Zweites Kapitel

Er hatte dem Professor Lindemann den Gruß des Rektors Cabisius

ausgerichtet. Und er hatte ihn darauf angesehen, ob er mit diesem

Jüngling in weißen Haaren verwandt sei, und ob er noch eine Spur von

jener Rheinwanderung und von jenem ungenannten Rüdesheimer Erlebnis

an sich trage. Auch hatte er, da er viel Schönes und Erfreuliches

in »der Welt draußen« zu finden hoffte, sich auf dem Weg von seiner

Wohnung in der Pfarrstraße nach dem Gymnasium ausgedacht, der Lehrer

werde, überwältigt von alten Erinnerungen, die Hand ausstrecken und

seine, Georg Ehrenspergers, schütteln, und ausrufen, wie der alte Homer

den bräunlichgelockten Menelaus ausrufen ließ: »Götter, so ist ja

mein Gast der Sohn des geliebtesten Freundes«, oder auch sonst etwas

ähnliches. Aber der Professor Lindemann rief das nicht aus.

Wenn dieser Mann einmal mit dem Rektor Cabisius in einer gemeinsamen

Welt gelebt hatte, so mußte das lange her sein. Und das war es auch.

Er war ein gut Teil Jahre jünger als der Rektor. Aber er war ziemlich

vertrocknet und verstäubt.

»So, so,« sagte er, und kniff die Augen zusammen, »so, so, Cabisius.

Ja, ja, ich weiß. Setzen Sie sich, Ehren -- Ehren -- wie ist der Name?«

»Ehrensperger,« sagte Georg und setzte sich.

Also damit war es nichts gewesen.

Da mußte das Wiblinger Stadtkind die Kammern seines Herzens anderweitig

zu füllen trachten. Es gab noch anderes in der großen Stadt, was

des Erlebens wert war. Es gab helle und breite Straßen mit glatten

Pflastern, auf denen es sich anmutig dahinschlendern ließ, und mit

hohen, stattlichen Häusern, in denen Georg Ehrensperger zwar nichts

verloren hatte, die anzustaunen, soweit es ihre Vorderseite betraf,

ihm aber unverwehrt war. Paläste gab es, und zwar sowohl solche, in

denen die Regierung des Landes vorgenommen, als solche, in denen Bier

verschenkt wurde, und letztere waren, alles in allem gerechnet, die

pompöseren. Wagen fuhren dahin, und obgleich der Hufschlag der Rosse

und das Rollen der Räder auf dem Holzpflaster der schönsten Straßen

eine Dämpfung erfuhr, so gab es, da ihrer viele waren, doch ein

nicht unbeträchtliches Getöse, mit dem sich der bescheidene Lärm der

Wiblinger Ochsen- und Kuhfuhrwerke nicht im entferntesten messen konnte.

Läden gab es, die so glänzend, vornehm und üppig ausstaffiert waren

und die sowohl bei Tage als beim Schein des elektrischen Lichtes so

zauberisch aussahen, daß es den Sohn des Wiblinger Bäckerhauses eine

der gewagtesten und -- unmöglichsten Taten dünkte, in einen derselben

einzutreten und für ganz gewöhnliches Geld etwas von ihrem Inhalt zu

erhandeln.

Er führte diese Tat denn auch nicht aus. Er wußte engere, stillere

Straßen, und niedrigere, dunklere Läden, in denen er sein Brot und

seine Wurst, seine Bleistifte und Schreibhefte, seine -- aber das

geschah nur einmal im ersten Jahr, und dann in etlichen Jahren nicht

wieder, seine Zigarren, sieben Stück für zwanzig Pfennig, erstand.

Die Zigarren rauchte er eines schönen Herbstabends mit einigen

Kameraden, neugewonnenen Genossen seiner Studien. Das heißt, er rauchte

eine davon und bot die übrigen mit einer großartigen Handbewegung, die

er dem Größten unter ihnen abgelernt hatte, im Kreise an. Es war auf

der Königstraße, kurz vor Dunkelwerden.

Er wollte sein Möglichstes tun, mitzumachen. Er hatte sich vorgenommen,

ganz mit den andern zu tun und ein rechter Kamerad zu sein.

Aber es ging nicht. Weder mit dem Rauchen, noch mit der Kameradschaft.

Es paßte beides nicht zu seiner Natur. Es gab sich ganz von selbst, daß

er bald wieder allein war.

Er hatte viel zu denken und zu staunen. Was war da für ein rauschendes,

buntes Leben rings um ihn her. Wohin alle die vielen Leute gingen?

Immer sahen sie aus, als seien sie in Sonntagskleidern.

