Zehntes Kapitel

Es war ein Spätnachmittag im Frühherbst.

Die Sperlinge schwirrten mit viel Geschrei um das Weinspalier her.

Das war an der Südwand des Rektorhauses, die nach dem Garten geht. Es

war nicht viel für sie zu holen, es war ein feines, dichtes Netz über

die Trauben gezogen. Da hatte es eine Lücke und dort eine. Aber was

waren die paar Beeren für solch eine Schar? Das war gerade genug, um

den Appetit zu reizen. Aber darum konnten sie es doch nicht lassen,

schimpfend hin und her zu schwirren. Sie hielten lange Reden darüber,

daß es nicht recht zugehe auf der Welt? Was? Nun waren die Trauben

unbedeckt geblieben, so lang sie hart und grün waren, und wurden nun

unter das Netz gesteckt, da sie täglich weicher, süßer und reifer

wurden?

Drüben im Obstgarten standen die Bäume voll reifender Äpfel. Schwer

hingen die Äste herunter, sie vermochten kaum ihre Last zu tragen.

Warum wurden nun #diese# nicht mit einem Schleier überzogen? Danach

hätten die Sperlinge nicht gefragt; die Äpfel mochten ruhig reifen

und zur Erde fallen, sie rührten keinen an. »Aber gerade das bißchen,

was wir gern hätten, das mißgönnen sie uns,« sagte ein alter, dicker

Spatz und hüpfte schwerfällig und ärgerlich auf den Syringenbusch, von

dem man die beste Aussicht auf das Weinspalier hatte, und die andern

schrieen ihm Beifall.

Da ging die Gartentür und drei Kinder kamen herein. Die Sperlinge

kannten sie wohl, sie waren hier täglich zu sehen. Der lange, magere

Bub, der so oft stand und die Hände in den Taschen hatte und in die

Luft sah; das starke, bräunliche Mädchen mit den langen Zöpfen, und

das kleine, feine rothaarige, dem die jungen Spatzen gern die Augen

ausgepickt hätten, weil sie aussahen, wie reife Kirschen.

Die gingen nun auch an das Weinspalier. »Seht ihr, seht ihr,« riefen

die Krakehler unter den Spatzen. »Die nehmen sich, was unser ist.

Das ist Raub, das gehört in die Chronik.« Aber die Kinder kümmerten

sich keinen Augenblick um das Spatzengeschrei. »Eine für uns drei

miteinander,« sagte Gertrud. »Ich sag's nachher der Großmutter, ich

nehm' sie nicht heimlich.« Sie griff in das grüne Laub und Georg hielt

das Netz ein wenig zurück und sah mit hinein. »Aber eine große, wenn

sie für drei reichen muß,« sagte er.

Da fanden sie miteinander eine große, durchsichtig schimmernde Traube

heraus und nahmen sie sachte herunter und sahen sich ein bißchen um, ob

niemand zusehe, obgleich sie's nachher sagen wollten. Dann gingen sie

miteinander und mit ihrem Raub, (denn das war es doch, da hatten die

Sperlinge nicht unrecht gehabt,) in den Obstgarten.

Ganz hinten in der Ecke, dort, wo der Garten an den Stadtgraben

anstößt, unter dem Süßapfelbaum, ließen sie sich nieder.

Der Baum hing zum Brechen voll. Hie und da raschelte es in den

Zweigen; dann löste sich eine Frucht und fiel ins Gras.

Die Kinder sahen nicht viel danach hin. Aber nicht aus demselben Grund,

wie die Spatzen. Sie hatten nur heute Wichtigeres zu bedenken. Lore

war gekommen, um Abschied zu nehmen. Sie teilten ihre Traube, Beere um

Beere und sagten nicht viel dazu. Den leeren Kamm warfen sie über den

Lattenzaun in den Stadtgraben und standen und sahen ihm nach, als ob es

ein Stück ihres vergangenen Lebens sei.

Vorhin waren sie ein letztes Mal miteinander auf dem Turm gewesen. Ein

letztes Mal; das war sonderbar. Warum konnte nicht immer alles gleich

fortgehen, wie es von jeher gewesen war?

Es war nicht gerade ein Schmerz, da sie nun scheiden sollten. So ganz

zum täglichen Leben hatte Lore den beiden andern nicht gehört. Es war

nur so etwas Neues, anderes.

