Fünftes Kapitel

So hatte Georgs und Gertruds Freundschaft angefangen; das lag ein paar

Jahre zurück.

Es war ein Drehorgelmann durchs Städtchen gezogen, ein alter Invalid

mit einem lustig zwinkernden Gesicht und einem großen, roten

Schnauzbart. Der rechte Ärmel hing ihm schlaff herunter, die Orgel

trug er an einem Riemen, der über die Achsel ging; mit der linken Hand

drehte er die Kurbel herum, da kamen die Lieder aus dem Kasten heraus,

eins ums andere. Es waren deren vier. Ein Choral; da horchten die alten

Leute auf und die ganz einfachen, frommen Gemüter. Sie unterbrachen

ihre Hantierung, legten den schrillen, gellenden Tönen den Text unter,

den sie aus dem Gesangbuch kannten und nickten beifällig. Und die alten

Weiblein, die unter den knospenden Akazienbäumen des Marktplatzes ihre

Enkel hüteten, summten mit, und suchten in der Rocktasche nach einem

Stück Kupfergeld. Dann ein Marschlied, wie es die Soldaten singen,

wann sie heimziehen vom Exerzierplatz. Da hörten die Gesellen in den

Werkstätten auf zu hämmern, und den Mägden, die am Spültrog standen

oder die Straße kehrten, schwellte sich die Brust. Denn mit dem Lied

zogen ganze Regimenter an ihnen vorbei, junge, starke Burschen, so

recht aus dem Vollen. Der Oberlehrer Hölzle in der Knabenvolksschule

ging von Fenster zu Fenster und schloß alle Flügel. Denn nun schallte

das dritte Lied herauf: »Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs

Pferd.« Und in der Schule wollte mit einem Mal alles jung werden.

Was Geographie von Hindostan! Was Stromgebiet des Ganges! »Ins Feld,

in die Freiheit gezogen.« Die Buben rutschten hin und her und hatten

nicht übel Lust, auszubrechen. Es war auch solch eine starke, frische

Frühlingsluft draußen. Darum schloß Herr Hölzle die Fenster. Denn er

dachte, daß fern von der Versuchung, fern von der Übertretung sei. Und

dann fuhr er fort, von der Höhe des Himalaja zu sprechen. Gegenüber war

die Lateinschule. Da bog sich ein grauer Kopf aus dem Fenster und ein

heiteres Gesicht sah auf den Markt hinunter, wo der alte Kriegsmann

seine Orgel drehte und ein immer feurigeres Tempo anschlug. Denn

er war jetzt von einer ganzen Schar umgeben. Aus allen Häusern und

Höfen und Nebengäßchen quoll es von Kindern, solchen, die noch in dem

glücklichen, freien Alter standen. Sie drängten sich um ihn und als er

weiter ging, die Hauptstraße entlang, schwärmten sie mit, stolpernd und

keuchend vor Eifer, ihm ganz nah zu sein, und traten einander auf die

Schuhbänder, bis einige fielen, und die Mütter hintendrein rannten, um

ihre Sprößlinge unter ihre Augen zurückzuholen.

Da gab die Oper Martha noch das vierte Lied her: »Ach, so fromm, ach,

so traut«. Das schmolz nur so hin. Und die Amtsdienersfrau Ramsler

putzte ihrem Jüngsten das Näschen mit der Schürze und schneuzte

hernach sich selbst in Rührung. Denn das Lied hatte sie einst in einem

Biergarten gehört, in Blechmusik, damals, als sie mit ihrem Ramsler

versprochen war, und es war schön gewesen damals.

Als der Rektor Cabisius das noch mit angesehen hatte, trat er vom

Fenster zurück zu seinen Lateinern.

Er hatte vorhin seine Enkelin unter der horchenden Jugend entdeckt.

