie mit ihm: sie kamen über ihn, wo er gerade saß oder stand;

dann war er ihnen verfallen.

Er stand auf dem dunklen Glockenboden und lehnte an dem Balken eines

Glockengerüstes; sein altes Herz aber ging den Tönen nach, die er über

die stille Welt hingeschickt hatte.

Er wußte wohl, wie es da unten zuging; er hatte fast allen Wiblingern

im Lauf der Jahre die Hosen geflickt und die Hosen nicht allein. Frau

Judith wußte es: er hatte manchen Brast, der auf irgend einem Herzen

lag, mit sich heraufgetragen und da oben in der hellen Stube vor ihren

Augen ausgebreitet. Und wie sie mitsammen ratschlagten, ob der und

jener Kittel noch zu reparieren sei und seine Flecken zu tilgen, so

bewegten sie auch miteinander in guten und einfältigen Gedanken die

unruhigen Wege, auf denen die Leute zu ebener Erde sich die Herzen

und den Mut und das Gewissen zerrissen, und fanden aus ihrer eigenen

Herzensstille ein gutes Wort und gaben es umsonst darein. Sie konnten

nichts dafür, wenn es nicht immer half. Vielleicht war es so, daß

sie, die wie wir wissen, ein unsichtbares Königreich hatten, nur

denen helfen konnten, die ihres Landes waren: einfachen, einfältigen,

gläubigen Gemütern, die in und hinter allem Geschaffenen eines Gottes

Herz und Hand fanden. Vielleicht wußten sie mit den andern nicht so zu

reden. Tatsache war es, daß einige Leute, die sehr gescheit und von

gutem Appetit und nüchternen Anschauungen waren, lachten, wenn sie

das eisgraue Schneiderlein mit seinen kindlichen Augen sahen, und daß

einige andere Leute ihm die Hand schüttelten und die Kappe vor ihm

abnahmen.

Aber Meister Nössel machte sich nicht so viel aus beidem. Vielleicht

merkte er's gar nicht, das kann wohl sein. Da, als er so stand und

der Menschen da unten gedachte, fing drüben im Weiler Hinkelsbach ein

spätes Glöcklein an zu rufen und vom Wald her, von Buchenbronn und von

Ettersbühl kam Antwort; es waren fromme, sanfte Glockenstimmen, die

miteinander redeten. Und der Alte, der noch von vorher sein tuchenes

Hauskäppchen in der Hand hatte, tat die Hände darüber zusammen und

sagte sein:

»Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ,

Dieweil es Abend worden ist,«

und sagte es für sich und für die andern aus einem sehnlichen Herzen

heraus. Darüber war er aus seinem Sinnen gekommen und nun stieg er das

Treppchen hinauf in die Stube. »Schläfst du, Judith?« sagte er, als

er seine Schwester in dem hellen Mondlicht sitzen sah, den Kopf auf

der Brust und die Augen geschlossen. Er lächelte still, da sie keine

Antwort gab. »Sie wird allmählich müd,« sagte er. »Sie hat's mit dem

Schlafen und war sonst so ein munteres Frauenwesen. Was war das für ein

Mädchen seinerzeit. 'Über sieben Buben,' sagte die Mutter. Na, sieben,

das ist ein bißchen viel. Aber doch. Sie stieg über alle Zäune.«

So, nun war er im richtigen Fahrwasser. Wohin waren alle die Jahre

gekommen, die zwischen heut und damals lagen? Wie weggewischt waren

sie. Er setzte sich in die eine Ecke des Kanapees. In der andern war

gestern abend Rektor Cabisius gesessen. Das war auch so einer. Dem war

auch wie vorgestern geschehen, was sechzig und siebenzig Jahre her war.

Aber mitten im Gespräch hatte die Judith gestern Zeiten und Personen

verwechselt und dann hatten sie miteinander darüber gelacht. Sie, die

immer alles so genau wußte.