Da war so ein großes Tor aufgetan, und eins von ihnen ging hindurch, in

die weite Welt hinein. Was mochte dort alles sein? Es war wohl alles

ganz anders, als hier? Größer und schöner und voller Wichtigkeiten,

voll neuer, unentdeckter Wunder. Es ging so etwas wie ein Reisewind

durch alle drei hindurch.

War es schöner, zu gehen, oder zu bleiben?

Wer konnte das sagen?

Oben auf dem Turm, von Frau Judiths sonnigem Fenster aus, hatten sie in

die leuchtende Ferne geschaut, Kopf an Kopf. Dort hinten lag Tübingen,

weit hinten. Man konnte es nicht sehen, natürlich; es war viel zu weit

dorthin.

Die ganze Albkette lag davor; alle die Höhen, die sich am Horizont

hinzogen, Berg an Berg, als ob sie sich an den Händen gefaßt hielten

und so durch die schöne Welt marschierten.

Hie und da glänzte es weiß aus den bläulichen, duftigen Schleiern, in

die sich die Berge gehüllt hatten. Ein felsiger Abhang, eine Burgruine.

Da eine und dort eine. Warum hatten sie das sonst nie so gesehen, wie

heute?

Dort hinten irgendwo, in dieser blauen Ferne, lag Tübingen.

Sie saßen unter dem Süßapfelbaum und sahen den umfriedeten Garten vor

sich liegen in seiner stillen, heimeligen Schönheit. Die Dahlien und

Astern und die hochstämmigen Herbstrosen blühten an den Rabatten. Die

große Laube schimmerte leuchtend rot; sie war ganz und gar umsponnen

von den Ranken des wilden Weins, auf dessen purpurnen Blättern die

Sonne lag.

Die schwarz und weiß gefleckte Katze der Frau Rektorin stieg voll

Behagen auf dem Gartenweg einher und ließ sich die Sonne auf den Pelz

scheinen.

Wie schön war es hier. Und wie schön auch draußen in der Weite. Hie und

da fingen sie an, von gleichgültigen Dingen zu reden. Aber es wollte

nicht so recht fort mit der Unterhaltung.

Sollten sie von dem und jenem reden, das hier blieb, während Lore ging?

Wie es aber draußen sei, davon wußten sie nicht viel. Da zog Lore ein

braunes Paketchen aus der Tasche. Es war ein Buch darin. »Das hat mir

die Spitalbäbel geschenkt,« sagte sie.

»Es sei ein Andenken, und ich soll drin lesen. Ich weiß nicht, es ist

keine rechte Geschichte, es ist, glaub' ich, ein bißchen langweilig.

Ich hab' nur so hineingesehen.«

»Langweilig?« Dann wollten die andern nichts damit zu schaffen haben.

Das war das Ärgste von allem.

Die Spitalbäbel war ein einsames, altes Weiblein, das oben in einer

Dachkammer desselben Hauses, wie die Putzmacherin Maute, wohnte.

Sie war früher Leichenbesorgerin gewesen, und sie hatte in einer

längst verflossenen Pockenzeit die Kranken gepflegt, draußen im

Siechenhaus, das weit von den andern Häusern auf freiem Feld stand,

und nun mit geschlossenen Türen und Fensterladen auf irgend eine neue

Inwohnerschaft zu warten schien. Worauf die Spitalbäbel wartete, wußte

man nicht so genau. Sie hatte ein kleines Krautgärtlein, das sie baute,

und außerdem strickte sie grobe Strümpfe und Socken um mageren Lohn für

Handwerksgesellen und Dienstmägde.

Das Siechenhaus hatte für jedermann etwas Unheimliches. Denn wer konnte

wissen, zu welchem Zweck es dereinst wieder aufgetan werden würde? Daß

aber an der Bäbel selbst auch etwas besonderes hängen geblieben war,

das war eine merkwürdige Tatsache.

War es das, daß sie so viel mit den Toten zu schaffen gehabt hatte?

