Neuntes Kapitel

Kennt ihr das Geschlecht der Sonntagskinder?

Es hat allerlei Namen. Man könnte es auch das Geschlecht der Schauenden

nennen, oder der Horchenden.

Es hat eine Gabe mitbekommen, die nicht alle haben, von dem Strom

heimlichen Lebens zu wissen, der unter der Oberfläche aller Dinge

hingeht. Die dazu gehören, die ahnen die wundersame Schönheit, die in

die Welt gelegt ist, und lieben sie und horchen nach ihr hin. Und weil

sie sich nach ihr sehnen, die Leben ist und Liebe, Licht, Freude und

Werdekraft, so suchen sie sie überall.

Im Grauen des Morgens, in der Glut des Mittags, im Wehen des Windes, im

Zirpen der Grille im Grase.

Im Lachen eines Kindes, in einem Männerzorn, in einer jungen, starken

Menschenkraft, im Ringen der Leidenschaften, in tausend und tausend

Regungen des Lebens vernehmen sie etwas von dem tiefen Grund, aus dem

das Leben quillt.

Und wenn ein Klang aus jener verborgenen Welt ihr Ohr streift, dann

halten sie den Atem an und horchen still hinein.

Manchem von ihnen ist es gegeben, in Tönen davon zu reden, manchem in

Bildern, in der Glut der Farben oder in beredten Linien, manchem in

Worten.

Aber nicht allen. Es sind viele, die tragen den empfangenen Glanz still

in sich herum und die Welt weiß nichts davon. Oft sind sie arm und

unscheinbar, und oft macht sie die innere Fülle ungelenk, steif und

wortarm nach außen. Aber was schadet das? Wer ihnen zu rechter Stunde

in die Augen sähe, der sähe in einen tiefen See, in dem ein Schatz

verborgen liegt.

* * * * *

Der alte Korbmacher Hollermann war keiner von denen, die die Welt

mit Harmonien füllen. Aber seine Seele war voll von einer Musik, die

niemand gehört hatte, obgleich an warmen Abenden, wann die Fenster

seines Häuschens offen standen, die Töne seiner Flöte, der ererbten

Großvatersflöte, über die Äcker hin und über die Landstraße und zu den

wenigen Häusern, die hier draußen an der Landstraße standen, hinflogen.

Das, was aus der Flöte strömte, das war das, was an die Oberfläche

drang. Aber wie wenig war das im Vergleich zum Ganzen. Wenn er so

dasaß, mitten zwischen seinen Weidenkörben und Hühnerkäfigen, auf dem

niedrigen Drehstuhl und in der grünen Schürze, mit hängenden Schultern

und braunen, rissigen Händen, die die Flöte hielten, da sah ihm niemand

an, daß er innerlich wunderbare Chöre hörte. Vielleicht waren sie

wirklich, vielleicht tönten sie aus irgend einer Welt zu ihm herüber,

wer vermag das zu sagen?

Was er hervorbrachte, waren selten so eigentliche Melodien. Es war

ein Reden in Tönen, vielleicht auch nur ein Stammeln. Es fragte ihn

niemand danach und er sagte es zu niemand. Das heißt, das war seitdem

so gewesen. Aber das sollte nun nicht länger so fortgehen. Die Jugend

kam zu ihm herein unter das tief herabhängende Dach.

Gertrud kam. Sie war einmal auf einem Spaziergang mit dem Großvater

einen Augenblick eingetreten, hatte dem alten Hollermann bei der Arbeit

zugesehen, hatte das Wetterhäuschen, aus dem der Kapuziner trat, wenn

es schön Wetter wurde, bewundert, und die rankenden Kürbisse an der

Hinterwand. Und da es ihr schien, als ob hier noch viel zu bewundern

sei, so versprach sie das Wiederkommen. Das hielt sie auch. Als sie

hier einigermaßen zu Hause war, brachte sie Georg mit. Der wurde es

noch mehr als sie, und noch schneller. Das machte, daß er Meister

Hollermanns Flötenspiel gehört hatte. Es war an einem Samstagabend

gewesen. Die Kinder hatten über ihren Aufgaben gesessen, bis es dunkeln

wollte. Dann hatte sie die Großmutter ins Freie gejagt: »jetzt geht!

wollt ihr mir hier versitzen und mit sechzehn Jahren Brillen tragen?«

Nein, das wollten sie nicht. Da gingen sie los. Die beiden Alten

wandelten zwischen den Rabatten des Gartens hin und her, und die

Kinder machten einen Streifzug. Durch den Baumgarten, da hingen kleine

grasgrüne Äpfel in den Zweigen, es gab noch nichts Reifes; über den

Lattenzaun, durch den trockenen Burggraben, da kamen sie auf freies

Feld.

