Siebentes Kapitel

Den folgenden Tag haben die Ehrenspergerskinder mit allen Einzelheiten

im Gedächtnis behalten. Es war der Feiertag Petri und Pauli, und sie

zogen so recht in der Morgenfrische aus, um den Kirschbäumen in der

Wingerthalde einen Besuch zu machen. Jungfer Liese sah ihnen mit

Behagen nach. Sie hatte beiden Brüdern tags zuvor das Haar glatt

abgeschoren und sie heute, den Kirschbäumen zulieb, in verwaschene

Drilchkleider, mit neueingesetzten Ellbogen und Hosenböden gesteckt. Es

rührte sie in ihrem eigenen Busen, daß sie dem Herrn Vetter, der ja ihr

Nächster unzweifelhaft war, so getreulich »sein Gut und Nahrung helfe

fordern und behüten«. »Denn,« sprach sie zu sich selbst, »wo viel ist,

will mehr hinkommen,« und meinte damit die Ehrenspergershabe, deren

Vermehrung sie mit erbautem Gemüt zusah. Sie glaubte nicht befürchten

zu müssen, daß ihr dieser erfreuliche Lebenszweck abhanden komme,

auch nicht im Fall, daß, wie sie sagte, »unser Herrgott nun richtig

ein Einsehen habe, wie das ja an der Zeit sei mit der Frau.« Denn der

Herr Vetter war allmählich ein bißchen bequem, und ein bißchen sehr

korpulent geworden, und er ließ sich die brave Fürsorge der Jungfer

Liese sowohl für sich selbst als für sein Haus immer behaglicher

gefallen. Es muß bezeugt werden, daß sie nicht daran dachte, die

Nachfolgerin der ersten Frau zu werden. So hoch verstiegen sich ihre

Gedanken nicht. Das wäre ja außer aller Standesordnung gewesen und

solche Durchbrechung der bürgerlichen Schranken begehrte sie nicht

für sich. Auch war ihr jüngst der letzte breite Schaufelzahn, der

noch ihren Oberkiefer geschmückt hatte, entfallen. Das gemahnte ans

Altwerden, wie das fallende Laub an den Winterschlaf der Natur. Es

sollte ihr lieb sein, wenn alles seinen Gang weiterging, und daß das

geschehe, hoffte sie mit Zuversicht.

So waren die Gedanken, die sie den Söhnen des Hauses nachsandte,

freundlicher und gedeihlicher Art und kamen auch nicht ans Stocken,

als an der Ecke noch Gertrud und Lore sich zu den Beiden gesellten.

Warum sollten sie sich nicht Gesellschaft mitnehmen? Die Kirschbäume

standen zum Brechen voll, es kam auf ein paar Spatzen mehr oder weniger

nicht an. Als die leuchtenden blaugrauen Flicken, das Werk ihrer Hände,

verschwunden waren, kehrte sie ins Haus zurück.

Es führte ein steiler Weg zwischen Weinbergen zu der sonnigen Höhe

empor, auf der das Baumgut lag. Georg wußte später noch genau, als ob

ihm das lebendige Bild vor der Seele stünde, wie ihnen beim Aufsteigen

die hellroten Herzkirschen aus dem grünen Laub entgegenleuchteten,

gleich einem freudigen, ersprießlichen Lebenszweck, der dem Wanderer

zuruft: »Hoch, immer höher, Mühe ist nichts, Schweiß ist nichts, denn

hier bin ich, hier oben. Nun komm.«

Das und anderes gehörte für ihn zu dem Inhalt des Tages, der ihm

in seinem Verlauf noch einmal und dann nicht wieder seine Mutter

zeigte und der ihm darum kostbar vor andern Tagen war. Er konnte es

die wenigen Male, die er in seinem Leben davon redete, nur schwer

unterdrücken, alle Einzelheiten dazu zu erzählen.

Er mußte von diesem Tag zehren, so oft sein Herz zu seiner Mutter

wollte. Da konnte er nichts entbehren, was damit zusammenhing.