Sie war mit großen Augen in dem Schwarm gestanden, die Hände auf dem

Rücken, und hatte den Tönen nachgespürt, wie sie so unbegreiflich aus

dem braunen Kasten kamen, eine Welle nach der andern. Da hatte er ihr

zugerufen; es war ein gutes Stück vom Hause weg: »Verlauf' dich nicht,

Gertrud, hörst du?« Und sie hatte, wie erwachend, zu ihm hinaufgesehen

und dann lachend den Kopf geschüttelt. »Verlaufen? Nein, nur noch ein

Stückchen mit dem Mann.«

Da war er zufrieden gewesen. Sie war fünf Jahre alt damals, und ein

festes, stämmiges, kleines Mädchen. Sie stand so wacker unter all'

den andern. Das freute ihn. Er dachte nicht, daß seine Frau unter der

Haustür stehe und mit der Hand über den Augen Ausschau halte, bis das

Kind sein Geldstück abgegeben habe und wieder komme, um dann, »als

ein nettes Kind« im Garten zu spielen. Er war so sorglos. Es fiel ihm

gar nicht ein, eine Topfpflanze aus dem Kind zu machen, und es wurde

denn auch keine, obgleich die Großmutter hie und da einen Anlauf nahm,

wenigstens ein Honoratiorenkind zu erziehen.

Die Drehorgel tönte ferner und ferner. Es hatten sich nur wenige

Leute im Städtchen über die Musik, die sie hervorbrachte, geärgert,

und diese Wenigen konnten nun aufatmen. Die andern, die sich gefreut

hatten, nahmen ihre Arbeit wieder auf, und da und dort ging einem

und dem andern noch eine der Melodien durch den Kopf. Draußen auf

einem Grasrain setzte sich der Invalide nieder und begann das Geld,

das in seiner Mütze lag, zu zählen. Da standen noch zwei Kinder vor

ihm. Sie waren, jedes für sich, nicht bewußt miteinander, hinter ihm

hergegangen, bis er hier anhielt. Das eine war ein Bub. Er hatte ein

blasses, sommersprossiges Gesicht und ernsthafte Augen, die auf den

Orgelkasten blickten, als könnten sie etwas aus ihm herausholen. »Ist

es jetzt ganz aus? Ist nichts mehr da drin?«, fragte er und machte ein

sehnsüchtiges Gesicht. Der Invalide lachte. »Hast du etwas?« fragte er

zurück. »Es ist schon noch etwas drin, aber nicht für nichts. Hast du

Geld?« Da schoß dem Buben das Blut ins Gesicht vor hilfloser Scham.

Er wendete sich ab und suchte in seinen Taschen. Da kamen ein paar

alte Brotrinden hervor, ein Stück Bindfaden und ein Stück farbiges

Glas. Das Glas hielt er zögernd hin, ohne etwas zu sagen; vielleicht

fand es Gnade vor dem Orgelmann, wann er es sah. Der lachte noch viel

lauter. »Ha, ha,« lachte er, »damit willst du mich wohl bezahlen? du

Knirps! ha, ha, das ist gut. Du, das kann man nicht essen, das Glas.«

Da kamen dem Buben die Tränen. Er schämte sich so sehr und hätte so

gerne noch etwas Musik gehört. Ganz voll Wasser standen seine Augen;

da fuhr er sich mit dem Ärmel darüber und schluckte und schluckte. Das

kleine Mädchen, das daneben stand, sah es. Es war auf eigene Faust

hier heraus gekommen. Aber nun war es plötzlich ganz lebendig dabei.

