So hatte Georgs und Gertruds Freundschaft angefangen; das lag ein paar
Jahre zurück.
Es war ein Drehorgelmann durchs Städtchen gezogen, ein alter Invalid
mit einem lustig zwinkernden Gesicht und einem großen, roten
Schnauzbart. Der rechte Ärmel hing ihm schlaff herunter, die Orgel
trug er an einem Riemen, der über die Achsel ging; mit der linken Hand
drehte er die Kurbel herum, da kamen die Lieder aus dem Kasten heraus,
eins ums andere. Es waren deren vier. Ein Choral; da horchten die alten
Leute auf und die ganz einfachen, frommen Gemüter. Sie unterbrachen
ihre Hantierung, legten den schrillen, gellenden Tönen den Text unter,
den sie aus dem Gesangbuch kannten und nickten beifällig. Und die alten
Weiblein, die unter den knospenden Akazienbäumen des Marktplatzes ihre
Enkel hüteten, summten mit, und suchten in der Rocktasche nach einem
Stück Kupfergeld. Dann ein Marschlied, wie es die Soldaten singen,
wann sie heimziehen vom Exerzierplatz. Da hörten die Gesellen in den
Werkstätten auf zu hämmern, und den Mägden, die am Spültrog standen
oder die Straße kehrten, schwellte sich die Brust. Denn mit dem Lied
zogen ganze Regimenter an ihnen vorbei, junge, starke Burschen, so
recht aus dem Vollen. Der Oberlehrer Hölzle in der Knabenvolksschule
ging von Fenster zu Fenster und schloß alle Flügel. Denn nun schallte
das dritte Lied herauf: »Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs
Pferd.« Und in der Schule wollte mit einem Mal alles jung werden.
Was Geographie von Hindostan! Was Stromgebiet des Ganges! »Ins Feld,
in die Freiheit gezogen.« Die Buben rutschten hin und her und hatten
nicht übel Lust, auszubrechen. Es war auch solch eine starke, frische
Frühlingsluft draußen. Darum schloß Herr Hölzle die Fenster. Denn er
dachte, daß fern von der Versuchung, fern von der Übertretung sei. Und
dann fuhr er fort, von der Höhe des Himalaja zu sprechen. Gegenüber war
die Lateinschule. Da bog sich ein grauer Kopf aus dem Fenster und ein
heiteres Gesicht sah auf den Markt hinunter, wo der alte Kriegsmann
seine Orgel drehte und ein immer feurigeres Tempo anschlug. Denn
er war jetzt von einer ganzen Schar umgeben. Aus allen Häusern und
Höfen und Nebengäßchen quoll es von Kindern, solchen, die noch in dem
glücklichen, freien Alter standen. Sie drängten sich um ihn und als er
weiter ging, die Hauptstraße entlang, schwärmten sie mit, stolpernd und
keuchend vor Eifer, ihm ganz nah zu sein, und traten einander auf die
Schuhbänder, bis einige fielen, und die Mütter hintendrein rannten, um
ihre Sprößlinge unter ihre Augen zurückzuholen.
Da gab die Oper Martha noch das vierte Lied her: »Ach, so fromm, ach,
so traut«. Das schmolz nur so hin. Und die Amtsdienersfrau Ramsler
putzte ihrem Jüngsten das Näschen mit der Schürze und schneuzte
hernach sich selbst in Rührung. Denn das Lied hatte sie einst in einem
Biergarten gehört, in Blechmusik, damals, als sie mit ihrem Ramsler
versprochen war, und es war schön gewesen damals.
Als der Rektor Cabisius das noch mit angesehen hatte, trat er vom
Fenster zurück zu seinen Lateinern.
Er hatte vorhin seine Enkelin unter der horchenden Jugend entdeckt.