Zwei Handwerksburschen ließen sich aus dem Geäst des

Schwarzkirschenbaumes fallen, der weiter hinten, dem Waldrand zu,

stand, als sie die Kinder kommen sahen. Vielleicht vermuteten sie ein

Gefolge von Erwachsenen hinter ihnen. Da verlor einer von ihnen beim

Herabgleiten seinen einen durchlöcherten Stiefel, der ihm schlapp

genug um den Fuß gehangen haben mochte. Den warfen sie ihm in hellem

Mutwillen nach. Dann ging es über die Kirschbäume her. Lore blieb

unten stehen und zog, auf den Zehenspitzen stehend, einen niedrig

hängenden Zweig um den andern zu sich heran, um ihn abzuernten. Dann

setzte sie sich in den Schatten und wartete, bis ihr die andern hie und

da eine Handvoll Kirschen ins Gras warfen. Es lag von Anfang an nicht

in ihrer Art, auf Bäume zu steigen. Gertrud saß oben in dem großen

Herzkirschenbaum, Georg gegenüber. Hoch über ihnen beiden kletterte

Franz in den äußersten Zweigen, wo die süßen Früchte in der Sonne

kochten. »Du,« sagte Georg unter's Essen hinein, »muß dir was sagen.

Meine Mutter ist krank, anders, weißt du, als vorher. Sie liegt im

Bett und hat immer die Augen zu. Jungfer Liese hat's zur Frau Metzger

Konz gesagt. Vielleicht stirbt sie; wahrscheinlich stirbt sie, hat

sie gesagt.« »Wie die meinige.« Gertrud nickte sachverständig. »Guck'

einmal, da sind lauter Zwillingskirschen, die kann man sich an die

Ohren hängen. Streck' mir deinen Kopf herüber, so, noch ein bißchen

näher, jetzt hast du Ohrringe. Wart' einmal, ich hänge mir auch an.«

Da fing sie an zu lachen. »Weißt du, wer wir jetzt sind? Der Kaufmann

Henne und seine Frau. Guten Morgen, Mann. Du, weißt du, warum die

immer so große goldene Ohrringe tragen, er und seine Frau und seine

Söhne, und glaub' ich noch die Magd? Soll ich dir's sagen? Ich weiß es

von Frau Judith; aber man weiß nicht, ob es auch so ist. Also: da war

einmal einer von ihnen, glaub' ich, sein Großvater, der war so krank,

daß ihm kein Doktor mehr helfen konnte; er mußte bald sterben und das

wollte er noch nicht. Da ging er in den Wald und setzte sich unter

einen Baum und seufzte ganz laut und sagte so vor sich hin: »Wenn es

doch nur etwas gäbe, das mir die Krankheit aus dem Leibe zieht. Da

stehen die Kräuter um mich herum und sind stark und frisch. Wer weiß,

was sie für Kräfte haben? Warum muß ein Mensch krank sein? Das ist

etwas Fremdes, Böses. Das ist wider die Natur.«

Da regte sich etwas neben ihm, und was er für eine große Baumwurzel

gehalten hatte, war ein altes Männchen. Das stand auf und stellte

sich vor ihn hin und sagte: »Da hast du recht. Krank sein muß einer

nicht. Aber die Kräuter tun's nicht. Da hilft nur das lautere Gold, das

ganz tief aus der Erde kommt.« Da griff es in seine Kitteltasche und

holte ein paar große, goldene Ohrringe heraus. »Die mußt' du in den

Ohrläppchen tragen,« sagte er. »Die ziehen dir die Krankheit aus dem

Leibe. Das reine Gold verzehrt alle bösen Säfte.«

Der alte Kaufmann Henne besah sich die Ohrringe. Sie waren groß und

schwer, kein Mensch trug solche. Was würden die Leute sagen zu dem

sonderbaren Schmuck? Aber das war ja doch einerlei. Wenn man darum

gesund wurde. Da stach er sich Löcher in die Ohren und hängte die Ringe

hinein. Und, sagte Frau Judith, dann sei er ganz stramm und aufrecht

nach der Stadt zurückgekehrt und habe noch lang gelebt.

