Er sagte heute in jedem Satz »Mutter.«

»Das ist mein Herz,« sagte sie müde.

»Laß einmal hören.« Da legte er seinen runden Bubenkopf auf die Decke.

Sie lächelte.

Sie lächelte auch noch, als die Wärterin wieder hereinkam und zu dem

Mann sagte: »Sehen Sie doch,« und den Buben von ihrer Brust wegnahm und

auf den Boden stellte.

»Bst,« sagte er, »es klopft nicht mehr. Ich habe den Kopf draufgelegt,

jetzt hat es aufgehört.«

Aber er wußte nicht, was das war.

»Nein,« sagte die Wärterin, »es klopft nicht mehr.«

Da hatte nun der Mann mit der Axt, der Tod, den letzten Hieb getan. Da

hatte der Bewohner nicht mehr seines Bleibens in dem Haus. Es tat ihm

auch nicht mehr not.

Er hatte heute ein freundliches Licht und eine kleine, keimende Liebe

gesehen, und die Augen waren ihm davon groß und froh geworden.

Nun waren sie ja wohl stark genug, in eine Flut von Licht und in eine

große, überwallende Liebe zu schauen, die in dem neuen Haus auf ihn

warten mochten.

Aber unsere Sprache hat kein Wort, #davon# zu reden.

* * * * *

Die Stadtzinkenisten hatten den Trauerchoral vom Wiblinger Kirchenturm

geblasen und waren eben die Treppe hinuntergepoltert, um nun auch auf

dem Weg zum Kirchhof zu blasen. Es war nächstens Zeit, ans Läuten zu

gehen.

Die beiden Freunde, der Korbmacher Hollermann und der Turmwächter

Nössel, hatten still zugehört und in wandernden Gedanken der Lebenden

und der Toten gedacht und daß sie wohl alle in guten Händen seien und

alle einmal mütterlich nach Hause geleitet werden.

Sie hatten es nicht beredet; sie wußten einer des andern Gedanken auch

ohne das.

Da griff der Turmwächter auf den Sims über dem einen Fenster und

holte da ein Buch herunter und las, da schon auf der Straße unten

der schwarze Wagen über das Pflaster rasselte, eine Stelle, die

angestrichen war und bei der ein getrocknetes Kräutlein lag:

»Denn die Welt ist vor dir wie ein Stäublein an der Wage und wie ein

Tropfen des Morgentaus, der auf die Erde fällt.

Aber du erbarmst dich über alles; denn du hast Gewalt über alles.

Denn du liebest alles, was da ist, und hassest nichts, das du gemacht

hast; denn du hast ja nichts bereitet, dazu du Haß hättest.

Wie könnte etwas bleiben, wenn du nicht wolltest? oder wie könnte

erhalten werden, das du nicht gerufen hättest?

Du schonest aber aller; denn sie sind dein, Herr, du Liebhaber des

Lebens, und dein unvergänglicher Geist ist in allen!«

Als er das gelesen hatte, nickte er zufrieden mit dem Kopf und legte

das Buch wieder an seinen Ort.

»Da brauchen wir uns ja nicht weiter den Kopf zu zerbrechen,« sagte er.

»Da versammeln sie sich nun allmählich, da unten um die weiße Kapelle

her, und liegen ganz still, ein jedes an seinem Ort. Und haben viel

Qual und Unruhe hinter sich, und Sorgen, und haben viel Umwege gemacht,

da man nicht wissen könnte, ob sich auch nur eins von ihnen nach Hause

findet, wenn das nicht wäre, davon hier geredet ist: »Denn sie sind

dein, du Liebhaber des Lebens, und dein unvergänglicher Geist ist in

allen.«

»Ja,« sagte Hollermann und setzte die Schildkappe auf, um zu gehen,

»es wird uns ja wohl zu gut gehalten werden, daß wir davon reden als

einfältige Leute, die wohl wissen, daß unser Herrgott ein ganzes Stück

klüger ist als wir.

