Sechstes Kapitel

Das war im Herbst geschehen, jetzt war Frühling. -- Eine weiche, laue

Nacht, eine Nacht, in der man deutlich wahrnehmen konnte, wie sich

die erwachenden Kräfte in der Natur regten. Es wehte in den Bäumen,

es rieselte in den schmalen Rinnsalen, die sich von der Höhe des

waldigen Berges in die Weinberge und Obstgärten verloren, von frischen

Wässerlein, die zu Tale strebten, es raschelte und pochte überall leise

und geheimnisvoll. War es der Pulsschlag der neuerwachten Erde? Hörte

man den Saft in die Bäume steigen? Hörte man die Knospen schwellen und

springen?

Unten im Tale lag die Stadt im Schein ihrer vielen Lichter. Viel Leben

barg sie und viel Menschenschicksal. Hier oben auf dem Berg sah man

beides: die Lichter unten und die Lichter oben, die schweigend ihre

hohen leuchtenden Pfade hinzogen.

Georg Ehrensperger trat aus dem Wald, da wo am Eingang die alte,

rissige Eiche steht mit den vielen eingeschnittenen Namen. Er hatte

einen weiten, einsamen Spaziergang gemacht, nun stand er still, legte

die Mütze auf die Steinbank unter der Eiche und sah hinauf und hinunter.

Das Wehen in den Bäumen war stärker geworden. Große, schweigende

Wolkengebilde glitten über die Sterne hin; immer mehr wurden ihrer,

von allen Seiten sammelten sie sich und wurden ein Heer. Westwind flog

voraus; er war der Rufer und trieb sie zusammen: »Auf und schließt

euch aneinander. Die Milchstraße entlang, nein, breiter und weiter

dehnt euch. Um Mitternacht fängt es an zu regnen. Wißt ihr nicht, daß

Frühling ist? Wißt ihr nicht, daß die Erde blühen will? Viel ist zu

tun; in wenigen Tagen muß alles weiß und grün sein.«

Es war so recht eine Nacht, da es sich in einem jungen Blut regen

konnte von treibenden, frischen Kräften: »Auf die Riegel! Ich fange an,

jung zu werden, ich fange an zu erwachen, Frau Welt! Alles Große und

Schöne gedenke ich mitzuerleben.«

Es geschah nicht oft zu dieser Zeit, daß Georg Ehrensperger allein die

Welt durchstreifte. Er drückte damals seine Neigung zu beschaulicher

Träumerei und einsamem Wandel in eine Ecke seines Wesens hinunter. Dort

spuckte sie zuweilen umher; wenn er über den Büchern saß in seiner

Stube, die bei #ihm# trotz der schmalen Aussicht die Gedanken #nicht#

zusammenhielt, oder noch mehr, wenn er am Klavier saß, das ein besseres

war, als das der Frau Mollenkopf. Dann hatte er eine Welt für sich, in

der er mit sich selber hauste, oder mit denen, die er in Gedanken zu

sich einlud. Das war ein schönes Dabeisein. Aber es dauerte nie lange.

Denn die wirkliche Welt griff da hinein. Unten auf der Straße pfiff

es, oder es polterte die Treppe herauf, und junge, kräftige Gestalten

traten zu ihm ins Zimmer. So war es gestern gewesen.

»Da sitzt er wieder, wie der Dachs im Bau. Auf und heraus. Eine Nacht

zum Ausfliegen. Musik machen, das kannst du im Waldhörnle, wir wollen

singen und du begleitest. Mach dich nützlich, Mensch. Was? dableiben?

du bist ein Höhlenbär.«

Das waren die Bundesbrüder. Er war ja nun richtig in eine Verbindung

eingetreten. Und es war richtig die des Rektors Cabisius. Die Jugend

wollte ihr Teil an ihm.

Aber heute war heut. Es konnte ihn suchen, wer wollte, Georg streifte

da oben herum und hatte mit sich selbst zu tun. Er war nicht recht bei

sich selbst zu Hause und, -- da hatte der Rektor Cabisius recht gehabt,

-- wenn er das nicht war, konnte er nicht mit den andern gehen. Er

hatte nicht die Gabe, sich über etwas hinwegzusetzen.

Da war erstens die Theologie, die anfing, ihn böslich zu bedrücken.

Er fühlte, daß sie etwas von ihm wollte und daß er sich einmal mit

ihr auseinander zu setzen habe. Und er empfand ein Unbehagen dabei.