Seither müssen alle Hennes solche Ringe tragen. Zuerst, wenn sie

geboren werden, kleine, und dann immer größere. Wenn einer stirbt,

begräbt man seine Ohrringe besonders in der Erde. Ein Jahr lang, dann

sind sie wieder zu gebrauchen, dann hat die Erde alles angezogen. Da

war eine Tochter von dem vorigen Henne, die wollte nicht anders sein

als andere Leute und hängte sich die Ohrringe aus, wenn sie aus dem

Haus ging. Die wurde krank und starb.«

»O du,« sagte Georg, »die wäre wohl ohnehin gestorben.« Er nahm sich

den hängenden Schmuck von den Ohren und aß ihn auf. Er war ihm nicht

mehr recht geheuer. »Das ist wohl nur so eine Geschichte.«

»Was für ein Unsinn,« sagte Franz, der auch zugehört hatte, »damit

ist gar nichts anzufangen. So ist's: Als der alte Henne, der vorige,

das Haus baute, da drang das Grundwasser vom Stadtbach her in den

Keller. Da war alles feucht im Haus und sie kriegten alle miteinander

entzündete Augen, nur der Knecht nicht, der hatte kleine, goldene

Knöpfchen in den Ohren von seinem Taufpaten her.

Da sagte der alte Henne: »Ist wenig Gold gut, so ist mehr besser,«

und ließ gleich für die ganze Familie Ringe machen, wie ein guter

Schlüsselring in der Größe. Da wurden sie gesund, und jetzt ist das

Haus lange trocken, aber jetzt sind sie's gewöhnt.« »Ja, und wenn sie

einer ablegt, dann zieht ihm irgend was aufs Herz. Die Entzündung,«

sagt Jungfer Liese, »und dann stirbt er.«

»Ach, das ist ja einerlei,« sagte Gertrud. »Das sind alles so

Geschichten. Willst du gleich die Steine heraustun, Franz! Wenn man

einen Kirschenstein schluckt, wächst einem ein Baum im Magen. Der

zersprengt einen, dann muß man sterben. Das sagt Frau Judith.«

»Ach, immer mit eurer Frau Judith. Immer mit eurem Sterben.« Franz war

ein bißchen erschrocken. Da tat er ärgerlich: »Wenn ihr sonst nichts

wißt.«

»Die Mutter muß auch,« sagte Georg. Das ging ihm heute so neben allem

her. Nicht als Schmerz gerade. Er war jetzt zehn Jahre alt und als

sie von ihren Kindern ging, in das dunkle Haus ihrer Seele, da war er

erst zweijährig gewesen. Die paar schattenhaften Züge, die noch von

ihr in seinem Herzen lebten, waren immer blässer geworden. Da hatte er

angefangen, sich ein neues Bild von ihr zu schaffen; abends, wenn er

im Bett lag. Das bekam von ihm alle schönen freundlichen, starken und

liebenswerten Züge zugeteilt, die er irgend an andern Menschen sah.

Aber auch die Menschen seiner Umgebung arbeiteten an dem Bild, und

fügten traurige, mitleidenswerte, grausige und sogar schuldige Züge

hinzu. Da mit einem Wort und dort mit einem. Das gab eine Mischung von

Wonne und Grausen in die Gedankenwelt des kleinen Buben hinein. Es war

nur ein Traumbild, das ihm sterben wollte. Aber es war ihm nun doch,

als ob er nie mehr abends unter der Decke seine stillen Fäden in Furcht

und Liebe zu diesem Bild hin spinnen könne. Es gab doch auch eine

Leere. Er wußte nichts, das an dessen Stelle treten könne. Er konnte

mit niemand davon reden; am Tag dachte er auch nur selten daran; nur

heute ging der Gedanke so mit ihm. Darum fing er immer wieder davon an.

»Das kann man noch nicht wissen,« sagte sein Bruder Franz. »Wir müssen

noch Kirschen brechen zum Heimbringen. Gib einmal den Korb herauf,

Lore.«

»Lore! Die schläft ja wohl?« Nein, das tat sie nicht. Sie hatte sich

aus den trockenen, harten Kirschen eine breite, prächtige Halskette

gemacht, immer einen Stiel neben den andern mit rotem Garn gebunden.

Die hatte sie nun umgehängt, gerade als sie gerufen wurde. Das mußte

zuerst in Ordnung sein.

»Da,« sagte sie dann. »Nein, ich schlafe gar nicht. Guckt einmal. Bin

ich nicht schön?« Sie stellte sich auf die Fußspitzen und drehte sich

einmal im Kreise.

