Er hatte dem Professor Lindemann den Gruß des Rektors Cabisius
ausgerichtet. Und er hatte ihn darauf angesehen, ob er mit diesem
Jüngling in weißen Haaren verwandt sei, und ob er noch eine Spur von
jener Rheinwanderung und von jenem ungenannten Rüdesheimer Erlebnis
an sich trage. Auch hatte er, da er viel Schönes und Erfreuliches
in »der Welt draußen« zu finden hoffte, sich auf dem Weg von seiner
Wohnung in der Pfarrstraße nach dem Gymnasium ausgedacht, der Lehrer
werde, überwältigt von alten Erinnerungen, die Hand ausstrecken und
seine, Georg Ehrenspergers, schütteln, und ausrufen, wie der alte Homer
den bräunlichgelockten Menelaus ausrufen ließ: »Götter, so ist ja
mein Gast der Sohn des geliebtesten Freundes«, oder auch sonst etwas
ähnliches. Aber der Professor Lindemann rief das nicht aus.
Wenn dieser Mann einmal mit dem Rektor Cabisius in einer gemeinsamen
Welt gelebt hatte, so mußte das lange her sein. Und das war es auch.
Er war ein gut Teil Jahre jünger als der Rektor. Aber er war ziemlich
vertrocknet und verstäubt.
»So, so,« sagte er, und kniff die Augen zusammen, »so, so, Cabisius.
Ja, ja, ich weiß. Setzen Sie sich, Ehren -- Ehren -- wie ist der Name?«
»Ehrensperger,« sagte Georg und setzte sich.
Also damit war es nichts gewesen.
Da mußte das Wiblinger Stadtkind die Kammern seines Herzens anderweitig
zu füllen trachten. Es gab noch anderes in der großen Stadt, was
des Erlebens wert war. Es gab helle und breite Straßen mit glatten
Pflastern, auf denen es sich anmutig dahinschlendern ließ, und mit
hohen, stattlichen Häusern, in denen Georg Ehrensperger zwar nichts
verloren hatte, die anzustaunen, soweit es ihre Vorderseite betraf,
ihm aber unverwehrt war. Paläste gab es, und zwar sowohl solche, in
denen die Regierung des Landes vorgenommen, als solche, in denen Bier
verschenkt wurde, und letztere waren, alles in allem gerechnet, die
pompöseren. Wagen fuhren dahin, und obgleich der Hufschlag der Rosse
und das Rollen der Räder auf dem Holzpflaster der schönsten Straßen
eine Dämpfung erfuhr, so gab es, da ihrer viele waren, doch ein
nicht unbeträchtliches Getöse, mit dem sich der bescheidene Lärm der
Wiblinger Ochsen- und Kuhfuhrwerke nicht im entferntesten messen konnte.
Läden gab es, die so glänzend, vornehm und üppig ausstaffiert waren
und die sowohl bei Tage als beim Schein des elektrischen Lichtes so
zauberisch aussahen, daß es den Sohn des Wiblinger Bäckerhauses eine
der gewagtesten und -- unmöglichsten Taten dünkte, in einen derselben
einzutreten und für ganz gewöhnliches Geld etwas von ihrem Inhalt zu
erhandeln.
Er führte diese Tat denn auch nicht aus. Er wußte engere, stillere
Straßen, und niedrigere, dunklere Läden, in denen er sein Brot und
seine Wurst, seine Bleistifte und Schreibhefte, seine -- aber das
geschah nur einmal im ersten Jahr, und dann in etlichen Jahren nicht
wieder, seine Zigarren, sieben Stück für zwanzig Pfennig, erstand.
Die Zigarren rauchte er eines schönen Herbstabends mit einigen
Kameraden, neugewonnenen Genossen seiner Studien. Das heißt, er rauchte
eine davon und bot die übrigen mit einer großartigen Handbewegung, die
er dem Größten unter ihnen abgelernt hatte, im Kreise an. Es war auf
der Königstraße, kurz vor Dunkelwerden.
Er wollte sein Möglichstes tun, mitzumachen. Er hatte sich vorgenommen,
ganz mit den andern zu tun und ein rechter Kamerad zu sein.
Aber es ging nicht. Weder mit dem Rauchen, noch mit der Kameradschaft.
Es paßte beides nicht zu seiner Natur. Es gab sich ganz von selbst, daß
er bald wieder allein war.
Er hatte viel zu denken und zu staunen. Was war da für ein rauschendes,
buntes Leben rings um ihn her. Wohin alle die vielen Leute gingen?
Immer sahen sie aus, als seien sie in Sonntagskleidern.