»Warum lachst du so, Mann?« fragte es zornig. »Jetzt weint er, siehst

du's? Da, so nimm das Bildchen, es ist eine Rose drauf. Jetzt mach'

Musik, du mußt nur da herumdrehen, ich habs gut gesehen.« Der Junge

sah mit Staunen auf die Beschützerin, die ihm so unverhofft erwachsen

war. Sie war nicht größer als er, aber viel kecker, so wie Kinder sind,

deren fröhliche Zuversicht noch nirgends schmerzhaft beschnitten und

zur Schüchternheit herabgedämpft ist. Da kam wieder ein wenig Lebensmut

in seine Augen. Der Invalid lachte, daß es dröhnte. Aber es war ein

wohlgefälliges Lachen. Mit der Faust schlug er auf die Drehorgel, da

erhob sich ein leises Schwirren und Klingen darin. »Friß mich nicht,

Kleines,« sagte er. »Ich werd' doch noch lachen dürfen. Wenn man bloß

noch einen Arm hat und sich sein bißchen Notdurft muß zusammendudeln,

und soll nicht einmal lachen dürfen. Was hat man denn sonst, he? Das

sag' mir.«

Sie sah ihn groß an. Einer, der solche Musik machen konnte, und fragte

so. »Wo ist dein anderer Arm?« fragte sie. »Laß einmal sehen, unter dem

Kittel.«

»Der? liegt in Frankreich begraben,« sagte er. »Dort liegt er und ich

plage mich hier herum mit dem einen. Wenn das nicht zum Lachen ist, was

denn sonst? Den hat mir eine Kugel weggerissen. Aber davon versteht

ihr nichts. Oder, versteht ihr das, warum die Leute einander die Arme

wegschießen und die Füße, und einander totschießen? Ich meine, Leute,

die gar nichts von einander wissen, bloß so von Weitem her; bloß weil

ihnen das einer befiehlt? He, versteht ihr das?«

Nein, das verstanden sie nicht. Musik wollten sie hören; das andere,

das war ihnen eine dunkle Sache. Arme und Beine wegschießen? Sie waren

noch nicht sehr lang in der Gegend, das will sagen, auf der Welt. Es

war da noch sehr viel Fremdes, das sie noch nicht kannten.

»Ja so,« sagte der Invalide. »Ja so, ja, ihr krieget noch ein Lied

da heraus; heißt das, das Mädel kriegt eins. Du kannst dich in ein

Mausloch hinein schämen, Bub, daß du dich hinstellst und heulst. So,

angefangen. Aufgepaßt.«

Da drehte er seinen Handgriff herum und drehte ein Lied heraus. Noch

eins. »So, das gefällt euch wohl?« sagte er, als die Beiden horchten,

wie die Mäuse. Sie nickten nur. Es war wohl jetzt unwiderbringlich zu

Ende? Denn der Invalide stand auf und hängte sich seinen Kasten um.

»Da müßt ihr eben sehen, daß ihrs auch einmal so weit bringet, als

ich,« sagte er. »Das ist ein feines Leben, das könnt ihr glauben. Seht

ihrs, ich habe die Taschen voll Brot. Was will man mehr? So weit könnt

ihrs auch bringen.«

»Wir haben daheim den ganzen Laden voll Brot und Wecken,« sagte der

Bub, »und noch Feinbackwerk, so viel, daß mans gar nicht zählen kann.«

Er hatte einen gewaltigen Anlauf dazu genommen, um auch etwas Rechtes

zu sagen; da schoß er übers Ziel hinaus und protzte. Das hatte er nicht

beabsichtigt.

»Aber ich will auch Musik machen, wann ich groß bin, und dann mach ich

so viel Musik, den ganzen Tag, und hör' nicht immer gleich auf, wie

du. Bis ich genug habe, so lang spiel' ich.« Da wurde er wieder rot.

Denn der Orgelmann sah ihn so spöttisch an, daß er in seine vorige

Verlegenheit zurückfiel.

