»Mutter,« sagte Lore, das Kind der Putzmacherin Maute, »du mußt schnell
was anziehen. Da kommt die Frau Rektor Cabisius aufs Haus zu. Sie macht
so kurze, rasche Schritte, wie ein Mädchen geht sie und ist doch schon
eine alte Frau. Das heißt, wenigstens hat sie ganz graues Haar. Und
überall hält sie den Rocksaum hoch; sieh' mal, Mutter, da ist doch
tiefer Schmutz auf der Gasse, und sie hat nie ein Tüpfelchen Schmutz
an sich.« Lore saß am Fenster und sah in den kleinen Straßenspiegel,
der da angebracht war und durch den man alles beobachten konnte, was
draußen vorging, ohne selbst gesehen zu werden.
Ihre Mutter saß ihr gegenüber. Sie hatte die Haare auf Papilloten
gewickelt und war mit einer Nachtjacke bekleidet, die, der fehlenden
Knöpfe wegen, am Hals mit einer blitzenden Hutagraffe zugesteckt war.
Sie hatte eben noch an einem bestellten Samthut gestichelt; nun stand
sie auf und ging ins Nebenzimmer. »Sag', wenn sie kommt, ich käme
sogleich,« sagte sie im Hineingehen. »Und, Lore, räum' noch rasch ein
bißchen auf.« Denn es fiel ihr nun plötzlich auf, daß das Waschgeschirr
noch auf dem Tisch stand und Kämme und gebrauchte Kaffeetassen sich
mit Seidenbändern und Hutformen auf der Kommode breit machten. Da
nahm das Mädchen einen Anlauf und trug einiges ins Nebenzimmer. Dort
stellte sie es auf den Boden. Und anderes streifte sie mit rascher Hand
in eine geöffnete Schublade; und fuhr mit einem Pfauenwedel über die
Kommodenplatte und legte rasch eine Decke auf den Tisch. Es sah nicht
mehr so übel aus im Zimmer, wenn man nicht gerade kritisch hinsah.
Da klopfte es, und als die Frau Rektorin eintrat, kam ihr Lore
entgegen, frisch und zierlich, wie ein Bachstelzchen und bat, Platz
zu nehmen, nur einen Augenblick zu warten, da die Mutter sogleich
kommen werde. Sie habe nur etwas Notwendiges zu schaffen, das gleich
erledigt sei. Darauf setzte sie sich wieder an ihren Fensterplatz und
hob sittig an, zu häkeln. Irgend etwas Zartes, Zierliches, es gab einen
Halskragen, das konnte man schon erkennen.
Die Uhr tickte, es war still im Zimmer. Draußen rieselte der Regen
herunter und klopfte hie und da ein wenig an die Fensterscheiben.
Von der nahen Kirche her hörte man vereinzelte Orgeltöne; irgend ein
musikbeflissener Unterlehrer übte sich da.
Die Frau Rektorin saß und sah nachdenklich aus.
Sie sah dem Spiel der feinen Hände des Kindes da auf dem Fenstertritt
zu. Es war eine wahre Freude, zuzusehen.
Warum machte sich nur Gertrud nichts aus selbstgehäkelten Halskragen?
Warum war sie so ganz anders als alle Mädchen, die die Frau Rektorin
kannte?
Sie saß in ihres Großvaters Studierstube und lernte Latein von ihm. Ja,
Latein. Und ihre Großmutter richtete jetzt und immer die Frage an das
Weltall, was ein Mädchen mit Latein zu tun habe? Aber hier war niemand,
der ihr Antwort gab.
Sie, nämlich Gertrud, war groß und stark für ihr Alter und hatte ein
kluges, etwas breites, offenes Gesicht, und ihre Bewegungen erinnerten
etwas an die einer jungen Dogge.
Sie war die Freude der beiden Alten. Ja, unstreitig auch die ganze
Freude ihrer Großmutter. Aber das verhinderte nicht, daß die Frau
Rektorin in einer eifersüchtigen Regung »ihres Nächsten Schönheit«
begehrte; nicht für sich, für das Kind, und daß sie innerlich bereit
war, etwas von »der unnötigen Gelehrsamkeit, mit der sie mein Mann
füttert«, dafür dranzugeben.