Und wer da begraben wurde? Es mußte jemand Bedeutendes sein. Die vielen
Kutschen im Gefolge und ein ganzer Blumenwagen. Ein Lorbeerkranz
dabei, nein, zwei, drei.
Und die hohen, hohen Häuser. Wie viele Leute mochten da übereinander
wohnen, und welche Aussicht man von ganz oben hatte? Er stieg einmal
auf den Stiftskirchenturm und sah über das Häusergewimmel hin und stieg
ganz still wieder herunter.
Mit dem einen oder andern Schulkameraden schritt er um zwölf Uhr
mittags hinter der Wachtparade drein, die mit klingendem Spiel auf den
Schloßplatz zog. Da wogte es von Menschen, und die Springbrunnen ließen
ihre Wasser steigen; in bunten Farben leuchteten die Beete, rings
um den Musikpavillon her; hoch und schlank ragte die Jubiläumssäule
über all das Gewimmel hin; wie aus einem fremden, schönen Lande
hierher versetzt, winkte die Säulenreihe des Königsbaues herüber; mit
klingendem, singendem Wellenschlag füllte die Musik das bunte Strombett
des Lebens; öfters, als es den Kameraden gefiel, verstummte Georg
Ehrensperger vor dem allem und ließ sich schweigend und ohne viel
Schwimmbewegungen von dem Strom dahintragen.
Da kamen sie nach und nach überein, daß er ein guter, aber etwas
langweiliger Kerl sei, von dem weder im Guten, noch im Schlimmen viel
Bewegung in dem Einerlei des Schuljahres zu erwarten sei, weder auf der
Straße, noch vor den Lehrern. Und, da er manchmal sonderbar versonnene
Fragen tat, nannten sie ihn Joseph: »seht, da kommt der Träumer her,«
und ließen ihn im übrigen seines Weges gehen, so viel er wollte.
Der führte ihn durch Jungfer Liesens Fürsorge in das Gassen- und
Gäßchengewinkel der Altstadt. Es lebte ihr daselbst die Kanzlistenwitwe
Mollenkopf, die eine entfernte Base von einer Base der braven
Ziehmutter der Ehrenspergerskinder war, sich mit künstlichen und
kunstvollen Flickarbeiten ihr Brot erwarb und nebenher »Logisherren« in
den zwei langen, schmalen Stuben nach der Hofseite beherbergte.
Es lag nichts näher, da die Frau Mollenkopf eine brave Person und eine
geborene Wiblingerin war, als die beiden Landsleute unter einem Dach zu
vereinigen.
Und hier siegte denn auch Jungfer Liese über den Vorschlag des Rektors
Cabisius, der seinen Schüler und Schützling gern in einer Familie mit
andern jungen Leuten zusammen unterbringen wollte.
Sie hatte ein gutes Mundwerk, und, seit es ihr der Respekt nicht mehr
allzusehr verschloß, hatte sie auch ein keckliches Mundwerk, und sie
bewies mit demselben Franz Ehrensperger dem Älteren, daß Nutzen und
Willigkeit auf ihrer Seite seien.
Es war nicht schwer, ihn zu überzeugen.
Und so war Georg unter die Obhut der Frau Mollenkopf geraten, eh' er
sich dessen versah. Er hatte nichts dagegen. Als er nach jenem so
glücklich gestillten Anfall des heulenden Elends seine Augen getrocknet
hatte und sie wieder aufhob, gefiel es ihnen nicht übel in dieser
Region der engen, krummen Gassen, der schiefen, alten Häuser, der
spitzen Giebeldächer, der Verkäufer- und Antiquitätenläden, dieser
Region der kleinen Leute, die zum Teil ein alteingesessenes Bürgertum
bildeten, zäher, eingewurzelter und -- interessanter, als es die Region
der Backsteinkasernen erzeugt, die zu Hunderten dieselbe Uniform
tragen, neue, helle, weitläufige Stadtviertel ergeben und alle Quartal
eine andere Inwohnerschaft haben.
War nicht die Botenhalle in der Nähe? Und war es nicht unsäglich
heimatlich, die braven, schweren Gäule vor den leinwandüberspannten
Wagen dahertraben zu sehen? Blies nicht der Bote von Beckenhardt,
solange es irgend etwas Grünes in der Natur gab, jeden Mittwoch- und
Samstagmorgen sein Lied auf einem Blättchen, das er zwischen den
bärtigen Lippen hatte, und fuhr nicht der Bote von Beckenhardt durch
Wiblingen, schon seit Georg auf der Welt war und länger?