Wie würde es damit ausfallen? Indessen konnte man das immer noch ein

wenig verschieben und inzwischen etwas anderes in den Vordergrund

stellen. Vielleicht machte es sich dann irgendwie. Ader da stand noch

etwas anderes bereits im Vordergrund und ließ sich nur schwer von da

vertreiben. Das hing mit Lore zusammen. Es ging schon längst nicht

mehr so väterlich zu in seinem Gefühls- und Gedankenhaushalt, wie im

Herbst. Es war nicht ohne Bedeutung gewesen, daß er dazumal den alten

Herrn auf den Fuß getreten hatte, gerade als er in Gedanken Lorens

nachträgliche Erziehung in die Hand nahm. Er konnte sich das Nachdenken

darüber schenken. Es wurde ja doch nichts daraus. In einiger Hinsicht

erzog sie ihn. Das konnte ja nichts schaden. Aber wenn er den Stiel

umkehren wollte, erging es ihm mißlich.

Er war eines Tages bei ihr angekommen, etwas bedrückt und unsicher, und

hatte ihr auf Befragen gesagt, daß er an der Tanzstunde der Verbindung

teilnehmen sollte und daß es ihm ängstlich sei, ob er so ein Mädchen

richtig anzufassen wisse. Da hatte sie seine Bedenken weggelacht:

»Komm, ich lehre dich, wie du's machen mußt.« Sie hatten den Tisch auf

die Seite gerückt und hatten in der Ladenstube getanzt, bis sie außer

Atem waren.

Da war er etwas sicherer geworden.

Manchmal, wenn sie ihm gegenüber saß an dem Fenster, das nach dem

Neckar ging, und irgend etwas Zierliches nähte, stand sie plötzlich

auf und hatte einen hausmütterlich-gestrengen Zug im Gesicht, holte

eine Bürste und bürstete ihm die Kleider: »Du siehst auch gar nicht auf

dich, Georg. Du mußt dich immer im Spiegel besehen, eh' du ausgehst.

Hier ist auch ein Knopf locker, den muß ich dir annähen, komm.«

Solchergestalt übte sie schwesterlich-frauenhafte Zucht an seinem

äußeren Menschen.

Da gedachte auch er das seinige an ihr zu tun, und versuchte, ihren

Geist zu speisen, und wollte es machen, wie mit Gertrud, der er alles

bringen konnte, seine Bücher, seine Musik, und seine Gedanken. Und

er brachte eines schönen Nachmittags die Edda mit und wollte ihr die

alten, schönen Sagen und Lieder vorlesen. Da hielt sie sich die Ohren

zu: »Liebster Georg, das ist nichts für mich. Mit so etwas mußt du

mich verschonen. Ich bin ein kleines, dummes Ding, das bin ich immer

gewesen.«

Er wollte sich ärgern, aber es gelang nicht so recht. Sie sah ihn so

an, daß er es nicht konnte.

»So, jetzt gefällst du mir,« sagte sie, als sie sah, daß Georg sein

Gesicht wieder glättete, das einen Augenblick verdrießlich ausgesehen

hatte. Sie strich ihm mit dem Zeigfinger über die Stirn. Dort war

zuweilen eine kurze, gerade Falte, mitten zwischen den Brauen, zu

sehen. Das war, wenn er gern ein wenig pädagogisch sein wollte. Da

mußte er lachen, als sie ihm die Falte glättete. Wie konnte sie etwas

anderes sein, als sie nun eben war? Sie war etwas sehr Reizendes,

konnte er sie nicht in Ruhe lassen? Da hatte das Bildungsbestreben

wieder ein Ende.

Aber das war noch nicht schlimm. Schlimm war, daß ihre Stimmung gegen

ihn umsprang, wie bei Mondwechsel das Wetter umspringt.

Oft war sie lieb und freundlich, und saß, wenn es dämmern wollte, auf

dem breiten Fenstersims, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und

sang ein Volksliedchen, mit halber Stimme, als ob sie die traulichen

Geister der Dämmerung nicht verscheuchen wollte. Da kam es ihm, der

ihr zuhörte, vor, als ob es nichts so unsäglich liebliches mehr gebe,

nirgends und niemals wieder.

Und hie und da war sie kurz und etwas schnippisch, und hie und da

sonderbar aufgeregt.

