Es war einmal ein Mensch, der saß ganz im Dunkeln. Er hatte sich ein
Haus gebaut und daran die Fenster vergessen; es war ein einfältiger
Mensch. Da saß er nun und sann, wie er Licht in sein Haus bringen
könne. Denn daß es draußen die Welt erfüllte, das sah er, wenn er unter
seine Tür trat. Und er ging aus, nahm einen Sack mit, in den ließ er
die Sonne scheinen, dann, als er voll von Licht war, band er ihn zu
und trug ihn in sein Haus. So tat er eine lange Zeit und wunderte
sich, daß es nicht hell werden wollte, wenn er den Sack aufband und
ausleerte. »Es ist noch nicht genug,« sagte er und ging aufs Neue,
Licht hereinzutragen. Es war ein hartes Leben. Es war nur zu ertragen
durch die stete Mühe, die er sich machte. Denn die Mühe hat doch immer
irgend eine Hoffnung, etwas zu erreichen, sei es noch so wenig.
Da, als er eines Tages lange ausgewesen war, fand er, als er heim kam,
die Wände seines Hauses eingeschlagen. Das hatte sein Feind getan.
Der hatte ihm einen rechten Schabernack antun wollen. Nun konnte das
Licht herein. Es strömte durch das ganze Haus und drang in alle Ecken.
Ganz voll von Licht war das Haus. Aber nun war es auch zerstört. »Das
schadet nichts,« sagte der einfältige Mensch vergnügt, »wollen schon
ein neues kriegen.« Von dem neuen Haus ist nichts gesagt. Da wird er ja
wohl das Licht hereingelassen haben.
* * * * *
Es war ein großes, weißes Haus mit unzähligen Fenstern. Es stand
abseits von dem Lärm der Gassen. Ein großer, schattiger Garten war
rings darum her; die alten, hohen Bäume reichten mit ihren obersten
Zweigen bis an das Dach. Aber es ging ein hoher, eiserner Zaun um den
Garten; an der Eingangspforte war ein Wächter und er ließ nur hinein
und heraus, wen er des Ein- und Ausgangs für berechtigt hielt. Die
Fenster waren vergittert. Es waren Gefangene des Geistes, die in dem
hohen Hause wohnten, Leute, die in irgend einer Art im Dunkel tappten.
Sie konnten sich oder andere stoßen, wenn man sie draußen in der
Weite gehen ließ. Darum hielt man sie hier verwahrt. Es war wohl der
eine und der andere darunter, der nur für eine Zeitlang hier Zuflucht
suchen mußte, der, so hoffte man, bald wieder hinaus konnte in das
freie Licht. Aber es waren ihrer mehr, hinter denen sich das eiserne
Gittertor für immer geschlossen hatte. Was man so menschlich »immer«
heißt, die Spanne Zeit, von der ein alter Dichter sagte, daß sie
»dahinfahre wie ein Rauch«. Es ist nicht so weit her mit dem »immer«
eines Menschenlebens. Aber es kann doch lang währen, für den, der
wartet, bis eine Zeit um die andere verstreicht, in Not der Gegenwart
und Angst vor dem Künftigen.
Es war wohl viel Angst und Not in den Gemächern des Hauses. Wache,
helle Pein, die sich ihrer bewußt war, und die zu Zeiten ihr Elend
in lauten, starken Tönen hinausschrie, als ob es die Tür des Himmels
aufstoßen müßte; dumpfe, unklare Angst, unter der sich der Geist wand,
der aufwachen wollte und nicht konnte. Lächelndes, blödes Elend, das
seiner selbst vergessen hatte und mit der Not spielte, wie das Kind,
das in der Wolfsgrube saß unter jungen Wölfen und sie mit dem Löffel
aufs Maul schlug im Spiel: »Geh weg, oder ich geb' dir eins.«
Man kann nicht sagen, daß eins oder das andere das größte Elend von
allen sei. Man darf wohl die Augen aufheben und sagen: »Sondern erlöse
uns von dem Übel.« Es ist gut, es ist wohl gewiß gut, daß das »für
immer« eines Menschenlebens nicht gar so lang währt, wenn man das
betrachtet.
