Der Alte schüttelte leise den Kopf: »Das hör' ich nicht mehr.«

Aber der Knabe hörte das nicht.

Ihm flogen die Gedanken wieder über die nüchterne, pflichtgetreue

Wirklichkeit hinaus, wie Vögel, und setzten sich auf einen Wunderbaum,

der irgendwo in der Welt draußen stand und fingen an zu flöten und zu

singen: »Das Leben macht die Tore weit, weit, weit! Zicküh, zicküh, es

hat alles drin Platz.«

Und unter dem Baum stand die Jugend und reckte ihre herrlichen Glieder

und nickte ihm mit leuchtenden Augen zu:

»Natürlich ist das so. So lang ich währe. Wie lang ich währe? Immer,

immer, weißt du das nicht?«

* * * * *

Also guckten seine jungen Träume hie und da zwischen den großen

Pflichtgedanken heraus, wie fröhliche Kindergesichter zwischen

zugezogenen Vorhängen. »Wir sind noch da; wir kommen schon wieder; es

macht uns nur Spaß, so ehrbar zu tun.« Das wußte Georg selbst nicht. Er

nahm es gewaltig ernst mit allen guten Vorsätzen und mit seiner neuen,

verständigen Jungmännerwürde.

Gertrud hätte davon zu sagen gewußt. Er quälte sie viel in dieser Zeit.

Sie sagte aber nichts. Manchmal lachte sie, und manchmal gab sie einen

Puff zurück und gestern abend war sie ihm kurzer Hand davon gelaufen.

Nun kam er heute morgen und fand es noch zu früh, um der Frau Rektorin

Lebewohl zu sagen und hätte gern noch einen kleinen Schwatz mit ihr

getan. Da stand er wie gewöhnlich an der hinteren Haustür, die nach

dem Garten führt und rief mit langgezogenen Ton ihren Namen. Ger -- --

trud. Sie aber saß oben hinter einem Buch und stopfte die Finger in die

Ohren, um ihn nicht zu hören.

Sie hörte ihn aber doch; der Schelm flog über ihr Gesicht, und sie tat

noch eine Weile, als ob sie läse. Dann stand sie auf und ging gemütlich

hinunter.

»Hast du mich gerufen? Es war mir so.«

»Ja, schon zwanzigmal. Wo steckst du denn?«

»Ich? Oben. Warum?«

»Warum? Sei doch nicht so. Ich gehe heute fort. Du, ich muß dir noch

sagen, daß -- -- --« Da kam irgend etwas ganz notwendiges zum Vorschein.

Denn er mußte ihr alles erzählen, auch jetzt. Seine spartanische Suppe

schmeckte ihm nur, wenn er sie mit ihr teilen konnte. Ja, und wenn er

ihr auch eine einbrocken konnte. Das tat er auch, oft genug. Und es

gewährte ihm eine sonderbare Befriedigung, wenn sie das Gesicht verzog.

Er fing seit einiger Zeit an, von all den jungen Leuten als von seinen

Freunden zu reden. Das durfte er ja gern. Aber erstens entsprach es

nicht recht dem Tatbestand, und zweitens legte er eine Herausforderung

in seinen Ton.

»Mein Freund so und so.« Damit fing jedes Gespräch an.

Heute auch. Gertrud wunderte sich. »Der auch? Und der auch? Das sind

alles deine Freunde? Das hast du sonst nie gesagt.«

»Ja. Hast du was dagegen? Sind alle aus meiner Klasse. Natürlich.«

Sogar von Ernst Daxer sagte er seit einiger Zeit immer: »mein Kamerad

Daxer. Das sagt er, das tut er.« Aber immer: »mein Kamerad Daxer.«

Gertrud war es fremd dabei zu Mute. Nun ging er nicht als landfahrender

Geiger in die weite Welt. Kein abenteuerlicher Plan kam ins Werden.

Aber nun entfernte er sich in anderer Weise von ihr. Sie wußte nicht,

daß er wieder einmal einen zu starken Anlauf genommen hatte und übers

Ziel hinausschoß. Sie versuchte aber, tapfer mitzugehen.

»Du, das wird fein. Wenn du in die Vakanz kommst, dann machen wir

gerade so weiter. Es wird sein, als ob du gar nicht fort gewesen

wärst. Du mußt mir alles erzählen und ich dir.« Er tat, als ob das

unwahrscheinlich sei.