»Sie ist in zu vielerlei Händen,« entschied er, »und nicht in den

allerbesten. Ich sollte sie allein zu beeinflussen haben.«

Wie ein feiner Erzieher kam er sich vor. Er konnte es sich schön

ausmalen, wie es wäre -- wenn es anders wäre. Es kam nur nichts dabei

heraus, als daß er viel zu viel an sie dachte und viel zu oft hinging

und viel zu unruhig dabei war.

Oft faßte es ihn: wenn ich das alles Gertrud erzählen könnte! Sie war

so fest und gleichmäßig und klar. Aber das konnte er jetzt nicht. Wenn

er heimkam, dann.

Da hatte er es nun alles hier heraufgetragen. Es wurde einem frei und

weit zu Mute in dem starken, frischen Wehen. Es war ja doch viel mehr

in der Welt, das des Erlebens wert war, als das: sich in einem so

unruhigen, krausen Mädchensinn zurechtzufinden.

Er sang ein Lied in den Wind hinein: »Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd,

aufs Pferd; ins Feld, in die Freiheit gezogen.« Und dann wurde er

plötzlich still und horchte.

Wie hatte ihm der alte Hollermann schreiben lassen?

»Wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen

liegt, der muß in die Stille gehen und horchen.« Sang da irgendwo sein

Flötenton?: »Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das

Leben gewonnen sein.« War ringsum alles mit einer Stimme begabt?

Das mußte man ja alles in Tönen sagen können: Das eigene, klopfende,

drängende Leben floß mit dem Leben ringsumher zusammen. Saß da innen,

tief im Wald der große Alte an der Orgel und spielte sie? Er zog

ein Register ums andere; breite, volle, tiefe Akkorde strömten über

die Baumwipfel hin. Man mußte sie festhalten können; horch -- die

Wässerlein sangen dazu, wie dünne, helle Kinderstimmen rieselten sie

durch die großen Töne hindurch, und hie und da lachte eins plätschernd

auf. Und eins schluchzte auch im Niederfallen. Das mußte so allein in

die Nacht und in die Fremde hinaus.

»Das muß ich auch, du.« Georg blieb stehen und horchte, hinaus und in

sich hinein. Hätte er Meister Riedels, seines Hauswirts, Geige bei sich

gehabt. Mit der hatte er sich im Lauf des Winters angefreundet, mit

ihr und mit dem Meister. Nun sehnte er sich, sie im Arm zu haben. Das

konnte man alles spielen. Alle die unruhigen, klopfenden Untertöne, die

durch ihn selbst hindurchgingen und die er auch außer sich zu vernehmen

glaubte, alles das kleine Lachen und Plätschern und Schluchzen, alles

das Schweigen, das über dem Tal lag und aus dem doch hie und da ein

Ton hervorbrach, wie von einer verhaltenen Unruhe, alles das mußte man

spielen können, um es dann in der großen, breiten Harmonie untergehen

zu lassen, die aus der Waldorgel strömte. Wie die tausend kleinen

Wolken am Himmel nun ein großer, schweigender Heereszug geworden waren,

ohne Unruhe und Hast, großen, gemeinsamen Lebens voll.

Da nahm er die Mütze in die Hand und fing an zu laufen. Und stand

wieder still, und horchte, und sann, und fing wieder an zu laufen, bis

er an die Stadt kam.

Dort war noch Leben und Bewegung; es war noch nicht so spät. Dort oben

war es still gewesen.

Er aber ging durch die Gassen wie ein Nachtwandler und horchte nur auf

das, was in ihm selber war. Da pfiff ihm einer dazwischen, unrein und

schrill. »Von allen den Mädchen so blink und so blank gefällt mir am

besten die Lore.«

Er kam die Straße herauf und mußte an Georg vorbei. Langsam ging er,

die Hände in den Taschen, und pfiff immer von neuem die gleichen Takte.

Wollte es kein Ende nehmen? Es war zum Verzweifeln. Was ging den Kerl

die Lore an? Was hatte er zu pfeifen? Und #so# zu pfeifen?

Und Georg konnte nicht sagen: still, Mensch. Er hatte die Straße nicht

gepachtet. So, endlich bog der Störenfried in eine Seitengasse ein.