Im Schatten der St. Leonhardskirche breitete sich der Gerümpelmarkt aus
und es gab vielerlei dort zu sehen. Alte Weiblein, die mit rostigen
Nägeln und dergleichen Wertsachen handelten, fliegende Antiquare, die
ihre Bücher und Broschüren auf einem Karren ausbreiteten, Kleider-,
Möbel- und Bettenhändler. Ein untrüglicher Kitt für alles Zerbrochene
wurde verkauft und der Verkäufer war selbst Künstler in der Anwendung
und klebte alte Scherben zusammen, daß es eine Art hatte. Wir können
die genauere Bekanntschaft aller Spezialitäten dieses interessanten
Marktes leider nicht machen, da sie uns auf unserem Weg durch das
Buch allzusehr aufhalten würden. Es ist genug, daß Georg Ehrensperger
auf seinem Weg ins Gymnasium hie und da durch sie aufgehalten wurde,
und daß er dann wie aus einer andern Welt in die Schule und unter die
Genossen trat, mit versonnenen Augen und rückwärts gerichteten Gedanken.
Die Schulkameraden konnten ihn ruhig seines Wegs ins sogenannte
Bohnenviertel gehen lassen, und auch wir können ihn ruhig dahin gehen
lassen, er fand schon seine Nahrung, Freude und Genüge dort, wie es
jede Kreatur auch tut, wenn man sie nur gewähren läßt.
Auf einen viereckigen, gepflasterten Hof ging das Fenster der langen,
schmalen Stube, die Georg Ehrenspergers erste Jünglingsjahre umschloß;
auf das bunte Treiben des schon genannten Gerümpelmarkts gingen die
zwei Fenster der Wohnstube seiner Hausfrau, der Frau Mollenkopf.
Die Witwe wohnte schon manches Jahr in derselben Stube, und sie
hatte demnach auch schon manches Jahr dasselbe bewegte Bild unter
ihren Fenstern. Wenn sie ihren Platz auf dem Fenstertritt, auf
dem Holzstuhl mit dem grünen Kissen, einem Philosophen oder einem
Geschichtenschreiber abgetreten hätte, so hätte der eine wahrscheinlich
tiefsinnige Betrachtungen über den Satz: es ist alles eitel; es ist
alles ganz eitel, angestellt; und der andere hätte den verblichenen
Staatsgewändern, den Bildern in morschen Goldrahmen, den Sesseln mit
zerschlissenen Überzügen, die hier feilgehalten wurden, die seltsamsten
Vorerlebnisse angedichtet. Und es ist manches zu wetten, daß die
Erlebnisse mancher dieser Dinge -- noch viel seltsamer waren, als er
sie zu erdichten vermocht hätte.
Frau Mollenkopf trat aber ihren Platz an keinen Vertreter einer dieser
beiden nachdenklichen Richtungen ab. Sie saß selber fest und beharrlich
auf dem grünen Kissen, ließ Nadel und Faden heilungsbeflissen
zwischen den mottenzerfressenen Ranken und Blumen alter Teppiche,
den zerrissenen Maschen eines wertvollen Spitzenwerks, den brüchig
gewordenen Vögeln und Früchten eines seltenen Tafeltuchs herumspazieren
und hatte auf diese Art selber das Material zu den merkwürdigsten
Mutmaßungen in der Hand. Daß sie diese Gelegenheit nicht benützte,
lag in ihrer Art, die mit der der Jungfer Liese einige Ähnlichkeit
hatte insofern, als sie auf das Greifbare, Nützliche, Reale allzusehr
gerichtet war, als daß für Phantasien viel Raum in ihrem Sinn gewesen
wäre.
Sie sprach gern von dem seligen Mollenkopf, der ihr etwas weniges
auf der Sparkasse hinterlassen hatte, und gab zu verstehen, daß sie
dieses wenige bereits um ein gutes Teil vermehrt habe. Sie hegte die
Hoffnung, mit Hilfe dessen, was bereits auf der Sparkasse lag, und
dessen, was sie noch dorthin zu bringen gedachte, sich nicht nur ein
Sitzkissen, sondern auch ein behagliches Kopfkissen auf ihre alten Tage
zu erwerben. Und es war nur schade, daß sie zu der Klasse von Menschen
gehörte, die, wenn diese alten Tage kommen, mit dem Rest ihrer Kraft
für #noch# ältere Tage sorgen, und die weder der jungen noch der alten
Tage jemals froh werden.
Fest und beharrlich saß sie an ihrem Fensterplatz und verließ ihn
nur, um die nötigen häuslichen Verrichtungen vorzunehmen, und in der
Dämmerung, um die wiederhergestellten Gegenstände an ihre Eigentümer
abzuliefern. Und zu der letzteren Stunde kam Georg am liebsten aus
seiner Hofstube und -- tat, als ob er zu Hause wäre, wie das mit Frau
Mollenkopf eigentlich ein für allemal verabredet war.