Sie hatte ein spitziges Vogelgesicht mit ein paar beweglichen,

graugrünen Äuglein, und eine hohe, dünne Stimme. Auch ging sie immer

noch gekleidet wie einst als Totenfrau, in ein großes, schwarzes

Umschlagtuch, dessen hinterer Zipfel fast die Erde berührte, und mit

einer Haube, deren beide schwarze Flügel wie große Nachtschmetterlinge

um ihren Kopf flogen. Sie hatte dereinst das Siechenhaus abgeschlossen

und den Schlüssel dem Gemeinderat gebracht, und sie allein wußte, wie

es nun dort drinnen aussah.

Wenn sie hätte reden wollen. Aber sie kniff die dünnen Lippen fest

aufeinander. Das war das Allergeheimnisvollste.

Sie tat keinem Menschen etwas zuleide. Aber die Kinder hatten ein

Grauen vor ihr, so ein gelindes, das bei Tag angenehm wirkt und nur in

der Dämmerstunde die Schritte beschleunigt, wenn es einem begegnet, daß

man ins Helle, Warme komme.

Und nun hatte sie der Lore ein Buch zum Abschied geschenkt.

Das war etwas Wunderbares.

»Sie ist mir auf der Treppe begegnet,« sagte Lore.

»Und da hat sie sich vor mich hingestellt, und hat mir die Hand auf den

Kopf getan, so --,« Lore stand auf und legte ihre feine, weiße Hand auf

Gertruds Kopf, »und das war eine eiskalte, dürre Hand, sie schüttelte

den Kopf ganz stark und sagte: Kind, Kind, wenn du alles wüßtest, was

kommt. Aber das weißt du nicht.

Ich wollte gern sagen, daß ich es gar nicht wissen wolle und daß sie

ihre Hand wegtun solle, aber ich konnte nicht. #So# habe ich gezittert.«

Lore schwankte hin und her, als ob sie der Sturmwind schüttle.

Die andern lachten so ein bißchen unsicher. Und Gertrud zog sachte

ihren Kopf zurück, obgleich es gewiß keine »eiskalte, dürre Hand« war,

die auf ihr lag.

»Und da hat sie gesagt -- und die Augen dabei ganz klein gemacht --:

'Da, das nimm mit auf den Weg, Kind. Da steht's, was alles kommt. Es

ist nichts mit der Welt.' -- Ach was, ich weiß nicht mehr, was sie

alles gesagt hat. Es ist auch einerlei.«

Da gab sie dem Buch, das auf ihrem Schoß lag, einen kleinen Stoß, daß

es ins Gras flog, und stieß mit der Spitze ihres zierlichen Fußes noch

ein wenig daran und saß und wickelte sich ihre Locken um die Finger.

Das Buch war aber aufgegangen und als die Kinder so beiläufig danach

hinsahen, war ein Bild auf der obersten Seite.

Das war etwas anderes, Bilder.

Da hob Georg es aus dem Gras und sie sahen miteinander hinein. Es war

aber ganz und gar kein Kinderbuch.

Es war eine merkwürdige, schwere Geschichte von einem Mann, der aus

seiner Heimat ging, weil ihm gesagt war, daß sie »die Stadt des

Verderbens« sei, und der durch unendlich viele Hindernisse, Fußangeln

und Gefahren hindurch nach einer wunderbaren Stadt reiste, die ihm als

Reiseziel immerwährend vor Augen stand.

Es war ein Gleichnis für das Leben der Christen, die sich mit starkem

Mut und Willen aufmachen als Wandersleute, die in dieser Welt noch

nicht zu Hause sind, aber gern nach Hause kommen wollen, wann ihr Tag

sich neigt, und die sich unterwegs durch nichts halten lassen.

Es hieß »Bunyans Pilgerreise« und es ist ein Buch, das in vielen

Häusern der frommen, tiefdenkerischen und zuweilen grüblerischen Leute

zu finden ist, die als »Stille im Lande« da und dort zerstreut leben

und sich zusammenfinden, um miteinander über das zu sprechen, was

ihnen bei der Arbeit und am Abend bei der Lampe hinter den Büchern

aufgegangen ist.

Nun sahen die Kinder miteinander hinein.

Und da es ihnen niemand erklärte, so drangen sie auf ihre eigene Weise

in das seltsam-geheimnisvolle Buch ein.