Aber das war zu spät. Es war, als ob ein großer, frecher Spatz, den

dicken Kopf voran, durch ein feines, zierlich aufgespanntes Spinnennetz

gefahren wäre und sich nicht darnach umsähe, daß das Spinnlein nun

erschreckt in einer Ecke sitze, und die zerrissenen Fäden im Winde

hingen. Denn auch hier waren die Fäden zerrissen. Da ging Georg

Ehrensperger still und bedrückt weiter, und nach einer Weile stampfte

er aus einem machtlosen, inneren Grimm mit dem Fuß auf. Aber das half

nichts. Er versuchte, die Fäden wieder anzuknüpfen, und als es ihm

nicht gelang, und er gerade in der Nähe der Neckargasse war, beschloß

er, sich auf einen Augenblick an Lorens Anblick neu zu begeistern. Er

hatte gestern ein schönes Dämmerweilchen mit ihr erlebt. Es war noch

nicht zu spät, sie heute zu grüßen.

Im Laden brannte noch eine kleine, stark zurückgedrehte Gasflamme;

die Ladentür war angelehnt. Frau Maute mochte irgendwo einen kleinen

Schwatz mit einer Nachbarin halten. Da kam Georg ungehört zur Tür der

Ladenstube.

Das kleine Fenster in der Tür war mit einem leichten Vorhang verhüllt,

und hinter dem Vorhang webten ein paar Schatten hin und her. Gedämpfte

Stimmen, ein leises Mädchenlachen, dann sahen die Schatten aus, als ob

sie sich zusammenschlössen.

Georg klopfte. Innen knurrte die Dogge. Ein Hin- und Herhuschen, eine

Pause, dann öffnete Lore. »Ach, du bist's. Es war mir doch, als ob

es klopfte. Hat die Tür nicht geschellt? Wo ist die Mutter?« Sie sah

erhitzt aus; das Haar lag ihr lose und etwas zerzaust um das Gesicht;

die Augen funkelten.

»Kommst du herein?« fragte Lore. Sie fragte es kurz und etwas verlegen.

Da sah er sie erstaunt an. War sie das? Sie war ein anderes Mädchen als

gestern. Drinnen lag die Dogge auf dem Boden; sie sträubte sich und

knurrte. Am Fenster stand ihr Herr. Er hatte die Arme auf dem Rücken;

er sah aus, als ob er die kleine Stube fülle, so hoch und mächtig war

seine Gestalt und so blitzten seine Augen. Georg fand keinen Platz für

sich hier drinnen. Er setzte sich, aber er wußte nichts zu sagen; es

war ihm eng und schwül. Wäre er doch nicht hier hereingekommen. Wäre er

doch nur zuhause. Denn wo flohen nun seine Töne hin? Er hatte sie hier

neu anknüpfen wollen.

Da fing Lore an, mit dem Hund zu spielen. Er legte ihr die Tatzen auf

die Schultern und leckte ihr die Hände. Und sie schwatzte mit ihm und

ihre lachenden Augen gingen zwischen dem Herrn und dem Hund hin und her

und streiften zuweilen Georg, der etwas im Schatten saß: »so mach' doch

ein anderes Gesicht, Schulmeister. Du bist ein Schulmeister, ja, aber

ich lasse mich nicht von dir kritisieren. Gestern? Ja das war gestern.

Aber heute ist heut.«

Georg hatte die bekannte Falte zwischen den Brauen und sein Gesicht

mochte ihr einige Mißbilligung dessen, was er sah, ausdrücken. Es war

ein unbehagliches Dabeisein. Der hochgewachsene Mensch am Fenster sah

so erdrückend auf Georg, der schmal gebaut und unsicheren Wesens und

ganz und gar kein Ellbogenmensch war.

Er drückte ihn durch sein bloßes Dabeisein zur Türe hinaus. Da erhob

er sich und nahm Abschied. »Gute Nacht, Lore.« Sie blieb mitten in der

Stube stehen und es war Georg, als fliege es wie Spott über ihr schönes

Gesicht, und als höre er die tiefe Stimme des Hausgenossen noch lachen,

als er schon vor dem Haus war, über ihn lachen.

Vor dem Haus begegnete ihm Frau Maute.

Sie trug einen großgeblumten Morgenrock ohne Gürtel und sah wie immer

ein wenig theatralisch aus. Der Aufschwung war nicht besonders hoch

gegangen. Aber das war ja auch nicht zu erwarten gewesen.

»Ja, nicht wahr, die Lore,« sagte sie, als Georg mit kurzem Gruß an ihr

vorübergehen wollte. »Hi, hi.« So lachte sie. Es war, als ob sie einen

Refrain lache zu dem Lachen, das er eben da drinnen verlassen hatte.