Meister Nössel fuhr aus seiner Ecke empor. Es hatte elf Uhr geschlagen,

noch verzitterte der Nachhall der dröhnenden Schläge in der Luft. Er

war ja richtig auch eingeschlafen gewesen. Er hatte eben noch geträumt.

Was war es nur gewesen? Er konnte sich nicht mehr recht besinnen und

strich sich erwachend über die Stirn. »Judith, komm, wach auf. 's ist

Zeit zum Bettgehen.« Sie rührte sich nicht. Das Mondlicht war weiter

gegangen, sie saß im Schatten. Da trat er heran und legte ihr die Hand

auf die Achsel. »Judith, wir wollen noch den Abendsegen lesen. Ich

zünde die Lampe an, Judith.«

Aber als er mit der Lampe kam, da sah er, daß sie keines Abendsegens

mehr bedurfte. Sie war schon zur Ruhe gegangen. Sie war so müde gewesen.

Da setzte sich Meister Nössel still neben sie. Jetzt war er ganz

allein. Aber er wußte schon, daß er das nicht lange bleibe. Er hatte

auch nicht mehr weit bis zum letzten Abendsegen.

* * * * *

Und wieder ein Abend.

Da hatten sie in alter Weise auf den Turm steigen und zu Frau Judiths

Füßen sitzen und Märchen hören wollen. Wie in Kindertagen hatten sie

tun wollen. Aber sie waren keine Kinder mehr.

Es war aber doch etwas wie aus einem Märchen, was sie heute erlebten.

Frau Judith, die so wunderbare Dinge gesehen, gehört und erlebt hatte,

die mußte ja freilich auch anders zu Grabe gehen, als andere Leute.

Hatte sie nicht prophezeit, daß sie einst in der vollen Flut des

Mondlichts durch die Luft schwimmen werde, breit und sicher und ohne

viel Geräusch? Es war eine weiche, schimmernde, warme Julinacht.

Unten, dem Turm gegenüber, an eine Mauer gelehnt, standen die beiden

jungen Menschenkinder, Gertrud und Georg. Sie hielten sich an den

Händen gefaßt und sahen stumm in die Höhe. Der Vollmond stand hoch

am Himmel und leuchtete seiner alten Freundin, die er so oft da oben

besucht hatte. Nun kam sie auf die ebene Erde herunter zu den andern.

Sie wollten sie in die weiße Friedhofskapelle tragen und taten es bei

Nacht, der Leute wegen. Frau Judith durfte nicht im Tod ein Schauspiel

geben; das hatte sie im Leben nie getan.

Der riesige Turm ragte hoch auf; er schien bei Nacht noch massiger und

schwerer zu sein als bei Tag. Das bläuliche, unsichere Licht hüllte ihn

ein und schien durch die Luken, hinter denen die Glocken hingen, und

glänzte in den Fensterscheiben des Kirchenschiffs.

Da kam es von oben her, schwarz und schwer, und senkte sich langsam

nieder, langsam, langsam.

Die beiden hielten den Atem an und rückten näher an einander. Die Hände

faßten sich fester. So waren sie nicht allein dem unbegreiflichen Etwas

gegenüber, das da herniederkam.

Das stieß nun auf dem Pflaster auf. Es gab einen dumpfen Ton. Da stand

es still, groß, schwer und unbeweglich. Wie ein dunkles Schicksal stand

es da. Das war der Sarg. Ein stummes, stummes Ding. Ein schwarzes

Tuch lag darauf, es warf einen langen, schrägen Schatten auf die

mondbeglänzte Gasse. Die hellen, starken Seile, die darum geschlungen

waren, zogen gerade, feste Striche durch die Luft, von der Höhe des

Turmes bis hierher.

Ein paar Gestalten kamen aus dem Turmeingang hervor. Sie sprachen

einiges mit gedämpfter Stimme, lösten die Seile ab und hoben den Sarg

auf eine Bahre. Dann gingen sie mit der stummen Last davon, man hörte

ihre Tritte hallen durch die Nacht.

