Zwölftes Kapitel

So dämmerhaft traulich ging es im Ehrenspergerhaus nicht zu, wenn es

etwas zu verhandeln oder zu entscheiden galt. Aber das begehrten die

Bewohner auch nicht. Sie hätten sich auch nicht so besonders dafür

geeignet. Ein jeder nach seiner Art.

Bei Franzens Berufswahl bedurfte es überhaupt keiner Beratung. So

wenig als sich, mit allem schuldigen Respekt zu sagen, ein Kronprinz

besinnt, ob er einmal König werden will, so wenig besann sich Franz, ob

er der Erbe der goldenen Bretzel werden wolle. Das war ganz natürlich

und selbstverständlich. Bei Georg ging es nicht so fraglos zu, das

wissen wir von Anfang an. Und also kam der Tag heran, von dem wir jetzt

erzählen.

Es ging gegen den Frühling zu und war so ungefähr sechs Wochen vor

Ostern, sieben Wochen vor der Konfirmation, Georgs Konfirmation nämlich.

Ja, und zur Nachmittagsvesperstunde war es, so zwischen vier und fünf

Uhr.

Vater Ehrensperger saß an dem einen Ende des Vespertischs und der

Sohn Franz am andern. Und sie aßen und tranken als gute, friedliche

Bürger, die das ihre tun und sich nicht gern unnötige Gedanken machen.

Das letztere taten sie denn auch nicht. Über dem Älteren hingen immer

noch die beiden Edelleute und machten dieselben Gesichter wie von

jeher; über dem Jungen prangte in goldenem Rahmen der Meisterbrief des

letztverflossenen Ehrensperger, der, wie bereits gesagt ist, ebenfalls

ein Franz gewesen war. Anmutig kreuzten sich zwei schneeweiße

Gänseflügel über dem goldenen Rahmen, es sah friedlich aus, wie Franz

der Jüngere unter ihnen sein Brot aß.

Jungfer Liese ging ab und zu nach dem Laden, und wieder herein,

und hatte gleichfalls eine Seite des Tisches inne, und setzte sich

respektvoll immer nur halben Leibes auf den Stuhl. Und so oft sie die

Tür nach dem Laden auf und zu machte, drang ein nahrhafter Duft von

Brot und Wecken herein, und also war die Luft, wenn man so sagen soll,

ganz in der richtigen Mischung für Haus und Leute.

Es war alles gut, herkömmlich und behaglich.

Aber das blieb nicht so.

Denn der lange, magere Bub, der jetzt mit seinem Bücherpack unter dem

Arm, mit langen Schritten und hungrigem Gesicht durch die Ladentür

herein kam, der dieselbe offen ließ, daß die Schelle bimmelte, bimmelte

in einem hohen, dünnen, schrillen Ton, bis Jungfer Liese ging und sie

schloß und dazu einiges vor sich hinsagte, was kein Mensch verstand,

-- und der »heut wieder so ungemein der verstorbenen Frau gleichsah,«

wie Jungfer Liese vorwurfsvoll bei sich selbst dachte, der war so gar

nicht herkömmlich, daß er geradezu die Luft verdarb, die behagliche,

nahrhafte Luft dieser Vesperstunde.

Es ist damit nicht gesagt, daß dieser, der jüngste Sohn des Hauses

Ehrensperger, kein volles Heimatrecht in der Stube seiner Väter

genossen hätte. Es war kein einziges streitsüchtiges oder mißgünstiges

oder sonst ungerechtes Element in dieser Stube. Er war nur niemand da,

der mit den Augen des Rektors Cabisius, oder mit den Augen einer Mutter

zugesehen hätte, was da werden wolle.

Und es war jetzt gerade ein unbehaglicher Zeitpunkt. Es mußte ein

Entschluß gefaßt werden, und, ohne dem Meister Ehrensperger irgendwie

zu nahe zu treten, muß doch von ihm bekannt werden, daß es nicht zu

seinen Liebhabereien gehörte, Entschlüsse zu fassen.

Er hielt es für einen Vorzug, wenn die Dinge von selber ihres Weges

gingen. Jetzt dies, jetzt das, immer eins aus dem andern.

