Sechstes Kapitel

Es war einmal ein Mensch, der saß ganz im Dunkeln. Er hatte sich ein

Haus gebaut und daran die Fenster vergessen; es war ein einfältiger

Mensch. Da saß er nun und sann, wie er Licht in sein Haus bringen

könne. Denn daß es draußen die Welt erfüllte, das sah er, wenn er unter

seine Tür trat. Und er ging aus, nahm einen Sack mit, in den ließ er

die Sonne scheinen, dann, als er voll von Licht war, band er ihn zu

und trug ihn in sein Haus. So tat er eine lange Zeit und wunderte

sich, daß es nicht hell werden wollte, wenn er den Sack aufband und

ausleerte. »Es ist noch nicht genug,« sagte er und ging aufs Neue,

Licht hereinzutragen. Es war ein hartes Leben. Es war nur zu ertragen

durch die stete Mühe, die er sich machte. Denn die Mühe hat doch immer

irgend eine Hoffnung, etwas zu erreichen, sei es noch so wenig.

Da, als er eines Tages lange ausgewesen war, fand er, als er heim kam,

die Wände seines Hauses eingeschlagen. Das hatte sein Feind getan.

Der hatte ihm einen rechten Schabernack antun wollen. Nun konnte das

Licht herein. Es strömte durch das ganze Haus und drang in alle Ecken.

Ganz voll von Licht war das Haus. Aber nun war es auch zerstört. »Das

schadet nichts,« sagte der einfältige Mensch vergnügt, »wollen schon

ein neues kriegen.« Von dem neuen Haus ist nichts gesagt. Da wird er ja

wohl das Licht hereingelassen haben.

* * * * *

Es war ein großes, weißes Haus mit unzähligen Fenstern. Es stand

abseits von dem Lärm der Gassen. Ein großer, schattiger Garten war

rings darum her; die alten, hohen Bäume reichten mit ihren obersten

Zweigen bis an das Dach. Aber es ging ein hoher, eiserner Zaun um den

Garten; an der Eingangspforte war ein Wächter und er ließ nur hinein

und heraus, wen er des Ein- und Ausgangs für berechtigt hielt. Die

Fenster waren vergittert. Es waren Gefangene des Geistes, die in dem

hohen Hause wohnten, Leute, die in irgend einer Art im Dunkel tappten.

Sie konnten sich oder andere stoßen, wenn man sie draußen in der

Weite gehen ließ. Darum hielt man sie hier verwahrt. Es war wohl der

eine und der andere darunter, der nur für eine Zeitlang hier Zuflucht

suchen mußte, der, so hoffte man, bald wieder hinaus konnte in das

freie Licht. Aber es waren ihrer mehr, hinter denen sich das eiserne

Gittertor für immer geschlossen hatte. Was man so menschlich »immer«

heißt, die Spanne Zeit, von der ein alter Dichter sagte, daß sie

»dahinfahre wie ein Rauch«. Es ist nicht so weit her mit dem »immer«

eines Menschenlebens. Aber es kann doch lang währen, für den, der

wartet, bis eine Zeit um die andere verstreicht, in Not der Gegenwart

und Angst vor dem Künftigen.

Es war wohl viel Angst und Not in den Gemächern des Hauses. Wache,

helle Pein, die sich ihrer bewußt war, und die zu Zeiten ihr Elend

in lauten, starken Tönen hinausschrie, als ob es die Tür des Himmels

aufstoßen müßte; dumpfe, unklare Angst, unter der sich der Geist wand,

der aufwachen wollte und nicht konnte. Lächelndes, blödes Elend, das

seiner selbst vergessen hatte und mit der Not spielte, wie das Kind,

das in der Wolfsgrube saß unter jungen Wölfen und sie mit dem Löffel

aufs Maul schlug im Spiel: »Geh weg, oder ich geb' dir eins.«

Man kann nicht sagen, daß eins oder das andere das größte Elend von

allen sei. Man darf wohl die Augen aufheben und sagen: »Sondern erlöse

uns von dem Übel.« Es ist gut, es ist wohl gewiß gut, daß das »für

immer« eines Menschenlebens nicht gar so lang währt, wenn man das

betrachtet.