* * * * *
Es dreht sich der Schlüssel von außen im Schloß, es füllt sich die
Stube mit Dämmerung und Stille. Steig' auf, unsichtbares Eiland der
Glücklichen, tretet in den Kreis, ihr trauten Gestalten der Kindheit
mit den webenden Träumen der Zukunft, fanget an zu reden, und horchet
auch ihr auf das, was wir zu sagen haben, auf daß wir eine kleine Weile
der Fremde vergessen und zu Hause seien.
Töne, du alter, hochbeiniger Klimperkasten von Klavier, du bist zu
dieser Stunde voll Wohllaut und Fülle. Georg Ehrensperger hat dich
aus dem Schlaf geweckt, in dem du lagest, seit der selige Mollenkopf
zum letztenmal den Blümchenwalzer auf dir spielte. Er hat den Stapel
zerrissener Gegenstände von deinem Deckel entfernt, sie liegen
ebenso gut auf einem Stuhl. Nun gleitet das Licht der Straßenlaterne
über deine Tasten. Es ist unsicher, es huscht gespenstig hin und
her, es erinnert an die spukenden Flämmchen in des Rektor Cabisius'
Studierstube. Der geht um diese Zeit in dem wohlbekannten Raum auf und
ab, und Gertrud sitzt wohl auf der Truhe, die Platz für zwei hat. Und
die Frau Rektorin sitzt im Lehnstuhl, sie hat immer noch Rheumatismus,
sie saß in den Weihnachtsferien, als wir zu Hause waren, in Kissen und
Decken gehüllt alle Tage im Lehnstuhl. Hollermann war nicht mehr da,
und es ist nicht sicher, was sich alles verändern kann, so lang wir
fern sind.
Es ist uns manchmal fremd zu Mute, altes Klavier. Und du bist das
einzige, dem wir es anvertrauen können. Es ist uns, als ob wir uns
eine Weile auf Mutters Schoß setzten und ihr alles erzählten, und sie
erzählte #wieder#, merkwürdige, traumhafte Geschichten, die man nie bei
Tage erzählen könnte. Von einer Welt, die man nicht sehen kann, in der
man aber zu Hause ist. Sie hat vielerlei Namen, diese unsichtbare Welt.
Wir suchen eine Sprache, um von ihr zu reden, und es ist uns, als ob
man in Tönen von ihr reden könnte.
Hat einmal einer auf dir gespielt, als deine Saiten noch rein und stark
klangen, einer, der es verstand, die Harmonien zu entlocken? Dann sei
geduldig, altes Klavier, wenn hier einer ist, dessen Spiel noch ein
Stammeln ist, kein Reden. Keine Sprache, nur das Suchen nach einer
Sprache. Er wird's noch besser lernen.
Er hat zu Weihnachten das Geld zu Klavierstunden bekommen, und die Zeit
nimmt er sich selbst dazu. Jungfer Liese hatte den Kopf geschüttelt
und der Bruder Franz hat ihn auf den Rücken geschlagen, breit und
wohlwollend und hat gesagt: »Mach voran, dann kannst du uns einen
Walzer spielen, wenn du heimkommst.« Denn der Bruder Franz tanzt jetzt
mit den Wiblinger Bürgerstöchtern und der Walzertakt kommt ihm sogar
zuweilen in die Finger, wenn er Teig knetet. Auch weiß er nicht so
recht, wozu man außerdem noch Musik machen soll. Aber du wirst schon
sehen, daß Georgs Sinn nicht nach dem Walzer steht. Es ist ein Läuten
irgendwo, wie von einer fernen Waldkapelle, dem horcht er nach, schon
seit er ein Kind war und weiß nicht, daß er es in sich selber trägt,
und sehnt sich, es nahe zu hören. Wenn du das in ihm erlösen könntest.
Er hört es zuweilen auf den Gassen, und zuweilen mitten in den alten
Geschichten der Menschheit, vom Paradies an, in den Büchern, und
manchmal sogar in der Schule. In den Gesängen der Dichter hört er es
und wird es bald noch besser hören, wenn er die Musiker kennen lernt,
von deren Saitenspiel er so wenig weiß und so vieles ahnt.
Aber führe auch du ihn in der Dämmerung, beim flackernden Licht, das
von draußen hereinfällt, immer wieder in jene Welt, die verborgen unter
allen Dingen hingeht, und laß da seine eigene Seele zum Wort kommen.
Es will etwas in ihm tönen, du weißt es. Laß ihn darauf horchen, altes,
verstimmtes Klavier, auf daß der rechte Ton nicht verloren gehe, wie
der Alte in der baufälligen Hütte zu Wiblingen gesagt hat, vor den
Trommeln und Pfeifen der Jahrmärkte rings umher.