Dreizehntes Kapitel

Eins -- zwei -- drei -- nun schlug die Uhr auf dem Rathaustürmchen aus.

Vier Uhr des Morgens.

Ein leichter Windstoß bewegte den offenen Fensterflügel und blähte den

dünnen Vorhang ein wenig. Auf dem Dache saß eine Amsel und sang ihr

Morgenlied. Nun hallte die Morgenglocke vom Turm her über das Städtchen

hin. Bam bam -- bam bam -- in großen, feierlichen Schlägen.

Die Tauben gurrten am Schlag. Der war dicht neben Georg Ehrenspergers

Kammer.

Die Kammer hatte er sich nun vor einem Jahr eingerichtet. Es war eine

Rumpelkammer gewesen, ganz voll von altem, verstaubten Geräte, mit

einem holperigen, ausgetretenen Fußboden und schadhaftem Kalkbewurf. Es

gab bessere Räume im Haus.

Aber er hatte ein paar freie Nachmittage im Schweiß seines Angesichts

geschafft, und war am Abend mit Spinnweben im Haar und bestäubten

Kleidern heruntergekommen, stolz wie ein König. Nun hatte er ein ganz

eigenes Reich, das stattete er sich aus, wie er wollte. Bilderbogen

an den Wänden: ein Schlachtenbild, und eine Geschichte von Till

Eulenspiegel, und eine von Reinecke Fuchs. Und die Flöte hing an der

Wand. Ach, es war viel mehr in der Kammer, als man so mit bloßem Aug

sehen konnte. Niemand wußte, wie vielerlei es darin zu sehen gab,

als er allein. Gertrud wußte es auch. Aber sie kam nie hier herauf;

sie wußte es nur vom Hörensagen. Das allerdings so genau, als ob sie

stündlich hier aus- und einginge.

Das ganze Heer der Bubenträume ging durch die Tür herein, die immer

knarrte und stöhnte, wann der Wind um den Giebel strich, -- und unter

der schrägen Wand hin, und flog wieder zu dem hochgelegenen Dachfenster

hinaus, über die Häuser und Felder und Höhen, und in die Weite. Das

hatte hier oben Raum, sonst nirgends im ganzen Hause.

Der Bewohner der Kammer war schon wach. Als die Glocke anfing zu

läuten, stand er auf und trat ans Fenster. Die Morgenluft strich herein

und um ihn her; er schauerte ein wenig; es war kühl.

Die Luft war noch ein wenig grau, durchzogen von den letzten,

fliehenden Schatten der Dämmerung. Der Marktplatz lag leer und still;

der Röhrenbrunnen ließ seine Wasser plätschernd in den großen Trog

fallen. Nun ging eine Stalltür. Ein Knecht -- der Knecht des Fuhrmanns

Rammlinger, der in dem gelben, vorspringenden Haus schräg gegenüber

wohnte, -- führte zwei schwere, braune Gäule aus dem Stall zur Tränke,

an den niedrigen Steintrog, der den Abfluß von dem großen Brunnentrog

erhielt. Die Hufe hallten auf dem Steinpflaster, schwerfällig, trab,

trab, trab. Man hörte das Schnaufen der Gäule, einer wieherte auf, dann

der andere; der Knecht stand stumm dabei. Als sie fertig waren, führte

er sie wieder hinein, dann war der Platz still und leer wie vorher.

Nun ein heller, zirpender, zwitschernder Laut.

Eine Schwalbe flog aus dem Nest, das oben an der schrägen Giebelwand

klebte, und flog mit schnellem Flügelschlag quer über den Platz

hin. Nun kamen sie von da und dort her -- da flog eine und da eine;

sie setzten sich auf die Telegraphendrähte, die quer über den Platz

gespannt waren, von der Posthalterei zum Rathaus, -- und von da weiter,

irgendwo, in die Welt hinein. Da saßen sie auf den blinkenden Drähten

und schwatzten. Sie wollten nun bald fortfliegen, übers Meer, es wurde

wieder einmal Herbst. Und sie hatten noch vieles zu beraten. Da waren

einige der Führer vom vorigen Jahr nicht mehr da, und es war die

Frage, ob sie den Weg auch richtig wüßten. »Ach,« sagten die einen,

»Kinderspiel. Das hat man doch in sich.« »Der Sehnsucht nach,« sagte

ein Schwalbenjüngling, der am Dachfenster des Mädchenschulhauses groß

geworden war. Dort wohnte der jüngste Lehrer, der zu einem dünnen

Klavier mit vollem Brustton sang:

»All' mein Sehnen und Verlangen

Geht, du Wunderland, nach dir.«

Der Schwalbenjüngling wußte nicht, was das für ein Land sei, aber es

war anzunehmen, daß sie beide dasselbe meinten, und es gefiel ihm, von

der Sehnsucht zu reden, da es eine angenehme, drängende Empfindung war:

auf, fort, hinaus.