Sie war mit großen Augen in dem Schwarm gestanden, die Hände auf dem
Rücken, und hatte den Tönen nachgespürt, wie sie so unbegreiflich aus
dem braunen Kasten kamen, eine Welle nach der andern. Da hatte er ihr
zugerufen; es war ein gutes Stück vom Hause weg: »Verlauf' dich nicht,
Gertrud, hörst du?« Und sie hatte, wie erwachend, zu ihm hinaufgesehen
und dann lachend den Kopf geschüttelt. »Verlaufen? Nein, nur noch ein
Stückchen mit dem Mann.«
Da war er zufrieden gewesen. Sie war fünf Jahre alt damals, und ein
festes, stämmiges, kleines Mädchen. Sie stand so wacker unter all'
den andern. Das freute ihn. Er dachte nicht, daß seine Frau unter der
Haustür stehe und mit der Hand über den Augen Ausschau halte, bis das
Kind sein Geldstück abgegeben habe und wieder komme, um dann, »als
ein nettes Kind« im Garten zu spielen. Er war so sorglos. Es fiel ihm
gar nicht ein, eine Topfpflanze aus dem Kind zu machen, und es wurde
denn auch keine, obgleich die Großmutter hie und da einen Anlauf nahm,
wenigstens ein Honoratiorenkind zu erziehen.
Die Drehorgel tönte ferner und ferner. Es hatten sich nur wenige
Leute im Städtchen über die Musik, die sie hervorbrachte, geärgert,
und diese Wenigen konnten nun aufatmen. Die andern, die sich gefreut
hatten, nahmen ihre Arbeit wieder auf, und da und dort ging einem
und dem andern noch eine der Melodien durch den Kopf. Draußen auf
einem Grasrain setzte sich der Invalide nieder und begann das Geld,
das in seiner Mütze lag, zu zählen. Da standen noch zwei Kinder vor
ihm. Sie waren, jedes für sich, nicht bewußt miteinander, hinter ihm
hergegangen, bis er hier anhielt. Das eine war ein Bub. Er hatte ein
blasses, sommersprossiges Gesicht und ernsthafte Augen, die auf den
Orgelkasten blickten, als könnten sie etwas aus ihm herausholen. »Ist
es jetzt ganz aus? Ist nichts mehr da drin?«, fragte er und machte ein
sehnsüchtiges Gesicht. Der Invalide lachte. »Hast du etwas?« fragte er
zurück. »Es ist schon noch etwas drin, aber nicht für nichts. Hast du
Geld?« Da schoß dem Buben das Blut ins Gesicht vor hilfloser Scham.
Er wendete sich ab und suchte in seinen Taschen. Da kamen ein paar
alte Brotrinden hervor, ein Stück Bindfaden und ein Stück farbiges
Glas. Das Glas hielt er zögernd hin, ohne etwas zu sagen; vielleicht
fand es Gnade vor dem Orgelmann, wann er es sah. Der lachte noch viel
lauter. »Ha, ha,« lachte er, »damit willst du mich wohl bezahlen? du
Knirps! ha, ha, das ist gut. Du, das kann man nicht essen, das Glas.«
Da kamen dem Buben die Tränen. Er schämte sich so sehr und hätte so
gerne noch etwas Musik gehört. Ganz voll Wasser standen seine Augen;
da fuhr er sich mit dem Ärmel darüber und schluckte und schluckte. Das
kleine Mädchen, das daneben stand, sah es. Es war auf eigene Faust
hier heraus gekommen. Aber nun war es plötzlich ganz lebendig dabei.