»So,« sagte er. »Aha. Da ißt du dich zuerst dicksatt und dann, wenn du

noch kannst, dann kommt die Musik dran. Aha. Da setzst du dich wohl an

den Backofen dazu? Bis du genug hast, so lang tust du das alles? Du

Teigprotz.«

Ganz erstaunt sahen ihn die Kinder an. Da kam solch ein verbissener

Grimm heraus. Sie faßten einander an der Hand. Sie verstanden nicht,

daß behagliche Sattheit und ein geruhlicher Sitz in der Ofenwärme dem

landfahrenden Mann ein Paradies war, in das er nie gelangen konnte,

und daß seine Grobheit unwillige Bewunderung des Versagten sei. Es

paßte nicht zu dem lustigen Gesicht, das der Invalid den ganzen Morgen

gemacht hatte. Es war wie einer der schrillen, gellenden Nebenaustöne,

die seine Orgel oft mitten in eine heitere Melodie hineinwarf. Aber

die Kinder verstanden diesen Ton aus einer fremden, düsteren Welt

nicht. Sie kehrten still um und ließen ihre Hände ineinander und sahen

sich nur noch einmal schüchtern nach dem Mann um, wie er davonstapfte

zwischen den hellbegrünten Hecken und immer noch den Kopf schüttelte

und einmal mit dem Fuß aufstieß, daß der Kasten schütterte.

»So, jetzt laß ihn,« sagte Gertrud, da der Bub blaß und still neben ihr

hertrottete. »Jetzt gehen wir heim; meine Großmutter wartet. Hast du

auch eine Großmutter? Dann sagst du's ihr, das von dem Mann.«

»Nein,« sagte er; »eine Großmutter? Nein.«

Er war kein Prahlhans. Es war ein schüchternes Kind, und hatte allen

Mut zusammengenommen, um sich auch an der Unterhaltung zu beteiligen.

Die Musik und das kecke kleine Mädchen hatten ihn so kühn gemacht. Nun

war er gewaltig aus dem Sattel geworfen.

»Aber einen Großvater, das hast du doch?« sagte Gertrud. Sie sagte es

sehr eindringlich, denn es war ihr unbehaglich, zu fühlen, daß solch

etwas durchaus Nötiges in irgend einem Leben fehle.

»Nein,« sagte der Bub noch einmal. »Einmal, da habe ich einen

gehabt, aber das ist schon lang. Da war ich noch ganz klein. Der ist

gestorben.« Es war eine durchaus kühle Mitteilung.

»Hm,« sagte Gertrud, (das hatte sie von dem Rektor Cabisius

aufgeschnappt), »gerade wie mein Vater und meine Mutter. Die sind auch

gestorben, wie ich noch klein war. Sie sind im Himmel. Meine Großmutter

hat's gesagt.«

Und auch das war ohne Trauer ausgesprochen. Es fehlten zwei gute,

starke Ringe an der Kette, die das Kind mit dem Leben verband. Aber es

war darum nicht in steuerlosem Nachen auf der See, es war nur um so

fester an das vorige Glied angebunden.

Die zwei Alten standen unter der Gartentür, als die Kinder herankamen,

denn der Rektor war inzwischen aus der Schule heimgekommen, und nun

mußte er mitanhören, daß das Kind anfange, auszureißen und daß er wohl

ein wenig Schuld daran sei. Das Keckliche, Ungebundene, sagte die

Großmutter, das habe es von ihm. Und er ließ das über sich ergehen mit

seinem guten, stillen Lächeln. Da kam die Erwartete um die Ecke und

zog den kleinen Buben mit sich. »Großvater,« sagte sie, »du mußt ihm

auch noch Musik machen, noch schönere, als der Orgelmann. Er hat keinen

Großvater und niemand.«

»Was?« sagte der Rektor, »niemand? Bist du nicht ein kleiner

Ehrensperger? Gehörst du nicht dem Bäcker drüben am Marktplatz? Was

faselst du da, Gertrud?«

Da trat seine Frau dazwischen. »Nein, laß nur, Mann,« sagte sie, und

war ganz Güte und Mütterlichkeit, »es ist doch ein armes Kind, das weiß

ich. Er hat eine Mutter und doch keine. Er hat nicht umsonst solch ein

freudloses Gesicht.«

Wißt ihr, wie das ist mit der Liebe? Das ist wie mit dem Apfelbaum

im Garten der Frau Holle, der stand und rief: »Pflücke mich, pflücke

mich, meine Äpfel sind alle miteinander reif,« und als das Kind kam und

anstieß, da rollte ihm der schwere Segen in den Schoß.