Einige Schwälbchen zwitscherten leise und ehrfurchtsvoll dazu, andere

sagten: »zur Sache,« und dann wurde das Ganze mehr geschäftlich

behandelt, wie es sich für solch ein wichtiges Unternehmen auch

gehörte. Darum konnten sie doch danebenher hohe und starke Gefühle

haben; ja, das brauchten sie doch. Denn wer will den Flug übers Meer

unternehmen, über dräuende Untiefen und in schwindelnde Höhen -- der

nicht einen großen starken Trieb und ein mächtiges Verlangen hat?

Georg stand eine Weile am Fenster und sah in die lebendige Morgenstille

hinein. Es war ihm wohl ähnlich zu Mut wie den Schwalben. Auch

er rüstete sich zum Flug. Darum schuf die Morgenfrühe mit ihren

wenigen Bildern und Tönen eine große, feierliche Erwartung in seinem

fünfzehnjährigen Herzen. Was mochte der Tag bringen? Der heutige, und

dann weiter -- weit hinaus?

Da lagen die neuen Kleider, lange Beinkleider und eine Joppe. Er

war ein junger Mann, als er sie angezogen hatte. Da wurde ihm schon

sicherer zu Mute. Es war ja alles klar und ausgemacht. Nun kam er in

die große Stadt, da ging er noch drei Jahre aufs Gymnasium. Dann kam

die Universität, dann vielleicht einmal ein Militärjahr dazwischen.

Dann lag da hinten irgendwo das Leben. Als ob bis dahin ein Fluß sei;

dann ein Strom, dann, in grauer Ferne, das Meer. Es war alles ganz

gerade und sicher. Es war zwar, das muß gesagt werden, ein Riß in

Georgs Vorleben. Gerade in der Geschichte dieses Sommers. Er hatte mit

fünf anderen Schülern aus des Rektors Schule, wie es das Herkommen

bestimmte, das Landexamen gemacht, um dann durch die Seminarien zu

laufen in schöner, glatter Bahn. Aber er war nicht durch das enge Tor

gekommen. Er war vielleicht nicht fleißig genug gewesen oder man hatte

gerade andere Sachen gefragt, als er wußte. Kurz, er kam nicht hinein.

So mußte er denn seinen Weg von den andern scheiden. Einer, der kleine,

blonde Ernst Daxer, der Sohn der Postmeisterswitwe aus der Sporengasse,

der ging auch mit ihm. Der fand einen Unterschlupf bei Verwandten in

Stuttgart. Sonst hätte es seine Mutter nicht an ihn wenden können.

Aber Ernst Daxer war nicht gerade Georgs Höchstes. Er hatte ein

weiches, rundes Kindergesicht mit Grübchen in beiden Backen und

hatte enge, kurze Hosen. Nichts um sich daran zu erheben, gar nichts

Heldenhaftes. Und Fritz Hornstein, der alles hatte, eine tiefe Stimme

und alle angehende Männlichkeit in Haltung und Wesen, der war natürlich

hineingekommen.

Ja, es war schon ein Riß. Aber der Pfarrersgedanke war nun doch schon

genugsam ausgesponnen; er hatte jetzt Lebenskraft genug, um auch ohne

solche äußeren Stützen, wie Seminar und Hornstein, fort zu bestehen.

Georg wußte, was er zu tun hatte. Er wollte Ernst dahintersetzen. Alle

verschwommenen Zukunftsgedanken hatte er weggelegt. Als er sich dessen

versichert hatte, ging er aus seiner Kammer und ging die knarrende

Stiege hinunter und in die Backstube. Dort setzte er sich auf den

Tisch, ließ die langen Beine herabhängen, aß heiße Wecken und mischte

in seinem Innern die feierlichen und die behaglichen Gefühle, und es

gab eine Mischung, wie man sie am Morgen eines Abschiedstags, früh

zwischen vier und fünf Uhr nur verlangen kann.

* * * * *

Der Abschiedstag schien auch in die Backstube; hinten herein stahl er

sich, durch den schmalen Hof, zwischen Holzschuppen und Hauswand, und

sah durch das Fenster auf den Buben, der da mit den Füßen baumelte und

die Arme gekreuzt hatte: »So, da bist du? Bist mir oben ausgerissen?

Aber das hilft dir nichts, denn ich habe auch nicht mehr Stunden als

andere Tage, leider, und die Eisenbahn wartet nicht.«

Da fiel es dem Ausreisenden ein, daß er noch viel zu tun habe. Er glitt

vom Tisch herab, der Geselle löschte das Gas; Franz ging, vom Kopf bis

zu den Füßen mehlbestäubt, in ledernen Schlappschuhen hin und her,

und trug das Brot für die Wiblinger, schwarzes und weißes, auf seinen

Armen. Jungfer Liese aber füllte die Fächer des Ladens damit.