Doch, das war sie. Das sahen auch die anderen. Wie die roten,

schimmernden Früchte um den weißen Hals lagen, der, gleich den Armen,

entblößt war; wie die losen, rotblonden Haare auf das hellblaue

Kleidchen fielen. Nein, sie wußten nicht so recht, warum Lore schön

sei; sie fühlten es mehr. Sie war solch ein kleines, feines, leichtes

Ding. Es tat nichts, daß sie in der Schule selten etwas recht konnte,

und auch nicht, daß sie bei den Spielen immer zimpferlich tat. Sie

mochten sie doch gern dabei haben. »Wißt ihr was?« sagte Franz einmal,

»zum Wegblasen ist sie. Wie Mehlstaub ist sie,« sagte er und wählte

den Vergleich aus seinem künftigen Handwerk, »man muß nur blasen, dann

fliegt sie.« »Nein,« sagte Georg, »wie ein Löwenzahnstengel; wenn man

bläst, fliegen die Samen hinaus, und so fliegt ihr Haar, aber Lore

selber? Die steht doch fest auf den Füßen.« Er war gründlicher, er

konnte nicht recht solch ungenaue Vergleiche leiden.

Franz sah von seinem hohen Sitz aus wohlgefällig auf Lore herunter.

»Du Krott,« sagte er. Das sollte eine Schmeichelei sein; so faßte sie

es auch auf. Sie lachte vergnügt und hüpfte ein paar Schritte gegen

den Abhang zu. Da sah man den steilen Weg hinunter und weit über das

Tal hin. »O,« rief sie und drehte den Kopf zurück, »da kommt Lude. Der

rennt, was er kann. Jetzt ist er an den Staffeln. So rennt kein Mensch

sonst den Berg herauf. O, jetzt verliert er seinen Schlappschuh. Schon

wieder! Jetzt nimmt er beide in die Hand und läuft in den Strümpfen.«

Lude war der Bäckerlehrling. Es war schon bemerkenswert, daß er es

so eilig hatte, er gehörte im gewöhnlichen Leben nicht gerade zu den

Hastenden. Er war klein und rund und sah meistens schläfrig aus. Er

wollte sicher etwas anderes, als etwa Kirschen brechen.

Ein paar mal stand er still und schnappte nach Luft, dann trabte er

vollends weiter den steilen letzten Stich herauf. Nun kam er heran.

»Was ist, Lude?« Sie fragten alle miteinander. Da stieß er unter Pusten

und Schnauben heraus: »Heimkommen sollet ihr. Aber schnell; was ihr

laufen könnt. Ihr müsset verreisen. Es ist, es ist, da hin, wo, wo die

Frau ist. Euer Vater hat schon seine schwarzen Hosen an; er geht auch

mit.«

Da waren sie schon vom Baum herunter und rannten davon. Keines von

ihnen sagte ein Wort. Was war da zu sagen? Da war etwas zu erleben. Der

Vater hatte die schwarzen Hosen an. Und sie sollten dorthin reisen; das

war etwas Wirkliches, das war nicht mehr nur Gerede und ausgemaltes

Phantasiewerk. »So wart doch, Georg,« rief Gertrud, als sie den langen

Sprüngen ihres Kameraden nicht mehr nachkam; »du rennst auch gar zu

arg.« Da blieb er stehen und sah sich um, aber nur einen Augenblick.

»Du gehst ja doch nicht mit,« sagte er, und dann rannte er weiter, bis

ins Tal und bis nach Hause.

Da hatte auch Gertrud ihr Erlebnis des Tages, das sie nicht vergaß. Da

war eine Sache, das nur ihn anging, sie nicht, und die sie nicht mit

ihm teilen konnte.

Da hatte sie einen schweren Satz aus dem Katechismus des wirklichen

Lebens zu lernen. Er handelte davon, daß kein Mensch dem andern überall

hin folgen kann und daß man sich darin ergeben muß, zu Zeiten draußen

zu stehen, während der andere, mit dem man gleichen Schritt halten

möchte, drinnen im Haus ganz allein ein Stück weiter lebt, in Lust

oder Leid, oder in Mühe, die beides in sich schließt.

Sie lernte heute nur die äußeren Umrisse davon. Es war schon dafür

gesorgt, daß sie später wieder und wieder daran zu lernen hatte. Es war

auch für heute ganz genug. Das geht nicht nur so wie eine Kopfarbeit.

Sie stampfte mit dem Fuß auf aus einem machtlosen inneren Grimm heraus.