»Warum lachst du so, Mann?« fragte es zornig. »Jetzt weint er, siehst
du's? Da, so nimm das Bildchen, es ist eine Rose drauf. Jetzt mach'
Musik, du mußt nur da herumdrehen, ich habs gut gesehen.« Der Junge
sah mit Staunen auf die Beschützerin, die ihm so unverhofft erwachsen
war. Sie war nicht größer als er, aber viel kecker, so wie Kinder sind,
deren fröhliche Zuversicht noch nirgends schmerzhaft beschnitten und
zur Schüchternheit herabgedämpft ist. Da kam wieder ein wenig Lebensmut
in seine Augen. Der Invalid lachte, daß es dröhnte. Aber es war ein
wohlgefälliges Lachen. Mit der Faust schlug er auf die Drehorgel, da
erhob sich ein leises Schwirren und Klingen darin. »Friß mich nicht,
Kleines,« sagte er. »Ich werd' doch noch lachen dürfen. Wenn man bloß
noch einen Arm hat und sich sein bißchen Notdurft muß zusammendudeln,
und soll nicht einmal lachen dürfen. Was hat man denn sonst, he? Das
sag' mir.«
Sie sah ihn groß an. Einer, der solche Musik machen konnte, und fragte
so. »Wo ist dein anderer Arm?« fragte sie. »Laß einmal sehen, unter dem
Kittel.«
»Der? liegt in Frankreich begraben,« sagte er. »Dort liegt er und ich
plage mich hier herum mit dem einen. Wenn das nicht zum Lachen ist, was
denn sonst? Den hat mir eine Kugel weggerissen. Aber davon versteht
ihr nichts. Oder, versteht ihr das, warum die Leute einander die Arme
wegschießen und die Füße, und einander totschießen? Ich meine, Leute,
die gar nichts von einander wissen, bloß so von Weitem her; bloß weil
ihnen das einer befiehlt? He, versteht ihr das?«
Nein, das verstanden sie nicht. Musik wollten sie hören; das andere,
das war ihnen eine dunkle Sache. Arme und Beine wegschießen? Sie waren
noch nicht sehr lang in der Gegend, das will sagen, auf der Welt. Es
war da noch sehr viel Fremdes, das sie noch nicht kannten.
»Ja so,« sagte der Invalide. »Ja so, ja, ihr krieget noch ein Lied
da heraus; heißt das, das Mädel kriegt eins. Du kannst dich in ein
Mausloch hinein schämen, Bub, daß du dich hinstellst und heulst. So,
angefangen. Aufgepaßt.«
Da drehte er seinen Handgriff herum und drehte ein Lied heraus. Noch
eins. »So, das gefällt euch wohl?« sagte er, als die Beiden horchten,
wie die Mäuse. Sie nickten nur. Es war wohl jetzt unwiderbringlich zu
Ende? Denn der Invalide stand auf und hängte sich seinen Kasten um.
»Da müßt ihr eben sehen, daß ihrs auch einmal so weit bringet, als
ich,« sagte er. »Das ist ein feines Leben, das könnt ihr glauben. Seht
ihrs, ich habe die Taschen voll Brot. Was will man mehr? So weit könnt
ihrs auch bringen.«
»Wir haben daheim den ganzen Laden voll Brot und Wecken,« sagte der
Bub, »und noch Feinbackwerk, so viel, daß mans gar nicht zählen kann.«
Er hatte einen gewaltigen Anlauf dazu genommen, um auch etwas Rechtes
zu sagen; da schoß er übers Ziel hinaus und protzte. Das hatte er nicht
beabsichtigt.
»Aber ich will auch Musik machen, wann ich groß bin, und dann mach ich
so viel Musik, den ganzen Tag, und hör' nicht immer gleich auf, wie
du. Bis ich genug habe, so lang spiel' ich.« Da wurde er wieder rot.
Denn der Orgelmann sah ihn so spöttisch an, daß er in seine vorige
Verlegenheit zurückfiel.