Es war ihm etwas unbehaglich zu Mute. Er kaute stumm und schwer, und

auch Georg fing an, desgleichen zu tun. Aber er sah seinem Vater dabei

fragend in die Augen. Das pflegte er seit einiger Zeit öfters zu tun,

nicht ohne Grund. Denn der Vater sollte einmal zu dem Rektor gehen und

mit ihm besprechen, »wie die Geschichte nun weiter laufe.«

»Gehst du heut?« sagte der fragende Blick.

Nun wird vielleicht mancher verstehen, daß es störend ist, während des

Essens mit fragenden Augen angesehen zu werden.

Das ging dem Vater Ehrensperger nicht anders.

Er wurde nicht leicht hitzig. Es lag nicht in seiner Natur, hitzig zu

werden. Aber dies ging ihm gegen den Strich.

»Bub,« sagte er, und stellte das leere Mostglas auf den Tisch, daß es

dröhnte, »Bub, guck nicht so.«

Aber damit war nichts erreicht, das fühlte der Vater selbst.

Und es wuchs ihm der Mut, den sauren Apfel, den er nun schon lang in

den Händen hin und her drehte, -- nicht anzubeißen.

»Du,« sagte er, als der Junge vor sich hinsah wie einer, mit dem das

Schicksal hart verfährt, der aber gesonnen ist, sich nicht allzuviel

draus zu machen, »du, ich hab' mir das überlegt. Ich brauch' da nicht

hinzugehen, ich versteh' #so# nichts vom Studieren.

Ich, ich hab' seither gezahlt, was es kostet, und, ja, und ich zahl's

auch nachher noch. Das ist die Hauptsach'. Gar so viel wird's nicht

mehr kosten, was meinst?«

Das wußte Georg nicht so genau und sagte das auch, obgleich Jungfer

Liese lebhaft mit dem Kopf nickte in der Hoffnung, daß »es« nicht mehr

allzuviel koste.

»Ja, also, und jetzt sag's, es kommt auf dich an. Was willst jetzt

werden? Lateinisch kannst und also studiert muß sein, aber ich sag' da

nichts drüber. Denn warum? Einen Lernkopf hast du, und was es kostet,

zahl' ich. Wiewohl, es ist eine Hungerleiderei nachher. Das sieht man

am Vetter Häberle.«

Der Vetter Häberle war Präzeptor in einer größeren Stadt, und hatte

sechs Kinder und eine leidende Frau, und die ganze Familie sah etwas

blutarm aus und war dem Meister Ehrensperger eine Warnungstafel vor

»der hungerleidigen Schulmeisterei«.

»Ich werd' kein Hungerleider, ich werd' Pfarrer,« sagte Georg etwas

patzig. Es ward ihm doch ein bißchen unsicher, daß er das so für sich

entscheiden sollte.

»Was?« sagte der Vater, »Pfarrer? Jetzt wird's Tag. Wie kommst du denn

grad auf einen Pfarrer?«

Und alle drei hörten zu essen auf und legten die Arme auf den Tisch,

um recht fest zusehen und zuhören zu können, was nun käme. Nicht, daß

sie etwas dagegen gehabt hätten, gegen das Pfarrerwerden nämlich.

Aber es war ihnen so ein erstaunlicher Gedanke, daß dieser hier, der

jüngste, an dem Jungfer Liese mehr als genug zu meistern hatte, daß der

einst in einem langen, schwarzen Rock hier herumgehen und ihnen allen

gelegentlich den Leviten lesen würde. Und daß er dereinst das schöne,

vornehme Stadtpfarrhaus mit den Rolläden bewohnen und da heraustreten

und von jedermann gegrüßt werden würde. An die Kanzel, da durften sie

schon gar nicht denken. Da stand er und hatte einen Kirchenrock an und

Bäffchen und sagte: in dem Herrn Geliebte!

Das alles schoß den dreien so geschwind durch die Gedanken, da konnten

sie schon auf ihn hin staunen.