»Jetzt besuchen wir den alten Hollermann,« sagte Gertrud. Da liefen sie

in langen Sätzen den schmalen Feldweg entlang. Das Korn war noch grün

und wogte leise hin und her, eine Blindschleiche glitt über den Weg. In

der zitternd warmen Sommerluft summten die Schnaken. Hinter dem Wald

ging die Sonne hinunter.

Dann blieben sie stehen. »Horch,« sagten sie beide. Da schwebte es in

der Luft, wie ein süßer Gesang. Und doch wieder anders als ein Gesang.

»Jetzt flötet er,« sagte Gertrud. »Das tut er alles auswendig, so aus

sich selber heraus.« Und dann liefen sie wieder. Es war bezeichnend für

Georg, daß er es hübscher fand, außen auf dem Bänkchen neben der Tür

zuzuhören, weil er den Flötenbläser nicht kannte, und für Gertrud, daß

sie ihn an der Hand hineinzog ohne viel Federlesens. »Da sind wir,«

sagte sie. »Wir wollen zuhören.«

Aber er war es nicht gewöhnt, Zuhörer zu haben. Er setzte die

Flöte ab und sah vor Verlegenheit grimmig aus. So lang, bis er in

das enttäuschte Gesicht des Buben sah. Es konnte niemand sonst so

enttäuscht aussehen. Nun war er hier hereingekommen und gleich hörte

das auf, was ihn so herangezogen hatte.

Der alte Hollermann war in Not. Das, was er soeben geblasen hatte,

das konnte er jetzt nicht fortsetzen. Davon war ihm der Faden

abgeschnitten, und das war auch etwas wie ein Selbstgespräch gewesen.

Da besann er sich auf alte, längst gehörte Klänge. Denn er konnte es

den Kindern nicht antun, daß er so verstummte, so gern er das getan

hätte.

»So, nun merkt auf,« sagte er. Und spielte ein klingendes, singendes

Lied, und dann noch etwas, das tat, wie zwitschernde Vogelstimmen.

»Das ist von Mozart,« sagte er und nickte mit dem Kopf. »Kennt ihr

den nicht? Das ist aus der Zauberflöte. Vor zwanzig Jahren hab ich

das gehört. Als Mina noch lebte. Ja so, ihr kennt Mina nicht. Sie war

in München und dort hörten wir das miteinander. Sie wollte meine Frau

werden, aber dann starb sie.«

So, nun war es wohl aus?

Nein, sie kannten Mina nicht. Sie waren nun zwölf und dreizehn Jahre

alt, hatten schon vieles gelernt und hatten den starken Trieb, noch

viel mehr zu lernen, und hätten am liebsten eines immer dasselbe

gelernt, was das andere lernte, obgleich das ja nicht so durchzuführen

war.

Sie hatten auch schon von Mozart gehört, wenn auch nicht allzuviel.

Aber noch fragten sie nicht viel danach, wer die und jene Musik

geschaffen habe. Es mußte nur klingen und singen, das war die

Hauptsache.

Es wurde auch rasch vollends dunkel, darum gingen sie nun wieder,

hielten einander an der Hand und gingen auf der breiten Landstraße ins

Städtchen hinein.

Meister Hollermann saß wieder am Fenster und flötete. Es war jetzt ein

leises, weiches Getön. Vielleicht dachte er dabei an Mina und wie sie

mit glänzenden Augen neben ihm gesessen hatte jenes einzige Mal, da sie

miteinander so im Reich der Töne waren.

Oder vielleicht sah er in die ziehenden Abendwolken und fragte, wohin

ihr Geist gegangen sei, damals, als sie an einem schönen Juniabend,

einem Abend wie heut, für immer ihre Bügelstähle und ihre Kundenwäsche,

ihre kleine trauliche Stube und ihn selbst, der sie so liebte,

verlassen hatte.

Die Kinder wußten das nicht. Aber Georg stand plötzlich still und

sagte: »ich will noch ein wenig horchen« und es half nichts, daß

Gertrud vor Ungeduld trippelte. Er hatte die Hände in den Taschen und

horchte.

* * * * *

Das war das erste Mal gewesen.

Von da an war der alte Hollermann hie und da genötigt, etwas von dem

herauszugeben, was ihn innerlich bewegte.