So schwer von Reichtum und Früchtesegen steht ein liebereiches Herz,

und wartet, ob nicht irgend eine Leere sei, in die es seine Fülle

gießen könne, und ist noch dankbar und froh, daß es wieder Raum

gewinnt zu neuen Trieben. Sie hatten schon so vieles aus ihrem Leben

hingegeben, das sich hatte von ihnen lieben lassen, die beiden alten,

jungen Leute. Und da noch quellendes Leben in ihnen war, das lieben

mußte, so kam das den anderen zugute.

Ich will nicht hoffen, daß irgend jemand absprechend den Kopf

schüttelt, wann von dem warmen, weiten Herzen der Frau Rektorin die

Rede ist. Etwa, weil er ihr den kleinen Hochmutsanfall vom vorigen

Kapitel stark ins Wachs gedrückt hat. Trug nicht der große, alte

Zwetschgenbaum in meiner Großmutter Garten alljährlich außer den

süßen Früchten eine Anzahl aus der Art geschlagener merkwürdiger

Knorpeln, die wir »Zwetschgennarren« nannten? Und verspeisten wir

diese säuerlichen Dinger nicht mit besonderem Behagen als eine heitere

Merkwürdigkeit des Alten, um uns nachher mit umso größerer Lust an die

Erzeugnisse seiner besten, süßesten Säfte zu machen?

Lächelte nicht ihr Gemahl selbst sein helles, humorvolles Lächeln zu

ihren kleinen Schwächen? Und traute er ihr nicht darum doch das Beste,

Reichste zu, das in dem fruchtbaren Boden eines liebreichen Herzens

gedeihen kann?

Er aber mußte es doch wohl wissen.

So wunderte er sich denn auch gar nicht, daß sie den kleinen Georg von

diesem Tag an ins Herz schloß, und ihm eine Heimat darin schuf. Das

begab sich ganz von selbst, es war weiter nicht die Rede davon. Sie

hätte sich das Kind nicht ins Haus geholt. Sie wäre nicht hingegangen

und hätte gesagt: »So und so. Ich weiß wohl, daß Sie das Unglück haben

mit der kranken Frau, Herr Ehrensperger. Schicken Sie mir die Kinder,

oder wenigsten den Kleinen, den Georg. Man muß einander beistehen,

das ist Christenpflicht.« Das hätte sie nicht getan. Aber als der

ernsthafte Bub' so unter ihrer Gartentür stand an Gertruds Hand, und

nicht recht Leben zeigte, da nahm sie ihn mit hinein. Natürlich. Was

denn weiter?

»Der Drehorgelmann hat wahrscheinlich Hunger gehabt, ihr Lämmer,«

sagte sie, »nicht nach alten Brotrinden, die in seiner Tasche waren,

sondern nach etwas Besserem, das ihr noch nicht so versteht; da hat

er denn so ein wenig gepoltert. Wenn die Leute Hunger haben, darf man

ihnen nichts übel nehmen.« Die Beiden saßen hinter dem Tisch und bissen

tief in dickgestrichene Gesälzbrote und nickten einander mit blaurot

verschmierten Gesichtern zu, und waren geborgen in einem Hafen, in den

weder der eine noch der andere Hunger Zutritt hatte.