»So,« sagte er. »Aha. Da ißt du dich zuerst dicksatt und dann, wenn du
noch kannst, dann kommt die Musik dran. Aha. Da setzst du dich wohl an
den Backofen dazu? Bis du genug hast, so lang tust du das alles? Du
Teigprotz.«
Ganz erstaunt sahen ihn die Kinder an. Da kam solch ein verbissener
Grimm heraus. Sie faßten einander an der Hand. Sie verstanden nicht,
daß behagliche Sattheit und ein geruhlicher Sitz in der Ofenwärme dem
landfahrenden Mann ein Paradies war, in das er nie gelangen konnte,
und daß seine Grobheit unwillige Bewunderung des Versagten sei. Es
paßte nicht zu dem lustigen Gesicht, das der Invalid den ganzen Morgen
gemacht hatte. Es war wie einer der schrillen, gellenden Nebenaustöne,
die seine Orgel oft mitten in eine heitere Melodie hineinwarf. Aber
die Kinder verstanden diesen Ton aus einer fremden, düsteren Welt
nicht. Sie kehrten still um und ließen ihre Hände ineinander und sahen
sich nur noch einmal schüchtern nach dem Mann um, wie er davonstapfte
zwischen den hellbegrünten Hecken und immer noch den Kopf schüttelte
und einmal mit dem Fuß aufstieß, daß der Kasten schütterte.
»So, jetzt laß ihn,« sagte Gertrud, da der Bub blaß und still neben ihr
hertrottete. »Jetzt gehen wir heim; meine Großmutter wartet. Hast du
auch eine Großmutter? Dann sagst du's ihr, das von dem Mann.«
»Nein,« sagte er; »eine Großmutter? Nein.«
Er war kein Prahlhans. Es war ein schüchternes Kind, und hatte allen
Mut zusammengenommen, um sich auch an der Unterhaltung zu beteiligen.
Die Musik und das kecke kleine Mädchen hatten ihn so kühn gemacht. Nun
war er gewaltig aus dem Sattel geworfen.
»Aber einen Großvater, das hast du doch?« sagte Gertrud. Sie sagte es
sehr eindringlich, denn es war ihr unbehaglich, zu fühlen, daß solch
etwas durchaus Nötiges in irgend einem Leben fehle.
»Nein,« sagte der Bub noch einmal. »Einmal, da habe ich einen
gehabt, aber das ist schon lang. Da war ich noch ganz klein. Der ist
gestorben.« Es war eine durchaus kühle Mitteilung.
»Hm,« sagte Gertrud, (das hatte sie von dem Rektor Cabisius
aufgeschnappt), »gerade wie mein Vater und meine Mutter. Die sind auch
gestorben, wie ich noch klein war. Sie sind im Himmel. Meine Großmutter
hat's gesagt.«
Und auch das war ohne Trauer ausgesprochen. Es fehlten zwei gute,
starke Ringe an der Kette, die das Kind mit dem Leben verband. Aber es
war darum nicht in steuerlosem Nachen auf der See, es war nur um so
fester an das vorige Glied angebunden.
Die zwei Alten standen unter der Gartentür, als die Kinder herankamen,
denn der Rektor war inzwischen aus der Schule heimgekommen, und nun
mußte er mitanhören, daß das Kind anfange, auszureißen und daß er wohl
ein wenig Schuld daran sei. Das Keckliche, Ungebundene, sagte die
Großmutter, das habe es von ihm. Und er ließ das über sich ergehen mit
seinem guten, stillen Lächeln. Da kam die Erwartete um die Ecke und
zog den kleinen Buben mit sich. »Großvater,« sagte sie, »du mußt ihm
auch noch Musik machen, noch schönere, als der Orgelmann. Er hat keinen
Großvater und niemand.«
»Was?« sagte der Rektor, »niemand? Bist du nicht ein kleiner
Ehrensperger? Gehörst du nicht dem Bäcker drüben am Marktplatz? Was
faselst du da, Gertrud?«
Da trat seine Frau dazwischen. »Nein, laß nur, Mann,« sagte sie, und
war ganz Güte und Mütterlichkeit, »es ist doch ein armes Kind, das weiß
ich. Er hat eine Mutter und doch keine. Er hat nicht umsonst solch ein
freudloses Gesicht.«
Wißt ihr, wie das ist mit der Liebe? Das ist wie mit dem Apfelbaum
im Garten der Frau Holle, der stand und rief: »Pflücke mich, pflücke
mich, meine Äpfel sind alle miteinander reif,« und als das Kind kam und
anstieß, da rollte ihm der schwere Segen in den Schoß.