Und dann fing sie an zu laufen, daß die Röcke flogen. Nach Haus, nach

Haus. Sie wollte nicht so allein zurückbleiben. Lore? ja, die stieg

behutsam hintendrein; und oben im Kirschbaum saß Lude, der sich für

die vorige Eile durch einen behaglichen Schlendrian und einen Schmaus

bezahlt machen wollte. Aber sie war dennoch allein.

Darum lief sie, was sie konnte, daß sie nach Hause kam.

Der Bäcker Ehrensperger hatte nicht nur die schwarzen Hosen an, die dem

Lude solchen Eindruck gemacht hatten, sondern auch die Weste und den

Rock. Er sah unbehaglich und hilflos genug aus in diesem feierlichen

Anzug, der ihm doch von Jungfer Liese als passend und erforderlich

für die heutige Fahrt aufgenötigt war. An der Weste hatte sie findig

das Rückenfutter auseinandergetrennt; das klaffte nun unter dem Rock;

da schlossen vorn die Knöpfe über Brust und Bäuchlein. Aber der Rock.

Der war nach allen Seiten hin zu eng. Vorne stand er weit offen. Aber

am Rücken und an den Schultern verspürte der Mann ein beständiges

Ziehen und Drücken. Ihm war, als knacke da und dort etwas. Das

waren wohl die Nähte? Es war ihm unbehaglich zu Mute. Innerlich und

äußerlich. Die Reise schuf ihm auch ein Mißbehagen. Er war nicht aufs

Absonderliche, Tragische angelegt. Und dies hier war absonderlicher

als alles, was er bisher erlebt hatte. Denn hin und her besehen, was

sollte er dort? Er hatte immer unweigerlich bezahlt, was die Sache

kostete. Aber, noch einmal, persönlich gefragt, was sollte er dort? Es

war ihm unzweifelhaft unbehaglich zu Mut. Da war solch' eine fremde,

andersartige Welt; so eine gewisse, geistige Macht, eine düstere,

tragische. Es war ihm, als sollte er mit Geistern aus dem Jenseits in

Verbindung treten. Wie sollte er sich da benehmen? Was sollte er sagen?

Er hätte gern einen tüchtigen Kuchen eingepackt und sich mit dieser

Gabe von der persönlichen Verpflichtung gelöst, der er sich unterworfen

fühlte. Aber das war ja wohl nichts. Wie hatte es in dem Eilbrief

geheißen, der vor einer Stunde in den Vormittagsnicker des Meisters

hereingefallen war?

»Ihre Frau, von deren Krankheit Ihnen bereits Anzeige gemacht ist, hat,

nicht ganz ungewöhnlicherweise, noch eine fast vollständige Klärung

ihrer Sinne erlebt und verlangt in diesem wachen Zustand nach Mann und

Kindern. Sollten Sie, wie anzunehmen ist, diesem Wunsch zu entsprechen

gedenken, so wird es gut sein, dies unverzüglich zu tun, da die Kranke

ihrer Auflösung in den nächsten vierundzwanzig Stunden entgegengeht.«

Diesem Ruf war nicht zu entgehen. Den letzten Wunsch eines Sterbenden

muß man erfüllen. Das wurzelt tief im Volk, im Menschen überhaupt. Es

ist wohl die unbewußte Hochachtung vor der Majestät des Todes. Der

Mensch, der vor solch einem Gegner steht, ist ernst zu nehmen und nimmt

sich selber ernst.

Ja, er mußte hin.

Da kamen die Buben an, und bekamen, mitten in der Woche, frische

Hemden, und wurden mit den Sonntagsanzügen bekleidet. Und Jungfer

Liese ging geschäftig hin und her und steckte ihnen noch ein

Extrataschentuch ein. »Ihr werdet's brauchen,« sagte sie.

Dann gingen sie zur Bahn und wagten alle drei nicht umzusehen auf der

Straße und gingen ungelenk dahin, wie Leute tun, die sich beobachtet

fühlen. Denn unter den Türen der Werkstätten, und auf den Hausstaffeln,

und unter den Fenstern erschienen die Nachbarn und stießen einander an

und flüsterten vernehmlich: »Da gehen sie. Es ist eine Erlösung. Es ist

eine Wohltat, daß die Frau stirbt. Aber hinreisen? Da können sie etwas

Schönes erleben. Nicht für hundert Mark in so ein Haus.« Und die andern

sagten: »Da können sie nicht anders. Es stirbt eins nur einmal.«

Durch das Getuschel hindurch gingen die drei, mit verlegenen

Gesichtern, und waren froh, als sie in der Bahn saßen.