Da stand eine Wanne voll Wecken, hochaufgetürmt, die waren bräunlich

und glänzend und dufteten so lieblich, als wollten sie den Reisenden

noch in letzter Stunde an der Nase festhalten. Sie knisterten leise,

wenn man an die Wanne anstieß, so rösch gebacken waren sie. »Laß mich,«

sagte Georg, und trug die Wecken vor sich her. Er stolperte aber

auf der mittleren der drei Stufen, die von der Backstube zum Laden

hinaufführte und kollerte samt den Wecken dort hinein. Wie schön war es

zu Hause. Wenn er nun dabliebe und ein Bäcker würde, so streifte ihn

ein sekundenlanges Gefühl. Ach, hinweg damit. Das Leben mußte ja seinen

Gang gehen.

Da setzte er die rote Mütze auf und ging aus dem Hause. Er hatte es ja

nicht wie die Schwalben, er hatte seine alten Führer noch. Nun ging er,

um sich von ihnen ein gutes Wort zum Abschied zu holen. Es war zwar

noch früh, aber es litt ihn nicht mehr im Hause. Zu Hollermann konnte

er ja immerhin schon gehen. Der war ein Frühaufsteher von jeher.

* * * * *

Ach, wißt ihr, wie das ist, wenn man seine Vaterstadt zum erstenmal

verläßt? Wißt ihr aus Erfahrung, wie da alles und jedes ein Gesicht und

eine Stimme bekommt, auch das allergleichgültigste?

Es ist ja wie ein Bilderbuch, das man noch einmal durchblättert, nur

daß die Bilder lebendig sind.

Da sind die alten, hohen Häuser am Säumarkt. Ja, so heißt er, das

läßt sich nun nicht ändern. Die stehen beisammen und neigen, wenn man

so sagen soll, oben die Köpfe zusammen. Die mögen schon etwas erlebt

haben, seit sie da stehen. Da ist das Haus des uralten Kaufmanns Hahn,

der nach der Meinung der Jugend ebenso alt und ebenso vornübergebeugt

ist, wie sein altes Haus. Ach, riecht es dort drinnen in seinem Laden

nach Schnupftabak, Käse und Häring! Ach, liegt und steht und hängt es

dort voll mit allem erdenklichem Gerümpel. Es ist ja fast nicht vor dem

Haus vorbei zu kommen. Wie oft sind die Buben dort drin gewesen, ihrer

so viele als möglich miteinander, und einer kaufte einen Bleistift

für drei Pfennig und die andern fragten nach tausenderlei unmöglichen

Dingen. Und jeden fragte Herr Hahn: »was 'fällig, he, hm?« Er war nicht

von Wiblingen gebürtig, der Herr Hahn. Sonst hätte er nicht so gefragt.

Aber das gab jedesmal ein unauslöschliches Gelächter. Es bedarf so

wenig, um die Wiblinger Jugend zu solch einem Jubel zu bringen. Wenn es

gar zu bunt wurde, dann ging er umständlich in seine Ladenstube hinein

und brachte von dort einen Hakenstock heraus. Man konnte sich denken,

was er damit wollte. Aber das warteten die Buben nicht ab. Wie das

wilde Heer stürmten sie hinaus.

Und dann das Haus des einzigen Juden im Städtlein, des alten, reichen

Samuel Wormser. Es hat unten vergitterte Fenster und hinter den

vergitterten Fenstern sitzt der Samuel in seinem bunten Schlafrock

und dem Sammetkäppchen und zählt seine unermeßlichen Reichtümer, wenn

es die Jugend recht weiß. Seine Frau Lea ist alt und dick und hat ein

gelbes Gesicht und eine schwarze Perücke auf und ruft ihrem Mann so

unnachahmlich: Sa--moel! Aber sie ist daneben unsäglich gut. An Ostern

essen alle Kinder Matzen, die sie von Samuel Wormsers Lea haben. Das

ist ein interessantes Haus. Am Samstag Abend steigen die Buben hie

und da über die Hofmauer hinein und sehen ins Fenster, wie da der

Samuel und die Lea und ihr Enkelsohn, der Hirsch Rosenstock, und die

Magd, die Sannel, und der Knecht, der Kallmann, um den siebenarmigen

Leuchter herumsitzen, und wenn sie angestrengt horchen, so hören sie,

halb gesungen, halb gesprochen, ein fremdartiges Beten. Hier jubeln

und toben sie nicht, da sind sie ganz still und es schaudert sie

ein bißchen an. Das ist so eine fremde Welt, aber sie ist nicht zum

auslachen, sie ist heilig und verlangt Respekt. Einmal haben sie einen

durchgehauen, der die alten Leute stören wollte. Das sei ein gutes Werk

gewesen, sagte der Rektor Cabisius. Das Durchhauen nämlich.

