Wer mir irgend einen Ort zu nennen weiß, in dem es zur Dämmerstunde
heimlicher, wärmer und behaglicher ist, als in der Studierstube des
Rektors Cabisius, der komme und zeige mir ihn.
Ich meine nicht zur Sommerszeit, wo die Fenster nach der Straße offen
stehen und das Jauchzen und Singen der spielenden Kinder hereinschallt.
Da stand der Rektor wohl oft am Fenster und summte leise mit, wenn sie
in den Kreis traten und sangen: »Es war ein Markgraf überm Rhein, der
hatt' drei schöne Töchterlein,« oder: »Ei, wer sitzt in diesem Turm?«
Und anderes mehr.
Da saß wohl in der Dachrinne eine Amsel und sang auch mit, über all die
Lust hin.
Aber öfter ging er um diese Zeit mit seiner Frau Anne im Garten auf
und ab, zwischen den Rabatten mit der Buchseinfassung, oder hinten, im
Obstgarten, unter den Bäumen.
Nein, ich meine nicht im Sommer.
Ich meine im Spätherbst, wenn die Tage kurz werden und der Wind durch
die Straßen fährt auf breiten, rauhen Flügeln.
Wenn er im Garten die Bäume herumreißt, daß sie ächzen, und das dürre
Laub, das sich gern zur Ruhe begeben wollte, in die Luft wirbelt.
Oder im Winter, wann die Laternen trüb durch den Nebel scheinen, oder
wann die Eiszapfen an den Dächern hangen und auf den Straßen Stein und
Bein zusammenfriert.
Ich sage, wenn einer einen Ort weiß, der um diese Zeit wärmer,
heimelicher und behaglicher ist, als es dieser war, der komme und zeige
ihn mir.
Aber das wird schwer halten.
Ist irgendwo noch solch ein breiter, tiefer, lederbezogener
Großvaterstuhl, wie der, der in der Wandnische neben dem Stehpult
stand? Man konnte sich darein verkriechen und glauben, vor allem Wetter
geschützt zu sein.
Da saß die Frau Rektorin, und redete sich vom Herzen herunter, was der
Tag gebracht hatte, und sah zu, wie der Feuerschein aus dem Ofen auf
den alten, blumigen Teppich fiel, und wie er kleine, fröhliche Lichter
an den Wänden herumhuschen ließ, daß die Gesichter der ehrwürdigen
Vorfahren in ihren dunkeln Rahmen ins Lächeln kamen.
Bei diesem flackernden Schein hatte der jüngste Sohn, der Liebling der
Frau Rektorin, einst erzählt, daß das Wunder geschehen sei und Eugenie,
sein »schwarzbraunes Mägdelein,« auf Befragen zugegeben habe, daß
sie ihn liebe. Und über sein Gesicht waren dabei alle hellen Lichter
gegangen, die auf einem jungen, warmen, glücklichen Menschengesicht
Platz haben, und seine Mutter hatte in ihrem Herzen gedacht, daß das
Wunder so groß nicht sei. Denn wer sollte ihren lieben Sohn auch #so#
sehen und nicht lieb haben?
Und derselbe Feuerschein hatte sich auch über ihr gutes, altes Gesicht
gestohlen, als sie ein paar Jahre später in dem alten Stuhl saß und
Leid um ihre Kinder trug, die beide nacheinander an einer ansteckenden
Krankheit gestorben waren.
Ihr Gatte saß neben ihr auf der Seitenlehne des Stuhls und legte den
Arm um sie und streichelte leise ihr Haar.
»Ja, weine nur, Anne. Jetzt sind sie alle drüben, unser ganzes
Häuflein. Nun müssen wir Alten miteinander hintendrein gehen. Weißt du
noch? Wir sagten immer: die Kinder voran, daß man sie im Aug' behält.
Nun sind sie alle vorangegangen.«
Da redete er eine Weile auch nicht mehr, und sie hörte, wie er tief und
schwer Atem holte aus bedrängter Brust.
Und sie drängte sich an ihn und nahm ihr Herz fest in die Hände, und
sagte, ob ihr auch die Stimme zitterte: »Alle? Sie haben uns das Kind
gelassen. Das muß doch eine Heimat haben, nicht? Nun müssen wir von
vorne anfangen, Mann. Wir müssen so jung sein als wir können. Für das
Kind.«
Das aber lag und schlief, und wußte nicht, daß über seinem jungen Leben
schon so hohe Wellen hingegangen seien.
Und nun war das zwölf Jahre her, bald dreizehn. Wie die Zeit dahingeht.
Sie waren »so jung als möglich« gewesen, die beiden Alten. Das waren
sie noch. Das blieben sie ja wohl vollends, die paar Jahre, die sie
noch zu leben hatten.
Jetzt war das Kind herangewachsen.
Zwischen den beiden hohen Bücherständern an der einen Langwand des
Zimmers, unter dem Bild des Urgroßvaters, der im Richtertalar und
Barett gemalt war, stand eine niedrige Truhe. Sie enthielt Manuskripte
aus des Rektors Studentenzeit. Das war Gertruds Sitzplatz. Er war
geräumig genug für Zwei. Das war auch durchaus nötig. Denn auch Georg
hatte hier seine Heimstätte. Jungfer Liese war nicht so zufrieden
damit. Nicht, daß sie ihn zu Hause vermißt hätte, aber sie fand, daß es
in Ehrenspergers Haus Platz genug gebe, Platz und einen warmen Ofen.
Das war ja wohl richtig.
Aber dieser Sitzplatz beim Schein des Feuers, und dieses ganze Zimmer
war in Georgs Leben durchaus nicht zu entbehren. Was ging für eine
Wärme und Helle davon in sein Leben hinein. Das wußte Jungfer Liese
freilich nicht so genau.
Auf und ab wanderte der Großvater, auf und ab. Das Zimmer war nicht
allzulang; sechs Schritte hin, sechs Schritte her. Aber was für große
Reisen machte er dabei.
Es war ein wunderbares Zimmer. In allen Ecken saßen gute Geister, in
den Büchern, hinter den Bildern, in dem alten, hohen Schrank, der in
einem besonderen Fach, in ein grünes Tuch eingeschlagen, einen samtenen
Schnürenrock und einige durchstochene grüne Mützen enthielt. Grün mit
schwarz-roten Bändern.
In der niedrigen Truhe saßen sie und klopften gegen den Deckel und
wollten heraus, wenn der Feuerschein aus der offenen Ofentür daran
vorbeitanzte.
Weißt du noch? rief es aus allen Ecken, nicht nur aus dem
Großvaterstuhl, der so viel erlebt hatte.
O ja, der Rektor wußte noch.
Wann die Geister lebendig wurden, fing er an, zu erzählen.
Es war ein langes Leben, das hinter ihm lag, und er war sein lebenlang
jung geblieben. Darum konnte er es nun gut mit der Jugend teilen. Und
es kam, daß sie, als die Frau Rektorin in der Küche war, zu dreien vor
der Ofentür saßen und das große Studentenbild vor sich hatten und beim
flackernden Licht beredeten, was aus dem und jenem geworden sei, der
darauf abgebildet war.
Da stand er selber, mit einem jungen, feurigen Gesicht, das Band über
der Brust, und hatte den Arm um einen baumstarken, stämmigen Menschen
gelegt, der gradaus vor sich sah, als ob er zu ernster Tat schreite.
»Großvater, was ist aus dem geworden?«
Der machte ein ernstes Gesicht.
»War ein Mensch, wie ein Eichbaum. Ernst und grad und fest. Innen und
außen war er wie ein Eichbaum.