Da war eine Frau, eine von denen, die keine Aussicht hatten, wieder
mit hellen Augen durch die Welt zu gehen. Sie war noch jung; es sollte
noch ein langes Leben vor ihr liegen, wer konnte das wissen? Als sie
hereingebracht worden war, hatte sie immer in die dunkelsten Ecken
gesehen, ratlose Angst im Gesicht, und hatte geweint und gewimmert.
»Nein, es ist nicht tot. Laßt es mich noch einmal versuchen, nur noch
einmal. Ich kann nichts dafür. Nein, ich kann nichts dafür. Kann auch
ein Weib ihres Kindes vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den
Sohn ihres Leibes?« Ihre Reden und ihre Gedanken gingen durcheinander.
Die Krankheit hatte sich in das Gewand der Schuld verkleidet. Die saß
nun neben ihr und sah sie starr an und sagte: »Das war wohl so: du
warst in der Backstube, als das kleine Kind so allein in dem großen
Bett lag. Das war dir wohl wichtiger, daß das Geschäft blühe? Du
hattest es wohl so eilig mit dem Reichwerden? Da schrie das Kind, und
kam ins Ausgleiten, das arme kleine Ding. Und kam unter das große
Deckbett. Da erstickte es. Das war zu spät, daß du es aufhobst und all'
die Mühe daran wandest, ob es nicht wieder erwache. Du hättest bei ihm
bleiben sollen. Was? Das litt der Mann nicht? Das Gepimpel mit dem
Kleinen, sagte er? Ist er die Mutter oder du?
Es war auch noch nicht getauft, nicht wahr? Es war doch schon acht
Wochen alt? Ihr hattet keine Zeit, weil Ostern so nahe war und
Konfirmation und sonst noch allerlei Festliches; da blühte das
Geschäft. Das ging ja vor, natürlich, man konnte es später taufen. Dazu
ist es nun viel zu spät. Man kann nicht wissen, kein Mensch weiß, was
aus dem kleinen Seelchen geworden ist. Und du bist schuldig. Doch, das
bist du.«
So redete die Krankheit, die in dem Gewand der Schuld mit der jungen
Frau hier hereingekommen war. Da schloß sie die Augen, um sie nicht
zu sehen. Aber das nützte nichts. Sie drang auch durch die Lider. Sie
war überall und immer wach. Es war ein dunkles, dunkles Haus, in dem
die Frau saß. Da schickte sie ihre irren hilflosen Gedanken aus, um
etwas Licht hereinzubringen. Aber sie verstanden es nicht. Einer kam
und sagte: »Irgendwo ist Gott, du mußt beten.« Der wußte, daß ein Licht
sei. Aber er konnte es nicht hereintragen. Da fing die Frau an: »Wenn
wir in großer Angst und Pein, und wissen nicht wo aus und ein, und
finden weder Hilf noch Rat«; da gingen alle ihre Gedanken rundum und
wußten immer nur bis zu dieser Stelle zu sagen. Das währte eine lange
Zeit. Da fand sie eines Morgens die Wärterin, wie sie ein kleines
Bündel aus Tüchern sorgfältig zusammenwickelte und es an die Brust
drückte. »Schlaf, Kindlein, schlaf,« sang sie leise. Das tat sie nun
immer. Sie ließ das Bündel nicht mehr aus den Armen, niemand durfte es
berühren. Seitdem weinte sie nicht mehr. Sie sang und lächelte, und
trug das Bündel umher. Wenn sie nicht hie und da mit großen, suchenden
Augen, wie in sich selbst hineinschauend gestanden wäre, so hätte man
nun denken können, sie habe es aufgegeben, nach Licht auszugehen. Aber
auch das kam nur noch selten vor.