Nämlich, daß wir das nicht in unser Herz hineinbringen, das mit dem

großen Unterschied drüben, der nicht auszusagen sei und nicht aufhöre;

und das mit dem Gedanken, daß Gott es mit etlichen seiner Kinder in

alle Ewigkeit nicht mehr zurecht bringe und ohne sie leben müsse in

seiner himmlischen Herrlichkeit und Pracht. Da man ihm doch zutrauen

möchte, daß er sie alle herausholen möchte aus Sumpf und Feuer und dem

Tod und sie endlich einmal bei sich zu Haus sein lasse, wenn's genug

ist mit der Plage.«

Der Flickschneider hatte die Brille eingeschoben und ging mit seinem

alten Kameraden das Treppchen hinab zum Läuten. »Wir haben wohl

nicht so den Verstand,« sagte er. »Das liegt uns nur so im Gemüt.

Etliche sagen, die Bosheit sei allzugroß, und etliche wieder anders;

es sei, als ob drüben die Geister ineinander flössen, wie die Bäche

in die Flüsse, und die Flüsse ins Meer, da man die Wasser nicht mehr

unterscheidet und alles ein großes Wallen ist. Aber das ist uns nicht

bekannt und das wird auch so recht sein, damit wir unseres Weges gehen

wie die Kinder, und nicht gar so klug sein wollen.«

Da ließen sie die große Frage, die sie nicht um der Frau willen allein

aufgeworfen hatten, der das Läuten galt, sondern die je und je ihre

Herzen bewegte in Hoffnung und demütigem Vertrauen.

Unten bliesen die Stadtmusikanten einen Trauermarsch aus aller Kraft

ihrer Lungen, und gingen die Ehrenspergersbuben hinter dem Sarg her

mit neuen Kleidern und Blumensträußen, und schritt der Bäckermeister

zwischen zwei Anverwandten einher, ernsthaften Gesichtes und in einem

Rock, der breit und weit genug war, als ein stattlicher Witwer, und

ging Jungfer Liese in der Zahl der Frauen als leidtragende Verwandte

des Hauses, das Taschentuch zwischen den Händen. Es war alles, wie es

sein mußte, denn das Besondere, das um die Frau her war, das hatte der

Tod ausgelöscht.

Gertrud stand in der Reihe mit den singenden Schulkindern; und als sie

ihren Kameraden sah, der mit einem merkwürdig erloschenen Gesicht nach

dem sinkenden Sarg blickte, da war es ihr doch, als müsse sie neben ihm

stehen, als gehe das gar nicht anders an. Und sie verstieß gegen alles

Herkommen, wie das rasch und lebhaft empfindende Menschen zuweilen tun,

und schob sich leise, einen Schritt um den andern, zwischen den Männern

des Gefolges und etlichen Cypressen und Grabkreuzen durch, bis sie

dicht hinter Georg stand und ihn sachte am Ärmel zupfte. Jungfer Liese

warf einen vernichtenden Blick nach ihr und vergaß einen Augenblick, zu

schluchzen.

Aber das schadete nichts. Darum hatten die zwei Kinder doch zu dieser

Stunde einen Teil aneinander, und konnten das dunkle Kapitel des

Lebens, das sie nicht recht verstanden und das hier seinen Schlußpunkt

erhielt, schließen lassen, um sich nach Kinderart ihrem eigenen

Weg zuzuwenden. Sie nahmen etwas von dem Vergangenen mit da hinein

und holten es hie und da gesprächsweise heraus, wenn sie im Dämmer

beisammen waren. Aber das Düstere daran, das ging nicht mit. Das

zerfloß im Nebel, nur das Lichte, Freundliche blieb. Es war den Kindern

doch später, als hätten sie einmal Mütter besessen. Das machte, daß

sie das Wenige, das sie von diesem Schatz besaßen, miteinander zu

teilen wußten, da wuchs es daran.

Alle guten Geister...: Roman · 第 12 / 53 题