»Großvater, der Blitz?«
»Nein, nicht gerade der Blitz. Er wurde vom Schlag getroffen, als er
gerade eine Braut und ein Amt gewonnen hatte. Aber es war doch, als
ob der Blitz in einen Baumriesen gefahren wäre und ihn zerschmettert
hätte. Er war mein liebster Freund.«
Da sahen sie mit großen, erstaunten Augen auf ihn.
Das war wohl schon lange her? Er konnte hier sitzen und davon reden,
und der andere war schon lange tot.
Von den dreien erzählte er, die oben in der Mitte des Bildes standen
und die Hände ineinandergelegt hatten, wie zu einem Schwur.
»Das waren die Vaterlandsfreunde«, sagte er. »So nannten sie sich,
obwohl wir das vielleicht alle waren. Sie hofften, daß Deutschland
einig werde, und dichteten Lieder drauf, und einer von ihnen, der hier,
mit der Locke in der Stirn, fand Melodien dazu.«
Einer hat es auch erlebt. Der kam von Amerika herüber, als wir Alten
uns nach dem Friedensschluß anno einundsiebzig mit den Jungen der
Verbindung zusammentaten, um den Frieden und das Vaterland zu feiern.
Ich sehe ihn noch. Er hatte damals schon schneeweißes Haar, denn das
Leben hatte ihn hart mitgenommen. Aber seine Augen blitzten, und er saß
und sang mit einer mächtigen Baßstimme, und die Tränen liefen ihm in
den Bart und tropften ihm ins Glas: »Wie mir deine Freuden winken, nach
der Knechtschaft, nach dem Streit! Vaterland, ich muß versinken hier in
deiner Herrlichkeit!«
Da waren sie hingerissen und wünschten, auch so Herrliches zu erleben
und fragten nach den beiden andern.
»Dem zweiten hat er einen Eichenzweig mit nach Kansas genommen, den
wollte er ihm aufs Grab legen, da er seinen Jugendtraum nicht mehr
hatte zur Wahrheit werden sehen.«
»Und der Dritte?«
»Ist unter die Philister gegangen.«
»Unter die Philister? Nein, Großvater, nun red' im Ernst.«
»Weißt nicht, was Philister sind? Denen alles einerlei ist, was man
nicht essen und trinken kann, und was sonst noch so ihr bißchen Ich
betrifft. Auch gehen sie immer der Nase nach in gewiesenen Bahnen und
halten es verboten, die Augen aufzumachen.«
»Ach, das gibt's ja nicht. Sag' lieber noch, was mit dem hier ist,
unten in der Ecke, dem mit dem lachenden Gesicht. Das ist der Nettste
von allen.«
Ich weiß nicht, ob es für richtig gefunden wird, daß der Rektor den
beiden erzählte, wie dieser, »der Nettste von allen,« geendet habe.
Ich sage nur, wie es war. Vielleicht war er kein so richtiger Pädagog,
vielleicht ließ er die Kinder nur so mit sich leben und zeigte ihnen
das Bilderbuch seines Lebens mit den fröhlichen und mit den ernsten
Seiten, wie es sich beim Umblättern traf. Weil er selber auch ein
kindlicher Mensch war, dachte er nicht so viel daran: dies hier ist nun
für Kinder, -- und dies für Erwachsene.
»Es war keiner so sonnig wie er,« sagte er und nickte ernst.
»Man mußte ihn lieb haben in seinen jungen und schönen Tagen.
Das mußte man. Er war seines Vaters einziger Sohn. Er hatte Geld und
Gaben des Geistes, und Schönheit und Witz. Und er meinte, es gehe
durchs ganze Leben mit Kling und Klang, alle Tage und Jahre.
Er hieß Ernst. Aber der Name war alles, was er vom Ernst besaß.
»Wir wollen es mit der Freude halten,« sagte er.
Das habe ich hernachmals für richtig gefunden und halte es noch für
richtig. Ich weiß nicht, wie einer das Leben bestehen kann ohne Freude.