Droben in der Turmstube flimmerte ein Lichtlein; irgend jemand beugte

sich zum Fenster heraus; dann wurden die Seile hinaufgezogen und die

Gasse lag still, wie zuvor. Sie atmeten tief auf. Ihre Hände lösten

sich auseinander. Das war ein großes, helles Stück ihrer Jugend

gewesen, was hier davongegangen war. Das war nun vorbei. Selige Kinder

waren sie da droben gewesen. War nun niemand mehr, der ihnen das

Paradies der Kindheit hütete, daß sie es finden konnten, so oft sie

kamen? Morgen ging Georg wieder nach Tübingen, gleich nach Frau Judiths

Begräbnis.

»Wenn ich wiederkomme, erzählt mir kein Mensch mehr Märchen.« Er sagte

es mit unsicherer Stimme; es war ihm nicht um die Märchen zuerst und

allein. Er war ja nun Kandidat, er wollte im nächsten Jahr das Examen

machen, er war wohl zu alt für solche Kindereien. Er hatte andere

Dinge zu bedenken. Nur, er war ein Träumer. Er vergaß manchmal all das

andere und war wieder der kleine Bub, dem der liebe Gott hoch oben über

der Turmspitze saß und das Ganze überschaute und in dessen Welt es

wunderbar genug zuging.

Gertrud schien das in der Ordnung zu finden. Sie wandte sich zu ihm

hin. Er sah, daß sie Tränen in den Augen hatte, sie flimmerten im

Mondlicht. »Doch,« sagte sie und zwang sich zum Lächeln und sah ihn

mütterlich an, so jung sie war. »Doch, das tu' ich. Ich habe sie alle

in mir drin.«

* * * * *

Marie, die junge Magd aus dem Weiler Hinkelsbach, die sich so gut aufs

Brotbacken verstand und so mißtrauisch gegen das Bücherwesen war, die

erlebte zu dieser Stunde, in dieser warmen, düftereichen Sommernacht,

ganz hinten im Rektorgarten, da, wo er an den Stadtgraben anstößt,

auch etwas Märchenhaftes. Es ist bis jetzt nicht aufgeklärt, was der

Seiler Andres Hagenbach, der auf der andern Seite des Stadtgrabens

seine Seilerbahn hatte, zu so später Stunde noch dort nachzusehen

hatte; und Marie, die noch von der Rektorin Cabisius zu einer regsamen,

umsichtigen Magd erzogen war, hätte gleichfalls nicht nötig gehabt,

noch bei Mondschein im allerletzten Beet Salat zu schneiden. Der Rektor

sagte später in der Hochzeitstischrede, die er den Zweien hielt, die

beiden Herzen seien wohl damals schon unsichtbar an einander angeseilt

gewesen und solche Seile hätten, das wisse er noch von seiner eigenen

Jugend her, eine merkwürdige Zugkraft.