Da war eine Frau, eine von denen, die keine Aussicht hatten, wieder

mit hellen Augen durch die Welt zu gehen. Sie war noch jung; es sollte

noch ein langes Leben vor ihr liegen, wer konnte das wissen? Als sie

hereingebracht worden war, hatte sie immer in die dunkelsten Ecken

gesehen, ratlose Angst im Gesicht, und hatte geweint und gewimmert.

»Nein, es ist nicht tot. Laßt es mich noch einmal versuchen, nur noch

einmal. Ich kann nichts dafür. Nein, ich kann nichts dafür. Kann auch

ein Weib ihres Kindes vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den

Sohn ihres Leibes?« Ihre Reden und ihre Gedanken gingen durcheinander.

Die Krankheit hatte sich in das Gewand der Schuld verkleidet. Die saß

nun neben ihr und sah sie starr an und sagte: »Das war wohl so: du

warst in der Backstube, als das kleine Kind so allein in dem großen

Bett lag. Das war dir wohl wichtiger, daß das Geschäft blühe? Du

hattest es wohl so eilig mit dem Reichwerden? Da schrie das Kind, und

kam ins Ausgleiten, das arme kleine Ding. Und kam unter das große

Deckbett. Da erstickte es. Das war zu spät, daß du es aufhobst und all'

die Mühe daran wandest, ob es nicht wieder erwache. Du hättest bei ihm

bleiben sollen. Was? Das litt der Mann nicht? Das Gepimpel mit dem

Kleinen, sagte er? Ist er die Mutter oder du?

Es war auch noch nicht getauft, nicht wahr? Es war doch schon acht

Wochen alt? Ihr hattet keine Zeit, weil Ostern so nahe war und

Konfirmation und sonst noch allerlei Festliches; da blühte das

Geschäft. Das ging ja vor, natürlich, man konnte es später taufen. Dazu

ist es nun viel zu spät. Man kann nicht wissen, kein Mensch weiß, was

aus dem kleinen Seelchen geworden ist. Und du bist schuldig. Doch, das

bist du.«

So redete die Krankheit, die in dem Gewand der Schuld mit der jungen

Frau hier hereingekommen war. Da schloß sie die Augen, um sie nicht

zu sehen. Aber das nützte nichts. Sie drang auch durch die Lider. Sie

war überall und immer wach. Es war ein dunkles, dunkles Haus, in dem

die Frau saß. Da schickte sie ihre irren hilflosen Gedanken aus, um

etwas Licht hereinzubringen. Aber sie verstanden es nicht. Einer kam

und sagte: »Irgendwo ist Gott, du mußt beten.« Der wußte, daß ein Licht

sei. Aber er konnte es nicht hereintragen. Da fing die Frau an: »Wenn

wir in großer Angst und Pein, und wissen nicht wo aus und ein, und

finden weder Hilf noch Rat«; da gingen alle ihre Gedanken rundum und

wußten immer nur bis zu dieser Stelle zu sagen. Das währte eine lange

Zeit. Da fand sie eines Morgens die Wärterin, wie sie ein kleines

Bündel aus Tüchern sorgfältig zusammenwickelte und es an die Brust

drückte. »Schlaf, Kindlein, schlaf,« sang sie leise. Das tat sie nun

immer. Sie ließ das Bündel nicht mehr aus den Armen, niemand durfte es

berühren. Seitdem weinte sie nicht mehr. Sie sang und lächelte, und

trug das Bündel umher. Wenn sie nicht hie und da mit großen, suchenden

Augen, wie in sich selbst hineinschauend gestanden wäre, so hätte man

nun denken können, sie habe es aufgegeben, nach Licht auszugehen. Aber

auch das kam nur noch selten vor.