So schwer von Reichtum und Früchtesegen steht ein liebereiches Herz,
und wartet, ob nicht irgend eine Leere sei, in die es seine Fülle
gießen könne, und ist noch dankbar und froh, daß es wieder Raum
gewinnt zu neuen Trieben. Sie hatten schon so vieles aus ihrem Leben
hingegeben, das sich hatte von ihnen lieben lassen, die beiden alten,
jungen Leute. Und da noch quellendes Leben in ihnen war, das lieben
mußte, so kam das den anderen zugute.
Ich will nicht hoffen, daß irgend jemand absprechend den Kopf
schüttelt, wann von dem warmen, weiten Herzen der Frau Rektorin die
Rede ist. Etwa, weil er ihr den kleinen Hochmutsanfall vom vorigen
Kapitel stark ins Wachs gedrückt hat. Trug nicht der große, alte
Zwetschgenbaum in meiner Großmutter Garten alljährlich außer den
süßen Früchten eine Anzahl aus der Art geschlagener merkwürdiger
Knorpeln, die wir »Zwetschgennarren« nannten? Und verspeisten wir
diese säuerlichen Dinger nicht mit besonderem Behagen als eine heitere
Merkwürdigkeit des Alten, um uns nachher mit umso größerer Lust an die
Erzeugnisse seiner besten, süßesten Säfte zu machen?
Lächelte nicht ihr Gemahl selbst sein helles, humorvolles Lächeln zu
ihren kleinen Schwächen? Und traute er ihr nicht darum doch das Beste,
Reichste zu, das in dem fruchtbaren Boden eines liebreichen Herzens
gedeihen kann?
Er aber mußte es doch wohl wissen.
So wunderte er sich denn auch gar nicht, daß sie den kleinen Georg von
diesem Tag an ins Herz schloß, und ihm eine Heimat darin schuf. Das
begab sich ganz von selbst, es war weiter nicht die Rede davon. Sie
hätte sich das Kind nicht ins Haus geholt. Sie wäre nicht hingegangen
und hätte gesagt: »So und so. Ich weiß wohl, daß Sie das Unglück haben
mit der kranken Frau, Herr Ehrensperger. Schicken Sie mir die Kinder,
oder wenigsten den Kleinen, den Georg. Man muß einander beistehen,
das ist Christenpflicht.« Das hätte sie nicht getan. Aber als der
ernsthafte Bub' so unter ihrer Gartentür stand an Gertruds Hand, und
nicht recht Leben zeigte, da nahm sie ihn mit hinein. Natürlich. Was
denn weiter?
»Der Drehorgelmann hat wahrscheinlich Hunger gehabt, ihr Lämmer,«
sagte sie, »nicht nach alten Brotrinden, die in seiner Tasche waren,
sondern nach etwas Besserem, das ihr noch nicht so versteht; da hat
er denn so ein wenig gepoltert. Wenn die Leute Hunger haben, darf man
ihnen nichts übel nehmen.« Die Beiden saßen hinter dem Tisch und bissen
tief in dickgestrichene Gesälzbrote und nickten einander mit blaurot
verschmierten Gesichtern zu, und waren geborgen in einem Hafen, in den
weder der eine noch der andere Hunger Zutritt hatte.