Aber er wußte nicht so recht, was Freude sei. Er meinte, die brausende
Jugendlust, das sei sie schon.
Ich sag' euch, man muß Ernst dahintersetzen, es geht nicht anders.
Er glaubte das nicht nötig zu haben. Wenn er einmal wollte, dann flog
ihm das Wissen nur so zu. Aber er verbummelte. Er ballte nie die Hand
zur Faust und sagte: leicht oder schwer, #das will# ich. Er dachte wohl
immer: später dann, das kommt noch alles. Man sagt, er habe zuletzt,
als er viele Semester durchkneipt hatte, noch einen Anlauf genommen.
Das war damals, als sein Vater starb und nichts vom Vermögen übrig
blieb.
Aber nun konnte er nicht mehr wollen.
Das Wollen, das kann einer in sich töten, so nach und nach.
Er hatte das Glas ausgetrunken und nun warf er es weg.
Er konnte nicht mehr leben als er sah, daß es leer sei. Und er wußte
keinen, der es ihm neu hätte füllen können.«
Sie sahen fragend zu ihm auf.
Er strich sich über die Stirn.
»Ja, und dann ging er aus dem Leben. Dieser hier, der 'Nettste von
allen'. Er ertrank im Neckar. Das konnte er noch wollen, sonst nichts
mehr.«
Die Kinder atmeten tief auf und sahen scheu auf das Bild. Nun streifte
der bittere Lebensernst ihre jungen Seelen.
Wenn das #so# war.
Der Großvater stand auf und hängte das Bild wieder an seinen Platz. Sie
waren eine Weile stumm und drängten sich nah zusammen.
»Großvater,« sagte Gertrud, »lebst nur du noch allein von allen?«
Da hörte er, daß eine leise Angst in ihrer Stimme lag.
Und er wußte, daß es #das# war:
Oben an der Höhe, die gleich hinter dem Städtchen ansteigt, und die
ein kleiner Laubwald krönt, da war, einige hundert Schritte von der
breiten Straße entfernt, eine junge Eichenpflanzung. Er ging dort gern
hin. Er setzte sich manchmal im Sommer auf einen der Stümpfe, die dort
als Reste von früheren Bäumen zwischen den jungen, schwanken Stämmchen
standen, und hörte zu, wie es in den Wipfeln leise rauschte und sah,
wie die Sommerluft in der Sonne zitterte.
Und er gedachte aller der alten Bäume, die hier vor Zeiten gestanden
hatten, und was aus ihnen geworden sei, und sah liebend auf die jungen,
die noch so schwank waren und im ersten Saft standen. Und es war ihm
tröstlich in der Seele der jungen Bäume, daß dort drüben über dem
Weg noch ein alter, knorriger Eichbaum stand. Nicht eben einer der
schönsten, aber doch einer der alten.
Denn er umfaßte liebenden Gemütes alles, was geschaffen war.
So verstand er nun das leichte Zittern in seines Kindes Stimme: wo sind
die andern? Und bleibst #du#? Du bleibst doch?
»Allein?« sagte er. »Nein, wir sind noch zu vieren.«
Und er streichelte ihr Gesicht. »Noch stehst du nicht in der ersten
Reihe,« dachte er. »Wie lang noch? Aber ich will nicht darum sorgen. Es
ist nichts zu fürchten. Die ganze Welt ist Gottes Haus. Du kommst ihm
nicht aus den Händen.« Da richtete er sich stramm auf und holte neue,
frohe und starke Bilder aus seinem Bilderbuch, und wie er erzählte,
dehnte sich ihnen, ihm selbst und den Kindern, die Welt, und wurde
vorwärts und rückwärts und zu beiden Seiten groß und weit und war voll
lebendigen Lebens.
* * * * *
So war es, wann die Kinder zur Dämmerstunde dort waren.
Das ging mit ihnen, das haben sie sich später hervorgeholt, wenn sie es
je eine Zeitlang vergaßen.
Sie wußten nicht, daß sie in jenen Stunden zu einem guten Teil fürs
Leben erzogen worden seien.