Da, nach Jahren, kam einer mit einer blanken Axt, der hatte den
Auftrag, ihr die Wände ihres dunklen Hauses einzuschlagen. Er zerstörte
es nicht ganz und gar auf einen Hieb. Er stieß ein Loch hinein, da
flog viel Staub und Lehm und Mörtel davon, und etwas Helle kam zu dem
Bewohner herein. Dann wartete er ein paar Tage. Er war kein Feind,
er handelte, wie schon gesagt, im Auftrag, und nun sollte er seinen
letzten, stärksten Hieb noch sparen. Vielleicht wäre das Licht sonst
gar zu blendend gewesen, wer kann das wissen? Also wartete der Tod
noch. Es kam eine Krankheit an die junge Frau, eine von denen, die
man eine Erlösung nennt, weil sie rasch und sicher die Körperkraft
aufzehren, und ein sanftes Ende der Pein bringen. Sie hatte ein paar
Tage im Fieber gelegen und fast nichts geredet. Nun schlug sie die
Augen auf; es war mitten in der Nacht. Oder, es ging schon etwas gegen
den Morgen hin. Das Fenster stand offen. Draußen in den Bäumen wehte
ein sachter Wind, sie rauschten leise. Die Welt lag in tiefem Schlaf,
es war ganz still ringsum. Die Kranke hob den Kopf ein wenig und wandte
die Augen nach dem Fenster. Da stand der Morgenstern hoch am Himmel
über den Baumkronen. Die waren in tiefem Schatten, oben aber leuchtete
in der fast durchsichtigen Glocke des Sommernachthimmels der Stern in
wunderbarem Glanz. Den hatte sie lang nicht gesehen. Sie hatte in den
trüben Nächten ihrer Krankheitsjahre keine Augen für die Schönheiten
der Welt gehabt; sie hatte immer ins Dunkel gesehen.
Sie strich sich über die Stirn. Da war so etwas Freies. War da nicht
ein Band gewesen? Wo mochte das hingekommen sein? Wer war sie, und wo?
Da sah sie das Gitter am Fenster; hinten in der Stube brannte ein
kleines Nachtlicht, nur eines Funkens groß. Aus dem anstoßenden Gemach,
dessen Tür offen stand, verkündeten kräftige Atemzüge, daß dort jemand
schlief, das war die Wärterin. Auf dem Stuhl am Bett lag ein Paket,
aus Tüchern zusammengebunden, mit einem Band umwickelt. Da kamen ihr
die Gedanken wieder, schreckhaft und schwer. Aber doch anders, als
seit langem. Sie griff nicht nach dem Bündel. Die Furcht, die ihr ans
Herz kroch, war die Furcht vor etwas Gewesenem. Ob es vorbei war? Ob
das abziehende Schatten waren, die wie wogende Nebel durch ihren Kopf
zogen? Abziehende und nicht kreisende, die nur einen Augenblick frei
ließen, um dann wieder desto fester einzuziehen? Wie war das nur?
Sie war so müde, sie konnte kaum eine Hand rühren. Aber als sie so
hinaussah in die stille Sommernacht, und das milde Licht des Sterns
auf ihr Lager fiel, da versuchte ihr Geist, sich zu regen. Man weiß
nicht, was sie erlebte, bis der Morgen kam. Der Arzt sagte, als er die
Veränderung sah, das sei von dem Fieber. Aber, sagte er draußen, das
helfe nun nichts, denn die Lebenskraft sei am Erlöschen. Das sei hie
und da, daß solch ein heller Schein komme vor dem Ende. Denn sie lag
mit einem stillen, sanften Gesicht da, und in den Augen war geistiges
Leben, kein irres Flackerlicht mehr. Und sie hatte vorhin gefragt,
wie das denn sei, sie habe doch zwei kleine Buben, und, nach einigem
Zögern, und einen Mann? Die lebten ja doch noch? Und klagte, mit einem
Lächeln, das wie um Entschuldigung bittend war, daß sie sich auf nichts
recht besinnen könne, ihr Kopf sei so müde. Da ging der Tag so hin,
und gegen den Abend sagte sie, schüchtern wie ein Kind, das zaghaft
eine Bitte tut, von der es denkt, daß sie ungeheuer sei, -- ob das denn
möglich wäre, daß die Ihrigen herkämen? Oder ob das gar zu weit sei?
Denn sie wußte nicht recht, ob sie in der gleichen Welt lebe mit denen,
nach denen ihr aufwachendes Ich mit seinen ersten Regungen verlangte.
Ja, sagte man ihr, das könne freilich wohl sein. Gut könne das sein,
sie solle ruhig einschlafen und morgen werden sie wohl da sein, denn es
gehe heut in der Nacht noch ein Brief ab.