»Nicht wahr, die Lore? Das ist ein Mädchen. Sie ist etwas verwöhnt; das

ist sie. Aber man muß sie machen lassen. Hi, hi.«

Da stürmte er voran, daß sie ihm kopfschüttelnd nachsah und beschloß,

mit der Lore zu reden, obgleich das eine keineswegs leichte Sache

war. Es mußte doch sein. Denn der junge Mann hatte allerlei gute und

solide Eigenschaften an sich. Und obgleich Frau Maute nicht gerade das

war, was man gewöhnlich mit solid bezeichnet, so wußte sie es doch zu

schätzen, wenn andere es waren.

Ein Brief von Gertrud. Er lag auf dem Klavier, als Georg seine Stube

betrat.

Als Georg ihn sah, wurde ihm schon freier und ruhiger zu Mute. Und

während er ihn las, trat das Mädchen neben ihn in seiner klugen,

warmen, einfachen Art und faßte seine Hand: »Ganz verstört bist du?

ganz verwettert? Ach, das ist alles nicht so arg. Nun setz' dich ans

Klavier und spiele. Angefangen. Das kommt alles wieder, das ist nur ein

bißchen verscheucht. Siehst du? Hier setze ich mich hin und horche. Ich

bin dein guter Kamerad. Das bin ich.«

»Gertrud.« Er sagte es laut vor sich hin. Dann las er den Brief zum

zweiten mal. Die einfachen, kleinen Erlebnisse aus der Welt seiner

Kindheit kamen ihm vor wie lauter sonn- und festtägliche Bilder. War es

noch lang, bis er nach Hause konnte?

Es kam ein Drang über ihn. Was sollte er hier?

Da setzte er sich ans Klavier, und sah auf den Stuhl am Fenster,

ob Gertrud dort sitze, und es war ihm, als ob alle verscheuchten,

zerflatterten Geister und Geistchen wieder zutraulich wurden und ihre

Stimmen hergäben. Es war alles still, im Hause und rings umher. Er

aber saß und hielt aufs neue fest, was der nächtliche Spitzberg ihm

geschenkt hatte, und spielte, und stand nach einer Weile auf und holte

die Geige, die im Kasten auf seinem Tisch lag. Ja, nun hörte er alles

wieder; ganz voll Musik war seine Seele, und er war selig und unselig

zu gleicher Zeit. Denn er hörte es deutlich in sich; das war das

Schöne; und er konnte es nicht so hervorbringen, wie er wollte; das war

das Schwere. Es mußte für Klavier und Geige zusammen werden, die beiden

miteinander mußten es singen können. Und er holte sein Notizbuch und

legte es neben Gertruds Brief auf den Tisch, als ob der ihm helfen

sollte, und schrieb auf, was sich ihm in eine Form fügen wollte. Und

bald war er so froh, als ob er an der Weltschöpfung Teil habe, und bald

legte er den Kopf auf die Geige und wollte es aufgeben, etwas aus ihr

herauszuholen, so verzagt war er.

Da knarrte es auf der Stiege von behutsamen Tritten und dann trat

nach vorsichtigem Klopfen Meister Riedel ins Zimmer. Er trug seine

stramingenähten Hausschuhe in der Hand und schlüpfte erst im Zimmer

behutsam hinein.

»Ich hab' noch kommen müssen und es melden,« sagte er, und seine Augen

strahlten. »Er ist da. Der Bub' ist da. Ich hab' gehört, daß Sie noch

auf sind und Musik machen.«

Georg war noch nicht so recht an der Weltoberfläche angelangt, er mußte

sein Bewußtsein zusammen sammeln. »Was für ein Bub?« fragte er. »Wer

ist angekommen?« Es war ihm, als ob er es wissen sollte, aber es fiel

ihm nicht gleich ein.

»Unserer.« Der Meister lachte. »Nummer fünf. Heißt das, wenn man die

drei Mädchen mitzählt. Soeben angekommen; er ist ein Prachtskerl.«

Ja, nun war Georg wieder auf dem Laufenden.

»Das ist ja fein,« sagte er. »Einfach: da ist er. In der Welt drin. Wie

soll er denn heißen? Feierlich schalle der Jubelgesang!«

»Bst,« sagte der glückliche Vater. »Ich glaube, es wird besser sein,

wenn wir den morgen anstimmen. Den Jubelgesang nämlich. Die Frau wird

schlafen wollen. Wie er heißen soll? Friedrich, denk' ich. So hat mein

Vater geheißen. Wenn er wird, wie der, kann mir's recht sein.«

Georg nickte einverstanden. Er kannte den blinden alten Mann gut vom

Hörensagen.