Er war viel gewandert in seinem Leben, weit umher. Viel erworben hatte

er sich nicht. Gerade genug, um das kleine, windschiefe Häuschen kaufen

zu können und darin die Korbmacherei zu betreiben. Er flickte die

Waschkörbe der Bürgersfrauen und die Marktkörbe der Bauernweiber, und

flocht aus Weiden Tragkörbe für die Weingärtner und was so mehr des

ländlichen Bedarfs war.

Dabei konnte er die Bilder der weiten Welt an sich vorbeiziehen lassen.

Einmal, zu Minas Zeiten, war Aussicht gewesen, daß er sich, wie die

Putzmacherin Maute, des Aufschwungs befleißigen werde. Damals lag ihm

an einem freundlichen Nest und an Brot für sie beide. Nachher, als sie

gestorben war, hatte er keinen solchen Antrieb mehr. Da wurde er mehr

und mehr einer der Horchenden. Er ging so still für sich hin. Und als

er's einzurichten wußte, kehrte er in die Heimat zurück und spann sich

da in eine eigene, stille und doch belebte Welt ein. Wer konnte wissen,

was alles seine schweigsame Seele füllte?

Es war eine kleine Gemeinde von Pietisten im Städtchen. Und weil dabei

fromme, eingezogene Leute waren, die sich versammelten, um miteinander

übers Evangelium zu reden, so ging er auch hin, denn ihn verlangte

nach Gemeinschaft. Aber er sprach nicht ihre Sprache. Sie hatten alle

Worte der Bibel so schön genau zurechtgelegt und nun redeten sie über

die tiefen Geheimnisse, die in der Offenbarung des Johannes stehen und

es war ihnen alles so klar, daß kaum noch etwas zu fragen blieb. Da

wurde er noch einsamer; und als sie sagten, nun solle er auch reden, da

schüttelte er leise den Kopf.

Der junge Zimmermann Dieterle, der dabei war, der sagte, wenn er darauf

zu sprechen kam, daß seine Augen wie in eine unergründliche Tiefe

gesehen hätten, »und,« sagte er, »ich hätte wissen mögen, was er sah,

aber er fand das Wort nicht.«

Von da an ging er allein dahin, wenn er nicht hie und da auf den

Turm stieg zu seinen alten Freunden, dem Turmwächter und der Frau

Judith. Er war aber freundlich gegen alle, die ihm nahe kamen, und

nächtigte einmal zwei Handwerksburschen in seinem Bett. Da brachte er

die eine Hälfte der Nacht am Tisch sitzend über einem alten Buch zu,

und sah die andere Hälfte lang zum Fenster hinaus nach den Sternen

und nach dem Kommen des Morgens. Nun kam, wenige Tage nach jenem

Samstagabend, an dem er den beiden Kindern die Flöte geblasen hatte,

der lang aufschießende Knabe mit dem schmalen Gesicht und den hungrigen

Augen vor seine Tür, diesmal ohne Gertrud. Die saß daheim und hatte

Handarbeitsstunde bei ihrer Großmutter. Hollermann hörte ein kleines

Geräusch am Fenster, dann an der Stubentür. Und als er, in Strümpfen,

denn so saß er an der Arbeit, hinging und öffnete, da prallte der Kopf

mit dem dunklen Haarbusch vom Schlüsselloch zurück, an das er sich

horchend gelegt hatte. Dunkelrot wurde der Knabe und sagte verwirrt und

stotternd: »ich, ich wollte -- ich habe hier eine Flöte.« Da zog ihn

Meister Hollermann mit sich hinein.

Es war eine alte, verstaubte Flöte mit grünspanigen Klappen, die

Georg in Papier gewickelt unter dem Arm trug. Er hatte sie in einer

Bodenkammer gefunden und sie tönte ihm in Gedanken nun fort und fort

so lieblich, tönte ihm in der Schule in die Geschichte des Hannibal

hinein, tönte beim Vesper zu den Lauten der Jungfer Liese, die an sich

gar keine Ähnlichkeit mit Musik hatten, tönte, tönte, bis er nun hier

stand und sagte, als ob er vor dem König stände und um die Hälfte

seines Landes bäte: »wenn Sie mir zeigen täten, wie man's macht.« Das

Übrige sagte sein flehendes Bubengesicht.