Die Alten aber ließen mit Vergnügen ihre reifen Äpfel von den Zweigen
fallen. »So, du möchtest gern noch mehr hören, Bub'?« sagte der
Rektor. »Das kann wohl sein.« Und ging ans Klavier und ließ die Saiten
tönen. »Ich hatt' einen Kameraden,« spielte er, und behielt dazu die
Pfeife zwischen den Zähnen und sah sich drunterhinein nach den Kindern
um. »Noch eins, Großvater,« sagte Gertrud. Da spielte er ein altes
Studentenlied: »Es hatten drei Gesellen ein fein Kollegium.« Und es kam
ihn an, daß er die Pfeife neben sich legte und dazu sang.
»Aber Mann,« sagte seine Frau. »Ist das auch ein Kinderlied?« Nein, so
eigentlich nicht, gab er zu, aber sie hätten doch ihr helles Vergnügen
daran gehabt, und ob das nicht genug auf einmal sei?
Sie kam mit Wasser und Schwamm und wusch ihnen die Gesichter ab. Und
konnte es nicht lassen, den kleinen Buben in die Backe zu kneifen und
nachher sänftigend darüber zu streichen. Es war ihr darum, ihm einen
Kuß in sein ernsthaftes Gesicht hinein zu geben. Aber den hielt sie
noch zurück. Sie wollte ihn nicht scheu machen. Das Kneifen tat auch
heute denselben Dienst.
Es fing etwas an, in dem Kinderherzen auseinanderzugehen. Es war, wie
wenn sich ein grünes Blättlein in der Sonne auseinanderwickelt.
Da war früher einmal, als Georg noch auf ungeschickten Füßen von
einem Stuhl zum andern trippelte, eine Frau gewesen, die hatte ihn
auch gewaschen und auch, -- in die Backe gekniffen hatte sie ihn wohl
nicht, aber ähnlich mußte es doch gewesen sein. Sie hatte später viel
geweint. Es war einmal ein kleines Kindlein dagewesen, das war durch
irgend einen Unfall bald wieder gestorben, und sie hatte sich ja wohl
die Schuld daran zugemessen und hatte Tag und Nacht geweint. Es war
oft laut dabei zugegangen. Das lag alles noch in unklaren Umrissen
in dem Gedächtnis des kleinen Buben. Dann war sie eines Tages nicht
mehr dagewesen. Das sei die Mutter, sagte Franz, der wußte es noch
besser, der war zwei Jahre älter. Dem sagten es auch die Mägde genau.
Sie sei hintersinnig geworden, sagten sie, und das sei schlimmer
als tot und werde nie mehr anders. Denn sonst könnten sie eine neue
Mutter bekommen und damit sei nun nichts. Der Vater sprach nie davon.
Er sprach überhaupt selten etwas mit Georg, er wußte nichts mit dem
stillen Kind anzufangen. Er tat ihm weder wohl noch weh. Nun war
Jungfer Liese da, erst seit kurzem. Die sprach viel und hatte viel an
ihm zu hantieren, zu putzen, zu flicken, zu erziehen. Sie hatte sich
sozusagen mit aufgestülpten Ärmeln an ihre Aufgabe gemacht. Aber das
ließ er so über sich ergehen. Seine Seele, die lag wohl noch in der
Knospe, die regte sich nur so hie und da ein wenig. Aber jetzt, heute.
Es war ihm so wunderlich zu Mute. Er mochte sich nicht rühren. Es war,
als ob sonst alles aus wäre. Darum blieb er ruhig sitzen, bis irgendwo
eine Glocke läutete und der Rektor sagte, daß das die Betglocke sei und
daß er jetzt nach Haus gehen müsse. »Ja, und morgen kommst du wieder,«
sagte Gertrud, »und morgen komm' ich wieder,« sagte Georg, und der
Rektor setzte auf dieses Versprechen einen ungeheuren Handschlag. Einen
Handschlag, der an Kraft und Wärme alles übertraf, was Georg in den
sechs Jahren seines Lebens in dieser Art kennen gelernt hatte und dem
er seine kleine, braune Bubenhand und sein ganzes erwachende Ich ohne
Widerstand auslieferte.