»Dann kriegt er einmal die Geige?« sagte er. »Dann darf er wohl das

alles lernen?«

»Natürlich. Das ist abgemacht. Der Helmle kommt ins Geschäft, und der

Friedrich, der --«, der Vater machte eine Handbewegung, als ob er damit

dem Friedrich die ganze noch übrige Welt zuspräche.

Georg tat einen tiefen Atemzug, und dann sahen sie alle beide

verlangend nach dem offenen Klavier.

»Die Schwägerin schläft bei der Frau,« sagte der Meister. »Ich bin

ausquartiert. Da oben, in der Kammer nebenan ist mein Bett. Ich mag

aber noch nicht hinein. Es ist doch etwas Besonderes. Wenn da auf

einmal etwas lebendig wird. Das ist vorher nicht dagewesen. Und das

gehört so zu einem. Es ist mir jedesmal so, wenn eins kommt, ein Kind.

Es dreht einen um und um. Hören Sie's?«

Es drang ein dünner, heller Ton in die Stille herauf.

»Das ist er.« Sie horchten beide.

»Mir geht's auch so,« sagte Georg. »Daß ich nämlich noch nicht ins

Bett mag. Bei mit geht auch etwas um, das lebendig werden will. Ich

hab' etwas komponieren wollen, etwas Wunderschönes. Droben auf dem

Spitzberg hab' ich's gefunden. Aber ich kann's nicht recht loskriegen.

Stückweise, ja; einmal auf dem Klavier und einmal auf der Geige, aber

es hat keine rechten Zusammenhänge. Hier, in mir drin, da hab' ich's.«

Er schlug sich mit der Faust auf die Brust. »Da tönt alles miteinander.

Nein, ich geh' noch nicht ins Bett. Ich spränge ja doch wieder heraus

und finge von vornen an.«

»Wissen Sie was?« Meister Riedel machte ein vergnügtes Gesicht über

einen guten Einfall, der ihm kam.

»Da oben ist's nichts mehr. Es geht stark auf ein Uhr. So späte

Wiegenlieder sind nicht so passend. Wir geh'n in den Keller. In den

kleinen, hinteren Weinkeller. Dort setz' ich mich auf ein Faßlager und

höre zu und Sie spielen sich's vom Herzen herunter. Da wird's dann

schon kommen. Vorsichtig, leise. Die Treppe knarrt bei jedem Tritt, sie

ist alt, wie das ganze Haus. Morgen früh wird die Frau schelten; es

kann nichts im Hause vor sich gehen, ohne daß sie es hört. Aber so sind

die Frauen. Was sie nicht sehen, das hören sie; was sie nicht hören,

das ahnen sie sonstwie.«

Da stiegen sie in Strümpfen die Treppe hinunter und bargen sich und

ihre wachen Lebensgeister im Keller.

An einem Drahthaken von dem runden Deckengewölbe herunter hing

schaukelnd und schwebend eine Ampel, die warf rötliche, flackernde

Lichter durch den dunklen Raum. Zwischen zwei braven, bauchigen Fässern

saß der Meister auf dem Faßlager, stützte beide Ellbogen auf die Knie

und den Kopf in die Hände. Gluck, gluck, gluck fiel es in eintönigem,

hellem Tropfenfall irgendwo in einer Ecke aus einem hochgestellten

Gefäß in ein niedriges. Sie horchten beide eine Weile darnach hin.

Immer der eine Tropfen; sonst tiefe Stille.

Da, in dieser mitternächtigen Stunde und vor dem viel älteren Mann,

zu dem ihn ein Gefühl von Freundschaft und Vertrauen hinzog, weil er

gleich ihm sinnig und nachdenklich war und zu den Horchenden gehörte,

da wuchs Georg Ehrensperger der Mut aufs neue. Und er stand unter der

schwebenden Ampel und hielt die Geige im Arm und spielte. Meister

Riedel sah mit warmen, freundlichen Blicken auf den jungen Mann, der

während des Spielens glänzende Augen bekam, und nickte ihm zu und sagte

in einer Pause still und bedächtig: »Das ist, als ob Sie mir das alles

erzählen und als ob ich es ganz verstände.« Und fing an, langsam und

die Worte zusammensuchend, zu reden: »Ich weiß nicht, wie es den andern

geht damit. Sie sagen: Musik ist Musik. Tönen muß das und klingen.