Sie sprachen unterwegs nicht viel miteinander. Hie und da fing einer

der Buben etwas an. Aber der Vater gab nicht recht Antwort. Wie mochte

sie aussehen, seine Frau? Was konnte sie mit ihm reden wollen? Er hatte

sie einst gern gehabt; sie war ein feines, blühendes Mädchen und eine

fleißige, rührige, mütterliche junge Frau gewesen. Aber als das Unglück

geschah und dann die Krankheit kam, ja, er hatte ihr wohl so ein

bißchen Vorwürfe gemacht damals; (»das hätte ein anderer auch getan,«

dachte er), da hatte er nichts mehr mit ihr anzufangen gewußt. Seitdem

war sie ihm wie gestorben. Und nun lebte sie noch einmal auf und wollte

mit ihm reden.

Das ging rundum mit ihm. Da konnte er nicht auf die Fragen seiner Söhne

hören.

Und als, kurz vor dem Eintritt durch das eiserne Tor, schon das Haus

mit den Gitterfenstern vor Augen, Franz seinen Rockflügel ergriff und

sagte: »Könnte ich nicht lieber draußen warten? Ich, ich möchte lieber

nicht mit hinein,« da kam es ihm vor, als ob die Kinder doch wohl nicht

recht auf den Besuch bei ihrer Mutter vorbereitet seien.

Und er wollte noch rasch seiner Pflicht Genüge tun, als Mann und Vater,

und gab seinem Lieblingssohn, obgleich er ihm seinen Wunsch mehr als

nur nachfühlen konnte, eine Ohrfeige, daß ihm der Hut aufs Pflaster

fiel, und sagte: »Was? Draußen bleiben? Das könnte dir passen. Du gehst

mit hinein, sag' ich und besuchst deine Mutter, wie sichs gehört.

Bleib' ich vielleicht draußen?« Und er fühlte sich nach dieser Tat und

Rede sicherer und erhobener als zuvor.

Da schritten sie miteinander durch das Tor und gingen über Treppen

und lange Gänge, und hörten unterwegs allerlei Töne, die sie nicht

verstanden und die ihnen Herzklopfen machten, weil sie nicht wußten,

von welcherlei Wesen sie kamen. Und dann tat sich ihnen eine Tür auf;

helles Licht kam durch das breite, geöffnete Fenster in den Raum, den

sie betraten; und Georg Ehrensperger, der Jüngste, der von allen Dreien

am meisten mit Herz und Sinnen dabei war, dachte mit Staunen, daß

Meister Nössel, der Flickschneider auf dem Turm, nichts Rechtes gewußt

habe.

Denn er hatte gesagt, daß die Mutter im Dunkeln sitze und warten müsse,

bis ihr Gott das Licht wieder anzünde.

Und hier war helles Licht.

Oder? Oder war das bereits wieder angezündet?

Aber es war helles, gewöhnliches Tageslicht, solches, in dem alle

Menschen wandeln. Es war gar nichts Absonderliches dabei.

Auch die Frau, die in den weißen Kissen ruhte und ihnen entgegensah,

war weder so besonders schön noch so besonders schrecklich, wie das

abendliche Phantasiegebild, das die Stelle einer Mutter bei ihm

vertreten hatte, wechselsweise gewesen war.

Sie hatte ein weißes, sanftes Gesicht, und Augen, in denen das ganze

Leben zusammengedrängt schien, suchende, bittende, hungrige Augen; man

wußte nicht, ob sie lachen oder weinen, sich fürchten oder sich freuen

wollten. Es war wohl das alles miteinander, und löste sich in raschem

Wechsel in ihrer Seele ab. Sie hatte gescheiteltes Haar; links und

rechts hing ihr eine Flechte davon über die Schulter und lag auf ihrer

Brust, blond und silbern gemischt und verlor sich unter der Bettdecke.

Die Hände hatte sie schwer auf der Decke liegen; da hob sie mit Mühe

eine davon zum Willkomm, und ließ sie wieder fallen. »Da seid ihr,«

sagte sie. »Das seid ihr? ach!« Denn sie hatte kleine, zwei- und

vierjährige Kinder verlassen. Die waren ihr wieder ans Herz getreten,

als ihr Ich zu sich selber kam. Nun standen ein paar sonnverbrannte,

halbwüchsige Buben an ihrem Bett, und traten näher, als ihnen ihr Vater

einen kleinen Puff von hinten her gab, und machten verlegene Gesichter.