Georg hatte schon eine Vorgeschichte für seinen Ausspruch; aber als

er das Wort gesprochen hatte, staunte er selber mit den andern. Jetzt

hatte er es gesagt, jetzt mußte er das auch werden. Da klopfte ihm doch

sein Bubenherz.

So war es zugegangen:

Er hatte durch einige Jahre hindurch nicht viel Kameradschaft mit

seinen Altersgenossen gehabt. Denn er war ein Einspänner von Natur und

schloß sich nicht leicht auf. Auch hatte er, trotz seiner mutterlosen

Kindheit, reichlich gehabt, was er fürs Gemüt brauchte; wir wissen es.

Aber nun hatte es ihm einen starken Ruck gegeben. Denn nun fingen

sie alle an, sich zu zerstreuen und ein jeder in eine gewiesene Bahn

einzutreten. Alle wußten sie irgendwie, wo hinaus. Es schwirrte

in jeder Freistunde von Zukunftsplänen. Und das war für Georg

Ehrensperger, der ein Träumer war, ein kräftiger Anstoß dazu, daß er

sich fest auf die Füße stellte und die Augen rieb, und, da er all

das junge Blut um sich her als etwas nah Verwandtes erkannte, es

ihnen gleich tun wollte. Und da er erschrocken war, wie einer, der

zu lang geschlafen hat und es nicht Wort haben will und rasch nach

einer Arbeit greift, um es zu verbergen, so griff er schnell ins

Leben hinein: her mit einer Aufgabe! ich will hier auch mittun. Ganz

ernsthaft will ich hier mittun.

Konnte er den Kameraden, wenn sie ihn fragten: was willst du werden,

Ehrensperger? -- konnte er ihnen sagen, was er sich nächtlicher Weile

unter der Bettdecke ausgedacht, oder was er mit Hollermann ausgemacht

hatte? Das alles hatte ja weder Hand noch Fuß für ihn. Traumland war

es. Kein einziger von allen wollte Musiker werden, es fiel keinem ein.

Das konnte man wohl gar nicht.

Also gab er sich einen gewaltigen Ruck und legte die klingenden

Zukunftsträume auf den Altar der Vernunft, und gedachte auch ganz

ernsthaft, sie dort zu lassen, und machte zu dieser Verrichtung des

Opfers ein Gesicht, streng und pflichtbewußt, wie ein spartanischer

Knabe, der seine schwarze Suppe ohne Mucken aß, weil das Vaterland es

wollte.

Es war aber bezeichnend für diese Zeit, daß er nicht den Rektor um Rat

fragte, sondern sich mit den Schulbuben beriet, die seinesgleichen

wenigstens dem Alter nach waren.

Und weil Fritz Hornstein, der Sohn des Oberförsters von Aichelbronn,

Pfarrer werden wollte, ganz aus eigenem Antrieb, und weil Fritz

Hornstein der feinste, klügste unter den Buben war, Georgs heimliches

Ideal, und weil er sagte, Pfarrer zu werden dürfe einen niemand

anweisen, das müsse man ganz selbst, von innen heraus, (-- so sagte er

wirklich --) so wurde es Georg auf einmal ganz klar, daß er ebenfalls

ganz aus eigenem Antrieb Pfarrer werden wolle, und daß es ihn niemand

anweisen dürfe, sondern daß er es deutlich in sich selber spüre, daß er

das werden müsse.

Es war ihm zwar ein Trost, zu denken, daß man als Pfarrer immer den

Kirchenschlüssel habe und darum an jedem Werktag ohne Zeugen in

der leeren Kirche die Orgel spielen könne. Denn das tat der sehr

musikliebende Stadtpfarrer öfters und das gedachte er dann auch zu tun.

Das hatte er sich nun deutlich ausgesonnen und so konnte er seine

Antwort ohne Zögern geben. Daß er vor der Größe des Augenblicks

erschrak, war nur natürlich.

»Ja, also, Bub,« sagte endlich der Vater in die entstandene Pause

hinein, »jetzt könntest einem einmal eine Antwort geben, wieso du grad

Pfarrer werden willst.«

»Ha, was soll ich denn sonst? Ich muß doch etwas werden. Präzeptor

werd' ich nicht. Was soll ich dann?«

Da wußten sie alle drei keine Antwort.