Ich meine: Reden muß es. Alles das, wofür es keine Worte gibt und

will einen doch auseinanderdrücken, das kann man #so# sagen. Ganz von

unten herauf. Mein Vater, der schwere Sorgen hatte, und nach und nach

blind wurde und oft einherging, den Kopf und die Schultern gebückt wie

unter einer Last, der setzte sich oft im Dämmer, wenn er sich allein

glaubte, ans Klavier. Und was er sonst niemanden sagte, das tat er

da von sich. Zuerst war es lauter Jammer, als ihm nach und nach das

Licht seiner Augen erlosch, und dann fand er den Weg zu einem Choral:

'Wenn wir in höchsten Nöten sein,' oder 'Befiehl du deine Wege.' Und

ich stand manchmal in einer Ecke und horchte und meinte, ich kenne ihn

erst jetzt. Später, als er still und friedlich seine letzten Jahre

hinlebte, da hat er auch noch heitere und freundliche Töne gefunden.

Als unser erstes Kind zur Welt kam, die Lene, da hat er nichts gesagt,

sondern hat nur so still für sich hingelächelt, und dann hat er ein

Lied gespielt, das tat wie ein Schlaflied, ganz zart und fein. Aber auf

einmal hat das aufgehört, da hat es aus dem Klavier herausgewettert,

wie wenn einer einen Juchzer unterdrücken will und kann nicht mehr und

#muß# hinaussingen; und nachher ist ihm der Schmerz dreingekommen: daß

er es nicht sehen kann, das Kind nämlich.

Und sehen Sie, Herr Ehrensperger, alles das, was einer gern in seinem

Leben drin hätte und hat's nicht und muß sich danach sehnen und kann's

niemand sagen, das, mein' ich, das sollte man auf so einem Instrument

sagen können. Ich kann's nicht; wenn's mich packt und ich will's

probieren, dann bringen's meine schweren Hände nicht heraus. Oder fehlt

es sonstwo. Aber wenn einer ein rechter Musiker wäre, und er wüßte von

allem Schmerz und von aller Freude der Menschen, und hätte den Glauben,

daß da etwas dahinter steckt, hinter dem Leben, etwas, das man nicht

sehen kann, etwas Großes, Schönes, das zu uns gehört, dann -- dann

müßte es sein, wie eine Predigt, was er spielt.

Ich kann's nicht so sagen, wie ich's meine.« Er lächelte ein wenig

verlegen, daß er so viel gesagt hatte, da er am hellen Tageslicht eher

ein schweigsamer Mann war.

»Ich red', wie ich's versteh. Ich hab' noch nicht viel ganz rechte

Musik gehört. Ein paar mal in meinem Leben. Das vergeß ich nie. So alt

ich werd', vergeß' ich's nicht. Aber ich mein', ich spür's, wie es sein

müsse und wie nicht, und ob's von unten herauf kommt. Man spürt's ja

den Leuten auch an, ob sie fromm sind und recht und ehrlich, oder ob

sie nur so daherreden.«

Da stand er auf und holte ein Glas aus einer Mauernische und füllte es

mit einem braven, roten Wein, der war bei Stetten im Remstal gewachsen,

und bot es seinem jungen Genossen. Der tat einen tiefen Zug daraus, und

sah den Meister an und mußte ihn liebhaben, und fand auch das Wort, ihm

von seinem jungen Leben und von seinen Freuden und Unruhen und von

seinen Wünschen und Träumen zu erzählen.

Darauf trank auch der Meister und füllte das Glas aufs neue. Da tranken

sie umschichtig aufs Wohlsein aller, die zu ihnen gehörten und auf ihr

eigenes, und auf das Gedeihen aller schönen Lebensplane und spürten mit

der Zeit die freundlichen Geister des Remstälers, der ihnen mutmachend

und siegverheißend durch die Adern strömte, besonders dem Jüngeren.

Zuletzt nach allen tranken sie auch aufs Wohlsein der Lore, nachdem

sie miteinander beredet hatten, daß so »die meisten jungen Mädchen«

seien. Es tat nichts zur Sache, daß sie beide nicht viele junge Mädchen

kannten, es war doch ein beruhigender Schluß.

Und nach einiger Zeit nahm auch der Meister die Geige und spielte ein

paar schöne, alte Volkslieder: »Es war ein Markgraf überm Rhein,« und

»Es waren einmal drei Reiter gefangen, gefangen waren sie«.