Sie genossen es aber, da sie sich mehr an die Bilder hielten, die

das Buch durchzogen, wie ein Märchen oder eine Sage und überschlugen

die langen Gespräche und die Belehrungen und gingen mit Christ, dem

Wanderer, durch all die Schrecknisse seines Weges. Und steckten

einträchtig die Köpfe zusammen über dem Bild, da er zwischen den

aufspringenden Löwen hindurchging, und dem, da er lag und schlief und

sich ihm ein Gewappneter nahte mit gezücktem Schwert.

Und atmeten tief auf, als er sich des Schlüssels erinnerte, der ihm

und seinen Gefährten die eiserne Tür im Schloß des Riesen Verzweiflung

auftat.

Und als sie das Buch wieder zumachten, waren sie so froh wie vorher und

keiner der düsteren Schatten war auf ihren Weg gefallen, und als sie

anfingen, davon zu reden, wie es später kommen werde, da sprach das

Buch nicht mit.

Denn das, was sie bis jetzt vom Christentum gesehen hatten, das trug

freundliche, liebreiche Züge und hatte keine Schrecken und keine

Finsternisse.

»Und daran sieht man,« sagte der Rektor Cabisius, als er mit seiner

Frau beim sinkenden Abend durch den Garten ging und die kleine

Gesellschaft beieinander und das Buch neben ihnen fand, »daran sieht

man, daß die Kinder wahrhaftig im Himmelreich leben, da sie mit den

gewaltigen Mächten, vor denen die großen Leute erbeben, umgehen, als

seien es Riesen und Drachen eines Märleins.«

* * * * *

»Also, wenn du dann ein Student wirst, dann kommst du nach Tübingen. Da

fangen wir wieder alles von vorne an,« sagte Lore. »Das wird fein.«

Georg nickte ihr zu. Er hatte sich die Hände unter den Kopf geschoben

und lag der Länge nach im Grase.

Durch die Lücken zwischen dem grünen Geäste des Baumes sahen kleine,

schimmernde Fleckchen des blauen Septemberhimmels herein, nach denen

sah er hin, als ob seine zukünftige Geschichte da geschrieben stände.

Das war sicher, daß unendlich viel Schönes in der Zukunft lag. Dies

oder anderes, es würde sich schon finden, was.

»Ich will Musik machen lernen, das ist die Hauptsache. Sonst ist mir's

einerlei.« Das sagte er seit einiger Zeit immer. Es ging nicht mehr so

klipp und klar mit der Gleichheit, wie sonst, zu Gertruds Kummer. Was

hatten sie für gemeinsame Pläne gemacht. Die verflogen nun so sachte

und neue traten an ihre Stelle, die nicht mehr zu teilen waren. Das

heißt, sie beredeten alles miteinander. Aber nun hieß es: ich will das

und jenes tun. Und zuvor hatten sie immer gesagt: Das wollen #wir#.

»Ich geh' in die weite Welt,« sagte Georg, denn er dachte an jenen

Geiger, der das schönste Lied suchte.

Sie aber nahm seine Knabenträume für feste Entschlüsse und erschrak

sehr.

»In die weite Welt? Dann kommst du wohl nie wieder?«

»Ich weiß noch nicht, vielleicht.«

Er sagte es sehr gleichmütig. Aber als er ihren Schreck sah lenkte er

ein.

»Doch, ich denke, ich kann es einrichten, Gertrud. Ach, ich weiß noch

nicht, es hat noch Zeit, das alles.«

Seine Wünsche lagen noch in der Morgendämmerung und wogten,

aufsteigenden Nebeln gleich, durch seinen Sinn. Bald nahmen sie dies

Bild an, bald jenes.

Man würde schon sehen, was an ihnen war, je mehr der Tag heraufstieg.

Gertrud saß und legte ihren Arm um Lore.

»Ach, du kleines Ding,« sagte sie. Und sagte es weich und mütterlich,

so mit einem Ton, als ob sie Lores Großmutter wäre. Nein, ihre viel

ältere Freundin; und sie war doch gleichen Alters.

Sie war nur geistig weit mehr entwickelt, und sie hatte auch von Haus

aus eine viel tiefere, schwerfälligere Art. Sie konnte nichts obenhin

nehmen, so stark und tief sie Freude und Schmerz empfand. Sie mußte

immer alles ganz erleben, schon als Kind.

Und das Mütterliche, das den echten Frauennaturen angeboren ist, das

regte sich stark in ihr. Aber sie wußte nicht, was es sei. Sie liebte

nur alles Zarte, Kleine, und alles, was irgend der Hilfe bedurfte.