Erzogen? Es war die gemütlichste Stunde des Tages gewesen. So schön
konnte es sonst nirgends sein.
Manchmal lustig, und manchmal still -- froh, und manchmal ernsthaft,
sehr ernsthaft, und manchmal ein bißchen schaurig.
Aber immer schön.
Aber nun war die Frau Rektorin allein bei ihrem Mann.
Sie hatte Gertrud zur Nähterin ins Eßzimmer gesetzt.
»Da, nun säumst du das Taschentuch. Immer zwei Fäden auf die Nadel, und
zwei liegen lassen. Nein, kein Buch daneben legen. Du siehst sonst doch
hinein. Was soll aus dir werden, wenn du nicht einmal ordentlich nähen
kannst?«
Georg war zu Hause, er hatte Aufgaben zu machen. Er mußte sich rühren,
er mußte gleichfalls allmählich »Ernst dahintersetzen«.
»Mann,« sagte die Frau Rektorin, »lieber Mann, nun muß ich mit dir über
Gertrud reden.«
»Das tun wir hie und da,« sagte der liebe Mann und lächelte. Er wußte
wohl, was nun käme? Er sah so aus.
Er öffnete die untere Ofentür. Es war erst allmählich dunkel geworden
und es gehörte nun zu seinem Behagen, daß der Feuerschein in die Stube
fiel.
Da sah sie sein lächelndes Gesicht.
»Mann,« sagte sie, »es ist mir nicht zum Lachen.
Das wird nun allmählich Ernst.
Du läßt sie bei dir sitzen und Latein lernen, und lehrst sie alles
Mögliche mit dem Jungen, dem Georg, zusammen. Du hast dein Vergnügen
dran, ich weiß es.«
Das hatte er, das mußte er zugeben, es war nicht zu leugnen.
Er nahm die Pfeife aus dem Mund und sah nicht besonders schuldbewußt
aus.
»Sie nimmt einem das Wort vom Munde weg,« sagte er.
»Wenn sie eine Weile nachdenklich und ernsthaft ausgesehen hat, dann
blitzt es in ihren Augen. Dann hat sie mich verstanden. Es ist eine
Freude, das zu sehen, und eine Freude, sie zu lehren.«
Aber dahin wollte die Frau Rektorin den Wagen nicht lenken.
»Was?« sagte sie. »Erzählst den beiden von den alten Griechen und
Römern und von den Sagengeschichten. Ja, ich hab' neulich zugehört; das
von den Argonauten und vom goldenen Vließ. Und von Odysseus, dem ganz
und gar durchtriebenen Lügner. Als ob du selber dabei gewesen wärst.
Ist's nicht genug, was sie in der Schule haben? Du gibst es ihnen wie
ein Stück Leben.«
»Das hat dir auch gefallen, Anne.«
»Davon red' ich nicht. Aber was soll das für ein Mädchen werden?
Frägt sie etwas nach hübschen Handarbeiten? Ist es ihr nicht einerlei,
was für ein Kleid sie anhat? Ist das weiblich?«
Nun mußte er sie ausreden lassen, das wußte er.
»Setz' dich, Anne,« sagte er. »Komm, hier in deinen alten Freund, den
Sorgenstuhl.«
»So, nun leer dein Herz aus.«
Es brachte sie aus dem Konzept, wenn er solchergestalt Edelmut übte.
Sie mußte ihn dann immer ansehen. Ob er sich nun lustig macht? Die
kleinen Fältchen um Mund und Augen zuckten wie von einer inneren
Erheiterung. Und die Frau Rektorin wollte ernst genommen sein.
»Weißt du was?« sagte sie.
»Gestern, als der starke Wind ging, der die Läden herumwarf und die
Straßenlaternen fast auslöschte, da steht sie in der Küche bei Marie,
die ohnehin ein Hasenfuß ist.
'Hörst du?' sagte sie, 'nun ist das Wuotesheer in der Luft. Hörst du,
wie sie johlen und in die Hörner stoßen, und wie die Hunde bellen?'