»Grüß Gott,« sagte der Kleinere und sah sie so von unten herauf an. Da

fand er, daß hier nichts zu fürchten sei, und daß er schon lang mit

dieser Frau zusammengelebt habe, irgendwie und wo. Und auch, daß sie

sowohl mit Frau Judith, als mit der Rektorin Cabisius irgend eine

Ähnlichkeit habe; er besann sich nicht, welche, er fühlte sie nur. Vor

denen aber war er längst nicht mehr scheu. Da war er es auch vor ihr

nicht mehr. »Ich glaube doch,« sagte er später, als er sich selbst

besser verstand, »ich glaube doch, daß mir damals einen Tag lang meine

Mutter gehört hat, wie eine Mutter ihrem Kind gehört, und ich auch ihr.«

Denn es währte an jenem Tag nicht lange, da saß Georg auf dem Bettrand

und hatte seine rauhe Bubenhand in die feine, weiße, heiße Hand seiner

Mutter geschoben. Und sie holte die eine und andere Frage aus sich

heraus, Fragen, wie ein Kind sie tut, und sah ihn an, als trinke sie

etwas Langentbehrtes, Frisches aus seinem Gesicht und aus seinen Reden.

Der Bäcker Ehrensperger war froh, daß er nicht viel zu sagen brauchte.

Sie waren Beide etwas hilflos, als sie versuchen wollten, einander ein

Wort zu sagen. Die Frau bekam einen Augenblick eine heiße Röte in die

Wangen; er war ihr fremd geworden, er war wohl nie so recht ein Teil

ihres Wesens gewesen. Da setzte er sich auf einen Stuhl, der am Fenster

stand und sah mit Erleichterung, daß Georg die Sache in die Hand nahm.

Er ertappte sich nach einer Weile darauf, daß er die Daumen umeinander

drehte. Das war ihm so zur Gewohnheit geworden; so oft er in Ruhe

dasaß, tat er so. Da hörte er erschreckt auf; es war wohl nicht passend

heute. Aber nach ein paar Minuten fing er wieder an. Die Uhr auf dem

Türmchen, das zwischen den Bäumen herausblickte, zeigte auf ein Uhr. Da

stand er auf und sagte, er wolle mit den Kindern gehen, etwas zu essen.

Franz griff nach seinem Hut, er war mehr als Georg Fleisch von seines

Vaters Fleisch; er wußte hier auch nicht recht etwas anzufangen.

Georg rührte sich nicht. »Laß mich da,« sagte er. Da leuchtete aus den

Augen der blassen Frau ein Strahl, als ob ein helles Licht sich darin

spiegele, und sie drückte in ihrer Schwachheit leise die Kinderhand,

als ob sie sie festhalten wolle für immer. Ihre Gedanken gingen wohl

nicht weit hinaus. Jetzt war immer.

Da ließen sie ihn sitzen und gingen.

Sie kamen lang nicht wieder.

Als sie wiederkamen, hatte Georg eine kleine Mundharmonika an den

Lippen, die er meist in der Tasche bei sich trug. Er blies darauf,

weich und sachte, als ob er fühle, daß hier herein keine lauten Töne

paßten. Es war keine eigentliche Melodie, es war nur so ein Tonreigen,

nicht tonreicher, als das Geplätscher eines Bächleins ist. Aber sie

waren froh dabei, beide.

»Willst du wohl?« sagte der Vater, »das fehlte noch, Musik machen.«

Da lächelte die Kranke. »Nein, laß ihn,« sagte sie, freier als zuvor,

»er hat mir gesagt, daß er etwas werden will, bei dem man Musik machen

kann. Laß ihn.«

Dann sah sie aus, als ob sie einschlafen wollte.

Georg hielt ihre Hand und fühlte, wie die Pulse in den Fingerspitzen

pochten, als ob das Leben überall da innen gegen die Wände stieße und

heraus wolle. Und einmal klopfte es hart und stark unter der leichten

Decke der Mutter, »klopf, klopf, klopf.«

»Mutter, was klopft so bei dir?« fragte er.

Alle guten Geister...: Roman · 第 11 / 53 题