Ja, dann konnte er ja freilich ebensogut Pfarrer werden, wie etwas

anderes. Sie fühlten wohl alle etwas von der Wichtigkeit des

Entschlusses, und daß es ihnen frei stand, ob sie einen Doktor

oder einen Amtmann, oder sonst etwas Bedeutendes unter ihrem Dach

hervorgehen lassen wollten.

»Ja, Bub, dann kann man ja nichts machen, wenn du das partout willst.

Dann werd' das eben. Dann ist das ja in der Ordnung. Dann kannst du ja

nachher hingehen und sagen, daß du das werden willst und daß ich das

zahle.«

Nun hatte er noch das Gefühl, daß er irgend eine väterliche Ermahnung

hinzufügen müsse und fuhr sich ein paarmal durch das Haar und sagte:

»Aber das sag' ich dir, Bub: sparsam mußt du sein und fleißig. Und

eine Klag' will ich nicht hören. Und brav sein. Zu dummen Streichen

geb' ich kein Geld her. Und einzubilden brauchst dir auch nichts. Wir

sind auch noch Leut hier, nicht bloß ihr.«

Er rechnete ihn wohl schon zu den Angestellten? Zu den hoch Gebildeten?

Die beiden andern kopfnickten lebhafte Zustimmung. Nein, einzubilden

brauchte er sich nichts.

Dann stand der Vater auf und zog seinen Ausgangsrock an. Er hatte noch

mit dem Müller Hensler zu reden.

»Siehst du,« sagte Jungfer Liese erbaut und gerührt. »Siehst du, da

geht er hin über den Markt. Und einen besseren Vater kriegst du deiner

Lebtag nicht mehr.«

* * * * *

Also hatte der Bäcker Ehrensperger seine väterlichen Funktionen auf

sich genommen, und es blieben dem Rektor Cabisius auch noch einige

übrig, und er kam niemanden damit ins Gehege, daß er sie ausübte. Es

war eine friedliche Teilung. Es gab jeder, was er zu geben hatte, und

keiner gab, was er nicht hatte.

Einiges, was der Rektor zu tun hatte, war bewußt und sozusagen

offiziell. Das hing mit dem Studienplan zusammen, mit allerlei

Ratschlägen, die sonst niemand zu geben wußte.

Einiges andere geschah nebenher und war selbstverständlich und nicht

minder wichtig. Das war das, was aus dem alten, abgeklärteren Gemüt in

das junge hinüberfloß. Bei dem Besten, das geschieht, pflegt man es am

wenigsten zu wissen, daß etwas geschieht.

* * * * *

Es war bald nach jener Unterredung in Ehrenspergers Ladenstube gewesen.

Am Konfirmationssonntag. Mitte April. Aprilwetter. Der Schnee wirbelte

in der Luft umher, und der Wind blies aus vollen Backen. Er nahm es

ganz ernst; er meinte wunder was er zu verrichten habe. Aber gleich

war die Sonne wieder da. Sie war in guter Laune; so recht wie eine

fröhliche Kindermutter, die am Sonntag Nachmittag ein bißchen mit

den Kindern spielt, und die sich nun den Spaß gemacht hat, sich zum

Versteckspiel herzugeben.

»Kinder,« sagte sie lachend, und schob die Wolkenvorhänge weit zurück

und trat ganz hervor, daß alle sie sehen konnten, »Kinder, das war ja

nicht ernst gemeint. Seid ihr erschrocken? Nun bin ich wieder da. Ihr

müßt auch Spaß verstehen.«

Denn die hellbegrünten Hecken und einige voreilige Blütenbäume, die

schon in weiß und rosa prangten, standen ganz verdutzt. Es war ihnen

Schnee in die Augen geflogen. Nun rieben sie die aus und konnten es

nicht hindern, daß große Tropfen, wie helle Kindertränen, herausquollen

und zur Erde fielen.