Da, nach Jahren, kam einer mit einer blanken Axt, der hatte den

Auftrag, ihr die Wände ihres dunklen Hauses einzuschlagen. Er zerstörte

es nicht ganz und gar auf einen Hieb. Er stieß ein Loch hinein, da

flog viel Staub und Lehm und Mörtel davon, und etwas Helle kam zu dem

Bewohner herein. Dann wartete er ein paar Tage. Er war kein Feind,

er handelte, wie schon gesagt, im Auftrag, und nun sollte er seinen

letzten, stärksten Hieb noch sparen. Vielleicht wäre das Licht sonst

gar zu blendend gewesen, wer kann das wissen? Also wartete der Tod

noch. Es kam eine Krankheit an die junge Frau, eine von denen, die

man eine Erlösung nennt, weil sie rasch und sicher die Körperkraft

aufzehren, und ein sanftes Ende der Pein bringen. Sie hatte ein paar

Tage im Fieber gelegen und fast nichts geredet. Nun schlug sie die

Augen auf; es war mitten in der Nacht. Oder, es ging schon etwas gegen

den Morgen hin. Das Fenster stand offen. Draußen in den Bäumen wehte

ein sachter Wind, sie rauschten leise. Die Welt lag in tiefem Schlaf,

es war ganz still ringsum. Die Kranke hob den Kopf ein wenig und wandte

die Augen nach dem Fenster. Da stand der Morgenstern hoch am Himmel

über den Baumkronen. Die waren in tiefem Schatten, oben aber leuchtete

in der fast durchsichtigen Glocke des Sommernachthimmels der Stern in

wunderbarem Glanz. Den hatte sie lang nicht gesehen. Sie hatte in den

trüben Nächten ihrer Krankheitsjahre keine Augen für die Schönheiten

der Welt gehabt; sie hatte immer ins Dunkel gesehen.

Sie strich sich über die Stirn. Da war so etwas Freies. War da nicht

ein Band gewesen? Wo mochte das hingekommen sein? Wer war sie, und wo?

Da sah sie das Gitter am Fenster; hinten in der Stube brannte ein

kleines Nachtlicht, nur eines Funkens groß. Aus dem anstoßenden Gemach,

dessen Tür offen stand, verkündeten kräftige Atemzüge, daß dort jemand

schlief, das war die Wärterin. Auf dem Stuhl am Bett lag ein Paket,

aus Tüchern zusammengebunden, mit einem Band umwickelt. Da kamen ihr

die Gedanken wieder, schreckhaft und schwer. Aber doch anders, als

seit langem. Sie griff nicht nach dem Bündel. Die Furcht, die ihr ans

Herz kroch, war die Furcht vor etwas Gewesenem. Ob es vorbei war? Ob

das abziehende Schatten waren, die wie wogende Nebel durch ihren Kopf

zogen? Abziehende und nicht kreisende, die nur einen Augenblick frei

ließen, um dann wieder desto fester einzuziehen? Wie war das nur?

Sie war so müde, sie konnte kaum eine Hand rühren. Aber als sie so

hinaussah in die stille Sommernacht, und das milde Licht des Sterns

auf ihr Lager fiel, da versuchte ihr Geist, sich zu regen. Man weiß

nicht, was sie erlebte, bis der Morgen kam. Der Arzt sagte, als er die

Veränderung sah, das sei von dem Fieber. Aber, sagte er draußen, das

helfe nun nichts, denn die Lebenskraft sei am Erlöschen. Das sei hie

und da, daß solch ein heller Schein komme vor dem Ende. Denn sie lag

mit einem stillen, sanften Gesicht da, und in den Augen war geistiges

Leben, kein irres Flackerlicht mehr. Und sie hatte vorhin gefragt,

wie das denn sei, sie habe doch zwei kleine Buben, und, nach einigem

Zögern, und einen Mann? Die lebten ja doch noch? Und klagte, mit einem

Lächeln, das wie um Entschuldigung bittend war, daß sie sich auf nichts

recht besinnen könne, ihr Kopf sei so müde. Da ging der Tag so hin,

und gegen den Abend sagte sie, schüchtern wie ein Kind, das zaghaft

eine Bitte tut, von der es denkt, daß sie ungeheuer sei, -- ob das denn

möglich wäre, daß die Ihrigen herkämen? Oder ob das gar zu weit sei?

Denn sie wußte nicht recht, ob sie in der gleichen Welt lebe mit denen,

nach denen ihr aufwachendes Ich mit seinen ersten Regungen verlangte.

Ja, sagte man ihr, das könne freilich wohl sein. Gut könne das sein,

sie solle ruhig einschlafen und morgen werden sie wohl da sein, denn es

gehe heut in der Nacht noch ein Brief ab.

Alle guten Geister...: Roman · 第 10 / 53 题