Tatsache war, daß Marie von dem Salatbeet weg, anstatt den langen,

geraden Hauptweg nach dem Haus einzuschlagen, nach dem Baumgarten zu

ging, sie, die sonst weder für Mondschein noch für einsame Gänge etwas

übrig hatte. Und Tatsache war, daß, als Georg und Gertrud nach Hause

kamen -- sie hatten den Schlüssel zum hinteren Gartenpförtchen bei

sich und schritten still und wie im Traum durch den Garten, -- daß

sich dort unter den Bäumen eine dunkle Gruppe bewegte, flüsternd und,

ja nun kam ein zarter Laut, wie ein Kuß, dann noch einer, dann ging

jemand fort. Es raschelte und knackte in dem trockenen Stadtgraben,

und dann kam Marie unter den Bäumen hervor und sagte, als sie der

beiden ansichtig wurde, halb trotzig und halb übermütig: »Er ist mein

Schatz. Er will mich. Vorhin hat er's gesagt. Ich hab's aber schon lang

gewußt. So was merkt man doch.« Sie war so erregt, daß ihre Augen,

sowohl das gerade, als das, mit welchem sie ein wenig schielte, Blitze

schossen, Jubelblitze, wenn man so sagen will. »Morgen kommt er,« sagte

sie. »Vornen zur Haustür herein bei Tag. So will ich's. Er soll's zum

Herrn sagen, die Frau ist meine Patin gewesen.« Dann ging sie vor den

Beiden her mit flinken Schritten ins Haus. Auf ihrer vollen, runden,

beweglichen Gestalt und auf ihrem krausen Haar lag das Mondlicht. »Er

will mich,« sagte jede Bewegung, »er hat gesagt, ich sei ihm grad

recht, er möchte kein Härchen anders haben an dem ganzen Mädchen.«

Am andern Morgen sah der Rektor, als er seinen Frühspaziergang unter

den Bäumen machte, sowohl die abgeschnittenen Salatköpfe als auch das

Messer und das kupferne Salatbecken unter dem Süßapfelbaum liegen, der

seine äußersten Äste noch über den Stadtgraben hin streckte. Da blieb

er stehen und lächelte. Er hatte sich vorhin in der Küche seine Pfeife

angezündet, und er besaß Mariens Vertrauen.

* * * * *

In des Rektors Studierstube brannte heut weder Feuer noch Lampe. Die

guten Geister und Geisterchen dieses Raumes mußten im Mondschein

spucken, und das war ihnen ganz gelegen. Aus allen Ecken kamen sie

hervor, tanzten auf dem silbernen Teppich, den das Mondlicht auf

den Stubenboden wob, ritten auf den Wölkchen, die der Rektor seiner

allerlängsten Pfeife entsteigen ließ, trieben allerlei Allfanzereien

mit den Büchern in den großen Ständern und den Bildern an der Wand und

unterhielten sich mit dem alten Mann, der da saß und auf die Jugend

wartete.

»So, da kommt ihr?«, sagte der Rektor. »Nun laßt euch nieder, wir

wollen noch eine Weile beisammen sein. Ach, du Kind.«

Denn Gertrud hatte sich einen Schemel geholt und nun saß sie neben

ihm und legte die Hände um die Kniee und den braunen Kopf gegen des

Großvaters Arm.

Georg saß auf der Truhe.

»Hier bin ich daheim,« sagte er. Er streckte die langen Beine weit von

sich und lehnte sich an die Wand.

»Bei uns drüben bin ich's nicht, je länger, je weniger.

Franz ist mein Bruder und nur zwei Jahre älter als ich. Aber wir wissen

nur wenig miteinander anzufangen. Es gibt nichts Verschiedeneres,

als uns beide. Jetzt hat er noch seine Frau dazu; es ist, als ob er

nun vier Augen habe, um alles zu sehen, was ich -- nicht sehe, und

vier Füße, um breit und kecklich und sicher mitten im hellen Tag

zu stehen. Es gibt nichts Verschiedeneres als uns beide, und gibt

nichts Verschiedeneres, als das ganze Haus Ehrensperger und mich. Sie

sind praktisch, ich bin unpraktisch, sie sind für das Nahrhafte und

Gedeihliche, immer nüchtern, klar und fertig: so ist's -- und so wird's

-- und damit gut. »Du bist ein Sinnierer,« sagen sie, »und Sinnieren

trägt nichts ein.«

Er war ein bißchen kleinlaut.

»Sie haben gewiß ein Recht, so zu sein, wie sie sind. Aber kann ich

aus meiner Haut heraus? Ich kann nicht mit ihnen laut und lebhaft

sein; wenn sie lachen, finde ich nichts daran, und wenn ich versuche,

mitzutun, so gelingt es eine kurze Weile, mehr nicht. Es ist, als ob

wir in zwei Welten lebten.

Alle guten Geister...: Roman · 第 32 / 53 题