Und wer da begraben wurde? Es mußte jemand Bedeutendes sein. Die vielen

Kutschen im Gefolge und ein ganzer Blumenwagen. Ein Lorbeerkranz

dabei, nein, zwei, drei.

Und die hohen, hohen Häuser. Wie viele Leute mochten da übereinander

wohnen, und welche Aussicht man von ganz oben hatte? Er stieg einmal

auf den Stiftskirchenturm und sah über das Häusergewimmel hin und stieg

ganz still wieder herunter.

Mit dem einen oder andern Schulkameraden schritt er um zwölf Uhr

mittags hinter der Wachtparade drein, die mit klingendem Spiel auf den

Schloßplatz zog. Da wogte es von Menschen, und die Springbrunnen ließen

ihre Wasser steigen; in bunten Farben leuchteten die Beete, rings

um den Musikpavillon her; hoch und schlank ragte die Jubiläumssäule

über all das Gewimmel hin; wie aus einem fremden, schönen Lande

hierher versetzt, winkte die Säulenreihe des Königsbaues herüber; mit

klingendem, singendem Wellenschlag füllte die Musik das bunte Strombett

des Lebens; öfters, als es den Kameraden gefiel, verstummte Georg

Ehrensperger vor dem allem und ließ sich schweigend und ohne viel

Schwimmbewegungen von dem Strom dahintragen.

Da kamen sie nach und nach überein, daß er ein guter, aber etwas

langweiliger Kerl sei, von dem weder im Guten, noch im Schlimmen viel

Bewegung in dem Einerlei des Schuljahres zu erwarten sei, weder auf der

Straße, noch vor den Lehrern. Und, da er manchmal sonderbar versonnene

Fragen tat, nannten sie ihn Joseph: »seht, da kommt der Träumer her,«

und ließen ihn im übrigen seines Weges gehen, so viel er wollte.

Der führte ihn durch Jungfer Liesens Fürsorge in das Gassen- und

Gäßchengewinkel der Altstadt. Es lebte ihr daselbst die Kanzlistenwitwe

Mollenkopf, die eine entfernte Base von einer Base der braven

Ziehmutter der Ehrenspergerskinder war, sich mit künstlichen und

kunstvollen Flickarbeiten ihr Brot erwarb und nebenher »Logisherren« in

den zwei langen, schmalen Stuben nach der Hofseite beherbergte.

Es lag nichts näher, da die Frau Mollenkopf eine brave Person und eine

geborene Wiblingerin war, als die beiden Landsleute unter einem Dach zu

vereinigen.

Und hier siegte denn auch Jungfer Liese über den Vorschlag des Rektors

Cabisius, der seinen Schüler und Schützling gern in einer Familie mit

andern jungen Leuten zusammen unterbringen wollte.

Sie hatte ein gutes Mundwerk, und, seit es ihr der Respekt nicht mehr

allzusehr verschloß, hatte sie auch ein keckliches Mundwerk, und sie

bewies mit demselben Franz Ehrensperger dem Älteren, daß Nutzen und

Willigkeit auf ihrer Seite seien.

Es war nicht schwer, ihn zu überzeugen.

Und so war Georg unter die Obhut der Frau Mollenkopf geraten, eh' er

sich dessen versah. Er hatte nichts dagegen. Als er nach jenem so

glücklich gestillten Anfall des heulenden Elends seine Augen getrocknet

hatte und sie wieder aufhob, gefiel es ihnen nicht übel in dieser

Region der engen, krummen Gassen, der schiefen, alten Häuser, der

spitzen Giebeldächer, der Verkäufer- und Antiquitätenläden, dieser

Region der kleinen Leute, die zum Teil ein alteingesessenes Bürgertum

bildeten, zäher, eingewurzelter und -- interessanter, als es die Region

der Backsteinkasernen erzeugt, die zu Hunderten dieselbe Uniform

tragen, neue, helle, weitläufige Stadtviertel ergeben und alle Quartal

eine andere Inwohnerschaft haben.

War nicht die Botenhalle in der Nähe? Und war es nicht unsäglich

heimatlich, die braven, schweren Gäule vor den leinwandüberspannten

Wagen dahertraben zu sehen? Blies nicht der Bote von Beckenhardt,

solange es irgend etwas Grünes in der Natur gab, jeden Mittwoch- und

Samstagmorgen sein Lied auf einem Blättchen, das er zwischen den

bärtigen Lippen hatte, und fuhr nicht der Bote von Beckenhardt durch

Wiblingen, schon seit Georg auf der Welt war und länger?