Sie hatte jetzt nicht lang Zeit, sich den Tausch auszudenken, denn
nun kam die Putzmacherin herein und fing sogleich eine wortreiche
Entschuldigung an, daß sie habe warten lassen. »Es ist immer so vieles
im Haushalt, wenn man alles ordentlich haben will,« sagte sie, und
vielleicht glaubte sie es in diesem Augenblick selbst, daß sie alles
ordentlich haben wolle, obgleich sie soeben aus ihrer Schlafstube kam,
in der das Chaos herrschte.
Und dann fing sie an, mit Hutformen, Samt und Spitzen zu hantieren
und Lore verließ ihren Fensterplatz und ihre Handarbeit, um bald die
Stecknadeln, bald eine Schere, bald das Metermaß zu suchen. Denn die
Frau Rektorin sollte mit einer neuen Winterkopfbedeckung versehen
werden. Das war aber so, daß die neue der alten immer noch ein wenig
ähnlich sein mußte, und es gehörte eine gewisse Kunst dazu, einen
neuen, haubenähnlichen Hut, (oder eine hutähnliche Haube, was in der
Wirkung auf eins herauskommt,) zu schaffen, der weder modern noch
altmodisch, weder ärmlich, noch großartig war. »Sondern der,« sagte
die Frau Rektorin, »auf meinen eigenen Kopf paßt und nicht auf den von
hundert anderen Menschen.«
Ja, das war immer eine Art von Kunstwerk, so einfach es aussah und Frau
Maute war die Erste und Einzige, die die schwierige Frage mit einer Art
von Genialität zu lösen wußte. Es gibt allerlei Bande, die sich um die
Menschen schlingen, und das Geschick der Frau Maute, einen ästhetisch
befriedigenden Hut für die Frau Rektorin herzustellen, war so eine
Art von Band, das die beiden Frauen nach einer gewissen Richtung hin
umschloß.
Aber es war ein Band, das im Begriff war, sich zu lösen.
»Das wird nun der letzte Hut sein, den ich der Madam Cabisius mache,«
begann die Putzmacherin das Gespräch. (Sie war nicht davon abzubringen,
ihre honorigeren Kundenfrauen mit Madam' zu titulieren und die Rektorin
Cabisius ließ sich das nun allmählich gefallen, weil Widerspruch nichts
nützte und der Klügste nachgibt.)
»Was, den letzten?« fragte sie. »Das muß merkwürdig zugehen. Entweder
sterb' #ich# bald, oder sterben #Sie# bald, oder, was ists? am Ende
ist Maute wieder aufgetaucht und Sie gehen mit ihm und dem Kind nach
Amerika, wohin er damals verschwunden sein soll?«
»Ach, Madam Cabisius scherzen. Madam Cabisius wissen wohl, daß Maute
für mich abgetan ist. Und wenn er auch mit Gold überzogen käme, und
kniete hier vor mir nieder, da, wo Madam Cabisius sitzen, ich ließ' ihn
knieen. Ich nähme das Kind an der Hand und sagte: »Maute, du weißt, daß
du mich verlassen hast. Keine Widerrede, das hast du. Ich habe das
Kind und mich ernährt und werde es ferner ernähren und brauche dein
Gold nicht.« Und dann würde ich ihm die Tür aufmachen. 'Bitte, hier ist
die Tür,' würde ich sagen.«
Und damit machte sie ein paar Schritte nach der Tür hin, um sie für
den Abzug des imaginären Maute zu öffnen, besann sich aber und kehrte
wieder um. Lore stand mit aufgestützten Armen am Tisch und sah und
hörte dem Schauspiel zu, das sie offenbar nicht zum ersten mal genoß.
Die Rektorin zupfte Frau Maute am Ärmel. »Das Kind,« sagte sie mahnend.
»Ja, das Kind, das ist noch mein Trost. Ich sag's alle Tage: Lore, du
bist mein Trost, denn ich bin eine verlassene, unglückliche Frau.