Ja, und das Schöne, das liebte sie auch.

Aber es focht sie heute noch nicht an, daß sie selber nicht schön sei.

Sie dachte nicht von ferne daran.

Wenn die beiden Mädchen in den nächsten Jahren so nebeneinander

herangegangen wären, wie bisher, so hätte es sich, noch mehr als schon

jetzt, geoffenbart, daß ihre Wege auseinandergingen.

Es hätte keiner äußeren Trennung bedurft. Denn sie waren von ganz

verschiedener Art. Aber nun, da sie schieden und Lore in all'

ihrer frischen, feinen Schönheit dahinging, und aussah, wie ein

Schmetterling, der soeben auf die erste Blüte geflogen ist und noch den

ganzen Schmelz auf seinen Flügeldecken hat -- nun wallte es in Gertrud

warm und stark auf: »ach, du kleines Ding.«

Das mochte Lore gern. Sie schmiegte sich an, wie ein Kätzchen.

Da raschelte etwas an dem Lattenzaun, der den Garten vom Stadtgraben

trennte.

Als sie aufsahen, schwang sich Franz Ehrensperger daran in die Höhe

und kam mit einem Satz herüber in den Rektorsgarten. »Jetzt kommt

#der#,« sagte Lore und setzte sich zurecht, und streckte ihre zierliche

Gestalt, so gut sie konnte und sah sehr würdevoll aus.

Er war in Hemdsärmeln und trug sie aufgekrempelt bis über die Ellbogen,

wie das ein richtiger Bäckerjunge tut, und hatte eine weiße Schürze an,

die leuchtete durch die Bäume vor großer Sauberkeit. Als er näher kam,

sah man, daß er ein Paket in den Brustlatz der Schürze gesteckt hatte.

Aber die Gesellschaft unter dem Süßapfelbaum erfuhr nicht, was darin

sei.

»Da bin ich,« sagte er, und stemmte die Arme in die Seite.

»Das sieht man,« sagte sein Bruder.

»Ich muß jetzt heim, es wird dunkel.«

Damit stand Lore auf, und Gertrud tat ihren Arm um sie, wie sie

pflegte, wenn sie ihr das Geleite gab bis zu dem Brunnen vor der

Haustür.

»Jetzt, wenn ich komme gehst du?« Franz tat ein wenig beleidigt.

»Hättest halt früher kommen sollen.«

Lore konnte nicht wenig schnippisch sein, wann sie wollte, und wann sie

mit Franz redete, wollte sie das zuweilen.

Dafür hatten die beiden andern kein Verständnis.

Aber Franz lachte nur.

»Racker,« sagte er. »Früher kommen, das kannst du leicht sagen. Und

überhaupt, weiß ich, daß du da bist?«

Er hatte es wohl gewußt, aber das brauchte er ja nicht zu gestehen. »Es

ist einerlei. Wenn du doch gehst, ich muß auch in die Kirchgasse, ich

-- ich muß den Schneider Butz etwas fragen; er hat meine Sonntagshosen.

Da können wir ja miteinander gehen. Dann komm.« »Erst muß sie noch der

Großmutter adieu sagen.« Da führte Gertrud das Mädchen ins Haus, und

umschlang sie im dunkeln Hausflur und küßte sie. »Ach Lore, jetzt gehst

du. Schreib' auch, hörst du's?«

Und die Frau Rektorin kam aus der Küche und trocknete sich die Hände an

der Schürze ab, und trocknete sich nach einer kleinen Weile auch die

Augen an derselben Schürze.

»So behüt dich Gott, lieb's Kind,« sagte sie, und gab ihr auch einen

Kuß. »Sag' deiner Mutter einen Gruß. Und sie soll dich nicht so -- ach

nein, du brauchst ihr nichts zu sagen. Es geschieht doch, was geschehen

soll. Behüt dich Gott.«

Und Lore schluchzte auf einmal heiß und heftig und wußte nicht recht,

warum. Und stellte sich auf die Zehen und legte ihre weißen Arme um

Gertruds Hals.

Aber das ging schnell vorüber.

Draußen, an der Hausstaffel, stand Georg und bot ihr die Hand, etwas

tapsig und ungeschickt, und tat, als ob es nur ein Abschied bis morgen

wäre. »Gut Nacht, Lore,« sagte er.

