Dein wohlgesinnter Freund und Turmwächter

Friedrich Nössel, Schneidermeister.

* * * * *

Als dieser Brief an seine Adresse kam, lag der, an den er geschrieben

war, der Länge nach ausgestreckt auf seinem Sofa. Das Sofa war viel zu

kurz und hatte hohe, steife Seitenlehnen, und sein Polster war wellig,

wie das Ebenen- und Hügelland von Niederschwaben und Franken. Indessen,

es war doch ein Sofa, und Georg Ehrensperger hatte das Recht, sich

darauf auszustrecken. Er war vor kurzem nach Haus gekommen und war ein

wenig bedrückt und wußte nicht recht warum. Er hatte Heimweh und wollte

es vor sich selbst nicht Wort haben. Draußen ging der Novembertag

in die Abenddämmerung über. Grau und eintönig, wie er vom Morgen an

ausgesehen hatte, ging er dem Horizont entgegen, still und bedrückt,

wie ein Mensch, der keinen rechten Lebenszweck hat und sich zur Ruhe

begibt, und dabei denkt: es ist alles einerlei. Es kommt gar nicht

darauf an, was ich tue; ich kann ebensogut schlafen gehen.

So etwas steckt an, und Georg war denn auch angesteckt, wie man sieht.

Er war eine lange Zeit seines Lebens vom Wetter abhängig. Das hat er

erst später abgeschüttelt.

Da, als er so lag und in die Stube hineinsah -- (es war eine lange,

schmale Stube und hatte ein Fenster, das ging auf einen viereckigen,

gepflasterten Hof), da klopfte es, und da kam der Brief. Den las er,

und stand nicht auf dazu, und zündete nicht die Lampe an, und las das

ganze Grau des Tages und des Wetters und der Stube und der Fremde mit

dem Brief in sich hinein.

O Heimat! da brach es los.

Vielleicht gibt es schönere Namen dafür, aber Ernst Daxer, der am Abend

eine Weile kam, der sagte sachverständig, es sei das »heulende Elend«,

das den Freund befallen habe, und sagte, daß das eine Krankheit sei,

die jeder einmal kriege.

-- Er ließ den Brief auf den Boden fallen und zog die langen Beine

hinauf, um wenigstens sein bißchen Ich nahe beieinander zu haben, und

drückte den Kopf in eine Vertiefung zwischen zwei Beulen des Sofas. Und

dann schluchzte er drauf los.

Von jenem Tag an war ihm das steife, beulige Sofa wie ein Freund und

Vertrauter, da es seine Tränen in den grün und braun gestreiften

Überzug aufgenommen hatte. Da, als er eine Weile, ohne sich zu wehren,

aus Herzensgrund geschluchzt hatte, und es inzwischen dunkler geworden

war, fing er an, sich nach einem Trost umzusehen, und verfiel auf

den steinernen, zugebundenen Topf voll Zwetschgenmus, der in seinem

Kleiderkasten stand. Den holte er herbei und fing an, zu schlecken.

Das Zwetschgenmus war ihm von Jungfer Liese geschickt worden, damit

er so bis gegen Weihnachten hin etwas auf sein tägliches Vesperbrot

zu streichen habe. Aber darauf konnte heut keine Rücksicht genommen

werden. Er war so trostbedürftig, und dies hier war etwas von zu Hause.

Da aß er denn, still und beharrlich, einen Löffel voll um den andern.

Zuerst stieß es ihn noch, es tropften noch einige Tränen in den Topf.

Dann fing er zusehends an, sich zu erholen. Je tiefer er in das Mus

eindrang, je leichter wurde ihm das Herz.

Als der Topf so ungefähr halb leer war, zündete er die Lampe an und

las den Brief nochmals, und hatte in der linken Hand den Brief und

in der rechten den Löffel, den führte er so sachte hin und her. Das

Mus war gut. Er hatte nun wieder Verständnis dafür. Also der alte

Hollermann war gestorben. Das war traurig. Georg konnte sich nicht

recht vorstellen, daß er nicht mehr da sei, wann er heimkomme. Aber

es war noch vieles, auf das man sich freuen konnte, es zerfloß nicht

mehr alles in einen trostlosen, grauen Nebel. Zum Beispiel bekam er

die Flöte. Nein, das mit dem Rat des Alten verstand er im Augenblick

nicht so recht, obgleich ihm wie aus der Ferne vieles aufstieg, das

sie in der Korbmachersstube miteinander geredet hatten. Als er an der

Stelle war, die von Gertrud erzählte, wie sie den schweren Sandkarren

der alten Röse den Berg herauf geschoben hatte, spürte er einen starken

Kitzel im Halse. Er mußte lachen, mitten in die Trübsal hinein. Da war

er gerettet. Die Gertrud war doch ein Staatskerl. Er faßte ihre Tat

nicht so sehr vom Standpunkt der Nächstenliebe aus auf, mehr als einen

lustigen Streich. So war sie, er kannte sie wohl so, nichts weniger

als zimperlich. Jungfer Liese hatte noch nicht lang einmal gesagt:

»aus #der# wird ihrer Lebtag nichts Feines; die ist über einen Buben.«

Das hatte ihm mächtig gefallen; gerade so mußte sie sein, ein rechter

Kamerad, gescheit, kräftig, heiter und immer bei der Hand zu allem

frischen Tun. Er freute sich auf sie. Es war nur noch fünf Wochen bis

Weihnachten. Als er so weit war, sah er in den steinernen Topf; es war

nicht mehr viel darin. Es war nicht mehr der Mühe wert, ihn zuzubinden.

Da kratzte er ihn vollends aus, aber mit einiger Beschwerde.

Zwetschgenmus gehört zu den Tröstungen, die man mäßig genießen muß.

Als Ernst Daxer kam, lag Georg wieder auf dem Sofa, und hatte die Beine

wieder etwas hochgezogen. Aber das geschah nun aus einem andern Grunde

als zuvor.

Alle guten Geister...: Roman · 第 26 / 53 题