Im Schatten der St. Leonhardskirche breitete sich der Gerümpelmarkt aus

und es gab vielerlei dort zu sehen. Alte Weiblein, die mit rostigen

Nägeln und dergleichen Wertsachen handelten, fliegende Antiquare, die

ihre Bücher und Broschüren auf einem Karren ausbreiteten, Kleider-,

Möbel- und Bettenhändler. Ein untrüglicher Kitt für alles Zerbrochene

wurde verkauft und der Verkäufer war selbst Künstler in der Anwendung

und klebte alte Scherben zusammen, daß es eine Art hatte. Wir können

die genauere Bekanntschaft aller Spezialitäten dieses interessanten

Marktes leider nicht machen, da sie uns auf unserem Weg durch das

Buch allzusehr aufhalten würden. Es ist genug, daß Georg Ehrensperger

auf seinem Weg ins Gymnasium hie und da durch sie aufgehalten wurde,

und daß er dann wie aus einer andern Welt in die Schule und unter die

Genossen trat, mit versonnenen Augen und rückwärts gerichteten Gedanken.

Die Schulkameraden konnten ihn ruhig seines Wegs ins sogenannte

Bohnenviertel gehen lassen, und auch wir können ihn ruhig dahin gehen

lassen, er fand schon seine Nahrung, Freude und Genüge dort, wie es

jede Kreatur auch tut, wenn man sie nur gewähren läßt.

Auf einen viereckigen, gepflasterten Hof ging das Fenster der langen,

schmalen Stube, die Georg Ehrenspergers erste Jünglingsjahre umschloß;

auf das bunte Treiben des schon genannten Gerümpelmarkts gingen die

zwei Fenster der Wohnstube seiner Hausfrau, der Frau Mollenkopf.

Die Witwe wohnte schon manches Jahr in derselben Stube, und sie

hatte demnach auch schon manches Jahr dasselbe bewegte Bild unter

ihren Fenstern. Wenn sie ihren Platz auf dem Fenstertritt, auf

dem Holzstuhl mit dem grünen Kissen, einem Philosophen oder einem

Geschichtenschreiber abgetreten hätte, so hätte der eine wahrscheinlich

tiefsinnige Betrachtungen über den Satz: es ist alles eitel; es ist

alles ganz eitel, angestellt; und der andere hätte den verblichenen

Staatsgewändern, den Bildern in morschen Goldrahmen, den Sesseln mit

zerschlissenen Überzügen, die hier feilgehalten wurden, die seltsamsten

Vorerlebnisse angedichtet. Und es ist manches zu wetten, daß die

Erlebnisse mancher dieser Dinge -- noch viel seltsamer waren, als er

sie zu erdichten vermocht hätte.

Frau Mollenkopf trat aber ihren Platz an keinen Vertreter einer dieser

beiden nachdenklichen Richtungen ab. Sie saß selber fest und beharrlich

auf dem grünen Kissen, ließ Nadel und Faden heilungsbeflissen

zwischen den mottenzerfressenen Ranken und Blumen alter Teppiche,

den zerrissenen Maschen eines wertvollen Spitzenwerks, den brüchig

gewordenen Vögeln und Früchten eines seltenen Tafeltuchs herumspazieren

und hatte auf diese Art selber das Material zu den merkwürdigsten

Mutmaßungen in der Hand. Daß sie diese Gelegenheit nicht benützte,

lag in ihrer Art, die mit der der Jungfer Liese einige Ähnlichkeit

hatte insofern, als sie auf das Greifbare, Nützliche, Reale allzusehr

gerichtet war, als daß für Phantasien viel Raum in ihrem Sinn gewesen

wäre.

Sie sprach gern von dem seligen Mollenkopf, der ihr etwas weniges

auf der Sparkasse hinterlassen hatte, und gab zu verstehen, daß sie

dieses wenige bereits um ein gutes Teil vermehrt habe. Sie hegte die

Hoffnung, mit Hilfe dessen, was bereits auf der Sparkasse lag, und

dessen, was sie noch dorthin zu bringen gedachte, sich nicht nur ein

Sitzkissen, sondern auch ein behagliches Kopfkissen auf ihre alten Tage

zu erwerben. Und es war nur schade, daß sie zu der Klasse von Menschen

gehörte, die, wenn diese alten Tage kommen, mit dem Rest ihrer Kraft

für #noch# ältere Tage sorgen, und die weder der jungen noch der alten

Tage jemals froh werden.

Fest und beharrlich saß sie an ihrem Fensterplatz und verließ ihn

nur, um die nötigen häuslichen Verrichtungen vorzunehmen, und in der

Dämmerung, um die wiederhergestellten Gegenstände an ihre Eigentümer

abzuliefern. Und zu der letzteren Stunde kam Georg am liebsten aus

seiner Hofstube und -- tat, als ob er zu Hause wäre, wie das mit Frau

Mollenkopf eigentlich ein für allemal verabredet war.