Da lachte sie hell auf. »Sonst weißt du nichts?« sagte sie.

»O du. Weißt du was? Du sollst in Tübingen bei uns wohnen, wenn du ein

Student wirst. Weißt du was? Dann, wenn du kommst, sag' ich 'guten

Morgen' zu dir. Sonst nichts. Wie wenn das nur einen Tag gedauert

hätte, seit du zu mir 'gut Nacht' gesagt hast.«

»Komm,« sagte Franz.

Er stand noch da und wartete.

»Wir gehen hinten herum, zwischen den Krautgärten; es ist näher, und

überhaupt.«

Sie sagte nichts dagegen. Auf ihrem Gesicht stritt sich Lachen und

Weinen. Aber als er sie über den Bretterzaun heben wollte und schon den

Arm ausstreckte, glitt sie ihm aus und schlüpfte, ein paar Schritte

weiter unten durch den Zaun. Man konnte da eine Latte aufheben und

wieder an ihre Stelle rücken. Er sah sich verdutzt nach ihr um, da

stand sie schon drüben. »Fang' mich,« rief sie, und flog vor ihm her,

wie ein Vogel.

»So warte doch,« rief er ärgerlich und keuchte hinter ihr drein.

Es war schon fast dunkel; von der Kirche her tönte das Betläuten;

das hallte in großen, vollen Tönen über die stillen Gärten hin. Eine

Fledermaus schwirrte mit flatternden Flügelschlägen hin und her. Lore

hielt sich die Hände vors Gesicht. »Uh, ich fürchte mich,« sagte sie.

»Wem eine Fledermaus auf den Kopf sitzt, dem gehen alle Haare aus.« Da

deckte Franz einen Zipfel seiner Schürze auf das Lockengeringel, und

nun gingen sie ruhig nebeneinander her. »So,« sagte er, als das erste

Haus, zu dem sie kamen, seinen Lichtschein auf die Straße warf, »jetzt

muß ich hier hinunter. Ich will dir hier Lebewohl sagen.«

Da zog er das Päckchen aus dem Schürzenlatz und reichte es ihr hin.

Es war ein längliches, braunglänzendes Gebäck darin, das die Wiblinger

Feiertagsbrot nannten. Er hatte es aber stark mit Rosinen und Mandeln

gespickt, und es war seiner Hände Werk für sie.

»Du kannst es unterwegs essen oder wann du willst,« sagte er

gleichgiltig. »Ich komme vielleicht einmal durch Tübingen, so zufällig,

das kann man nie wissen. Dann kann ich ja sehen, wie es bei euch steht,

nicht?« Sie nickte. »Das kannst du,« sagte sie.

Da blieb er noch einen Augenblick unschlüssig stehen. Er hatte sich

auf dem ganzen Weg ausgedacht, daß er sich einen Kuß von ihr ausbitten

wolle. Sie war so ein feines, schönes, schlankes Ding, er mochte sie

wohl leiden, obgleich sie oft so spitzig mit ihm tat. Es mußte fein

sein, wenn sie ihre roten Lippen hergab. Seine Kameraden wußten von

solchen Erlebnissen zu erzählen. Einer von ihnen, der schon siebzehn

Jahr alt war, hatte einen Schatz, das war ein rundes, dralles Mädchen

von fünfzehn Jahren und ging sechs Tage in der Woche über Feld ins

Hölders Garnfabrik nach Rudersloch.

Das war lange nichts so feines. Wenn er dem erzählen könnte! Aber er

war doch zu ungelenk. Und wenn sie es ihm abschlug? Da ließ er sie

ihres Weges gehen, ohne etwas davon zu sagen.

»Reise gut,« sagte er und drückte ihre Hand, daß es in den Gelenken

leise knackte. »Leb' wohl.«

Da fuhr sie ihm flink mit der andern Hand in seinen aufrechten

Haarschopf und zauste ihn ein weniges.

Das hielt er für eine Liebkosung und vielleicht war es auch eine, wer

konnte das wissen? Er stand und sah ihr nach, bis sich der letzte

Schein ihres hellen Röckchens im Dunkel der Gasse verlor.

Alle guten Geister...: Roman · 第 16 / 53 题