Da ist auch das Haus des Doktors. Das ist das schönste dort herum. Es

hat einen großen, messingenen Türgriff, zwei Schlangen, die aus einer

Schüssel fressen, und die Tür glänzt von Sauberkeit und Leinöl und

die Schlangen glänzen auch. Hat noch eine Tür auf Erden einen solch

feierlichen, dumpfen Schall, wenn sie zufällt? führt noch irgendwo

eine solch glänzende leinölgetränkte breite Treppe zu solch einem

atemraubend feierlichen Zimmer empor, wie das Sprechzimmer des Doktors

ist? Es ist kaum möglich. Georg Ehrensperger stellte sich lange Zeit

den lieben Gott nicht viel anders vor, als den Doktor.

Ein bißchen freundlicher vielleicht, und den Bart ebenso groß, aber

weiß, und einen blauen Mantel, -- aber sonst, so groß und breit und

so unsäglich imponierend und eine so volle Stimme, auch aus dem Bart

heraus, alles.

Ach, das Bilderbuch nimmt ja kein Ende. Es ist ja kein Fertigwerden.

Man kann ja nur alles streifen mit einem raschen Blick.

* * * * *

Hollermann saß am Fenster, als Georg zu ihm kam. Die Morgensonne lag

auf ihm und füllte sein Stübchen; man sah, er wärmte sich daran. Er

fror so oft in letzter Zeit, er war auch recht hinfällig geworden.

Man konnte nicht recht sagen, was ihm fehlte, er hatte nur, wenn er

ging, einen müden Tritt, und seine Haltung war nachlässig und schlaff.

Manchmal schlief er so sitzend ein und dann, wann er erwachte, konnte

er sich nicht recht besinnen. Auch vergaß er hie und da, was in der

neueren Zeit geschah, das Alte, das konnte er gut behalten.

»Nun gehst du,« sagte er. »Nun hat das alles ein Ende, was wir so

miteinander getrieben haben. Du bist in der Stadt und ich sitze hier

und warte auf dich. Wenn du kommst, mußt du mir alles vorspielen, was

du bis dahin gelernt hast. Das ist so um Weihnachten herum, nicht?

Heißt das, wenn ich nicht vorher --« er sah mit einem schnellen,

glänzenden Blick auf und machte eine auffliegende Bewegung mit der Hand.

Ein weiches Lächeln ging um seinen Mund. Nun sah er aus, wie ein Kind,

das ein wenig von einem schönen, frohen Geheimnis enthüllt und es

schnell wieder zudeckt, um die Freude nicht vorweg zu nehmen.

-- »Was ich bis dahin gelernt habe? Da ist nichts vorzuspielen.« Georg

bemühte sich, sehr viel Festigkeit in seinen Ton zulegen. »Dazu ist

keine Zeit, jetzt nicht. Ach, ich glaube, überhaupt nicht. Das habe

ich auf die Seite gelegt. Ich muß furchtbar fleißig sein, daß ich nach

einander mit allem fertig werde.«

Da sah der Alte sehr erschrocken aus.

Nun hatten sie alles so schön ausgemalt.

»Wenn du das aber in dir drin hast,« sagte er kleinlaut.

»Was mein Großvater war, der alte Schäfer Hollermann, der pflegte zu

sagen: 'was drin ist, das will heraus. Das läßt sich nicht totdrücken.'

Nun ist das so. Was willst du denn nun werden?«

»Pfarrer,« sagte Georg. »Das weißt du doch. Das ist furchtbar schwer,

das kannst du dir denken.«

Der Alte nickte ein wenig verlegen. Er hatte es ja richtig vergessen

gehabt. Er war auch darum verlegen, weil der Bub, mit dem er immer

wache Träume gesponnen hatte, nun auf einmal so pflichtbewußt und

selbstsicher vor ihm stand. Das war ja gar nicht mehr derselbe Bub.

Da hatte der zum Glück einen unvernünftigen Augenblick. »Dir kann ich's

schon sagen,« -- er tat wichtig und geheimnisvoll, -- »sobald ich so

ein bißchen voran bin, da unter den Stadtschülern, und sehe, daß sie

mich nicht hinunterkriegen, dann -- es ist ein Klavier in dem Haus,

in das ich komme. Das kommt schon alles noch dran, später. Man wird

schon sehen, was noch kommt. Ich, wenn ich Pfarrer bin, -- und habe

den Kirchenschlüssel, dann -- dann will ich alle Werktag, wenn niemand

in der Kirche ist, Orgel spielen. Dann hol' ich dich. Dann kannst du

zuhören.«

Alle guten Geister...: Roman · 第 22 / 53 题