»So, so,« sagte die Sonne und streichelte sie warm und trocknete ihnen

die Gesichter. Da lachten sie wieder. Da lachte alles mit ringsumher.

Die braune Erde und die junge, aufsprossende Saat, und die lichtgrünen

Raine, an denen die Gänseblümchen mit großen Augen in den Tag hinein

guckten.

Und der blaue Himmel, und die weißen, geballten Wolken, die wie

Schneeberge aussahen. Die erst recht, da sie geholfen hatten, den Spuck

zu verüben.

»So, nun ist das recht,« sagte die Sonne, denn sie mag gern freundliche

Gesichter leiden. Und ihr mütterliches Gesicht war ganz rund und

glänzend vor Freude.

Da kamen die drei den schmalen Feldweg entlang, der auf einer Seite

die Hecke hat und an der andern hart an die Kornäcker stößt. Der

Rektor Cabisius und die beiden Kinder Georg und Gertrud. Die Kinder

gingen voran und gingen eine Weile Hand in Hand. Aber das nicht lange.

Der aufgeschossene Junge in schwarzen Konfirmationskleidern, der den

Kopf mit dem neuen Hut so steif hielt, als wäre er einzig des Hutes

wegen da, der war heut nicht so eigentlich ein Genosse. Der war etwas

Besonderes, eine eigene Sorte von Menschen, um und um feierlich.

Nach einer Weile machte er seine Hand los und ging aufrecht einher,

und das Mädchen bückte sich und brach einige Gänseblümchen und blaue

Ehrenpreis. Der Rektor hatte den Hut abgenommen und ließ die starke,

lebensvolle Frühlingsluft über seinen grauen Kopf hinspielen. Seine

Augen gingen auf eigene Faust spazieren, in die Nähe und in die Weite.

Da wurde seine Seele voll von dem frischen Bilde, das durch die hellen

Fenster zu ihr hineinschien und sie freute sich dessen und mußte es

auch aussprechen.

»Es war ein wunderlicher Krieg

Da Tod und Leben rungen,

Das Leben behielt den Sieg

Und hat den Tod bezwungen.«

Das sagte er leise und zustimmend vor sich hin.

Er hatte das Scharmützel vorhin ernst genommen, das Schneien und

Stürmen, und daß nun die Sonne schien.

Aber wir wissen schon, daß er zu denen gehörte, die im Heiteren den

Ernst und im Ernst das Frohe finden.

Da, als die drei ein wenig schweigsam dahingingen, ein jedes in seinen

Gedanken, hörten sie einen frischen Gesang über die Felder hinschallen,

der kam näher und näher.

Die sangen, waren junge Burschen und Mädchen aus dem Weiler

Hinkelsbach, die nach ihrer Gewohnheit am Sonntag Nachmittag ein Stück

weit in die Felder hinausgingen. Sie gingen zu dreien oder vieren, wie

es der Weg erlaubte, und hielten einander lose an den Händen gefaßt,

und ihr Lied klang gut zusammen aus frischen Kehlen. Es war eins von

den ernsten, traurig-schönen Liedern, die das Volk gerne singt, wenn

es fröhlich ist, und handelte von jungem Leben, das in Kampf und Tod

geht, von der Schönheit und Kraft, die schnell entschwindet, von der

Lust, die ein Ende findet, eh' man's denkt, und davon, daß der Mensch

sich »still fügen muß, wie Gott es will.« Die drei blieben stehen und

horchten. Da bogen die Sänger ab, gegen den Waldrand hin, und der

Schluß ihres Liedes tönte nur noch so verloren herüber.

»-- -- -- und so will ich wacker streiten,

Und soll ich den Tod erleiden

Stirbt ein braver Reitersmann.«

Der Rektor nickte mit dem Kopf und sah eine Weile über das Feld hin,

als sähe er den Tönen nach.