* * * * *

Es dreht sich der Schlüssel von außen im Schloß, es füllt sich die

Stube mit Dämmerung und Stille. Steig' auf, unsichtbares Eiland der

Glücklichen, tretet in den Kreis, ihr trauten Gestalten der Kindheit

mit den webenden Träumen der Zukunft, fanget an zu reden, und horchet

auch ihr auf das, was wir zu sagen haben, auf daß wir eine kleine Weile

der Fremde vergessen und zu Hause seien.

Töne, du alter, hochbeiniger Klimperkasten von Klavier, du bist zu

dieser Stunde voll Wohllaut und Fülle. Georg Ehrensperger hat dich

aus dem Schlaf geweckt, in dem du lagest, seit der selige Mollenkopf

zum letztenmal den Blümchenwalzer auf dir spielte. Er hat den Stapel

zerrissener Gegenstände von deinem Deckel entfernt, sie liegen

ebenso gut auf einem Stuhl. Nun gleitet das Licht der Straßenlaterne

über deine Tasten. Es ist unsicher, es huscht gespenstig hin und

her, es erinnert an die spukenden Flämmchen in des Rektor Cabisius'

Studierstube. Der geht um diese Zeit in dem wohlbekannten Raum auf und

ab, und Gertrud sitzt wohl auf der Truhe, die Platz für zwei hat. Und

die Frau Rektorin sitzt im Lehnstuhl, sie hat immer noch Rheumatismus,

sie saß in den Weihnachtsferien, als wir zu Hause waren, in Kissen und

Decken gehüllt alle Tage im Lehnstuhl. Hollermann war nicht mehr da,

und es ist nicht sicher, was sich alles verändern kann, so lang wir

fern sind.

Es ist uns manchmal fremd zu Mute, altes Klavier. Und du bist das

einzige, dem wir es anvertrauen können. Es ist uns, als ob wir uns

eine Weile auf Mutters Schoß setzten und ihr alles erzählten, und sie

erzählte #wieder#, merkwürdige, traumhafte Geschichten, die man nie bei

Tage erzählen könnte. Von einer Welt, die man nicht sehen kann, in der

man aber zu Hause ist. Sie hat vielerlei Namen, diese unsichtbare Welt.

Wir suchen eine Sprache, um von ihr zu reden, und es ist uns, als ob

man in Tönen von ihr reden könnte.

Hat einmal einer auf dir gespielt, als deine Saiten noch rein und stark

klangen, einer, der es verstand, die Harmonien zu entlocken? Dann sei

geduldig, altes Klavier, wenn hier einer ist, dessen Spiel noch ein

Stammeln ist, kein Reden. Keine Sprache, nur das Suchen nach einer

Sprache. Er wird's noch besser lernen.

Er hat zu Weihnachten das Geld zu Klavierstunden bekommen, und die Zeit

nimmt er sich selbst dazu. Jungfer Liese hatte den Kopf geschüttelt

und der Bruder Franz hat ihn auf den Rücken geschlagen, breit und

wohlwollend und hat gesagt: »Mach voran, dann kannst du uns einen

Walzer spielen, wenn du heimkommst.« Denn der Bruder Franz tanzt jetzt

mit den Wiblinger Bürgerstöchtern und der Walzertakt kommt ihm sogar

zuweilen in die Finger, wenn er Teig knetet. Auch weiß er nicht so

recht, wozu man außerdem noch Musik machen soll. Aber du wirst schon

sehen, daß Georgs Sinn nicht nach dem Walzer steht. Es ist ein Läuten

irgendwo, wie von einer fernen Waldkapelle, dem horcht er nach, schon

seit er ein Kind war und weiß nicht, daß er es in sich selber trägt,

und sehnt sich, es nahe zu hören. Wenn du das in ihm erlösen könntest.

Er hört es zuweilen auf den Gassen, und zuweilen mitten in den alten

Geschichten der Menschheit, vom Paradies an, in den Büchern, und

manchmal sogar in der Schule. In den Gesängen der Dichter hört er es

und wird es bald noch besser hören, wenn er die Musiker kennen lernt,

von deren Saitenspiel er so wenig weiß und so vieles ahnt.

Aber führe auch du ihn in der Dämmerung, beim flackernden Licht, das

von draußen hereinfällt, immer wieder in jene Welt, die verborgen unter

allen Dingen hingeht, und laß da seine eigene Seele zum Wort kommen.

Es will etwas in ihm tönen, du weißt es. Laß ihn darauf horchen, altes,

verstimmtes Klavier, auf daß der rechte Ton nicht verloren gehe, wie

der Alte in der baufälligen Hütte zu Wiblingen gesagt hat, vor den

Trommeln und Pfeifen der Jahrmärkte rings umher.

Alle guten Geister...: Roman · 第 27 / 53 题