Nun studierten sie miteinander, daß es eine Art hatte. Das machten

sie so: Georg hatte die Melodien im Kopf, die er von der Schule und

Kirche her kannte und die er etwa auf der Straße hörte. Die pfiff er

seinem Lehrer vor, worauf dieser sie auf die Flöte übertrug, was dann

hinwiederum Georg so lange nachprobierte, bis er die Melodie richtig

heraus hatte.

Das trieben sie eine ganze Weile und vergnügten sich sehr damit. »Bub,«

sagte der alte Hollermann, »du lernst das besser als ich. Daran ist

nicht zu drehen. Ich hab's in mir drin, das hab' ich. Aber ich kann's

nicht so von mir geben. Ich hab' schon gedacht, nachher einmal, in

einer andern Welt, da könn' ich das vielleicht.

Was mein Großvater war, der Schäfer Hollermann, der wußte eine

Geschichte von einem Geiger. Der zog herum und wollte das schönste Lied

spielen lernen, das es gibt.

Da ging er zu den Vögeln in den Wald und horchte und horchte. Das

konnte er bald. Er konnte geigen, daß man die Amseln und die Finken und

Drosseln heraushörte.

Aber das war ihm noch nicht schön genug. Da horchte er auf den

Wind. Was konnte der für Lieder singen. Ganz leise, feine, daß man

die Blätter an den Bäumen rascheln hörte und die Ähren hin und her

schwanken. Und dann starke und frohe, weißt du? so, wie es tönt, wenn

der Frühling kommt. Und die ganz wilden, wo sich die Eichen biegen,

wenn der Sturm durch sie hinfährt.

Das lernte er auch nachspielen. Da zog er weiter, denn er wußte, daß

ihm noch viel fehle. »Und,« sagte er, »eher will ich nicht aufhören,

bis ich das schönste Lied von allen habe.«

Das Wasserrauschen konnte er nachbilden, man glaubte die Wellen blinken

zu sehen und die Bächlein rieseln zu hören.

Und er spielte Hochzeitsreigen und Tanzlieder, und was die jungen

Mädchen und Burschen singen, und Kirchenlieder. Und manchmal spielte

er etwas, das kein Mensch verstand. Da mußte weinen, wer es hörte. Es

war, als ob er etwas suche und das tat er auch. Er suchte das schönste

Lied von allen; da hörte er hie und da einen Ton, aber er fand nie das

Ganze.

Darüber wurde er alt und grau und kam zu sterben. Er war aber ganz

allein, denn, Georg, wer das will -- aber das verstehst du noch nicht.

Ja, und da klang es auf einmal irgendwo, und nun wußte er, daß dies das

Lied sei, das einzige, das es gebe. Und er griff nach seiner Geige,

und, so stark seine Hand zitterte, er konnte es doch spielen. Aber die

Saiten zersprangen davon, eine nach der andern. Da starb er und das

war auch ganz gut, denn sonst hatte er ja nichts gewollt. Und siehst

du, darum denke ich, daß es einen Ort gibt, wo man das alles kann, was

man in sich hat, weil es dem Geiger irgendwo her tönte, als er schon

im Sterben lag. Und weil ihm die Seiten sprangen, als er es zu spielen

versuchte, darum denke ich, es muß irgendwo bessere Geigen geben. Aber

ich bin ein alter Mann, Bub. Ich bin begierig, wie alles wird, und ich

denke, es wird irgendwie gut. Das ist alles, was ich so sagen kann.«

»Das will ich alles auch lernen,« sagte Georg und machte ein sehr

entschlossenes Gesicht dazu. »Ja, das tu' du.« Der Alte war sehr

einverstanden damit.

»Ich kann dich das nicht lehren. Aber mein Großvater sagte, wenn er

die Geschichte erzählte: 'Das kann man einen überhaupt nicht lehren,

wenn's einer nicht in sich hat.' In großen Städten da haben sie Schulen

dazu, dahin gehen die Leute, um das alles zu lernen. Ich meine, das

Musikmachen und so was. Dahin gehen sie noch, wenn sie Männer sind. Ich

hab' schon solche gesehen mit Bärten, die gingen da hinein und lernten

Musik machen. Den ganzen Tag Musik und nichts weiter. Das muß ein Leben

sein, Bub. Wie im Himmel. Aber ich weiß nicht, ob's die alle in sich

haben.« Da schlug sich der Bub aufs Knie, daß es schallte.