»Das ist ein schönes Lied,« sagte er. »Und ein frommes Lied. Man muß es

recht verstehen. Ja, nun seht ihr mich an und wißt es noch nicht. Das

kommt noch, später.«

Der Rektor hatte einst in seiner Jugend Theologie studiert. Aber kurz

bevor er ins Pfarramt treten sollte, hatte er sich entschlossen,

lieber ein Schulmeister zu werden. Denn erstens hatte er sich stark

im Verdacht, daß er bei seiner Neigung, innerliche Wahrheiten auf

eigene Weise und in eigener Sprache ins Leben zu übersetzen, doch nicht

so recht auf die Kanzel passe, und zweitens zog es ihn auch stark

zur Jugend. Das hat er nie bereut. Aber etwas war doch an ihm hängen

geblieben. Er hatte die Neigung, hie und da eine Predigt zu halten. Er

wußte meistens nicht, daß es eine sei, und die ihm zuhörten, wußten

es auch nicht. Auch mischte er leicht geistliches und weltliches

durcheinander. Er hatte keine Schubfächer in seinem Innern: hie Gott,

hie Mensch, hie geistliches, hie weltliches. Es war ihm alles ein Stück

Leben, es floß alles aus einer Quelle, groß, schwer und schön. Schlug

ein äußeres Geschehen eine innere Saite an, dann ließ er sie klingen.

So auch jetzt. Seine Seele war liebender Gedanken voll für die jungen

Menschen, die heute gelobt hatten, mit den empfangenen Waffen für das

Leben, gegen den Tod, zu streiten. Das Lied brachte ihn zum Überfließen.

»Ja,« sagte er, »wacker streiten, das ist's. Das hat Jesus auch getan

und ist gestorben als ein Held. Das sollen wir auch tun.«

Und er erzählte ihnen, innere Gedankenreihen zusammenhängend, zuerst

von der Schlacht bei Sempach, und von Arnold Struthan von Winkelried.

Der war einer seiner Lieblingshelden, obgleich er nicht geschichtlich

erwiesen ist.

Die beiden horchten hoch auf.

Wie der starke und treue und kühne Mann sah, daß seinen Genossen der

Mut entwich, und wie er beschloß, sie zu retten, und die Speere der

Feinde mit den Armen zusammendrückte und sich in die Brust stieß und

rief: Brüder, ich will euch eine Gasse machen, und darüber starb. Und

wie die Seinen durch die Gasse hindurchbrachen, zur Freiheit.

Als er das erzählte, da blitzten seine Augen, als ob ein starkes,

loderndes Feuer dahinter läge.

Und er sagte, daß das Jesus auch getan habe, nicht einigen, nein, allen

zuliebe und in einer viel größeren Sache. Wie er die Menschen aus der

schmählichen Knechtschaft herausführen wollte und sie wieder zu freien,

frohen, adeligen Söhnen Gottes machen, -- und wie er, als kein anderer

Weg dazu war (denn er warf sein Leben nicht leicht weg), beschloß, sein

nicht zu achten um der andern willen. Und ging den Feinden entgegen,

und drückte sich die Speere in die Brust, und starb, und machte der

Freiheit eine Gasse, größer, als ein anderer Held auf Erden je getan

hat. Da sahen die Seinen, daß nichts für sie zu fürchten sei, nicht

das Leben und nicht der Tod, und gingen ihm nach. Und, da sie vorher

zag und ängstlich gewesen waren, bekamen sie nun mutige Herzen und

fröhliche Augen. Das machte, daß sie dem Vater nahe kamen, so nahe, daß

sie ihn mit du anreden konnten. Und sie trugen seine Waffen. Georg,

man hat dir gesagt, welche das sind. Und sie sahen sich um nach denen,

die nach ihnen kamen, die Alten nach den Jungen, die Starken nach den

Schwachen, die Reinen nach den Unreinen, und reichten ihnen die Hand,

und halfen ihnen, vorwärts zu kommen. Wie sie es ihn, der die Gasse

gemacht, hatten tun sehen. Das ist nun bald zwei Jahrtausende her, das

strömt noch immer. Das ist ein langer, langer Zug, unabsehbar lang.