Sie sangen auch dazu, daß das Gewölbe widerhallte, der Meister mit

einer schönen, tiefen Baßstimme. Droben schlief die Welt; hier unten

war waches Leben.

Als es auf der Stadtkirche vier Uhr schlug, spuckte und knisterte die

Ampel und wollte erlöschen. Da hoben sie das Gelage auf und suchten

beim letzten Flackerschein den Ausgang und erstiegen die Treppen. Und

es war nun eher als beim Abstieg zu fürchten, daß die hellhörige Frau

ihr Teil zu denken bekomme. Denn allzu leicht waren ihre Tritte nun

nicht mehr.

Es bleibt über das Schicksal der beiden Neugeborenen dieses Abends noch

zu sagen, daß Meister Riedels Sohn nach drei Wochen richtig Friedrich

getauft wurde und daß er jetzt in einer Präparandenanstalt für

künftige Schullehrer ist und ihm also die Welt offen steht, wenn auch

nicht ganz so unumschränkt, wie sein Vater damals andeutete. Und daß

Georg Ehrensperger in einer mutlosen und zornigen Stunde einige Wochen

später die Niederschrift seines Musikstücks, das er »Frühlingsnacht«

hatte taufen wollen und das nie fertig geworden war, in tausend kleine

Fetzen zerriß und hernach ganz gebrochen in der Küferwerkstätte auf

einer Schnitzbank saß, den Kopf in die Hände gestützt.

Der Meister stand vor ihm, den Helmle auf dem Arm, und machte ein

bedenkliches Gesicht.

»Das geht nur so,« sagte er. »Gleich zerreißen, gleich ganz wegwerfen.

Wir hätten es doch noch zusammen gespielt. Es ist viel Schönes drin

gewesen. Es wird einer nicht gleich Meister. Aber so ist solch ein

junger Feuerkopf, gleich, entweder ganz oder gar nicht.« Denn Georg

hatte versichert, er lasse in Zukunft die Hände davon, es sei sicher,

er bringe nie etwas zustande. »Ja,« sagte er und hob den Kopf:

»Entweder ganz oder gar nicht. Das Stümpern, das hat ja keinen Wert.

Ich will es lassen; ich habe ja anderes zu tun. Ich muß mich ans

Studium machen, es wird Zeit. Die Semester gehen so schnell herum.«

Der Meister lächelte; aber das konnte auch dem Helmle gelten, der

seinen Lockenkopf ganz in den väterlichen Bart hineinwühlte. Er stellte

den Buben auf den Boden und nahm das Schnitzmesser. »Ja, dann wollen

wir uns halt ernstlich an die Arbeit machen und sehen, wie weit wir's

bringen. Es war aber doch schön an dem Abend, nicht? Ja, dann müssen

wir das halt lassen in Zukunft.« Da ging Georg Ehrensperger aus dem

Hause, wie einer, der ein schweres Gelübde getan hat und den es

bereits anfängt zu drücken.

* * * * *

Sie hatten im Keller Lorens Gesundheit getrunken und das war für Georg

so eine Art von Versöhnungsakt gewesen. Wenn er sich recht besann: er

hatte wohl ebensoviel Schuld an dem unerquicklichen Abend, als sie.

Am nächsten Tag ging er nicht hin. Am übernächsten kam er zufällig

über die Neckarbrücke, da sah er sie von Weitem in dem schmalen

Mauergärtchen, das sich längs des Hauses am Neckarufer hinzog. Sie

saß auf der sonnigen Mauer und hatte ein paar Nachbarskinder um sich

her. Die strebten an ihr in die Höhe und sie schien irgend einen

vergnüglichen Unsinn mit ihnen zu treiben, soviel von weitem zu sehen

war.

»Sie ist selber noch ein Kind,« dachte Georg, er konnte die Augen nicht

von dem fröhlichen Bild da unten losbringen. Ach ja, nun wollte er

hingehen und nicht so empfindlich sein. Da sah sich Lore um und winkte

ihm zu. Und nach zwei Minuten saß er neben ihr auf der Mauer und die

Nachbarskinder steckten ihm alle Knopflöcher des Rocks und der Weste

voll mit roten und weißen Blümchen, und Lore sah ihn an, so sonnig wie

der Apriltag. Hatte es vor zwei Stunden noch geregnet und geschneit

untereinander? Wer wußte das noch? Es dachte kein Mensch mehr daran.

Alle guten Geister...: Roman · 第 31 / 53 题