»Das sind Bubengeschichten, was ich jetzt erlebe,« sagte er. »Das

interessiert Mädchen nicht so. Und da kommen auch alle meine Freunde

nach Haus. Bis man da an allen herumkommt, das nimmt viel Zeit.«

Da hatte sie ihre schwarze Suppe. Sie schluckte daran, sie war scharf

gepfeffert.

Er schielte nach ihr hin, ohne den Kopf zu drehen. Er konnte die freie

Männlichkeit noch nicht so recht vertragen. Er war ja doch da zu

Hause; sie gehörte ja so sicher zu ihm, daß er sie auch kecklich ein

bißchen quälen durfte. Aber nun war es ihm doch unbehaglich.

»Ich freue mich aufs Läuten in der Sylvesternacht,« sagte er

unvermittelt. »Und aufs Kindleinwiegen in der Christnacht. Da gehen wir

auf den Turm, nicht? Du, sagst du gar nichts?«

»Wer geht? Deine Freunde und du?«

»Ach, Dummheiten, du und ich. Sei nicht so empfindlich. Mädchen sind

immer empfindlich, Buben nicht.«

Nein, sie war nicht empfindlich, das konnte man nicht sagen. Wenigstens

nicht mehr, als unter diesen Umständen billig war. Sie machte den

großen Gedankensprung mit. Also würde es doch wie sonst. Das war die

Hauptsache.

Da lachte sie. Sie war froh darüber.

»Du, gestern hat mich der Großvater gefragt, ob ich nicht Lehrerin

werden wolle. Ich weiß aber nicht. Wir hatten einmal eine, als ich noch

in der Volksschule war, in der untersten Klasse, nein, in der zweiten.

Die hatte einen so langen Stock, daß sie damit über eine ganze Bank

hinreichen konnte. Wenn eins nicht aufpaßte, zog sie allen eins hinten

über. Den Stock hat ihr der Oberlehrer abgeschnitten. Und dann leckte

sie sich immer die Lippen ab. Ich dachte immer: was sie wohl heut

gegessen hat? Ich weiß nicht, ob ich eine Lehrerin werden will.«

»Darum?« sagte Georg. »Das brauchst du ja nicht nachzumachen. Du kannst

ja auch eine nette werden. Das kommt ja auf dich an.«

»Ja, wenn du meinst?« Sie machte ein ernsthaftes Gesicht. Das tat ihm

mächtig wohl. Nun konnte er seine Überlegenheit zeigen. »Ach,« sagte

er, »es ist ja einerlei, Buben müssen etwas Rechtes werden. Meine

Kameraden werden alle etwas, ich auch. Bei Mädchen ist das nicht so

wichtig. Du kannst auch zu Hause bleiben. Es ist einerlei.«

Da stand sie schon in der Haustür. Wie der Wind war sie die Steintreppe

hinaufgefahren. Die braunen Zöpfe lagen ihr um den Kopf. Sie machte ein

hochmütiges Gesicht. Darin verstand sie keinen Spaß.

»So warte doch, ich gehe mit. Du, Gertrud, spring doch nicht so.«

Aber sie rief schon von der Treppe her: »Ich habe mich ganz vergessen,

ich muß üben. Ich habe nachher Klavierstunde.«

Weg war sie.

Da machte er ein grimmiges Gesicht. Klavierstunde? und er? Da stieg er

langsam hintendrein.

Aber nach einer Weile guckte Gertrud lachend hinter der Großmutter vor.

Die war beschäftigt, ihm die Taschen mit Nüssen zu füllen. »Sie sind

von unserem großen Baum. Du bist oft genug darunter gesessen. Vergiß

nicht« --, da stieg ihr etwas Gerührtes bis in die Kehle empor. »Vergiß

nicht, daß du hier daheim bist,« sagte der Rektor. Das hatte sie nicht

sagen wollen; sie hatte einige kleine Ermahnungen bereit gehalten. Die

waren nun im Keim erstickt.

Aber was schadete das?

Sie gaben ihm mehr mit ins Leben hinaus, als Ermahnungen, viel mehr.

Sie hatten Sonne und Wärme in seine Kinderjahre gebracht. Sie waren

so unüberwunden vom Weltleid und von allen grauen Geistern. Und sie

behielten ihm einen Schatz von Liebe auf, dessen Zinsen, das wußte

Georg, er jederzeit erheben konnte, solang -- ja, solange die beiden da

waren.

Alle guten Geister...: Roman · 第 23 / 53 题