Da fängt die Marie an zu stöhnen: Uh, ich fürcht' mich. Uh, ich geh'
nicht mehr an den Brunnen um Wasser. Meinetwegen hol' Wasser, wer will,
ich nicht. Dazu hab' ich mich nicht verdingt, daß ich dem wilden Jäger
in die Hände laufe. Und Gertrud nimmt den Eimer und geht selbst und
kommt wieder mit einem Gesicht, als ob ein Fest sei: 'prachtvoll ist
das. Ich geh' nochmals.'
Jetzt frag' ich dich: ist das ein Bub' oder ein Mädchen? Gehört so ein
Kind in die Lateinschule unter lauter Buben hinein?«
Der Herr Rektor ließ die Frage vorläufig offen.
Vielleicht dachte er, es komme noch mehr dazu.
Da hatte er nicht so unrecht.
»Ja, Mann, das Latein. Du lachst, ich weiß es. Aber es drückt mir das
Herz ab. Ich muß es nun einmal sagen.
Da war bei uns zu Haus, in meiner Heimat, eine Frau. Sie hatte ja wohl
früher einen Mann gehabt, aber der war nun lange tot. Die konnte auch
Latein, jedermann wußte das. Sie kannte alle die heidnischen, alten
Schriftsteller, wie unsereins sein Kochbuch. Kurzes, schwarzes Haar
hatte sie, und so etwas wie einen Schnurrbartanflug. Und sie war der
Schrecken aller guten Leute, aller netten, geordneten.
Einmal, da ging ich mit meiner Freundin, (du hast sie nicht mehr
gekannt, sie hat vor mir geheiratet, nach Österreich hinein --) ja,
also da ging ich mit ihr vor Tau und Tag hinaus. Wir wollten uns
im Maientau waschen. Das taten wir alle Jahr einmal. Da steigt das
lateinische Frauenzimmer in hohen Männerstiefeln und kurzen Röcken
einher und watet durch Sümpfe und Gräben, und hat eine Blechkanne mit
einem Henkel am Arm, darin sie das scheußlichste Gewürm sammelt.
Und grüßt uns noch freundlich, und hält mit der Hand, ja, mit der
bloßen Hand, Mann, eine gelb und braun gestreifte Kröte empor, die
glotzt uns dumm und breit an.«
»Das ist eine besondere Art, die ist hier herum selten,« sagte sie.
»Und,« schloß die Frau Rektorin ihre Geschichte, »jetzt frag' ich dich,
was hat das Kind, die Gertrud, das unser letztes ist« -- hier brach ihr
die Stimme, -- »was hat das mit Reiterstiefeln und Krötenfang zu tun?«
Denn sie wußte nun seit jenem Maimorgen eine Frau, die Latein konnte,
nicht von diesem ihrem Schreckbild zu trennen.
»So lache doch nicht, Mann. Wirst du aufhören?«
Aber das war leicht zu sagen.
Sie lachte schließlich wider Willen mit, nur weil diesem Lachen niemand
widerstehen konnte.
Aber dann trocknete sie sich ihr gutes, rundes Gesicht und sagte, daß
ihr die Sache bitterlich ernst sei.
Da unterbrach er seine Wanderung und setzte sich zu ihr auf die
Seitenlehne des Stuhls und war sehr ernsthaft und sagte:
»Nun fährst du wieder vierspännig, Anne. Auf und davon.
Also weil die Gertrud ein Mädchen ist, soll sie nicht lernen, was ihr
Freude macht? Und weil du einmal eine sonderbare Frau gekannt hast, die
gleichfalls lernbegierig war, darum gerätst du nun in Angst, daß unser
Kind ebenso sonderbar werde?
Ich will dir sagen, Anne: Die Welt ist so groß und mannigfaltig.
Es wachsen allerlei Bäume darin. Laß wachsen, was wachsen will.
Wir können nicht sagen: es muß so sein und nicht anders.
Wir können nur helfen, daß da keine Unnatur mit unterläuft; nichts
Unwahres und nichts Geziertes. Nicht, Anne?