Der wird strömen, so lang Menschen auf der Erde sind. Seht ihr's, dazu

gehören wir auch.«

Da waren sie eine Weile still und sahen über das Feld hin, als ob sie

dort lange, lange, ziehende Menschenheere sähen, von Jahrtausenden

her, bis zu ihnen hin. Die trugen alle blitzende Waffen, und reichten

einander die Hände und gingen gerade aus, dorthin, wo hinter dem

waldigen Berg nun die Sonne niedrig stand und das Land mit einem

goldenen Licht segnete. Und sie winkten ihnen mit Augen und Händen:

kommt. Da ging etwas Großes durch die Kinder hindurch; sie wußten

es aber nicht zu benennen. Es war etwas Gewaltiges, Starkes, das in

ihr Leben griff, zu dem sie selbst gehörten, ernst und froh. Leise

faßten sie die Hände des alten Mannes, und als sie zu ihm aufsahen,

da staunten sie. Der ganze Glanz der Abendsonne, in die er sah, lag

auf seinem Gesicht. Aber nun kehrte er sich wieder zu ihnen, und dann

gingen sie mitsammen nach Hause.

* * * * *

Er hatte nicht viel dazu gesagt, als Georg an jenem Tag kam und ihm

seine Berufswahl verkündigte. Er fragte ihn auch nicht viel nach den

Gründen, die er dazu habe. Das konnte ja noch alles werden, wie es

wollte. Ein Wort, ja, am andern Tag, als sie in der Schule Goethes

Iphigenie lasen. Da kam es an Georg Ehrensperger, wie Pylades sagt: ein

jeglicher muß seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf

sich nacharbeitet. --

Da stand plötzlich der Rektor neben ihm und klopfte ihm mit dem Buch

auf die Achsel, sah zu ihm hinein und sagte lächelnd: »Nun, also, du

hast dir den deinigen gewählt, Georg. Ja, man muß sich an einen ganz

Großen halten, die mittleren versagen unterwegs.«

Georg wurde rot. Wußte der Rektor, daß Hornstein --? Ach nein, das

konnte er nicht wissen. Er verstand ihn damals nicht so recht. Es war

gerade jetzt eine Zeit, da die jungen Leute in gute und treue Belehrung

bis über die Ohren eingewickelt waren.

Sie hatten den Katechismus und das Fragenbuch auswendig gelernt und

waren in die christliche Kirchenlehre eingeführt worden. Aber Georg war

manchem davon, wie damals der braven Jungfer Liese, unter den Händen

weggelaufen, wenigstens mit seinen Gedanken.

In seiner Kammer hing der Stundenplan, den las er morgens ab: Religion,

Latein, Latein, Griechisch, Algebra. Und was das mehr war. Oder auch in

anderer Reihenfolge. Es waren lauter Fächer, auf die man zu arbeiten

hatte. Auf Religion noch am wenigsten, das war gut, weil sich die

Aufgaben manchmal stauten. Einiges auswendig lernen; das war bald

geschehen. Auch war es leider kein besonders anregendes Fach. Das

ging vielleicht manchem andern anders. Ihm ging es nun so, daß es ihn

nur selten persönlich aufstörte: Du, das geht dich selbst an. Es war

kein Stück Leben; für ihn noch nicht. Er war in Gefahr, nicht viel

lebendiges mit sich zu nehmen. Vielleicht war er noch zu jung dazu,

vielleicht auch zu träumerisch.

Darum verstand er damals den Rektor nicht so recht. Aber heute war es

anders.

Nun war da ein Funke hineingeflogen. Wann das #so# war!

Alle die ziehenden Menschenheere, und ein Held voran, auf den sie

sahen, größer als Kolumbus, der Neulandentdecker und Alexander der

Große, und alle Sagenhelden der Vorzeit. Und er sollte da mitgehen.

Es muß ja gestanden werden, daß er noch nicht recht sicher war, gegen

was er alles streiten wollte. Aber streiten wollte er nun sicher,

wacker streiten. Vielleicht waren das nun auch wieder Träume, wer kann

das untersuchen?

Aber es war wohl etwas, daß an diesem Tag sein junges Herz ins Klopfen

kam und eine Größe und Weite spürte, wie noch nie.

Alle guten Geister...: Roman · 第 21 / 53 题