Friedrich Nössel, Schneidermeister.
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Als dieser Brief an seine Adresse kam, lag der, an den er geschrieben
war, der Länge nach ausgestreckt auf seinem Sofa. Das Sofa war viel zu
kurz und hatte hohe, steife Seitenlehnen, und sein Polster war wellig,
wie das Ebenen- und Hügelland von Niederschwaben und Franken. Indessen,
es war doch ein Sofa, und Georg Ehrensperger hatte das Recht, sich
darauf auszustrecken. Er war vor kurzem nach Haus gekommen und war ein
wenig bedrückt und wußte nicht recht warum. Er hatte Heimweh und wollte
es vor sich selbst nicht Wort haben. Draußen ging der Novembertag
in die Abenddämmerung über. Grau und eintönig, wie er vom Morgen an
ausgesehen hatte, ging er dem Horizont entgegen, still und bedrückt,
wie ein Mensch, der keinen rechten Lebenszweck hat und sich zur Ruhe
begibt, und dabei denkt: es ist alles einerlei. Es kommt gar nicht
darauf an, was ich tue; ich kann ebensogut schlafen gehen.
So etwas steckt an, und Georg war denn auch angesteckt, wie man sieht.
Er war eine lange Zeit seines Lebens vom Wetter abhängig. Das hat er
erst später abgeschüttelt.
Da, als er so lag und in die Stube hineinsah -- (es war eine lange,
schmale Stube und hatte ein Fenster, das ging auf einen viereckigen,
gepflasterten Hof), da klopfte es, und da kam der Brief. Den las er,
und stand nicht auf dazu, und zündete nicht die Lampe an, und las das
ganze Grau des Tages und des Wetters und der Stube und der Fremde mit
dem Brief in sich hinein.
O Heimat! da brach es los.
Vielleicht gibt es schönere Namen dafür, aber Ernst Daxer, der am Abend
eine Weile kam, der sagte sachverständig, es sei das »heulende Elend«,
das den Freund befallen habe, und sagte, daß das eine Krankheit sei,
die jeder einmal kriege.
-- Er ließ den Brief auf den Boden fallen und zog die langen Beine
hinauf, um wenigstens sein bißchen Ich nahe beieinander zu haben, und
drückte den Kopf in eine Vertiefung zwischen zwei Beulen des Sofas. Und
dann schluchzte er drauf los.
Von jenem Tag an war ihm das steife, beulige Sofa wie ein Freund und
Vertrauter, da es seine Tränen in den grün und braun gestreiften
Überzug aufgenommen hatte. Da, als er eine Weile, ohne sich zu wehren,
aus Herzensgrund geschluchzt hatte, und es inzwischen dunkler geworden
war, fing er an, sich nach einem Trost umzusehen, und verfiel auf
den steinernen, zugebundenen Topf voll Zwetschgenmus, der in seinem
Kleiderkasten stand. Den holte er herbei und fing an, zu schlecken.
Das Zwetschgenmus war ihm von Jungfer Liese geschickt worden, damit
er so bis gegen Weihnachten hin etwas auf sein tägliches Vesperbrot
zu streichen habe. Aber darauf konnte heut keine Rücksicht genommen
werden. Er war so trostbedürftig, und dies hier war etwas von zu Hause.
Da aß er denn, still und beharrlich, einen Löffel voll um den andern.
Zuerst stieß es ihn noch, es tropften noch einige Tränen in den Topf.
Dann fing er zusehends an, sich zu erholen. Je tiefer er in das Mus
eindrang, je leichter wurde ihm das Herz.
Als der Topf so ungefähr halb leer war, zündete er die Lampe an und
las den Brief nochmals, und hatte in der linken Hand den Brief und
in der rechten den Löffel, den führte er so sachte hin und her. Das
Mus war gut. Er hatte nun wieder Verständnis dafür. Also der alte
Hollermann war gestorben. Das war traurig. Georg konnte sich nicht
recht vorstellen, daß er nicht mehr da sei, wann er heimkomme. Aber
es war noch vieles, auf das man sich freuen konnte, es zerfloß nicht
mehr alles in einen trostlosen, grauen Nebel. Zum Beispiel bekam er
die Flöte. Nein, das mit dem Rat des Alten verstand er im Augenblick
nicht so recht, obgleich ihm wie aus der Ferne vieles aufstieg, das
sie in der Korbmachersstube miteinander geredet hatten. Als er an der
Stelle war, die von Gertrud erzählte, wie sie den schweren Sandkarren
der alten Röse den Berg herauf geschoben hatte, spürte er einen starken
Kitzel im Halse. Er mußte lachen, mitten in die Trübsal hinein. Da war
er gerettet. Die Gertrud war doch ein Staatskerl. Er faßte ihre Tat
nicht so sehr vom Standpunkt der Nächstenliebe aus auf, mehr als einen
lustigen Streich. So war sie, er kannte sie wohl so, nichts weniger
als zimperlich. Jungfer Liese hatte noch nicht lang einmal gesagt:
»aus #der# wird ihrer Lebtag nichts Feines; die ist über einen Buben.«
Das hatte ihm mächtig gefallen; gerade so mußte sie sein, ein rechter
Kamerad, gescheit, kräftig, heiter und immer bei der Hand zu allem
frischen Tun. Er freute sich auf sie. Es war nur noch fünf Wochen bis
Weihnachten. Als er so weit war, sah er in den steinernen Topf; es war
nicht mehr viel darin. Es war nicht mehr der Mühe wert, ihn zuzubinden.
Da kratzte er ihn vollends aus, aber mit einiger Beschwerde.
Zwetschgenmus gehört zu den Tröstungen, die man mäßig genießen muß.
Als Ernst Daxer kam, lag Georg wieder auf dem Sofa, und hatte die Beine
wieder etwas hochgezogen. Aber das geschah nun aus einem andern Grunde
als zuvor.