Die Alten aber ließen mit Vergnügen ihre reifen Äpfel von den Zweigen

fallen. »So, du möchtest gern noch mehr hören, Bub'?« sagte der

Rektor. »Das kann wohl sein.« Und ging ans Klavier und ließ die Saiten

tönen. »Ich hatt' einen Kameraden,« spielte er, und behielt dazu die

Pfeife zwischen den Zähnen und sah sich drunterhinein nach den Kindern

um. »Noch eins, Großvater,« sagte Gertrud. Da spielte er ein altes

Studentenlied: »Es hatten drei Gesellen ein fein Kollegium.« Und es kam

ihn an, daß er die Pfeife neben sich legte und dazu sang.

»Aber Mann,« sagte seine Frau. »Ist das auch ein Kinderlied?« Nein, so

eigentlich nicht, gab er zu, aber sie hätten doch ihr helles Vergnügen

daran gehabt, und ob das nicht genug auf einmal sei?

Sie kam mit Wasser und Schwamm und wusch ihnen die Gesichter ab. Und

konnte es nicht lassen, den kleinen Buben in die Backe zu kneifen und

nachher sänftigend darüber zu streichen. Es war ihr darum, ihm einen

Kuß in sein ernsthaftes Gesicht hinein zu geben. Aber den hielt sie

noch zurück. Sie wollte ihn nicht scheu machen. Das Kneifen tat auch

heute denselben Dienst.

Es fing etwas an, in dem Kinderherzen auseinanderzugehen. Es war, wie

wenn sich ein grünes Blättlein in der Sonne auseinanderwickelt.

Da war früher einmal, als Georg noch auf ungeschickten Füßen von

einem Stuhl zum andern trippelte, eine Frau gewesen, die hatte ihn

auch gewaschen und auch, -- in die Backe gekniffen hatte sie ihn wohl

nicht, aber ähnlich mußte es doch gewesen sein. Sie hatte später viel

geweint. Es war einmal ein kleines Kindlein dagewesen, das war durch

irgend einen Unfall bald wieder gestorben, und sie hatte sich ja wohl

die Schuld daran zugemessen und hatte Tag und Nacht geweint. Es war

oft laut dabei zugegangen. Das lag alles noch in unklaren Umrissen

in dem Gedächtnis des kleinen Buben. Dann war sie eines Tages nicht

mehr dagewesen. Das sei die Mutter, sagte Franz, der wußte es noch

besser, der war zwei Jahre älter. Dem sagten es auch die Mägde genau.

Sie sei hintersinnig geworden, sagten sie, und das sei schlimmer

als tot und werde nie mehr anders. Denn sonst könnten sie eine neue

Mutter bekommen und damit sei nun nichts. Der Vater sprach nie davon.

Er sprach überhaupt selten etwas mit Georg, er wußte nichts mit dem

stillen Kind anzufangen. Er tat ihm weder wohl noch weh. Nun war

Jungfer Liese da, erst seit kurzem. Die sprach viel und hatte viel an

ihm zu hantieren, zu putzen, zu flicken, zu erziehen. Sie hatte sich

sozusagen mit aufgestülpten Ärmeln an ihre Aufgabe gemacht. Aber das

ließ er so über sich ergehen. Seine Seele, die lag wohl noch in der

Knospe, die regte sich nur so hie und da ein wenig. Aber jetzt, heute.

Es war ihm so wunderlich zu Mute. Er mochte sich nicht rühren. Es war,

als ob sonst alles aus wäre. Darum blieb er ruhig sitzen, bis irgendwo

eine Glocke läutete und der Rektor sagte, daß das die Betglocke sei und

daß er jetzt nach Haus gehen müsse. »Ja, und morgen kommst du wieder,«

sagte Gertrud, »und morgen komm' ich wieder,« sagte Georg, und der

Rektor setzte auf dieses Versprechen einen ungeheuren Handschlag. Einen

Handschlag, der an Kraft und Wärme alles übertraf, was Georg in den

sechs Jahren seines Lebens in dieser Art kennen gelernt hatte und dem

er seine kleine, braune Bubenhand und sein ganzes erwachende Ich ohne

Widerstand auslieferte.

Alle guten Geister...: Roman · 第 9 / 53 题