»Dahin möcht ich auch,« sagte er. »Was sagst du? Ganze Säle voll mit

Orgeln und Klavieren und Geigen und Flöten? Dahin möcht ich auch.«

* * * * *

Nun hatte er wieder ein Bild, das er sich abends beim Einschlafen

vormalen konnte. Er steckte sich unter die Decke und hielt die Ohren

zu, daß kein Laut von außen herein dringe. Und dann ließ er den Saal

vor sich aufsteigen. Der war riesig groß, er wurde immer noch ein wenig

größer. Und an den Wänden standen Orgeln, immer eine größer als die

andere, mit blanken Pfeifen, und oben schwebte an jeder ein nackter

Posaunenengel, denn solch einer war auch an der Wiblinger Kirchenorgel

und Georg konnte sich keine Orgel denken ohne diesen Zierrat. In der

Mitte des Saals aber standen Klaviere, die waren so schön wie das

des Rektors Cabisius und waren alle aufgeschlagen. Da standen sie

mit ihren schwarzen und weißen Tasten und vor jedem stand ein Stuhl.

Menschen waren da nicht, und das war gut. Denn sonst hätte Georg sich

nicht getraut, zu spielen. Aber das tat er nun. Heidi, wie seine Finger

auf und nieder fuhren. Es war gut, daß er unter der Decke steckte, so

konnte ihm niemand den kühnen Gedanken ansehen, der sich nun entspann:

Er konnte es wahrhaftig noch besser als der Rektor.

So, nun hatte er genug am Klavier. Da griff er nach einer der Geigen,

die an den Wänden hingen, oder nach einer Flöte. Jagdhörner waren auch

da. Trari, trara.

Einmal, als er soweit war, vergaß er sich und tutete das Geheimnis über

die Grenzen seines Bettes hinaus.

Da brachen merkwürdige Töne unter der schweren Federdecke hervor wie

ein unterirdisches Donnerrollen.

Jungfer Liese, die in der anstoßenden Stube saß und Strümpfe stopfte,

kam herein und zog ihm das Deckbett ein Stück weit hinunter. Es sei

kein Wunder, wenn einer schwer träume, sagte sie. Wenn man sich

dermaßen begrabe.

Und Franz, der am Einschlafen war, warf sich herum und beklagte sich.

»Da soll einer schlafen können,« sagte er. Franzens Schlaf aber war

heilig.

Denn er war nun Bäckerlehrling seit Ostern, das war drei Monate her.

Und er mußte aus den Federn, eh' der Tag graute. Er wollte das auch.

Er wollte später die Bretzel, die über der Ladenstaffel schwebte, neu

vergolden, und wollte alles tun, was sich für den Hauptsprossen der

Ehrenspergersfamilie gehörte.

Da beugte sich Jungfer Liese über das Bett des jüngeren Sohnes, und

wisperte ihm mit gedämpfter Entrüstung mahnende Worte zu. Der aber

hielt die Augen geschlossen und atmete tief und lang und tat, als ob er

schliefe, bis der wache Traum in einen wirklichen überging.

Darin ging er mit dem alten Hollermann über ein flaches Feld, das sich

weit und breit dehnte. Es wehte leise in der Luft, rings, so weit das

Auge ging, wogte ein Meer von braunem, goldig glänzendem Heidegras, das

rauschte so sachte, als ob es am Einschlafen sei. Fern am Horizont,

wo die Sonne versunken war, standen die Höhen in rotem und violettem

Glanz, und leuchtende Wolken mit Gold- und Purpursäumen zogen darüber

hin und entschwanden, eine nach der andern.

Da fing der alte Hollermann an zu singen, und hatte ein so glänzendes

Gesicht dabei, als ob auch er in das Licht der Sonne getaucht sei.

Georg verwunderte sich weder über das eine, noch über das andere,

obgleich er ihn noch nie so gesehen oder gehört hatte. Das mußte nun

gerade so sein.

Es war aus einem alten Kreuzfahrerlied, was Meister Hollermann sang.

Georg hatte es einmal irgendwo gehört, er wußte nachher nicht mehr wo.

»Alle die Schönheit

Himmels und der Erden

Ist verfaßt in dir allein.«

»Ist das nun das rechte Lied?« fragte der Georg. »Ja,« sagte der Alte

und bog den Kopf vor, um zu lauschen, »hörst du, wie alles mitsingt,

ringsumher?«

»Wer?« aber er erhielt keine Antwort mehr.

Das Feld dehnte sich weit und weiter und wurde grau und still. Und der

Traum versank; und Georg versank in die Tiefen eines jungen, festen

Schlafes.

Alle guten Geister...: Roman · 第 15 / 53 题